Trotzkopf's Brautzeit

Part 11

Chapter 113,806 wordsPublic domain

„O, Fred will ihr gern das Unterricht geben, er meint nur, es wäre ein großer Schritt von einer Frau, zu studieren, und will ihr das auch vorstellen. Doch ich sage ihm, Orla hat eine feste Kopf; was sie will, das tut sie, du kannst ihr nicht abbringen. Morgen schreibe ich ihr gleich, sie soll kommen; wir nehmen ihr herzlich gern auf. Und nun, gute Nacht, _darling_, ich bin müde von die langweilige Flora-Gesellschaft und auch du hast schlafrige Augen.“

Die Freundin war schon längst fort, und Ilse hatte sich gleichfalls zur Ruhe begeben, lag aber noch wachend im Bette; die Erinnerung an den ereignisreichen Abend raubte ihr den Schlaf. Orlas Schicksal beschäftigte sie lebhaft. Orla, eine Studentin, das war doch zu interessant! Was wird Flora dazu sagen und die artige Rosi, welche die freidenkende und energische Russin niemals verstanden hatte, sie wird über diese Emanzipation gewiß außer sich sein.

Als Gott Morpheus unsre kleine Ilse endlich in seine Arme schloß, träumte sie lauter wunderliches Zeug. Orla stand in Männerkleidern vor ihr und hatte das Cereviskäppchen flott auf das eine Ohr gesetzt. Mit einem kurzen Spazierstöckchen schlug sie an ihre hohen Stulpenstiefeln und blies aus einer Zigarette zierliche blaue Ringeln in die Luft. Dann wieder erschien Leo in Ilses Träumen. Er lag zu den Füßen der schönen Amerikanerin, die ihn mit ihren schwarzen Augen verführerisch anblickte. Ilse wurde bei diesem Anblick von einer wilden Eifersucht ergriffen, sie wollte dazwischen fahren, war aber wie festgebannt und konnte sich nicht vom Flecke rühren. –

Den Brief an Orla hatte Nellie am andern Tage in aller Frühe geschrieben; die Antwort war sofort in einem kurzen Telegramm erfolgt, das die Worte enthielt: „Ich werde Montag abend 8½ Uhr dort eintreffen.

Orla.“

Nach einer Wohnung für dieselbe hatte sich Nellie nicht umgesehen, denn selbstverständlich würde sie die Freundin nicht ausquartieren; sie sollte vielmehr das Fremdenstübchen mit Ilse teilen. Die bevorstehende Ankunft Orlas war jetzt ein lebhafter Gesprächsgegenstand. Flora fand die Idee, daß Orla studieren wollte, ‚einfach genial‘ und war so begeistert darüber, daß sie behauptete: wenn sie nicht ‚Hymens Fesseln‘ bänden, wie sie sich, stets poetisch, ausdrückte, würde sie ebenfalls studieren, wenn sie auch nicht gerade die medizinische Wissenschaft zu ihrem Studium wählen möchte, die nach ihrer Meinung nun einmal alles Ideale in der menschlichen Brust ersticke.

„Orla und ich verstanden uns von jeher gut, wir sind sozusagen ‚geistig verwandt‘,“ sagte sie zu Nellie und Ilse, „ich freue mich deshalb schrecklich, sie wiederzusehen.“

Im stillen dichtete sie an einem Sonett, welches sie in einem Blumenstrauß versteckt zum Empfange überreichen wollte und in dem sie in überschwenglichster Weise eine Heldin der Zukunft besang.

„Wißt ihr noch, Kinder,“ fragte sie die Freundinnen, „wie Orla die wirklich großartige Rede unter dem Lindenbaum hielt, und wie ich ihr damals schon prophezeite, daß einst etwas Großes aus ihr würde? Ich habe mich nicht getäuscht, ich ahnte, daß sie sich über das Niveau des alltäglichen Lebens erheben würde. Ihre groß angelegte Natur strebt nach Höherem, mit kräftiger Hand zerreißt sie die engen Fesseln der Weiblichkeit und stellt sich den Männern an die Seite. Ich begreife sie, ich verstehe sie voll und ganz, denn wer so wie ich den Drang nach etwas andrem, besserem in sich fühlt, der leidet beständig unter dem Druck der grauen Alltäglichkeit, welche eine nüchterne, kalte Oede im innersten Gemüt hinterläßt.“

Ihre wasserblauen Augen waren bei dieser schönen Rede schwärmerisch gen Himmel gerichtet, und sie bemerkte deshalb nicht, daß Nellie unwillig den Kopf schüttelte.

„O Flora,“ sagte diese ernst, „du versündigst dir. Wie darfst du von einer kalte, graue Oede in dein Inneres sprechen und hast ein so guten Mann, ein herziges Baby –, o, wie süß ist das Kind! Wär es mein, wie wollte ich ihr hegen und pflegen. Warum hast du es so wenig um dir? Du mußt mit die Kleine spielen, ihr schöne Geschichtens erzählen, wie wir es mit unsere kleine Lilli taten.“

„Verschone mich mit deinen weisen Reden,“ unterbrach sie Flora beleidigt, aber doch etwas verlegen. „Eine so alberne Mutter, wie du sie eben schilderst, bin ich Gott sei Dank nicht. Das Kind ist gut versorgt. Habe keine Angst, liebe Nellie, ich bin mir der heiligen Mutterpflichten wohl bewußt.“

Das war wieder echt, wie Flora gesprochen, theatralisch und überspannt. Es war ihr offenbar unangenehm, daß Nellie hiervon angefangen hatte, und sie gab deshalb dem Gespräch möglichst schnell eine andre Wendung. In ihrem Innern dachte Nellie, daß sie es mit den ‚heiligen Mutterpflichten‘ doch wohl nicht so genau nähme; das kleine verschüchterte, nachlässig gekleidete Stiefkind war der sprechendste Beweis dafür. Es war nicht fröhlich und vergnügt wie andere Kinder, ein wehmütiger Ernst lag in seinen großen Augen, und der kleine Mund war trotzig fest geschlossen. Nur wenn Käthchen bei ihrem Vater war, dann strahlte sie und ein glückliches Lächeln machte das Kindergesicht unendlich liebreizend. Um die Mittagszeit stand sie schon lange, bevor er kam, am Fenster und wartete auf ihn. Sah sie ihn kommen, so lief sie ihm entgegen und hing an seinem Halse. Über sein ernstes Gesicht flog es dann wie Sonnenschein, er küßte und liebkoste die Kleine.

„Du verwöhnst Käthe einfach grenzenlos,“ warf ihm Flora einmal vor, „sie ist bereits furchtbar verzogen, ein schrecklich unartiges Kind, man hat seine liebe Not damit.“

„Flora, du vergißt, wie lange das Kind mutterlos gewesen ist,“ sagte er, und man sah ihm an, wie weh ihm ihr hartes Urteil über seinen Liebling tat, „ich konnte mich neben meiner Praxis wenig um dasselbe bekümmern, es war fremden Händen überlassen. Ist es da wunderbar, daß seine Erziehung vernachlässigt ist? Habe doch Geduld mit ihm.“

Er wollte noch hinzusetzen: und bekümmere dich mehr darum, aber er sagte nichts, denn er kannte Floras Empfindlichkeit. Im Anfang ihrer Ehe, als er seine Frau immer am Schreibtische sitzend vorfand, wenn er nach Hause kam, hatte er sie sanft aber inständig gebeten, sich mehr um den Haushalt zu bekümmern, denn nie war das Essen zur rechten Zeit fertig, und wenn es auf den Tisch kam, war es nur zu oft ungenießbar. Da kam er aber schön an, sie warf ihm vor, er sei doch gar zu materiell und das Essen spiele bei ihm die Hauptrolle.

Er war mit Scherz über diese unangenehme Bemerkung hinweggegangen und hatte freundlich zu ihr gesagt: „In den Mußestunden, liebes Kind, kannst du so viel schreiben als du willst, aber nie darfst du darüber die Pflichten der Hausfrau und Mutter versäumen.“

Das nahm Flora sehr übel und tagelang sprach sie kein Wort mit ihm. Aber ihre Lebensweise änderte sie in keiner Beziehung, ja seine Vorwürfe regte sie nur zu neuen Taten an, in langen Gedichten klagte sie ihr Leid, daß sie eine mißverstandene Frau sei. Sie dachte nur an sich; was lag auch daran, daß ihr Mann, wenn er hungrig und müde nach Hause kam, keine Behaglichkeit vorfand, und sich dann in sein Zimmer zurückzog? Wie konnte man überhaupt so prosaisch sein und sich durch solche Dinge die Laune verderben lassen! Sein liebevolles Zureden, seine eindringlichen Vorwürfe, nichts half, um Flora zu ändern. Da riß dem sonst so gutmütigen Manne die Geduld, er bat nicht mehr, er verlangte, und es kam zu heftigen Szenen zwischen den beiden Eheleuten. Flora spielte dann die schwer Beleidigte.

Doktor Gerber hatte nicht geahnt, als er noch verlobt war und Flora ihn mit überschwenglichen Gedichten überschüttete, die er nur flüchtig las, daß er einst unter dieser poetischen Ader zu leiden haben würde. Er sah es für eine Spielerei an, die ein Ende nehmen würde, wenn erst ernste Pflichten an die junge Frau heranträten. Wie bitter wurde er enttäuscht! Aus der sanften, hingebenden Braut, die ihn schwärmerisch anzubeten schien, in der er eine treue Lebensgefährtin, eine sorgende Mutter für sein Kind zu finden hoffte, wurde eine unfügsame, selbstsüchtige Frau, welche Mann und Kind vernachlässigte und sich obenein noch gekränkt fühlte, daß er ihrer dichterischen Beanlagung so wenig Interesse schenkte und so geringes Verständnis entgegenbrachte. „Sie mit ihrer idealen Natur passe nun einmal nicht in diese profane Welt,“ so tröstete sie sich schließlich. Ihr Mann ertrug jetzt alles mit ruhiger Ergebung, nachdem seine Liebe und Güte, dann seine Strenge, ja selbst sein Zorn nichts gefruchtet hatten. Er ging seinem anstrengenden Berufe nach und sagte nichts mehr; Flora war froh, daß sie keine Vorwürfe mehr hören mußte und Ruhe hatte. Einen Verehrer ihrer Muse hatte sie in dem Referendar gefunden, dem sie unter vielen Seufzern ihr Schicksal klagte und wie hart es sei, von dem eigenen Manne verkannt zu werden.

„Ich habe mir meine besondere Welt geschaffen, in der ich lebe,“ sagte sie zu Lüders, „denn wer versteht mich? Außer Ihnen niemand,“ fügte sie mit einem gefühlvollen Augenaufschlag hinzu. Auf Nellie blickte sie mit einer gewissen Geringschätzung herab, sie ging ja, nach ihrer Meinung wenigstens, vollständig in ihrem Mann und den Haushaltungssorgen auf.

Als sie ihr das einmal sagte, hatte Nellie erwidert: „Tut nix, von schöne Gedichte und Romans kann mein Mann nicht satt werden, ich bin nun mal ein prosaisches Frau, liebe Dichterin.“

„Orla wird mit ihren geistigen Interessen wenig Anklang bei Nellie finden,“ dachte Flora im stillen und meinte, es wäre eigentlich besser, Orla wohne bei ihr. Sie beneidete Althoffs grenzenlos um ihren interessanten Besuch und nahm sich vor, mit Orla sehr viel zu verkehren. Ihrem Freunde, dem Referendar Lüders und ihren Bekannten erzählte sie mit großer Wichtigkeit und Ausführlichkeit von der bevorstehenden Ankunft der jungen Russin, die eine intime Freundin von ihr sei, da sie beide sozusagen ‚geistesverwandt‘ wären, daß sie zusammen in der Pension gewesen seien, und wie sich Orla schon damals durch ihre hervorragende Begabung ausgezeichnet hätte. Sie umgab deren Persönlichkeit mit einem Nimbus, der darauf berechnet war, seinen glänzenden Schein vorteilhaft auf sie selbst zurückzuwerfen. Da war es denn bald stadtkundig geworden, welchen Besuch Althoffs erwarteten, und man sah demselben mit Spannung und Neugierde entgegen, ja sogar die Männer waren begierig, die junge Dame kennen zu lernen!

* * *

Nun war Orla schon einige Tage bei den Freunden, und da sie sich müde und abgespannt von der Reise fühlte, ging sie nicht aus dem Hause, ahnungslos, wie sehnsüchtig man im Städtchen auf ihr Erscheinen wartete und wie sehr sie die Geduld der Neugierigen auf die Folter spannte. Flora kam fast jeden Tag; sie war natürlich auch auf dem Bahnhof gewesen, als Orla ankam, hatte diese überschwenglich umarmt und ihr den Strauß mit dem bewußten Gedicht in die Hand gedrückt. Orla nahm diese Begrüßung etwas kühl und verwundert auf, war sie doch gerade mit Flora nie vertraut gewesen, deren Natur ihr vollkommen unverständlich und unsympathisch war. Dagegen freute sie sich aufrichtig, Ilse wiederzusehen.

„Nellie,“ hatte Ilse vor Orlas Ankunft gesagt, „bitte, erzähle Orla nur gleich alles –, du weißt schon, die Geschichte mit der Flucht. Wenn sie mich nach Leo fragte, das wäre mir schrecklich, denn gerade ihr gegenüber schäme ich mich doppelt, sie kann gewiß nicht begreifen, daß ich eines lumpigen Streites wegen fortlaufen konnte, sie denkt so erhaben über alles Kleinliche.“

Nellie hörte mit heimlicher Genugtuung und Freude die Freundin an und sagte zu ihrem Manne: „Du Fred, Ilschen ist auf die Besserung, sie nennt den Streit mit ihre Schatz schon ‚lumpig‘ und meint eine solche ‚Kleinigkeit‘ könne Orla nicht begreifen.“

Die drei Freundinnen hatten sich viel zu erzählen, und manche Stunde wurde mit alten Erinnerungen verplaudert. Waren diese im Grunde doch noch so frisch und neu; nur zwei Jahre lagen dazwischen und die hatten keine davon verwischen können. Die kurze Spanne Zeit hatte aber manche Veränderungen hervorgebracht, namentlich wollten Orla die drei würdigen Hausfrauen unter den Pensionsschwestern nicht recht in den Sinn.

„Ich komme mir gegen euch ehrbare Frauen – Ilse rechne ich mit – wie ein Wickelkind vor,“ sagte sie scherzend.

„Na Orla,“ neckte Ilse, „wie lange wird es dauern, und du bist auch verlobt und verheiratet, du bist so hübsch und klug –“

„Um Gottes willen, Ilse,“ fiel ihr Orla in die Rede, „du willst mir doch nicht etwa Schmeicheleien sagen, Kind! Du weißt doch, daß ich sie hasse.“

Aber Ilse lag es fern, der Freundin schmeicheln zu wollen. Aus ihren Worten sprach die aufrichtigste Bewunderung und sie war viel zu offen, jemand etwas Angenehmes zu sagen, wenn es nicht ihre wirkliche Meinung war. Die ganzen Tage her hatte sie Orla verstohlen angeblickt, denn sie fand sie jetzt noch viel hübscher, als in der Pension. Sie war größer und voller geworden, dabei schlank und biegsam wie eine Tanne. Besonders gut gefiel Ilse Orlas ‚interessante Blässe‘, und in der Tat bot der matte, aber warme Teint im Verein mit den dunklen geistvollen Augen, dem kurzen, leichtgelockten Haar ein unendlich anziehendes und reizvolles Bild. Ihr Profil war scharf geschnitten, ein keckes Stumpfnäschen verlieh ihrem Gesicht etwas Pikantes, und den kleinen vollen Mund mit den stolz geschwungenen Lippen hatte Flora schon in der Pension als ‚vollendet klassisch‘ besungen. Trotz einer gewissen Schroffheit in Orlas Wesen konnte sie hinreißend liebenswürdig sein und jedermann bezaubern.

Am Tage nach ihrer Ankunft hatte sie den Freunden alles erzählt, was sie Trauriges betroffen hatte, und mit ihnen ihre Zukunftspläne beraten. Doktor Althoff machte sie schonungslos auf alle Schwierigkeiten ihres Entschlusses aufmerksam, und Orla war ihm für seine Aufrichtigkeit sehr dankbar, aber – so sagte sie ihm nach einer langen Auseinandersetzung unter vier Augen, so wenig Lichtseiten er ihr auch an ihrem zukünftigen Beruf gezeigt hätte, sie wäre trotzdem fest entschlossen, nicht wankend zu werden.

„Ich bin, wenn auch keine Pessimistin, doch weit entfernt davon, eine Optimistin zu sein,“ sprach sie, „ich weiß ganz genau und habe mir das auch reiflich überlegt, daß ich einen langen, beschwerlichen Weg vor mir habe, bis ich mein Ziel erreiche, und dennoch schrecke ich nicht zurück.“

Nun, an Energie und Begabung fehlte es ihr nicht, das wußte er, denn schon in der Schule hatte er seine Freude an ihr gehabt und war oft überrascht gewesen, wie sie bei einem schnellen Fassungsvermögen für eine Frau auffallend klar und logisch dachte. Nie betrieb sie das Lernen oberflächlich, sie nahm alles sehr genau und erforschte die Dinge bis auf den Grund. Daß es ihr aber heiliger Ernst mit dem Studium war, daß kein Gedanke der Eitelkeit, noch die Sucht nach Außergewöhnlichem sie dazu bestimmt hatten, das konnte man alsbald merken, denn sie entwarf mit Althoff sofort einen genauen Stundenplan und er hatte sich in der Folge über seine eifrige und fleißige Schülerin nicht zu beklagen. Mit dem Unterricht wurde gleich am übernächsten Tage ihres Eintreffens begonnen.

„Willst du dir nicht erst ein wenig ruhen?“ hatte Nellie gefragt, „du bist von die vielen Aufregungen in der letzte Zeit doch gewiß sehr angespannt?“

„Nein, nein, Nellie,“ gab sie zur Antwort, „ich darf keine Minute Zeit verlieren, außerdem ist gegen elegische Gedanken, wie sie jetzt manchmal in mir auftauchen wollen, Arbeit das beste Mittel.“

Sie hatte sich entschieden gesträubt, bei Althoffs zu wohnen, indem sie behauptete, das ginge nicht, es wäre ihr peinlich. Sie würde sich daher in den nächsten Tagen selbst nach einer passenden Wohnung umsehen; sie schalt Nellie, daß sie es nicht vorher schon getan hätte. Vorläufig bewohnte sie mit Ilse das Fremdenstübchen, und wenn diese abends schon längst im Bette lag, saß Orla noch auf und arbeitete bis tief in die Nacht hinein.

„Aber Orla,“ sagte Ilse oft, „du darfst nicht so lange aufbleiben, du wirst sonst krank; komm und lege dich schlafen.“

„Laß mich nur Kind,“ antwortete Orla, „schlafe ruhig weiter und habe keine Angst, ich werde nicht krank.“

„Kind, sagt sie immer zu mir,“ dachte Ilse, „gerade als wenn sie viel älter wäre als ich, und sie ist doch erst neunzehn Jahre alt.“ Aber daß Orla, trotz des geringen Altersunterschiedes viel reifer und verständiger war als sie, das empfand sie nur zu oft und sie kam sich dann ihr gegenüber noch recht kindisch und albern vor.

„Gegen Orla bin ich doch furchtbar dumm,“ sagte sie einmal zu Nellie.

„O Ilschen,“ lachte die junge Frau, „du nicht allein, ich auch. Aber wir wollen ja doch keine Studentens werden und für die tägliche Gebrauch sind wir klug genug.“

„Weißt du, Nellie, wenn Orla mich mit ihren großen Augen so prüfend und scharf ansieht, dann denke ich immer, daß sie mich in ihrem Innern gewiß recht verspottet und verhöhnt, weil ich davongelaufen bin. Was sagte sie denn eigentlich dazu?“

Nellie konnte sie darüber beruhigen, daß Orla sie weder verhöhnte noch verspottete. Sie hätte Ilse stets gerne gehabt, weil sie ‚Temperament‘ besäße, und es täte ihr nur leid, daß sich der kleine Brausekopf selbst bittere Stunden bereitete.

„Selbst bittere Stunden bereitete,“ wiederholte Ilse Orlas Wort, „als ob ich daran schuld wäre.“

Noch glaubte sie nicht an ihr Unrecht, noch war sie im Gegenteil überzeugt, daß sie in der Sache selbst im vollsten Recht sei. Allerdings hatte, wenn sie sich die Szene an jenem verhängnisvollen Mittag ins Gedächtnis zurückrief, wohl schon manchmal eine Stimme in ihrem Innern geflüstert: du hättest nachgeben müssen, du warst zu widerspenstig; aber dann hörte sie im Geiste wieder deutlich Leos beschämende Worte, und ihre besseren Regungen hielten davor nicht stand. –

Als Orla zum ersten Male mit den Freundinnen ausging, flog ihr mancher bewundernde Blick zu, einige Vorübergehende blieben sogar stehen und sahen der neuen Erscheinung musternd nach. Auch Doktor Andres begegnete ihnen, der durch Flora von der ‚interessanten russischen Freundin‘ schon viel gehört hatte und diese nun mit kritischen Blicken betrachtete. Er hatte sich ein anderes Bild von ihr gemacht, denn von Floras überschwenglichen Beschreibungen glaubte er immer nur die Hälfte, weil er sie längst durchschaut hatte. Er hatte sich unter der künftigen Berufsgenossin eine starkknochige, keineswegs anziehende Erscheinung vorgestellt und war nun angenehm überrascht, eine schöne junge Dame, deren Weiblichkeit schon aus ihrer anmutigen Erscheinung sprach, zu erblicken. Mit unverhohlenem Wohlgefallen sah er Orla an.

„Wer war der große stattliche Mann, der uns eben grüßte?“ fragte sie, nachdem er vorüber war.

Nellie nannte seinen Namen.

„Eine sympathische Erscheinung,“ bemerkte Orla noch. „Übrigens, Nellie, werden alle Leute, die neu hierherkommen, so angestarrt wie ich? Sie staunen mich ja an wie ein Wundertier. Sieh nur da drüben die Dame, wie sie dir zuwinkt und durch Zeichen zu verstehen gibt, daß du stehen bleiben sollst; wahrhaftig, sie scheut den Schmutz nicht und kommt über die Straße zu uns.“

Es war die Frau Direktor, die ihre Neugierde nicht bemeistern konnte und unbedingt den fremden Gast von Althoffs kennen lernen wollte.

„Liebe Frau Doktor,“ redete sie Nellie an, „ich habe Sie ja so lange nicht gesehen, es geht Ihnen doch gut, kleine Frau? Und Sie, liebes Bräutchen,“ wandte sie sich an Ilse, „ist die Sehnsucht nach dem Schätzchen nicht zu groß, halten Sie es so lange ohne ihn aus? Wie gefällt es ihm denn in Paris? Gontrau ist doch sein Name, nicht wahr? Ja? Dann habe ich mich nicht geirrt, als ich neulich zufällig durch einen Bekannten meines Sohnes, einen Referendar, erfuhr, daß Assessor Gontrau sich einen längeren Urlaub zu einer Reise nach Paris genommen habe. Da wird er Ihnen jetzt gewiß viel Interessantes erzählen.“

Nellie hat Ilse bei diesen Worten erbleichen sehen und unterbrach die redsame Dame deshalb schnell.

„Frau Direktor,“ sagte sie, „darf ich Ihnen unsere Freundin Fräulein Orla Sassuwitsch vorstellen?“

Und nun ergoß sich über diese ein gleicher Redestrom; Orla verstand es jedoch geschickt, mit kühler, aber ausgesuchter Höflichkeit ihren Fragen auszuweichen, so daß die aufgeregte Fragerin wenig mehr erfuhr, als sie schon wußte. Die vornehme Zurückhaltung der jungen Dame imponierte ihr gewaltig, und sie bat sie dringend um ihren baldigen Besuch.

„Bitte, kommen Sie aber gleich des Nachmittags mit einer Handarbeit zu einer Tasse Kaffee,“ sagte sie, Orla die Hand schüttelnd, und verabschiedete sich.

„Ich kann diese Frau Direktor nicht ausstehen,“ meinte Ilse offenherzig, „wie unverschämt sie jeden ausfragt! Ich könnte ihr kein Wort erwidern, so furchtbar ärgere ich mich über sie.“

„Aber, beste Ilse,“ lachte sie Orla aus, „wenn man sich über solche Lappalien im Leben schon ‚furchtbar ärgern‘ will, dann könnte man ja nie froh sein. Die gute Dame hat mich erheitert, das Fragen und Ausforschen scheint ihr Lebensbedürfnis zu sein. Du lieber Gott, ‚jedes Tierchen hat sein Pläsierchen‘, also: lassen wir ihr das Vergnügen.“

„Nein,“ sagte Ilse erregt, „ich könnte mit dieser Frau nicht verkehren, und warum soll man denn auch jemand besuchen, den man nicht ausstehen kann? Nellie mag sie auch nicht leiden und ist doch so freundlich zu ihr.“

„Du bist doch ein recht weltunkundiges kleines Mädchen, Ilse, und hast noch sehr naive Ansichten, nimm mir das nicht übel! Von der ‚konventionellen Lüge‘ hast du wohl noch nie etwas gehört? Weißt nicht, daß man den Personen, die man nicht leiden mag, nicht ins Gesicht sagen kann: geh mir aus dem Wege, denn du bist mir unangenehm. Man könnte leider beinahe sagen: je besser man lügen kann, desto weiter kommt man in der Welt. Man nennt das ‚weltklug‘ sein.“

„Siehst du, Ilschen,“ warf Nellie ein, „Orla spricht so, wie ich dich schon sagte. Ich mag ihr auch nicht, das neugierige Direktorsfrau, aber sie darf mich das nicht anmerken.“

Ilse erwiderte nichts, nachdenklich ging sie neben den Freundinnen her.

Am Abend, als die beiden jungen Mädchen sich zur Ruhe begaben, fragte Ilse plötzlich:

„Orla, würdest du mit deinem Manne alle Besuche machen, die er wünscht?“

„Närrchen, warum nicht? Natürlich! Man braucht ja deshalb noch nicht mit denen, die einem mißfallen, zu verkehren. Wie kommst du überhaupt zu dieser Frage?“

„Ach, ich dachte eben nur so zufällig daran,“ antwortete Ilse ausweichend und schwieg dann.

Orla schlief schon längst, als Ilse noch wachend in ihrem Bette lag. Leo in Paris, daran mußte sie immer denken. Was wollte er dort, warum reiste er dahin? Um sich zu amüsieren, natürlich nur deshalb. Sie hatte Nellie gefragt, ob es wahr sei, was die Frau Direktor ihr mitgeteilt hatte, und ob sie auch wüßte, daß Leo in Paris sei. Nellie bestätigte es; sie wußte es ja schon länger, hatte ihr aber diese Nachricht bisher absichtlich verschwiegen. Ilse fragte nichts weiter, sondern hatte das Gespräch schnell abgebrochen und von etwas andrem gesprochen, denn Nellie sollte nicht etwa denken, daß sie sich ärgerte oder grämte. Aber ihre Gedanken beschäftigten sich fortwährend mit dieser Reise und raubten ihr selbst den Schlaf. Sie warf sich unruhig von einer Seite zur andern. War es denn nicht der beste Beweis, daß er sie nicht mehr liebte, daß er keinen Kummer empfand, wenn er Lust hatte, zu seinem Vergnügen nach Paris zu reisen? Paris – er hatte ihr schon so oft davon vorgeschwärmt und dabei gesagt, wenn wir erst verheiratet sind, dann reisen wir nach Paris. Und nun reiste er ohne sie, dachte wahrscheinlich garnicht mehr an sein damaliges Versprechen und unterhielt sich gewiß herrlich. Ihr Interesse für diese Stadt wurde plötzlich wach, sie hätte gar zu gern etwas näheres über Paris gewußt. Ob Orla wohl schon dort gewesen war? Sie hatte mit ihrem Großvater weite Reisen gemacht und schon so viel von der Welt gesehen; gewiß war sie auch in dieser Weltstadt gewesen und konnte ihr davon erzählen. Die Neugierde ließ ihr keine Ruhe, und halb in Gedanken rief sie Orlas Namen.

„Ja, was denn, was ist denn, hast du mich gerufen, Ilse?“ fragte diese noch halb im Schlafe.