Trotzkopf's Brautzeit

Part 12

Chapter 123,726 wordsPublic domain

Ilse war es nun doch peinlich, Orla zu fragen, denn was würde diese dazu sagen, wenn sie jetzt mitten in der Nacht eine Beschreibung von Paris haben wollte.

„Was willst du denn?“ fragte Orla und richtete sich im Bett auf, da sie keine Antwort erhalten hatte. „Warum hast du mich denn geweckt?“

Endlich faßte sich Ilse ein Herz und erkundigte sich zaghaft, ob Orla wohl schon in Paris gewesen sei und wie es dort wäre, sie möchte ihr doch davon erzählen. Sie war froh, daß es Nacht war und Orla sie nicht sehen konnte, denn sie fühlte, wie rot sie bei dieser Frage wurde.

„Mein Gott, Ilse, du phantasierst doch nicht, oder hast du etwa geträumt?“ rief Orla erstaunt.

„Ach nein, ich habe überhaupt noch nicht geschlafen,“ gab Ilse kleinlaut zur Antwort, „und da dachte ich so zufällig an Paris.“

„Ach ja,“ sagte Orla, „nun begreife ich, du beschäftigst dich natürlich deshalb in Gedanken lebhaft mit Paris, weil dein Bräutigam dort ist?“

Ilse erschrak; sie hatte geglaubt, Orla habe es nicht gehört, als die Frau Direktor ihr die Neuigkeit von Leos Reise mitteilte, da sie gerade in dem Schaufenster eines Kunstladens, vor welchem sie standen, die Bilder einiger Professoren betrachtete. Sie hatte dabei nicht gedacht, daß die neugierige Dame eine sehr helle und durchdringende Stimme besaß, so daß Orla recht wohl hören konnte, was sie sagte. Übrigens war dieser erst jetzt bei Ilses Frage die Angelegenheit wieder eingefallen, der sie zuerst keine weitere Aufmerksamkeit geschenkt hatte.

Ilse wußte nicht, was sie auf Orlas Frage antworten sollte, und schwieg deshalb still. Es wäre ihr jetzt sogar lieb gewesen, wenn Orla das Gespräch abgebrochen hätte, aber diese fuhr nach einer kleinen Pause fort:

„Paris ist sehr schön, Ilse, und ich bin überzeugt, daß es deinem Bräutigam dort vorzüglich gefallen wird.“

„Ja, das glaube ich auch,“ fiel ihr Ilse mit spöttischem Auflachen ins Wort, „er wird gewiß furchtbar vergnügt und ausgelassen sein, natürlich, warum sollte er denn auch nicht?“

„Aber Ilse,“ sagte Orla, die jetzt erst merkte, wie ihre Freundin über diese Reise dachte und empfand, „ich bitte dich, warum soll sich denn dein Verlobter nicht amüsieren?“

Die Gefragte schwieg, aber ein mühsam unterdrücktes Schluchzen klang zu Orla herüber.

„Du kleines leidenschaftliches Mädchen,“ sprach Orla liebevoll und sanft zu ihr, „vor allen Dingen werde etwas ruhiger. Ich muß jetzt mal in einem weisen Tantenton mit dir reden. Sieh, liebe Ilse, das Leben bringt ohnedies Schweres genug, warum da noch unnütz Grillen fangen und es sich durch Nichtigkeiten verbittern? Nellie hat mir auf deinen Wunsch alles erzählt, und ich sage dir aufrichtig, ich bedaure dich und deinen Bräutigam, daß es soweit zwischen euch gekommen ist. Ich weiß ja nicht, was vorgefallen ist, aber etwas Schlimmes kann es nicht sein, denn in deinen Augen habe ich gelesen, daß du ihn noch liebst, daß du mit allen Fasern deines Herzens noch an ihm hängst, mit allen deinen Gedanken noch bei ihm bist. Nicht wahr, du bist böse auf ihn, weil er fortgereist ist und nicht als echter Ritter Toggenburg hintrauert? Das würdest du lieber sehen, das würde dir besser gefallen, gestehe es, Ilse! Aber sei gerecht, nicht kleinlich, und denke mal ruhig nach. Die Sehnsucht nach dir, der Schmerz, daß du ihn verlassen hast, sie machen, daß er es nicht mehr daheim aushält, eine unbezwingliche Unruhe treibt ihn fort, weit fort; er muß andre Menschen, andre Dinge sehen und je größer der Strudel der Vergnügungen, die ihn sein Leid vergessen machen sollen, desto besser. Kannst du nicht mit ihm empfinden, siehst du nicht darin nur einen Beweis, wie tief und innig er dich liebt? Handelt nicht so ein rechter Mann voll Kraft und Stolz, welcher der Welt nicht zeigen mag, wie es in ihm aussieht? Glaubst du, daß er wirklich genießt, was er sieht und hört, daß ihn nicht überall sein Kummer, der Gedanke an dich begleitet? Ilse, du bist mit Blindheit geschlagen, glaube es mir. Sei nicht böse, daß ich offen spreche, aber ich meine es wahrhaftig nur gut mit dir.“

Ilse hatte bebend zugehört. Orlas Worte machten einen tiefen Eindruck auf sie. War es nicht richtig, was sie sagte, verstand sie Leo nicht besser, als seine eigene Braut es tat? Ja, Orla hatte recht! Und nun kam sie sich auf einmal so kleinlich, so ungerecht vor, es ging ihr plötzlich wie ein Licht auf. Ja, Leo war nur fortgereist, um seinen Schmerz durch neue Eindrücke zu betäuben. Kannte sie ihn so wenig, vermochte sie so wenig in seiner Seele zu lesen? Keine Silbe von dem, was ihr Orla gesagt hatte, hätte sie bestreiten mögen. So eindringlich und schonungslos hatte Nellie noch nie mit ihr gesprochen; die viel zu gutmütige junge Frau konnte nicht sehen, wenn Ilse so traurig war, und hatte dann gleich tausend zärtliche Trostesworte für sie, aber um keinen Preis hätte sie ihr das Herz durch Vorwürfe noch schwerer gemacht. Orla sagte ihr erbarmungslos die Wahrheit, so war es recht! Es tat ihr wohl zu wissen, wie das kluge Mädchen über sie urteilte, und sie war ihr dankbar, daß sie so offen mit ihr gesprochen hatte.

„Gute Nacht, liebe Orla!“ rief Ilse innig.

Keine Antwort.

Schlief sie schon wieder, oder stellte sie sich schlafend?

Ilse erhob sich leise und ging an Orlas Bett. Die gleichmäßigen Züge verrieten, daß sie fest schlief. Ilse betrachtete mit Entzücken das schöne Gesicht der Freundin, welches von den hereindringenden Mondesstrahlen matt beleuchtet wurde. Die dunklen Augenwimpern warfen ihren Schatten auf die blassen, im Mondeslicht fast marmorweißen Wangen. Ilse drückte einen leisen Kuß auf die Stirn der Schläferin und schlich sich dann auf den Zehen zurück nach ihrem Lager.

* * *

Nach den herbstlich rauhen Tagen stellte sich jetzt der Winter ein, der mit Schnee und Eis sein Recht behauptete. Seit einigen Tagen schneite es unaufhörlich, leise und sacht fielen die weißen Flocken zur Erde nieder. Baum und Strauch mußten sich unter der Schneelast beugen. Flora, deren Poesie mit den Jahreszeiten Schritt hielt, besang jetzt den „gestrengen Winter“, und das tanzende, wirbelnde Schneegestöber wurde für sie ein unerschöpfliches Thema mit den verschiedensten Abwechslungen. Sie ward nicht müde, an ihrem Schreibtisch zu sitzen und in das flimmernde Flockengewirr zu sehen. Eines Tages aber lachte ihr der klare blaue Himmel entgegen und die freundliche Wintersonne schien ins Fenster herein.

Gegen Mittag kam der Referendar, um zu fragen, ob man nicht das herrliche Winterwetter benutzen und mit mehreren Bekannten eine Schlittenpartie unternehmen wolle, es wäre die schönste Bahn. Voller Begeisterung begrüßte Flora diesen Gedanken, sie fand ihn himmlisch und war sofort bereit, nach Althoffs zu gehen, um sie zu diesem Partie aufzufordern.

„Ihrer reizenden kleinen Freundin, Fräulein Ilse wird gewiß eine Schlittenfahrt auch Spaß machen. Ich werde mir erlauben, das Fräulein selbst zu fahren.“

Ärger und Enttäuschung kamen bei diesen Worten in Floras Gesicht zum Ausdruck.

„Finden Sie Ilse wirklich reizend? Ich begreife das nicht? Sie hat ein frisches, glattes Gesicht, aber Sie müssen doch gestehen, daß demselben jede Vergeistigung fehlt, die ein Antlitz doch erst anziehend und interessant macht. Ohne diesen Ausdruck kann ich kein Gesicht schön finden und deshalb läßt mich auch das von Ilse kalt, es ist mir langweilig.“

Wie hart und schroff sie urteilte, wenn sie sich in ihrer Eitelkeit verletzt fühlte! In Gedanken hatte sie an sich gedacht, als sie Lüders auseinandersetzte, wodurch ein Gesicht erst seine wahre Schönheit bekäme, und sie erwartete, daß auch er so denken und ihr das jetzt sagen werde. Aber er blieb stumm und ein ironisches Lächeln zuckte um seinen Mund.

Erregt stand Flora auf.

„Gehen Sie mit?“ fragte sie. „Ich will zu Althoffs. Übrigens – Sie wissen doch, Ilse ist Braut! Kühlt das Ihre Begeisterung nicht etwas ab?“

Auch er hatte sich erhoben und gab auf Floras spöttische Frage keine Antwort; er dachte nur daran, um jeden Preis mit dem jungen Mädchen zusammenzukommen. Er verabschiedete sich von Flora, indem er ihr sagte, daß er gegen Abend wiederkommen würde, um das nähere über die Partie zu erfahren.

„Adieu,“ sagte Flora schnippisch und drehte ihm den Rücken, ohne seine ausgestreckte Rechte zu berühren.

„Nun, bekomme ich keine Patschhand?“ fragte er.

„Nein, Sie sind zu unartig gewesen,“ sagte sie und sah ihn über die Schulter mit kokett schmollender Miene an.

„Aber wenn ich verspreche, jetzt wieder artig zu sein, Frau Flora, auch dann nicht?“

„Eigentlich haben Sie keine verdient, aber ich will gnädig sein. Hier!“

Sie reichte ihm ihre Hand. Er führte sie mit einem scheinbar demütig um Verzeihung flehenden Gesicht an seine Lippen und ging dann fort.

Ein triumphierendes Lächeln umspielte ihren Mund; voller Selbstbewußtsein sah sie ihm nach. Sie hielt alles bei ihm für bare Münze, die arme, blinde Flora, und keine noch so leise Ahnung sagte ihr, daß er in seinem Innern ganz anders über sie dachte, als er äußerlich zeigte. –

Pünktlich um zwei Uhr sollten sich die Teilnehmer an der verabredeten Schlittenpartie vor dem Althoff’schen Hause am andern Tage versammeln. Außer Flora mit ihrem Manne, Referendar Lüders und Althoffs mit den beiden jungen Mädchen, hatte man noch den Assistenzarzt von Doktor Gerber zu der Partie aufgefordert. Es wurde beschlossen, nach dem Dorfe zu fahren, in welchem Rosis Mann Pastor war, weil dorthin die beste Bahn sei und man erwarten konnte, daselbst, was Essen und Trinken betraf, gut aufgehoben zu sein. Der Pastor und seine Frau waren natürlich benachrichtigt und gebeten worden, zur angegebenen Zeit pünktlich in dem Gasthaus zu sein und dort für ein warmes Zimmer und guten Kaffee zu sorgen.

„Orla, du wirst dir staunen, unsre artige Rosi wiederzusehen, nicht wahr, Ilschen?“ sagte Nellie lustig, während sie zur Schlittenpartie gerüstet vor dem Spiegel stand und noch einen langen weißen Schleier um ihre Pelzmütze legte, den sie unter dem Kinn zu einer großen Schleife zusammenband, welche ihrem rosigen Gesicht reizend stand.

Ilse lachte.

„Ja wahrhaftig, Orla, du wirst dich wundern, wie die ihren Mann unter dem Pantoffel hat. Ich sage es ja immer, die Sanften haben es faustdick hinter den Ohren. Sieht Rosi nicht aus, als könnte sie kein Wässerchen trüben? Sie hat ein Gesicht wie eine Madonna mit dem Heiligenschein und dabei ist sie mindestens ebenso widerspenstig, wie meine Wenigkeit.“

„Selbstbekenntnis einer edlen Seele,“ deklamierte Orla feierlich, worauf alle drei in ein Gelächter ausbrachen.

„Still, Kinder,“ mahnte Nellie und lief ans Fenster, „die Schlittens kommen, ich höre ihnen klingeln.“

Durch die Türe rief sie:

„Fred, bist du fertig?“

„Ja, Kind,“ antwortete er und kam herein.

„Hier bin ich.“

Vergnügt eilten die jungen Menschen die Treppe hinunter. Vor der Türe hielten vier mäßig elegante, aber mit guten Pferden bespannte Schlitten. In dem ersten saßen Gerbers, in dem zweiten der Referendar und Andres. Flora, die mit verdrossener Miene neben ihrem Manne saß, hatte verweinte Augen und begrüßte in kläglichem Tone die Freundinnen. Erst als Nellie sie fragte, ob ihr etwas fehle, erwiderte sie mit weinerlicher Stimme:

„Denkt nur, beinahe wäre mir das ganze Vergnügen verdorben worden. Mein Mann wollte nicht mit, er behauptete, sich nicht wohl zu fühlen, er hätte Kopfschmerzen, Fieber und wer weiß was alles noch. Aber man muß nur die Männer kennen. Wenn ihnen der kleine Finger weh tut, stellen sie sich gleich furchtbar an. Nein, die Schlittenpartie, auf die ich mich so riesig gefreut habe, wollte ich mir deshalb nicht vereiteln lassen. Wahrhaftig, Männchen, ich wäre ohne dich mitgefahren.“

Sie sah ihren Mann mit trotziger Herausforderung an und zog die Oberlippe in die Höhe, wie ein ungezogenes Kind.

„Ich machte dir ja selbst diesen Vorschlag, Flora,“ entgegnete ihr Mann ruhig, „aber du sagtest, dann müßte eine Person allein fahren, weil nur zweisitzige Schlitten bestellt wären. Das sah ich ein, und um dir das Vergnügen nicht zu verderben, fahre ich mit. Nun ist die Sache wohl abgetan, ich bitte darum.“

Es war ihm offenbar unangenehm, daß Flora erzählte, was zwischen ihnen vorgefallen war, aber er bezwang seinen Unmut und nur die tiefe Falte zwischen seinen starken Brauen und der bestimmte Ton, mit welchem er sprach, verrieten, daß er sich ärgerte.

Flora bemerkte und empfand es nicht, sie hatte nur den einen Gedanken und der war – die Schlittenpartie! Sie stürzte auf Orla zu und umarmte sie auf offener Straße, denn sie wollte immer zeigen, wie ‚intim‘ sie mit ihr war. „Die geistige Verwandtschaft zwischen meiner Freundin und mir,“ hatte sie zu Lüders gesagt, „schlingt ein festes unauflösliches Band um uns.“

Orla, welche überhaupt keine Zärtlichkeiten liebte, wehrte unwillig ab und sagte mit Entschiedenheit: „Ich bitte dich, Flora, laß doch diese Liebesbeweise auf offener Straße, du bereitest vielen Zuschauern nur ein Schauspiel. Sieh doch die Köpfe an den Fenstern.“

In diesem Augenblick trat Althoff mit dem jungen Arzt heran.

„Fräulein Orla, erlauben Sie mir, Ihnen Herrn Doktor Andres vorzustellen. Und hier, Doktor: Fräulein Orla Sassuwitsch, eine liebenswürdige Kollegin _in spe_.“ Über Orlas Gesicht flog bei diesen Worten eine leichte Röte, und ihre Augen senkten sich zu Boden. Sie ahnte nicht, wie schön sie gerade in diesem Augenblick war, und daß die Blicke des jungen Mannes bewundernd auf ihr ruhten. Eigenartig und vornehm sah die Russin aus. Sie trug ein dunkelgrünes, eng anliegendes Tuchkleid, dessen Saum mit Otterpelz besetzt war. Von gleichem Pelz waren auch der kostbare Schulterkragen, der Muff und das Mützchen, das tief in die Stirn gedrückt war.

„Um Gottes willen. Orla, willst du denn in diesem luftigen Aufzuge fahren?“ fragte Flora, „du hast ja nicht einmal eine Jacke an, du erfrierst ja. Hu!“

Zusammenschauernd wandte sie sich ab.

„O nein, Flora, ängstige dich nicht, ich bin abgehärtet und zog mich in Rußland bei viel strengerer Kälte niemals wärmer an.“

„Na,“ erwiderte Flora, „da bin ich doch zarter besaitet, als du, ich muß mich ordentlich einhüllen, sonst friert mich.“

Ordentlich eingehüllt, ganz vermummt vielmehr sah die junge Frau allerdings aus in ihren Mänteln, Tüchern und Schleiern.

„Ich meine, wir fahren nun los. _Messieurs, engagez les dames_,“ rief Althoff scherzend.

Ilse, welche sah, daß der Referendar auf sie zukam, trat schnell auf Nellies Mann zu.

„Bitte, bitte, Herr Doktor,“ flüsterte sie hastig, „darf ich mit Ihnen fahren?“

„Das wird mir nicht nur eine hohe Ehre, sondern auch ein großes Vergnügen sein,“ antwortete er mit einer drollig feierlichen Verbeugung.

Lüders wurde von Ilse ziemlich ungnädig und von oben herab abgewiesen und zog mit langem Gesicht ab. Was blieb ihm nun anders übrig, als mit Flora zu fahren, denn Nellie saß mit Gerber im Schlitten und Orla mit Doktor Andres. Floras Augen waren ihm gefolgt, als er zu Ilse trat. Sie war voller Freude darüber, daß ihm diese einen Korb gab, und mit siegesgewisser Miene sah sie ihn jetzt auf sich zukommen. Seine Verdrossenheit über Ilses Abweisung malte sich deutlich in seinen Zügen, aber Flora schien das nicht zu bemerken. Mit ihrem liebenswürdigsten Lächeln nickte sie ihm zu und kletterte dann ungeschickt und steif in den Schlitten, wo sie fast ganz in ihren Umhüllungen verschwand, so daß nur die von der Kälte bläulich angehauchte Nase hervorschimmerte.

„_All right?_“ rief Althoff jetzt.

„Ja, ja, _yes_, _oui_,“ antworteten die lachenden Stimmen durcheinander, die Pferde zogen an, und mit lustigem Schellengeläut flogen die Schlitten über die glatte Bahn dahin. Bald hatte man die letzten Häuser der Stadt im Rücken, und große Schneeflächen, von der Sonne beschienen und wie mit Diamanten übersät, breiteten sich zu beiden Seiten des Weges aus.

„Ein weißes, großes Leichentuch ist über die tote Natur ausgebreitet,“ trug Flora mit tragischem Augenaufschlag vor. Aber sie machte heute keinen Eindruck auf ihren Nachbar, der einsilbig neben ihr saß und ihr nur zerstreute Antworten gab.

„Lüders, Sie sind heute langweilig,“ sagte sie schließlich, „nun, ich brauche glücklicherweise die Unterhaltung andrer nicht, um mich zu amüsieren. Meine Gedanken sind mir die liebsten Gesellschafter,“ fügte sie spitz hinzu und wandte sich von ihm ab zur Seite. In demselben Augenblick traf ein Schneeball empfindlich ihre Nase und Nellies helles Lachen über den gut gelungenen Wurf verriet die Anstifterin. Flora verstand keinen Scherz, sie drehte sich deshalb entrüstet um und schoß Nellie einen bitterbösen Blick zu, indem sie ärgerlich den Schnee von ihrem Mantel abschüttelte.

„Ich glaube, Ihre Frau zürnt mich über die kleine Spaß,“ sagte Nellie zu Doktor Gerber.

Er schüttelte mit mattem Lächeln den Kopf, denn er wollte der jungen Frau nicht recht geben, trotzdem er überzeugt war, daß Flora den harmlosen Scherz ernstlich übel genommen hatte. Seine müden Bewegungen fielen Nellie auf, er hatte sonst etwas Energisches und Kraftvolles in seinem Wesen.

„Fühlen Sie sich sehr unwohl?“ fragte sie ihn teilnahmsvoll.

„Ja,“ erwiderte er, „es geht mir heute nicht gut, ich weiß, daß ich Fieber habe, und fühle heftige Stiche in der Brust beim Atemholen. Aber wir wollen nicht mehr davon sprechen, es wird schon wieder besser werden. Ein Arzt darf ja überhaupt nicht krank sein, er überläßt das lieber seinen Patienten, selbst hat er keine Zeit dazu.“

Er sprach scherzend, aber die feinfühlende Nellie empfand, daß er sich heute zu einem heiteren Ton zwingen und sich sehr elend fühlen mußte.

„O wenn Ihnen nur der kalte Zugluft nicht schadet,“ sagte sie besorgt, „hier, bitte nehmen Sie dieser Tuch um Ihren Hals, bitte erlauben Sie mich.“

Er wollte ihr abwehren, aber sie hatte schon ein seidenes Tuch aus ihrer Tasche hervorgeholt und band es ihm eigenhändig um.

Fast gerührt blickte er sie an.

„Sie sind eine fürsorgliche kleine Frau, tausend Dank!“

Er ergriff ihre Hand und führte sie an seine Lippen. Nellie wurde rot und entzog ihm schnell ihre Hand.

„O,“ sagte sie, „Sie müssen mir nicht für eine Kleinigkeit ein so großer Dank geben. Ich bin es von mein Mann so gewohnt, ich muß für ihn an alles denken und sorgen. O, er ist so leichtsinnig, er sieht nie nach die Thermometer, ob es kalt oder warm draußen ist.“

Doktor Gerber dachte unwillkürlich an den Unterschied zwischen seiner Frau und Nellie. Er schätzte letztere hoch, ihr echt weiblicher Sinn, ihre häuslichen Gaben hatten ihn oft entzückt. Im stillen hatte er gehofft, Flora würde von ihr lernen, aber bald mußte er einsehen, daß auch das beste Beispiel sie nicht ändern konnte. Sein Beruf ließ ihm zum Glück nicht viel Zeit zum Grübeln übrig, aber in den wenigen Erholungsstunden litt er schwer unter dem Druck der Ungemütlichkeit in seinem Heim, und nur wenn er in die unschuldigen Augen seines Kindes sah, fiel es wie ein Lichtstrahl in die öde Leere seiner Brust. Nellie betrachtete voller Mitleid ihren stummen Nachbar, dessen Gedanken sich deutlich in seinen Zügen verrieten. Sie hatte schon oft traurig empfunden, daß dieser Ehe die Weihe des wahren, echten Glückes fehle, und fragte sich dann: liebt ihn Flora nicht und ist sie blind dagegen, daß er leidet? Nein, die wahre Liebe kannte sie nicht, – würde sie sonst stets nur an sich denken und über ihre elende Stümperei Mann und Kind vergessen? Wußte sie nicht, wie schön es ist, den Beruf des liebenden Weibes mit heiliger Pflichttreue zu erfüllen? Nellie war sich desselben tief bewußt, für sie gab es keinen andern Wunsch, als ihren Mann zu beglücken, seine Liebe war ihr das Höchste, Herrlichste auf dieser Welt! Der einzige Fred! In dem liebe- und glückerfüllten Gedanken an ihn wandte sie sich nach ihm um, sie mußte ihn in diesem Augenblick sehen, einen Blick von ihm erhaschen.

„Fred!“ rief sie und nickte ihm innig zu. Er war im lebhaften Gespräch mit Ilse, die ihrer heiteren Laune die Zügel schießen ließ, weil sie froh war, dem Schicksal entronnen zu sein, mit dem ihr so verhaßten Referendar fahren zu müssen. Sie erzählte sich mit ihrem früheren Lehrer lauter Witze und Scherze, und immer von neuem ertönte ihr fröhliches Lachen.

Plötzlich jagte der letzte Schlitten, in welchem Orla mit ihrem Begleiter saß, in sturmesähnlicher Geschwindigkeit an ihnen und den andern vorüber. Orla hatte die Zügel in der Hand, sie saß kerzengerade aufgerichtet. Die scharfe Luft hatte ihre Wangen gerötet, Feuer und Lebenslust blitzten aus ihren Augen. Als ihr Schlitten an Flora vorbeisauste, fuhr diese mit einem Aufschrei zusammen und schloß wie ohnmächtig die Augen. Lüders aber schien die Schwäche seiner Nachbarin nicht zu bemerken, er war nicht im mindesten besorgt um sie, im Gegenteil, mit einem kalten höhnischen Lächeln blickte er sie von der Seite an. Als Flora die Augen wieder aufschlug, sah sie, wie sich Orla umdrehte und ihr mit dem heitersten Gesicht zurief, ob sie sich von ihrem Schrecken erholt habe. Sie hatte die Zügel straff angezogen und ließ die Pferde in langsamem Tempo gehen.

„Hoffentlich habe ich nicht auch Sie erschreckt,“ wandte sie sich an ihren Nachbar, „ich vermute es fast, weil Sie mir die Zügel entreißen wollten. Sie dachten gewiß, die Pferde gingen durch?“

„Natürlich glaubte ich es, und ist mir das zu verdenken, da ich doch keine Ahnung haben konnte, welche kühne Rosselenkerin Sie sind? Wie harmlos sagten Sie zu mir: bitte lassen Sie mich doch einmal die Zügel nehmen, ich möchte auch mal versuchen zu fahren. Offen gesagt, das war recht hinterlistig von Ihnen.“

„Nein,“ lachte sie, „es war nicht hinterlistig von mir, denn ich wußte in der Tat nicht, ob ich das Fahren nicht verlernt hatte; ich habe so lange keinen Zügel in der Hand gehabt. In dem Augenblick aber, als Sie mir dieselben gaben, da kam das Bewußtsein der Sicherheit wieder über mich, die alte Leidenschaft erwachte in mir, ich war wieder daheim in Petersburg, ich saß in unserm Schlitten, es waren unsre Ponys, die ihn zogen, kurz und gut, es war meine lebhafte Einbildungskraft, die mich fortriß und Ihnen diesen Streich spielte. Verzeihen Sie?“

„O, von Verzeihen kann hier keine Rede sein, Sie haben mir ja einen riesigen Spaß bereitet, gnädiges Fräulein. Ich bleibe jetzt bequem in meiner Ecke sitzen und lasse mich von schönen Händen spazieren fahren, denn Sie verstehen es ja weit besser als ich. Sie reiten wohl auch?“

„Und wie gern,“ versetzte sie mit blitzenden Augen.

„An Unerschrockenheit fehlt es Ihnen nicht, dafür habe ich Beweise. Für ihren künftigen Beruf ist das übrigens viel wert, denn es gibt da vieles zu überwinden, selbst für einen Mann.“

„Ja, ja, ich weiß,“ gab sie kurz und halb verlegen zur Antwort.

Wie merkwürdig, es war ihr peinlich, wenn er davon anfing. Es kam ihr vor, als läge ein gewisser Spott in seinen Worten, als umspiele ein mitleidiges Lächeln seine Lippen, wie wenn er dächte, du eine schwache Frau willst dich an eine solche Aufgabe wagen? Schon verschiedene Male hatte er sie heute über ihre Zukunftspläne befragt, die natürlich ihn interessierten, da er selbst Arzt war, sie hatte ihm aber immer ausweichend geantwortet. Mit Althoff und Gerber besprach sie doch eingehend denselben Gegenstand und holte ausführlich ihren Rat ein; warum hatte sie eigentümliche Scheu, mit Andres darüber zu sprechen? Sie wußte sich das selbst nicht zu erklären.