Part 10
Ilse war bei seinen Worten jäh erblaßt, und eine namenlose Verlegenheit bemächtigte sich ihrer. Mit unverhohlener Verachtung sah sie Lüders an; als sie aber seinen triumphierenden Blicken begegnete, wandte sie sich erschrocken ab. Was wollte er von ihr? Sie kannte ihn ja kaum und er sie auch nicht. Warum sah er sie so sonderbar an? O Gott, wenn er ihre Unterhaltung mit dem Doktor gehört hatte! Und was sollte sie jetzt zu diesem sagen, wie sich entschuldigen? In ihrer peinlichen Verlegenheit wagte sie nicht aufzublicken, denn sie fühlte, daß ihr die Schamröte heiß in die Wangen gestiegen war. Sie betrachtete es als ein Glück, daß Flora jetzt dazu kam und sie aus ihrer Pein erlöste.
Die junge Frau suchte den Referendar. Die Sängerin schien jetzt kein Ende finden zu können, nachdem sie nach so langem Sträuben einmal den Anfang gemacht hatte. Für jedes Lied erntete sie viel Beifall und dieser begeisterte sie zu immer neuen Vorträgen. Nun wollte sie gern die Trompeterlieder von Riedel singen, welche sie sich aber nicht selbst begleiten konnte. Herr Lüders sollte deshalb die Begleitung übernehmen. Er war damit durchaus nicht einverstanden, denn es war ihm viel interessanter zu erfahren, wie Ilse sich aus der Affäre ziehen, was sie zur Aufklärung sagen würde. Daß zwischen ihr und ihrem Bräutigam etwas vorgefallen war, unterlag für ihn keinem Zweifel mehr, und zu gern hätte er des Rätsels Lösung, die ihm jetzt sehr nahe zu sein schien, vernommen.
Mit Ausreden und Ausflüchten suchte er daher Floras Aufforderung zu entkommen. Er könne nicht begleiten, gab er vor, er spiele zu stümperhaft und sei besonders heute nicht zum Spielen aufgelegt. Aber Flora ließ sich nicht zurückweisen.
„Sie Heuchler!“ rief sie und schlug ihm kokett auf die Schulter, „nur Schmeicheleien wollen Sie hören, warten Sie nur! Zur Strafe müssen Sie uns nachher noch etwas deklamieren, wissen Sie, das kleine Gedicht von mir, das so unverdiente Gnade vor Ihren Augen gefunden hat. Kommen Sie, Bösewicht!“
Sie legte ihren Arm in den seinigen, und widerstrebend ging er mit, im Innern wütend auf Floras Dazwischenkommen.
Die beiden jungen Leute hatten wenig auf Floras Geschwätz geachtet. Ilse stand noch immer stumm und wagte nicht die Augen aufzuschlagen. Sie überlegte fortwährend, was sie Andres sagen solle; mußte er sich denn nicht mit vollem Recht über ihr Schweigen wundern? Sollte sie ihm die Wahrheit gestehen? Nein, das ging nicht, sie müßte sich unsagbar vor ihm schämen. Sie wußte keinen Rat und hatte nur den einen Wunsch, aus dieser so peinvollen Lage befreit zu werden. Wenn nur Nellie käme! Saß sie denn noch immer nebenan im Musikzimmer?
Suchend schweiften ihre Blicke umher.
„Suchen Sie jemand, gnädiges Fräulein?“ fragte Andres, „soll ich Ihre Freundin rufen?“
Sie schüttelte den Kopf.
„Nein, bitte bleiben Sie,“ bat sie fast flehend.
Ihm war die Lage, in der er sich befand, gleichfalls höchst unangenehm, und er hätte derselben gern ein Ende gemacht. Aber durfte er fortgehen, da sie ihn so flehentlich bat, zu bleiben? Daß sein Freund Gontrau wirklich der Bräutigam der jungen Dame war, daran konnte er nach Ilses Erschrecken nicht zweifeln. Hätte sie auch sonst dem Referendar nicht widersprochen, oder, wenn ein Irrtum vorlag, denselben aufgeklärt? Warum hatte sie ihm verschwiegen, daß sie die Braut Gontraus war, was sollte das bedeuten? Die ihm eigene wahre Herzensbildung sagte ihm aber, daß er sie nicht fragen dürfe, ohne sie peinlich, ja vielleicht schmerzlich zu berühren.
So standen denn die beiden wieder eine Weile schweigend nebeneinander. Ilse spielte mit dem Blatt einer Fächerpalme und Andres betrachtete eine Photographie, welche auf dem Tische stand.
Im Nebenzimmer sang das junge Mädchen in den schmelzendsten Tönen und mit einer fast ans Weinen grenzenden Rührung die Klage Margarethas: „O Lieb’, wie bist du bitter, o Lieb’, wie bist du süß!“
So wenig Ilse sonst zu sentimentalen Anwandlungen geneigt war, heute fanden diese Worte ein Echo in ihrem Herzen. Ja, süß war auch ihr die Liebe erschienen, aber mußte sie nicht jetzt die Bitterkeit kosten? Wenn sie die Menschen für eine glückliche Braut hielten, war es nicht eine Lüge, daß sie es mit lächelndem Gesichte zu bestätigen schien? Mußte sie nicht sagen: „Ihr täuscht euch, ich bin nicht glücklich, ich bin unglücklich, tief unglücklich?“ War denn wirklich der Grund ihres Zerwürfnisses mit Leo wichtig genug, um solche Folgen zu haben, daß sie nun Komödie spielen mußte, was sie in die ärgsten Verlegenheiten brachte, ihr die größte Pein bereitete? „Ach, wäre es doch nicht so weit gekommen, hätte ich mich nicht zu der unglückseligen Flucht hinreißen lassen!“ So dachte sie jetzt in ihrem Innern und seufzte schmerzlich auf.
Die schweigsame Nachbarin wurde dem Doktor auf die Dauer ungemütlich, und als er ihren Seufzer vernahm, ergriff er die Gelegenheit und fragte, ob er sie vielleicht zu den andern Damen führen solle.
Sie nickte zustimmend und legte ihre Hand in seinen Arm, doch nach dem ersten Schritt blieb sie schon wieder stehen. Was sollte er von ihr denken, wenn sie ihm nach ihrem vorausgegangenen Betragen kein erklärendes Wort sagte? Er würde sie mindestens für recht albern halten. Sie fühlte, daß seine Blicke fragend auf ihr ruhten. Ja, sie mußte ihr rätselhaftes Benehmen entschuldigen.
Sie sah zu ihm empor und blickte in seine Augen, die ernst und teilnahmvoll auf sie gerichtet waren und eine edle Seele, ein feines Zartgefühl verrieten. Sie hätte sehr bedauert, von dem ihr so sympathischen jungen Manne falsch beurteilt zu werden, was sie nach diesem Zwischenfall ja gar nicht anders erwarten konnte. Und darum wollte sie sprechen, so schwer es ihr auch fiel. „Bitte, Herr Doktor,“ sagte sie leise, „wir wollen uns noch einen Augenblick setzen, ich muß Ihnen etwas sagen.“
Er erfüllte ihre Bitte und sah sie voller Erwartung an. Eine kleine Pause entstand, denn Ilse konnte sich nicht entschließen, Leos Namen über die Lippen zu bringen, den sie in der letzten Zeit gar nicht mehr ausgesprochen hatte, den sie wie ein Geheimnis tief verborgen im Herzen trug. „Sie halten mich gewiß für recht kindisch,“ begann sie endlich, „und wissen nicht, was Sie von mir denken sollen. Ja, es ist wahr, Assessor Gontrau ist mein Bräutigam. Es war nur ein Scherz von mir, wenn ich Ihnen das nicht gleich sagte. Ich wollte gern Ihre Überraschung sehen, wenn Sie es dann von mir erfuhren, und da – da ärgerte ich mich so, daß Herr Lüders mir den Spaß verdarb.“
Der Augenblick hatte Ilse diese Ausrede eingegeben, und sie wunderte sich jetzt selbst, wo sie den Mut hergenommen hatte, dieselbe auszusprechen. Hinterher schämte sie sich ihrer Lüge und blickte verlegen vor sich nieder. Sie hatte gegen ihre Natur gehandelt, denn Offenheit war eine große Tugend von ihr. Daher kam sie sich verächtlich vor und schwankte, ob sie dem Doktor nicht die Wahrheit eingestehen solle, denn er hatte sie doch sicher ohnedies schon durchschaut. Aber als sie in sein Gesicht blickte, in dem sie keinerlei Zweifel über ihre Worte entdeckte, als sie in seine unbefangenen Augen sah, die jetzt mit einem freudigen Ausdruck auf sie gerichtet waren, da schwieg sie doch. Herzlich streckte er ihr die Hand entgegen und rief vergnügt:
„Wie freue ich mich, die Braut meines lieben Gontrau kennen gelernt zu haben! Von Herzen wünsche ich Ihnen zu solchem Manne alles Glück. Aber bitte, Fräulein, nun erzählen Sie mir von ihm. Wie geht es ihm, was tut und treibt er? Sobald ich Zeit habe, werde ich ihm schreiben.“
Andres glaubte wirklich an Ilses Erzählung, und daß ihre Aufregung nur aus dem Ärger über den verdorbenen Scherz entstanden war. Deshalb plauderte er mit aller Unbefangenheit weiter und merkte nicht wie peinlich die junge Braut die Fragen nach ihrem Verlobten berührten. Sie saß wie auf Kohlen und antwortete, so geschickt sie konnte. Aber auf die Dauer wurde es ihr äußerst schwer, die Diplomatin zu spielen, zu der sie nicht geboren war. Sie wurde immer verwirrter, gab zerstreute Antworten, und als der Doktor sie fragte, ob sie und Leo sich täglich schrieben, und bat, sie möchte ihn in ihrem nächsten Briefe von ihm grüßen, da brachte sie es nicht mehr über das Herz, sich noch weiter zu verstellen.
„Ich – ich,“ stammelte sie, „schreibe meinem Bräutigam nicht und kann ihn deshalb auch nicht von Ihnen grüßen.“
Er glaubte, sie scherze und fragte lachend, ob sie ihm denn überhaupt niemals schriebe.
Nun war es mit ihrer Fassung ganz zu Ende.
„Nein,“ wiederholte sie erregt, „überhaupt nicht! Ach, ich bitte, schweigen Sie, ich kann Ihnen jetzt nicht erklären, jetzt nicht sagen –“
Sie brach ab, denn zum ersten Male schämte sie sich ihres Zerwürfnisses mit Leo aus tiefstem Herzensgrunde; es kam ihr unwürdig vor, und in dieser Stimmung wußte sie nichts andres zu tun, als ihr Taschentuch herauszunehmen und wie ein Kind zu weinen.
Erschrocken und erstaunt über dieses neue Rätsel, das ihm seine Nachbarin aufgab, war Andres aufgesprungen, und er empfand es wie eine Erleichterung, als in diesem Augenblick Nellie hereintrat, welche die Freundin holen wollte, da ein allgemeiner Aufbruch stattfand. Sie war nicht wenig überrascht, Ilse in dieser Verfassung vorzufinden. Fragend blickte sie auf den jungen Arzt, der ihr mit einem Achselzucken antwortete, als wollte er sagen: „ich weiß auch nicht, was dieses bedeuten soll.“ Er entfernte sich hierauf rasch und die beiden Freundinnen waren allein.
„Um Gottes willen, Ilschen,“ flüsterte Nellie, „fasse dich, die Leute dürfen dir so nicht sehen. Was hast du, was ist geschehen?“
„Ach Nellie, ich habe mich furchtbar blamiert,“ schluchzte Ilse, „laß mich jetzt, ich erzähle dir alles, wenn wir zu Hause sind.“
„Tu der dumme Tuch ins Tasch; die andern kommen, was sollen sie von dich denken? Sieh nur, wie der Referendar dir prüft.“
„Der unverschämte Mensch,“ fuhr Ilse auf, „was fällt ihm ein? Er fixiert mich fortwährend, schon bei Tische hat er kein Auge von mir verwandt, der freche Bursche!“
„Still, Ilschen, nicht so laut,“ mahnte Nellie die Aufgeregte, „er hört ja, was du sagst.“
„Und wenn er es hört,“ sagte Ilse absichtlich laut, mit einem drohenden Blick auf Lüders, „er soll es hören, ich würde es ihm auch ins Gesicht sagen.“
Nellie hielt ihr den Mund zu. Sie war über Ilses Heftigkeit nicht sehr verwundert, kannte sie dieselbe doch hinlänglich und wußte, daß sie ebenso entschieden in ihren Abneigungen, wie in ihren Zuneigungen war.
Die übrige Gesellschaft umstand im Kreis die Wirte und nahm mit vielen Komplimenten Abschied.
„Nimm dir zusammen, wir müssen gehen,“ sagte Nellie leise zu Ilse.
„Na, was habt ihr beide denn wieder zu tuscheln?“ fragte Althoff, der jetzt zu ihnen trat. „Kommt, Kinder, alle machen einen schönen Knix, jetzt ist die Reihe an uns. Ilse, Sie sehen ja so elegisch aus, was ist Ihnen denn? Hat Florchen Ihnen etwa ihre Gedichte zu lesen gegeben und sind Sie davon so gerührt geworden?“
Ilse lachte gezwungen zu diesem Scherz, denn ihr war nichts weniger als lächerlich zu Mute, fühlte sie sich doch beschämt und unzufrieden, daß sie sich soweit hatte hinreißen lassen, kurz und gut, sie wurde von den selbstquälerischsten Gedanken heimgesucht und dadurch in höchst unbehagliche Laune versetzt.
Auf dem Heimweg, den man gemeinschaftlich antrat, hätte sie zu gern den jungen Arzt noch gesprochen, denn ihr Benehmen ihm gegenüber lag ihr bleischwer auf der Seele.
Einer nach dem andern trennte sich von der Gesellschaft. Zuletzt hatten Althoffs nur noch Andres und den Ilse so verhaßten Referendar, welche beide in ihrer Nähe wohnten, zu Begleitern.
„Wenn dieser Mensch doch nicht mitginge,“ dachte Ilse; er machte es ihr unmöglich, mit Andres noch ein Wort zu sprechen, denn er wich nicht von dessen Seite.
Als sie vorm Hause angelangt waren, kam ihr noch eine günstige Gelegenheit zu Hilfe, ihr Herz zu erleichtern.
Althoff richtete eine eingehende juristische Frage an Lüders, und Nellie, am Arm ihres Mannes, hörte dem Gespräche zu. Diesen Augenblick benutzte Ilse, sich dem jungen Arzt zu nähern und ihm hastig zuzuflüstern: „Verzeihen Sie mir mein dummes Betragen von heute abend. Nicht wahr, Sie halten mich für recht kindisch?“
„Aber mein Fräulein!“ rief er etwas verlegen über dieses offene Bekenntnis. „Warum sollte ich Ihnen böse sein? Ich –“
„Still!“ unterbrach sie ihn, und ihre Augen blickten scheu zur Seite, denn die Unterhaltung zwischen den beiden Herren war beendet.
„Gute Nacht!“ sagte Ilse und reichte Andres freundlich die Hand, während sie Lüders eine förmliche Verbeugung machte, ohne seine ihr entgegengestreckte Hand zu beachten; sie hätte sich nicht entschließen können, sie zu berühren, einen solchen Widerwillen flößte ihr dieser Mensch ein.
Noch lange saß sie in ihrem Stübchen und dachte nicht daran, sich auszuziehen. Die Vorgänge des Abends erregten sie noch zu sehr, als daß sie hätte schlafen können, wenn sie sich auch zur Ruhe gelegt haben würde. Von Nellie hatte sie sich schnell getrennt, ohne ihr eine weitere Aufklärung zu geben. Heute konnte und wollte sie nicht mehr von der Geschichte sprechen. Desto mehr beschäftigte dieselbe ihre Gedanken. Sie konnte sich nicht beruhigen, daß sie sich so dumm benommen hatte.
Wenn der Doktor nur nicht von den Liebesgeschichten angefangen hätte, die ihr doch unmöglich gleichgültig sein konnten. Sie hatte niemals darüber nachgedacht, ob Leo wohl schon eine andere Neigung gehabt haben mochte, bevor er sich in sie verliebte. Und nun erfuhr sie zufällig, daß er ein flotter Kurmacher gewesen war und daß ihn die jungen Mädchen sehr umschwärmt hatten. Zum zweiten Male ertappte sie sich heute abend auf einem eifersüchtigen Gefühle, das ihr bis dahin völlig unbekannt gewesen; auf der andern Seite aber berührte sie es doch nicht unangenehm, daß Leo so begehrenswert erschien. Nur die schöne Amerikanerin wollte ihr nicht aus dem Sinn. Wieder stieg die Frage in ihr auf: warum hat er dir nie etwas davon erzählt? Warum hat er diese Bekanntschaft verschwiegen? Gewiß ist ihm die Erinnerung an das schöne Mädchen schmerzlich, die wohl so viel schöner und klüger war, als du.
Unwillkürlich trat Ilse vor den Spiegel und betrachtete sich eingehend. Es war ihr nie eingefallen, daran zu denken, ob sie wohl für Leo hübsch genug wäre; nie hatte sie Wert darauf gelegt, sich für ihn besonders zu schmücken, wie das andre Bräute für den Bräutigam tun. Aber heute prüfte sie ihr Gesicht Zug für Zug, und verglich sich im geheimen mit der reizenden Amerikanerin, deren Bild ihre Phantasie ihr so lebhaft vorführte, als hätte sie dieselbe schon in Wirklichkeit gesehen. Sie fand sich grundhäßlich gegen ihre Phantasiegebilde, welches sie mit einem überlegenen Lächeln anzublicken schien. Sicher hatte Leo eine Photographie seiner Angebeteten, die er immer bei sich trug, womöglich auf dem Herzen. Die Augen, so hatte Doktor Andres gesagt, wären geradezu ‚phänomenal‘ gewesen. Wieder verglich sie im Spiegel die ihrigen damit, und wieder fiel der Vergleich zur größten Unzufriedenheit aus.
Ein leises Klopfen an der Tür hatte Ilse in der eifrigen Betrachtung ihres Spiegelbildes ganz überhört. Nellies Stimme ließ sie zusammenfahren.
„Warum siehst du dich denn so in den Spiegel, _darling_, mit so böse Augen, daß ich mir fürchten muß?“
Ilse war betroffen zurückgetreten in größter Verlegenheit, die aber von Nellie nicht bemerkt wurde, weil sie an ganz etwas anderes dachte.
„Es ist gut, daß du nicht schon schläfst und ich dein süßes Schlummer stören muß,“ sagte sie, „denn Ilschen, ich habe eine große Neuigkeit, die ich nicht bis morgen früh bei mich behalten konnte, ohne daß du ihr weißt. Lies hier dieses Brief!“
Ilse zitterte. „Eine große Neuigkeit,“ so sagte Nellie und brachte einen Brief. Von wem war er, was für eine Neuigkeit mochte er enthalten? Dann schalt sie sich töricht, daß sie bei der geringsten Gelegenheit an Leo dachte, als ob jede Neuigkeit von ihm handeln, jeder Brief von ihm kommen müßte. Er dachte gewiß nicht daran, ihr zu schreiben, ja vielleicht hatte er sie schon vergessen. Bei diesem tragischen Gedanken fühlte sich Ilse so weich werden, daß sie sich abwandte, damit Nellie ihr Gesicht nicht sähe.
Diese hatte inzwischen den Brief aus dem Kuvert genommen und entfaltet.
„Du ratst nicht, von wem er kommt, _darling_. Denke dich nur, er ist von unsre Orla!“
„Von Orla?“ fragte Ilse erstaunt.
„Ja, von ihr. Aber hier lies.“
Sie reichte ihr mit diesen Worten die eng beschriebenen Blätter mit den energischen, fast männlichen Schriftzügen.
„Lies laut vor,“ bat Nellie, „ich habe ihn so in der Flucht gelesen, weil neugieriges Fred ihn haben wollte.“
Ilse las wie folgt:
Liebste Nellie!
Ich sehe im Geiste dein erstauntes Gesicht beim Empfang dieser Epistel, denn leider ist unser brieflicher Verkehr seit deiner Verheiratung gänzlich eingeschlafen. Mein langer Brief, welcher dir meine Glückwünsche dazu brachte, blieb unbeantwortet. Aber du kennst mich wohl hinreichend, um zu wissen, daß ich ganz und gar kein Talent zur Empfindlichkeit besitze und trotz deiner Schweigsamkeit nicht einen Augenblick an deiner Freundschaft gezweifelt habe, von der ich heute den ausgiebigsten Gebrauch machen möchte. Doch davon später! Vor allen Dingen, liebe Nellie, wie geht es dir und deinem Gatten? Ich hoffe, daß euch diese Zeilen im besten Wohlsein antreffen. Ich denke viel an euch beide glücklichen Menschen und gönne euch von Herzen alles Gute dieser Erde, mit dem Wunsche, das Schicksal möchte euch immer so gnädig gesinnt bleiben.
Du wunderst dich, wie ich in diese bei mir so ungewöhnliche Stimmung geraten bin? Du sollst eine Erklärung haben. Warum fiel ich auch nicht sofort mit der Türe ins Haus und hielt mich erst bei großen Umschreibungen auf! Doch der Mensch ist nun einmal so wunderlich und hält sich das unangenehme gern so lange wie möglich fern. Mit wenigen Worten will ich dir erzählen, wie übel mir das Geschick mitgespielt hat. Du weißt ja, liebe Nellie, mein Großvater war reich, im Wohlstand bin ich aufgewachsen und erzogen. Mein Großvater glaubte dem einzigen Kinde seiner Tochter, das nur zu früh elternlos geworden, nichts versagen zu dürfen, er hat mich in jeder Beziehung verwöhnt. Ich dachte, obwohl sonst, wie du ja weißt, eine skeptische Natur, das müßte so sein und könne niemals anders werden. Aber, daß aus einer reichen Erbin mit einem Schlage ein armes Mädchen werden kann, muß ich an mir selbst nun bitter genug erfahren.
Ich will dir brieflich nicht auseinandersetzen, auf welche Weise wir unser ganzes Vermögen verloren haben. Mein armer Großvater ist vollständig fassungslos, und das mit anzusehen, ist mein größter Kummer. Der Mann, der noch so lebensfrisch war, ist gebrochen; er bildet sich ein, mein ganzes Glück zerstört zu haben und quält sich mit den größten Vorwürfen, trotzdem ich ihm immer wiederhole, daß ich, jung und kräftig wie ich bin, es wage, mit dem Leben aufzunehmen.
Das sage ich übrigens auch nicht nur ihm zum Trost, es ist meine wahre Meinung, die ich damit ausspreche. Ich zage nicht, und Sorge macht mir nur die Zukunft meines alten Großvaters, dem es ein schwerer Gedanke ist, nun von seinem Sohne abhängig zu sein, obgleich mein Onkel und dessen Frau ihn in der liebevollsten Weise aufnehmen werden.
Mein Onkel hat glänzende Einnahmen; er hat aber vier Kinder und führt ein großes Haus, denn mit der Aussicht auf die erhebliche Erbschaft seines Vaters brauchte er ja nicht ans Sparen zu denken.
Auch mir haben meine Verwandten in liebenswürdigster Weise ihr Haus geöffnet und mir ein Heim darin angeboten. Doch ich habe ihnen erklärt, daß ich mich auf meine eigenen Füße stellen wollte, und mein Onkel hat mir eine ansehnliche Summe zu meiner Ausbildung zur Verfügung gestellt. Mit meinen sogenannten ‚noblen Passionen‘ ist es nun natürlich vorbei; ich ritt und fuhr mit großer Leidenschaft, war überhaupt dem Sport sehr ergeben. Tempi passati! Mein Reitpferd, ein Goldfuchs, ist bereits für einen hohen Preis verkauft, und auch für mein Pony-Dreigespann habe ich schon einen Käufer gefunden. Die schönen Tiere kommen zum Glück in gute Hände, das macht mir die Trennung von ihnen leichter! Aber wohin gerate ich? Ich glaube wahrhaftig, ich fange an zu klagen und doch liegt mir nichts ferner als das!
Gute Freunde haben mir geraten, eine Gouvernantenstelle anzunehmen, oder Gesellschafterin zu werden; dagegen sträubte ich mich mit aller Energie! Wenn ich mich auch vor den Verhältnissen beugen muß, so möchte ich mich doch nicht von den Stimmungen launenhafter Damen und den Unarten verzogener Kinder abhängig machen. Und dann, du weißt ja, bin ich zu offen und sage, wenn man mich danach fragt, jedem die Wahrheit ins Gesicht. Diese Tugend oder Untugend, wie man will, paßt aber nicht für eine Gouvernante oder Gesellschafterin. Nein, um keinen Preis ein solches Los! Meine guten Ratgeber haben sich auch schließlich überzeugen lassen, daß ich für solche Stellen nicht passe, und billigen jetzt einen andern Plan, den du gleich erfahren sollst. Erschrick aber nicht zu sehr, wenn ich ihn dir mitteile.
Ich will mich nämlich immatrikulieren lassen und zwar für die medizinische Wissenschaft, die mich von jeher sehr interessiert hat; vielleicht, weil mein Vater ein bedeutender Arzt war, erbte ich diese Neigung. Ich weiß, daß eine lange Zeit vergehen wird, bis meine Studien beendet sein können, aber ich schrecke davor nicht zurück. Meine Verwandten sind mit meinem Vorhaben einverstanden, und ich beabsichtige in Zürich mein erstes Semester anzutreten.
Jetzt kann ich endlich meine Bitte anbringen, nach dieser langen Einleitung, die nun einmal unumgänglich notwendig war. Die große Verehrung, die ich für deinen Mann, meinen früheren Lehrer, empfinde, hat den lebhaften Wunsch in mir wachgerufen, wieder seine Schülerin zu werden und die Zeit bis Ostern, wo ich nach Zürich gehe, damit auszufüllen, daß ich unter seiner Leitung die Lücken in meinen Kenntnissen auszufüllen suche.
Seitdem ich die Schule verlassen habe, bin ich nicht untätig gewesen: aus Liebhaberei nahm ich noch regelmäßig Stunden in allen möglichen Fächern der Wissenschaft und hoffe deshalb, daß ich deinem Manne nicht zu große Mühe machen werde. Ersuche ihn in meinem Namen, reiflich zu überlegen, ob er gesonnen ist, meine Bitte zu erfüllen, was mich sehr glücklich machen würde, denn ich habe die größte Hochachtung vor dem Wissen und pädagogischen Talente deines Gatten. Und ist er dann entschlossen, liebe Nellie, meinem Wunsche nachzukommen, dann verliere keine Zeit und benachrichtige mich sofort. Ich mache mich bereit, jeden Tag von hier abreisen zu können, und werde mich nach einer zusagenden Antwort von euch gleich auf die Eisenbahn setzen. Du bist wohl so gut und erkundigst dich nach einer passenden Pension für mich, bei netten Leuten. Du bist ja so praktisch, daß ich dir alles weitere überlasse. Meine Verwandten grüßen dich und deinen Mann unbekannterweise herzlich. Ich freue mich sehr, _notabene_, wenn etwas daraus wird, euch wiederzusehen und bleibe mit den freundschaftlichen Grüßen für euch beide, stets
St. Petersburg 17/29. 10. 18 .. deine treue Orla Sassuwitsch.
„Arme Orla,“ sagte Nellie bedauernd, als Ilse zu Ende gelesen hatte, „ich hatte ihr stets so gern.“
„O, ich auch!“ rief Ilse. „Aber weißt du, Nellie, ich hatte immer ein bißchen Angst vor ihr; sie ist so klug und sieht einen so durchdringend und scharf an, als könnte sie die geheimsten Gedanken erraten. Zur Studentin paßt sie famos! Ob sie wohl noch raucht? Was sagt denn dein Mann dazu, daß sie studieren will, ist er damit einverstanden?“