Part 13
Das für mitleidig gehaltene Lächeln um seinen Mund deutete sie aber falsch. Er lächelte, weil er sich über das junge schöne Menschenkind freute, sowie über ihre klugen durchdachten Antworten, die sie ihm gab, und die so ganz anders lauteten, wie bei den hiesigen Damen seiner Bekanntschaft. Er war überzeugt, daß sie keine oberflächliche Jüngerin der Wissenschaft werden, daß sie leicht und gründlich erfassen und lernen würde. Und dennoch, – er bedauerte sie, denn der jungfräuliche Hauch, der sie trotz ihres männlichen Geistes umgab, würde abgestreift werden. Voll Bewunderung folgte er ihren kraftvollen anmutigen Bewegungen und verglich sie auch hierin wieder im stillen mit den zimperlichen Kleinstädterinnen, welche vor der Zeit schlaff und alt wurden, weil sie ohne Mark und Kraft waren, was ihre schlechte Haltung und der schleppende, aller Spannkraft entbehrende Gang auf den ersten Schritt bewiesen. In Orla vereinten sich jugendliche Kraft mit Anmut, und wie sie so dasaß, wurde er nicht müde sie anzuschauen.
Sie fuhren jetzt dicht am Walde hin, manchmal streiften sie mit dem Kopf einen unter der Schneelast tief gebeugten Zweig, und der kalte, prickelnde Schnee stäubte ihnen ins Gesicht. Die Dämmerung brach schon frühzeitig herein, während der Himmel noch von der untergehenden Sonne in ein zartrosa Violet getaucht war, und matt glänzend stand der Mond am Himmel. Der zauberhafte Anblick der entzückenden Winterlandschaft, das tiefe Schweigen ringsum, nur unterbrochen durch das Schellengeklingel, das aus der Ferne von den andern weit zurückgebliebenen Schlitten wie ein Echo herübertönte, hielt die beiden jungen Menschen wie in einem magischen Bann umfangen. Sie saßen schweigend nebeneinander, als fürchteten sie den Zauber durch Worte zu zerstören. Erst als sie von weitem rote Ziegeldächer schimmern sahen und fernes Hundegebell schon die Ankömmlinge begrüßte, erwachten beide wie aus einem Traum, und Orla wandte sich zu ihrem Nachbar mit den Worten:
„Ich glaube, wir sind am Ziel. Wissen Sie Bescheid, wo sich das bewußte Gasthaus befindet, das uns aufnehmen soll?“
Er bejahte, und schon nach wenigen Minuten hatten sie dasselbe erreicht. Mit einem festen Ruck zog Orla die Zügel an, schnaubend und dampfend standen die Pferde still. Der Wirt eilte dienstfertig herbei, und auch seine wohlbeleibte Ehehälfte begrüßte die jungen Leute unter vielen unterwürfigen Knixen.
„Herr und Frau Pastor würden Herrn und Frau Doktor im Zimmer empfangen,“ sagte sie zu den beiden, die eben ins Haus treten wollten.
„Nein, das ist zu komisch,“ rief Orla laut lachend, war aber rot geworden und konnte eine gewisse Verlegenheit nicht verbergen.
„Wir sind nicht Herr und Frau Doktor, liebe Frau,“ erklärte Andres ebenfalls lachend der Wirtin. „Sie verwechseln uns mit den Herrschaften, die auch gleich kommen werden.“
Die Frau entschuldigte sich vielmals und sagte dann mit einem vielsagenden Blick auf das junge Mädchen:
„Na, was nicht ist, kann noch werden,“ denn sie war nun einmal der Meinung, daß das schöne Paar zusammengehören müßte. Orla wurden die Reden der geschwätzigen Alten ungemütlich, sie wollte deshalb ins Haus gehen, um ihre Freundin zu begrüßen.
Andres ging mit ihr hinein.
Rosi und ihr Mann kamen ihnen schon auf dem Flur entgegen. Rosi umarmte Orla mit steifer Würde und gab ihr einen Kuß auf die Wange.
„Ich war ganz überrascht, wie ich von Nellie erfuhr, daß du hier bist,“ sagte sie, als sie im Zimmer waren, „aber ich freue mich sehr, dich wiederzusehen. Kamst du nur nach Deutschland, um Althoffs zu besuchen, liebe Orla oder führt dich noch ein andrer Zweck hierher?“
„Du erlaubst wohl,“ unterbrach sie Orla, „daß ich dir Herrn Doktor Andres vorstelle und dich bitte, mich mit deinem Manne bekannt zu machen.“
Rosi war innerlich empört über die Zurechtweisung, wie sie Orlas Bitte nannte. Mit einer kaum merklichen Neigung ihres Kopfes erwiderte sie die Verbeugung des jungen Arztes und stellte dann ihren Mann vor, dessen Augen unablässig auf Orlas Gestalt geruht hatten. Rosi hat mir ja niemals erzählt, wie schön diese Freundin von ihr ist, dachte er, und es wäre doch wahrhaftig der Mühe wert gewesen.
Lautes Sprechen und Lachen draußen kündigte jetzt die Ankunft der Zurückgebliebenen an. Orla lief ans Fenster und die andern folgten ihr dahin nach. Sie klopfte an die Scheiben und nickte den Freunden grüßend zu. Leicht, wie ein Vogel vom Zweig, war Ilse aus dem Schlitten gehüpft, und Flora, welche das mit neidischen Blicken beobachtet hatte, nahm jetzt einen Anlauf, ebenso graziös, wie Ilse, herunterzuspringen. Aber, verwickelte sie sich in ihre vielen Hüllen und Tücher, oder war ihre Ungelenkigkeit daran schuld, kurz und gut, sie stolperte und fiel, so lang sie war, in den Schnee. Man lachte über diesen kleinen Unfall und kam ihr unter Scherzen diensteifrig zu Hilfe. Flora machte denn auch gute Miene zum bösen Spiel.
„Ich begreife nicht, wie man über solches Mißgeschick auch noch lachen kann,“ sagte Rosi kopfschüttelnd und ging Althoffs und Gerbers entgegen, welche soeben eintraten. Ilse eilte auf Orla zu.
„Himmlisch, kannst du aber fahren,“ rief sie voller Begeisterung, „so gut wie du kann ich es allerdings nicht.“
„Auch ich mache Ihnen mein Kompliment, Fräulein Orla,“ sagte Althoff hinzutretend.
„Jetzt laßt eure schönen Komplimente bis nachher,“ unterbrach ihn Nellie, „und kommt zum Kaffeetrinken.“
„Du bist wohl eifersüchtig, Nellie, daß dein Mann zu tief in Orlas schöne Augen sieht?“ neckte sie Flora.
„O nein,“ lachte Nellie, leicht errötend, aber sie fühlte sich doch etwas getroffen, denn sie besaß wirklich eine kleine Anlage zur Eifersucht.
Lebhaft plaudernd setzte man sich an den Kaffeetisch, und Nellie übernahm die Rolle der Wirtin. Die mächtige weiße Kaffeekanne, welche mitten auf dem Tische prangte, erregte allgemeine Heiterkeit. Althoff meinte, sie sähe nicht vertrauenerweckend aus, und als ihr der erste Strahl so durchsichtig und hell entströmte, sank er mit einem komisch geseufzten „Ach, du lieber Gott“ in seinen Stuhl zurück.
„O, du leckres Mann,“ verwies ihn Nellie, die sich innerlich selbst über diesen Trank entsetzte, „du darfst nicht unbescheiden sein, der Kaffee ist ganz schön.“
„Ich glaube auch, daß der Kaffee gut ist,“ ergriff der Pastor ernsthaft das Wort, „wir trinken ihn nie stärker. Meine Frau meint, starker Kaffee wäre ungesund, nicht wahr Rosi?“
Sie schien seine Frage zu überhören.
„Ich hätte euch so gern gebeten, in unserem bescheidenen Hause fürlieb zu nehmen,“ wandte sie sich an Nellie, „aber die Räume sind so eng, wir wohnen so beschränkt, da dachte ich, das würde nicht gemütlich für euch sein.“
Den wahren Grund, weshalb sie keine Gäste haben wollte, verriet sie natürlich nicht. Als die Nachricht von Nellie eintraf, daß sie kommen würden, hatte Adolf ihr gesagt, daß sie Althoffs und die andern doch eigentlich einladen müßten, da sie von ihnen schon so oft und so freundlich aufgenommen worden waren. Er dachte dabei an den vergnügten Sonntag bei Althoffs, den er nicht vergessen konnte, denn er war wie ein Lichtstrahl in sein einförmiges Leben gefallen. Mit diesem Vorschlag war er aber bei Rosi schlecht angekommen. Sie hatte soeben eine gründliche Hausreinigung glücklich vollendet, tagelang gescheuert; und nun sollten ihr die Fußböden wieder schmutzig getreten, alles wieder in Unordnung gebracht werden! Nein, auf keinen Fall! Der Pastor wurde durch ihre Entschiedenheit so eingeschüchtert, daß er keine weiteren Einwendungen wagte, trotzdem er die Freunde sehr gern bei sich gesehen hätte. Um ihr möglichstes zu tun, hatte sie einen großen Kuchen gebacken. Derselbe prangte jetzt, in dicke Streifen geschnitten, die quer übereinandergelegt und hoch aufgeschichtet waren, auf dem Kaffeetisch.
„O, dieses furchtbare Bauernkuchen,“ flüsterte Nellie Ilse heimlich ins Ohr und nahm aus einem Körbchen feines Gebäck heraus, das sie mitgebracht hatte.
„Er sieht so trocken aus,“ erwiderte Ilse, „wir müssen aber davon essen, sonst wird Röschen böse.“
Nach der langen Fahrt in der Kälte schmeckte es allen herrlich, selbst Rosis Kuchenberg verschwand, und die große Kaffeekanne wanderte schon zum zweiten Male hinaus, um frisch gefüllt zu werden. Sogar Althoff ließ sich zu einer zweiten Tasse herab, begleitete aber jeden Schluck mit einer drolligen Grimasse.
Als die Wirtin die Tassen forttrug und den Tisch abräumte, verschwand Flora mit geheimnisvoller Miene. Die Herren blieben sitzen und zündeten sich eine Zigarre an, die Freundinnen aber gingen plaudernd Arm in Arm im Zimmer auf und ab. Das Gasthaus war schon einige Jahrhunderte alt, das Gebäude gehörte früher zu einem Kloster, und erst die Großeltern der alten Wirtsleute hatten eine Wirtschaft darin errichtet. Baulich war wenig verändert, und gerade das Altertümliche gab dem Ganzen etwas ungemein Gemütliches. Der Saal, in welchem die Gesellschaft sich befand, mochte einst das Refektorium gewesen sein; es war ein großer Raum, ringsum mit Eichenholz getäfelt, das die Zeit fast schwarzbraun gefärbt hatte. Ebenso dunkel waren auch die massigen, dicken Balken in der Decke; ein alter Kronleuchter in Gestalt eines Reifes, welchen heute brennende Kerzen schmückten, hing am mittelsten Balken. Die dicken Mauern bildeten an den Fenstern tiefe Nischen, mit molligen Plätzchen, zu welchen man eine Stufe hinaufsteigen mußte. Die niedrigen Fenster gingen nach dem Garten hinaus und lagen nicht hoch über der Erde, so daß man draußen bequem mit der Hand hineinreichen konnte. In einem der Erker war zu beiden Seiten Efeu in niedrige, lange Kasten gepflanzt. Die grünen Ranken hatten sich fest an die alten Mauern angeklammert und waren so üppig gewachsen, daß sie die ganzen Wände bedeckten und eine reizende Laube bildeten. Hohe korbgeflochtene Wände zu beiden Seiten, ebenfalls mit Efeu bewachsen, ließen nur einen schmalen Eingang frei. Dahinter saß man auf dem alten geschnitzten Eichenholzstuhl mit verblichenem Lederbezug vollständig verborgen. Man konnte sich kein lauschigeres Versteck denken.
Die jungen Damen blieben bewundernd davor stehen und waren entzückt über diese grünende Laube mitten im Winter. Sie malten sich aus, wie schön es sein müßte, hier so abgeschlossen und ungestört über einem Buche zu sitzen.
Da wurden sie plötzlich durch erstaunte ‚Ah’s‘ und ‚Oh’s‘ der Herren aufgeschreckt. Sie sahen sich um und erblickten Flora im weißen Kleide, das überall mit gläsernen Eiszapfen behängt war; einen weißen Schleier, mit kleinen Watteflöckchen besetzt, hatte sie um den Kopf geschlungen, und das alles war mit glitzerndem Silberstaub bestreut. Man konnte keinen Augenblick im Zweifel sein, daß sie ein Sinnbild des Winters vorstellen wollte.
In der Mitte des Saales blieb sie stehen und deklamierte mit vielem Pathos ein langes Gedicht, das natürlich ihrer Feder entstammte. Es war darin viel vom kalten Winter, von Schnee und Eis die Rede. Als sie geendet hatte, blickte sie siegesgewiß umher und sah in lauter vergnügt lachende Gesichter. Sie glaubte natürlich, die Freude über ihr schönes Gedicht wäre es, welche die Zuhörer so heiter gestimmt hätte, und als man sogar in die Hände klatschte und ihr ‚bravo‘ zurief, strahlte sie, und ein triumphierender Blick flog zu ihrem früheren Lehrer hinüber; er sollte ihn daran erinnern, wie er damals in der Pension ihre Dichtung zu der Vorsteherin Geburtstag so schnöde abgewiesen hatte. Jetzt mußte er doch einsehen, wie er ihr großes Talent verkannt und wie tiefes Unrecht er ihr zugefügt hatte.
Auf eine Person aber hatte ihr Gedicht einen wirklichen Eindruck ausgeübt, und das war die alte Wirtin. Sie hatte Tränen der aufrichtigsten Rührung in den Augen, über die sie öfter verstohlen mit dem Schürzenzipfel fuhr. Flora weinte beinahe mit, als sie die Frau sah, und versprach, ihr das Gedicht zu schicken.
„Es wohnt doch oft in einfachen Leuten der wahre Sinn für Poesie; der Geist, noch ungekünstelt und natürlich, begreift leichter das Edle, Schöne.“
„Unbescheiden bist du gar nicht, Flora,“ lachte Orla, „das muß ich gestehen.“
„Orla,“ versetzte Flora ernst, fast feierlich, „du, der die enge Welt des Weibes zu klein wurde, wie mir, du welche die Schranken durchbrachst, wie ich es tat, du, welche eine Jüngerin auf dem Gebiete der Wissenschaft werden willst, du solltest nicht spotten, wo es sich um so wichtige Dinge handelt.“
„Was meint denn Flora mit der Jüngerin der Wissenschaft?“ fragte Rosi neugierig.
„Nun, ganz einfach,“ versetzte Orla kurz, „ich will Medizin studieren.“
„Du willst“ – Rosi prallte förmlich zurück. „Du willst unter die Studenten gehen?“
„Wie, Sie wollen studieren?“ fragte jetzt auch der Pastor. „Das ist ja famos!“
Ein verweisender Blick seiner Frau traf ihn als Strafe für seinen begeisterten Ausruf; er bemerkte ihn aber nicht, da er Orla anstaunte. Wahrscheinlich beneidete er im stillen die Studenten, die nächstens neben so viel Schönheit und Geist sitzen durften. So etwas war ihm während seiner Studienzeit leider niemals vorgekommen. Rosi konnte sich von ihrem Entsetzen über Orlas Entschluß noch nicht erholen, sie fragte Nellie, ob Orla nicht Spaß gemacht hätte, und wollte es nicht glauben, als diese ihr fest versicherte, daß Orla wirklich im Ernst gesprochen habe.
„Unbegreiflich,“ murmelte Rosi vor sich hin, und laut sagte sie zu Orla:
„Nun, Orla, dann wünsche ich dir viel Glück bei den Studenten. Da mußt du natürlich auch das Kneipen und Raufen lernen, was doch wohl die Hauptsache im Studentenleben ist. Ich an deiner Stelle würde am liebsten gleich Männerkleidung anlegen, denn als Frau unter den Studenten wirst du dir gewiß manches gefallen lassen, manches aushalten müssen.“
Man hätte der sanftblickenden Rosi eine so spöttische Bemerkung kaum zugetraut. Orla hatte ihre beleidigenden Worte ruhig mit angehört und wollte ihr eben darauf antworten, als ihr Andres zuvorkam.
„Frau Pastorin,“ sagte er sehr bestimmt, „Sie trauen Ihrer Freundin“ – er betonte das Wort – „ja ungeheuer wenig Taktgefühl zu und scheinen das Studieren so aufzufassen, als ob es nur aus Kneipen und Raufen bestände. Gewiß, der Student führt ein lustiges Leben, wenn er nicht ein geborener Philister ist, er kneipt und rauft mitunter. Ihr Herr Gemahl, der gewiß auch eine fröhliche Studienzeit verlebt hat, wird Ihnen davon am besten erzählen können.“
Hier räusperte sich der Pastor vernehmlich. Mein Gott, woher wußte denn dieser Mensch etwas von seiner Studentenzeit? Sollte Althoff geplaudert haben? Er würde sich wohl hüten, seiner Rosi etwas davon zu erzählen.
„Ich versichere Sie, Frau Pastorin,“ fuhr der junge Mann fort, „es sind nicht die schlechtesten Menschen, welche Sie als Raufbolde verachten, und ebensowenig sind diejenigen die besten, welche tun, als könnten sie kein Wässerchen trüben. Die Jugend muß austoben und kann auch mal über den Strang schlagen. Wer inneren Gehalt und Charakter besitzt, dem wird die ernste Pflicht zu arbeiten schon zur rechten Zeit einfallen, der wird trotzdem ein brauchbares Mitglied der Menschheit werden. Doch, was ich vor allen Dingen sagen wollte, Frau Pastorin: der Student mag raufen, oder auf den Bänken der Hörsäle sitzen, niemals wird er die Ritterlichkeit gegen eine Dame vergessen. Und deshalb braucht Ihre Freundin keine Männerkleidung anzulegen, sie braucht die Weiblichkeit nicht abzustreifen, wenn sie auch das hergebrachte Gebiet der Frau verläßt. In dieser Beziehung wird Fräulein Sassuwitsch nichts zu befürchten haben, denn keiner ihrer künftigen Studiengenossen wird ihr jemals zu nahe treten. Wehe dem, der das wagte!“
Bei den letzten Worten hatten seine Augen fast drohend gefunkelt und alle waren erstaunt über diese warme Verteidigung. Flora aber eilte stürmisch auf ihn zu und drückte ihm unter überschwenglichen Dankesworten die Hand, weil er so lebhaft für das Weib eingetreten sei, welches sich aus den alltäglichen Verhältnissen befreit habe, um einem höheren Triebe zu folgen.
Sie geriet förmlich in Verzückung und klagte ihm immer wieder vor, wie bitter und schwer sie oft darunter zu leiden hätte, daß sie sich noch mit andern Dingen beschäftige, als mit Kochen und Strümpfestopfen. Es hätte ihr so wohl getan, ein solches Urteil aus seinem Munde zu hören. Sie sprach und geberdete sich dabei so lebhaft, daß die Eiszapfen an ihrem Kleid beständig aneinander klirrten. Er hörte aber nur halb auf die schwatzende unruhige Gestalt vor ihm und nickte nur mechanisch einige Male mit dem Kopfe, indem er sich willenlos von ihr die Hand drücken ließ. Seine Augen suchten Orla, welche an den Efeu-Erker getreten war und die Blätter und Ranken spielend durch die Finger gleiten ließ. Warum ertappte sie sich gerade diesem Mann gegenüber auf einer Befangenheit, die ihr sonst fremd war, warum scheute sie sich aufzusehen und seinem Blicke zu begegnen? Es war ihr unbehaglich, dieses Gefühl, und doch, wie ein Echo tönten seine Worte in ihrem Herzen fort.
„Orla, du bist ja so in Gedanken versunken,“ sagte da Ilse neben ihr. „Komm, ich glaube Rosi ist ärgerlich auf den Doktor, sieh nur, was sie für ein böses Gesicht macht!“
Sie hing sich an Orlas Arm und führte sie mit sich fort. Sie selbst war voller Begeisterung über Andres, weil er die Freundin so warm verteidigt hatte, und wunderte sich nur, daß diese so wenig darauf einging, ja nicht einmal damit einverstanden zu sein schien, daß der junge Mann so lebhaft ihre Partei ergriffen hatte. Ilse verglich ihn im stillen mit Leo; ganz so würde auch er gesprochen und gleich offenmütig eine gute Sache verteidigt haben. Sie gönnte Rosi die Abfertigung, denn sie hatte sich über deren schroffes Urteil sehr geärgert.
Die Frau Pastorin saß neben ihrem Mann und machte in der Tat ein sehr böses Gesicht. Leise und aufgeregt sprach sie auf ihn ein, und versuchte in ihrer Empörung, daß ihr so etwas gesagt worden war, ihn zum Fortgehen mit ihr zu bereden.
„Aber Kind, es war doch nicht so böse gemeint,“ suchte er sie zu beruhigen, „was sollen sie denken, wenn wir jetzt fortgehen!“
„Du hättest für mich eintreten müssen,“ sagte sie erregt, „aber natürlich, deine Frau kann beleidigen wer will, dir ist es gleichgültig.“
„Aber Rosi,“ verteidigte er sich, „wie kannst du nur so etwas sagen! Ich fand, der Doktor hatte ganz recht.“
„Natürlich, nun gibst du ihm auch noch recht, da hört doch alles auf.“
Wütend drehte sie ihm den Rücken zu.
Eine rechte Stimmung wollte nach diesem Zwischenfall in der Gesellschaft nicht wieder aufkommen. Nun wurde auch noch Floras Mann, dessen Anwesenheit im Dorfe bekannt geworden war, zu einem schwer Kranken geholt. Er zögerte selbstverständlich keinen Augenblick und sah sich suchend nach Flora um, die abermals verschwunden war, diesmal mit dem Referendar. Er bat daher Nellie, sie möchte Flora mitteilen, daß er in kurzer Zeit wieder zurück sein würde. Kaum war er fortgegangen, als sich die Türe öffnete, und aus einem Nebengemach die Klänge eines Strauß’schen Walzers ertönten. Flora erschien auf der Schwelle, während man Lüders vor einem alten Klavier sitzen sah.
„O, das ist schön!“ rief Nellie vergnügt über diesen Einfall. „Florchen, du bist eine Engel mit deine Überraschungen heute. O, das herrliche Walzer!“
Sie wippte mit dem Fuße den Takt und summte halblaut die Melodie dazu.
Mit den Klängen der ‚schönen blauen Donau‘ war wieder Leben in den kleinen Kreis gekommen. Die Herren sprangen auf und holten sich die Damen zum Tanze. Eben wirbelten Althoff und Ilse an Nellie vorbei, ihnen folgten Andres mit Orla, und als sich die beiden Mädchen endlich mit heißen Wangen niederließen, tanzte Nellie mit ihrem Mann und der junge Arzt forderte Rosi zum Tanze auf. Sie nahm bei seiner Bitte eine unnahbare und beleidigte Miene an und lehnte dankend ab, aber er bat so liebenswürdig, daß sie sich schließlich von dem Zauber seiner Persönlichkeit hinreißen ließ und einwilligte, mit ihm zu tanzen. Ganz versöhnt und sogar heiter lächelnd kehrte sie auf ihren Platz zurück. Welche Frau bliebe auch unempfindlich gegen die kleinste, ihr dargebrachte Huldigung eines schönen Mannes!
Der Pastor hatte sich schleunigst Ilse zum Tanze geholt, als ihm seine Frau entführt wurde, er tanzte aber so ungeschickt, daß Ilse seinen kühnen Sprüngen kaum folgen konnte und verschiedene Male mit ihm stolperte. Als er sich ganz bestürzt entschuldigte, sagte sie freundlich, er tanze ja sehr gut, denn sie wollte ihm das Vergnügen nicht verderben. Dem flotten Walzer folgte eine Polka, dann ein Galopp und so weiter; man wurde nicht müde, alles plauderte, scherzte und lachte, die lustigste Laune war wieder eingekehrt. Nellie löste jetzt den Referendar ab, der sofort zu Ilse eilte, um sie zum nächsten Tanz aufzufordern. Sie schützte aber Müdigkeit vor, und wieder mußte er mit einem Korbe abziehen. Eine zornige Röte stieg ihm ins Gesicht und er biß sich wütend auf seine schmalen Lippen.
„Nun ist’s genug,“ entschied Althoff, als eben ein neuer Tanz beginnen sollte. „Wir müssen an das Abendessen denken. Herr Pastor, wollen wir zusammen den Punsch brauen? Und du, Nellie, hast ja noch allerhand Delikatessen mitgebracht und solltest dich mit der Wirtin verständigen!“
„_O yes, darling_, ich werd schon machen. Die Herren brauen den Punsch, wir Damens decken den Tisch, – o, es wird fein. Kommt Kinder!“
Die Wirtin war schon dabei, im Nebenzimmer den Tisch zu decken, als Nellie sie aufsuchte. Die jungen Damen halfen der alten Frau unter Lachen und Scherzen, so daß diese meinte, eine so lustige Gesellschaft sei lange nicht bei ihnen eingekehrt.
Nur Rosi bewahrte ihre steife Würde, ihr pedantischer Sinn verstand keine harmlose Heiterkeit.
Floras Mann hatte durch einen Boten bestellen lassen, daß man mit dem Abendessen nicht auf ihn warten solle, da er noch längere Zeit fortbleiben müsse.
„Habe ich nun nicht recht?“ seufzte Flora. „Wird mir nicht jedes Vergnügen vergällt? Wahrhaftig, wer die Frau eines Arztes wird, übernimmt damit die Rolle einer Entsagenden.“
Heute abend jedoch fiel Florchen gänzlich aus dieser Rolle, sie vergaß die Abwesenheit ihres Gatten sehr bald und stimmte in die Ausgelassenheit der andern mit ein. Mitten auf dem Tisch prangte die dampfende Terrine, und Doktor Althoff forderte Flora scherzend auf, in ihrem weißen Gewande heut abend die Hebe zu spielen. Sie ließ sich das nicht zweimal sagen, stellte sich aber bei diesem Amt so ungeschickt an, daß sie jedesmal vorbeigoß und der Punsch am Glase herunterlief, bis schließlich Nellie sagte: „Laß mir nur machen, Flora,“ wobei sie ihr den Löffel aus der Hand nahm.
Vergnügt lächelnd saß der Pastor hinter seinem Glase. Rosi hat ihn zu Anfang beiseite gezogen und sich fest von ihm versprechen lassen, daß er nicht, wie damals bei Althoffs, zu viel trinken würde. Sie selbst nippte kaum am Glase, indem sie behauptete, keinen Wein vertragen zu können, da er ihr zu Kopf stiege.
Ilse war merkwürdig still geworden. Sie wußte selbst nicht, wie es kam, daß ihre Gedanken diesen Abend immer in die Ferne schweiften und an einem Wesen haften blieben, welches Leos Züge trug. Erinnerten sie die leuchtenden Augen des jungen Arztes, der neben Orla saß und in eifriger Unterhaltung keinen Blick von dieser wandte, an die Augen ihres Leo, die mit so viel Glück und Innigkeit auf ihr zu ruhen pflegten? Oder war es das silberne Mondeslicht, das Erinnerungen in ihr wachrief? Liebten sie doch beide im Mondenschein zu schwärmen. Oft war sie mit ihm Hand in Hand weit hinaus über die Felder und Wiesen gegangen und sie hatte sich ganz dem Zauber eines Mondscheinabends hingegeben. Oder sie lehnten zusammen am Fenster und sahen zu, wie die Strahlen des Mondes durch das Blätterwerk im Garten brachen. Ob er jetzt wohl auch an sie dachte, ob er, wie sie, solche Bilder an seinem Geiste vorüberziehen ließ?