Trotzkopf als Grossmutter

Part 5

Chapter 53,729 wordsPublic domain

Langsam ging die Fahrt nun wieder bergan, aber die jungen Leute wurden jetzt ungeduldig. Das einförmige Schrittfahren langweilte sie; sie sehnten sich, den Bestimmungsort zu erreichen. Endlich verengte sich die Fahrstraße und einige große Holzgebäude wurden sichtbar. Das waren die Stallungen der Wirtschaft, die ungefähr noch eine Viertelstunde entfernt lag. Hier hatte das Fahren ein Ende, es wurde ausgespannt und die Gesellschaft machte sich zu Fuß auf den Weg.

In der Ferne hörte man schon das Rauschen des Wasserfalls, der das Wirtshaus und seine Lage berühmt gemacht hatte. Bald wurde der Pfad so schmal, daß nur einer hinter dem andern hergehen konnte. Der Professor erbot sich, den Zug anzuführen, er kannte den Weg und sagte, er sei gefährlich. Nun wollte Tante Elisabeth zurückbleiben, sie sei zum Vergnügen mitgekommen und hielte es für eine Sünde, sich Gefahren auszusetzen.

»Unsinn,« erklärte Frau Gontrau, »Onkel Heinz will uns nur necken; gehen Sie hinter mir her, Elisabeth, und seien Sie nicht bange, es ist nicht schwierig.«

Ängstlich, mit kleinen, vorsichtigen Schrittchen folgte die Tante; sie hielt sich zu Karls unaussprechlichem Gaudium an Ilses Kleid fest, was der Junge gleich nachmachte, indem er die Tante bei den Röcken packte. Dies Beispiel wirkte ansteckend; die jungen Leute faßten einander am Rock oder Kleid, und so ging es im Gänsemarsch in Schlangenwindungen vorwärts. Immer schmäler wurde der Pfad; er führte durch eine tiefe Schlucht. Rechts und links erhoben sich hohe Felswände, von Tannen, Fichten und Buchen gekrönt und mit Moos und Ginsterbüschen über und über bedeckt.

»Wie unheimlich,« meinte Fräulein Müller. »Karl, laß mich los; du zerreißt mir mein Kleid. So laß doch los.«

»Wenn wir fallen, liegst du zu unterst, Tante,« schrie ihr Plagegeist mit lauter Stimme, um das Rauschen des Wasserfalls zu übertönen, das immer gewaltiger klang und bald in ein ohrenbetäubendes Brausen überging.

Plötzlich ward der Weg breiter, der Professor bog um eine Ecke und blieb auf einem großen Felsblock stehen. Die lebende Guirlande verteilte sich und drängte sich auf dem engen Raume zusammen. Die jungen Leute lachten, die Mädchen kicherten, Fräulein Müller stand Todesängste aus, daß sie herunterstürzen könnte, obschon der ganze Aussichtspunkt mit einem Geländer von rohen Baumstämmen umgeben war. Karl und Irma drängten sie immer mehr nach vorne; Elisabeths entrüstete Ausrufe übertönte das donnerähnliche Brausen des Wasserfalls.

Endlich hatte jeder einen bequemen Platz und Stützpunkt gefunden und gab sich mit Andacht dem großartigen Naturschauspiel hin. In gewaltigen Massen stürzte das Wasser in die Tiefe, zum Teil über einen steilen Abhang strömend und sich bei jeder vorstehenden Felsspitze in tausend Strahlen verteilend, die zusammen einen unsagbar schönen Fächer von Silberschaum bildeten.

Atemlos standen alle und staunten und konnten sich von dem Anblick des prächtigen Falles nicht trennen, bis Onkel Heinz endlich mit Stentorstimme ein »Vorwärts!« kommandierte und vorsichtig eine in den Felsen gehauene Treppe hinabstieg, die direkt zu dem freundlichen Wirtshaus führte. Es lag mitten im Walde, von hohen Fichtenstämmen umgeben, aus denen in geringer Entfernung die malerischen Türme der alten Abtei hervorragten.

Im Garten des Wirtshauses herrschte reges Treiben. Es war noch in der Ferienzeit; eine Menge Fremder sowie Bewohner der umliegenden Ortschaften hatte gleichfalls das schöne Wetter herausgelockt, um dem Wasserfall und der Abtei einen Besuch abzustatten. Viele Studenten mit farbigen Mützen und weißen Beinkleidern bildeten fröhliche Gruppen.

Alle Stühle waren besetzt, und die Gäste, die weder an den Tischen noch auf den Bänken Platz gefunden, wanderten unruhig auf und ab. Etwas verstimmt schaute sich unsre Gesellschaft um; es war nicht verlockend, bei diesem herrlichen Wetter drinnen im Saale zu speisen, aber es schien nichts andres übrig zu bleiben. Mittlerweile hatten die jungen Mädchen Aufmerksamkeit erregt; Irma und Agnes standen in der Nähe einer Gruppe von Studenten, die sich mit den Augen zuwinkten und einander anstießen. Plötzlich erhob sich einer von ihnen, nahm die kleine Cerevismütze von dem pechschwarzen Kraushaar, näherte sich dem Professor und fragte höflich:

»Ich habe doch die Ehre, Herrn Professor Fuchs zu sprechen?«

Der alte Herr schaute ihn durchdringend an.

»Ich glaube, ich kenne Sie, junger Mann, kann Sie aber nicht unterbringen.«

»Von Hochstein,« stellte sich der Student vor, indem er dem ganzen Kreise seine Verbeugung machte. »Ich gehöre noch zu Ihren ehemaligen Schülern, Herr Professor. Darf ich Ihnen und Ihrer Gesellschaft unsern Platz anbieten? Wir sind fertig, unsre Tafel kann schnell abgeräumt werden.«

Mit einer höflichen Verbeugung auf die Dankesbezeugungen der Gesellschaft antwortend, rief er einige Kellner und erteilte ihnen seine Befehle. Sie waren so dienstbeflissen, als ob er eine bekannte und einflußreiche Persönlichkeit wäre.

Dann winkte er einem in der Nähe sitzenden Blumenmädchen und kaufte die schönsten Rosen aus ihrem Körbchen. Mit vollendeter Ritterlichkeit näherte er sich Maud und Agnes und überreichte ihnen ein paar Sträußchen, welche die amerikanischen Mädchen ohne die geringste Verlegenheit freundlich dankend annahmen und in den Gürtel steckten. Flora erhielt ein Sträußchen Vergißmeinnicht und Heliotrop, worüber sie bis über die Ohren errötete; endlich trat er zu Irma und reichte ihr zwei prachtvolle La France-Rosen.

»Sollten Sie die Blumen auch nachher fortwerfen, ich würde mich doch für den glücklichsten der Sterblichen halten, wenn Ihre Hände sie nur einmal berührten,« flüsterte er leise.

Irma fühlte, daß sie rot wurde, aber sie zwang sich aufzuschauen und blickte in ein paar schwarze, schmelzende und doch kecke Augen. Das schöne Gesicht mit seinen feinen, aristokratischen Zügen wäre ohne den gewaltigen Schmiß auf der rechten Wange vielleicht etwas weibisch erschienen. Sie schlug verwirrt die blauen Augen nieder und nahm die Rosen mit ein paar gestammelten Dankesworten.

Er schwenkte sein Cerevis, als ob es ein Marschallshut mit wallendem Federbusch wäre, verbeugte sich fast bis zur Erde und entfernte sich mit seinen Kommilitonen.

»Wer war das, Onkel Heinz?« fragte Ruth.

»Jetzt erinnere ich mich, er war mein Schüler und benahm sich immer ein bißchen verdreht. Er ist ein Baron von Hochstein, der zum ältesten Adel des Landes gehört.«

»Er ist ein Geck,« brach Hans Reicher los, »und ihr,« fuhr er entrüstet zu den Mädchen fort, »solltet euch schämen, Blumen von jemand anzunehmen, der euch total unbekannt ist.«

Maud erwiderte ruhig, sie sehe kein Unrecht darin, eine Höflichkeit anzunehmen, die im Beisein der Eltern und der ganzen Familie erwiesen werde.

Irma schaute Hans lachend an, roch an ihren Rosen und befestigte sie sorgfältig in ihrem Gürtel. Ruth näherte sich ihr und flüsterte tadelnd:

»Du mußt nicht so kokett sein, Irma, mein Kind.«

»O, es ist doch nur Hans,« versetzte sie, während sie sich mit einem strahlenden Lächeln auf dem reizenden Gesichtchen zu Agnes gesellte. Ruth warf einen mitleidigen Blick auf den jungen Mann.

Die Gesellschaft nahm an den inzwischen gedeckten Tafeln Platz und tat sich gütlich an den schmackhaft bereiteten Speisen und dem Rheinwein, der in zierlichen, goldglänzenden Römern perlte.

Nach dem Essen gingen Ruth und ihr Mann noch einmal zu dem Wasserfall, um das großartige Schauspiel in aller Stille zusammen zu genießen. Fritz und Marianne wanderten mit Maud ein Stück in den Wald. Ilse sehnte sich, nun die lebhafte Mittagsstunde vorüber und es im Garten fast leer geworden war, still unter dem Laubwerk der hohen Bäume zu ruhen und Onkel Heinz teilte ihren Wunsch. Tante Elisabeth suchte sich im Hause ein bequemes Sofa, wo sie ihr Mittagsschläfchen halten konnte. Das junge Volk beschloß, der Abtei einen Besuch abzustatten.

Ludwig und Agnes gingen voraus. Der Pfad durch den Wald war nicht sehr eben, hier und da sogar recht ungebahnt. Es dauerte denn auch nicht lange, so bot der junge Leutnant seiner Dame den Arm. An einer Stelle, wo große, knorrige Wurzeln und ein ganzer Baumstamm den Weg sperrten, legte er den Arm um die Taille des jungen Mädchens und half ihr über die Hindernisse hinweg. Irma folgte mit Hans, behielt aber Karl an ihrer Seite und nahm keine Notiz von ihrem Anbeter. Des Morgens im Wagen war sie ganz freundlich zu ihm gewesen, hatte ihn zwar geneckt, sich jedoch seine etwas ungeschickten, aber gut gemeinten Huldigungen gern gefallen lassen. Nun würdigte sie ihn kaum einer Antwort, beschäftigte sich nur mit Karl und sprang ausgelassen mit diesem über die Baumwurzeln. Hans seufzte. Vom ersten Augenblick an, als er in Irmas strahlende Augen geschaut, hatte das verwöhnte, von allen verhätschelte Kind sein Herz im Sturm erobert. Er kämpfte dagegen, sagte sich, daß es eine Torheit sei, sich so plötzlich zu verlieben, aber trotz seiner ernsten Natur konnte er nicht anders. Er fühlte, daß er Irma wahrhaft liebte und daß es keine Tändelei, sondern eine ernste, tiefe Zuneigung war, die unzerstörbar in seinem Herzen lebte. Daher tat es ihm weh, sie jetzt so launisch und flatterhaft zu sehen. Ein bitteres Gefühl bemächtigte sich seiner bei dem Gedanken an den glänzenden Studenten, der Irma erröten gemacht und den sie mit einem Blick angesehen hatte, wie ihn, Hans, noch keiner getroffen, auch wohl nie einer treffen würde. Trotz seiner Verliebtheit aber war er kein Narr; er bewahrte seine Würde und ließ Irma ganz unbehelligt.

Er wollte sich Flora und Gustav anschließen, die den Nachtrab bildeten. Doch auch ihnen schien seine Gesellschaft nicht erwünscht zu sein. Der sonst so verträumte Gustav warf ihm einen unzufriedenen Blick zu, und endlich bat ihn Flora, ob er nicht nach dem Wirtshause gehen und ihren vergessenen Spitzenshawl holen möchte. Sie fände es kalt und wolle ihn dort mit Gustav auf jener Bank erwarten. Gutmütig erfüllte Hans ihren Wunsch, aber als er mit dem Shawl zurückkam, fand er das junge Paar nicht mehr; er nahm auf dem aus unbehauenen Stämmen errichteten Sitze Platz und verlor sich in Betrachtungen über die Torheit verliebter Leute.

In der Zwischenzeit hatten die Übrigen die Ruine des ehemaligen Klosters erreicht und schweiften zwischen den Mauerresten, Treppen, Spitzbogen und Gewölben umher. Durch die Öffnungen und Spalten, durch die klaffenden Risse blickten überall der wolkenlos blaue Himmel und die dunklen Wälder herein. Die grauen, von der Zeit geschwärzten Mauern waren ganz mit Efeu, Schlingpflanzen und wilden Blumen bewachsen; hier und da erhoben sich zwischen den moosbedeckten Steinen einige kleine Fichten- und Tannenbäumchen. Im Grase verstreut lagen noch einzelne Grabsteine, deren Inschriften der Zahn der Zeit fast verwischt hatte; einige freilich waren noch lesbar und trugen die Namen längst verstorbener Mönche und Abte. Totenstille herrschte, und die ganze Umgebung atmete die Romantik des Verfalls und zeugte von vergangener Größe. Sogar Irma fühlte sich davon bewegt; ruhig setzte sie sich in die Nische eines verwitterten Bogenfensters und schaute träumerisch vor sich hin. Karl, zu lebhaft, um still zu sitzen, hatte ein paar Eichhörnchen entdeckt, deren lustige, flinke Sprünge ihn tiefer in den Wald lockten; die andern beiden Paare wählten sich auch ein ihnen zusagendes Ruheplätzchen, und so war Irma allein. Sie bot ein entzückendes Bild, von der Fensternische wie von einem breiten Rahmen umgeben. Sie nahm die Rosen aus ihrem Gürtel und atmete ihren süßen Duft ein, dann, einer plötzlichen Aufwallung nachgebend, drückte sie ihre Lippen auf die feinen Blättchen. In demselben Augenblick hörte sie einen raschen Schritt, fühlte sie, wie das Blut ihr in die Wangen schoß und Baron von Hochstein stand vor ihr.

Er tat, als habe er nichts gesehen, grüßte höchst ehrerbietig, schien erst vorüberschreiten zu wollen und blieb dann plötzlich stehen.

»Hat die romantische Schönheit dieses Ortes Sie auch verlockt, hier etwas zu ruhen, gnädiges Fräulein?« fragte er.

»Ja, mein Herr,« stammelte Irma verlegen; gleichzeitig erhob sie sich, um weiter zu gehen.

»Ich bitte Sie,« rief er erschrocken, »lassen Sie sich durch mich doch nicht stören. Ich würde es mir nie verzeihen, wenn ich die Ursache wäre, daß Sie dies herrliche Fleckchen Erde verließen. Soll ich gehen?«

Sie überwand ihre Schüchternheit und sah ihn an. Auf seinem Antlitz las sie eine so unverhohlene Bewunderung, daß ihr der Mut wuchs.

»Dies Reich gehört mir nicht,« entgegnete sie lächelnd, »folglich habe ich nichts zu befehlen.«

»Dann darf ich also einen Moment verweilen? Kommen Sie oft hierher?«

»Nein, im vorigen Jahr machten wir zuletzt die Fahrt. Es ist von F. immer eine ganze Reise nach hier.«

»Sie wohnen in F.?«

»Ja, bei meiner Großmutter.«

»Welch ein Glück!«

»Warum?«

»Weil F. kaum zwanzig Minuten mit der Eisenbahn von unserer Universität I. entfernt ist.«

Wieder wurde Irma rot. »Es wird Zeit, daß ich meine Gesellschaft aufsuche,« sagte sie, sich erhebend, »Karl, wo bist du?« rief sie laut.

»La, la, la, la,« ließ sich die lachende Jungenstimme aus der Ferne vernehmen. Mit einer Verbeugung verabschiedete sie sich und schritt dem Knaben entgegen, bevor er merkte, daß sie nicht allein gewesen war.

Ludwig und Agnes ließen nicht lange auf sich warten. Als letztere Irma sah, flog sie ihr ausgelassen entgegen.

»Wo hast du gesessen?« fragte sie. »Wir haben dich überall gesucht.«

»Wer's glaubt!« lautete die scherzende Antwort. »Ihr überlaßt mich ruhig meinem Schicksal.«

»Ich glaubte, Hans sei bei Ihnen,« entschuldigte sich Ludwig.

»Hans!« Irma lachte laut auf. »Nein, der hat mich auch im Stich gelassen.«

»Sicher nicht freiwillig,« meinte Agnes. »Armer Hans.« Sie schob ihren Arm durch den ihrer Cousine und flüsterte:

»Liebling, ich bin so unendlich glücklich.«

Irma wußte selbst nicht, warum ihr eignes Herzchen so heftig klopfte, warum ihr so leicht, so selig zu Mute war. Doch nur um Agnes willen, dachte sie.

»Hat .... hat Ludwig sich erklärt?« fragte sie leise.

»O Irma, ich glaube wirklich, er liebt mich,« versetzte Agnes, und ihr heiteres Gesichtchen war eitel Sonnenschein.

Zu weiteren vertraulichen Mitteilungen blieb keine Zeit, denn Gustav und Flora tauchten eben auf. Der jugendliche Künstler sah sehr ernst aus; er ging Hand in Hand mit Flora und schien es nicht zu bemerken, daß die andern sich vielsagend anschauten.

Gemeinsam kehrten sie nach dem Wirtshause zurück. Im Stillen wunderte sich Irma, daß Agnes so heiter war und tat, als sei nichts vorgefallen. Und doch war ihr etwas ganz Besonderes widerfahren. Ludwig hatte ihr seine Liebe erklärt. Irma blickte den Leutnant von der Seite an. Wie hatte sie ihn nur jemals hübsch finden können! Nein, er war gar nicht hübsch, wenn sie ihn mit dem Baron von Hochstein verglich.

Im Garten fanden sie die ganze Gesellschaft beisammen. Onkel Heinz und Hans waren an einem abgesonderten Tisch mit der Bereitung einer Riesenbowle beschäftigt. Verschiedene Flaschen Rheinwein, ein paar Flaschen Champagner, Teller mit Erdbeeren, Pfirsichen und andern Früchten, standen vor ihnen. Die Damen umringten den Professor und wollten ihm einige Anweisungen geben, er aber erklärte, er sei stets wegen seiner Bowlen berühmt gewesen und könne ohne Hilfe fertig werden. Trinken dürften sie davon, um die Zubereitung brauchten sie sich aber nicht zu kümmern. Tante Elisabeth sagte mit saurer Miene, daß sie es ganz unpassend fände, wenn junge Leute so viel tränken, worauf ihr Bruder Fritz lachend erwiderte, sie habe ihre Rechnung ohne den Wirt gemacht, wenn sie annähme, daß sie allein etwas davon bekäme.

Am andern Ende des Gartens saßen die Studenten. Irma konnte nicht anders; sie mußte dann und wann verstohlen hinsehen, und ihr Herz begann ungestümer zu schlagen, als sie Hochstein aufstehen und von einigen seiner Kommilitonen gefolgt auf sie zutreten sah.

Er näherte sich Frau Gontrau, verbeugte sich ehrfurchtsvoll und begann:

»Haben Sie etwas dagegen, gnädige Frau, wenn wir die jungen Damen und Herren Ihrer Gesellschaft einladen, an einem improvisierten Balle teilzunehmen?«

Aus dem Speisesaal des Hauses erklangen heitere Tanzweisen, und beim Schein der mittlerweile angezündeten Lampen drehten sich verschiedene Paare fröhlich im Kreise.

»Habt ihr Lust, Kinder?« fragte Ilse freundlich.

»Ach ja, Großmama!« rief daß junge Volk entzückt. Selbst Floras Augen glänzten, aber sie schlug sie nieder und fragte Gustav sittsam, ob er gern tanze.

Nachdem die gegenseitigen Vorstellungen stattgefunden, bot Baron Hochstein Irma den Arm, und die junge, fröhliche Schar wollte sich entfernen, als der Professor rief:

»Das ist alles gut und schön, aber nach dem Tanze kommen Sie her, meiner Bowle Ehre zu erweisen, ich lade die Herren Studenten zu einem altmodischen Rundgesang ein, an dem wir alle teilnehmen wollen.«

Ein ohrzerreißendes »Vivat«, dann stürmten die jungen Leute in den Saal.

Fritz Müller, der mit seiner Frau dem Tanz zusehen wollte, blieb vor Tante Elisabeth stehen und sagte, ihr lachend den Arm bietend:

»Komm, Schwesterlein mein, wollen wir mal probieren, ob wir das Walzen noch nicht verlernt haben?«

»Du tätest besser, dich nicht so verdreht anzustellen,« versetzte die alte Jungfer giftig. »Sieh lieber, was deine Töchter treiben; ich für mein Teil finde es mehr als unpassend, die jungen Mädchen mit unbekannten Studenten tanzen zu lassen und noch dazu Maud, die Braut sein will.«

Fritz wurde dunkelrot; die sanfte Marianne schaute ihre Schwägerin vorwurfsvoll an, Großmutter Ilse aber kam beiden zuvor:

»Sie sollten sich schämen, Elisabeth,« rief sie heftig. »Daß Sie selbst sich nicht amüsieren können und alles verurteilen, was einfache, schlichte Menschen nett finden und gern mögen, ist Ihre Sache, aber ich verbitte mir ernstlich, daß Sie gegen einen meiner Gäste gehässige Bemerkungen machen. Ich hab' es gut geheißen, daß die jungen Mädchen tanzen -- nehmen Sie daran Anstoß, so behalten Sie Ihre Bedenken für sich, wir werden uns jedenfalls nicht daran kehren.«

Erschrocken schwieg Elisabeth. Sie fürchtete sich ein bißchen vor Frau Gontrau, die ihr noch immer am höflichsten und freundlichsten entgegenkam. Die Augen der alten Dame blitzten vor Zorn und für einen Moment lebte die alte, aufbrausende Ilse wieder auf.

»Ich darf doch wohl sagen, was ich für unpassend finde,« stammelte Elisabeth, in ihrem Innern noch viel zu entrüstet, um nachzugeben.

»Nicht, wenn keiner danach fragt,« entgegnete Ilse. »Sie haben schon mehr als zuviel Kritik geübt. Geh nur mit Marianne, Fritz. Ruth und Heinrich haben auch die Absicht, sich in den Saal zu begeben. Wer weiß, wenn die Bowle ganz fertig ist, kommen Onkel Heinz und ich vielleicht auch auf ein Weilchen und gucken zu. Was meinen Sie, Herr Professor?«

»Vortrefflich, Frau Ilse! Wenn mein dummes Bein mir nicht so aufspielte, würde ich Ihnen allen einen Hornpipe[1] vortanzen, daß Sie Ihr blaues Wunder erleben sollten.«

[1] Alter englischer Tanz.

Heiter gingen die andern ins Haus. Ilse widmete ihre Aufmerksamkeit einen Augenblick der Bowle und schaute dann nach Fräulein Müller. Steif und kerzengerade saß diese auf ihrem Stuhl. Frau Gontrau, die ebenso rasch versöhnt war, wie sie heftig werden konnte, fürchtete, die alte Jungfer doch zu hart angefahren zu haben, und hatte schon wieder Mitleid mit dem einsamen Wesen, das so unglücklich in seiner Ecke saß, während alle andern sich gut unterhielten. Der Professor schüttelte den Kopf, als sie sich zu ihr wendete und freundlich sagte:

»Sie müssen nicht böse sein, Elisabeth, weil ich zornig war. Sie sind mein Gast, und es würde mir leid tun, wenn ich Sie gekränkt hätte.«

Fräulein Müllers Mienen wurden nicht sanfter, als sie in sauersüßem Tone erwiderte:

»Ach, Frau Gontrau, mir gegenüber brauchen Sie sich wirklich nicht zu entschuldigen. Auf mich kommt's nicht an. Jeder darf mich ungestraft beleidigen. Wenn die Mädchen mich auslachen und Karl frech zu mir ist und mich zum Gespött macht, haben alle ihre Freude dran. Um mich kümmert sich niemand, und Sie brauchen es auch nicht zu tun.«

Der Groll und der gekränkte Stolz, die aus diesen Worten sprachen, taten Ilse weh und sie näherte sich Elisabeth.

»Wollen Sie nicht ein wenig mit mir im Garten spazieren gehen?« fragte sie. »Ich habe schon so lange gesessen. Der Professor ist noch mit seiner Bowle beschäftigt.«

Wider Willen geschmeichelt, daß Frau Gontrau sich so um sie bemühte, stand Fräulein Müller auf. Ilse nahm ihren Arm.

Der Abend war hereingebrochen. Die Kellner zündeten die Laternen im Garten an; überall leuchteten bunte Lampions zwischen dem Grün auf. Aus dem Tanzsaal erschallte Musik und heiteres Stimmengesumme. Mit Absicht schlug Frau Gontrau einen Seitenpfad ein und begann milde:

»Liebe Elisabeth, ich war eine Freundin Ihrer Mutter und habe Sie und Fritz von Geburt an gekannt. Da darf ich mir doch wohl herausnehmen, Ihnen einen Rat zu geben.«

Elisabeth warf den Kopf in den Nacken:

»Natürlich, Frau Gontrau.«

»Sie beklagen sich, daß die Menschen nicht lieb zu Ihnen sind; daß die jungen Mädchen Sie unfreundlich behandeln und gerne necken. Vielleicht haben Sie recht, aber denken Sie einmal nach, und sagen mir ehrlich und aufrichtig, ob Sie daran wirklich ganz unschuldig sind.«

»Ich weiß nicht, was Sie wollen,« entgegnete Tante Müller steif. Ilse aber ließ sich nicht abschrecken.

»Wenn Sie sich bemühten, es den Leuten in Ihrem Hause etwas behaglicher zu machen,« fuhr sie herzlich fort, »würden Sie selbst viel glücklicher sein. Was haben Sie von all den Zimmern, die niemals eines Menschen Fuß betritt, in denen nie ein Fenster geöffnet wird, aus Furcht vor Staub, wo stets alles gleich tadellos und dadurch so kalt und ungemütlich ist? Wenn es regnet und jemand kommt zu Ihnen, lautet Ihre erste Frage, ob er sich auch gut die Füße abgewischt hat, und ich glaube, Sie würden sich totunglücklich fühlen, wenn etwas Schmutz und Nässe die Fliesen Ihres Flurs befleckte. Das ermutigt die Leute nicht; sie fühlen, daß sie nicht willkommen sind und bleiben lieber fort.«

»Mich besucht doch niemand,« versetzte Elisabeth, die ganz böse werden wollte, aber in Frau Gontraus warmem, teilnehmendem Ton lag etwas Besänftigendes. »Übrigens begreife ich eigentlich nicht, was Sie das angeht.«

»Machen Sie doch einmal den Versuch,« fuhr Ilse, die letzten Worte nicht beachtend, fort. »Machen Sie Ihr Haus etwas heller und fröhlicher. Laden Sie das junge Volk einmal ein, bewirten Sie es einfach, aber gastlich und herzlich. Ärgern Sie sich nicht, wenn es lustig und ausgelassen zugeht, und vor allem, legen Sie nicht so großes Gewicht auf nichtige, kleinliche Dinge. Sorgen Sie, daß in Ihrem einsamen Herzen kein Platz für düstere Stimmung und Mißgunst bleibt. Ich halte viel von Ihnen, Elisabeth, habe Sie gern, und wenn Sie sich so benehmen, daß andere das auch tun, dann würden Sie viel glücklicher sein als bisher. Liebe ist das einzige, wahrhaft Nötige auf der Welt.«

»Sie haben gut reden,« sagte die alte Jungfer, die sich am meisten über sich selbst wunderte, daß sie nicht böse wurde. »Sie sind ihr ganzes Leben lang von allen angebetet und verwöhnt worden, während ich ....«

»Ich weiß,« fiel Großmutter Ilse ihr ins Wort, »Sie haben vieles entbehren müssen, aber das kann noch gut gemacht werden. Der Anfang ist freilich nicht leicht, doch glauben Sie mir, der einzige Weg, Liebe zu ernten, ist Liebe zu säen.«

»Ja, für unglückliche, zu kurz gekommene Wesen wie ich vielleicht, aber nicht für die Glücklichen, die vom Schicksal Bevorzugten.«

»Wenn andre wirklich bevorzugt sind, ist es weise, sich darüber nicht zu ärgern, sondern sich zu bemühen, durch eigene Verdienste das zu erwerben, was jenen mühelos in den Schoß fällt.«

»Frau Ilse, wo bleiben Sie?« ließ sich plötzlich die Stimme des Professors vernehmen. »Meine Bowle ist fertig. Ich habe dem Kellner den Auftrag gegeben, alles in Ordnung zu bringen. Nun wollen wir einen Blick in den Tanzsaal werfen.«

»Gern, Onkel Heinz. Kommen Sie, Elisabeth.«