Trotzkopf's Brautzeit

Part 4

Chapter 43,827 wordsPublic domain

„Das geht nicht,“ meinte er, indem er sich nach Frau Anne umdrehte. „Papa soll in diesem Wetter nicht mit. Ich will ihm doch sagen, daß er zu Hause bleibt, ich werde mit den Leuten gehen.“

Frau Anne stimmte ihm bei und folgte ihm in den Hof, um auch ihren Einfluß geltend zu machen und ihren Mann zu bewegen, daß er daheim bleiben möge. Aber er ließ sich weder von ihr noch von Leo bereden, um keinen Preis würde er zurück bleiben, entschied er kurz. Sein joviales, immer heiteres Gesicht war heute durch die Angst und Aufregung förmlich verzerrt, und er schien um Jahre gealtert zu sein.

„Adieu, Anne,“ sagte er, seiner Frau die Hand reichend, und indem er sein Gesicht fortwandte, fügte er hinzu: „Wir wollen nun unsre arme Ilse suchen.“

„Nein, Richard,“ rief sie und hielt ihn fest, „so darfst du auf keinen Fall fort, ohne Hut, ohne Überzieher, du würdest dich auf den Tod erkälten.“ Sie flog ins Haus und holte ihm beides. Auch sie selbst hatte sich ihren Mantel umgehängt und ein Tuch um den Kopf geschlungen.

„Laß mich mit dir gehen,“ bat sie ihren Mann.

„Nein, Kind,“ sagte er und schob sie sanft zurück, „du bleibst hier. Kommt, Leute,“ befahl er dann und ging mit großen Schritten voran. An seiner Seite schritt Leo. Die Enden seines weiten Mantels flatterten im Winde. Den großkrämpigen Hut hatte er tief ins Gesicht gezogen und sein Blick haftete fest auf dem Boden.

Frau Anne sah ihnen nach, bis der letzte den Hof verlassen hatte, dann erst ging sie ins Haus zurück. Vom Fenster aus verfolgte sie den Zug der Fackeln, mit denen der Sturm sein lustiges Spiel trieb. Wie unheimlich das aussah! – O, mein Gott, wenn nur nichts passiert ist! Krampfhaft zog sich bei diesem Gedanken ihr Herz zusammen, und angstvoll preßte sie die Hände auf dasselbe. Ein nervöses Frösteln überlief sie, fester hüllte sie sich in ihr Tuch, das sie um die Schultern geschlungen hatte, und sah vor sich hin. Was mochte nur zwischen dem Brautpaare vorgefallen sein? Etwas Ernstes gewiß, denn Leo hatte so bekümmert dagesessen, und schon den ganzen Nachmittag war er ungewöhnlich ernst gewesen. Sie grübelte hin und her, wo Ilse noch sein könnte, wie ihr Fortbleiben zu erklären wäre. Kein Rat, kein Ausweg mehr! Sollte sie in ihrer Leidenschaftlichkeit eine unglückselige Tat begangen haben? Frau Anne wies diesen entsetzlichen Gedanken so schnell zurück, wie er ihr gekommen war, – nein, das war Ilse nicht zuzutrauen, denn trotz aller Leidenschaftlichkeit war sie nicht im geringsten krankhaft überspannt, sondern hatte eine kerngesunde Natur.

Langsam schlich die Zeit dahin. Tiefe Nacht herrschte jetzt überall im Dorfe, alles war dunkel. Der Sturm hatte nachgelassen, und nur der Regen klatschte noch an die Fenster. Unaufhörlich rieselten die kleinen Bäche in schnellem Lauf über die glatten Scheiben, Tropfen auf Tropfen jagten einander. Frau Anne sah mechanisch dem Spiele zu, dessen einförmiges Geräusch die einzige Unterbrechung der nächtlichen Stille war. Und deshalb zuckte sie auch jäh zusammen, als der Glockenschlag der zwölften Stunde jetzt laut und langsam feierlich durch die Nacht hallte. Traulich und heimisch berührten sie sonst diese Töne, aber schauerlich bang klangen sie heute in ihrem Innern wieder. Nun waren sie schon über eine Stunde fort, ihr Mann und Leo! Noch deutete nichts darauf hin, daß sie zurückkämen, und vergeblich spähte sie in die Dunkelheit hinaus, ob nicht ferner Lichtschein ihre Heimkehr verkündete.

Da, – es war ihr, als hörte sie plötzlich Schritte, gespannt horchte sie hinaus, und richtig, sie hatte sich nicht getäuscht. Die einsamen Schritte näherten sich dem Hause, und Frau Anne hörte, daß die Gartenpforte aufgemacht wurde. Eilig riß sie das Fenster auf und sah, wie eine Gestalt über den Hof auf das Haus zukam. Gleich darauf wurde heftig an der Glocke gezogen.

„Wer ist da,“ rief sie von oben hinunter.

„Eine Depesche,“ antwortete eine Stimme von unten.

Frau Anne schlug das Fenster zu und flog die Treppe hinab. Wie ihr das Herz klopfte! – Die Mägde, welche sich auf dem Hausflur befanden, hatten die Türe noch nicht aufgemacht; sie standen dicht zusammengedrängt, mit so angstvollen Gesichtern, als wenn der leibhaftige Satanas vor der Türe wäre und Einlaß begehrte.

„Warum macht ihr denn nicht auf?“ fragte Frau Macket und wollte den Schlüssel im Schloß umdrehen, als die alte Köchin sie am Arm zurückhielt und flehentlich mit weinerlicher Stimme bat, doch ja nicht zu öffnen, denn man könne ja nicht wissen, wer draußen stände.

„Ach, liebe, gnädige Frau, machen Sie doch nicht auf,“ jammerte sie, als Frau Anne den Schlüssel nun doch entschlossen umdrehte und der Drücker von draußen niederging. Laut kreischend flogen die Mägde auseinander, und mit bebender Hand nahm Frau Anne dem Boten die Depesche ab und öffnete sie. Sie wurde ganz blaß, als sie den Inhalt las, und wollte ihren Augen nicht trauen.

„Es ist nicht möglich,“ sagte sie laut; dann nahm sie das Blatt, hielt es dicht unter die Flurlampe und las es noch einmal. Nein, sie hatte sich nicht geirrt, da stand es deutlich und klar:

„Ilse ist hier wohlbehalten und gesund eingetroffen, Brief folgt.

Doktor Althoff.“

Sie faltete das Blatt zusammen und ging zurück ins Zimmer. Um Gottes willen, was hatte Ilse getan! Geflohen war das tolle Kind, – dachte sie denn gar nicht daran, wieviel Angst sie durch diesen wahnsinnigen Streich ihren Angehörigen bereitete? Frau Annes Empörung war groß, und doch drängte sich der Gedanke: „es ist ihr nichts passiert“ beruhigend und versöhnend hervor. Wenn die Männer nur erst heimkehrten; sie konnte die Zeit nicht abwarten, bis sie ihrem armen, auf das höchste geängstigten Mann die Nachricht mitzuteilen vermöchte. Ihre Ungeduld, ihre Unruhe ließen sie nicht lange mehr im Zimmer verweilen; sie beschloß Herrn Macket entgegenzugehen. Als sie über den Flur ging, standen dort noch immer die Mägde, flüsternd mit weit aufgerissenen Augen und Mäulern. Die eine erzählte gerade eine schaurige Geschichte und die andern hörten ihr mit grausigem Wohlbehagen zu. Auch sie waren über das Fortbleiben von Fräulein Ilschen in nicht geringe Aufregung versetzt worden und malten sich nach Art ungebildeter Leute in der schrecklichsten Weise aus, wie und auf welche Weise das arme, liebe Fräulein wohl umgekommen sein könnte. Während Frau Macket eilig an ihnen vorbei der Türe zu schritt, flogen sie mit den Köpfen auseinander und stießen sich gegenseitig an. Immer unheimlicher wurde die Lage, nun ging auch noch die Frau fort, allein in die finstere Nacht hinaus. Was hatte das zu bedeuten? Fragend sahen sie sich an; da konnte sich die alte Köchin nicht länger beherrschen.

„Ach, du mein Gott, ach, du mein Gott,“ wimmerte sie, „was ist das für ein Unglück!“ und sie nahm ihre Schürze vor das Gesicht, hinter welcher sie jämmerlich schluchzte. Im Chore stimmten die übrigen mit ein.

„Wie gut ist das Fräulein immer gewesen,“ sagte die eine.

„So freundlich gegen jedermann,“ rief das Hausmädchen, und nun ergingen sie sich derart in Lobeserhebungen über Ilse, als wenn sie über eine bereits Abgeschiedene sprächen.

„Das Unglück, das Unglück,“ krächzte die Köchin von Zeit zu Zeit wie ein Unheil verkündender Unglücksrabe dazwischen.

„Wer hätte das gedacht! Ja, ich sage ja – ich habe es immer gesagt, ich habe es kommen sehen. Ach,“ – sie unterbrach ihre tiefsinnigen Betrachtungen mit einem erneuten Schluchzen. Die andern nickten zustimmend.

„So jung und so reich,“ rief das Stubenmädchen schwärmerisch aus, „ach, es ist schrecklich!“

Das kleine Kindermädchen, als die mutigste von allen, hatte sich bis zum Flurfenster gewagt und schrie plötzlich:

„Jetzt kommen sie, jetzt bringen sie das Fräulein!“

Im Nu waren die andern am Fenster, – richtig, da kamen sie. Die Fackeln tanzten im Winde und kamen immer näher. Voran gingen Herr und Frau Macket und der Herr Assessor, hinterher folgten die Männer mit den Laternen und Fackeln. Jetzt bogen sie in das Hoftor ein.

„Legt euch zu Bett nun,“ hörten die Mädchen Herrn Mackets Stimme den Knechten befehlen, und dann schritt er dem Hause zu. Sie zogen sich schnell in eine dunkle Ecke zurück, als gleich darauf die Haustüre ging, und von dort folgten ihre Blicke neugierig der Herrschaft und dem jungen Herrn, die wortlos an ihnen vorüberschritten, Herr Macket sehr bleich mit finster zusammengezogenen Brauen.

Das kleine Kindermädchen, das ebenso schlau war, als es sich vorhin mutig gezeigt hatte, schlich sich durch die Hintertür zu den heimgekehrten Knechten und ließ sich von allem haarklein berichten. In der Küche erzählte es dann später alles, was es erfahren hatte, und kam sich ungeheuer wichtig vor, als die andern es im Kreise umstanden und seinen Worten andächtig lauschten.

Herr Macket war mit Frau und Schwiegersohn in das Eßzimmer gegangen, wo er sich auf das Sofa warf. Er sprach kein Wort, aber seine breite Brust hob und senkte sich in schnellen Atemzügen. Leo lehnte am Tisch und drehte die zierlichen Enden seines Schnurrbärtchens mit nervösem Eifer zwischen den Fingern. Ein schmerzlicher Zug lagerte um seinen Mund, aber die Falte auf seiner Stirn, die sich zwischen den starken Brauen vertiefte, und die zitternden Nasenflügel gaben zugleich Zeugnis von einer inneren Empörung und Erbitterung. Unverwandt starrte er vor sich nieder.

Frau Anne blickte besorgt von einem zum andern, und sah selbst tief bekümmert aus. Nun setzte sie sich neben ihren Gatten und legte ihre Hand auf seine Schulter.

„Richard,“ bat sie sanft, als sie sah, daß er die zerknitterte Depesche mit der Hand glatt strich und wieder las, „laß uns über diese Sache nicht so streng richten, Ilse ist noch ein Kind.“

Er warf das Papier fort und sprang auf.

„Ja, ein Kind, ein törichtes, ungezogenes Kind,“ rief er, und seine Augen blitzten zornig auf. „Was fällt ihr ein, was soll es bedeuten, daß sie fortläuft? Wie kann sie so etwas wagen! Aber sie soll zurück, sofort, – ich will es!“

Seine Stimme klang so laut und hart, daß Frau Anne wieder erschreckt an seine Seite eilte. Sie kannte ihn heute abend nicht wieder, so erzürnt auf seinen Liebling hatte sie ihn noch nie gesehen.

„Ja, und warum, warum hat sie uns das getan, was ist denn geschehen?“ rief er wieder, und diesmal klang ein schmerzlicher Ton aus seinen Worten.

Er hatte dabei Leo von der Seite angesehen, denn eine Ahnung dämmerte in ihm auf, daß dieser den Grund zu Ilses Flucht wohl wissen mochte; daß ihre Aufregung, in der er sie diesen Mittag getroffen hatte, damit im Zusammenhang stehen mußte. Leo verstand seinen fragenden Blick, und er fühlte, daß er jetzt nicht mehr schweigen durfte.

„Papa,“ sagte er plötzlich und trat auf ihn zu, „ich bin dir und Mama eine Erklärung schuldig. Ilse und ich hatten diesen Mittag einen Streit zusammen, der damit endete, daß Ilse mich in höchster Erregung verließ. Ich habe sie danach nicht wieder gesehen und“ – er stockte – „bin nun auf das tiefste betrübt, daß sie sich zu einer solchen Tat hat hinreißen lassen.“

Er sagte nichts weiter als diese wenigen Worte, die er mühsam Atem holend hervorbrachte. Herr Macket hatte ihn schweigend, mit den Händen auf dem Rücken, angehört und setzte nun seine Wanderung im Zimmer auf und ab wieder fort. Frau Anne sah voll Mitleid auf den jungen Mann, der durch Ilses Leichtsinn tief getroffen war.

„Ilse hat unverzeihlich gehandelt, so weit durfte sie in ihrer Leidenschaft nicht gehen,“ sagte sie ärgerlich.

Ihre besänftigenden Worte von vorhin hatten bei ihrem Manne die entgegengesetzte Wirkung hervorgerufen, jetzt aber, wo ihre gerechte Empörung deutlich aus ihren Worten sprach und auch Leo Ilse nicht in Schutz nahm, löste sich die Erbitterung von seinem Herzen und verwandelte sich in zärtliche Sorge für den fernen Liebling. Er malte sich in Gedanken Ilses Reise aus und die mancherlei Unannehmlichkeiten, welche sie gewiß betroffen hatten.

„Was mag das arme Kind für eine Angst ausgestanden haben auf der Reise!“ Mit diesen Worten machte er schließlich seinen Gefühlen Luft. „Und in der fremden Stadt, wo sie niemand kennt. In der Dunkelheit ist sie dort angekommen, – sie hat sich gewiß sehr gefürchtet.“

Frau Anne dachte, diese Furcht und Angst wäre am Ende nur die gerechte Strafe für ihre Tollkühnheit gewesen.

„Wenn sie nur keine nassen Füße bekommen und sich erkältet hat,“ fuhr Herr Macket fort. „Nellie wird doch wohl dafür gesorgt haben, daß sie gleich ins Bett kam.“

Seine Stimme klang mit jedem Worte sanfter und weicher. Der erste Unmut über Ilses Flucht war erloschen und hatte einer zärtlichen Besorgnis Platz gemacht. Gedankenvoll blieb er eine Weile stehen.

„Leo,“ redete er diesen plötzlich an, „morgen früh um 8½ Uhr geht der erste Zug nach F.; mit diesem reisen wir, nicht wahr?“

Verblüfft sah ihn Leo an und fragte dann: „Willst du Ilse holen, Papa? Dann werde ich dich morgen früh sehr gerne zum Bahnhof begleiten.“

Jetzt drückten Herrn Mackets Züge eine förmliche Erstarrung aus. „Ja, du reisest doch mit?“ fragte er erstaunt.

„Nein, Papa,“ erwiderte Leo freundlich aber bestimmt, „ich reise nicht mit. Erlaß es mir auch, dir die näheren Einzelheiten unsres Streites zu erzählen, und sei überzeugt, daß es mir sehr, sehr schwer geworden ist, diesen überhaupt berühren zu müssen, doch das ging nun einmal nicht anders. Ich muß nur noch das eine hervorheben, so schmerzlich es mir ist: ich kann und darf nicht mit zu Ilse reisen, so gern ich ihr, wie schon so oft, ja ich darf wohl sagen, nur zu oft geschehen, wieder zuerst die Hand zur Versöhnung bieten würde.“

Sein Atem ging schnell und heftig bei diesen Worten, so ruhig er sie auch aussprach.

Herr Macket hatte ihn mit keiner Silbe unterbrochen, auch jetzt sagte er nichts. Aber seine gerunzelten Augenbrauen, die festen Schritte, mit welchen er zur Türe schritt und sie hart ins Schloß fallen ließ, verrieten, daß er Leos Entschluß durchaus nicht billigte.

Frau Anne sah ihren Schwiegersohn fragend an.

„Es tut mir leid, daß Papa ärgerlich auf mich ist, aber ich kann nicht anders handeln,“ sagte er.

Frau Anne zuckte die Achseln, als begreife sie ihren Mann nicht, denn sie selbst teilte Leos Ansicht und billigte es vollkommen, wie er in dieser ernsten, für seine und Ilses Zukunft entscheidenden Sache zu handeln gedachte. Ilse jetzt nachzureisen, wäre geradezu Torheit gewesen und würde sicher nicht dazu beigetragen haben, das leidenschaftliche Kind zu ändern.

„Ich will doch mit dem Papa sprechen, daß er nichts in Übereilung tut,“ sagte sie zu Leo. „Wenn er erst ruhiger geworden ist, wird er dich auch begreifen; du kennst ja seine blinde Liebe zu Ilse.“

Als Leo allein war, sank er auf einen Stuhl und vergrub seine Hände in sein dichtes Haar. Wie wehe, wie grenzenlos wehe hatte ihm Ilse getan! Er konnte nicht begreifen, wie sie ihm diesen Schmerz und zugleich diesen Schimpf zufügen konnte; er hatte geglaubt, sein Lieb so genau zu kennen, das aber, das hätte er ihr nie zugetraut. – Sie war keine sanfte, keine hingebende Braut, seine Ilse, und er mußte immer von neuem um sie ringen und kämpfen, was sie ihm aber doppelt anziehend machte. Hatte er seither wohl den richtigen Weg eingeschlagen, sich seine kleine Widerspenstige zu zähmen? Ihr Widerspruch reizte ihn, sie gefiel ihm in ihrem Trotz; war sie erst seine Frau, dann sollte alles anders werden. So hatte er bis jetzt gedacht, nun fiel es ihm mit einem Male wie Schuppen vor den Augen, daß er ihren Charakter falsch beurteilte, daß es verkehrt war, ihr stets nachzugeben, denn das stachelte sie immer von neuem zum Trotz und Widerspruch auf. Diese Erkenntnis war bitter für ihn. –

In seinen Gedanken versunken hatte er nicht bemerkt, daß die Türe geöffnet worden und Frau Anne wieder eingetreten war; erst als sie ihre Hand auf seine Schulter legte, blickte er auf.

„Ach, du bist es, Mama,“ sagte er und erhob sich. Sie drückte ihn sanft auf seinen Platz zurück und setzte sich ihm gegenüber.

„Ich habe mit dem Papa gesprochen, Leo, er ist jetzt entschlossen, mit seiner Reise nach F. zu warten, bis ein erklärender Brief von Ilse eingetroffen ist.“

„So – das ist mir lieb,“ gab er zur Antwort und sah dann wieder schweigend in die Finsternis hinaus.

Auch Frau Macket schaute nachdenklich vor sich hin, als kämpfte sie mit einem Entschluß. Mehrmals öffnete sie die Lippen zum Sprechen, ohne jedoch etwas zu sagen. Nach einer Weile fing sie endlich an:

„Leo, ich will mich nicht in deine und Ilses Angelegenheiten drängen; darf ich dich nur das eine fragen, glaubst du dich wirklich völlig schuldlos an Ilses Flucht?“

Fast schüchtern klang diese Frage und zögernd brachte sie dieselbe hervor.

„Es ist das erstemal, daß ich ihr nicht nachgab!“ stieß er erregt heraus. „Darf sie deshalb einen so abenteuerlichen Streich ausführen, alle Rücksichten beiseite werfen und fliehen?“

„Nein, das durfte sie gewiß nicht,“ stimmte ihm Frau Anne bei, „und doch,“ fuhr sie fort, „ich habe es kommen sehen, daß sie eines Tages etwas tun würde, das uns allen großen Kummer zu bereiten imstande wäre. Ich liebe meine kleine Tochter innig, und auch sie ist mir von Herzen zugetan. Aber blind bin ich deshalb gegen ihre Schwächen und Fehler nicht, wie der Papa und – verzeihe mir – begreiflicherweise auch du. Ilse ist schon einmal gezähmt worden durch die Pension und das reizende Leben daselbst; ihre prächtigen Freundinnen hatten sie ganz und gar umgewandelt. Halb Kind noch, wurde sie Braut, sie liebt dich gewiß aufrichtig, aber die tiefe ernste Liebe des Weibes ist ihrem Kinderherzen noch fremd. Hast du wohl den richtigen Weg eingeschlagen, dir ihre Nachgiebigkeit, ihre Fügsamkeit zu erringen? Ich habe mich bemüht, in ihrem jungen Herzen zu lesen, und bin überzeugt, es wäre ihr lieber gewesen, wenn du ihr öfter entschieden entgegengetreten wärst, statt ihre Einfälle, ihre Launen reizend zu finden; denn sie ist eine stolze und doch zugleich hingebende Natur, die nur nicht zeigen will, daß sie sich auch unterzuordnen vermag, aber ebensowenig vertragen kann, daß man ihr in allem den Willen läßt. Nun, da du ihr zum erstenmal nicht nachgibst, empfindet sie das doppelt schroff und wird es als eine große Demütigung ansehen. Aber jetzt, da sie weiß, daß ihr Wille nicht immer durchgeht, wird ihre Liebe zu dir, ohne daß sie es eingesteht, gewiß erstarken. Ich hoffe, sie wird nach und nach zur Besinnung kommen, daß sie unrecht hatte, und wenn sie diese Krisis überstanden hat, für immer geheilt sein.“

Frau Anne hatte mit warmem herzlichen Eifer gesprochen und reichte nun ihrem Schwiegersohne die Hand, welcher diese innig umschloß. „Ich weiß,“ fuhr sie fort, „du wirst das, was ich dir eben sagte, nicht falsch verstehen. Ich hätte dir meine Ansicht nicht unaufgefordert mitgeteilt, wäre nicht alles so gekommen. Wie lieb ich euch beide habe und wie vertrauensvoll ich trotz dieses Vorfalls in eure Zukunft blicke, das brauche ich dir nicht erst zu sagen, nicht wahr? – Gute Nacht, Leo,“ schloß sie und erhob sich von ihrem Sitz. „Schlafe wohl, morgen wirst du die Sache schon in einem andern Lichte ansehen.“

„Gute Nacht, Mama, ich danke dir.“

Die Nachtruhe war für alle dahin, zu sehr hatte die Bestürzung die Gemüter aufgeregt. – Leo blieb noch auf demselben Fleck sitzen, es wäre ihm unmöglich gewesen, jetzt schon zu schlafen. Noch pochte sein Herz zu unruhig, noch stürmten die Gedanken zu lebhaft auf ihn ein. Frau Annes Worte hallten in ihm nach, sie hatten einen Anklang in seinem Innern gefunden, denn sie hatte wahr gesprochen. Warum mußte es so weit kommen? Hätte er die Tragweite seiner Worte geahnt, er würde sie vielleicht nicht ausgesprochen haben. Nochmals ließ er die Szene vom Mittag an seinem Geist vorüberziehen. Er war zuletzt auch heftig geworden – gewiß –, aber er hatte sich in dem Augenblick wirklich über Ilse geärgert, zum erstenmal hatte ihn ihr unfügsames Wesen unangenehm berührt.

Was sollte nun werden? Der Gedanke an die Zukunft legte sich ihm drückend und beängstigend wie ein Bann aufs Herz, daß ihm fast der Atem stockte. Erst als er das Fenster geöffnet hatte und die kühle Nachtluft hereindrang, wurde ihm wohler. Lange blickte er in die zerrissenen Wolken, die eilend vorüberjagten. Ob sie jetzt auch an ihn dachte? Er sah im Geiste ihr liebes holdes Antlitz. Er hörte ihr fröhliches Lachen und ihre dunklen Augen blitzten ihn neckisch an, – da schwanden die bangen Gedanken. Heiße Liebe und Sehnsucht erfüllten ihn, und er zweifelte keinen Augenblick mehr, daß sie zu ihm zurückkehren würde. Aber unerschütterlich befestigte sich in diesem Augenblick die Überzeugung in ihm, daß er ihr diesmal nicht zuerst die Hand zur Versöhnung reichen dürfe.

Die große Lampe in dem stillen Zimmer, die schon seit einiger Zeit am Ausgehen war und deren Licht immer schwächer und kleiner wurde, erlosch jetzt nach einem letzten Aufflackern. Leo erhob sich und ging in sein Zimmer.

* * *

Ilse wachte am andern Morgen erst auf, als die Sonne das kleine Zimmer schon längst erhellte. Sie fühlte sich durch den guten Schlaf erquickt und erfrischt und war im ersten Augenblick des Erwachens noch so traumbefangen, daß sie sich erst besinnen mußte, wo sie sich eigentlich befand. Nach und nach kam ihr das Geschehene wieder deutlich zum Bewußtsein, klarer als am Tage zuvor. Ihre gestrige Aufregung war einer unangenehmen Empfindung gewichen. Reue und Beschämung beschlichen sie, und der Gedanke, was ihre Eltern zu der Flucht gesagt haben mochten, beunruhigte sie aufs höchste. Auch an Leo dachte sie, aber nicht etwa, ob er wohl betrübt sein würde, sondern voll heimlichen Triumphgefühls. Sie erschien sich ihm gegenüber als siegreiche Heldin, denn sie hatte eine Tat ausgeführt, die er ihr gewiß nicht zugetraut hatte. Womöglich langte schon heute ein um Verzeihung flehender Brief von ihm an, und gewiß würde er selbst mit dem Papa kommen, um sie zurückzuholen. So blind gefangen war unsre Ilse, so fest glaubte sie Leo durch ihre Heldentat einen gewaltigen Respekt eingeflößt zu haben! Die Erwartung auf eine Nachricht von Hause trieb sie aus dem Bette. Sie zog die hellgeblümten Gardinen zurück und öffnete das Fenster. Man merkte heute nichts mehr von dem gestrigen Unwetter, kein Wölkchen trübte den Himmel, der Ilse tiefblau entgegenlachte. Goldener Sonnenschein breitete sich über die kahlen Gärten und lag blendend auf den hellen Häuserwänden. Überall hatten die Leute Türen und Fenster geöffnet, daß die frische Herbstluft in vollen Strömen hereindringen konnte. So hatte Ilse gestern früh daheim auch am Fenster gestanden und sich über den klaren Herbstmorgen gefreut. Wenn sie da geahnt hätte, welches Ungemach ihr der Tag noch bringen würde! Was hatte sie durchmachen müssen! Es war zu schrecklich.

Sie fuhr sich mit der Hand über die Augen, die wieder feucht wurden, aber die hervorquellenden Tränen wurden tapfer zurückgedrängt. Nellie und ihr Mann sollten nicht sehen, daß sie geweint hatte, sie würden sonst wohl denken, daß sie Reue fühlte, was ja so viel bedeutete, als ihr Unrecht eingestehen. Vor Doktor Althoffs prüfenden und ironischen Blicken hatte sie Furcht, sie kannte diese noch zu gut von der Schule her. Er konnte so freundlich lächeln mit spottlustigen Augen; kein Tadel, nicht die schärfste Rüge traf so sicher, als ein solcher Blick von ihm.

Durch ein Pochen an der Tür wurde sie in ihren Betrachtungen gestört, gleich darauf wurde dieselbe leise geöffnet, und Nellies Gesicht kam zum Vorschein.

„Schon wach, lieb Ilschen?“ rief sie freundlich und begrüßte die Freundin mit einem herzlichen Morgenkuß. „Wie hast du geschlafen, _darling_? Ich hoffe, du hast eine gute Nacht gehabt.“

„Herrlich habe ich geschlafen, liebste Nellie; was ich aber geträumt habe, weiß ich wirklich nicht mehr.“