Trotzkopf als Grossmutter

Part 6

Chapter 63,784 wordsPublic domain

Fräulein Müller wußte nicht, ob sie ja oder nein sagen sollte, und Professor Fuchs machte ein verdutztes Gesicht, als Ilse seinen Arm nahm und ihm einen Wink gab, Elisabeth den andern zu bieten.

Er brummte etwas, aber ebenso wie Elisabeth konnte er doch nicht gut anders, als der Großmutter gehorchen. Fritz, Ruth und Marianne zeigten nicht wenig erstaunte Mienen, als sie die drei eintreten sahen. Fritz, der den boshaften Ausfall seiner Schwester noch nicht vergessen hatte, kam gerade mit spöttischem Gesicht auf sie zu, als Ilse ihm winkte, ihm etwas ins Ohr flüsterte, und schnell unterdrückte er eine unfreundliche Bemerkung.

Im Ballsaal herrschte die fröhlichste Stimmung, und über eine Stunde schauten die älteren Leute dem lustigen Treiben zu. Tante Elisabeth wollte etwas Gehässiges sagen, als ihr Bruder und seine Frau sich erst an einer Quadrille und dann an einer Polka, ja sogar an einem Walzer beteiligten, aber sie preßte die Lippen zusammen und schwieg. Sie äußerte auch keine Mißbilligung, als sie den ernsten Heinrich von Holten mit Ruth und dann auch mit Maud tanzen sah. Kerzengerade saß sie neben Ilse und bemühte sich redlich, sich über das Courmachen und das eitle Getue der jungen Mädchen zu ärgern.

»Wie sich Irma amüsiert,« sagte Ilse froh zu Ruth, »und wie wunderbar lieblich sie aussieht.«

Ruth beugte sich zu ihrer Mutter und entgegnete leise:

»Ich finde, daß sie zu viel mit dem Baron tanzt, Mama. Das ist nun schon das viertemal, und sie ist so aufgeregt.«

»Ach was, das hat doch nichts zu sagen! Nach dem heutigen Abend sieht sie ihn vielleicht nie wieder. Überdies sind Ludwig und Agnes auch fast unzertrennlich.«

»Das ist etwas andres. Jetzt sehe ich sie überhaupt nicht mehr. Ob sie hinausgegangen sind?«

»Vielleicht für einen Moment. Es ist arg heiß im Saal. Das machen die vielen Menschen. Laß Irma nur nicht merken, daß du unruhig bist, Ruth; wirklich, das wäre nicht richtig. Da sind sie schon wieder.«

In der Tat kehrten Irma und ihr Kavalier in den Saal zurück. Der Ball näherte sich seinem Ende. In einer Ecke, hinter einer Gruppe hochstämmiger grüner Blattpflanzen und Rosen konnten sie ungestört plaudern.

»Dies ist der seligste Abend meines Lebens,« begann Hochstein. »Es ist beinahe zu schön für einen gewöhnlichen Sterblichen: mir ist, als weilte ich unter den Göttern des Olymps.«

Irma lachte. »Wie mag Ihnen da wohl zu Mute sein?«

»Ich möchte die ganze Welt ans Herz drücken, mir ist, als ob das Leben all seine Schönheit und Herrlichkeit über mich ausschüttete, als ob alles, was ich je geträumt, Wirklichkeit würde, so daß ich mein Glück kaum fassen kann!«

Die Musik, die eine Pause gemacht, begann aufs neue. Irma stand auf.

»Das ist der letzte Walzer,« erklärte sie, »den hab' ich versprochen.«

Schon legte der Baron ihren Arm in den seinen.

»Mir?« bat er flehend.

»Nein, nein, Hans Reicher,« stammelte sie.

Er fing an zu lachen.

»O, das ist wohl der Herr mit dem wütenden Gesicht, der uns, so oft wir vorbeitanzten, ansah, als wollte er uns fressen?«

Irma lächelte; sie konnte sich Hans schwer mit einem wütenden Gesicht vorstellen. Leise aber sagte sie:

»Ich hab's ihm versprochen.«

»Nun gut, er kann mich fordern, wenn er will. Ein Duell um Ihretwillen wird ihm wie mir etwas Göttliches sein!«

Irma schaute entsetzt auf. Hochsteins samtschwarze Augen strahlten, unwillkürlich senkte sie die ihren.

Da schlang er den Arm um sie; sie fühlte sich emporgehoben, ihr war, als schwebte sie. Schneller und immer schneller ward das Tempo. So hatte sie noch nie getanzt. Sie vergaß alles: Hans, der sie, die Lippen zusammengepreßt, mit einem tieftraurigen Ausdruck in seinen treuen Augen ansah; ihre Herzensangst, als der Baron vom Duellieren sprach -- sie fühlte nur, wie schön das Leben war, entzückend. Mit geschlossenen Augen und halb geöffneten Lippen gab sie sich dem Zauber dieser Stunde hin und fühlte sich von seligem Traum umfangen.

»Irma, mein Kind, es ist genug, du machst dich zu müde.«

Es war die Stimme ihrer Mutter, die sie zur Besinnung brachte. Noch ganz schwindlig schaute sie sich um, während Hochstein sie zu einem Stuhl führte.

»Gnädige Frau, dies war der letzte Tanz. Die Musik geht schon fort.«

»Um so besser,« versetzte Ruth, »komm Irma!«

»Auf Wiedersehen, meine Damen.«

Der Baron entfernte sich mit einer tiefen Verbeugung.

»Es ist mir gar nicht lieb, daß Onkel Heinz die jungen Leute zur Bowle eingeladen hat,« sagte Ruth.

»Weshalb, Mama?«

»Weil ich finde, daß du dich zu viel mit jenem jungen Manne unterhältst. Das fällt auf.«

»Aber Mama, wir haben ein paarmal zusammen getanzt. Was tut denn das?«

»Nichts, doch du hättest auch mit andern tanzen können, mit Hans zum Beispiel.«

Irma schwieg und schwebte auf den Professor zu, der mit einigen Studenten plauderte.

»Onkel, nun kommt deine Einladung an die Reihe.«

»Ja, kleiner Schelm,« und er kniff ihr in die glühenden Wangen. »Heute ist unser Kind in seinem Element, was?«

Irma wurde rot, weil der alte Herr sie in Gegenwart der jungen Leute so behandelte, aber sie war doch zu glücklich, um etwas anderes zu tun, als lächelnd zu nicken.

Professor Fuchs zog ihren Arm in den seinen.

»Darf ich die Damen und Herren bitten!« rief er und eröffnete den Zug; paarweise folgten die übrigen. Die Kellner hatten im Garten eine lange Tafel hergerichtet. Auf der blau und rot karrierten Tischdecke prangte die Riesenbowle, umgeben von den goldschimmernden Gläsern, rechts und links flankiert von zwei großen Blumensträußen.

Wie es zuging, wußte sie selbst nicht, aber wieder fand Irma ihren Platz neben Hochstein. Bald schallte fröhlicher Gesang und Gelächter durch den Garten. Unter ohrbetäubendem Jubel stimmte Professor Fuchs das alte Studentenlied an:

Hochgesang und Rebensaft Lieben wir ja alle! Darum trinken wir mit Kraft Schäumende Pokale!

Und da Ilse neben ihm saß, stieß er mit ihr an und fragte:

»Schwester, Dein Geliebter heißt?« worauf sie lachend versetzte: »Heinrich« und alle im Chor:

Heinrich, er soll leben! Soll leben, soll leben! Heinrich, er soll leben! Er lebe hoch!!

Das »Hoch« wurde lange ausgehalten, und nun ging's weiter die ganze Tafelrunde durch, unter Necken und Scherzen. Die jungen Leute trieben es fast zu toll. Ludwig und Agnes flüsterten miteinander, und dann nannten beide einen fremden Namen, den niemand je gehört. Gustav und Flora gaben sich einfacher, aber das junge Mädchen wurde verlegen und stammelte so schüchtern: »Gustav,« daß sie den Namen noch zweimal wiederholen mußte. Die größte Heiterkeit erregte Tante Elisabeth, die erst erklärte, sich mit solchen Narrenspossen nicht abzugeben und auf dem Punkt stand böse zu werden, als ihr Bruder Fritz ausrief:

»Unsinn, Elisabeth, in deinem zehnten Jahr warst du sterblich verliebt in den Küster unserer Kirche; er schielte und hieß Georg.«

Alle jubelten und lachten. »Georg, er soll leben!« schallte es hell durch die Abendluft. Vielleicht war es der Einfluß der Bowle, aber so viel steht fest, daß die alte Jungfer ihren Ärger vergaß und mitlachte.

Baron von Hochstein sah Irma tief in die Augen und rief dann: »Maria!«

Einen Augenblick vorher hatte er sie gefragt, wie sie hieße, und sie hatte geantwortet:

»Irma Maria.«

Während des nun folgenden Gesangs löste er, ohne daß es in der dämmerigen Beleuchtung außer ihr jemand bemerkt hätte, gewandt eine der hellblauen Schleifen, mit denen ihr Kleid verziert war, drückte einen Kuß darauf und ließ sie in der Tasche verschwinden.

»Das ist nicht erlaubt,« flüsterte sie; aber sie fühlte mehr als sie sah, wie flehend er sie anschaute, und schwieg.

Endlich mußte doch an die Rückfahrt gedacht werden. Es war höchste Zeit. Als die älteren Damen hörten, wie spät es schon war, erschraken sie. Der Befehl zum Anspannen wurde gegeben. Das ganz aus Rand und Band geratene junge Volk schlug vor, wieder den Weg zu Fuß über den Wasserfall zu machen und erst an den Stallungen einzusteigen; das würde eine entzückende Mondscheinpromenade sein.

Verschiedene Ausrufe wie: »Ach ja! Das wollen wir! Himmlisch! Bitte, Großmama!« ließen sich hören; Fritz aber erklärte kurz und bündig:

»Daraus wird nichts; wir fahren den andern Weg, der ist um eine gute Stunde kürzer!«

Hochstein half Irma in den Wagen und flüsterte ihr zu, wie scheußlich er es fände, daß er und seine Freunde nicht mitfahren könnten.

»Adieu, adieu! Herzlichen Dank, Herr Professor!« klang es von allen Seiten, dann setzten die Fuhrwerke sich in Bewegung. Das letzte, was Irma zu unterscheiden vermochte, war die schlanke Gestalt ihres Anbeters, der sein Cerevis schwenkte und sie, sie allein, grüßte.

Der Wagen bog um die Ecke, und plötzlich schien es ihr, als sei alles dunkel und trübe geworden. Jetzt bemerkte sie erst, daß sie neben Hans Reicher saß. Sie fühlte sich so glücklich, daß es ihr leid tat, den armen Jungen unfreundlich behandelt zu haben.

»Sind Sie mir böse?« fragte sie sanft.

»Weshalb?«

»Weil, nun weil ich den letzten Walzer nicht mit Ihnen tanzte, wie ich versprochen hatte.«

Er tat, als müsse er sich erst besinnen. »Ach ja, richtig, den letzten Walzer? Nein, durchaus nicht. Ich war froh über Ihr Vergessen, weil ich eine andere junge Dame engagiert hatte.«

Hans log. Er war still hinausgegangen, um seine Enttäuschung und seinen Ärger niederzukämpfen, doch sein Stolz verbot ihm, Irma zu zeigen, wie tief sie ihn verletzt hatte.

Im vordersten Wagen schlief Tante Elisabeth und ärgerte den Professor, weil sie schnarchte; schnarchende Frauen konnte er nicht ausstehen. Großmutter Ilse war müde und lehnte sich schweigend, mit geschlossenen Augen, zurück. Ruth und Marianne unterhielten sich leise und schauten dazwischen nach Flora und Gustav, die auf der vordersten Bank Hand in Hand saßen, aber kein Wort sprachen. Onkel Heinz blickte auf die prachtvolle, mondbeglänzte Landschaft und verkürzte sich die Zeit mit Rauchen. Im zweiten Wagen saß Maud neben ihrem Vater. Ludwig und Agnes waren so in ihr Geflüster vertieft, daß sie nicht einmal hörten, wenn jemand sie anredete. Irma drehte Hans den Rücken. Was bildete der Bauer sich ein? Sie wollte ihm freundlich entgegenkommen, und er wagte es, ihr solche Antwort zu geben! Ihr eitles Herzchen schwoll vor Entrüstung. Nun wollte sie sich nie mehr um ihn kümmern; sie hatte an Angenehmeres zu denken.

* * * * *

Onkel Heinz war schlecht gelaunt. Mit grimmigem Gesicht ging er umher und erklärte, sich in den nächsten Tagen weder bei Müllers, noch bei Ilse Gontrau blicken zu lassen. Das ewige Einerlei und die endlosen Beratungen fingen an ihn zu langweilen. Immer bekam er dasselbe zu hören, von Verliebtsein, Verlobungen und Ratschlägen der Eltern. Es herrschte allseitig große Rührung, und der Professor, der bei seinen vielen guten Eigenschaften doch nicht frei von Egoismus war, konnte es nicht leiden, daß die Jugend jetzt ganz in den Vordergrund trat und ihm und seinen Interessen weniger Beachtung geschenkt wurde.

Am Morgen nach der Landpartie war Ludwig Reicher zu Fritz Müller und seiner Frau gekommen, hatte ihnen gesagt, daß er ihre Tochter Agnes unaussprechlich liebe und um ihre Hand bitte.

Sehr erstaunt waren die Eltern nicht, denn sie hatten es kommen sehen. Agnes wurde hereingerufen und die Sache ruhig und praktisch besprochen. Ohne Tränen oder Sentimentalität erklärte das junge Mädchen, daß es Ludwig liebe; sie wären freilich beide noch ein bißchen jung, aber in dieser Hinsicht glaubten sie doch alt genug zu sein, um zu wissen, was sie wollten. Bevor Ludwigs Mutter ihre Einwilligung gegeben, könne natürlich von einer öffentlichen Verlobung keine Rede sein. Fritz Müller betonte, daß seine Tochter kein Vermögen habe, wenigstens nicht, solange ihre Eltern lebten. Er sei der Ansicht, daß ein junger Mann, wenn er sich um ein Mädchen bewerbe, unabhängig sein müsse und für seine Familie sorgen könne. Ludwig teilte diese Ansicht, aber da er in einigen Monaten mündig wurde und dann sein väterliches Erbteil zu freier Verfügung bekam, bildete der Geldpunkt in seinen Augen kein Hindernis. Trotzdem machte Vater Müller, der jeden Pfennig, den er besaß, durch die Arbeit seines Kopfes und seiner Hände erworben hatte, noch immer ein bedenkliches Gesicht. Ein Erbteil, na ja, das war schon gut, aber ein Mann mußte von dem leben können, was er selbst verdiente. Auf die eigne Kraft könne man vertrauen; ein Vermögen, das in Gütern und Papieren bestände, sei nie sicher. Ludwig äußerte etwas von amerikanischer Auffassung, Agnes aber fand, daß ihr Papa recht habe. Sie könnten noch ein wenig Geduld haben, in zwei Jahren wurde der junge Offizier Oberleutnant, so lange wollten sie mit der Hochzeit warten. Nach dieser Entscheidung des Familienrates verließen Agnes und Ludwig mit strahlenden Mienen das Zimmer der Eltern, um die Glückwünsche von Maud, Hans und Karl in Empfang zu nehmen.

Aber als Fritz und Marianne zu ihrer Mutter gingen, um ihr als erster diese wichtige Neuigkeit mitzuteilen, waren sie nicht wenig erstaunt, dort die Familie in ähnlichen Beratungen anzutreffen.

Gustav war noch nie verliebt gewesen, sondern stets allen Mädchen aus dem Wege gegangen, und oft hatte Irma ihn mit seiner Schüchternheit geneckt. In Floras Gegenwart hatte er sich sofort frei und unbefangen gefühlt. Das war eine Frau, wie er sie sich erträumte, sanft, still und fügsam, voll Bewunderung für ihn und die Seinen. Auch Ruth und Heinrich von Holten fühlten sich zu dem bescheidenen Mädchen hingezogen, wenn erstere für ihren Sohn auch eine glänzendere Partie gewünscht hätte. Solche Bedenken, wie Fritz Müller geäußert, wurden daher hier nicht erhoben. Das Künstlerpaar lachte darüber; es würde schon alles recht werden, um Geldangelegenheiten machten sie sich keine Sorge. Wenn die jungen Leute sich liebten, so war das die Hauptsache. Frau Reicher mußte natürlich in Kenntnis gesetzt werden, dann war alles in Ordnung. Sie schrieb denn auch, daß sie mit ihrer Mutter, Frau Flora Werner, kommen wolle, um die Bekanntschaft der Familie zu machen, und es wurde beschlossen, daß Holtens ihre Abreise aus diesem Grunde noch um einige Tage verschieben sollten.

»Sei nicht so brummig, Onkel Heinz,« sagte Irma, sich unter dem großen Lindenbaum im Garten neben ihm niederlassend, »es ist wirklich kein Grund dazu vorhanden.«

»Kein Grund! Die Leute hier sind alle mit einander verrückt. Verliebte sind nie recht bei Trost, das ist nun mal so. Ich hatte Agnes für verständiger gehalten und auf ihre amerikanische Nüchternheit gerechnet, aber sie ist genau so wie alle andern.«

Irma schaute den alten Herrn spottend an, er aber fuhr, dadurch in Harnisch gebracht, fort:

»Du brauchst nicht zu lachen. Da hast Du nun Gustav und Flora! Die tun nichts als sich anschauen, so schmachtend und sentimental, daß einem gewöhnlichen Menschen davon übel werden kann. Das Ärgerlichste aber ist, daß die Eltern, dein Onkel und deine Tante, ja deine Großmutter dem noch Vorschub leisten. Sie reden über nichts als über die Kinder, ihr Glück, ihre schöne junge Liebe, die ihnen ihre eigene Jugend wieder in Erinnerung bringe. Bah, nichts als Unsinn, Gefühlsduselei, Überspanntheit.«

»Pfui, Onkel Heinz, du solltest dich schämen!«

»_Du_ solltest dich schämen, kleine, freche Hexe. Willst du etwa diesem schönen Beispiel folgen? Vielleicht gar mit Hans? Na ja, warum auch nicht, dann ist das Spiel komplett.«

»Hans,« rief Irma, verächtlich die Achseln zuckend.

»Na,« fuhr der Professor fort, plötzlich wieder ins andere Extrem umschlagend, »er wäre der Schlechteste nicht; in jedem Fall viel besser als der Gigerl von Offizier. Du brauchst seinetwegen nicht so die Nase zu rümpfen. Glaubst du denn, daß noch ein Prinz für dich kommen wird?«

Der alte Herr schaute sie unter seinen buschigen Augenbrauen durchdringend an, und Irma errötete unter diesem scharfen Blick.

»Wie kommst du mir heut nur vor, Onkel Heinz?« fragte sie. »Erst bist du bös, weil die Andern sich verliebt haben und sich verloben, und nun ich sage, daß ich an so etwas nicht denke, ist's auch nicht recht.«

»Bös, das ist nicht wahr. Es bringt mich nur um meine Laune, weil sie sich so verdreht anstellen und weil ich von nichts anderem mehr höre; aber sie haben recht, wenn sie heiraten. Menschen, die unverheiratet bleiben, na -- du siehst ja, was daraus entsteht. Ein alter, brummiger Neidhammel wie ich, oder so ein Exemplar wie Tante Elisabeth. Darum, kleines Jungfräulein, wenn ein braver, ehrlicher Mann dir zeigt, daß er dich lieb hat, denk lieber zweimal nach, bevor du ihm 'nen Korb gibst, um irgend einem goldbeschwingten Schmetterling nachzujagen, den du doch nicht fängst.«

Bei diesen Worten stand Professor Fuchs auf und humpelte davon. Er hatte zur Zeit viel von der Gicht zu leiden und stampfte nun ungewöhnlich laut mit seinem Stock auf.

Glühend vor Entrüstung sah Irma ihm nach. Zum erstenmal in ihrem Leben war sie ernstlich böse auf Onkel Heinz. Was bedeutete das? Um was kümmerte er sich? Was mochte er beobachtet haben? Sie begriff nur zu gut, daß er auf Baron von Hochstein anspielte. Was ging ihn das an? Sie hätte nie gedacht, daß er, Onkel Heinz, solche Dinge überhaupt bemerke! Er brauchte sie wahrlich nicht zu warnen, sie sollte ihre Erwartungen nicht zu hoch spannen. O, wenn er wüßte!

Irma schaute sich im Garten um, ob auch niemand in der Nähe sei; nein, das Terrain war sicher. Nun zog sie aus ihrem Kleide ein zierliches Briefchen hervor und las es, wohl schon zum hundertstenmale. Sie wußte es Wort für Wort auswendig, aber es war ihr ein Genuß, sich immer wieder von seinem Inhalt zu überzeugen.

Mein gnädiges Fräulein!

Vor zwei Tagen kannte ich Sie noch nicht; ahnte ich nicht, daß es etwas so unbeschreiblich Schönes auf der Welt gäbe. Erst seit zwei Tagen lebe ich, fühle ich wenigstens, daß das Leben wert ist, gelebt zu werden. Irma, ich liebe Sie und ich muß Ihnen das sagen, auf die Gefahr hin, daß Sie mich für meine Kühnheit strafen. Denn es ist ein Vorzug, etwas so Vollkommenes, so wunderbar Schönes anzubeten. Haben Sie ein wenig Mitleid mit mir? Ich bitte nicht um Erwiderung meiner Gefühle. Das wäre zu anmaßend. Möchte die Darbietung meiner erfurchtsvollen, meiner unermeßlichen, meiner ewigen Liebe Ihnen nur nicht zuwider sein. Das ist alles, um was ich Sie anzuflehen wage. Dienstag Nachmittag zwischen vier und fünf Uhr werde ich an Ihrem Hause vorübergehen. Wenn ich Sie dann an einem der Fenster oder im Garten sehe und Sie tragen eine rote Rose im Gürtel, machen Sie mich zum glücklichsten der Sterblichen, wenn nicht -- ich wage es nicht auszusprechen, welcher Verzweiflung ich dann anheimfallen würde.

Ich ersuche Sie um strengste Geheimhaltung; mir ist, als würde meine Liebe entweiht, wenn jemand auch nur eine Ahnung davon hätte.

Ihr ewig getreuer Otto von Hochstein.

Arme kleine Irma, sie verstand nicht das Geschraubte und zugleich Triviale dieses Briefes. Sie war buchstäblich begeistert, und ihr eitles Herzchen klopfte vor freudigem Stolz.

»Irma, Baronin von Hochstein,« sprach sie immer wieder leise vor sich hin. Natürlich fiel es ihr gar nicht ein, jemand Mitteilung von ihrem köstlichen Geheimnis zu machen, aber es kostete sie doch einen Kampf, Agnes gegenüber ganz zu schweigen. Das Mädchen war strahlend glücklich und sprach mit wahrer Begeisterung von Ludwig. Irma schaute sie fast mitleidig an; was war der junge Leutnant im Vergleich zu Otto? Es schien ihr, als ob die Beiden gar nicht in einem Atemzug genannt werden könnten; Agnes war zudem so von ihrem Verlobten erfüllt, daß sie keine Augen für Irma hatte und gewiß nicht mit dem richtigen Interesse ihrer wichtigen Mitteilung Gehör schenken würde.

Und so verhielt es sich mit allen. Die zwei großen Ereignisse im Familienkreise nahmen die Gedanken so in Anspruch, daß keiner auf Irma acht gab. Selbst Großmutter Ilse und Ruth, die sich sonst so viel mit ihrem Liebling beschäftigten, sahen nicht, wie erregt und geheimnisvoll sich das junge Mädchen benahm, wie sie ohne jede Veranlassung die Farbe wechselte, die Einsamkeit suchte und oft ganz gegen ihre Gewohnheit in sich versunken, dann wieder ausgelassen lustig sein konnte. Sie widmete ihrem Äußern noch mehr Sorgfalt als früher. Ihre Züge zeigten einen Ausdruck, der sie vielleicht noch schöner machte, aber doch von der kindlichen Unschuld, mit der sie früher die Vergißmeinnichtaugen aufschlug, himmelweit verschieden war.

Onkel Heinz, der vielmehr beobachtete, als man vermutete, und der das Kind aufs zärtlichste liebte, kam zu der Ansicht, daß etwas im Werk sei, und machte sich seine Gedanken darüber. Da er aber nichts Gewisses wußte, hütete er sich wohl, seine Nase in Dinge zu stecken, die einen alten Junggesellen nichts angingen. Er begnügte sich, der Kleinen anzudeuten, daß er ein wachsames Auge auf sie habe.

Der zweite, der etwas merkte, aber nichts sagen durfte, war Hans Reicher. Seit der schöne Student mit den bestechenden Manieren auf der Bildfläche erschienen war und Irmas liebliches aber eitles Köpfchen mit seinen Schmeicheleien erfüllte, wußte Hans, daß er nichts mehr zu hoffen hatte. Obgleich ihm das bitter wehtat, würde er sich doch darein ergeben haben, weil seine Liebe großmütig und frei von Selbstsucht war. Irmas Glück stellte er weit über das seine, und er fürchtete, daß der Baron von Hochstein nicht die Persönlichkeit sei, der ein junges Mädchen vertrauensvoll seine Liebe schenken könne. Sein Auftreten war zu übermütig, zu dreist. Etwas Bestimmtes wußte Hans jedoch nicht, auch hatte er kein Recht, sich nach Hochstein zu erkundigen; so blieb ihm denn nichts anderes übrig, als mit Angst und Trauer im Herzen abzuwarten, was aus der Sache werden würde.

Flora Werner und ihre Tochter, Thusnelda Reicher, trafen ein, und nun wurde die Doppelverlobung durch ein großes Familienfest gefeiert.

Flora war eine alte Frau geworden, aber ihr fehlte die vornehme Würde, die Ilse auszeichnete. Selbst jetzt hatte sie ihrer Sucht sich zu putzen nicht widerstehen können. Sie trug sich jugendlicher und auffallender als ihre Tochter und sah mit ihrem nach der neuesten Mode frisierten Haar geradezu lächerlich aus. Heinrich von Holten und Fritz Müller nannten sie eine alte Kokette und verspürten Lust, sie ein bißchen zum Narren zu haben, aber sie überlegten, daß dies nicht angebracht sei bei der Jugendfreundin ihrer Schwiegermutter und der künftigen Mutter ihrer eigenen Kinder. Frau Reicher, früher ein leicht errötendes, aber kerngesundes, kräftiges junges Mädchen war nun ein kleines, rundliches Frauchen, sehr verlegen, besonders in Ruths Gesellschaft, deren fürstliche Grazie ihr riesig imponierte. Sie war ganz glücklich über die Wahl ihrer Kinder und gleich vertraut mit Agnes; zu Gustav aber wagte sie kaum ein Wort zu reden. Die alte Flora fühlte sich im siebenten Himmel. Die Verlobung ihres Großsohnes mit Agnes ließ sie ziemlich gleichgültig; sie fand sie ganz passend, aber es war nichts außergewöhnliches dabei; daß aber ihre Enkelin einen Künstler heiraten sollte, den Sohn des berühmten Ehepaares von Holten, darüber war sie ganz aus dem Häuschen.

»Siehst du, liebste Ilse,« sagte sie zu ihrer alten Freundin, »das versöhnt mich mit dem Leben. Du weißt, welch dichterisches Talent ich besaß; wie ich sozusagen zu großen und schönen Dingen vorherbestimmt war und wie meine Seele durch die Prosa meines Lebens gelitten hat. Ich habe mich gefügt; als ich meine Schwingen nicht so entfalten durfte, wie ich ersehnte, habe ich sie kampfesmüde eingezogen. Meinem guten, prosaischen Manne war ich eine treue Gefährtin. Ich erfüllte meine Pflicht, und nun werde ich belohnt. Mein Liebling, das Kind, das meinen Namen trägt, in dessen jugendlicher Seele meine Dichternatur wieder aufblüht, wird sich mit einem Künstler verbinden, einem nach hohen Idealen strebenden, schöpferischen Genie. Nun kann ich ruhig sterben -- ich habe nicht umsonst gelebt!«