Trotzkopf's Brautzeit

Part 15

Chapter 153,739 wordsPublic domain

Müde schloß sie die Augen, und der gestrige Tag zog noch einmal beängstigend an ihrem Geist vorüber. Was hatte sie gelitten, welche Qualen ausgestanden, als sie die leidenschaftlichen Augen des Referendars dicht vor den ihrigen sah, seinen heißen Atem fühlte und festgebannt wie eine Gefangene ihm nicht entrinnen konnte. Sie dachte sich in der Braut des Verhaßten ein stilles, sanftes Mädchen, das mit zuversichtlicher Liebe und in vollem Vertrauen zu ihm aufblickte. Wenn sie wüßte, wie sie hintergangen, auf die erbärmlichste, niedrigste Weise getäuscht wurde! Sie hätte nicht gedacht, daß ein Mensch so schlecht sein könnte, denn das Leben hatte ihr bis jetzt nur seine lichten Seiten gezeigt; die dunklen hatte sie noch nicht kennen gelernt, sie wußte noch so viel wie nichts von Schlechtigkeit und gemeiner Gesinnung. Treu sorgende Eltern hatten von ihr alles fernzuhalten gewußt, was ihr kindlich reines Gemüt hätte trüben können.

Wie umstrahlt von hellem Licht erschien ihr jetzt Leo, zum ersten Male kamen ihr seine guten und edlen Eigenschaften so recht zum Bewußtsein. Ob er wohl je so von ihr sprechen würde, wie dieser Lüders über seine Braut sprach? Nein, nie, das wußte sie. Kein bitteres Wort über sie würde aus seinem Munde kommen, trotzdem sie im Zorn und Groll von ihm geschieden war. Wann sehe ich ihn wohl wieder? dachte sie, und die bange Sorge um ihn erweckte ihr die Vorstellung, daß er krank sein könnte, ja vielleicht sterben müßte, ohne daß sie ihn jemals wiedergesehen und erfahren hätte, ob er ihr noch gezürnt habe. Ihre krankhafte Phantasie malte dieses Ereignis in den grellsten Farben aus, es entlockte ihr heiße Tränen, Tropfen auf Tropfen stahl sich durch ihre geschlossenen Augenlider und fiel auf ihre Wangen herab. –

Im Nebenzimmer wurden jetzt Schritte hörbar und sie hörte Nellie sagen:

„Bitte, Herr Doktor, treten Sie hier herein.“

Schnell fuhr Ilse in die Höhe und wischte sich mit dem Tuch über ihre Augen. Orla, die am Fenster saß, sah von ihrem Buche auf, als sich jetzt die Tür öffnete. Als aber statt des erwarteten Doktor Gerber sein junger Assistenzarzt erschien, entglitt das Buch ihren Händen und sie bückte sich schnell, um es aufzuheben. Wieder konnte sie eine Verlegenheit nicht verbergen, als er jetzt vor ihr stand und ihr die Hand reichte. Sie war ärgerlich auf sich selbst, und als er sie freundlich fragte, wie ihr die Schlittenpartie bekommen sei, gab sie ihm nur eine kurze Antwort und lenkte dann schnell die Aufmerksamkeit von sich auf Ilse ab.

„Hier sehen Sie nur, Herr Doktor, unsre arme Ilse, welche Folgen die Schlittenpartie für sie gehabt hat; da liegt sie nun, ein Bild des Jammers und der Leiden. Übrigens,“ sie hatte jetzt ihre volle Fassung wiedergewonnen, „wie kommt es, daß Sie uns besuchen, da doch nach Doktor Gerber geschickt worden war?“

„O ja, Orla, höre nur,“ fiel Nellie ein, „lauter Patienten! Das arme Mann liegt krank im Bette und hat der ganze Nacht phantasiert. Als unsre Botschaft kam, war gerade Herr Doktor Andres bei ihm und kam gleich hierher, arm Ilschen zu kurieren.“

„Er ist doch nicht gefährlich erkrankt?“ fragte Orla, als sie bemerkte, daß sein Gesicht bei Nellies Bericht merkwürdig ernst geworden war.

„Ich fürchte fast; noch läßt sich keine bestimmte Diagnose stellen, aber alle Anzeichen sind vorhanden, daß eine Lungenentzündung im Anzuge ist.“

Er hatte Ilses Handgelenk umfaßt, zog die Uhr heraus und zählte die Pulsschläge. Dann untersuchte er ihren Hals und erklärte, daß eine leichte Halsentzündung vorhanden wäre. Sie sollte sich einige Tage schonen und würde dann bald wieder gesund sein. Er traf noch einige Anordnungen, verschrieb ihr was zum Gurgeln und sagte scherzend zu Orla, daß sie jetzt sein Assistent sein und ihm morgen genauen Bericht über seine Patientin erstatten möge.

Jeden Tag erschien Andres pünktlich zu derselben Stunde, und stets fand sich auch Orla ein, wenn er kam. Ilse mußte noch immer auf dem Sofa liegen, obgleich sie behauptete, sich wieder ganz wohl zu fühlen. Aber da es der Doktor so anordnete, wagte sie nicht, sich zu widersetzen, und ließ es sich schließlich ganz gern gefallen, daß sie auf das liebevollste gepflegt und verhätschelt wurde. Einige Male hatte sie Orla dabei ertappt, daß sie zu der Zeit, wenn Andres zu kommen pflegte, erwartungsvoll durchs Fenster blickte. Sie teilte ihre Beobachtungen Nellie mit und auch diese hatte schon bemerkt, daß der junge Mann Orla nicht gleichgültig geblieben war, und daß auch seine Augen strahlten, wenn er mit der Russin sprach. Und als Ilse wieder gesund war und seine ärztlichen Besuche aufhörten, da war er ein Freund des Hauses geworden, ein häufiger, gern gesehener Gast bei Althoffs.

* * *

Leider ging es Floras Mann nicht so gut, wie Ilse, sein Zustand hatte sich von Tag zu Tag verschlimmert, er war schwer an einer Lungenentzündung erkrankt. Andres hatte noch einen zweiten Arzt hinzugezogen und beide blickten mit großer Besorgnis in die nächste Zukunft. Die Freundinnen standen Flora in dieser schweren Zeit treu zur Seite, täglich kam eine, um zu helfen und zu raten; denn Flora war in der Krankenpflege ganz unerfahren und ungeschickt. Sie hatte im Anfang die Krankheit ihres Mannes mit großer Sorglosigkeit angesehen; als aber das hohe Fieber nicht weichen wollte, die Kräfte ersichtlich abnahmen und sie die besorgten Gesichter der beiden Ärzte sah, da fiel es ihr plötzlich wie Schuppen von den Augen, und eines Tages war sie Nellie weinend um den Hals gefallen und hatte ihrem geängstigten Herzen Luft gemacht. Nellie hatte sie auf das liebevollste getröstet und ihr Mut eingesprochen. Als sie dann aber den einst so kräftigen Mann abgemagert und teilnahmlos in den Kissen liegen sah, da vermochte sie selbst die Tränen nicht zurückzuhalten, und auch nachher konnte ihr Gatte sie kaum beruhigen, als sie nach Hause kam und ihm erzählte, wie Gerber verändert und kaum wieder zu erkennen sei.

Wieder vergingen Tage, ohne die so heiß ersehnte Besserung zu bringen, und Flora, welche jeden Halt verloren hatte, weinte nur und klagte, selbst im Krankenzimmer konnte sie sich nicht beherrschen. Nellie hatte sich erboten, Käthchen mitzunehmen, da sie es nicht mehr mit anzusehen vermochte, wie das Kind am Bett seines Vaters kauerte, die großen Augen angstvoll auf sein eingefallenes Gesicht gerichtet, und leise seine Hände streichelte.

„Laß das Kind mit mich gehen,“ hatte Nellie gebeten, „es ist hier keine Ort für ihr.“ Und auch Andres, der zugegen war, meinte, es wäre besser für die Kleine, wenn sie in andre Umgebung käme, der fortwährende Aufenthalt in der Krankenstube könne ihr nur schaden.

Flora nahm Nellies Anerbieten gern an, und die junge Frau war sofort daran gegangen, Käthchens Sachen zusammenzupacken und alles Nötige zu besorgen. Aber so leicht, wie sie dachte, ließ sich das Kind nicht mitnehmen; es sträubte sich und wollte durchaus bei seinem lieben Papa bleiben. Nach unendlicher Mühe und vielen Liebkosungen Nellies gelang es ihr schließlich, Käthchen gegen das Versprechen, daß sie ihren Papa bald wiedersehen würde, und auf die Versicherung hin, daß dieser selbst wünschte, sie möge ein artiges Kind sein, zum Mitgehen zu bewegen. Alles war zum Empfang der Kleinen auf das reizendste vorgerichtet. Nellie hatte hübsche Spielsachen eingekauft, und die beiden jungen Mädchen versuchten, mit ihr zu spielen und zu scherzen. Es glückte ihnen aber nicht, ein Lächeln auf dem ernsten Kindergesicht hervorzurufen. Die Spielsachen blieben unberührt, und Käthchen fragte nur immer, ob ihr lieber Papa bald wieder gesund würde. Die weichherzige Ilse mußte sich abwenden, um ihre Rührung zu verbergen, sie konnte den traurig fragenden Blick in Käthchens Augen nicht ertragen. Als Nellie sie am Abend in das Bettchen brachte, das sie dicht neben das ihrige gestellt hatte, und die Kleine mit gefalteten Händen ihr Abendgebet hersagte, das mit der rührenden Bitte schloß: „Lieber Gott, mache meinen Papa recht bald wieder gesund,“ da ahnte das unschuldige Kindergemüt nicht, daß bereits der Todesengel unheilschwer über dem Haupte des Vaters schwebte.

„Nicht wahr, liebe Tante, der liebe Gott hat mich gehört?“ fragte sie Nellie, und als diese unter Tränen lächelnd nickte, legte sie das Köpfchen voll Vertrauen in die Kissen. Nellie blieb so lange am Bettchen sitzen, bis Käthchen fest eingeschlafen war. Die blassen Bäckchen hatten sich zart gerötet, und der kleine Mund lächelte im Schlafe. Fast andächtig blickte die junge Frau auf das schlummernde Kind, – konnte es etwas Süßeres, etwas Lieblicheres geben? Sie streichelte die kleinen Hände und lauschte den ruhigen, gleichmäßigen Atemzügen. Wie eine Mutter strich sie mit der Hand über die Kissen, daß auch kein Fältchen den Schlummer des kleinen Geschöpfchens stören sollte. Dann erhob sie sich, drückte einen leisen Kuß auf die reine Kinderstirn und schlich sich aus dem Zimmer.

„O, es liegt wie eine Engel, das kleine Mädchen,“ sagte sie zu Orla und Ilse.

Spät am Abend kam Doktor Andres, bleich, mit verstörter Miene. Es hatte ihn gedrängt, den Freunden noch mitzuteilen, daß man sich auf das Schlimmste gefaßt machen müßte. Das Fieber blieb trotz aller angewandten Mittel auf gleicher Höhe und die Kräfte verfielen zusehends. Alle waren über diese Botschaft tötlich erschrocken, und Nellie zeigte sich sofort bereit, zu Flora zu eilen.

„O nein, ich darf ihr nicht verlassen!“ rief sie, als man sie zurückhalten wollte. „O, Fred, laß mich! Ich rege mir viel mehr auf, wenn ich hier bleibe, während meine Gedanken doch bei ihr sind.“

„Dann gehe ich mit dir,“ entschied Althoff, der es schließlich auch ganz natürlich fand, daß seine Frau Flora in den schweren Stunden, vielleicht den schwersten ihres Lebens, nicht verlassen wollte. Der junge Arzt verabschiedete sich, er mußte wieder zu dem Kranken eilen. Orlas Hand behielt er länger als gewöhnlich in der seinen, und sein tiefer, ernster Blick ruhte mit Innigkeit auf ihrem Antlitz.

„Auf Wiedersehen!“ sagte er leise und ging fort.

Ilse hatte Nellies Sachen hereingeholt und half der Freundin mit zitternden Händen beim Anziehen. Wie ein Alp lastete es auf allen, und nur das Nötigste wurde gesprochen.

Das junge Ehepaar war fortgegangen, und es herrschte jetzt eine fast unheimliche Stille in dem Zimmer, in welchem sonst heiteres Lachen und Plaudern ertönte. Orla saß am Tisch, tief über ein Buch gebeugt. Ilse lehnte in der Sofaecke, die gefalteten Hände lagen in ihrem Schoß. Sie fürchtete sich grenzenlos, aber sie wagte nicht, Orla dies einzugestehen. Die kleine niedrige Lampe mit dem breiten Schirm beleuchtete hell den runden Tisch. Aber die übrigen Gegenstände im Zimmer außerhalb dieses Lichtkreises verschwanden in einem matten Halbdunkel. Nichts störte die nächtliche Ruhe, als das gleichmäßige Ticken der Uhr. Orla saß unbeweglich, scheinbar in ihre Lektüre vertieft, kaum daß sie mit der Wimper zuckte. Aber ihre Gedanken weilten heute nicht bei dem Inhalt des Buches, den sie mechanisch ablas. Sie hafteten an einer hohen, schönen Gestalt, von der sie sich nicht losreißen konnte, deren Bild sie im Wachen nicht verließ und bis in ihre Träume verfolgte. Mit doppeltem Eifer, als wollte sie es gewaltsam zurückdrängen, hatte sie gelesen und studiert. Sie war fast unzugänglich und sehr schweigsam gewesen, hatte immer hinter ihren Büchern gesessen, so daß ihr Lehrer, so sehr er sich über ihre Fortschritte freute, sie doch ernstlich ermahnte, ihre Kräfte zu schonen.

Nur wenn Andres kam, dann sprudelte sie über von Geist und Witz. Er erkundigte sich nach ihren Studien, sie fragte nach den Erlebnissen in seiner Praxis. Beide schienen dann nur für einander da zu sein, sie vergaßen völlig ihre Umgebung, und die sonst so kluge, überlegene Orla dachte nicht daran, daß die Freunde merken mußten, was sie als tiefstes Geheimnis in ihrem Herzen verschlossen zu halten glaubte.

Kleine harmlose Neckereien ließ sie sich lächelnd gefallen, aber jede ernste Anspielung wies sie entschieden zurück. Sie meinte, wenn zwei Menschen zusammen übereinstimmten und gemeinsame Interessen hatten, müßten sie nach der Ansicht der anderen natürlich gleich ineinander verliebt sein. Sie wäre überhaupt keine Natur zum Lieben geschaffen.

Nellie und Ilse als Erfahrenere in dieser Beziehung lächelten sich bei diesen Worten überlegen an und schwiegen.

Orla glaubte sich wirklich gefeit gegen die Liebe. Die kleinen Tändeleien und Liebschaften, welche andern so viel Freude und auch wohl kindliche Schmerzen bereiten, waren ihr fremd geblieben. Außer Doktor Althoff, für den in der Pension alle Mädchen schwärmten, hatte sie nie eine sogenannte „Flamme“, wie es die andern nannten, gehabt. „Kalt wie eine Hundeschnauze“, diesen sehr drastischen Vergleich hatte Annemie einmal gebraucht, worüber die ästhetische Flora ganz entsetzt gewesen war.

An die Ärmste dachte Orla jetzt voller Mitleid! Die Lust zum Dichten würde ihr wohl jetzt, da ihr das Leben zum ersten Male seine ernsten Seiten zeigte, vergehen. Wie es wohl um diese Zeit bei Gerbers aussah? Orla sah Andres im Geist neben dem Bette des Kranken sitzen, ruhig und sicher seine Anordnungen treffend. Diese Ruhe und Sicherheit, sein rücksichtsvolles Wesen, wo es galt, Rücksicht zu nehmen, – stempelten ihn diese Eigenschaften nicht zum echten, menschlich fühlenden und denkenden Arzte, zu welchem die Kranken mit unbedingtem Vertrauen aufblicken konnten? Vielleicht waren jetzt gerade Floras um Hoffnung flehende Augen auf ihn gerichtet, und, – o Gott, wie schwer mußte das sein, – vielleicht konnte er ihr keine mehr geben, vielleicht war schon alles vorbei!

Wenn sie nur wüßte, wie es ging, die Stunden schlichen so langsam dahin, eben schlug es draußen von den Türmen in langsamen Schlägen zwölf Uhr. Die Geisterstunde, wie Ilse schaudernd dachte. Ihre lebhafte Phantasie war von den schaurigen Bildern erfüllt. Bald starrte ihr aus einer Ecke das totenblasse, verzerrte Gesicht des Doktor Gerber entgegen, oder Leo erschien ihr, und seine Augen schauten sie traurig und vorwurfsvoll an. Aus allen Winkeln grinsten sie Fratzen und Gestalten an; die weißen Gardinen erschienen ihr wie wallende Gewänder von Gespenstern, wo sie hinblickte, sah sie etwas Gräßliches. Nein, so hielt sie es nicht länger aus! sie erhob sich aus ihrer dunklen Ecke und trat an den Tisch.

Orla blickte auf.

„Es ist spät geworden, wollen wir zu Bett gehen, Ilse?“

„Ach Orla, ich kann doch nicht schlafen, ich bin zu aufgeregt.“

„Ich bleibe gern mit dir auf,“ erwiderte Orla und erhob sich. „Komm, wir wollen nach der Kleinen sehen, ob sie ruhig schläft.“

Ilse schmiegte sich dicht an die Freundin, als sie über den Vorplatz gingen, und sah sich fortwährend furchtsam um. Als Orla beim Vorbeigehen den Schirmständer streifte, schreckte Ilse bei dem Geräusch jäh zusammen und umklammerte die Russin mit beiden Händen.

„Kind, ich glaube wahrhaftig, du fürchtest dich,“ sagte Orla erstaunt, da ihr Furcht etwas ganz unbekanntes war.

„Ach nein, nur heute abend,“ stotterte Ilse verlegen, die sich gerade von Orla nicht gern dabei ertappen ließ, daß sie ein Hasenfuß war.

Das Zimmer, in welchem Käthchen schlief, war nur schwach durch eine Nachtlampe erleuchtet, deren matter Schein auf dem weißen Bettchen lag. Die jungen Mädchen beugten sich darüber und betrachteten das sanft schlummernde Kind.

„Wie entzückend!“ flüsterte Ilse.

„Armes, kleines Ding!“ sagte Orla und küßte es auf das weiche Bäckchen.

„Wie es nur bei Gerbers aussehen mag,“ meinte Ilse und ließ sich auf einen Schemel zu Füßen Orlas, die sich neben das Bettchen gesetzt hatte, nieder. Die Freundin konnte nur mit einem Achselzucken antworten; auch sie beschäftigte sich innerlich fortwährend mit dieser Frage.

„Ich kann mir gar nicht denken, daß er nicht wieder gesund wird,“ fuhr Ilse fort. „Es wäre doch schrecklich, so jung sterben zu müssen.“

„Danach fragt der Tod nicht,“ sprach Orla leise wie in Gedanken versunken vor sich hin. „Meine Eltern waren auch noch jung, als sie starben und mich als Waise zurückließen.“

Ilse blickte zu der Freundin empor und sah es feucht in deren Augen schimmern, die heute einen seltsam weichen Ausdruck hatten. Schmeichelnd legte sie ihren Kopf in Orlas Schoß.

„Liebe, liebe Orla,“ flüsterte sie leidenschaftlich und hätte sich ihr in der Stimmung, in welcher sie sich befand, am liebsten um den Hals geworfen, um sich dort auszuweinen. Aber sie wußte, daß Orla eine Feindin solcher Szenen war, und deshalb begnügte sie sich damit, ihr die Hände zu streicheln und ihre Wange darauf zu legen. So saß sie ganz still mit geschlossenen Augen und als Orla ihr liebkosend über das braune, lockige Haar fuhr, da war es ihr, als ruhte sie an Leos Brust und dieser ließe ihre Locken durch seine Finger gleiten, was er so gerne tat. Die zärtlichen, rosigen Stunden ihrer Brautzeit drängten sich in ihre Erinnerung, und sie empfand im Geiste wieder das wohlige Gefühl, von den Armen eines geliebten Mannes umschlossen zu sein. Hatte ihr Herz in solchen Momenten nicht höher geschlagen vor Freude und Seligkeit? Und warum war es denn anders geworden, warum sollten diese glücklichen Zeiten vorbei sein? Wie ein Nebel zerfloß vor ihren Augen die kleinliche Ursache ihres Streites, und sie wollte es sich gar nicht mehr eingestehen, daß sie deshalb ihr Glück auf das Spiel gesetzt hatte. Wie viele Stunden und Tage hatte sie sich und ihm verbittert, welch lange Trennung herbeigeführt! Wann wird diese ein Ende nehmen?

Auf einmal empfand sie, wie bitter unrecht das alles war, da doch das Leben nur kurze Dauer hat und die schweren Zeiten ohnedies nicht ausbleiben. Konnte sie nicht ein gleiches Schicksal treffen wie Flora, welche auch achtlos in den Tag hinein lebte und nun vielleicht zu spät erkannte, welche Pflichten sie hätte erfüllen müssen? Wenn jetzt deren Mann stürbe, würde dann nicht die Reue sie ewig peinigen und ihr mitleidlos zurufen: du hast deinen Mann vernachlässigt, du hast sein Dasein nicht erhellt. Mit diesem schrecklichen Vorwurf im Herzen leben zu müssen, dachte Ilse, nein, das könnte sie nicht, da würde sie eher vergehen.

Aber hatte sie nicht auch Liebe und Glück besessen und beides mit leichtsinniger Hand beiseite geworfen? Würde sie wohl wieder aufrichten können, was sie zerstört hatte, oder war es schon zu spät dazu? Nein, das durfte, das konnte nicht sein! Es packte sie mit wahnsinniger Angst, und der Gedanke, daß Leo jetzt sterben könnte, stand drohend vor ihrer Seele und verfolgte sie wie eine fixe Idee. Um Gottes willen, nur das nicht, nur das nicht, dachte sie bebend, und sie gelobte sich in diesem Augenblick feierlich, anders werden, ihm nie wieder solches Leid zufügen zu wollen.

Und nun dachte sie auch daran, wie sie ihre Eltern gekränkt hatte, wie die darunter leiden und mit welcher Sorge sie wohl in ihre Zukunft blicken mochten. Dennoch aber hatte sie nie ein Tadel oder Vorwurf getroffen, ihre Briefe waren stets liebevoll und zärtlich gewesen, aus zarter Rücksicht hatten sie niemals ihr Zerwürfnis mit Leo berührt. Und wie vergalt sie solche Liebe und Güte, war sie dankbar dafür?

Beschämt hielt sie Einkehr in ihrem Innern, sie fühlte, wie unrecht sie gehandelt hatte und noch handelte; immer klarer wurde es in ihr, ihre bessere Natur gewann wieder die Oberhand in ihrem Herzen, von welchem sich Trotz und Eigensinn wie rauhe Schalen von einem guten Kern lösten.

Vor ihren Augen zogen Bilder aus der Vergangenheit vorüber, die Rückkehr aus der Pension in das Elternhaus, ihre Verlobung. Sie sah die Eltern, das kleine Brüderchen, sie hörte dieses jauchzen, war mit Leo zusammen und fühlte sich glückselig und froh, wie sie es lange nicht gewesen. Die lieblichsten Erinnerungen wiegten sie endlich sanft in Schlummer und begleiteten sie in ihren Träumen, aus denen sie erst erwachte, als sie plötzlich ihren Namen rufen hörte.

Schlaftrunken fuhr sie empor und sah Doktor Althoff, der eifrig mit Orla sprach. Sie wurde sich bewußt, daß sie sehr lange geschlafen haben mußte, denn die Morgendämmerung stahl sich schon durch die Fenster herein und überzog alles mit einem grauen, fahlen Schein.

„Komm Ilse, steh auf,“ sagte Orla und half ihr sich erheben. Mit einem traurigen Blick auf das schlafende Kind neigte sie sich dicht zu ihrem Ohr und sagte mit leiser Stimme: „Der arme Doktor Gerber ist tot.“

„O, mein Gott!“ rief Ilse so laut, daß Orla sie aus dem Zimmer zog, weil das Kind nicht aufwachen sollte.

„Ist es denn wahr?“ fragte sie Althoff mit tränenerstickter Stimme; „das ist ja fürchterlich.“ Er nickte und ließ sich in einen Stuhl fallen, indem er den Kopf müde in die Hand stützte.

„Die arme, arme Flora, das süße kleine Käthchen,“ jammerte Ilse, während sie aufgeregt hin und her ging.

Orla war inzwischen hinausgegangen und hatte dafür gesorgt, daß Althoff Kaffee bekäme. Sie brachte ihm jetzt selbst eine Tasse herein und setzte sie vor ihn hin.

„Bitte, trinken Sie, Herr Doktor, ich habe den Kaffee recht stark gemacht, er wird Sie erfrischen.“

Er dankte ihr herzlich und trank. Dann zog er seine Uhr heraus.

„Schon bald acht Uhr, da ist es Zeit, daß ich gehe.“ Er erhob sich.

„Die arme Nellie, sie ist so erregt, es ergreift sie tief,“ sagte er.

„Sie muß entschieden jetzt Ruhe haben,“ versetzte Orla, „ich werde zu Flora gehen und sie ablösen.“

„Ich gehe mit,“ rief Ilse und hing sich an Orlas Arm.

Die beiden gingen mit Althoff zusammen fort. Dieser war froh, daß Nellie nun nach Hause gehen konnte, denn er fürchtete, daß die entbehrte Nachtruhe und die Aufregung ihr schaden könnten.

Als die Freundinnen das Trauerhaus betraten, zögerte Ilses Fuß auf der Schwelle; sie mußte die Hand auf das klopfende Herz legen. Schon hier beschlich sie das unheimliche Gefühl, welches der Ort, an dem ein Toter liegt, hervorruft, und sie wäre am liebsten wieder umgekehrt, wenn nicht Orla, welche die Treppe schon hinaufgegangen war, sie leise gerufen hätte. Oben an der Tür kam ihnen Nellie mit verweinten Augen entgegen und die drei jungen Wesen umarmten sich stumm, keine vermochte zu sprechen. Sie traten in Floras Zimmer ein. Heute lagen keine bunt verstreuten Blätter auf dem Schreibtisch herum, wie bei Ilses erstem Besuche, auch glich die schweigsame Nellie am Fenster nicht im geringsten der Nellie von damals, deren übermütiger Spott so belustigend gewesen war. Der düstere Wintermorgen paßte so recht zu der Stimmung in dem stillen Gemach. Fröstelnd, kalt und unbehaglich war es heute, der einförmig graue Himmel sah nicht aus, als ob er auch im klarsten Blau strahlen und heiter lächelnde Sonnenblicke schicken könnte.

„Wo liegt er?“ fragte Orla endlich nach langem Schweigen.

Nellie bezeichnete ihr das Zimmer.

„Ist Flora dort?“

„Sie ruht sich ein wenig,“ gab Nellie zur Antwort.

Orla ging hinaus. Sachte klinkte sie die Türe zum Sterbegemach auf und trat ein. Durch die weit geöffneten Fensterflügel strömte ihr die kalte Luft erfrischend entgegen, und sie atmete tief auf, denn die dumpfe Luft in Floras Zimmer war beängstigend gewesen und hatte sie beklommen gemacht.

Noch erinnerte in dem Raum nichts daran, daß hier ein Toter lag, noch hatte keine ordnende Hand den Eindruck des Krankenzimmers verwischt. Auf dem Tischchen vor dem Bett stand noch das halbgeleerte Glas, aus welchem er zuletzt getrunken, daneben lag das Thermometer, das mit grausamer Genauigkeit die hohe Temperatur des Kranken gezeigt hatte. Alles war noch unberührt geblieben, und man konnte glauben, daß der stille Mann dort im Bett ein Schlafender wäre.