Part 19
Im großen Gartensaale stand die mächtige Tanne, welche sie schmücken sollte. Die breiten Äste waren schon dicht mit Watte belegt, auch Gold- und Silberfäden waren darüber gezogen. Herr Macket, der keinen Augenblick von Ilses Seite wich, war dabei, die Wachslichter zu befestigen. Wie heller Freudenschein lag es über seinem Gesicht, als er sie so froh und geschäftig sah, und verstohlen blickte er sie immer an. Das war wieder seine alte Ilse, sein lieber, ausgelassener Wildfang, welchem Übermut und Frohsinn aus den Augen blitzten.
Ilse hatte nicht genug an dem duftenden Grün des Tannenbaumes, den ganzen Saal wollte sie mit Tannenzweigen und Blattpflanzen geschmückt haben; die letzteren mußte ihr der Gärtner aus dem Gewächshaus bringen. Die Ecken sollten Lauben bilden, während an den Wänden Guirlanden aus Tannenzweigen befestigt wurden.
Als sie endlich fertig war, betrachtete sie ihr Werk mit prüfenden Augen und ordnete noch hier und da etwas an; es war ihr immer noch nicht schön genug, schmückte sie doch den Raum so festlich für ihn! Das beseligte sie, und ihr Herz klopfte stürmisch bei dem Gedanken, daß sie morgen mit ihm an dieser Stelle stehen würde, und daß dann alle Zweifel und Qualen ein Ende haben sollten. Wie sehnte sie sich nach voller, reiner Harmonie, wie lange, lange hatte sie diese entbehren müssen!
Der weihnachtliche Schmuck des Saales war vollendet und das ganze Haus erfüllt von dem feinen, harzigen Geruch der Tannennadeln, hatte doch Herr Macket in seiner Herzensfreude noch mehrere Bäume bringen und in dem Treppenhaus aufstellen lassen. „Es soll recht weihnachtlich sein,“ sagte er, und war dabei so heiterer Laune, wie ihn seine Frau lange nicht gesehen hatte.
Ilse schlief diese Nacht wenig, sie war zu aufgeregt dazu. Pünktlich um acht Uhr stand am andern Morgen der Schlitten vor der Türe, und ungeduldig stampften die Braunen den Boden. Frau Anne erklärte, zu Hause bleiben zu wollen, da es, wie sie sagte, noch viel zu tun und anzuordnen gab. Ilse hätte freilich sehr gern gehabt, wenn sie mitgefahren wäre, denn an dem ruhigen, sicheren Wesen der Mama würde ihr erregtes Herz einen festen Rückhalt gehabt haben. Wer sollte ihr Mut machen, wenn sie wieder zaghaft würde! Aber – war denn das nötig, mußte sie zu dem Schritt erst ermutigt werden, den sie doch mit freudigem Herzen tat? Nein, nein!
Energisch drängte sie jeden solchen Gedanken zurück, und mit klaren, strahlenden Augen nickte sie Frau Anne zu, welche in der Pforte stehen geblieben war, um dem Schlitten nachzusehen. Wie lieb und gut hatte sie Ilse zum Abschied in die Arme geschlossen! Die zärtlichen Worte: „Nun sei mein verständiges Mädchen und zage nicht,“ welche sie ihr dabei zuflüsterte, klangen ihr noch immer in den Ohren nach. Frisch und rosig saß sie an der Seite ihres Vaters, der alle Augenblicke fragte, ob sie es auch nicht fröre, und immer wieder die Decke, welche er über sie gebreitet hatte, fester und höher hinaufzog.
Sie wehrte ihm lachend. „Aber Papachen, mir ist ja so warm, mich friert gar nicht; bald kann ich mich nicht mehr rühren, so fest hast du mich eingewickelt.“
Unter Herrn Mackets sicherer Leitung flog das leichte Gefährt mit Windeseile über die glatte Bahn, daß der Schnee links und rechts zur Seite stob. Dazu klang das lustige Schellengeläute so hell und silberrein, daß es sich wie liebliche Musik anhörte.
Ilse lehnte sich weit zurück und schloß die Augen. Klingling, klingling, schallte es immerfort in ihren Ohren, und nun schien der helle Glockenklang auf einmal eine dunklere Färbung anzunehmen, langsam und gemessen in gleichmäßigen Schwingungen zu ertönen. Was war denn das? Klang nicht so die Glocke von dem heimatlichen Kirchturm? Sie sah ihn im Geiste vor sich, das winterliche Kleid war abgestreift und statt dessen umwob ihn lichtes Frühlingsgrün. In den Wipfeln der alten Linden, welche vor der Kirche standen, sangen die Vögel, und Blumenduft strömte durch die geöffneten Fenster hinein. Drinnen tönte die Orgel und begleitete die hellen Stimmen der Dorfkinder. Alles war so feierlich, und da sah sie sich selbst im langen weißen Gewande an der Seite ihres Leo zur Türe hereinkommen. Um den festlich geschmückten Altar standen die Eltern, Verwandten und Freunde, und der alte Pfarrer harrte ihrer. –
Erschreckt fuhr sie auf. Welche Bilder malte ihre Phantasie da vor ihren Augen aus? Und doch kehrten ihre Gedanken immer wieder zurück zu dem rosigen Zukunftsbilde.
„Bist wohl müde, Kind,“ fragte Herr Macket, weil sie so lang stumm und mit geschlossenen Augen neben ihm gesessen hatte. „Ja, die Fahrt ist lang und angreifend, sie wird dir doch nicht zu viel werden, Mädel?“
Sorgsam prüfend schaute er ihr ins Gesicht.
„O nein, Papachen, nicht im geringsten, ich bin gar nicht müde, sondern überlegte mir nur etwas und schloß deshalb die Augen.“ Sie mochte ihm nicht eingestehen, daß sie wachend geträumt hatte.
Nachdem sie in einem Dorfe ausgespannt und eine Weile gerastet hatten, ging die Fahrt weiter.
„In einer guten Stunde sind wir da, die Pferde sind flott gelaufen,“ sagte Herr Macket und blickte mit Stolz auf seine beiden Braunen.
Ilse klopfte das Herz hörbar, und ihre von der kalten Winterluft geröteten Wangen färbten sich noch tiefer. Und mochte ihr auch vor dem Augenblick des Wiedersehens bangen, so erfaßte sie dennoch eine unsagbare Ungeduld bei dem Gedanken, daß sie nur noch eine kurze Spanne Zeit, nur noch Minuten von ihm trennten.
Die weiten Schneeflächen kamen ihr endlos vor, und sie hätte sich Flügel wünschen mögen, um schneller in seine Arme zu eilen. Während sie bis jetzt ihren Träumen nachgehangen hatte, wurde sie auf einmal lebhaft und gesprächig, scherzte und neckte sich mit ihrem Vater, daß oft sein herzliches Lachen durch die winterliche Ruhe schallte, und seine blauen Augen unter den buschigen Brauen vor Freude und Lust strahlten.
So verflog ihr die Zeit rascher, und sie konnte die innere Unruhe besser bemeistern. Endlich sah sie ganz in der Ferne, noch undeutlich und kaum zu erkennen, die Kirchturmspitze von L. Wie ein freudiger Schreck durchfuhr es ihre Glieder.
„Papa, sieh nur dort, gleich sind wir da!“ rief sie, indem sie ihn am Arm faßte und mit dem Finger auf den fernen Kirchturm zeigte.
Er kniff die Augen zusammen und blickte nach der angegebenen Richtung, dann legte er die Hand über die Augen und beugte den Kopf nach vorn.
„Ich sehe noch nichts,“ sagte er schließlich.
„Aber Papa, dort, siehst du denn nicht?“ Sie war aufgestanden und starrte entzückt in die Ferne, als hätte sich ein Wunder vor ihren Blicken aufgetan.
Er schüttelte den Kopf.
„Ich sehe nichts, Ilse, du hast eben wahre Falkenaugen. Krischan,“ wandte er sich an den hinter ihnen sitzenden Kutscher, „siehst du den Turm von L. schon?“
„Nee, Herr, ich sehe nischt, das Freilein sieht wohl mit die Ogen der Liebe.“
Über diesen Witz grinste er mit dem ganzen breiten Gesicht, während die beiden im Schlitten in ein helles Gelächter ausbrachen.
Weiter und weiter sauste der Schlitten, und die eben noch in der Ferne verschwommenen Gegenstände tauchten immer klarer auf. Jetzt war auch der Kirchturm deutlich sichtbar, und die beschneiten Dächer zeichneten sich scharf vom blauen Himmel ab. Bald darauf fuhren sie in das Dorf ein, aber bei einem der ersten Häuser machten sie Halt. Eine dicke goldene Traube, an einem weit vorragenden eisernen Arm befestigt, bezeichnete dasselbe als Gasthaus. Ilse hatte den Schleier dicht über das Gesicht gezogen, und Herr Macket mußte den breiten Pelzkragen hinaufschlagen, damit sie von den neugierigen Blicken, welche dem Schlitten folgten, nicht erkannt würden. Hier sollte ausgespannt werden, so war es mit den Schwiegereltern verabredet worden. Ilse hatte ihnen geschrieben, sie möchten Leo im Hause festhalten.
Die Aufforderung ihres Vaters, sich erst etwas zu erwärmen und eine Kleinigkeit zu genießen, lehnte Ilse entschieden ab, denn so nahe dem ersehnten Ziel erschien es ihr unmöglich, noch irgendwelche Verzögerung zu ertragen. So machten sich denn die beiden auf den Weg nach dem Gute, welches abseits vom Dorfe lag und dicht an einen Tannenwald grenzte.
„Wie ein Paar Diebe kommen wir angeschlichen,“ sagte Herr Macket. „Darf ich denn den verflixten Kragen noch immer nicht herunterschlagen? Mir wird nämlich verteufelt heiß in diesem Futteral.“
„Ach bitte, bitte, noch nicht,“ bat Ilse, die unter ihrem Schleier fortwährend ängstliche Blicke nach rechts und links warf, „siehst du, Herzensväterchen, es könnte uns doch jemand begegnen, und wir sind ja gleich da.“
Herr Macket als ein gehorsamer Vater fügte sich und stöhnte nur einige Male verstohlen. Sie bogen jetzt in einen kleinen Seitenweg ein, der zwischen zwei Hecken durchführte und nicht gebahnt war, so daß sie bis über die Knöchel in den weichen Schnee einsanken.
„Hier können wir nicht weiter, Ilse, das geht nicht. Du bekommst ja ganz nasse Füße und wirst dich auf den Tod erkälten. Komm, wir wollen umkehren.“ Damit blieb er stehen.
Aber sein geliebter Wildfang schlug ihm ein Schnippchen und hüpfte leicht und flink wie ein Reh davon. Sie sah ja am Ausgang des Heckenweges ein großes, herrschaftliches Haus, das Gontrau’sche, und sollte nun wieder umkehren? Das war zu viel verlangt. Wohl oder übel mußte Herr Macket ihr folgen, und wenn er auch etwas unwillig in den Bart brummte, so brachte er es doch nicht über sich, auf seinen Liebling zu schelten. Mit seinen großen Stiefeln trat er in Ilses zierliche Fußstapfen; diese war ihm längst vorausgeeilt und wartete schon auf ihn an der eisernen Tür, welche den parkartigen Garten hinter dem Hause abschloß.
„Bist mir doch nicht böse, Papachen?“ fragte sie ihn mit schelmischer Zärtlichkeit, und da konnte er natürlich nicht widerstehen.
Der fürsorgliche Schwiegervater hatte Bahn fegen lassen, und auf besserem Wege als vorher schritten sie nun den Garten entlang und schlichen zu einer Hintertüre in das Haus hinein. Ilse hatte Herrn Macket untergefaßt und eiligst mit fortgezogen. Dabei hatte sie solch fieberhafte Angst ausgestanden, sie könnte von Leo gesehen werden, daß sie jetzt, nachdem diese Gefahr vorüber war, erst einen Augenblick stehen bleiben mußte, um Atem zu schöpfen.
Auf dem Hausflur kam ihnen das Gontrau’sche Ehepaar mit offenen Armen entgegen. Ilse war tief beschämt über all die Liebe und Herzlichkeit, mit welcher die Schwiegereltern sie empfingen; dieselben waren vollständig unbefangen und schienen nicht im geringsten zu ahnen, welcher Zwiespalt zwischen dem Brautpaar herrschte. Sie führten ihren Besuch in ein behaglich erwärmtes Zimmer, und während Herr Gontrau Ilses Vater Pelz und Hut abnahm, half seine Frau dem Schwiegertöchterchen beim Ablegen und blickte mit Stolz in das junge frische Gesicht mit den lebhaften braunen Augen. Zärtlich strich sie ihr die wirren Haare aus der Stirn und streichelte ihr die Wangen. Auch Herr Gontrau betrachtete sich die Braut seines Sohnes mit großem Wohlgefallen.
„Ilse, ich glaube, du bist noch gewachsen,“ sagte er, indem er sie an sich zog, „und wie wohl du aussiehst, du blühst ja wie eine Rose. Na, der Leo wird sich freuen, er hat keine Ahnung von der Überraschung, die ihm bevorsteht.“
„Ach ja,“ meinte Frau Gontrau, „ich freue mich auch, der arme Junge hat in der letzten Zeit so viel zu tun gehabt, daß er ganz ernst und blaß geworden ist.“
Ilse errötete und wandte sich ab.
„Wo ist Leo?“ fragte sie leise. „Ich möchte ihn doch gern gleich sehen.“
„Er ist oben auf seinem Zimmer, liebes Kind,“ sagte Frau Gontrau. „Nun, du weißt ja Bescheid; ich war eben noch bei ihm, um zu verhüten, daß er sich entfernte.“
„Ich gehe zu ihm,“ sagte Ilse und verließ das Zimmer.
Als sie die Treppe hinaufgeeilt war und nun vor seiner Türe stand, hielt sie inne und legte die Hand beschwichtigend auf ihr Herz, das ihr zum Zerspringen klopfte. Nun war der Augenblick gekommen, ihm die Hand zur Versöhnung zu reichen. Ein Gefühl der Demütigung wollte noch einmal in ihr aufwallen, aber sie unterdrückte es, denn sie hatte sich vorgenommen, oft und fest vorgenommen, ihm mit keinem andern Gedanken, als dem der aufrichtigsten Reue entgegenzutreten.
Und als sie immer noch zögerte, erschien ihr Lucies Bild vor den Augen und blickte sie flehend an. Sie legte die Hand auf die Klinke, drückte sie sanft nieder und befand sich nun in einem kleinen Vorraum, welcher nur durch eine Portiere von Leos Zimmer getrennt war. Auf den Fußspitzen schlich Ilse näher, schob den Vorhang auseinander und konnte nun das ganze Zimmer übersehen.
Dort saß er an seinem Schreibtisch, tief über seine Arbeit gebeugt und eifrig schreibend. Sie blieb unbeweglich stehen, wie um sich zu sammeln, und sah unverwandt auf die geliebte Gestalt vor ihr. Wenn er wüßte, wer so dicht hinter ihm stand! Sie meinte, er müßte ihre Nähe fühlen, aber ahnungslos schrieb er weiter. Als er jetzt den Kopf zur Seite wandte, um in einem Buche nachzuschlagen, konnte sie sein Gesicht sehen, und – täuschte sie sich, oder war es wirklich so? – er schien ihr um Jahre gealtert. Seine Wangen waren blaß, die Augen hatten tiefe Schatten, und um seinen Mund lagerte ein müder, schmerzlicher Zug.
So sah sie nun ihren Leo wieder, den sie nur kraftvoll und frisch gekannt hatte. Die Tränen schossen ihr in die Augen, und sie mußte an sich halten, um nicht laut aufzuschluchzen. Jetzt lehnte er sich im Stuhl zurück, und sie konnte ihr Bild bemerken, das vor ihm auf dem Schreibtisch stand; ein grüner Tannenzweig schmückte dasselbe. Leise, wie magnetisch angezogen, schlich sie näher. Jetzt nahm er das Bild in die Hand und betrachtete es mit liebevollen Blicken. Den kleinen Zweig, der ihr Gesicht etwas verdeckte, schob er zurück, damit er ungehindert in das geliebte Antlitz schauen konnte. Er dachte ihrer also noch mit tiefer, unwandelbarer Liebe. Ohne daß sie es wollte, tönte sein Name halblaut von ihren Lippen. Das Bild entfiel seiner Hand, mit einem jähen Ruck stieß er den Stuhl zurück und drehte sich um. Als sähe er einen Geist vor sich, so starrten die dunklen Augen in dem blassen Gesicht auf Ilse. Sie trat näher und rief noch einmal: „Leo.“
Da löste sich der Bann, der ihn befangen hatte.
„Ilse, du – du, bist du es wirklich?“ stieß er hervor, und als sie die Arme nach ihm ausbreitete, zog er sie fest an sich und drückte ihren Kopf mit beiden Händen an sein Herz.
„Vergib mir, Leo!“ flüsterte sie unter Tränen.
Statt aller Antwort schloß er ihr den Mund mit leidenschaftlichen Küssen, gab ihr die zärtlichsten Schmeichelnamen. Und diesem Manne hatte sie Mißtrauen entgegengebracht, an seiner Liebe hatte sie gezweifelt! In törichtem Trotz hatte sie das beste, edelste Herz verkannt. Der Gedanke, daß er sich hätte von ihr wenden können, erfüllte sie jetzt noch mit Schrecken.
Fester schmiegte sie sich an den Geliebten. Sie waren beide nicht fähig, zu sprechen, stumm hielten sie sich umschlungen und besiegelten innerlich von neuem den geschlossenen Bund. Sie hatten das Gefühl, daß sie jetzt für immer zusammengehörten, daß nichts sie je wieder trennen könnte. Es war Ilse, als träumte sie, und sie dürfte sich nicht rühren, um den schönen Traum nicht zu verscheuchen.
Und als sie dann endlich Worte fanden und Hand in Hand zusammensaßen, da konnten sie kein Ende finden, bis schließlich Frau Gontrau kam und schüchtern fragte, ob das liebe Brautpaar noch nicht bald erscheinen wolle.
* * *
Der im hellsten Lichte strahlende Tannenbaum beschien am heiligen Abend im Macketschen Hause lauter frohe, vergnügte Gesichter. Es ging ein Knistern durch die Zweige und die Wachskerzen flackerten so lustig, wie wenn der Baum selbst damit auch seiner Freude Ausdruck geben wollte.
Frau Anne hatte den Kleinen auf dem Arm, welcher jauchzend seine beiden Händchen nach dem Lichterbaum ausstreckte. Herr Macket stand daneben und neckte seinen Jungen, denn er war ganz übermütig heute. Das Kind mußte alle seine Kunststückchen zeigen, so daß Gontraus ganz entzückt waren von dem reizenden kleinen Kerl.
„Jetzt muß aber mein Schatz zu Bett gehen,“ entschied endlich Frau Anne, welche bemerkte, daß die Lebhaftigkeit des Kindes durch den Beifall der Umstehenden sich immer mehr steigerte. Der mütterliche Befehl schien aber dem kleinen Mann durchaus nicht angenehm zu sein, denn er zog ein Schüppchen und in seinen Mundwinkeln zuckte es verdächtig. Aber die Mama machte kurzen Prozeß mit ihm.
„Nun gib dein Händchen und sage gute Nacht,“ gebot sie energisch.
Er gehorchte und reichte allen die Hand.
„So nun mußt du noch Ilse und Onkel Leo gute Nacht sagen.“ –
Die beiden hatten sich in eine der grünen Pflanzen-Nischen zurückgezogen; aus ihren Augen glänzte Glück und Seligkeit. Ilse hatte so viel zu erzählen, wie sie zuerst seiner nur im Groll gedacht, wie sie aber nach und nach einsehen gelernt hatte, daß wahre, echte Liebe sich auch zu fügen weiß. Und wie reizend Frau Nellie sei, ein wie furchtbares Schicksal die arme Flora betroffen habe, wie klug und interessant Orla wäre, der gegenüber sie sich immer klein und erbärmlich vorgekommen sei, – das alles, und noch vieles andre, berichtete sie ihm auf das ausführlichste.
„Schatz, es ist, als hätten wir uns erst heute verlobt, als hätten sich erst jetzt unsre Herzen für immer gefunden,“ sagte er.
„Für immer!“ wiederholte sie mit Betonung, und ihre Augen sahen mit dem Ausdruck der innigsten Liebe zu ihm empor. „Nicht wahr, Leo, du hast nun alles vergessen und liebst mich noch wie früher?“
„Mehr als je,“ gab er ihr zärtlich zur Antwort.
Sie lehnte an seiner Brust, und beide schauten in den flimmernden, duftenden Tannenbaum. Freundliche Bilder der Zukunft stiegen vor ihnen auf, sie träumten sich in ihr eigen Heim, und wie sie am nächsten Weihnachtsabend sich ihren eigenen Baum anzünden würden!
* * *
Mit duftenden Rosen war der Weg zur Kirche bestreut, den Ilse jetzt im bräutlichen Gewande am Arm ihres Leo dahinschritt. Wolkenlos wölbte sich der Junihimmel über ihnen, und goldner Sonnenglanz lag über der strahlenden Natur ausgebreitet. Das ganze Dorf war zusammengelaufen, um sein geliebtes Gutskind im Brautschmuck zu sehen; sie standen zu beiden Seiten des Weges, und als das Brautpaar in der Kirchentüre verschwunden war, da strömten sie hinterher, und die kleine Kirche war im Umsehen gefüllt.
Ilses Traum war zur Wirklichkeit geworden, nun sollte sie binnen wenigen Minuten am Altar des Herrn dem geliebten Mann für ewig Liebe und Treue schwören.
Durch die offenen Fenster lugte neugierig der helle Sonnenschein, das leise Rauschen der Bäume und der fröhliche Vogelgesang drangen herein, gerade so, wie sie es Weihnachten im Schlitten geträumt hatte. Und jetzt erscholl die Orgel, und die Kinderstimmen setzten ein.
Ilse schmiegte sich dichter an Leo, und mit gesenkten Augen schritt sie neben ihm dem Altar zu, der mit Pflanzen und Blumen festlich geschmückt war. Da standen die Eltern, die Freunde und Verwandten. Orlas schönes Antlitz lachte ihr entgegen, Andres neigte grüßend das Haupt, und Nellie, die liebe, einzige, blickte wie verklärt zu ihr herüber. Der Papa streckte ihr gerührt seine Hand entgegen, und Frau Anne lächelte ihr unter Tränen zu. So viel Liebe, so viel Freundschaft sah sie in allen Augen leuchten, daß sie in überwallender Seligkeit zu dem Manne aufsah, welchem sie nun angehörte für alle Zeit.
Die Orgel und der Gesang verstummten. „Die Liebe höret nimmer auf,“ so begann der alte würdige Pastor seine Rede. Er hatte Ilse getauft und konfirmiert, nun stand sie als junge Frau vor ihm, und er sollte ihr seinen Segen geben. Das lebhafteste Interesse, die herrlichste Freundschaft, gaben ihm warme, tief empfundene Worte ein, seine Rede war poetisch durchflochten mit den anmutigsten Wendungen.
Herr Macket mußte sich einige Male verstohlen über die Augen fahren; Frau Anne hatte ihre Hand in die seine gelegt, auch sie war tief bewegt. Die Sturm- und Drangperiode des jungen Paares zog noch einmal an ihrem Geiste vorüber, und erleichtert holte sie Atem, daß sie glücklich überwunden war und die beiden zusammen dort am Altar standen. Eben fiel ein breiter Sonnenstrahl schräg durch das Fenster über die einfach weiß getünchte Wand, gerade auf das frische Myrtengrün in Ilses lockigem Haar und beleuchtete den weißen Schleier, der lang bis auf die kostbare Atlasschleppe herabfiel, daß er wie aus Duft gewoben erschien. Wie liebreizend sah die junge Braut aus! Voll Stolz und Glück blickte Frau Anne auf das schöne Paar, und der Gedanke, daß heute die geliebte Tochter für immer aus dem Elternhaus schied, war der einzige Wermutstropfen in dem Kelch der Freude. –
In lustigster Stimmung, scherzend und lachend saßen die Hochzeitsgäste noch an der geschmückten Tafel, als Ilse sich bereits fortgeschlichen hatte, um das Brautgewand mit dem Reisekleid zu vertauschen. Sie stand in ihrem Mädchenstübchen am offenen Fenster, und ihre Blicke schweiften über den blühenden Garten, die grünen Felder und den noch frühlingsfrischen Wald, bis zu den fernen Hügeln, welche die scheidende Sonne vergoldete. Die abendliche Stille in der Natur nach den vielen Aufregungen des Tages tat ihr so wohl! Sie lehnte sich weit hinaus und sog in vollen Zügen die erquickende Luft ein.
Das unbeschreibliche Gefühl der Seligkeit, des höchsten Glückes, welches ihr den heutigen Tag zu dem schönsten ihres Lebens machte, mußte jetzt vor dem Gedanken an den Abschied zurückweichen. Sie wußte ja, wie schwer dem Papa die Trennung falle, wie sich Frau Anne nach ihr sehnen würde. Mehrmals mußte sie das Tuch an die Augen führen, um die hervorquellenden Tränen zu trocknen. Aber Leo sollte sie so nicht sehen, sie war ja glücklich und folgte ihm gern. Das ernste, heilige Gefühl, daß sie nun sein Weib sei, und, wie der gute alte Pastor gesagt hatte, „nur der Tod sie schiede“, durchschauerte sie, die edelsten, besten Vorsätze und Empfindungen gab ihr diese stille Stunde ein.
Zwei Arme umschlangen sie plötzlich, und sich umwendend sah sie in das Antlitz ihres Mannes. Er hob ihr Kinn in die Höhe, und als er Tränen in ihren Augen schimmern sah, zog er sie fester an sich und strich ihr liebkosend über Haar und Wangen. Er war selbst so bewegt, daß er nicht sprechen konnte, aber die innige Umarmung, in der er sein junges Weib festhielt, sagte ihr mehr als Worte es vermocht hätten.
„Wir müssen fort mein Lieb,“ brach Leo endlich das Schweigen, denn der Wagen war vorgefahren und die Braunen stampften ungeduldig die Erde. Jetzt drang auch Gläserklingen und Stimmengewirr zu ihnen herauf, und die Musik fiel mit einem lauten Tusch ein. Gewiß feierte man nochmals das junge Paar und trank auf sein Wohl.
Frau Anne kam leise herein und brachte Ilses Hut und Staubmantel.
„Es ist alles fertig,“ sagte sie, „ihr müßt fort Kinder. Ich will es dem Papa sagen, nicht wahr?“
Sie sprach anscheinend ruhig, aber ein leises Zittern in ihrer Stimme verriet doch ihre innere Erregung. Sie wollte hinausgehen, doch Ilse, hielt sie zurück und umschlang ihren Hals.
„Liebe, einzige Mama, habe für alles, alles Dank, und wenn ich dich oft kränkte, verzeihe mir.“
„Aber liebes Kind,“ fiel Frau Anne ein, „alles ist vergessen, wir haben dich ja so lieb, du bist unsre gute Tochter. Nun darfst du dich aber nicht aufregen, du mußt verständig sein, denn der Papa darf dich nicht so sehen, nicht wahr, liebes Herz?“
„Komm Schatz, komm,“ drängte Leo, den ein verständnisvoller Blick von Frau Anne dazu trieb, den Abschied möglichst zu verkürzen. Sie ließ die beiden allein und ging in den Saal zurück, wo sie ihrem Mann verstohlen zuflüsterte, daß der Wagen vor der Türe stehe. Das heitere Lächeln verschwand von seinem Gesicht und er stand sofort auf.