Trotzkopf's Brautzeit

Part 17

Chapter 173,788 wordsPublic domain

„Sie sprechen in Rätseln, Herr Doktor, oder wollen Sie sich über mich lustig machen? Nicht wahr, Sie finden es so unerhört, wenn eine Frau sich auf männliches Gebiet wagt, daß Sie mich verhöhnen wollen? Aber warten Sie nur, wenn ich erst Doktorin bin, und Ihnen mein Diplom schicke, dann müssen Sie klein beigeben. Übrigens – Ihre Zweifel sind ganz heilsam für mich, sie feuern mich an, Ihnen zu beweisen, daß auch das weibliche Geschlecht etwas zu leisten vermag.“

Sie hatte ohne die geringste Empfindlichkeit gesprochen, aber mit großem Eifer, so daß ihre Wangen zart gerötet waren, und sie unbeschreiblich liebreizend in diesem Augenblick aussah.

„Ich kann Ihnen auch behilflich sein, Doktorin zu werden,“ sagte er wieder mit derselben geheimnisvollen Miene, „oder vielmehr der Examinator, von welchem ich eben sprach, kann Sie zur Doktorin machen, wenn Sie nur wollen.“

Seine Stimme klang erregt, er atmete tief und schnell, und sein seltsames Wesen fiel Orla jetzt auf. Sie erwiderte nichts und hielt die Augen auf ihren kleinen Muff gesenkt, von welchem sie mechanisch die immer wiederkehrenden Schneeflocken fortstrich.

„Orla,“ sagte er bittend, indem er stillstand und ihre Hand ergriff, „verstehen Sie mich nicht, oder wollen Sie mich nicht verstehen? Meine Worte sind ernst gemeint, ich scherze nicht. Der Examinator, von welchem wir sprachen, – darf ich es sein? Wollen Sie mir die einzige Frage beantworten? Nur mit einem kleinen Wort, das genügen würde, mich zum glücklichsten Menschen zu machen.“

Ihr Herz klopfte in raschen Schlägen, und sie holte tief Atem. Aber sie konnte nicht sprechen, sie fühlte wie seine Hand zitterte, wie qualvoll diese Ungewißheit für ihn sein mußte, und doch vermochte sie es nicht, ihm eine Antwort zu geben.

„Orla!“

Er beugte sich ganz nahe zu ihr hin, und sagte in zärtlichem Ton: „Wollen Sie meine Doktorin werden?“

Jetzt blickte sie zu ihm auf, und in ihren Augen las er ein stummes Ja.

Im überschwänglichen Glücksgefühl umfaßte er ihre schlanke Gestalt und drückte einen Kuß auf ihre Lippen.

„Geliebte,“ flüsterte er innig, „bist du ebenso glücklich wie ich? Sage es mir.“

„Ich kann nicht glücklicher sein,“ gab sie leise zur Antwort, und ihr schönes Antlitz strahlte in bräutlicher Seligkeit.

Er hatte ihren Arm in den seinigen gelegt und hielt ihre Hand fest umschlossen. So gingen sie weiter auf dem schmalen Wege zwischen den beiden Schneewänden. Wer könnte die ersten Stunden beschreiben, die auf das beseligende Geständnis der Liebe folgen? die scheue Zurückhaltung der Braut schildern, die noch so schüchterne Leidenschaft des Bräutigams, die ernsten und doch so heiteren Gedanken, welche die Brust der Glücklichen wie Frühlingswehen durchziehen und sie still und schweigsam machen? Ein inniger Händedruck, ein Blick in die geliebten Augen, sie sind beredter als tausend Worte. –

Und so schritt auch unser Paar in stummer Glückseligkeit dahin. Über ihnen heulte der Wind in den Bäumen, die alten ehrwürdigen Wipfel mußten es sich gefallen lassen, daß er mit ihnen sein Spiel trieb, laut ächzend beugten sie sich seiner Macht und schüttelten unwillig den Schnee von ihren Häuptern, den beiden gerade ins Gesicht. Aber sie achteten der winterlichen Schauer nicht, in ihren Herzen war es licht und sonnig, und das Blut wallte ungestüm durch die Adern, so daß Orla oft tief aufatmen mußte und schließlich ihr Jäckchen öffnete, weil es so erdrückend heiß wäre, wie sie sagte. –

Die Dunkelheit war hereingebrochen, als sie in die erleuchteten Straßen einbogen. Orla drängte es nach Hause zu kommen. Sie ging durch eine kleine Seitengasse, welche den Weg bedeutend abkürzte. Andres hätte gern noch den weitesten Umweg durch die Stadt gemacht, aber sie meinte, Nellie und Ilse, die gewiß längst zu Hause wären, würden sich sehr wundern, daß sie noch nicht daheim sei. Er brachte sie bis vor Althoffs Haus. An der Gartenpforte blieb Orla stehen und streckte ihm die Hand entgegen.

„Soll ich nicht mit hinaufgehen?“ fragte er erstaunt, „wollen wir den Freunden nicht unser Glück mitteilen?“

„Jetzt nicht, noch nicht, Liebster, ich muß erst mit mir allein sein, und mich zu fassen suchen. Morgen, dann wollen wir es den Freunden sagen.“

Wie ein Schatten flog es über seine Züge. Er sollte sich jetzt von ihr trennen, sie heute nicht mehr wiedersehen? Wie konnte er bis morgen Ruhe finden, Ungeduld und Sehnsucht würden ihn verzehren. Das war zu viel verlangt!

„Du bist grausam,“ sagte er leise.

Sie lächelte und legte ihre Hand auf seinen Arm. Ja, es kam ihr jetzt selbst grausam vor, daß sie sich bis morgen nicht wiedersehen sollten.

„Willst du heute abend nach dem Essen kommen? Du findest uns dann alle zusammen, und wir überraschen die Freunde mit der Nachricht, daß wir Brautleute sind. Ist es dir recht so?“ Statt jeder Antwort preßte er seine Lippen auf ihre Hand und schlang seinen Arm um ihre Taille. Sie entwand sich ihm aber schnell.

„Wenn man uns sähe,“ sagte sie und blickte sich ängstlich um. „Ich will lieber gehen. Leb wohl, auf Wiedersehen bis nachher, komm nicht zu spät.“

Sie eilte ins Haus. Wie ein Träumender stand er vor der beschneiten Pforte und blickte ihr noch nach, obwohl sie schon längst verschwunden war. Endlich ging er fort, aber er schlug nicht den Weg nach seiner Wohnung ein. Er würde es jetzt nicht in den engen vier Wänden aushalten, eine innere Unruhe trieb ihn immer weiter. Das Stürmen und Wogen in seiner Brust beflügelte seine Schritte, so daß er die Straßen in Sturmeseile durchlief und die Leute ihn verwundert ansahen. Seine Bekannten, die ihm begegneten und die er zerstreut grüßte, blieben stehen und schauten kopfschüttelnd hinter ihm her.

Orla war unbemerkt in ihr Zimmer gelangt. Sie konnte jetzt niemand sehen und sprechen, den Freundinnen hätte ja ihre Erregung auffallen müssen, auch wollte sie erst allein die Ruhe zu gewinnen suchen, mit welcher sie dieselben jetzt noch täuschen mußte.

Sie hatte Hut und Jacke abgelegt und wusch ihr heißes Gesicht mit frischem Wasser. Was die Freunde wohl sagten, ob sie geahnt hatten, daß es so kommen würde? Sie lächelte vor sich hin und malte sich im Geiste die Überraschung auf den verschiedenen Gesichtern aus. Erregt schritt sie auf und ab und öffnete schließlich das Fenster, weil ihr die Luft in dem kleinen Stübchen schwül und drückend erschien. Vorwitzig kamen die Schneeflocken hereingeflogen, sie wirbelten ihr ins Antlitz und setzten sich in ihren dunklen Haaren fest. In Gedanken verloren blickte sie hinaus in das Gestöber draußen. Sie kam sich so anders, so fremd vor; dieses heftig klopfende Herz war es das ihre, diese unbeschreiblich schönen Empfindungen, welche es durchströmten, – war das alles Wirklichkeit, was sie empfand und dachte, oder träumte sie nur?

Sie zuckte zusammen, als sich jetzt die Türe öffnete und Ilse hereintrat.

„Herrgott, Orla, bei diesem Wetter am offenen Fenster?“ rief sie erstaunt.

„Es war hier so heiß, Kind,“ gab Orla ausweichend zur Antwort und schloß das Fenster.

„Heiß?“ wiederholte Ilse, „aber das Feuer im Ofen ist ja schon lange aus.“

Orla überhörte diese Einrede.

„Bist du schon mit Packen fertig?“ fragte sie und zeigte auf die Koffer. „Also morgen willst du wirklich reisen? Du wolltest mich wohl zum Abendessen holen?“

Ilse sah sie verwundert an. Warum fragte Orla so zerstreut und vermied so auffällig sie anzusehen, während sie sonst jedem, mit dem sie sprach, scharf in die Augen sah?

„Wir dachten, du wärst schon lange zu Hause, Orla, da du gesagt hattest, du wollest arbeiten.“

„Ja, ja, das wollte ich auch, aber – es war so himmlisch draußen, und da bin ich auf eigene Faust noch etwas spazieren gegangen. Komm Kind.“

Sie ging zur Türe und Ilse folgte ihr.

„Himmlisch draußen!“ wiederholte sie lachend. „Aber Orla, es ist ja ein schreckliches Wetter, der eisige Wind und dazu das Schneegestöber, – hast du denn das nicht bemerkt?“

„O ja,“ antwortete die Russin, „aber ich liebe das gerade und nenne solches Wetter schön.“

Sie hatte jetzt ihre Fassung wieder gewonnen und konnte mit unbefangenem Gesicht bei dem jungen Ehepaar eintreten. Bei Tische sprach sie lebhaft und viel; sie war lange nicht so redselig gewesen wie heute, und ihre Augen leuchteten in einem wunderbaren Glanze. Ilse saß ihr gegenüber und betrachtete sie mit heimlicher Bewunderung; sie glaubte, die Freundin nie so schön gesehen zu haben. Die leicht geröteten Wangen standen ihr zum Entzücken. Sie erzählte lebendig und spannend von ihrer Heimat und wußte dadurch die Gedanken von der bevorstehenden Trennung, welche namentlich Nellie und Ilse naheging, abzulenken. Dann und wann flogen ihre Blicke verstohlen nach der Uhr, und so oft jemand ins Zimmer hereinkam, wandte sie schnell den Kopf nach der Türe. Als Nellie erwähnte, daß Andres während ihrer Abwesenheit dagewesen sei, lächelte sie geheimnisvoll, so daß Ilse sie fragte, was denn ihre Heiterkeit erregt habe.

Nach dem Abendessen begab sich die kleine Gesellschaft wie gewöhnlich in Nellies gemütliches Zimmer, wo es heute besonders behaglich aussah. Ein helles Feuer knisterte in dem kaminartigen Ofen, und die Lampe mit dem Schirm von rosa Seide beleuchtete alles mit einem magischen Schimmer. Ein zarter Maiblumenduft, den die junge Frau besonders liebte, durchwehte den traulichen Raum.

Orla stand am Fenster und sah in die Nacht hinaus. Jetzt konnte er jeden Augenblick kommen, denn es war die Zeit, welche sie verabredet hatten. Sie spähte die Straße entlang, das Gestöber hatte aufgehört, blendend weiß leuchtete ihr aus der Dunkelheit der Schnee entgegen. Mit fieberhafter Ungeduld sehnte sie den Augenblick herbei, der ihr den Geliebten bringen sollte, und es dünkte ihr eine Ewigkeit, die er sie warten ließ. Endlich sah sie eine hohe Gestalt aus der Dunkelheit auftauchen, die es sehr eilig zu haben schien, denn mit großen Schritten näherte sie sich dem Hause. Das war er! Die Gartenpforte klirrte, gleich darauf fiel die Haustüre ins Schloß und nun wurde kräftig an der Klingel gezogen. Das Mädchen kam herein und meldete Doktor Andres, der ihr auch gleich auf dem Fuße folgte. Orla beugte sich tief über die Maiblumen im Fenster, um ihr Antlitz zu verbergen.

„Sie strahlen ja förmlich, Doktor, was ist denn mit Ihnen geschehen, haben sie etwa das große Los gewonnen?“ rief ihm Althoff scherzend entgegen.

„Ja,“ gab er lachend zur Antwort, und dabei überflog es seine Züge wie ein verklärender Schimmer. Er schritt auf Orla zu und legte ihre kleine kalte Hand in die seinige. So trat er mit ihr zu den andern in den Lichtkreis der Lampe, deren Schein ihr jetzt bleiches Gesicht rosig überhauchte.

„Ja,“ wiederholte er noch einmal, und seine Stimme zitterte leise. „Sie haben recht, Herr Doktor, ich habe das große Los gewonnen, – hier, hier ist meine Braut.“

Stürmisch zog er Orla an seine Brust.

Die Freunde hatten einen Augenblick wie sprachlos gestanden, dann aber brach ein wahrer Jubel los.

Die junge Braut wurde von Nellie und Ilse mit Fragen überschüttet, während sich die beiden Männer herzlich die Hände schüttelten. Orla lächelte selig, und in ihren Augen schimmerte es feucht. Dies versetzte die weichherzige Nellie in eine solche Rührung, daß ihr nun auch die Tränen über die Wangen rollten und sie Orla in langer Umarmung festhielt. Ilse, welche ihr unter vielen zärtlichen Küssen die innigsten Wünsche zugeflüstert hatte, bemerkte kaum die Tränen in den Augen der beiden festumschlungenen Freundinnen, als auch sie sich der Rührung nicht erwehren konnte und ihren Zähren freien Lauf ließ.

Jetzt wurde es aber den beiden Männern zu viel. „Das ist mir eine schöne Geschichte,“ rief Althoff, „da weint ihr alle drei statt zu jauchzen und fröhlich zu sein! Lieber Freund,“ wandte er sich zu Andres, „an Ihrer Stelle ließe ich es mir nicht gefallen, daß eine solche Freudenbotschaft mit Tränen begossen wird. Laßt uns dieselbe mit etwas andrem begießen, und auf das Wohl des jungen Paares anstoßen. Halt! Ich habe eine Idee! Nellie, Weib, wo sind die Weinkellerschlüssel? Daran werden Sie sich auch noch gewöhnen müssen, lieber Doktor, daß die Frauen alles unter Verschluß halten, sogar den Weinkellerschlüssel, am sichersten aber den – Hausschlüssel!“

Dabei warf er einen neckisch herausfordernden Seitenblick auf seine Frau.

„O du verleumderisches Mann,“ rief diese und nahm den Schlüssel aus einem zierlichen Körbchen. Er hob ihr Kinn in die Höhe und sah ihr in die Augen.

„Bist du mir böse, Schatz?“ fragte er zärtlich.

„Natürlich, du schreckliches Mann,“ antwortete sie und gab ihm scherzend einen Schlag.

„Au,“ rief er, „so wird man nun von seiner eigenen Frau behandelt! Erst sagt sie ‚schreckliches Mann‘ und dann haut sie einen sogar. Doktor, heiraten Sie lieber nicht, ich rate es Ihnen!“

Er lachte mit dem ganzen Gesicht in ausgelassener Laune, denn es machte ihm großen Spaß, seine Frau zu necken. Mit geheimnisvoller Miene verschwand er jetzt mit Nellie. Ilse folgte ihnen, weil sie sich höchst überflüssig bei dem Brautpaar fühlte.

Im Eßzimmer hörte man bald darauf ein geschäftiges Hinundherlaufen. Türen klappten, Gläser klangen, dazwischen tönte fröhliches Lachen und Sprechen. Nach einer Weile wurden die Flügeltüren geöffnet und das Brautpaar feierlich hereingeführt. Trotz der Kürze der Zeit hatten es die Freunde verstanden, alles festlich herzurichten. Die große bronzene Hängelampe strahlte in hellem Glanze. In den Wandleuchtern brannten Kerzen, deren Licht sich in den Gläsern und Krügen spiegelte, die ringsherum auf dem Wandgesims aufgestellt waren. Über den einladend besetzten Tisch war eine altdeutsche Spruchdecke gebreitet, und in der Mitte hatte Nellie ihre Blumen und Blattpflanzen malerisch aufgebaut. Daneben standen alte Meißner Schalen, mit Kuchen und Früchten gefüllt, während aus einem Champagner-Kühler einige Silberhälse hervorschauten. In dem Spitzglas, das auf Orlas Platze stand, duftete ihr ein Sträußchen aus Myrten und Maiblumen entgegen. Die sinnige Nellie hatte es aus den Blüten gebunden, in deren Anblick Orla sich so eifrig versenkt hatte, als Andres eintrat.

„Nellie, Ilse, Herr Doktor, wie kann ich euch danken für soviel Liebe und Freundschaft!“ rief Orla bewegt und auch Andres war voller Dankbarkeit für diese Überraschung. In heiterster Stimmung nahm die kleine Gesellschaft Platz. Helle Freude glänzte auf allen Gesichtern. Die Champagnerpfropfen knallten, und als die Gläser gefüllt waren, ergriff Doktor Althoff das seinige und ließ mit herzlichen Worten das neuverlobte Paar leben. Unter Scherzen, Lachen und Necken flogen die Stunden dahin. Nur eine stimmte nicht aus vollem Herzen mit in den Jubel der übrigen ein, das war unsre Ilse. Dem glücklichen verlobten Paare gegenüber kam sie sich wie eine verlassene Braut vor. Eine unerklärliche Bangigkeit rief immer neue Zweifel bei ihr hervor und machte sie beklommen. Fortwährend beängstigten sie quälende Fragen. Liebte er sie noch? Würde er ihr verzeihen? Ihr bangte vor den kommenden Tagen. O, könnte sie doch die Zeit verwischen, die ihm und ihr so viel Trübsal bereitet hatte, den Mißton fortzaubern, der die Eintracht ihrer Seelen störte. Ja, was half nun alle Reue? Die verflossenen Wochen und Monate kamen nicht wieder, sie waren ihnen beiden für immer verloren. Um wieviel frohe, glückliche Stunden hatte sie sich betrogen! –

Spät in der Nacht erst trennte man sich. Die Lichter erloschen, und die junge Braut, mit den verwelkten Maiblumen an der Brust, ging mit Ilse in das gemeinsame Schlafzimmer. Sie nahm die kleinen Glöckchen, die traurig die Köpfe hängen ließen, und legte sie zwischen die Blätter eines Buches.

„Zur Erinnerung an diesen Tag,“ sagte sie zu Ilse, welche auf ihrem Koffer saß und der Freundin mit schwermütigen Augen zusah.

„Wie ich dich beneide, Orla,“ sagte sie leise, „du wirst deinem Rudolf niemals Gram bereiten, du wirst ihn glücklich machen, denn du bist keine kleinliche Natur, wie ich es bin.“

„Aber Kind, was fällt dir ein, wie kannst du so mutlos sprechen? Du bist ein kleiner Tollkopf, dessen Trotz in der Pension gebändigt wurde und nun durch die zu große Nachgiebigkeit deiner Eltern, deines Verlobten wieder zum Vorschein kam. Aber jetzt wirst du, wie ich bestimmt glaube, für immer geheilt sein. Nur nicht zaghaft, Ilse! Ich kann mir gar nicht denken, daß es so schwer fällt, dem liebsten Menschen auf der Welt ein gutes Wort zu geben, wenn man ihn gekränkt hat.“

„Wirklich, Orla?“ fragte Ilse, der eine solche Ansicht aus diesem Munde maßgebend war, „würdest du deinen Bräutigam in einem ähnlichen Fall um Verzeihung bitten können? Und das würde dir nicht schwer werden?“

„Gewiß nicht,“ antwortete die Freundin, „für den Mann, den ich liebe, würde ich alles tun.“

Ilse schwieg. Sie hatte geglaubt, die stolze Orla könnte sich nie soweit demütigen. Aber nun diese erklärte, daß sie ohne Scheu ihren Bräutigam um Verzeihung bitten würde, wenn sie ihn gekränkt hätte, schien es ihr, als ob sie durch dieses Geständnis von ihrem Stolz nichts einbüßte und deshalb noch lange keine unterwürfige Natur zeigte. Orla war herangetreten und legte die Hand auf Ilses lockiges Haar.

„Geh nur zu ihm, Kind, du vergibst dir dadurch nichts, sondern machst nur die Fehler wieder gut, zu denen dich dein leidenschaftlicher Sinn hingerissen hat.“

„Glaubst du das wirklich, Orla? Ach, ich kann dir nicht sagen, wie ich den Tag herbeisehne, der uns unser Glück zurückgibt. Ich war töricht, ich weiß es, ich habe unrecht gehandelt und bereue –“

„Halt,“ unterbrach sie Orla, „ich darf deine Beichte nicht anhören, nur deinem Leo darfst und mußt du dies alles sagen. – Aber nun wollen wir schlafen, sonst sind wir morgen früh nicht zur rechten Zeit wach, und du versäumst den Zug.“

„Orla, ich habe noch eine Bitte an dich.“

„Nun?“

„Erzähle deinem Bräutigam, was zwischen Leo und mir vorgefallen ist. Ich habe mich ihm gegenüber einmal recht kindisch benommen und ihm keine Aufklärung gegeben. Ich wollte es immer tun und konnte mich doch nicht entschließen, die Sache nochmals zu berühren. Jetzt aber, da du mit ihm verlobt bist und er mir dadurch viel näher gerückt ist, soll er alles wissen.“

Orla drohte lachend mit dem Finger.

„Das sind ja nette Geschichten, die ich da zu hören bekomme. Ihr beide habt Geheimnisse miteinander, da bin ich doch begierig, das nähere zu erfahren. Doch nun ernstlich, gute Nacht, ich bin so müde, daß mir die Augen zufallen.“

Ilse merkte wohl, daß Orla nur Müdigkeit vorschützte, um nicht mehr sprechen zu müssen, sondern ungestört träumen und denken zu können. Schweigend begaben sie sich zur Ruhe und lagen mit geschlossenen Augen da, aber noch lange wollte sich der Schlaf nicht einstellen. Beide kämpften mit dem stürmisch bewegten Herzen. Orlas Seele erbebte noch von dem Nachhall des seligen Glücks, das ihr der heutige Tag gebracht hatte, und Ilse ließ die Sehnsucht nach dem Geliebten spät erst Ruhe finden.

Der dämmerige Wintermorgen war schon längst angebrochen, als ein kräftiges Klopfen an der Türe die beiden Schläferinnen aus ihren Träumen erweckte. Die Fräulein müßten schnell aufstehen, rief das Mädchen, denn es sei schon sehr spät. –

Und nun war der Augenblick des Abschiednehmens gekommen, zur Abfahrt bereit stand Ilse auf dem Bahnhof. Die Freunde hatten sie natürlich begleitet. Während Althoff das Billet besorgte, schritt das Brautpaar selig plaudernd auf dem Perron hin und her. Ilse und Nellie aber standen Hand in Hand zusammen. Die Trennung wurde beiden sehr schwer, das sah man an ihren verweinten Augen; auf Ilses Wangen perlten noch immer die Tränen in hellen Tropfen.

„Ach, Nellie, wäre doch erst alles wieder gut, ich kann dir nicht beschreiben, wie es mir ums Herz ist.“

„O, du mußt nicht so bänglich sein, liebe Ilse, du hast so gute Eltern, eine so liebe Schatz, sie werden dich mit geöffneten Armen aufnehmen. Du brauchst wirklich keine Angst zu haben, du mußt nur standhaft sein, willst du mir das versprechen?“

Ilse nickte, aber ihre dunklen Kinderaugen hatten noch einen sorgenvollen Blick, und der tiefe Seufzer, der sich ihrer Brust entrang, bewies, daß die tröstenden Worte der Freundin sie nicht vollständig zu beruhigen vermochten.

Andres und Orla traten jetzt heran, und Ilse verbarg ihr Gesicht in den duftenden Blumen, welche ihr die Freunde zum Abschied geschenkt hatten, damit Orlas forschende Augen nicht entdecken sollten, daß sie abermals von Zweifeln gequält wurde, – vor ihr wollte sie sich stark zeigen.

Jetzt kam auch Nellies Mann mit Fahrkarte und Gepäckschein, und nach wenigen Minuten brauste der Schnellzug herein, der Ilse in die Heimat entführen sollte. Noch ein letztes Mal hielten sie Nellies Arme innig umschlossen, unter Schluchzen dankte Ilse der treuen Freundin für alle Liebe und Freundschaft, die sie ihr erwiesen hatte. Dann küßte sie Orla und verabschiedete sich von den Herren. Nun stand sie am offenen Coupéfenster, und langsam setzte sich der Zug in Bewegung.

„Grüße mich deine lieben Eltern recht schön und das süße Baby!“ rief Nellie.

„Und schreibe bald,“ mahnte Orla.

„O ja, _darling_, du mußt uns dein glückliches Ankunft sofort auf eine Postkarte mitteilen, vergiß nicht.“

„Nein, nein, ich schreibe euch sofort,“ beteuerte Ilse.

Bis zum Ende des Perrons hatten die Freunde den Zug begleitet, dann blieben sie stehen und sahen der scheidenden Ilse grüßend und winkend nach, bis der letzte Zipfel von ihrem Schleier verschwunden war.

Auch sie schloß das Fenster erst, als nichts mehr von den Zurückbleibenden zu erblicken war. Dann nahm sie ihren Platz ein und schaute wehmütig durch die Scheiben.

Bald war auch das letzte Haus der kleinen Stadt, die ihr während ihres Aufenthaltes lieb und vertraut geworden war, ihren Blicken entschwunden. Über weite, öde Schneeflächen schweifte ihr Auge, dann bemerkte sie eine Gruppe von kahlen Bäumen, auf denen sich Scharen von Krähen niedergelassen hatten, die bei dem Geräusch des herannahenden Zuges mit lautem Gekreisch von den dürren Zweigen aufflatterten und davonflogen.

Ilse lehnte sich zurück und schloß in Gedanken verloren die Augen. Als sie die Heimat verließ, war es Herbst gewesen, welke Blätter wirbelten durch die Luft, Sturm und Regen waren ihre Reisebegleiter. So stürmisch wie draußen sah es damals in ihrer Seele aus, leidenschaftliche Gefühle wogten in ihrer Brust, und ihre Gedanken wirbelten gleichfalls durcheinander, wie die dürren Blätter. Heute begriff sie nicht und konnte nicht fassen, wie sie zu der abenteuerlichen Reise gekommen war. Sie verwünschte ihr unbändiges Wesen, das ihr schon so viele Stunden getrübt, so manchen heißen Kampf gekostet.

Hatte sie denn nicht alle Ursache, froh und zufrieden zu sein, war sie nicht ein verzogenes Kind des Glücks, vor tausenden bevorzugt? War man nicht immer bemüht, sie zu erfreuen, und wie hatte sie bisher alle diese Liebe vergolten? Um viele Erfahrungen reicher und durch Prüfungen gereifter, kehrte sie jetzt heim. Das Leben hatte ihr in buntem Wechsel gezeigt, daß Freud und Leid dicht zusammen wohnen, und daß der ein Tor ist, der die schönen Stunden, welche es bietet, nicht dankbar genießt, sondern in kindischem Übermut zerstört. Vernünftig und fügsam war sie wohl in der Pension geworden, aber auf wie lange? Durch die stete Nachgiebigkeit ihres Vaters und die blinde Liebe Leos war ihr alter Trotz bald wieder hervorgebrochen. Aber jetzt kehrte sie für immer geheilt zurück, hatte sie doch das bestimmte Gefühl, daß sie nicht wieder in ihren alten Fehler zurückfallen würde.

Orlas strahlendes Gesicht tauchte in diesem Augenblick vor ihr auf, und sie beneidete die Freundin fast um ihr Glück, welches sie sich gewiß nie durch kleinliche Zweifel trüben würde. Der Mann, dem Orla ihr Herz geschenkt hatte, durfte sicher sein, daß sie ihm kein unverdientes Leid zufügen werde. Aber konnte sie denn nicht dem guten Beispiel Orlas folgen und ebenso werden, wie diese? Lag das nicht einzig und allein in ihrer Hand?