Part 8
Auch Irma befand sich als Brautjungfer mit im Zuge. Ihr Brautführer war ein junger Rechtsgelehrter, ein Freund der beiden Reichers. Eigentlich hätte Hans sie führen müssen, aber seit Irmas Ankunft hatte er nicht den geringsten Versuch gemacht, sich ihr zu nähern. Er war sehr heiter, was sie mit Staunen wahrnahm, während sie in ihrer unbewußten Eitelkeit geglaubt hatte, den armen Hans bedauern zu müssen, weil er hoffnungslos in sie verliebt wäre. Er behandelte sie höflich und freundlich, aber von der Verehrung, die er ihr noch vor kurzer Zeit bewiesen, konnte sie nichts mehr entdecken. Sie behauptete zwar, daß ihr das ganz gleichgültig sei, aber im Grunde fühlte sie sich doch verletzt und ärgerte sich. Die Kleine, von allen verwöhnt und bewundert, wußte, daß sie auffallend hübsch war -- ihre Umgebung hatte ihr das nur zu oft gezeigt -- aber bis jetzt hatte das noch keinen schlechten Einfluß auf ihren Charakter gehabt. Ihre Koketterie war unschuldiger Art, seit jedoch Baron Hochstein ihr eitles Köpfchen mit seinen Redensarten und Schmeicheleien verdrehte, bildete sie sich ein, etwas ganz Besonderes zu sein, und fand es daher nicht mehr wie recht und billig, daß Hans Reicher ihr Sklave und Anbeter bliebe, vielleicht gar an seiner unglücklichen Liebe zu Grunde ginge. Wäre er ihr mit einer Liebeserklärung lästig gefallen, würde sie ihn jedenfalls ausgelacht haben, aber geschmeichelt hätte sie sich dadurch doch gefühlt. Nun er ihr zeigte, daß er ohne sie leben konnte, grollte sie ihm.
Hans war in seinen Gefühlen kein anderer geworden; er begriff jedoch, daß die einzige Möglichkeit, auf ein Wesen wie Irma Eindruck zu machen, darin bestand, ihr zu imponieren. Von Herzen gern wäre er zu ihr gegangen und hätte sie beschworen, ihm gut zu sein, aber als er ihr reizendes Gesichtchen erblickte, aus dem die kindliche, unbefangene Lieblichkeit verschwunden war, kam ihm sein Stolz zu Hilfe, er erwiderte ihre Spöttereien mit kühler Höflichkeit und wendete sich zu Maud, in deren Gesellschaft er sich jetzt am glücklichsten fühlte. --
»Hans ist einer der tüchtigsten jungen Leute, die ich je gesehen habe,« sagte Maud, als sie alle wieder in F. waren. »Er ist ein ganzer Mann, klug und bedächtig, einer, der weiß, was er will, wie mein John auch. Damals im Sommer glaubte ich, er sei ernstlich in dich verliebt, Irma. Wenn du ihn durch deine Koketterie abgeschreckt haben solltest, würdest du mir leid tun, denn nicht jedes Mädchen findet einen solchen Mann.«
Doch vor Irmas Seele tauchte in diesem Augenblick eine hohe, aristokratische Gestalt auf, vornehm und elegant, mit der verglichen Hans ihr wie ein Bauer erschien. Sie zuckte nur geringschätzig die Achseln, als ob sie sagen wollte:
»Ich kann doch wohl noch etwas Besseres bekommen.«
»Kennst du das Märchen vom Schweinehirten, Irma?« fragte Onkel Heinz.
»Nein,« versetzte die Kleine, und da sie auf dem Antlitz des Professors einen spöttischen Ausdruck sah, vor dem ihr unwillkürlich bange ward, fügte sie hinzu:
»Und ich will es auch nicht kennen.«
»Aber ich,« fiel Agnes ein, »ich liebe Märchen über alles; als wir Kinder waren, wollte Vater jedoch nicht, daß wir Märchen lesen oder hören sollten; »das ist nur unpraktisches Zeug,« meinte er, »das euch einen ganz falschen Begriff vom Leben gibt. Märchen, Balladen, Legenden -- in Deutschland mögen sie am Platze sein, für Amerika passen sie nicht.«
»Komm her, Irma,« nahm Onkel Heinz von neuem das Wort, »und hör' zu.« Er ergriff ihr widerstrebendes Händchen und zog sie näher zu sich heran. Die andern lachten über ihr böses Gesicht. Das kleine Fräulein war in letzter Zeit oft so reizbar; aber hier gab es doch wirklich keinen Grund, zornig zu werden.
»Es war einmal,« begann Onkel Heinz.
»Wie abgeschmackt,« schmollte Irma.
»Es war einmal ein armer Prinz[2], er besaß ein Königreich, welches ganz klein war, aber doch groß genug, um sich darauf zu verheiraten, und verheiraten wollte er sich.
[2] Aus Andersens Märchen: Der Schweinehirt.
Freilich schien es etwas keck von ihm, daß er zur Tochter des Kaisers sagte: 'Willst du mich haben?' Aber er wagte es doch, denn sein Name war weit und breit berühmt; es gab hundert Prinzessinnen, die gern ja gesagt hätten, -- ob sie es tat?
Auf dem Grabe seines Vaters wuchs ein Rosenstrauch, der blühte nur jedes fünfte Jahr und trug dann auch nur eine einzige Blume, aber diese eine Rose duftete so süß, daß jeder, der daran roch, allen Kummer und alle Sorge vergaß. Der Prinz hatte auch eine Nachtigall, die konnte singen, als ob alle schönen Melodien in ihrer Kehle säßen. Diese Rose und diese Nachtigall sollte die Prinzessin haben, und deshalb wurden sie beide in große silberne Behälter gesetzt und ihr zugesandt.
Der Kaiser und der ganze Hof waren bei der Ankunft der Geschenke zugegen; aber die Prinzessin war dumm, sie glaubte, es seien eine künstliche Rose und Nachtigall, und als sie sah, daß es natürliche waren, fand sie nichts Besonderes daran; sie zertrat die Rose und ließ die Nachtigall fliegen und wollte nicht gestatten, daß der Prinz käme.
Dieser ließ sich jedoch nicht einschüchtern. Er bemalte sich das Antlitz schwärzlich, zog die Mütze tief über die Augen, klopfte an die Türe des kaiserlichen Palastes und fragte, ob er nicht auf dem Schlosse einen Dienst bekommen könne.
Jawohl, er konnte die Schweine hüten. Er bekam eine jämmerlich kleine Kammer, und da saß er nun den ganzen Tag und arbeitete, und als es Abend war, hatte er einen niedlichen kleinen Topf gemacht; rings um denselben waren Schellen, und sobald der Topf kochte, klingelten sie schön und spielten die alte Melodie:
Ach, du lieber Augustin, Alles ist weg, weg, weg!
»Das Stück kann ich auch spielen,« sagte die Prinzessin, die des Abends mit ihren Hofdamen spazieren ging. »Fragt mal den Schweinehirten, wieviel der Topf kostet.«
»Ich will zehn Küsse von der Prinzessin haben, für weniger tu ich's nicht.«
Das war ein Schreck, es wurde gehandelt und gebettelt, aber der Schweinehirt bestand auf seiner Forderung.
»In Gottes Namen,« sagte die Prinzessin zu ihren Begleiterinnen, »aber ihr müßt dicht um mich herumstehen, damit mich wenigstens niemand sieht.«
Die Hofdamen umringten sie, breiteten ihre Kleider aus, der Schweinehirt bekam zehn Küsse, und sie erhielt den Topf.
Nun machte der geschickte Jüngling eine Spieldose, wenn die aufgezogen wurde, spielte sie alle Walzer und Polkas, die auf der Welt existieren.
»Das ist ja =superbe=,« rief die Prinzessin, »fragt ihn, was er dafür haben will, aber küssen tu ich ihn nicht wieder.«
Der Schweinehirt verlangte hundert Küsse; da ging die Kaisertochter böse fort.
Aber die Spieldose war doch zu wundervoll, und als die Prinzessin einsah, daß der Schweinehirt sie nicht anders hergab, mußten die Hofdamen wieder einen Kreis schließen, und sie ließ sich küssen.
»Was mag das wohl für ein Auflauf beim Schweinestall sein?« dachte der Kaiser, der verwundert sah, wie alle Hofdamen auf einem Klümpchen beisammen standen, und trotzdem er noch in Pantoffeln war, lief er eilig hinunter, um zu sehen, was es gäbe.
Sobald er den Hof betrat, ging er ganz leise, und die Hofdamen hatten so viel zu tun, die Küsse zu zählen, daß sie seine Anwesenheit nicht bemerkten. Er erhob sich auf den Zehen und wurde so wütend, als er sah, wie sich seine Tochter von dem Schweinehirten küssen ließ, daß er beiden die Pantoffeln um die Ohren schlug und sie vom Hof herunterjagte.
Da standen sie nun in Regen und Kälte, die Prinzessin weinte, und der Schweinehirt fluchte.
»Ach, ich unglückliches Geschöpf,« schluchzte sie, »hätte ich doch den Prinzen genommen und die Rose und die Nachtigall nicht fortgeworfen; wie dumm bin ich gewesen!«
Der Schweinehirt ging hinter einen Baum, wischte sich das Schwarze aus dem Gesicht, warf die schlechten Kleider von sich und trat nun im fürstlichen Gewande hervor, so schön, daß die Kaisertochter sich verneigen mußte.
»Ich will nichts mit dir zu schaffen haben,« sagte er. »Du wolltest keinen ehrlichen Prinzen heiraten; die Rose und Nachtigall hast du verachtet, aber den Schweinehirten konntest du um einer Spielerei küssen. Das hast du nun davon!«
Dann ging er in sein kleines Königreich und schlug ihr die Türe vor der Nase zu. Da konnte sie draußen stehen und singen:
»Ach, du lieber Augustin, Alles ist weg, weg, weg!«
»Das war sehr hübsch,« meinte Irma mit erzwungenem Lächeln, »ich sehe nur nicht ein, was dies Märchen mit mir oder Hans Reicher zu schaffen hat.«
»Dann bist du gerade so dumm wie die Prinzessin,« versetzte der alte Herr trocken, sie von sich weg schiebend.
Agnes blickte Irma vielsagend an, aber an diesem Abend fand sie keine Gelegenheit, ihre Cousine allein zu sprechen.
Wußte Onkel Heinz am Ende gar, daß sie mit Otto von Hochstein im geheimen Briefe wechselte, ihn auch mitunter an einem vorher verabredeten Platze traf? Irma erbebte bei diesem Gedanken; sie fragte Agnes, was sie davon dächte, aber diese meinte, Onkel Heinz ahne nichts; denn wäre das der Fall, so würde er sicher mit der Großmama darüber gesprochen haben; er sei doch nicht der Mann, so etwas zu verschweigen. Nein, er zog nur seine Schlüsse aus Irmas Benehmen gegen Hans und aus dem, was er bei der bewußten Landpartie beobachtet hatte.
Trotzdem riet Agnes ihr, vorsichtig zu sein, und nahm gleichzeitig nochmals die Gelegenheit wahr, ihr das Unrecht vorzuhalten. Sie bemühte sich, Irma zu überzeugen, daß Otto es unmöglich gut mit ihr meinen könne, wenn er fortfuhr zu verlangen, daß sie ihre nächsten Angehörigen so hintergehen solle. Anfangs hatte er doch nur von einigen Wochen gesprochen, bis es so weit sein werde, daß sie ihrer Großmutter alles erzählen könne; nun waren bereits Monate ins Land gezogen, und noch immer gebot er ihr Schweigen.
Unter Tränen und Seufzen mußte Irma zugeben, daß die Cousine recht hätte; aber sie liebte Otto zu sehr, sie könnte nicht von ihm lassen, sie würde sterben, wenn alles aus sein müßte.
»Unsinn,« wandte Agnes ein, »daß du großen Kummer haben würdest, will ich glauben, aber an so etwas stirbt man nicht.«
»Wie kannst du so reden? Versetz' dich doch an meine Stelle. Würdest du nicht sterben, wenn du Ludwig entsagen müßtest?«
»Nein. Ich würde sehr unglücklich sein; aber ich würde mich bemühen, daran zu denken, daß es noch so viele gibt, die mich lieben: Eltern, Geschwister, Freunde, und daß ich daher nicht das Recht hätte, mich so ganz und gar meinem Schmerz hinzugeben.«
»Ach du,« nahm die Kleine wieder das Wort, »du bist verlobt und bist doch so kalt, so scheußlich praktisch -- du weißt ja gar nicht, was Liebe ist.«
»Möglich,« versetzte Agnes, »eins aber weiß ich wohl. Wenn Ludwig mich überreden wollte, etwas Unredliches und Schlechtes zu tun, dann würde ich ihn laufen lassen, und wissen, daß er nicht _der_ ist, für den ich ihn hielt. Die Versicherung gebe ich dir -- und meinen Kummer würde ich überwinden.«
Irma schwieg. Die widersprechendsten Gedanken stritten sich in ihrem Köpfchen. Sie besaß genug gesunden Verstand, um sich bei ruhiger Überlegung zu sagen, daß Agnes recht habe. Aber Otto war so schön, so unwiderstehlich, er hatte ihr Herz ganz mit Beschlag belegt, und sie, sie glaubte ihn wahrhaft zu lieben. Wie sehr sie auch an Großmama, den Eltern und den andern hing, wenn sie Otto aufgeben müßte, würde deren Liebe sie nicht zu trösten vermögen, und dann ... der Gedanke, Baronin von Hochstein zu werden, war ihr in letzter Zeit immer lieber und vertrauter geworden. Manchmal stellte sie sich bereits vor, wie es sein würde, wenn sie als Ottos Frau ihren Platz in den glänzenden Sälen des Schlosses seiner Ahnen, von dem er ihr solche Wunder erzählte, einnehmen würde. Sie sah sich als Braut in der Familienkapelle vor dem Altar, nicht in einfachem, weißem Nesseltuch wie Flora, sondern in einem Kleide von Silberbrokat, mit funkelnden Diamanten bestreut, und in ihrer Nähe, außer den eigenen Verwandten, einen weiten Kranz hochadliger Damen und Herren, vornehme Offiziere und Minister, die Brust mit Orden bedeckt. Ja, wer weiß, vielleicht ließ sich der Kaiser gar durch einen seiner Adjutanten vertreten, denn am Hof würde sie dann natürlich schon vorgestellt sein.
Es war hart, all diesen schönen Aussichten Lebewohl zu sagen, noch härter aber, ihren glänzenden Studenten aufzugeben. Und doch, wenn sie sich aus ihren Träumen in die Wirklichkeit zurück versetzte, vernahm sie eine Stimme in ihrem Innern, die ihr zurief, daß ihr nichts andres übrig bleiben werde. Sie seufzte tief und brach aufs neue in Tränen aus.
»Aber was willst du denn? Was soll ich tun?« fragte sie endlich, als Agnes sie in ihre Arme zog und sich bemühte, sie zu trösten.
»Ihn zum letzten Male fragen, ob du alles erzählen darfst, und wenn er es nicht zugeben will, unwiderruflich und für immer Abschied von ihm nehmen.«
»Ich kann nicht,« stöhnte Irma, »er wird mir böse werden und mir vorwerfen, daß ich mein Versprechen nicht halte.«
»Wann hast du wieder eine Zusammenkunft mit ihm?«
»Morgen nachmittag.«
»Soll ich an deiner Stelle gehen und ihm sagen, wie der Hase läuft?« fragte Agnes, mit einem streitlustigen Gesicht.
»Nein, ums Himmelswillen nicht! Er weiß nicht, daß du meine Vertraute bist. Er würde mir das nie verzeihen.«
Agnes zuckte ungeduldig die Achseln. Noch eine Weile weinte Irma, dann stand sie auf.
»Ich will es tun,« sagte sie, »du hast recht, es ist furchtbar, so etwas vor Großmama geheim zu halten, aber verliere ich Otto, so sterbe ich ganz gewiß.«
»Es stirbt sich nicht so leicht,« dachte Agnes, aber sie war klug genug, das nicht zu sagen. »Hör' mal,« sagte sie laut, »ich will morgen mit dir kommen; hab' keine Angst, dein Baron soll mich nicht sehen, erst wenn eure Begegnung vorüber ist, wollen wir uns auf einem vorher verabredeten Platze treffen und zusammen nach Hause gehen.«
Am folgenden Tage goß es in Strömen, die Straßen waren naß und schmutzig, alles sah trostlos grau und düster aus. Eilig schritten die beiden Mädchen nebeneinander her, bis sie die Chaussee erreichten. Irma hatte fast kein Wort gesprochen und auf alles, was die Freundin sagte, nur einsilbig geantwortet. Besorgt schaute letztere ihre Cousine an. Selbst jetzt, in einem grauen Regenmantel gehüllt, ein einfaches Filzhütchen auf dem Goldhaar, war die Kleine bildhübsch. Um sie etwas aufzumuntern, scherzte Agnes:
»In meinem Regenmantel seh' ich aus, als ob ich in einem Sack steckte; deiner steht dir famos, wie alles, was du anziehst.«
Selbst diese Schmeichelei, für die sie sonst nicht unempfindlich gewesen wäre, lockte kein Lächeln auf Irmas Lippen. Ihre Mundwinkel bebten und sie kämpfte sichtlich mit den Tränen.
»Nur Mut, nicht verzagt!« tröstete Agnes, »vielleicht läuft die Sache gut ab. Wenn du ihm gehörig ins Gewissen redest, sieht er wahrscheinlich selber ein, daß er nicht recht tut. Wer weiß, ob er dir nicht erlaubt, noch heute deinen Eltern zu schreiben und der Großmama alles zu sagen, dann wird in den nächsten Tagen deine Verlobung angezeigt, und du gehst mit deinem schönen Baron Arm in Arm einher!«
Irma antwortete nichts, der Ton, in dem Agnes über Otto sprach, ärgerte sie, aber sie fühlte sich zu unglücklich, um sich in ein Wortgefecht einzulassen.
Sie hatten schon ein gutes Stück Weges zurückgelegt. Kein Mensch ließ sich auf der Chaussee blicken; die kahlen Bäume tropften vor Nässe, der Boden war durchweicht und schlüpfrig. Agnes schaute umher und mußte leise lächeln. »Kein poetisches Wetter für ein Stelldichein,« dachte sie, und hatte Lust, einige spöttische Bemerkungen zu machen, bezwang sich aber, blieb stehen und sagte nur:
»Ich kehre um, Irma, denn Baron von Hochstein kann jeden Augenblick erscheinen. Bei diesem Wetter hab' ich keine Lust, hier draußen auf dich zu warten. Ich geh' in die Konditorei von Bauer. Komm mir dahin nach, sobald du kannst.«
»Ja.«
»Wirst du's kurz machen?«
»Ja.«
»Und tapfer sein?«
»Ja.«
Agnes seufzte, gab ihrer Cousine einen Kuß und entfernte sich rasch, denn sie glaubte in der Ferne die hohe Gestalt Hochsteins zu erkennen. Nach einigen Minuten schaute sie sich um. Ein Gartenzaun entzog sie den Blicken der beiden, sie selbst aber konnte deutlich sehen, wie Irma und der Student unter einem Regenschirm zusammen weitergingen, bis sie im nahen Wäldchen verschwanden.
Bedrückten Gemüts begab Agnes sich in die Konditorei. Zum Glück waren keine Gäste dort. Sie setzte sich ans Fenster und bestellte Schokolade und Kuchen. Irma würde gewiß verfroren und betrübt ankommen und ein warmes Getränk ihr gut tun. Wenn sie jetzt nur tapfer war und fest blieb, dann nahm diese ganze elende Geschichte ein Ende. Agnes fühlte sich so zu sagen mitschuldig an dem Betrug, weil sie Schweigen gelobt hatte, und doch sah sie ein, daß sie ihr Wort nicht brechen durfte.
Während sie bei sich das für und wider überlegte, verging die Zeit. Sie sah nach der Uhr, eine halbe Stunde war schon verstrichen. Die Schokolade wurde kalt, sie wollte frische bestellen, wenn Irma kam. Himmel, wie lange dauerte das! Ob sie Abschied nahmen? Agnes fing an unruhig zu werden und stand im Begriff, sich nach dem Ort des Stelldicheins zu begeben. Da knarrte die Ladentür. Gott sei Dank, Irma trat ein mit strahlendem Gesicht, glühenden Wangen und glänzenden Augen. Agnes flog ihr entgegen.
»Ich brauche nicht zu fragen,« rief sie, »alles ist gut?«
Irma nickte, setzte sich an den Tisch und nahm sofort von dem Kuchen.
Agnes freute sich aufrichtig, Otto stieg in ihrer Achtung, und sie bereute, daß sie ihm oft in ihren Gedanken unrecht getan hatte.
»Du mußt vergessen, daß ich an Otto zweifelte und sagte, er meine es nicht gut mit dir. Ich sehe, daß ich mich geirrt habe,« sagte sie.
»Er ist ein Engel,« versetzte Irma, »wenn du ihn später kennen lernst, wirst du das selber finden.«
»Na, das ist ja nicht gerade nötig, aber nun erzähle wie es war. Fand er's gleich in der Ordnung, daß die Heimlichkeit aufhören soll? Hat er wohl gar schon mit seinen Eltern gesprochen? Wann wird eure Verlobung veröffentlicht?«
Irma hatte den dritten Kuchen verzehrt, schob nun den Teller zurück und rührte nachdenklich in der Schokolade.
»Otto sieht sehr wohl ein, daß dieser Zustand auf die Dauer unhaltbar ist,« begann sie, »daher begreift er auch, daß ein Ende damit gemacht werden muß.«
»Recht so. Ich fürchte nur, Irma, Großmama wird doch ein bißchen böse auf dich sein, aber du bist ihr Liebling, da wird sie's schon verzeihen. Du sagst es ihr doch natürlich noch heute?«
»Nein, heute nicht.«
»Was?« Agnes fiel wie aus den Wolken.
»Nein,« fuhr Irma etwas nervös und gereizt fort. »Du brauchst dich nicht gleich zu ereifern. So rasch geht das nicht. Otto muß erst eine günstige Gelegenheit abwarten, seine Eltern vorzubereiten.«
»Himmel, Irma, was hat er dir denn wieder vorgeflunkert? Das ist ja immer die alte Leier.«
»Die alte Leier. Hör' mal, du hast selbst gesagt, daß du Otto unrecht getan hast; nun fängst du schon wieder an.«
»Ich höre,« versetzte Agnes, mit einem Gesicht, auf dem Ungeduld und Entrüstung deutlich zu lesen standen.
»In drei, höchstens vier Monaten macht Otto sein Examen. Daß er durchkommt, ist sicher, er ist ja so klug. Seine Eltern werden riesig erfreut sein, denn in den ersten Semestern hat er viel gekneipt und gebummelt, aber wenig studiert. Wenn er durchkommt, kann er von seinen Eltern verlangen, was er will -- dann will er ihnen alles sagen, und es unterliegt keinem Zweifel, daß sie ihre Einwilligung geben.«
»Und in der Zwischenzeit?«
»Bleibt alles natürlich, wie es ist. Was bedeuten drei bis vier Monate? Nun wir wissen, daß es nur noch so kurze Zeit dauert, wäre es doch mehr als dumm, alles durch zu frühe Veröffentlichung aufs Spiel zu setzen.«
Agnes sagte nichts. Sie stand auf und bezahlte, was sie verzehrt hatten. Dann setzte sie sich noch einmal, schwieg aber.
»Warum sagst du nichts?« fragte Irma endlich mit bedrückter Miene.
»Ach, du lieber Augustin, alles ist weg, weg, weg,« sang die andere.
»Agnes,« rief Irma zornig, »du bist unausstehlich!«
»Bin ich? So? Na, dann wollen wir nur nach Hause gehen, mein armes, dummes Prinzeßchen.«
Die Kleine war sehr böse. Mit stolz erhobenem Haupte schritt sie neben ihrer Cousine her und sagte ihr sehr kühl Lebewohl, als sie an ihrer Wohnung angelangt waren.
Einige Tage später erhielt Frau Gontrau einen Brief von ihrem Großsohn Gustav von Holten, mit der Bitte, ihm Irma doch einige Wochen nach I. auf Besuch zu schicken. Er selbst wäre durch seine rege Berufstätigkeit viel von Hause fort und sein noch so wenig an das Stadtleben und die neue Umgebung gewöhntes Frauchen fühle sich ein bißchen einsam. Es wäre daher herrlich, wenn sie für eine Zeitlang Gesellschaft bekäme.
Das Blut stieg Irma in die Wangen, und ihre Augen glänzten vor Freude. Wie entzückend in I. auf Besuch zu sein und dort vielleicht Otto häufig zu begegnen!
»Möchtest du gerne hin, Kindchen?« fragte Ilse.
»Ach, wie gern, Großmama! Aber dann bist du so allein!«
»O, das tut nichts, ich kann mich schon beschäftigen, und seit Müllers hier wohnen, habe ich ja immer Gesellschaft.«
»Das ist wahr. Agnes und Maud können dich alle Tage besuchen.«
»Gewiß, mein Liebling, und dann ist noch Onkel Heinz da, so wird mir's an Unterhaltung nicht fehlen. Ich glaube, daß es auch für dich heilsam ist, einmal in andre Umgebung zu kommen, Irma, denn du siehst in der letzten Zeit nicht gut aus; auch hast du dich überhaupt sehr verändert.«
»Aber Großmama,« sagte die Kleine mit erzwungenem Lächeln und klopfendem Herzen.
Ilse streichelte das blonde Gelock ihrer Enkelin und küßte sie. »Du hast doch nichts, was dich bekümmert?«
»Gewiß nicht, Großmama; wie kommst du nur darauf?«
»Ich beobachte dich, mein Liebling, und finde, daß du oft so sonderbar bist. Weißt du, was ich mir einbildete?«
»Nein, wie sollte ich das wissen?«
»Daß der schöne Student, der auf unsrer Landpartie so aufmerksam gegen dich war, tieferen Eindruck auf dich gemacht hat, und daß du dich unglücklich fühlst, weil er seitdem nichts mehr von sich hören ließ.«
Im Zimmer herrschte Dämmerung, und Irmas Köpfchen lag an Ilses Schulter. So konnte die Großmama die Schamröte nicht sehen, welche die Wangen der Enkelin bedeckte, als diese zögernd erwiderte:
»Aber Großmama, wie hast du dir nur so was in deinen lieben, alten Kopf setzen können?«
»Nicht wahr, Kindchen? Sie haben mir bange gemacht, Onkel Heinz und deine Mama, die in jedem Brief fragte, ob ich nichts von jenem Baron gesehen habe; und dann, wie ich schon erwähnte, warst du mitunter so sonderbar; aber ich glaubte, wenn etwas derartiges wäre, würde mein Kind mir's doch sagen, denn nicht wahr, Irma, du hast Vertrauen zu mir und läßt mich an deiner Freude, wie an deinem Kummer teilnehmen?«
»Natürlich, Großmama.«
»Also war's nur eine Aufwallung, eine vorübergehende Verliebtheit! In Wirklichkeit hast du dir nie etwas aus dem Baron gemacht?«
»Nein.«
»Ich bin so froh darüber und fühle mich nun ganz beruhigt. Daraus hätte doch nie etwas werden können. Die Barone von Hochstein halten sich ja für ganz besonders vornehm. Ich bin dankbar, mein Liebling, daß dieser Kummer dir erspart geblieben ist.«
Irma begab sich in ihr Zimmer, warf sich auf ihr Bett und schluchzte, als sollte ihr das Herz brechen. Sie kam sich so schlecht vor, so heuchlerisch und doppelsinnig, daß sie einen Ekel vor sich selber empfand und im Begriff stand, wieder hinunterzugehen und ihre Schuld zu gestehen. Aber dann fiel ihr ein, wie Otto gesagt hatte, daß dies unwiderruflich alles verderben würde. So beschwichtigte sie ihr Gewissen, indem sie sich vorhielt, es werde ja nur noch ein paar Monate dauern. Dann durfte sie alles beichten und um Verzeihung bitten, daß sie die Großmama in dieser Weise hatte hintergehen müssen.
* * * * *
Als Irma in I. aus dem Coupé stieg, schaute sie sich überall nach Gustav und Flora um, aber niemand war zu erblicken. Etwas enttäuscht nahm sie sich eine Droschke und ließ sich nach der kleinen, dicht vor der Stadt gelegenen Villa fahren, welche ihr Bruder bewohnte.