Part 16
Orla war näher getreten und sah mit wehmütigen Blicken auf ihn nieder. Ruhig und friedlich war der Ausdruck seines Gesichtes, das wachsbleiche Profil hob sich scharf von dem dunklen Grund der Wand ab, die Hände lagen über der Brust zusammengefaltet. Sie ließ sich auf einem Stuhle nieder, der dicht am Bett stand, und betrachtete lange das Antlitz des Verblichenen. So im besten Mannesalter zu sterben, das mußte schrecklich sein, – und doch, konnte man ihn beklagen, der das Leben verließ, dem Unglück und Leid nun nichts mehr anzuhaben vermochten? Nein, zu beklagen waren die, die ihn beweinten, die trauernde Witwe, das verwaiste Kind. Ihnen hatte der erbarmungslose Tod den Gatten, den Vater geraubt.
Ein leiser Schritt hinter Orla ließ sie aufblicken; es war Andres, der ihr ernst die Hand entgegenstreckte und dessen Blässe verriet, daß er am Totenbette seines Freundes und Vorgesetzten viel gelitten hatte. Schweigend sah er auf den Toten, indem er Orlas Hand in der seinen behielt. Dann wandte er sich ihr zu, und seine Augen versenkten sich in die ihrigen.
„Ihr künftiger Beruf wird Sie an manches Totenbett führen und oft werden Sie bitter empfinden, wie schwach die Hilfe des Arztes ist, wenn er verzweifelt nach Mitteln sucht, und wie armselig ihm seine Wissenschaft vorkommt, wenn er in brechende Augen sieht, ohne Rettung bringen zu können. Werden Sie das ertragen, Orla, wird das nicht zu viel sein für ein zartes Weib?“
Es war zum ersten Male, daß er sie beim Vornamen nannte. Flüsternd und schnell hatte er gesprochen und fast flehend hatte seine letzte Frage geklungen. Sie antwortete ihm nicht darauf, – hatte er nicht recht und war es nicht gewagt für ein Weib, von Natur die Schwächere, von ihrem Körper abhängig, daß sie glaubte, sich an die Seite ernster Männer zu stellen, wie sie ringen und kämpfen zu können, um der leidenden Menschheit zu helfen? Zum ersten Male am Bett dieses Toten war ihr der Gedanke gekommen, daß es schwer sein müßte und daß das Gemüt einer Frau sich wohl nie daran gewöhnen würde, dem unerbittlichen Tod so oft ins starre Antlitz zu blicken. Es waren also ihre eigenen Gedanken gewesen, welchen der junge Arzt Worte verliehen hatte. Wie deutlich verstand er in ihrer Seele zu lesen!
Die Türe wurde jetzt geräuschlos geöffnet, und ein Luftzug drang durch das Fenster, der die Gardinen bewegt, und das junge Paar streifte. Flora mit Ilse und Nellie traten ein, letztere im Hut und Mantel, da sie im Begriff war fortzugehen. Die junge Witwe schien um Jahre gealtert, ihre Augen waren tief eingesunken und ihr Gesicht aschgrau. Unheimlich starren Blickes sah sie auf ihren Mann, wie gebrochen sank sie auf dem Stuhl am Bette nieder und legte den Kopf auf ihre Arme, welche krampfhaft die Stuhllehne umklammerten. Ilse unterdrückte mit Mühe ein lautes Schluchzen, sie hatte noch nie eine Leiche gesehen und mußte ihre zitternde Gestalt fest auf Nellies Arm stützen, als sie nun ängstlich in das regungslose Antlitz schaute, das vor ihr in den weißen Kissen lag. In heiliger Scheu und Andacht umstanden sie alle das Lager des Geschiedenen, nichts unterbrach die feierliche Stille des Sterbezimmers. Plötzlich ertönte draußen eine weinende Kinderstimme, man hörte trippelnde Füßchen über den Vorplatz eilen; im nächsten Moment schnellte die Türklinke auf, und die kleine Käthe kam ins Zimmer gelaufen. Einen Augenblick staunte sie die tiefernsten Gesichter an und sah verwundert von einem zum andern, dann erblickte sie ihren Papa in seinem Bett, und durch die hellen Tränen schimmerte in ihren Augen ein glückseliges Lächeln.
„Lieber, lieber Papa, nun bin ich wieder bei dir und gehe nicht mehr fort,“ sagte sie zärtlich.
Orla trat zu der Kleinen und wollte sie fortführen, sie klammerte sich aber an das Bett und fing jämmerlich an zu weinen.
„Nein, ich will hier bleiben,“ rief sie und fragte dann:
„Schläfst du denn noch, lieber Papa? Bitte, bitte, wache doch auf, ich will dir ja guten Morgen sagen. Aber Papa, so höre mich doch!“ drängte sie endlich ungeduldig, und als sie keine Antwort erhielt, stellte sie sich auf die Fußspitzen und sah ihm ins Gesicht. Und wieder rief sie ihn schmeichelnd, und ihre kleinen Finger strichen liebkosend über seine erstarrten Hände. Aber schaudernd fuhr sie zurück, und wie eine unbewußte Ahnung überflog es ihre kindlichen Züge.
„Papa, Papa!“ schrie sie laut, „warum bist du denn so kalt, lieber Papa, warum wachst du nicht auf?“ Furchtsam wich sie von ihm zurück, ihre großen angstvollen Augen fortwährend auf das bleiche Antlitz gerichtet.
Nun trat Andres zu dem Kind und wollte es fortbringen; in demselben Augenblick sah Flora wie aus einem Traum erwachend um sich, und als sie das kleine, hilflose Geschöpf jammernd und klagend am Bette seines Vaters erblickte, da sprang sie auf und fiel mit einem lauten Schrei vor ihm nieder, drückte es heftig an sich, und ein heißer Tränenstrom erleichterte die Qualen ihres Herzens. Mit einem Male schien die Liebe für die kleine Waise in ihr erwacht zu sein und sie bedeckte ihr Gesicht mit leidenschaftlichen Küssen. Aber für Käthchen waren Zärtlichkeiten ihrer Mutter etwas ganz Fremdes und sie entwand sich deshalb schnell ihrer Umarmung.
„Laß mich, ich will zu meinem Papa!“ rief sie und blickte Flora feindselig an. „Ich mag dich nicht, ich habe nur meinen Papa lieb,“ setzte sie noch hinzu, ohne das geringste Mitleid für die schluchzende Gestalt, die auf dem Boden kniete und die Hände rang. Erbarmungslos sprach der Kindermund sein Urteil aus.
Die traurige Szene erschütterte alle aufs tiefste, und um derselben ein Ende zu machen, nahm Andres jetzt das Kind auf den Arm und trug es aus dem Zimmer. Vertrauensvoll umschlang Käthchen seinen Hals und legte das Köpfchen an seine Schulter, denn diesen Onkel hatte sie gern, er gab ihr stets so freundlich die Hand, wenn er ihr auf der Straße begegnete, und hatte ihr oft Spielsachen mitgebracht, wenn er zum Papa gekommen war.
Nellie war zu Flora getreten, die laut weinte.
„Komm, liebe Flora, wir wollen in das andre Zimmer gehen.“
Willenlos ließ sie sich fortführen, Orla und Ilse, deren weiches Gemüt unter diesen Vorgängen entsetzlich litt, folgten ihnen.
Nellie hatte Hut und Mantel wieder abgelegt, trotz Orlas inständiger Bitte, nach Hause zu gehen. Sie konnte sich nicht entschließen, Flora in ihrem Schmerz zu verlassen, besonders da diese sie flehentlich bat, bei ihr zu bleiben. Mitleidsvoll umstanden die Freundinnen die Ärmste, die sich nicht fassen konnte und verzweifelt schluchzte. Sie hätten ihr so gern ein Wort des Trostes gesagt, aber keine vermochte es über die Lippen zu bringen. Gab es denn auch Trost für sie?
„Liebe Flora, du darfst dir nicht aufregen,“ brachte Nellie endlich hervor, „denke an deine süße Baby, das nur dich noch hat auf die große Welt.“
„Nellie,“ schrie die Unglückliche auf, „ach es ist nicht zum ertragen! Das Kind wendet sich jäh von mir, und hat es nicht recht? Bin ich ihm eine treue Mutter gewesen, dem Vater eine pflichttreue Frau? Jetzt erst fühle ich, daß ich ihn geliebt habe, daß ich mich nur im Trotz von ihm wandte, weil ich glaubte, er wolle mich nicht verstehen. Ich bin schuld an seinem Tode, hätte ich ihn nie zu dieser unglückseligen Schlittenpartie gezwungen! Dort, dort hat er sich den Tod geholt. Liebe, einzige Nellie, nie kann ich wieder froh werden, mit dieser Qual, dieser Reue im Herzen, immer sehe ich sein brechendes Auge vorwurfsvoll auf mich gerichtet! Wenn er noch lebte, wollte ich anders werden, aber nun ist alles vorbei, er ist von mir gegangen, ohne mir verziehen zu haben!“
„O nein, so darfst du nicht sprechen, so nicht,“ sagte Nellie mit tränenerstickter Stimme und versuchte die Weinende mit liebevollem Worten zu beruhigen.
Ilse hatte bei Floras Selbstanklage ihr Herz in hämmernden Schlägen gefühlt, ihr Inneres bebte bei jedem ihrer Worte. Wie furchtbar war es doch, wenn die Reue zu spät kam und Tag und Nacht keine Ruhe ließ! Mußte es nicht zum Verzweifeln sein? Mit einem Schlage war Flora zum Bewußtsein gekommen, jetzt jammerte und klagte sie, da es nichts mehr half, da der Mund ihres Mannes für immer geschlossen war und ihr kein verzeihendes Wort mehr sagen konnte. Ein Angstgefühl schnürte Ilses Brust zusammen, daß ihr der Atem stockte. Dort in dem Zimmer, am Bette des Toten war es ihr wie Schuppen von den Augen gefallen, mit einem Male konnte sie klar sehen, und nun kam sie sich erbärmlich und klein vor und zitterte bei dem Gedanken, daß das Schicksal auch sie mit unbarmherziger Hand berühren könnte, wie es hier getan. War es denn so schwer, vergab sie sich etwas, wenn sie dem Manne, den sie liebte, den sie durch ihren Widerstand doch erst zum Äußersten gebracht hatte, zuerst die Hand zur Versöhnung reichte? Ja, war es nicht ihre Pflicht und Schuldigkeit, ihn um Verzeihung zu bitten, nach dem, was geschehen war? Mußte er nicht an ihrer Liebe zweifeln, als sie ihm durch ihre Flucht solche Kränkung zufügte? Orla hatte recht, sie war mit Blindheit geschlagen gewesen, von der sie nun endlich sich befreit fühlte.
Die Erfahrungen, welche sie durch den Einblick in das eheliche Leben ihrer Freundinnen gesammelt, hatte sie aufgeklärt, sie war eine andre geworden. Erschien ihr nicht Nellie als das Muster einer Gattin, war sie etwa widerspenstig, quälte sie ihren Mann mit kleinlichen Launen? Nein, sie war fügsam und nachgiebig. Gerade diese Eigenschaften waren es aber, die ihr den Reiz der echten Weiblichkeit verliehen.
Wie erschien ihr dagegen das Benehmen Rosis? Stieß nicht ihre Herrschsucht auf das unangenehmste ab? Sah Rosi denn nicht ein, daß sie ihren Gatten in den Augen andrer lächerlich machte, wenn sie den ihr gegenüber viel zu gutmütigen Mann dazu zwang, sich ihrem Willen zu fügen? Ilse verabscheute solches Wesen bei einer Frau, aber – so mußte sie sich eingestehen – war sie nicht auf dem besten Wege gewesen, wie jene zu werden?
Und wie unwürdig erst war ihr Floras Ehe vorgekommen! Sie hatte stets Mitleid für den armen Mann und das kleine Mädchen empfunden und war über Flora empört gewesen, die über ihre verschrobenen Ideen das Wichtigste vergaß. Ja, Ilse vermochte gut zu unterscheiden, ob eine Frau ihren Mann glücklich machte, sie hätte auch Rosi und Flora sagen können: so und so dürft ihr nicht handeln, wenn ihr eure Männer zufrieden sehen wollt. Warum gab sie diese guten Lehren nicht sich selbst, warum hatte sie sich nicht längst eingestanden, daß auch sie ihren Bräutigam durch ihren Eigensinn und Trotz betrüben mußte? Und verdiente er nicht volles ungestörtes Glück, da er ihr doch die beste, reinste Liebe gab? Und mußte er nicht in ihrer Achtung dadurch steigen, daß er sich einer kindlichen Laune von ihr nicht beugen wollte?
Diese Gedanken, welche auf Ilse nach dem traurigen Ereignis einstürmten, verfolgten sie wie böse Geister mit den bittersten Vorwürfen, den selbstquälerischsten Anklagen, sie fand keine Ruhe mehr und ging wie im Traume umher.
* * *
Doktor Gerber war in die Erde gesenkt worden, und der jungen Witwe wurde die lebhafteste Teilnahme entgegengebracht. Der Tod des allgemein geachteten und beliebten Mannes hatte überall großen Anteil erweckt, man beklagte Flora, bedauerte das vaterlose Kind. So jung und schon Witwe, das war ein harter Schlag für die arme Frau! Flora machte auch in den schwarzen Trauerkleidern, die das farblose Gesicht noch blasser erscheinen ließen, einen bedauernswerten Eindruck; müde und matt war ihre Haltung, die umränderten Augen blickten trübe und glanzlos. Sofort nach Empfang der Unglücksbotschaft waren ihre Eltern eingetroffen, und nun sollte sie mit dem Kinde wieder ins Elternhaus zurückkehren. Sie ließ alles über sich ergehen, fügte sich allem, was bestimmt wurde, und war vollständig haltlos geworden. Käthchen verlangte immer noch weinend nach ihrem Papa und fragte, ob er nicht bald wiederkäme, ob sie nicht zu ihm dürfe. Als man ihr sagte, daß der Papa im Himmel bei den lieben Engeln sei und sie ihn nicht sehen könne, beruhigte sich das gläubige Kindergemüt dabei. Aber die traurigen Gesichter um sie her machten sie niedergeschlagen, ihre großen Augen blickten sehnsüchtig und trübe, und um den kleinen Mund lagerte ein fast strenger Ernst. Flora wich sie noch immer ängstlich aus, nur der Großmutter war es gelungen, sie zutraulicher zu machen.
Unter heißen Tränen hatte die junge Frau von den Freundinnen Abschied genommen, ihr Schmerz brach dabei in seiner ganzen Heftigkeit wieder hervor. Die Unglückliche war nicht wiederzuerkennen; es schien, als hätte sie der furchtbare Schlag ganz umgewandelt. Ilse konnte das schmerzvolle Antlitz der Freundin nicht aus ihrem Gedächtnis verscheuchen, es stand ihr wie eine drohende Mahnung vor Augen und schien ihr zuzurufen: „Kehre um, ehe es zu spät ist!“
Den Freunden fiel ihr seltsam nachdenkliches Wesen wohl auf, und Nellie erriet, was in ihr vorging, aber sie fragte nicht, sie wollte, daß Ilse von selbst sagen sollte, was ihr Herz bewegte. –
Es war nur noch kurze Zeit bis zum Weihnachtsfest, als Ilse eines Abends in ihrem Stübchen saß und in ihrer Schreibmappe blätterte. Sie suchte den Brief, den sie in jener Nacht nach der Schlittenpartie an Leo geschrieben hatte. Er war nicht abgeschickt worden. Sie hatte ihn oft in den Händen gehabt und ihn immer wieder beiseite gelegt, ohne zu einem Entschluß zu kommen. Heute las sie ihn nochmals durch und zerriß ihn dann in kleine Stückchen, die sie im Ofen verbrannte. Nein, was sie dem Geliebten sagen wollte, sagen mußte, das konnte sie dem Papier nicht anvertrauen. Steif und gezwungen kamen ihr die Worte vor, die sie damals geschrieben hatte, ganz anders standen sie heute in ihrem Herzen geschrieben, das ihr Tag und Nacht keine Ruhe ließ vor heißer Sehnsucht nach Leo.
Er hatte sich – das wußte sie – bis Weihnachten Urlaub genommen, und Nellie erwähnte heute wie zufällig, daß er bereits zurückgekehrt sei. Da hatten ihre Augen aufgeleuchtet, und sie hatte geheimnisvoll gelächelt, als würde sie von etwas Freudigem bewegt. Und so war es auch! Als sie hörte, er sei wieder daheim, stand es in ihr fest, daß sie Weihnachten nicht ohne ihn verleben wollte. Sie konnte es kaum erwarten, bis sie sich zurückziehen durfte, denn heute abend wollte sie ihren Entschluß den Eltern mitteilen. Ein frohes Lächeln überflog ihre Züge bei dem Gedanken, daß sie die Lieben nun bald wiedersehen sollte, und sie schrieb einen langen, ausführlichen Brief an die Eltern.
„In wenigen Tagen bin ich wieder bei euch,“ hieß es zum Schluß, „aber verratet niemand meine Rückkehr, am wenigsten Leo.“ Die letzten Worte unterstrich sie zweimal.
Am andern Morgen teilte sie Nellie mit, daß sie den Eltern geschrieben und ihre Heimkunft zum Weihnachtsfest angemeldet habe. Es kam zögernd und zaghaft heraus, denn sie konnte ihre große Verlegenheit nicht bemeistern. Aber Nellies Gesicht strahlte förmlich bei dieser Botschaft und innig schloß sie die Freundin in ihre Arme.
„O _darling_,“ sagte sie gerührt, „ich wußte es ja, du würdest wieder zu dich kommen; o, nun ist alles wieder gut!“
„Nellie,“ fragte Ilse darauf leise, indem sie das erglühende Antlitz an der Freundin Schulter barg, „glaubst du daß er mir verzeihen wird?“
„O wie kannst du nur fragen? Er hat sein kleines Braut so lieb, wie glücklich wird er sein, wenn er dich wieder hat!“
Die beiden Freundinnen saßen noch lange Hand in Hand beisammen. Ilse hatte so viele Fragen auf dem Herzen, und die junge Frau mußte noch manchen Zweifel verscheuchen, noch manchen innern Streit schlichten, bis ihr schließlich helles, ungetrübtes Glück aus Ilses Augen entgegenlachte und diese ihre Freude auf das Wiedersehen mit Leo ganz unverhohlen zeigte.
Die Eltern schrieben umgehend wieder, und Ilse standen die hellen Tränen in den Augen, als sie las, wie groß die Freude zu Hause über ihre baldige Heimkehr war.
Es erfaßte sie nun eine Unruhe, eine Ungeduld, daß sie, so schwer ihr auch der Abschied von den Freunden wurde, doch kaum den Tag ihrer Abreise erwarten konnte.
So war der letzte Nachmittag, den sie bei den Freunden verbrachte, herangekommen. Sie war mit Nellie und Orla in die Stadt gegangen, um noch einige Einkäufe zu besorgen und Abschiedsbesuche zu machen. Als die ersteren erledigt waren, trennte sich Orla von ihnen, da sie nach Hause gehen wollte, um für den folgenden Tag noch zu arbeiten.
Sie wählte aber diesmal nicht den Weg durch die Stadt, sondern zog es vor, über den alten Festungswall zurückzukehren, der um diese Zeit meist menschenleer war. Die hohen, alten Linden, welche sich im Sommer zu einem grünen, schattigen Dach wölbten, trugen jetzt schwere Schneemassen, und in ihren Wipfeln saßen Scharen von Krähen. Durch den tiefen Schnee, der sich dicht an die mächtigen Stämme schmiegte, war nun ein schmaler Pfad gebahnt, auf dem Orla einherschritt. Links sah man in verschneite, zu Villen gehörige Gärten, rechts konnte das Auge weiter schweifen über die weißen Dächer der Stadt, über Felder und Wiesen bis zu den Umrissen einer fernen Hügelkette. Heute war nicht viel davon zu sehen, da die Ferne in einem grauen Nebel verschwand; auch das wirbelnde Schneegestöber ließ schwer etwas erkennen. Orla stand einen Augenblick still und sah in den lustigen Flockentanz vor ihren Augen. Sie bemerkte deshalb nicht, daß eine Gestalt ihr entgegenkam. Erst als diese neben ihr stehen blieb, erkannte sie Andres in derselben.
„Das ist ein glücklicher Zufall, daß ich Sie hier treffe,“ sagte er, indem er sie begrüßte. „Eben war ich bei Althoffs, fand aber das Nest leer.“
„Ja,“ erwiderte Orla, „meine Freundinnen und ich gingen in die Stadt, und ich habe mich von ihnen getrennt, da sie vorhaben, Abschiedsbesuche zu machen, während ich nach Hause gehen will, um noch zu arbeiten.“
„Darf ich sie begleiten?“ fragte er, da sie langsam weiter ging.
„Gerne, Herr Doktor,“ versetzte sie freundlich, und sie schritten auf dem engen Wege nebeneinander weiter.
„Es tat mir leid,“ fing er wieder an, „daß ich gerade heute niemand bei Althoffs traf; ich wollte erzählen, welches Glück mich betroffen hat.“
„So?“ fragte sie und sah ihn neugierig dabei an, „bitte, erzählen Sie mir doch, was Ihnen so Schönes begegnet ist?“
„Denken Sie nur, mir ist heute die Stelle des verstorbenen Doktor Gerber angeboten worden. Was sagen Sie dazu, bin ich nicht ein Glückspilz? Vom einfachen Assistenzarzt rücke ich so schnell vor und bin nun, sozusagen, ein gemachter Mann.“
Die helle Freude über das frohe Ereignis lachte aus seinen Augen, die erwartungsvoll auf Orla ruhten.
Sie reichte ihm aufrichtig die Hand.
„Ich gratuliere Ihnen von Herzen, das ist wirklich eine gute Botschaft, die Sie uns bringen wollten, Herr Doktor.“
Er hatte ihre Hand festgehalten, die sie ihm jetzt entzog.
„Wie werden sich Althoffs freuen,“ fuhr sie fort, „wenn ich ihnen die interessante Neuigkeit überbringe.“
„Sie sind die erste, welche sie erfahren hat, gnädiges Fräulein; ich kann nicht beschreiben, wie froh ich darüber bin, wie dieses Glück erst jetzt den rechten Wert für mich bekommt, da Sie es wissen und ich in Ihren Augen lese, daß Sie sich mit mir darüber freuen. Fräulein Orla, soll ich Ihnen sagen, warum mich dieses Anerbieten jetzt noch viel mehr beglückt, als es das zu andern Zeiten getan hätte? Darf ich sprechen, wie mir um das Herz ist?“
Er hatte eindringlich mit steigender Wärme geredet. Orla beschleunigte bei seinen Worten ihre Schritte, sie wagte nicht ihn anzublicken. Ihre angeborene Ruhe, ihre Sicherheit in allen Lebenslagen verließen sie, und sie sann vergebens nach, welche Antwort sie ihm geben solle. Er hatte in einer andern Sprache zu ihr gesprochen, die sie noch nicht kannte, seine Stimme ging ihr in einer Weise zu Herzen, wie es ihr bis jetzt noch niemals vorgekommen war.
Andres bemerkte ihre Erregung und drang nicht weiter in sie. Aber seine Augen blickten feurig und leidenschaftlich in ihr blasses Antlitz. Ihre feinen Nasenflügel bebten, zwischen den kühngeschwungenen, tiefschwarzen Augenbrauen lag eine Falte, und die schnellen Atemzüge verrieten ihre innere Unruhe. Schweigend gingen sie vorwärts, in beiden wogten die Gedanken und keines vermochte zu sprechen.
„Habe ich Sie beleidigt?“ fragte er endlich, da Orla den Blick noch immer geradeaus richtete und ihm der Ausdruck ihrer Züge jetzt fast streng erschien.
„Nein, nein,“ gab sie schnell zur Antwort, „womit sollten Sie mich beleidigt haben? Ich war nur so schweigsam eben, – weil ich an etwas Wichtiges dachte –.“ Sie wollte eine Entschuldigung vorbringen, wurde aber bei dieser Ausrede verlegen und beendete den Satz deshalb nicht.
„Wissen Sie schon,“ fuhr sie fort, indem sie schnell das Thema abbrach, „daß Ilse morgen abreist? Sie wollte erst nächste Woche fort, aber ihr Vater wünscht dringend, daß sie jetzt kommt. Sie wird uns sehr fehlen.“
Er fühlte sich von dieser Wendung des Gesprächs nicht angenehm berührt. Sie schien zu ahnen, was er ihr hatte sagen wollen, und suchte nun leicht darüber hinwegzugehen; begriff sie denn nicht, daß dies die schmerzlichsten Zweifel in ihm wachrufen mußte? Und doch mußte er sich wieder sagen, daß die Scheu vor seiner Frage echt mädchenhaft und nur zu begreiflich war, und daß sie vielleicht deshalb so handelte, um Zeit zu gewinnen und sich zu sammeln. Er wußte ja genau, daß sie keine Kokette war, die nur mit ihm spielen wollte, und daß ihr auch in diesem Augenblick nichts ferner lag, als ihm die Aussprache dessen, was er ihr sagen wollte, zu erschweren. Scheinbar ruhig und unbefangen ging er auf ihr Gespräch ein.
„Werden Sie denn Weihnachten zu Hause verleben?“ fragte Orla wieder.
„Ja, ich reise zu meiner Mutter und werde bei ihr die Ferien zubringen.“
„Wollen Sie die ganze Ferienzeit fort bleiben?“ entgegnete sie wider Willen betroffen.
„Die ganze Ferienzeit!“ wiederholte er mit einem freudigen Aufblitzen in seinen Augen.
„Wie schade,“ gestand sie offen, „dann sehe ich Sie also erst im neuen Jahre wieder. Das Fest wird gewiß für uns ein recht stilles sein, da Ilse fort ist und Sie auch fehlen. Ich werde die Ferienzeit benutzen, um fleißig mit Doktor Althoff zu arbeiten.“
Sie seufzte leise, wohl unbewußt.
„Werden Sie zaghaft, wenn Sie an ihren künftigen Beruf denken, Fräulein Orla?“
„Nein,“ erwiderte sie rasch, „ich habe mir meinen Beruf ja selbst gewählt, wie könnte ich da zaghaft sein? Halten Sie mich für so wankelmütig, Herr Doktor?“
Er schüttelte den Kopf. „Nein, ich weiß, Sie sind anders wie die meisten ihres Geschlechts, und ich komme nur zu dieser Frage, weil Sie seufzten und ich annahm, dieser Seufzer gelte Ihrer Zukunft.“
„Ja, meiner Zukunft galt er allerdings, da haben Sie recht. Wenn ich auch nicht zittere und zage, so bin ich mir doch klar bewußt, daß ich keiner leichten Zeit entgegengehe. Was muß noch alles in meinen armen Kopf hinein! Und dann die Examina, – wenn ich daran denke, wird mir doch etwas bänglich zu Mute. Nicht wahr, die sind sehr schwer? Wenn meine Examinatoren nur nicht zu streng sind und etwas gnädig mit mir verfahren.“
„Ich wüßte einen Ort,“ warf er fast schüchtern ein, „wo Sie ein leichtes Examen bestehen könnten. Ich kenne den einen Examinator, wie mich selbst, und weiß, daß er Ihnen keine Frage stellen würde, die Sie nicht beantworten könnten.“
„Wie heißt dieser Ort?“ fragte sie ahnungslos und sah ihn voller Erwartung an.
Das geheimnisvolle, schelmische Lächeln in seinem Gesicht, als er jetzt weiter sprach, ohne ihre Frage zu beantworten, bemerkte sie nicht.
„Ja, ich weiß sogar, daß der bewußte Examinator, wenn Sie ihm seine erste – allerdings schwerwiegende – Frage richtig und zur vollsten Zufriedenheit beantwortet haben, überhaupt keine weiteren Fragen an Sie richten wird.“
Sie sah ihn mit ihren großen Augen erstaunt an.