Part 7
Ilse hielt es nicht für nötig, auf diesen Wortschwall viel zu erwidern noch Flora daran zu erinnern, daß Gustav bis jetzt noch kein schöpferisches Genie genannt werden konnte. Sie lachte nur bei dem Gedanken, wie wenig ihre alte Pensionsfreundin sich im Grunde doch verändert hatte, trotzdem das grausame Leben sie gezwungen hatte, auf alle Dummheiten zu verzichten und einfach mit der Wirklichkeit zu rechnen. Letzteres hatte sie aber auch so gut getan, daß man ihre übertriebenen Ausdrücke und poetischen Sentimentalitäten ihr verzeihen konnte.
Thusnelda klagte Ilse, daß die kleine Flora noch so viel zu lernen habe, da sei es gut, wenn die jungen Leute noch nicht gleich heirateten, denn die Kleine sei, besonders in allem, was den Haushalt beträfe, noch sehr unwissend. Aber Ilse, die selbst nie mit besonderer Lust und Liebe gewirtschaftet hatte, fand diese Sorge unwichtig.
»Die Führung des Haushaltes lernt sich von selbst,« sagte sie, »und wozu sind denn die Dienstboten da?«
Bescheiden schwieg Thusnelda. Sie wagte nicht, Frau Gontrau zu widersprechen, aber in ihrem Herzen dachte sie, daß Ilse neben einer gut gefüllten Börse immer Glück mit ihren Dienstboten gehabt haben müsse, -- dann konnte sie wohl so reden.
Die Familie Reicher und Flora Werner reisten zuerst ab. Agnes und Ludwig benahmen sich tadellos bei der Trennung. Der Ort, wo der junge Leutnant in Garnison stand, war nicht weit von F. entfernt, so daß er sicher jeden Monat einmal herüberkommen konnte. Die kleine Flora dagegen zerfloß in Tränen, so daß Onkel Heinz ihr spottend vorschlug, sich bei der städtischen Wasserversorgung anstellen zu lassen. Hundertmal fragte sie Gustav, ob er sie auch nicht vergessen werde; und als sie sich endlich aus seinen Armen lösen mußte und die Coupétüre geschlossen wurde, fiel sie schluchzend Großmutter Werner um den Hals. Diese allein verstand sie und bemühte sich, sie mit leise gemurmelten Worten zu trösten. Der einzige, der sich freute, wieder an seine Arbeit gehen zu können, war Hans. Er besaß keine sentimentale Natur, und wenn er auch wußte, daß es ihm nie gelingen würde, Irma zu vergessen, da er doch nun einmal nicht anders konnte, als das kleine, kokette Ding lieben, so war es doch nicht seine Sache, sich feige und weich seinem Kummer hinzugeben. Er sehnte sich nach dem einzigen Mittel, seine Enttäuschung zu überwinden, nach ernster, rastloser Arbeit.
Mit heitern Mienen hatte er von allen Abschied genommen. Als die Reihe an Irma kam, drückte er ihr Händchen so kräftig in seiner großen Faust, daß er ihr weh tat, und sagte mit eigentümlich bebender Stimme:
»Sie wissen, Irma, was ich gehofft habe. Es hat nicht sollen sein, und ich muß trachten, mich darein zu ergeben. Aber um eins will ich Sie bitten. Denken Sie ab und zu daran, daß Ihnen ein treuer Freund lebt, der alles opfern würde, um Sie glücklich zu machen.«
Sie waren einen Augenblick allein. Schnell, bevor sie es hindern konnte, legte er den Arm um sie und drückte einen Kuß auf ihre Stirn. Dann ließ er sie los und begab sich zu den andern. Irma wollte entrüstet auffahren, vermochte es aber nicht; zu ihrem großen Ärger fühlte sie ein Weh in ihrem Herzen, und das unbestimmte Gefühl, als habe sie etwas sehr Kostbares verspielt, bemächtigte sich ihrer. Freilich nur einen Augenblick, dann tastete sie mit der Hand in ihr Kleid, wo zwischen weichen Spitzen ein rosa Briefchen verborgen lag, und mit stolz erhobenem Haupte und leuchtenden Augen schaute sie Hans nach.
Am nächsten Tage reisten auch Holtens ab, und nun fing für Ilse und Irma wieder das alte ruhige Leben an, das sie vor der Ankunft der amerikanischen Familie geführt hatten.
* * * * *
Es war Oktober geworden. In Ilses kleinem, an den großen Eßsaal grenzenden Wohnzimmer brannte schon ab und zu ein lustiges Feuerchen, denn die Nachmittage wurden kalt. Die alte Dame saß gern mit ihrem Buch am Kamin und wenn sie aufgehört hatte zu lesen, starrte sie in die züngelnden Flammen und ließ die Bilder der Vergangenheit an ihrem Geiste vorüberziehen.
An solch einem traulichen Nachmittagsstündchen trat Irma ein, um der Großmama adieu zu sagen. Sie sah bildschön aus in dem dunkelblauen Tuchkostüm, das ihre Elfengestalt knapp umschloß, und dem hübschen, an einer Seite umgeschlagenen Hut mit der weißen Feder auf dem goldblonden Haar.
»Gehst du aus, Kind?«
»Ja, Großmama, wenn du's erlaubst.«
»Wohin?«
»Ach, ich weiß nicht, ein bißchen spazieren.«
Die Großmutter schaute sie an. »Und dafür hast du dich so schön gemacht?«
Das junge Mädchen wurde rot. »Ach, bei diesem köstlichen Herbstwetter wollte ich mein neues Kostüm doch mal an die Luft bringen.«
Ilse drohte mit dem Finger »Jungfer Eitelkeit,« neckte sie. »Na, lauf' du nur. Aber es ist doch besser, du holst Agnes oder Maud zum Spazierengehen ab. Allein finde ich's nicht ganz passend.«
»Ich weiß nicht, ob sie zu Hause sein werden,« murmelte Irma und lief dann, um weiteren Einwendungen zuvorzukommen, mit einem hastigen: »Auf Wiedersehen, Großmama,« rasch zur Türe hinaus.
Auf der Straße tat sie einen tiefen Atemzug, schlug aber nicht den Weg nach dem Hause Onkel Müllers ein. So rasch sie konnte, ging sie, sich ab und zu scheu umsehend, durch einige Gassen, bis sie die Stadt im Rücken und die große Landstraße vor sich hatte. Hier war es still. Nur das Sausen des Oktoberwindes in den hohen Bäumen ließ sich hören und das Gerassel des dürren Laubes. Von dem schnellen Gehen ermüdet, verlangsamte Irma ihren Schritt. Ängstlich spähte sie umher. Was sie tat, war nicht recht, das wußte sie, aber ihr blieb keine Zeit darüber nachzudenken, denn dort, aus einem Gebüsch am Wege, sah sie die schlanke, biegsame Gestalt Hochsteins hervortreten und eilig näher kommen.
In der ersten Verwirrung wollte sie fortlaufen; aber als ob er ihre Gedanken erriete, war er mit ein paar raschen Sprüngen neben ihr und ergriff ihre Hand. Mit glühenden Wangen und niedergeschlagenen Augen stand sie vor ihm.
Otto von Hochstein betrachtete sie, und ein Gefühl des Stolzes erfüllte ihn, daß dieses wunderschöne junge Geschöpfchen endlich eingewilligt hatte, ihm heimlich hier draußen an diesem einsamen Ort ein Stelldichein zu gewähren.
»Meine teuerste Irma,« flüsterte er, »wie soll ich dir danken, daß du gekommen bist!«
»Ich tue es nie wieder,« stöhnte sie. »Ich hab' Großmama belügen müssen, und das ist schändlich.«
»Aber du tatest es doch um meinetwillen? ... Du hast mich doch ein ganz klein wenig lieb, nicht wahr?«
Er schaute sie mit seinen samtschwarzen Augen so flehend an, daß sie nicht anders konnte als leise stammeln:
»Ja, sehr lieb.«
Aber als er den Arm um sie schlingen und sie entzückt ans Herz ziehen wollte, entwand sie sich ihm.
»Warum darf ich dir denn nicht einmal einen Kuß geben, Irma, wenn du mich doch liebst und meine Braut bist?«
»Nicht eher, als bis wir wirklich verlobt sind und jeder es weiß,« erwiderte sie. »Warum kann ich denn nicht, wie Agnes und Flora es taten, der Großmama und meinen Eltern alles erzählen?«
»Mein Liebling, hast du mir nicht selbst geschrieben, daß du gerade dies süße Geheimnis, um das nur wir zwei beide wissen, so herrlich fändest?«
»Ja, aber nun finde ich es nicht mehr herrlich,« schmollte Irma. »Es ist nicht recht, das fühle ich. Ich weiß, Großmama würde es nicht billigen, und ich will nicht mehr in dieser heimlichen Weise mit dir zusammenkommen.«
Ottos dunkle Augen funkelten unheilverkündend, und er biß sich auf die Lippen, um seinen Ärger zu verbergen. Aber er verstand es meisterhaft, sich zu beherrschen, und erwiderte niedergeschlagen:
»Dann machst du mich tief unglücklich.«
»Laß mich der Großmama alles sagen. Du kennst sie nicht, sie ist nicht streng, und ich kann von ihr erlangen, was ich will.«
Er schüttelte den Kopf; dann schob er seinen Arm durch den ihren und zwang sie so, mit ihm auf und ab zu gehen.
»Hör' mal zu, Liebste,« begann er. »Du zwingst mich, Dinge zu sagen, die mir peinlich sind. Frau Gontrau würde niemals ihre Einwilligung zu einer heimlichen Verlobung zwischen uns geben.«
»Wenn ich sie darum bitte, tut sie es doch.«
»Aber sie würde darauf bestehen, daß ich meinen Eltern Mitteilung davon mache.«
»Natürlich, warum willst du das denn nicht?«
»Das ist es ja gerade, Irma. Sie würden ihre Zustimmung nicht geben und sich auf jede mögliche Weise bemühen, uns zu trennen.«
Stolz hob Irma ihr reizendes Köpfchen und schaute ihn herausfordernd an.
»Aus welchem Grunde? Bin ich ihnen nicht gut genug?«
»Irma!« rief er leidenschaftlich. »Du bist das schönste, das entzückendste Wesen von der Welt. Und für mich wirst du das ewig bleiben. Aber ich wünschte, ich wäre an Stelle des Barons von Hochstein ein armer Teufel, zu dem du dich herablassen müßtest.«
Sie schaute ihn fragend und tief errötend an.
»Meine Eltern sind sehr stolz,« fuhr er fort. »Unser Stammbaum reicht zurück bis in die Zeit vor den Kreuzzügen. Die Glieder meiner Familie haben sich immer nur mit dem allerältesten Adel verbunden; der Schlag würde meine Eltern vor Schreck rühren, wenn sie erführen, daß ich mich mit einem Mädchen verloben will, das nicht zum Hochadel gehört. Sie haben mir bereits eine steinreiche Erbtochter aus einem Geschlechte bestimmt, das eben so vornehm ist wie das unsere.«
»Und du?« fragte Irma atemlos.
»O, ich geb' auf das alles nichts und werde das häßliche Freifräulein von Staufenberg nie heiraten, das verspreche ich dir.«
»Aber dann wird aus unsrer Verlobung nichts!« seufzte Irma, »deine Eltern werden nie ihre Einwilligung geben.«
Er nahm ihre kleinen Hände in die seinen und streichelte sie.
»Das werden sie sicher nicht, geliebte Irma, wenn wir sie ohne weiteres mit dem =fait accompli= überfallen und erschrecken. Ich muß sie ganz allmählich darauf vorbereiten, und dann werden sie ohne Zweifel nachgeben. Wir müssen warten, das ist alles, um was ich dich bitte. Hast du mich nicht so lieb, um etwas Geduld zu haben?«
»Aber meine Eltern und Großmama,« stammelte Irma.
»Glaube mir, Liebling. Durch zu frühes Reden würden wir alles verderben. Wenn du mich liebst, so gelobe mir zu schweigen.«
Irma war sich innerlich bewußt, daß sie nicht recht tat, aber sie vermochte nicht, seinem heißen Drängen zu widerstehen; sie war von den äußeren blendenden Eigenschaften des jungen Barons so betört, daß sie ihm schließlich alles versprach, sogar ein Stelldichein in der nächsten Woche.
Solange sie bei ihm war, vergaß sie ihre Bedenken und gab sich dem Glück des Augenblicks hin, aber als sie allein nach der Stadt zurückkehrte, konnte sie sich eines Gefühls der Furcht und Beklommenheit nicht erwehren. Zum erstenmal in ihrem Leben tat sie etwas Heimliches, Unaufrichtiges, etwas, was die Ihrigen niemals gutheißen würden.
Heftig erschrak sie, als in der Nähe ihrer Wohnung Agnes plötzlich auf sie zutrat.
»Wo kommst du her, Irma? Ich war bei Großmama, die sagte mir, du hättest mich zu einem Spaziergang abholen wollen. Wie ein Hase lief ich nach Hause, dort hatte dich aber niemand gesehen.«
»Ich bin spazieren gegangen,« murmelte Irma.
Sie wurde furchtbar rot, und Agnes schaute sie verwundert und forschend an.
»Allein?« fragte sie. »Und du sagst Großmama, daß du mich abholen wolltest.«
»Ich ... ich bekam plötzlich Lust, allein zu gehen.«
»Wie komisch du bist! Was hast du? Was bedeutet das? Ich verstehe dich nicht.«
»Mach doch nicht so 'nen Sums daraus,« rief Irma, in ihrer Verlegenheit plötzlich sehr reizbar werdend und nicht mehr wissend, wie sie sich herausziehen sollte. »Geht's dich was an, wenn ich mal allein spazieren gehen will? Dir hab' ich doch keine Rechenschaft abzulegen.«
»Aber Irma!« sagte Agnes, im höchsten Grade erstaunt und gekränkt.
Schweigend schritten sie nebeneinander her. Agnes war zu entrüstet, um zu sprechen, aber als sie eine Weile später verstohlen nach ihrer Cousine schaute, sah sie, daß diese bebte und ihr die Augen voll Tränen standen. Sofort fühlte sie ihren Zorn schwinden.
»Irmachen,« begann sie freundlich. »Sag mir doch, warum du so betrübt bist. Ich bin deine Freundin, mir kannst du vertrauen.«
Zum Glück befanden sie sich in einer stillen Straße, denn Irma konnte ihre Tränen nicht mehr zurückhalten.
»Ich kann nicht, Agnes,« stammelte sie fast schluchzend, »frag mich nicht.«
Die Andere forschte nicht weiter. »Komm mit zu mir,« bat sie. »Die Eltern und Maud sind ausgegangen. Auf unsrem Zimmer kannst du dich erholen.«
Irma folgte willig. Als sie in dem gemütlichen, hellen Mädchenstübchen saßen, küßte Agnes ihre Cousine und fragte noch einmal teilnehmend:
»Kannst du mir wirklich nicht sagen, was dir fehlt, Liebling?«
»Ich kann nicht, ich darf nicht.«
Agnes schwieg.
»Gelobst du mir bei allem, was dir heilig ist, keinem Menschen ein Sterbenswörtchen zu sagen?« flüsterte Irma.
»Das versteht sich wohl von selbst, ich bin doch deine Freundin.«
»Auch Ludwig nicht?«
Agnes zögerte. »Ist's etwas, was mich gar nichts angeht, Irma?«
»O gewiß, es geht einzig und allein mich an.«
»Nun, dann werde ich auch Ludwig nichts sagen.«
Irma legte ihr Köpfchen an Agnes' Schulter und begann flüsternd ihre Erzählung, wie sie schon bei der Landpartie gemerkt habe, daß Baron von Hochstein sie sehr reizend finde, wie er einige Tage später an sie geschrieben und ihr seine Liebe bekannt, und wie sie nach Verabredung eine rote Rose im Gürtel, am Fenster stehend, ihm ihre Gegenliebe verraten habe. Auf sein wiederholtes Schreiben und dringendes Bitten habe sie nach schwerem Gewissenskampf in ein Stelldichein gewilligt und ihn heute nachmittag auf der Chaussee im Walde getroffen.
Agnes' Gesicht verdüsterte sich immer mehr, aber sie sagte nichts. Erst als sie hörte, was die Liebenden heute beschlossen hatten, rief sie entrüstet:
»Aber Irma, wie konntest du das tun?«
»O, ich weiß, daß es schlecht war,« schluchzte das arme, kleine Ding. »Aber ich hab' Otto so lieb. Du liebst Ludwig doch auch und mußt daher mit mir fühlen können. Hättest du denn nicht ebenso gehandelt?«
»Ich!« rief Agnes. »Wahrscheinlich hätte ich ihm eine Ohrfeige gegeben, ganz gewiß aber ihm den Rücken gekehrt. Was bildet er sich ein? Wie darf er's wagen, dir geradezu zu sagen, daß du ihm nicht ebenbürtig bist!«
»Aber bedenke doch, die Barone von Hochstein! So ein altadliges Geschlecht! Noch nie ist in seiner Familie eine Mesalliance vorgekommen. Er steht weit über mir!«
»Welch ein Unsinn!« entgegnete Agnes heftig. »Laß ihn mit seinem altadeligen Geschlecht nach dem Monde gehen. Welcher verständige Mensch legt in unsern Tagen Wert auf so etwas? Damit sollte er uns in Amerika kommen! Er über dir stehen! Du bist im Gegenteil unendlich erhaben über ihn, du, das Kind so genialer Eltern. Was haben seine Eltern wohl je geleistet?«
»Er denkt gewiß ebenso. Wirklich, Otto ist nicht vorurteilsvoll, aber seine Eltern sind doch nun einmal so furchtbar stolz.«
»Sprich mir nicht von Stolz! An deiner Stelle wäre ich viel zu stolz, mich in eine Familie einzudrängen, die es wagte, auf mich herabzusehen!«
Irma seufzte; sie hatte gehofft, Agnes würde die Sache ganz anders auffassen, mehr mit ihr übereinstimmen und sich wohl gar geschmeichelt fühlen, daß ein Baron ihrer Cousine seine Liebe gestanden hatte. Die nüchterne, praktische Art, mit der die Amerikanerin diesen für Irma doch so hochinteressanten Fall behandelte, enttäuschte sie sehr. Nirgends sah sie Hilfe, nirgends einen Ausweg, und sie fing wieder an bitterlich zu weinen.
Tränen waren etwas so Ungewohntes bei der sonnigen, lustigen kleinen Irma, die immer lachte und von jedem auf den Händen getragen wurde, daß Agnes plötzlich ein großes Mitleid mit dem armen Kinde fühlte.
»Weine nicht, Liebling,« sagte sie zärtlich. »Ich sehe ein, daß es hart für dich ist, aber so kann die Sache nicht weitergehen. Du mußt ihm schreiben, daß du keine heimlichen Zusammenkünfte mehr mit ihm haben willst. Es ist unverzeihlich, daß du es schon einmal getan hast, aber geschehene Dinge sind nicht mehr ungeschehen zu machen. Es ist seine Pflicht gegen dich, sofort deinen wie seinen Eltern ein offenes Geständnis abzulegen. Will er das nicht, so muß zwischen euch alles aus und zu Ende sein.«
»Nein, um nichts in der Welt,« schluchzte Irma. »Ich liebe ihn, und er liebt mich.«
»Seine Forderung beweist das Gegenteil,« versetzte Agnes entrüstet. »Ich bitte dich, du wirst ihm doch kein Stelldichein mehr geben! Versprich mir das.«
Irma schwieg.
»Du darfst es nicht. Und tust du es doch, so sag' ich's der Großmama.«
»Das wäre garstig von dir; du hast mir versprochen, es keiner Menschenseele zu verraten.«
»Ja, das ist wahr, na, ich werd's auch nicht tun, du kannst mir vertrauen, aber Irma, du handelst sehr unbesonnen.«
»Es wird schon alles recht werden,« sagte das junge Mädchen, in dem Wunsche, ihren Otto und sich zu verteidigen. »Er sagt, die Heimlichkeit würde nicht lange dauern, und er ist so edel, so feinfühlig. Du mußt doch zugeben, Agnes, daß ich mein Wort nicht brechen kann, ich hab's doch versprochen.«
Agnes war durchaus nicht einverstanden, merkte aber, daß Irma nicht zu überzeugen war. Auch überlegte sie, daß, wenn sie ihrer Empörung über Otto von Hochsteins Verhalten zu sehr Luft machte, Irma ihr das Vertrauen entziehen würde. Und es war doch besser, daß jemand um die unvorsichtigen Handlungen des kleinen Lieblings wußte, um ihn warnen und überwachen zu können. Daher tröstete sie ihr Bäschen so gut es ging, und gelobte aufs neue, das Geheimnis treu zu bewahren. Etwas erleichtert und beruhigt ging Irma nach Hause, wo sie in ihrem Leichtsinn sich einredete, keine Unwahrheit zu sprechen, als sie auf Ilses Frage, ob sie bei Müllers gewesen sei, um Agnes abzuholen, mit einem »ja, Großmama,« antwortete.
Einige Tage später kam Nachricht von Holtens aus München. Gustav, dessen Name immer bekannter wurde, hatte sich um den Posten eines Lehrers am Konservatorium in I. beworben und die Stelle erhalten. Das war für einen jungen Mann von dreiundzwanzig Jahren ein großes Glück. In sechs Wochen mußte er das Lehramt bereits antreten, und seine Hochzeit sollte so bald wie möglich stattfinden, denn er wollte nicht ohne Flora das neue Leben beginnen.
Großmutter Ilse schüttelte den Kopf.
»Sie sind ja beide noch Kinder. Die sollen schon heiraten? So unerfahren, wie sie sind!«
»Aber du warst doch auch sehr jung, als du heiratetest, Großmama,« wandte Irma ein.
»Ja, mein Kind, aber dein Großvater war ein anderer Mann als Gustav, der ganz in seiner Kunst aufgeht und vom praktischen Leben keinen Schimmer hat. Und Flora?«
»Es wird schon gehen,« meinte Irma, die über die Nachricht sehr glücklich war. Die Aussicht, daß ihr Bruder in I. wohnen und sie dadurch Gelegenheit haben würde, oft nach der Universitätsstadt zu fahren, war himmlisch. Auf diese Weise würde es viel leichter sein, Otto öfter zu sehen. Als sie Agnes ganz aufgeregt von diesem Glücksfall Mitteilung machte, schüttelte das praktische, kluge Mädchen sein weises Köpfchen.
»Es ist und bleibt verkehrt, und überdies, wenn Gustav in I. wohnt, wird er bald etwas merken.«
»Gustav! der merkt nichts. Du weißt doch, wie verträumt er immer ist. Glaubst du, daß er überhaupt noch an etwas anderes denken kann, als an seine Musik und an Flora?« --
Die junge Braut kam nun wieder mit ihrer Mutter zu Gontraus auf Besuch, um alles für ihre Aussteuer zu besorgen. Irma ging oft mit nach I., und fand dann ab und zu Gelegenheit, Hochstein zu sehen. So geschah es, daß die Kleine, -- bisher die Ehrlichkeit und Aufrichtigkeit selbst -- Schritt für Schritt weiter in den Irrgarten der Lüge und des Betrugs hinein geriet. -- Es kostete ihr keine große Mühe mehr, ihre aufsteigenden Zweifel und Gewissensbisse zu beschwichtigen und mit sich selbst Frieden zu schließen. Auch gab Otto ihr immer von neuem die Versicherung, daß sie durchaus nichts Unrechtes tue, indem sie vor ihrer Großmutter und ihren Eltern etwas verbarg. Er verstand es, sehr besorgt und schön über Frau Gontrau zu reden, die doch schon alt sei und sich ganz unnütze Sorgen machen würde, wenn sie wüßte, daß der Baron und die Baronin von Hochstein noch nicht ihre Einwilligung zur Verlobung gegeben hätten. Und Irmas Eltern, die so fern von ihr weilten, würden sich auch nur unnötig aufregen. Es war doch viel besser zu schweigen, bis die Geschichte ganz in Ordnung käme, und daß dies bald geschähe, daran brauchte Irma doch nicht zu zweifeln. So beruhigte sie sich immer wieder und fuhr fort, wissentlich Unrecht zu tun, wobei sie sich trotzdem glückselig fühlte. --
Flora und Gustav sollten kurz vor Weihnachten heiraten. Die ganze Familie begab sich zu dem Feste nach dem Landgut, auf dem Flora Werner wohnte.
Ilse war wehmütig bewegt, als sie das Haus wieder betrat, wo sie vor vielen Jahren als junge Frau mit Nellie zu Gaste gewesen war. Wie anders sah jetzt alles aus als damals! Die Besitzung hatte sich in den letzten Jahren unter der Oberleitung von Hans ganz außerordentlich gehoben und verschönt, und Flora, wenn sie auch nicht mehr so tätig war wie früher, stand auch jetzt noch, wo sie konnte, den Dorfbewohnern mit Rat und Tat bei. Ab und zu schrieb sie auch noch Verse, und am Hochzeitsmorgen überraschte sie die junge Braut mit einem langen Gedicht, das sie in der Nacht verfaßt hatte.
Es kam darin viel vor von Liebe und Kunst und herrlichem Beruf, von Lorbeeren, die der Künstler ernte, und die er seinem angebeteten Weibe zu Füßen lege. Die kleine Flora verstand zwar nicht viel davon, fand es aber doch sehr schön.
In vollstem Glanze stieg die Wintersonne an dem Hochzeitstag des jungen Paares empor. Die enge Dorfstraße, die der Festzug passieren mußte, wimmelte von Menschen. Fast aus jedem Hause wehte eine Fahne, und hier und da waren Ehrenpforten errichtet aus Tannengewinden, mit bunten Papierrosen verziert. Bäume, Felder und Wiesen hatten sich in ein fleckenloses Brautgewand gehüllt; die goldenen Sonnenstrahlen spielten auf dem Schnee und streuten glitzernde Diamanten darüber aus. An den funkelnden Farben, die sich über die blendend weiße Welt ergossen, konnte das Auge sich nicht satt sehen. Das Innere der kleinen Dorfkirche im Lichterglanz und Blumenschmuck war wie ein Feenmärchen. Fast noch die reinen Kinder standen Gustav und Flora vor dem Altar. Die junge Braut in einem einfachen weißen Kleide, die grüne Myrtenkrone auf den goldschimmernden Flechten, und der schlanke Bräutigam mit dem verzückten Blick und dem träumerischen, ernsten Antlitz.
Die Freunde und Verwandten erschienen als gute Feen und Beschützer -- alle beseelt von dem innigsten Wunsch, das junge, eben verbundene Paar möge so glücklich werden, wie es zwei Menschen, die sich lieben, hier auf Erden nur sein können.