Trotzkopf als Grossmutter

Part 4

Chapter 43,721 wordsPublic domain

»Das habe ich auch nicht behauptet; Irma beachtet nur zu wenig, daß jetzt von den Frauen etwas anderes verlangt wird, wie in früheren Zeiten.«

»Ach was,« rief Irma. »Onkel Heinz würde sagen, die Hauptsache ist bei einer Frau zu allen Zeiten, daß sie anmutig, sanft und lieb ist.«

»Das läßt sich alles vereinigen,« versetzte Maud so ruhig, als hätte sie den Stich nicht verstanden; »eine geistig hochstehende Frau kann schön, anmutig und lieb sein, das paßt sehr gut zusammen.«

»Na, dann gratulier' ich deinem John, der kriegt ein vollkommenes Wesen,« fuhr Irma gereizt fort, denn oft konnte sie Mauds etwas pedantische, überlegene Art zu sprechen, nicht ausstehen.

Die Amerikanerin zuckte die Achseln, und Agnes flüsterte Irma zu.

»Nun vergißt du ja Onkel Heinz' Behauptung, daß _Lieb_sein das Anziehendste an einem jungen Mädchen ist.«

Schmollend verzog Irma ihr hübsches Mündchen, dann leuchtete es in ihren Zügen auf, und sie trat zu Maud.

»Ich war unartig,« sagte sie, ihr die Hand reichend, »sei nur nicht böse.«

Die großen Vergißmeinnichtaugen blickten unschuldig und kindlich in das schmale, dunkle und doch hübsche Antlitz der andern. Maud begriff nicht, warum ihr Tränen in die Augen traten; sie war doch sonst nicht so weichherzig. Plötzlich schlang sie die Arme um Irmas Hals und küßte sie.

»Ich reizte dich,« flüsterte sie. »Ich glaube, ich möchte dich gar nicht anders haben als du bist.«

Endlich brach der große Tag an, der zu Fritz' und Mariannes Heimkehr bestimmt war. Ilse konnte kaum daran glauben. Einundzwanzig Jahre waren verflossen, seit die blonde Marianne ihrem Manne nach San Franzisko gefolgt war. Ihre Mutter stellte sie sich noch immer vor als das feine, zarte Mädchen, kaum dem Kindesalter entwachsen, und nun kehrte sie heim als Frau und Mutter erwachsener Kinder, von denen die Älteste übers Jahr auch schon in die Ehe treten sollte.

Den ganzen Tag herrschte größte Geschäftigkeit. Schon früh morgens hatte die ganze Familie sich nach dem neuen Hause begeben, wo Herr und Frau Müller empfangen werden sollten. Ein großes Festmahl ward hergerichtet. Maud gab mit gewohnter Ruhe und Sicherheit den neuen Dienstboten ihre Befehle. Tante Ruth, die sich schon als junges Mädchen nie mit dem Haushalt beschäftigt hatte und seit ihrer Verheiratung die ganze Sorge dafür andern überlassen mußte, schaute bewundernd zu, wie Maud in kurzer Zeit ohne Umstände allerlei Dinge beschaffte, wozu sie selbst Stunden gebraucht hätte. Großmutter Ilse war zu aufgeregt, um sich um irgend etwas zu kümmern. Sie, die jetzt meist gleichmäßig ruhig blieb, wanderte rastlos hin und her. Sie lief durch sämtliche Räume, fragte Maud und Agnes hundertmal, ob auch alles in Ordnung sei, und zählte die Stunden, die halben Stunden, zuletzt die Minuten, die noch verlaufen mußten, ehe die Erwarteten eintreffen konnten. Im Garten waren Irma, Agnes und Karl beschäftigt, Lampions und kleine Fähnchen zwischen den Bäumen anzubringen und die letzte Hand an eine Ehrenpforte zu legen, die sie mit Hilfe von Gärtner und Zimmermann errichtet hatten. Sogar der stets so stille und zurückhaltende Gustav, der den Kopf voller Melodien, sich am glücklichsten fühlte, wenn er allein am Flügel in Großmutters Salon bleiben konnte, beteiligte sich an der allgemeinen Geschäftigkeit, stand auf einer Leiter und befestigte zwischen dem dunklen Tannengrün rote und weiße Rosen und bunte Gladiolen.

Ilse hatte an Tante Elisabeth geschrieben und sie gebeten, auch zu kommen. Die Kinder erhoben Einsprache dagegen, und Onkel Heinz behauptete, die alte Essigpflaume werde das ganze Fest und die Freude des Wiedersehens stören, aber Frau Gontrau blieb fest. Die einzige Schwester von Fritz und die rechte Tante der Kinder gehörte zu ihnen, und es wäre nicht mehr als recht und billig, sie einzuladen. Ein allgemeiner Jubelschrei brach los, als eine Absage von der alten Dame kam. Sie schrieb ein sauersüßes Briefchen, in dem zwischen den Zeilen zu lesen stand, daß der Hauptgrund ihr Ärger über die Mädchen war, die, ohne sie um Rat zu fragen oder sich an ihre Bemerkungen zu kehren, das Haus eingerichtet hatten und viel zu beschäftigt gewesen waren, um den Besuch bei der Tante zu wiederholen. Sie wolle die Freude des ersten Beisammenseins nicht stören. Sie begreife, daß man da lieber ganz unter sich sein möchte, und zöge es vor, später zu kommen, wenn man für sie mal einen Moment Zeit hätte &c. &c. Sogar Ilse war nahe daran böse auf dies Geschöpf zu werden, das sich stets zurückgesetzt fühlte und in seiner Unzufriedenheit und Böswilligkeit die besten Absichten falsch auslegte. In ihrem Herzen war sie freilich auch froh, daß Tante Elisabeth nicht kam, aber es tat ihr weh, daß die Kinder sich darüber so außerordentlich freuten, und das einsame Wesen, das sich sein Leben selbst verdarb, erregte ihr höchstes Mitleid.

Es war bestimmt, daß das junge Volk zur Bahn gehen sollte. Ilse wollte Schwiegersohn und Tochter in Gesellschaft Ruths, ihres Mannes und Onkel Heinz' im Hause erwarten. Letzteren rechnete man so ganz zur Familie, daß er nicht fehlen durfte. Mit seiner gewohnten Heftigkeit hatte er sich zuerst dagegen gewehrt. So 'n alter Knaster gehörte bei solcher Gelegenheit nicht dazu; es ginge ihn nichts an, wenn Sohn und Tochter nach so langer Abwesenheit zum ersten Male die Mutter wiedersähen. Als die Kinder kamen, war es etwas andres, jetzt aber müsse er sich schämen, wenn er auch wieder so unbescheiden wäre, seine Nase mit hineinzustecken.

»Unsinn, Onkel Heinz,« erklärte Ilse, »Mariannes erste Frage würde nach Ihnen sein. Und« fügte sie leise, nur ihm verständlich hinzu, »nun mein Leo nicht mehr ist, müssen Sie an seiner Stelle sein Kind bewillkommnen, das wissen Sie wohl.«

Da drückte der Professor seiner alten Freundin dankbar die Hand; die Augen wurden ihm feucht, aber um das nicht merken zu lassen, schrie er Karl an, daß die Transparentbuchstaben des »_Willkommen_«, die über der Ehrenpforte prangten, schief ständen und daß doch nie etwas ordentlich gemacht werde, wenn er sich nicht darum kümmere.

Endlich hielt Ilse ihre blonde Marianne in den Armen, und in ihre Tränen mischte sich Freude über das Wiedersehen und Trauer im Gedanken an den Heimgegangenen.

Onkel Fritz machte, nachdem die erste Rührung vorüber war, fröhlich Bekanntschaft mit seinem Schwager von Holten, seinem Neffen Gustav und seinem Nichtchen Irma und frischte sofort mit Onkel Heinz alte Erinnerungen auf. Die ganze Gesellschaft schritt paarweise durch sämtliche Räume des neuen Hauses, betrachtete und bewunderte alles und vereinigte sich in fröhlichster Stimmung bei der Abendmahlzeit. Beim Nachtisch stiegen die Raketen im Garten prasselnd in die Höhe, und zwischen den dunklen Bäumen glänzten die Lampions. Das Knallen der Champagnerpfropfen erregte lauten Jubel bei der Jugend, Professor Fuchs brachte den schwungvollsten, wärmsten Toast aus, der je über seine Lippen gekommen war, und an diesem Abend gab es in der ganzen Stadt keine glücklicheren Menschen als Großmutter Ilse Gontrau mit ihren Kindern und Enkeln.

Während der ersten Wochen, die auf die Heimkehr der amerikanischen Familie folgten, herrschte in dem sonst so stillen Haushalt der Frau Gontrau fröhliches Leben und Treiben. Sie bestand darauf, ihre Kinder und Großkinder alle Tage zu sehen, und so wurden eine Menge kleiner Familienfeste gefeiert. Zuweilen nahm auch Tante Elisabeth daran teil, aber sie hatte viel zu tadeln und zu nörgeln. Sie stöhnte über Kälte, wenn die andern es vor Hitze kaum aushalten konnten, und war rauhes Wetter, so fand sie es drückend heiß. In spitzem Ton erklärte sie, daß ihr nichts daran gelegen sei, Besuche zu machen oder zu empfangen. Doch kamen die andern ohne sie zusammen, so fühlte sie sich verletzt und beklagte sich bitter, wenn eine Woche verging, ohne daß jemand aus der Familie sie besuchte. Es war schwer mit ihr umzugehen und ohne Zureden der Großmutter, die Mitleid mit ihr hatte und stets bemüht war, Tante Elisabeth freundlicher zu stimmen, würden sich die andern wenig um sie bekümmert haben.

Ein herrlicher Sommertag folgte dem andern und Holtens fingen an, von der Abreise zu reden. Die Zeit, die sie ihrer Familie widmen konnten, nahte dem Ende, und sie mußten nach München, wo sie sich für verschiedene Konzerte und Musikaufführungen verpflichtet hatten. Vor ihrem Scheiden wollte Großmama Gontrau noch gern ein Abschiedsfest geben, doch konnten sie sich nicht recht über die Art desselben einigen. Irma schlug eine »=garden-party=« vor. Im Garten sollten lange Tafeln aufgeschlagen und auf dem großen Rasenplatz vor dem Hause gespeist werden. Das Eßzimmer ließe sich leicht ausräumen und in einen Tanzsaal verwandeln. Der Garten müsse am Abend glänzend illuminiert werden. Sie war sogar für ein Kostümfest; welch herrliche Wirkung würde das im Grünen mit den Papierlaternen und tausend kleinen Lämpchen machen.

Die andern aber lachten sie gründlich aus. Onkel Heinz fragte, wo die Herren wohl herkommen sollten? Außer Gustav und dem kleinen Karl gab es keine jungen Leute; er neckte sie so mit ihrem schönen Plan, daß sie sich erst beschämt zur Großmama setzte und dann ganz bös erklärte, Onkel Heinz solle etwas besseres vorschlagen.

»Ich schlage vor, daß wir gar nichts unternehmen. Wir haben in der letzten Zeit nichts getan als Feste gefeiert und gut gegessen. Ich meine, nun könnten wir wohl Schluß machen.«

Aber gegen diese Meinung erhob sich ein wahrer Sturm der Entrüstung von seiten des jungen Volkes. Onkel Heinz wurde von den Mädchen so in die Enge getrieben, daß er sich schließlich schuldig bekannte und untertänig gelobte, an jeder Festlichkeit teilzunehmen, wie verrückt sie auch sein möchte.

»Hört mal,« nahm Ilse das Wort, »ich habe einen Plan. Aber erst muß ich euch erzählen, daß ich gestern einen Brief von meiner Jugendfreundin Flora Werner erhielt. Ruth, Marianne, erinnert ihr euch noch ihrer beiden Töchter Thusnelda und Hildegard?«

»Ja, Mama,« versetzte Marianne. »Mir ist, Thusnelda hätte sich verlobt, als Fritz und ich nach San Franzisko abreisten.«

»Du hast ganz recht, sie war damals mit einem Kaufmann verlobt, ist aber nun schon seit zehn Jahren Witwe. Auch der alte Herr Werner ist gestorben, und Flora lebt bei ihrer Tochter.«

»Und Hildegard?«

»Die ist in Indien. Thusnelda hat drei Kinder, ihr ältester Sohn ist Offizier, der zweite Ingenieur, bewirtschaftet aber gegenwärtig die ausgedehnten Landgüter, die sein Großvater hinterließ; dann ist noch eine Tochter da in deinem Alter, Agnes.«

»Aber was hat das alles mit unsrem Fest zu schaffen, Großmama?«

»Wartet nur. Flora Werner schrieb mir, daß ihre beiden Großsöhne mit der Schwester einen Ausflug in unsere Gegend machen würden, und sie fragt an, ob unser Haus ihnen für einige Tage offen stünde. Da dachte ich, wenn ihr die beiden jungen Leute aufnehmen wolltet, Marianne, und das Mädchen bei uns wohnte, dann würden sie unser Fest verherrlichen können.«

»Das ist eine gute Idee, Mama,« meinte Marianne. Ihr Mann fing sofort an, Irma und Agnes zu necken mit der wundervollen Aussicht, einen Leutnant in ihrer Gesellschaft zu haben.

»Paßt nur auf,« spottete Onkel Heinz, »was geschieht, wenn er einer von euch besonders den Hof macht! Dann kratzt ihr euch gegenseitig die Augen aus.«

Natürlich hatten die beiden Herren für ihre Neckereien zu büßen und mußten klein beigeben. Nachdem wieder Ruhe eingetreten war, fuhr Großmutter Ilse fort:

»Ich würde es nun sehr nett finden, eine Landpartie zu unternehmen. Wenn wir z. B. nach dem Wasserfall führen und dort im Wirtshaus speisten. Wir könnten morgens früh abfahren, nach der Abtei gehen und spät abend heimkehren. Ich bin seit Jahren nicht dort gewesen, und die Aussicht, einen ganzen Tag in der wildromantischen Natur zu verleben, lockt mich sehr.«

»Ja, ja, Frau Ilse, Sie haben solch abenteuerliche Touren immer geliebt,« scherzte der Professor. »Ich erinnere mich noch, daß Sie uns mal im Mondenschein auf den Schneekopf schleppten.«

»Das war in der guten alten Zeit,« entgegnete sie gedankenvoll, »es war herrlich damals mit Leo und meiner lieben Nellie.«

Irma, Agnes und der kleine Karl waren in Jubel ausgebrochen über diesen köstlichen Plan. Auch Gustav und Maud fanden die Idee sehr hübsch, wenn sie auch ihren Beifall weniger lebhaft äußerten.

»Wir müssen in geschmückten Wagen fahren, Großmama,« schlug Irma vor, »lauter Landauer zu vier Personen.«

»Nein, nein, ein paar große Kremser, das ist gemütlicher.«

»Wie viele sind wir denn?« zählte die Kleine. »Tante Marianne und Onkel Fritz; ihr drei Kinder, Großmama, Papa, Mama, Gustav und ich, Onkel Heinz, die drei Gäste, das macht vierzehn Personen.«

»Und Tante Elisabeth?«

»Nein, ach bitte, die nicht,« riefen die Kinder. »Wenn die mitkommt, geht alles schief. Du wirst sehen, dann haben wir schlechtes Wetter und es passiert ein Unglück.«

»Welcher Unsinn! Ihr braucht euch nicht um sie zu kümmern. Onkel Heinz wird bei dieser Gelegenheit ihr Kavalier sein, nicht wahr?«

»Besten Dank,« seufzte der Professor erschreckt; »das Frauenzimmer hat ein Gesicht, als ob sie beständig in eine Zitrone beißen würde; da kommen einem ja die Tränen in die Augen.«

Alle lachten, Frau Gontrau erklärte aber in entschiedenem Tone:

»Ich gebe die Landpartie und habe daher das Recht einzuladen, wen ich will. Tante Elisabeth kommt mit.«

Wenn Großmutter Ilse so energisch sprach, ließ sich kein Widerspruch hören. Ruth und Marianne gaben den Kindern einen Wink zu schweigen. Es wurde nicht mehr über Fräulein Müller gesprochen und alles, was auf die Landpartie Bezug hatte, weiter beraten.

Einige Tage darauf kamen die jungen Gäste an. Flora Werners ältester Großsohn, Ludwig Reicher, war ein schneidiger Offizier. Sein hübsches Gesicht mit dem keck aufgedrehten Schnurrbart hatte einen angenehmen Ausdruck. Es zeigte sich indessen bald, daß er nicht wenig von sich eingenommen war, und noch hatte Onkel Heinz keine Stunde in seiner Gesellschaft zugebracht, da nannte er ihn in Gegenwart der jungen Mädchen schon einen Affen in Uniform; diese aber erwiderten, daß man es dem alten Brummbären nie recht machen könne, und alle erklärten einmütig den Leutnant für einen sehr netten Menschen mit feinen Manieren, der sich höchst vorteilhaft einführte. Der zweite Bruder, Hans, war ganz anders. Kurz und breit von Gestalt, stach er gewaltig gegen den schlanken, zierlichen Leutnant ab. Sein Antlitz, mit der gebräunten Farbe, den grauen Augen, dem großen Munde und der gebogenen Nase war eher häßlich zu nennen; einem erfahreneren, scharfblickenden Auge aber erschien es viel intelligenter als das Antlitz des schönen Ludwig. Wenn dieser sprach, schwieg Hans meistens; er ließ sich von seinem Bruder völlig in den Schatten stellen, und in gewisser Hinsicht war ihm das sogar angenehm; denn er zeigte sich sehr verlegen und wurde zum großen Gaudium, besonders der Amerikanerinnen, bis über die Ohren rot, wenn jemand ihn unverhofft anredete. Vorzugsweise war das der Fall, wenn Irma die großen blauen Augen zu ihm aufschlug; und da das kleine, eitle Ding sofort merkte, daß es ihn in Verlegenheit setzte, machte es ausgiebig Gebrauch davon, um hinterher mit Agnes herzlich über »den Bauer« zu lachen. Die Jüngste, nach ihrer Großmutter Flora getauft, war eine einfache, liebliche Erscheinung mit blonden Zöpfen, auch wohl ein wenig schüchtern und verlegen, aber so sanft und gretchenhaft in ihrem ganzen Wesen, daß jeder sich gleich zu ihr hingezogen fühlte.

Das innige Zusammenleben von Frau Gontrau und ihren Kindern und Enkeln dehnte sich auch auf die Gäste aus, die sich bald ganz wie zu Hause fühlten. Als der Tag der Landpartie anbrach, ging der Leutnant Ludwig mit den amerikanischen Mädchen schon ganz kameradschaftlich um und flirtete lebhaft mit Agnes, was Irma ein klein wenig ärgerte. Hans wagte ganz schüchtern der bezaubernden kleinen Holten einige Komplimente zu machen, und Flora lauschte, Tränen in den Augen, dem Klavierspiel Gustavs, zu dem sie mit großer Bewunderung und Ehrerbietung emporschaute.

Karl hatte an dem wichtigen Tage keine Ruhe. Schon ganz früh tobte er durch das Haus, lief von Zimmer zu Zimmer und klopfte an jede Tür, um seinen Eltern, seinen Schwestern und den beiden Reichers zuzurufen, daß das Wetter schön sei. Die Sonne strahlte hell und warm vom wolkenlosen Himmel herab, und es war ein solcher Überfluß von Duft, Licht und Farbenpracht in der Natur, daß jedes Herz freudig gestimmt wurde.

Als Fritz und Marianne mit ihren Kindern und den beiden Gästen zu Frau Gontrau kamen, fanden sie die ganze Familie schon im Garten versammelt. Großmutter Ilse war, wie immer, schwarz gekleidet, aber mit einem so hübschen Hut auf dem krausen, schlohweißen Haar, daß Agnes, sie umarmend, erklärte, Großmama sei die schönste alte Dame, die sie kenne. Onkel Heinz bemühte sich nach Kräften, ein recht grimmiges Gesicht zu machen, schaute aber doch mit vor Lebenslust funkelnden Augen unter seinem breitrandigen Schlapphut auf all die fröhlichen Menschen. Tante Elisabeth, trotz der Hitze in einem braunwollenen Kleide, einen großen Regenschirm in den Händen, prophezeite, daß die Witterung sich ändern werde. Ruth und ihr Mann mit ihrem eigenartig künstlerischen und eleganten Äußern, durch das sie überall und jederzeit auffielen, verlachten ihre Befürchtungen. Gustav, der sich mit Flora etwas abseits hielt, erzählte dieser, wie schwer es ihm fiele, einen ganzen Tag auf sein Klavierspiel zu verzichten. Irma sah so bezaubernd aus in einem weißen Mullkleidchen mit hellblau verziert, daß Hans gar nichts zu sagen wußte, Ludwig sie bewundernd anschaute und ihr eitles Herzchen vor Stolz hoch aufschwoll.

Nun fuhren die Wagen vor; zwei bequeme, wenn auch altmodische Fahrzeuge, die aber jetzt elegant und malerisch aussahen, so reich hatte das junge Volk sie mit Blumengewinden und Tannenguirlanden geschmückt.

Das war ein Leben! Großmutter Ilse und Tante Elisabeth wurden zuerst hineingehoben; letztere erkundigte sich mehrmals, ob die Pferde auch nicht wild seien, und versicherte, daß sie sich eigentlich gar nichts aus Spazierfahrten mache. Mit einem wahren Märtyrergesicht wollte Onkel Heinz zwischen den beiden Damen Platz nehmen, als Agnes und Ludwig erklärten, daß er zu den jungen Leuten gehöre.

»Ich? Seid ihr denn ganz verrückt?« rief er scheinbar wütend aus; »was wollt ihr mit so 'nem alten Querkopf anfangen?«

Irma aber warf ihm lachend einen in der Eile geflochtenen Kranz von Eichenblättern über den Hut und sagte:

»Siehst du, Onkel, wenn wir nun noch einen Esel hätten, könntest du gut als Silen gehen. Wir Mädchen sind die Nymphen, die jungen Leute Faune, bis auf Hans, der hat die prächtigste Gestalt für Gott Bacchus selbst.«

Alle lachten. Hans wurde rot, besiegte aber seine Verlegenheit und rief:

»Wenn ich Bacchus vorstellen soll, hab' ich als Gott zu befehlen, und dann will ich mit Ihnen allein auf der vordersten Bank sitzen, Irma.«

»Bravo,« jubelte Ludwig, und unter allgemeinem Scherzen erkletterten die jungen Leute den vordersten Wagen. Professor Fuchs wurde in die Mitte genommen. Ruth und Marianne mit ihren Männern kamen natürlich zu Großmama und Tante Elisabeth. Auch Gustav zog es vor, bei den älteren Leuten zu sitzen; die lebhafte jugendliche Schar war ihm zu lärmend, und Floras Herz klopfte vor Freude, als er ihr erklärte, neben ihm sei noch ein Plätzchen für sie frei.

So rasch wie möglich ging es zur Stadt hinaus, um Aufsehen zu vermeiden. Dann mäßigte die Steigung der bergan führenden Chaussee die Schnelligkeit der Fahrt. Wurde der Weg zu steil, so stiegen die Kutscher ab und schritten, die Zügel in der Hand, neben den Wagen her. Manchmal gingen auch die Herren ein Stück Wegs zu Fuß, und dann blieben die Damen mit Onkel Heinz, dem das ewige Aus- und Einsteigen zu mühsam war, sitzen. Zu beiden Seiten der Straße dehnten sich dichte, endlose Wälder; als etwa die Hälfte des Weges zurückgelegt war, ersuchte der Kutscher des vordersten Wagens, ein dicker gemütlicher Schwätzer, die ganze Gesellschaft auszusteigen, um die weit und breit berühmte Aussicht zu bewundern.

»Ich rühre mich nicht vom Fleck,« erklärte Fräulein Müller. Die Übrigen folgten gern der Aufforderung und meinten, es täte nach dem langen Sitzen gut, sich mal die Beine zu vertreten. »Was habt ihr denn von so 'ner Aussicht; es ist doch immer dasselbe, und eine ist genau so wie die andre,« murrte das alte Fräulein.

Selbst Großmutter Ilse zuckte ungeduldig die Achseln, als sie sich am Arm ihres ältesten Schwiegersohnes auf den Felsvorsprung begab, um die herrliche Aussicht zu bewundern.

Tief unten lag, wie ein ovaler Silberspiegel, ein kleiner See inmitten eines fruchtbaren Tales. Ab und zu ertönten die Glocken der Herden wie eine wohllautende, aus weiter Ferne herüberklingende Musik, und auf den umliegenden Bergen grasten friedlich schwarz- und weißgefleckte und rotscheckige Kühe. Soweit das Auge reichte, waren die Felsen mit Schlingpflanzen und Farnen wie mit Mänteln überhangen, zwischen denen schneeweiße und goldgelbe Blütendolden hervorschimmerten. Wunderbar strahlte die Sonne vom wolkenlosen Himmel herab und tauchte die reiche, üppige Landschaft in glühende Farben.

Die ausgelassene Heiterkeit verstummte, selbst laute Bewunderung hätte störend gewirkt. Ärgerlich schaute Gustav Irma an, als sie Hans scherzend fragte, ob er einen senkrecht steilen Felsen in ihrer Nähe erklettern und ihr die blauen und weißen Blumen pflücken wolle, die sich um die Spitze schlangen.

»Seien Sie praktisch und stellen Sie erst im voraus Ihre Bedingungen, was Sie dafür haben wollen,« rief Maud lachend, während Hans mit zweifelnder Miene hinaufschaute und dann eingestand, daß ihm seine gesunden Gliedmaßen doch zu lieb seien, um sie bei einem solchen Wagestück aufs Spiel zu setzen.

Dadurch war der Zauber gebrochen. Ruth von Holten wischte sich eine Träne aus den Augen und tippte ihrem Manne auf die Schulter, der träumerisch in die Ferne blickte und wie aus tiefem Sinnen auffuhr, als er sah, daß die andern sich wieder nach den Wagen begaben.

Tante Elisabeth hatte sich unterdessen damit die Zeit vertrieben, daß sie in dem unter dem Sitze stehenden Korbe herumschnüffelte, einen Sack mit glasierten Früchten herausholte und sich daran labte. Als der kleine Karl, der vorausgelaufen war, wie eine Katze über die Bänke des Wagens sprang, schrie er laut:

»Schnell, Großmama, Tante Elisabeth nascht aus deinem Korbe!«

Fräulein Müller erschrak so heftig, daß sie den Sack fallen ließ; die leckeren Früchte würden sicher auf den Boden gerollt sein, wenn Agnes nicht herbeigeeilt wäre und das Unglück noch rechtzeitig verhütet hätte.

Tantes dürre Finger krümmten sich, und da Karls Haupt sich gerade in ihrem Bereich befand, griff sie in seine Locken und schüttelte ihn tüchtig hin und her.

»Laß mich los,« rief der Junge, alle Höflichkeit vergessend. »Bist du verrückt geworden, Tante? Ich hab' nicht genascht, sondern du!«

Die ganze Gesellschaft war jetzt herangekommen. Karl befreite sich mit einem Ruck und wollte mit feuerrotem Gesicht und einem drohend nach der alten Dame ausgestreckten Finger verkündigen, was sich zugetragen hatte, als Großmutter Ilse ihm zuvorkam. Mit einem einzigen Blick begriff sie alles und sagte ruhig:

»Das ist auch wahr. Tante Elisabeth erinnert mich daran, daß ich noch eine kleine Erfrischung für unterwegs mitgenommen habe. Reiche sie herum, Agnes.«

Alle schmunzelten verstohlen, schauten sich verständnisvoll an, wagten aber keine Bemerkung zu machen. Agnes prustete los, als sie mit dem Sack zur Tante kam und diese schroff und giftig dankte. Onkel Heinz und Irma lachten laut auf. Böse und neidisch wie eine Spinne, zog sich die alte Jungfer in ihr Eckchen zurück und machte ein Gesicht, als sei ihr das größte Unrecht von der Welt geschehen.