Part 6
Zwei Wochen waren für Ilse in Hangen und Bangen verstrichen. Sie hatte sich bei ihren liebenswürdigen Freunden vollständig eingelebt, und Nellie hatte es verstanden, sie bisweilen etwas aufzuheitern. Aber dann konnte sie auch wieder lange schweigend vor sich hinstarren, und die trotzig aufgeworfene Oberlippe ließ erraten, woran sie dachte.
„Ich muß ihr etwas zerstreuen,“ sagte Nellie zu ihrem Mann. „Sie ist so blaß und hat schwarze Ringels unter den Augen; sie darf nicht mehr so viel an der Sache denken. Sie ist eine kleine Widerspenstige, und ihr künftiger Mann muß ihr sehr heilen, bis sie eine so sanfte Weibchen wird, wie ich es bin,“ fügte sie mit einem schalkhaften Blick hinzu.
„Ja,“ lachte Althoff, „wenn man einen so guten Mann hat, wie ich es bin, der zu allem ‚Ja‘ und ‚Amen‘ sagt, dann ist es leicht, sanft zu sein.“
„O, du,“ drohte Nellie scherzend mit dem Finger, aber er schloß ihr den Mund mit einem Kusse.
„Heute müssen wir einige Visiten machen,“ sagte Nellie eines Tages zu Ilse. „Die Leute betrachten dir schon wie eine verwunschene Prinzessin, weil ich dich nirgends zeige. Und Florchen, wie wird sie grimmig sein, wenn sie hört, daß du bist schon lange bei mich und hast ihr noch nicht ins ‚eigene Heim‘ besucht. Das ist nämlich ihr Lieblingsausdruck.“
Ilse zeigte wenig Lust für diese Besuche, ließ sich endlich aber doch dazu bewegen.
Seit dem Abend ihrer Ankunft war sie nur einige Male in der Dämmerung mit Althoffs spazieren gegangen, heute sah sie die kleine Stadt zum ersten Male im hellen Tageslicht. Mancher neugierige Blick folgte den beiden. Frau Doktor Althoff hatte Besuch, und davon wußte man nichts? Das war doch unerhört! Wer mochte denn die junge Dame sein? Frau Doktor Althoff hatte ja gar nicht erwähnt, daß sie Besuch bekäme, warum hatte sie das verschwiegen? So zerbrachen sich Nellies Bekannte, die ihnen begegneten, den Kopf. In der breiten Hauptstraße vor einem hübschen Hause machte Nellie Halt.
„Hier wohnt die Dichterin Frau Doktor Flora Gerber, in dies Haus, eine Treppe hoch,“ sagte sie und öffnete die Haustüre.
Als sie oben angekommen waren, flüsterte sie Ilse zu: „Ilschen, wenn dir das neugierige Flora nach alles fragt, nach dein Hiersein, dein Verlobten, laß mir nur machen, ich geb’ ihr Antwort.“
Wie ein Stein fiel es Ilse bei diesen Worten vom Herzen, denn heimlich hatte sie schon überlegt, ob sie Floras Fragen ausweichen oder sie beantworten sollte. Sie drückte Nellie mit einem dankbaren Blicke die Hand.
Auf Nellies zweimaliges Schellen wurde die Türe von einem wenig sauberen Mädchen geöffnet.
„Sind die Herrschaften zu sprechen?“ fragte Nellie.
„Der Herr Doktor sind nicht zu Hause,“ stotterte das Mädchen verlegen, „aber ich will mal nachsehen –“
Ohne den Satz zu beenden, verschwand sie eiligst hinter der Türe. Nach einem Weilchen erschien sie wieder, riß die gegenüberliegende Stubentüre weit auf und meldete lakonisch:
„Da sollen Se rein gehen.“
Flora war nicht im Zimmer, und Ilse hatte Muße, sich gründlich darin umzusehen. Sie bedurfte übrigens nur weniger Blicke, um einen deutlichen Eindruck zu gewinnen. Wie viel vermißte hier ihr stark ausgeprägter Schönheitssinn! Traulich, harmonisch, geschmackvoll war es bei Nellie, ungemütlich, geschmacklos, ein wirres Durcheinander bei Flora! Die Möbel, gut und neu, entbehrten jeder Pflege, das sah man ihnen nur zu deutlich an, denn eine graue Staubdecke lag darauf. Die Bilder an den Wänden hingen schief, die Pflanzen am Fenster und im Blumentisch ließen durstig die Köpfe hängen, und die gelben vertrockneten Blätter an den Stengeln gaben ihnen ein traurig verkommenes Aussehen. Ilse, die eine große Blumenfreundin war, betrachtete sich die Ärmsten mitleidig und sah sich unwillkürlich nach einer Gießkanne um, ohne jedoch eine solche entdecken zu können. Auf dem Tisch vor dem Sofa, über den eine blaue Samtdecke gebreitet war, welche schief herabhing, lagen eine Menge Bücher, zum Teil aufgeschlagen, mit Flecken und umgebogenen Ecken, dazwischen Visitenkarten, Briefe, lose Blätter in einem wahren Chaos zusammen.
„Nellie, sieh nur,“ rief Ilse halblaut und zeigte mit der Hand auf diesen Wirrwar, „das nennt Flora gewiß ‚malerisch‘.“
„O, störe mir nicht in mein heiliges Andacht,“ gab Nellie zur Antwort, und als sich Ilse bei diesen mit Pathos gesprochenen Worten umwandte, sah sie Nellie mit gefalteten Händen vor einem Schreibtisch stehen, der seinen Platz am Fenster hatte.
„Hier schafft unser große Dichterin, Ilschen. An was für ein herrliches Mordgeschicht’ mag sie wieder dichten,“ fuhr sie in demselben feierlichen Tone fort.
Ilse hielt sich die Hand vor den Mund, um nicht laut aufzulachen, denn Nellie war zu komisch.
„Eben hat Florchen dieses Platz verlassen, wir haben ihr gewiß aus ihre schönste Gedanken gescheucht,“ fing Nellie wieder an.
Sie schien mit ihrer Vermutung recht zu haben, denn die Feder glänzte noch feucht von Tinte, der Stuhl stand jäh zur Seite geschoben, und einige Blätter, die an der Erde lagen, waren wohl beim eiligen Aufstehen auf den Boden geflogen. Mit beschriebenen und unbeschriebenen Blättern war der ganze Schreibtisch bedeckt, kaum daß die Stelle freigeblieben war, wo ein über und über bespritztes Tintenfaß thronte, das nicht aussah wie für einen Damenschreibtisch bestimmt.
„Sieh hier, _darling_,“ sagte Nellie leise und zog die noch immer sich verwundert umsehende Freundin mit sich fort, „das ist Florchens Mann.“
Sie zeigte auf ein Bild, das über dem Schreibtisch hing. Ilse trat näher heran und sah sich den nicht gerade hübschen aber interessanten Männerkopf mit dem kurz geschorenen Haar und Bart voll Interesse an. Sie war noch in der Betrachtung des Bildes versunken, als sich die Türe ungestüm öffnete und Flora auf der Schwelle erschien. Dieselbe fuhr erstaunt zurück, als sie Ilse gewahrte, deren Besuch sie gar nicht vermutet hatte.
„Mein Gott, Ilse, bist du es wirklich, oder ist es dein Geist?“ rief sie theatralisch mit weit vorgestreckten Händen.
„Beruhige dich, Flora,“ antwortete Nellie, „komme zu dich, es ist nicht ihre Geist, es ist die liebe Ilse in wahre Leibhaftigkeit. Sie kam uns auf recht lange Zeit zu besuchen.“
„Das Mädchen sagte mir, es wäre noch eine Dame dabei, aber ich hatte natürlich keine Ahnung, daß diese Dame Ilse war. Ich dachte, es wäre vielleicht Rosi.“
„Wir wollten dir überraschen, Flora,“ erklärte Nellie.
„Aber nun willkommen, herzlich willkommen im eigenen Heim!“ rief Flora und ging mit geöffneten Armen Ilse entgegen, die kaum das Lachen verbergen konnte, weil Nellie sie bei dem ‚eigenen Heim‘ mit dem Ellbogen angestoßen hatte.
„Und nun setzt euch, Kinder,“ sagte Flora, als die Begrüßung vorüber war und sie sich von dem Erstaunen über Ilses plötzliches Erscheinen etwas erholt hatte. Sie führte die beiden zum Sofa und ließ sich ihnen gegenüber in einen der blauen Plüschsessel fallen, die um den Tisch standen. „Seid nur nicht böse, daß ich noch im tiefsten Negligee erscheine,“ entschuldigte sie sich und wies auf ihren allerdings recht primitiven Morgenrock. Mit einem schwärmerischen Ausblick fuhr sie fort:
„Doch, wenn ich einmal im Schaffensdrang bin, verläßt mich der Gedanke an die Wirklichkeit vollständig. Was liegt auch an dem elenden Putz und Tand! Am liebsten hülle ich mich in eine einfache Kutte, nur um die Zeit zu sparen und mich noch mehr meinen Arbeiten widmen zu können.“
Sie seufzte leise bei diesen Worten. Ilse und Nellie erwiesen ihr nicht den Gefallen, auf ihre Phrase vom Schaffensdrang näher einzugehen. Nellie schnitt das Thema kurz ab mit der Frage: „Wo ist dein Mann, Flora? Und die kleine Baby?“
„Ernst macht Krankenbesuche und kommt erst zu Mittag nach Hause,“ gab Flora gedehnt zur Antwort, die letzte Frage scheinbar überhörend.
„Ach Kinder,“ fuhr sie fort, „ihr glaubt nicht, wie entsetzlich schwer es ist, die Frau eines Arztes zu sein. An was muß man sich da nicht alles gewöhnen! Der Beruf ist furchtbar prosaisch, entbehrt jeder Poesie. Schon allein die Karbol- und Jodoformgerüche, in welche sich der Arzt hüllen muß, – puh, unausstehlich!“
Sie schnitt bei dem Gedanken an diese verpönten Gerüche ein wegwerfendes Gesicht und hielt sich unwillkürlich ihr stark parfümiertes Taschentuch unter die Nase.
„O, ich finde sie ein sehr schönes Parfüm, nix rieche ich lieber als Jodoform und Karbol,“ sagte Nellie ganz ernsthaft.
Entsetzt sah Flora sie an.
„Pfui, Nellie! das kann dein Ernst nicht sein,“ rief sie. „Aber freilich, du warst von jeher eine trockene, nüchterne Natur, du hättest eigentlich gut zu Ernst gepaßt.“
„O ja,“ erwiderte Nellie lächelnd, und aus ihren Grübchen sah der Schelm hervor, „und ich glaube, du gut zu mein Alfred, weil er hat ein so fein Verständnis für deine Poesien.“
Ilse freute sich im geheimen über Nellies Schlagfertigkeit, aber über Floras Gesicht ergoß sich eine brennende Röte. Sie fühlte den Stich aus Nellies Worten deutlich heraus, denn noch heute konnte sie Doktor Althoffs Kritik über ihre Werke nicht verschmerzen. Zugleich hatte Nellie unbewußt auf eine kleine Schwäche angespielt, die sie noch immer für ihren früheren Lehrer besaß. Sie antwortete nicht, sondern verbarg ihren Unmut und wandte sich an Ilse.
„Wie geht es deinem Bräutigam, du glückliches Menschenkind?“
Jetzt war an Ilse die Reihe zum Erröten, und die Verlegenheit trieb ihr das Blut heiß in die Wangen. Zum Glück deutete Flora ihr Erröten ganz anders; sie fand es entzückend, reizend, es sollte ihr den Stoff zu einem Gedicht geben, dessen Titel unbedingt heißen mußte: „Das schämige Bräutchen.“ Sie fand diese Idee wundervoll, einzig in ihrer Art, und war so begeistert davon, daß sie laut ausrief:
„Nun sieh mir nur einer das schämige Bräutchen an.“ Und träumerisch vor sich hinblickend, fuhr sie fort: „Ja, Ilse, die Brautzeit ist die poesievollste des ganzen Lebens. In süßem Tändeln verfließen die Tage, die angeborene Rauheit des Mannes liegt da noch gebändigt in den Rosenfesseln der Liebe, in duftigen Zauber gehüllt vergeht die Zeit, nur der Körper berührt noch mit flüchtigem Fuß die profane Erde. Der Geist, das Herz, sie entflohen in himmlische Gefilde und träumen dort den ewigen Traum der Liebe, fern vom lauten Getümmel der Welt, der Prosa des Lebens!“
Nellie und Ilse hatten sich bei diesem poetischen Erguß schon einige Male verständnisinnig angeblickt; aber als Nellie die letzten Worte Floras mit einem urkomischen Gesicht begleitete, die Augen schwärmerisch aufgeschlagen und gen Himmel gerichtet, konnte Ilse ihre Heiterkeit nicht mehr verbergen und fing zu lachen an. Natürlich stimmte Nellie mit ein. Flora war empört über den verkehrten Eindruck ihrer Worte und wütend sah sie die beiden an.
„Ihr scheint noch ebenso albern und verständnislos zu sein wie in der Pension,“ sagte sie erregt. „Ich glaubte wirklich, Nellie, du wärst als Frau vernünftiger geworden und du, liebe Ilse, scheinst mir ja eine recht prosaische Braut zu sein. Mein Gedankenflug war eben zu hoch für euch, wie ich merke.“ Die letzten Worte betonte sie besonders und sah dabei die beiden herablassend an.
Ilse ärgerte sich über Flora, sie war ganz ernst geworden und hatte eine Erwiderung auf den Lippen. Aber Nellie kam ihr zuvor.
„Da haben wir unsere Teil,“ sagte sie mit der liebenswürdigsten Miene, ohne durch Floras Abfertigung im mindesten aus der Fassung gebracht zu sein. „Florchen, ich werde mich bessern, damit ich mit dich fliegen kann in deine hohe schöne Land.“
Diese spöttischen Worte erregten Floras Zorn noch mehr.
„Nimm mir nicht übel, Nellie,“ rief sie, „aber in dir lebt auch nicht ein Funke von Poesie, du ziehst alles in den Staub und Schmutz herab.“
Ilse war außer sich über diese Schmähung ihrer geliebten Freundin.
„Nun ist es aber genug, Flora!“ rief sie heftig, doch weiter kam sie auch diesmal nicht, denn die Türe wurde geöffnet, die intelligente Dienstmagd erschien und meldete, Herr Referendar Lüders wünsche Frau Doktor zu sprechen.
Flora schnellte wie elektrisiert empor.
„Wie furchtbar fatal, – Herr Lüders und ich noch in Morgentoilette. Aber, er ist ja unser Hausfreund. Ich könnte mich schon so vor ihm zeigen.“
Sie trat vor den Spiegel und besah sich musternd, aber nicht ohne Wohlgefallen.
„Was meint ihr?“ fragte sie, „kann ich ihn so empfangen?“
„Ich meine nicht,“ antwortete Ilse in ihrer gewöhnlichen Offenheit. „Es ist doch schon Mittag jetzt, und dann, denke ich, darf man im Morgenrock überhaupt keine Herren empfangen.“
„So denkt man wohl bei euch auf dem Lande,“ entgegnete Flora gereizt, indem sie Ilse über ihre Schultern hinweg einen mitleidigen Blick zuwarf. „Ich muß gestehen, das nenne ich enge Ansichten. Hätte ich nur meine hochelegante Matinee an, dann natürlich würde ich Herrn Lüders sofort empfangen. Sage Herrn Referendar, ich ließe ihn bitten einzutreten, ich würde sofort erscheinen,“ wandte sie sich zu dem Mädchen, das stumpfsinnig und bewegungslos an der Türe stand, der Dinge harrend, die da kommen sollten.
„Adieu, Flora, wir müssen gehen,“ sagte Nellie und erhob sich.
„Nein, auf keinen Fall! Bitte, bleibt nur noch so lange, bis ich zurückkomme, bitte,“ bat Flora dringend und verschwand eiligst, weil die Türe weit aufging und Herr Lüders erschien. Nellie wollte mit einem höflichen Gruße an ihm vorbei gehen, er kam aber schnell auf sie zu und machte ihr eine tiefe Verbeugung.
„Gnädige Frau,“ sagte er, „ich bin beglückt, Sie hier zu treffen; darf ich mich nach Ihrem Befinden erkundigen.“
Nellie antwortete kühl.
„O, ich danke, ich befinde mich sehr wohl. Ilse,“ wandte sie sich zu dieser, „darf ich dir Herrn Referendar Lüders vorstellen, – Fräulein Macket.“
„Eine große Ehre,“ sagte er verbindlich mit einer neuen eleganten Bewegung.
„Wir wollen uns noch einen Augenblick setzen, bis Flora kommt,“ sagte Nellie.
Ilse bemerkte, daß sie gegen diesen Herrn merkwürdig zurückhaltend war, ganz gegen ihre gewöhnliche liebenswürdige Art. Er gefiel auch ihr nicht; sie konnte ihn jetzt, während er sich mit Nellie unterhielt, prüfend betrachten. Das glatte Gesicht war nicht unschön, aber ausdruckslos, die hellen blauen Augen erschienen ihr geradezu unangenehm. Er hatte blonde Haare, blonde Augenbrauen, blonde Wimpern und vom hellsten Blond war auch das kleine Schnurrbärtchen, das in zwei steif abstehende und kunstvoll gedrehte Spitzen auslief. Die Gesichtsfarbe war mädchenhaft zart und rosig. Ohne daß sie es wollte, drängte sich Ilse der Vergleich auf zwischen ihm und ihrem Bräutigam. Wie kraftvoll und energisch war dessen Gestalt gegen die des zierlichen Herrchens, das keine Spur von Männlichkeit und Ernst zeigte. Jetzt wandte er sich zu ihr und rückte an seinem Kneifer, der auf der kleinen, etwas aufgestülpten Nase keinen rechten Platz finden konnte.
„Wie lange weilen gnädiges Fräulein schon in unsern Mauern?“ fragte er und sah ihr dabei keck ins Gesicht, daß sie unwillkürlich den Kopf zurückwarf und ihn von oben herab unnahbar anblickte. Sie fand ihn in diesem Augenblick unausstehlich, so daß sie sich Mühe geben mußte, seine Fragen artig zu beantworten, und froh war, als Floras Eintreten der Unterhaltung ein Ende machte.
„Mein lieber Herr Lüders, verzeihen Sie nur, bitte, bitte, daß ich Sie warten ließ,“ rief sie ihm entgegen mit kindlich gefalteten Händen und demütigem Augenaufschlag.
„Wie könnte ich Ihnen böse sein,“ sagte er mit Nachdruck und führte ihre Hand an seine Lippen.
Flora hatte in großer Eile Toilette gemacht, das sah man, und ebenso geschmacklos wie vorher, auch das fiel sofort auf. Die Haare trug sie jetzt hoch aufgetürmt, was ihren ohnedies großen Kopf noch größer erscheinen ließ.
Das schwarze Kleid, das sie trug, war überreich mit Perlen besetzt, von denen schon viele die Flucht ergriffen und kahle Stellen zurückgelassen hatten. Aber für solche Kleinigkeiten hatte die geniale Flora keinen Blick und jetzt besonders nicht, denn ihre Aufmerksamkeit nahm der Referendar in Anspruch. Er hatte aus seiner Tasche ein Heft gezogen und überreichte ihr dasselbe.
„Ich habe mich an den Kindern Ihrer Muse wahrhaft ergötzt,“ sagte er, „seit lange habe ich nichts von so tiefem Inhalt, so poetischem Wert gelesen. Ich bewundre Ihre Phantasie, Ihren Geist, gnädige Frau.“
Flora schwamm in einem Meer von Seligkeit, ihr Gesicht strahlte, und triumphierend sahen ihre Augen zu den Freundinnen hinüber.
„Seht, es gibt doch noch Menschen, die mich und meine Werke verstehen,“ schienen sie zu sagen.
„Wie freue ich mich, daß Ihnen die kleinen Blümchen, die ich in dem Gärtchen meiner Poesie pflückte, gefallen,“ sagte sie bescheiden. „Macht es Ihnen Spaß, so gebe ich Ihnen ein größeres Opus zum Lesen mit, ich bin gerade damit fertig geworden.“
Sie stand auf, es zu holen, und diese Gelegenheit benützte Nellie und Ilse sich auch zu erheben, um sich zu verabschieden. Flora hielt sie jetzt auch nicht länger mehr zurück; es war ihr offenbar ganz erwünscht, daß sie gingen. Sie küßte beide mit überwallender Zärtlichkeit, trug Nellie tausend Grüße für den strengen Gebieter und Ilse ebensoviel an ihren Bräutigam. Als sie von der Türe zurück ins Zimmer trat, fing sie noch gerade den bewundernden Blick auf, den Herr Lüders Ilse nachsandte. Das stimmte ihre gehobene Laune etwas herab.
Als Ilse und Nellie schon auf der Treppe waren, fiel es ersterer ein, daß sie ja einen Schirm mitgebracht hatte. Sie gingen deshalb zurück, fanden ihn aber nicht mehr auf dem Platz, wo sie ihn hingestellt hatten.
„O, wahrscheinlich hat ihn das saubere Dienstbot weggestellt, ich werde ihr fragen,“ sagte Nellie und ging in die Küche, die am Ende des Korridors lag. Gleich darauf rief sie:
„Komm, Ilschen, sieh dir mal die kleine Stiefkind von Flora an, – o, ist es nicht eine süße Baby?“
Sie hatte das kleine Wesen schon auf dem Arme, als Ilse hereintrat, welche als Kinderfreundin, die sie war, das Kind nun ebenfalls liebkoste und streichelte. Es war ein reizendes kleines Mädchen von vier Jahren, mit dunklen Augen und dunklem lockigen Haar. Ängstlich und schüchtern sah es die beiden an und bog sich bei ihren Liebkosungen abwehrend zurück, indem sie die Händchen fest gegen Nellies Brust stemmte.
„Bitte, Nellie, gib mir die Kleine nur ein einziges Mal,“ quälte Ilse, „ich mag Kinder so schrecklich gern. Meinen kleinen Bruder schleppe ich so viel herum, daß Mama oft schilt, denn sie will nicht, daß er so viel getragen wird. Der süße kleine Kerl, ob er sich wohl nach mir sehnt, oder mich schon vergessen hat?“
Sie seufzte bei diesen Worten, und in dem sehnsüchtigen Gedanken an das Brüderchen nahm sie Nellie das Kind so heftig aus dem Arm und preßte es so stürmisch an sich, daß es jämmerlich zu schreien anfing und mit Händen und Füßen die größten Anstrengungen machte, von Ilses Arm zu kommen. Erschrocken ließ diese es auf den Boden gleiten, Nellie aber kniete neben ihm nieder und fragte es:
„Wie heißt du denn, _darling_?“
Die Kleine antwortete nicht, weder auf diese noch auf ihre weiteren Fragen. Sie zog sich in eine Ecke zwischen dem Tisch und Küchenschrank zurück, und sah sich die beiden mit trotzig verschlossenen Blicken an. Dem armen kleinen Wesen fehlte die liebende, sorgende Hand der Mutter. Das fleckige Kleidchen aus dunklem schwerem Stoff, die schmutzige Schürze aus grellbuntem Kattun bewiesen, daß ihr Anzug ohne Lust und Liebe gewählt war.
„Arme Baby,“ sagte Nellie leise und sah mitleidig auf das Kind.
„Findest du nicht,“ fragte Ilse, „daß sie Ähnlichkeit mit unserer süßen Lilli hat? Ihre Augen haben denselben schwermütigen Ausdruck. Ist Flora denn nicht sehr glücklich über dieses reizende Kind?“
„O, ich glaube nicht,“ meinte Nellie, „es ist nie die Rede von die kleine Käthe, sie besorgt sich wenig um ihr. – Nun aber, Ilschen, es ist die höchste Zeit, daß wir fortgehen, sonst kommt Fred nach Hause und findet mich abwesend.“
Nellie beugte sich zu dem Kinde nieder und griff nach ihren Händchen, Käthe entzog sie ihr aber schnell und versteckte sie auf dem Rücken.
Als sie über den Vorplatz gingen, hörten sie Floras laute, etwas weinerliche Stimme; sie schien in lebhafter Unterhaltung mit Herrn Lüders begriffen zu sein. Auf der Straße hing sich Nellie an Ilses Arm und lachte mit dem ganzen Gesicht.
„Ein schöner Besuch, nicht wahr, Ilschen?“ fragte sie heiter. „Wie gefällt dich Flora als Frau und Mutter? Ist sie nicht noch eine ebenso verschraubte Person wie früher?“
„Noch schlimmer ist sie geworden,“ stimmte Ilse bei. „Ich finde sie zu lächerlich! Hast du wohl bemerkt, wie holdselig sie den Referendar anlächelte, als er ihre Werke lobte? Und hast du sein spöttisches Gesicht gesehen?“
„O, ich habe alles gesehen, _darling_, ich habe auch eine scharfe Blick. Dieser Lüders, ich mag ihn gar nicht, er ist keine Gentleman, er ist nicht richtig.“
„Er ist nicht richtig?“ fragte Ilse erschrocken, „hat er denn schon mal im Irrenhaus gesessen?“
„O nein,“ lachte Nellie, „du verstehst mich nicht.“
„Ja, aber du sagst doch, er wäre nicht richtig, und das heißt so viel als: er hat seinen vollen Verstand nicht.“
„_Darling_, ich meine ja ganz anders, ich denke, er ist nicht richtig, weil er nicht die Wahrheit sagt.“
„Ach so,“ rief Ilse, „nun geht mir ein Licht auf; du meinst, er ist nicht aufrichtig?“
„Ja, ja,“ bestätigte die junge Frau, „so heißt das Wort, der ich nicht finden konnte.“
Dieses Mißverständnis belustigte beide aufs höchste, sie kamen immer wieder darauf zurück und mußten immer von neuem darüber lachen. In heiterster Laune langten sie zu Hause an.
„Herr Doktor ist schon lange da,“ empfing sie das Mädchen.
„O weh,“ flüsterte Nellie, „da haben wir die Zeit verfehlt. Wie viel ist denn die Uhr, ich habe kein Begriff.“
„Gleich zwei Uhr,“ berichtete das Mädchen. „Der Herr Doktor hat schon oft nach den Damen gefragt.“
Auf dem Vorplatz kam ihnen Nellies Mann entgegen, und man sah es ihm an, daß ihn die Ungeduld unwillig gemacht hatte.
„Wo bleibst du denn so lange?“ fragte er verstimmt, „ich warte nun schon seit ein Uhr auf dich. Du weißt doch, liebes Kind, daß ich die Pünktlichkeit liebe und es vor allen Dingen nicht in der Ordnung finde, wenn die Frau ihren Mann warten läßt.“
Er hatte Ilse nicht bemerkt, die sich bei seinen Worten ängstlich hinter einem Kleiderschrank versteckt hielt, und glaubte wohl, daß sie schon in ihr Zimmer gegangen wäre. Sie blieb in ihrem Versteck, bis das Ehepaar fortgegangen war, und huschte dann in ihr Stübchen.
„Das war aber stark,“ sagte sie vor sich hin, „das hätte mir mein Mann nicht bieten dürfen; ich hätte mir das nicht so ruhig gefallen lassen. Es war doch recht dumm von Nellie, daß sie ihm keine Antwort gab.“
Das Mädchen unterbrach sie in ihrem Selbstgespräch und rief sie zum Mittagessen.
„Das wird ein heiterer Mittag werden,“ dachte Ilse, „Doktor Althoff ist schlechter Laune und Nellie doch sicherlich auch nach diesem Empfang.“
Zögernd trat sie ins Eßzimmer. Doktor Althoff stand am Fenster und trommelte gegen die Scheiben. Er drehte sich bei ihrem Gruße nur flüchtig um und nickte ihr zu. Nellie stand schon am Tisch und füllte die Suppe auf.
„Kommt, Ilschen und Fred, wir wollen essen,“ rief sie freundlich und setzte ihnen die dampfenden Teller hin. Doktor Althoff war, wie Ilse richtig vermutet hatte, in übler Laune. Er aß schweigend, und für Nellies Fragen hatte er nur einsilbige Antworten. Erstaunt sah Ilse, daß Nellie sich durch sein Benehmen nicht stören ließ und gleichmäßig freundlich blieb. Sie verstand die Freundin nicht. Sie würde im gleichen Falle einfach vom Tisch aufgesprungen und hinausgegangen sein. Aber auch noch ein freundliches Gesicht machen, wie Nellie es tat, das würde sie auf keinen Fall vermocht haben.
Das Mittagsmahl verlief wenig gemütlich für die drei.
Ilse, durch Althoffs Schweigsamkeit eingeschüchtert, wagte kaum ein Wort zu sagen, nur Nellie war wie sonst, man sah ihr auch nicht den leisesten Unmut an.
Als der Tisch abgeräumt war, sollte wie gewöhnlich der Kaffee in Doktor Althoffs behaglichem Arbeitszimmer getrunken werden.
„Lieber Fred, der Kaffee ist fertig,“ sagte Nellie, „wollen wir nicht trinken?“