Part 3
Als die Jahre vergingen und die Aussichten immer mehr schwanden, wurde sie verbittert. Nachdem der Vater gestorben und sie mit der Mutter die düstere, kasernenartige Wohnung bezogen hatte, ergingen sich beide in lieblosen Gedanken und scharfen Äußerungen. Die eine verurteilte die Mütter, die alles daran setzten, ihren Töchtern einen Mann zu kapern, und die andre brach den Stab über die Mädchen, die den jungen Leuten nachliefen und dadurch ein Schandfleck ihres Geschlechtes wurden.
Solange die Mutter lebte, die mit ihr fühlte und für die sie sorgen konnte, verknöcherte Elisabeth noch nicht ganz, aber als sie nach ihrem Tode allein auf der Welt stand, wurde sie die unangenehme, bissige alte Jungfer, die sich für nichts interessierte als für die Sauberkeit und Ordnung in ihrem Haushalt, für einige Wohltätigkeitsbestrebungen, die mit echter Menschenliebe und Selbstverleugnung wenig zu schaffen hatten, für ihre Sammlung von Häkelmustern und für die Gesundheit ihrer Katze, ihres Kanarienvogels und ihres Hundes. Sie wurde geizig, mißtrauisch und klatschhaft; die Leute mieden und verlachten sie. Nur wenige hatten Mitleid mit ihr und sahen ein, daß sie wohl eine verrückte alte Jungfer, aber doch eigentlich ein beklagenswertes Geschöpf war, verdorben durch Erziehung und häusliche Verhältnisse. Ilse Gontrau, die selbst viel gelitten -- erst durch Nellies Tod und dann vor allem durch den Verlust ihres geliebten Leo -- urteilte milder und konnte es nicht leiden, wenn Elisabeth Müller von allen, besonders von den Männern und dem jungen Volke verspottet und lächerlich gemacht wurde. Sie sah in ihr eine arme Verlassene, an der das Glück mitleidslos vorübergegangen war. Wenn sie auch zugeben mußte, daß der Gegenstand ihres Mitleids höchst unsympathisch war; wenn sie auch für ihre guten Absichten stets unangenehme Redensarten zu hören bekam, sie blieb fest in ihren Bemühungen und gab sich daher auch jetzt erst zufrieden, als die Mädchen mit Karl sich am nächsten Morgen auf den Weg zu Tante Elisabeth machten.
»Brr!« sagte der kleine Junge, »was für 'ne Straße! Das ist ja rein zum Gruseln.«
»Dort wohnt die Tante, in dem Haus mit den Spionen und den grünen Rollläden,« belehrte Irma.
»Nicht verlockend,« meinte Maud. »Warum steht bei dem herrlichen Wetter nirgends ein Fenster auf?«
»Damit kein Staub hineinkommt.«
»Glaubst du, Irma, daß sie uns was Leckeres anbieten wird?« fragte Karl.
»Selbstverständlich. Aber wenn sie es tut, Kinder, nur nicht danken. Sie wagt gewiß nicht, es zu unterlassen, in der stillen Hoffnung, daß wir dankend ablehnen werden. Denn geizig ist sie!«
»So wird sie mir wohl keine Zigarre anbieten?«
»Kleiner Affe!« rief Irma lachend, »darf er denn rauchen, Agnes?«
»Nein, Papa hat's ihm streng verboten, trotzdem tut er es manchmal doch.«
»Still, nicht klatschen,« flüsterte Karl mit einem besorgten Blick auf Maud, die jedoch nicht acht gegeben hatte, sondern ihr ganzes Interesse der großen, dunkel gestrichenen Haustüre und den mit Rollläden und doppelten Vorhängen versehenen Fenstern widmete.
Sie zogen die Klingel und mußten lange warten. Endlich öffnete sich die Tür und ein bejahrtes Dienstmädchen mit sauren Mienen, in einem dunkelblauen Wollkleide mit kurzen Ärmeln und einer großen Leinenschürze, erschien in derselben.
»Ist Fräulein Müller zu Hause?« fragte Irma.
»Ja, gnädiges Fräulein,« lautete die Antwort mit einem keineswegs freundlichen Blick auf die kleine Gesellschaft.
»Nun, dann können wir wohl eintreten.«
»Nicht so rasch, bitte, ich weiß doch nicht, ob das Fräulein empfangen will.«
»Dann fragen Sie, aber so lange brauchen wir doch nicht hier auf der Matte zu stehen.«
»Wen soll ich melden?«
»Mich kennen Sie doch, Fräulein Irma von Holten? Und dann sagen Sie, daß die Nichten und der Neffe aus Amerika da sind.«
»So,« erwiderte die Magd mit einem mißtrauischen Blick auf die Fremdlinge. »Treten Sie unterdes nur ein, aber bitte die Füße gut abzuputzen, draußen ist es schmutzig.«
»Ach, so was, die Straße ist knochentrocken,« murmelte Irma, während sie den Cousinen und Karl voranging in den Salon.
»Was für ein freches Geschöpf,« sagte Agnes.
»Wart' nur, Kind, das ist erst das Vorspiel, die Herrin ist noch ganz anders. Aber findet ihr es hier nicht außerordentlich gemütlich?«
Maud und Karl prusteten los, während Agnes sich neugierig umschaute.
Es war ein großes Gemach, aber es roch dumpfig und feucht, als ob es lange nicht gelüftet worden wäre. Vor dem hohen, breiten Fenster, das auf einen Hof hinausging, hingen schwere, dunkle Übergardinen. Dunkel waren auch Tapeten und Möbel, die wie Soldaten in Reih und Glied an den Wänden standen. Das goldene Sonnenlicht, die fröhlichen Farben der ersten hellen Sommertage waren sorgfältig ausgesperrt; hier schien alles düster, winterlich, feucht und bedrückend.
Maud, Karl und Irma hatten jedes auf der Kante eines Stuhles Platz genommen, ohne den Mut zu finden, ihn auch nur ein wenig von der Wand zu rücken.
Niemand kam.
»Brr,« machte Irma, »hier bekommt man fast Lust, etwas ganz Tolles zu begehen, wenn sich die Gelegenheit dazu bietet.«
»Weißt du, was hier das Hübscheste ist?« fragte Agnes, mit dem Fuß über den Boden gleitend.
»Nun?«
»Der Boden, das schönste Parkett kann nicht besser sein.«
In der Tat war der Linoleumteppich so glatt gebohnt, daß man bei jedem Schritt in Gefahr geriet, zu fallen.
»Herrlich zum Tanzen!« rief Irma, und plötzlich sprang sie auf, faßte Agnes um die Taille und walzte mit ihr durch das Zimmer.
»Haltet ein, das dürft ihr nicht,« bat Maud erschrocken, die beiden aber hörten nicht und Karl, von ihnen angesteckt, wurde nun auch ausgelassen, fing an mit den Fäusten auf dem Tisch zu trommeln und mit lauter Stimme zu singen:
»=Come boys, push along And let us all be gay.=«
»Mein Gott, was geht hier vor?« ertönte plötzlich eine angsterfüllte Stimme. Die Türe wurde geöffnet und Tante Elisabeth, durch den Lärm in ihrem sonst so stillen Hause zu Tode erschreckt, schaute hinein, gefolgt von der nicht minder entsetzten Grete.
»Das sind keine Amerikaner, gnädiges Fräulein,« rief letztere, »das sind Wilde. Der Junge wird das Haus noch einreißen.«
Die Mädchen ließen sich los, und lachend wandte Irma sich dem alten Fräulein zu.
»Seien Sie nicht böse, Fräulein Müller. Wir machten ein Tänzchen, um uns die Zeit zu vertreiben, da Sie sich gar nicht sehen ließen. Dies sind Ihre Nichten Maud und Agnes, und der Bengel da ist Karl.«
»Vorgestern sind wir angekommen, liebe Tante,« sagte Maud freundlich, »und hoffen, daß du froh bist, uns zu sehen.«
»Seid willkommen, ihr Mädchen,« entgegnete die Tante und gab jeder einen Kuß. Karl reichte sie die Hand; vor dem Knaben mit seinem Schelmengesicht und den übermütig blitzenden Augen hatte sie buchstäblich Furcht. »Aber ich muß doch sagen, daß ihr eine sonderbare Manier habt, Besuche zu machen. Ist das Mode in Amerika?«
»Nein, Tante,« erwiderte Agnes lachend. »Da ist nur dein gebohnter Fußboden schuld. So köstlich glatt, das verlockt unwiderstehlich zu einem Tänzchen. Wenn du das Zimmer ausräumst, kannst du im Winter hier eine herrliche Tanzgesellschaft geben.«
»So, die geb' ich aber nicht,« klang es ziemlich gereizt zurück. »Grete, sieh mal nach, ob keine zu argen Schrammen im Boden sind, und reib' auch den Tisch ab, der Junge hat mit seinen warmen Händen Flecken darauf gemacht.«
Eine unbehagliche Stille entstand. Maud fühlte sich durch diesen mehr als unfreundlichen Empfang beleidigt. Irma und Agnes traten sich unter dem Tisch auf die Füße und wechselten beredte Blicke. Karl aber, dem es sofort klar wurde, daß er seine Tante nicht ausstehen könne, sann auf einen neuen Streich, mit dem er sie ärgern wollte. Tante Elisabeth betrachtete ihre Nichten neugierig und eingehend. Die Mädchen mißfielen ihr dank ihrer höchst einfachen Kleidung nicht; diese war ihr lieber wie Irmas Toilette, die immer höchst elegant und nach der neuesten Mode war. Aber daß Maud ihr Haar kurz geschnitten trug, fand sie lächerlich.
»Warum trägst du dein Haar wie ein Junge?« fragte sie.
»Weil ich es bequem und praktisch finde, Tante.«
»Aber doch auch, weil es dir gut steht?« meinte Irma.
»Jawohl, stünde es mir schlecht, so würde ich es nicht tun.«
»Ihr habt nette Kostüme an,« fuhr Tante Elisabeth fort. »Geht ihr immer so dunkel und einfach gekleidet?«
Maud biß sich auf die Lippen; dies unhöfliche Ausfragen ärgerte sie, Agnes versetzte aber lachend:
»O nein, das sind unsre Reisekleider, und es ist bequem, wenn die ganz einfach sind. Aber bei feierlichen Gelegenheiten geben die amerikanischen Frauen und Mädchen viel auf Toilette. Wenn wir wieder kommen, wirst du uns in großer Gala sehen, Tante.«
»Das ist nicht nötig,« erwiderte Fräulein Müller steif. »Ich gebe nichts darauf; ich halte nur auf Einfachheit und Tüchtigkeit. Doch nun erzählt mir, wie es euren Eltern geht und wann sie hier eintreffen!«
Die Mädchen berichteten dies und das von ihrer Reise, ihrem Aufenthalt in Paris und ihren Plänen, wie sie das Haus, welches sie hier gemietet hatten, einrichten wollten. Das berührte Tante Elisabeth unangenehm. Ihr kaltes Antlitz mit den regelmäßigen Zügen und dem tadellos gescheitelten, noch dunklen Haar ward immer länger und länger. Es mißfiel ihr im höchsten Grade, daß so junge Mädchen allein aus einem andern Erdteile -- und gar noch über Frankreich -- nach Deutschland reisten und das für das Natürlichste und Einfachste von der Welt hielten. Sie selbst war in ihrem ganzen Leben nie über einige Meilen im Umkreis ihres Geburtsortes herausgekommen, und sie verurteilte jeden, der ihren engherzigen Ansichten nicht beipflichtete. Diese Kinder hatten sicher die Abenteuerlust vom Vater, ihrem Bruder Fritz geerbt, der auch mit fünfzehn Jahren aus dem Elternhause entlief, weil er sich der heiligen Zucht und Ordnung nicht fügen wollte, die dort dank dem strengem Regiment ihrer Mutter herrschten. Als sie im Lauf der Unterhaltung merkte, daß die Mädchen von ihren Eltern nicht mehr als Kinder, sondern als gleichberechtigte erwachsene Menschen behandelt wurden, fing sie an, mit der Neugierde einer unverbesserlichen alten Jungfer allerhand unbescheidene Fragen zu stellen. Wieviel Miete sie für das Haus zahlten? Wie groß das Einkommen ihres Vaters wäre? Wieviel Kleidergeld sie erhielten? Ob ihr Vater hier auf demselben Fuße leben könnte wie in Amerika? &c. &c.
Irma amüsierte sich köstlich über die Art, wie Maud und Agnes, ohne unhöflich zu sein, mit großem Takt auf all diese Fragen ausweichende Antworten gaben; und Tante Elisabeth mußte zu ihrem Ärger erfahren, daß sie keine kleinen Kinder, die sie nach Herzenslust ausforschen konnte, vor sich hatte, sondern ein paar kluge, verständige Mädchen, die nicht mehr sagten, als sie für richtig hielten.
»Tante,« ließ Karl sich plötzlich vernehmen, »darf das Fenster nicht geöffnet werden?«
»Wozu, mein Junge?«
»Ich finde, daß es hier so abscheulich riecht.«
Die alte Dame wurde rot.
»Du kannst deine Bemerkungen für dich behalten, lieber Neffe,« sagte sie giftig. »Das Fenster -- bleibt geschlossen. Ich habe keine Lust, mich dir zu Liebe zu erkälten.«
Wieder setzte sie ihre Unterhaltung mit Maud fort. Karl sah nach Irma hin, die ihm lächelnd zunickte.
»Tante,« fing er von neuem an.
»Was, kleiner Kerl?«
»Ich hab solchen Durst. Hast du nicht ein Glas Limonade oder Obst für uns?«
»Ein gut erzogenes Kind fordert nicht, sondern wartet, bis ihm etwas angeboten wird,« entgegnete die Tante streng. »Sind alle Kinder in Amerika so ungesittet und schlecht erzogen wie dieser Junge, Nichte Maud?«
Aber nun war's mit Mauds Selbstbeherrschung vorbei.
»Nein, Tante,« versetzte sie scharf. »Bei uns sind die Kinder, gerade wie Karl, sehr gut und gesittet erzogen, und die Leute sind gastfrei und freundlich, so daß sie sich wundern, wenn sie bei andern das gerade Gegenteil sehen.«
Noch nie hatte Irma Maud so nett gefunden, wie in diesem Augenblick. Agnes und Karl freuten sich diebisch. Tante Elisabeth wurde dunkelrot. Am liebsten hätte sie den frechen Kindern die Tür gewiesen, aber bei reiflicher Überlegung hielt sie es doch für besser, so zu tun, als hätte sie den Stich nicht verstanden. Mit sauersüßer Miene sagte sie daher zu ihrem Neffen:
»Du möchtest also ein Stück Kuchen haben, mein Jungchen?«
»Davon hab' ich doch nichts gesagt,« verteidigte sich Karl, doch auf einen Wink von Maud schwieg er. Die Tante schloß ein Fach des schweren Mahagonibuffets mit schwarzer Marmorplatte auf und holte eine Blechbüchse heraus. Sie bot den Mädchen an, die dankend ablehnten, und der kleine Junge zog ein Gesicht beim Anblick der altbackenen, trocken gewordenen Stückchen Sandkuchen, aber probieren wollte er sie doch.
»Willst du noch eins?« fragte die Tante, zuschauend, wie er mit langen Zähnen daran kaute.
»Nein, danke, es ist eine Kunst das hinunterzuwürgen, ohne dabei zu trinken.«
»Wir müssen gehen,« nahm Maud rasch das Wort, bevor Fräulein Müller zu antworten vermochte. »Großmama wird nicht wissen, wo wir geblieben sind.«
Ein steifer Abschied folgte. Im Korridor jagte Karl der Tante noch einen Todesschreck ein, indem er die Miez, die um die Türe guckte, beim Anblick der Fremden aber scheu zurückhuschte, anzischte. Doch lief die Geschichte ohne weiteres Unglück ab.
»Was für ein Wesen!« rief Agnes entrüstet, als sie auf der Straße waren. »Nie wieder geh' ich zu ihr.«
»Das werden wir doch wohl müssen,« seufzte Maud. »Sie ist Papas einzige Schwester, aber glücklicherweise mag er sie auch nicht.«
»Du hast ihr's ordentlich gegeben,« sagte Irma, »und über den Karl hätte ich mich beinahe totgelacht.«
»Na wart' man,« brummte Karl, »so 'nen Ekel gibt's nicht noch mal auf der Welt! Aber wenn ich wieder komme, kann sie was erleben; entweder steck' ich das Haus an oder tue sonst etwas, das die ganze Wohnung auf den Kopf stellt.«
Ilse machte ein ärgerliches Gesicht, als die Mädchen ihr erregt ihre Erlebnisse bei Tante Elisabeth schilderten. Sie versuchte zu beschwichtigen und behauptete, daß die Kinder übertrieben, aber Onkel Heinz, der auch bei Gontraus speiste, lachte laut und rief:
»Unsinn, die Kröten haben recht; die Müller ist eine unausstehliche alte Jungfer. Ihr Mädchen, heiratet um's Himmels willen, denn nun seht ihr, was aus einem Frauenzimmer wird, das keinen Mann kriegt.«
»Aber Herr Professor,« wandte Ilse ein. »Was setzen Sie da wieder den Kindern für dummes Zeug in den Kopf? Als ob eine unverheiratete Frau nicht auch ein nützliches Glied der Gesellschaft sein könnte. Die Ehe erhöht nicht ihren Wert, das kann einzig und allein ihre Persönlichkeit tun.«
»Unsinn,« brummte der alte Herr. »Eine alte Jungfer ist ein Unding -- sie entspricht nicht ihrer Bestimmung.«
»Und ein alter Junggeselle, Onkelchen?« fragte Agnes schalkhaft, beide Hände um seinen Arm schlingend.
»Der ebensowenig, mein Kind, aber der verdient wenigstens dein ganzes Mitleid.«
»O, was für 'ne Logik! Daß du nicht geheiratet hast, ist doch deine eigene Schuld, während Tante Elisabeth wahrscheinlich nichts dafür kann. Vielleicht hat nie jemand um sie geworben.«
»Doch, sie kann dafür,« behauptete Onkel Heinz, dem das Widersprechen noch immer ein Bedürfnis war. »Solch unangenehme Geschöpfe wie sie, kommen schon als alte Jungfer auf die Welt. Ich rat euch noch mal, Kinder, hütet euch davor, macht, daß ihr heiratet, damit man euch nicht in einen Topf werfen kann mit solchen Wesen, die, nur weil sie Unterröcke tragen, sich für berechtigt halten, Frauen genannt zu werden.«
»Ich will's nicht hören, daß Sie so zu meinen Enkelinnen reden,« rief Ilse, ehrlich entrüstet. »Ich sage euch im Gegenteil, ihr Mädchen, heiratet nicht, außer wenn ihr das Glück habt, _den_ Mann zu finden, den ihr von ganzer Seele und mit ganzem Herzen zu lieben imstande seid. Eine alte Jungfer braucht durchaus kein lächerliches Wesen zu sein. Ich kenne viele, die gerade so hoch, ja noch höher stehen als manche verheiratete Frau. Das müssen doch auch Sie zugeben, Professor, wenn Sie gerecht sein wollen.«
»Ach was,« nahm Onkel Heinz das Wort, der als er sah, wie ernst seine alte Freundin die Geschichte nahm, wieder einlenken wollte, »Sie haben mich nur nicht verstanden, Frau Ilse.«
»Ich meine, Sie waren deutlich genug.«
»Es ist doch ein Unterschied zwischen einer _alten Jungfer_ und einer _unverheirateten Dame_. Und jetzt wollen wir zu Tisch gehen. Von so 'ner unfruchtbaren Diskussion werd' ich hungrig.«
* * * * *
Nun folgte eine geschäftige Zeit. Jeden Tag hatten die Mädchen Einkäufe zu machen. Tischler, Stukkateure, Tapezierer, Maler und Zimmerleute schafften um die Wette. Es wurde gut und eifrig gearbeitet, und ehe vier Wochen vergangen waren, sah das Haus, in dem die Familie Müller aus Amerika wohnen sollte, schon recht hübsch und einladend aus. Die Mädchen richteten alles nach eigenem Geschmack ein. Die Eltern hatten nur im allgemeinen angegeben, wie jedes Zimmer möbliert und ausgestattet werden sollte.
Anfangs fanden Großmutter Ilse und Irma es ziemlich ungemütlich. In der Schlafstube standen eiserne Bettstellen ohne Vorhänge, auf dem feingeflochtenen Eisendraht nur eine Matratze von Seegras. Keine Mulldraperien um den Toilettentisch, und vor den hohen Fenstern nur Binsenvorhänge. Die Tapeten ließen sich leicht mit Wasser reinigen. Die Möbel waren zierlich, aber höchst einfach in Form und Stil, die Stühle meist mit Sitzen von feinem Flechtwerk. Wenig Zierrat, alles konnte bequem umgestellt und gesäubert werden. Nirgends Portieren oder Übergardinen; das waren, wie die Mädchen behaupteten, nur Staubfänger. In allen Zimmern und Gängen elektrische Klingeln und Beleuchtung. In der Küche ein Lift, um das Essen nach oben zu befördern, und Hähne zu kaltem und heißem Wasser in sämtlichen Schlafstuben. Kein Luxus, aber viel Komfort. Tante Elisabeth, die auch einmal die Wohnung besichtigte, mißbilligte alle diese Neuerungen auf's höchste und jammerte über die Unsummen, welche die modernen Einrichtungen verschlangen. Sie tadelte ihre Nichten, daß sie mit jugendlicher Unbesonnenheit zu Werke gegangen wären, und meinte, ihr Bruder könnte trotz seiner Vorliebe für amerikanische Verhältnisse solche Tollheiten unmöglich gut heißen. Aber Maud brachte sie dadurch zum Schweigen, daß sie ihr erwiderte, es wäre alles ganz genau nach den Wünschen und Anordnungen ihrer Eltern eingerichtet.
Die Tante begnügte sich nun damit, mißbilligend den Kopf zu schütteln und, heimgekehrt, der alten Grete ihr Leid zu klagen und auf die neumodischen Leute zu sticheln, die in ihren Häusern alles durch Maschinen verrichten ließen und sich durch alle möglichen Bequemlichkeiten über die Maßen verwöhnten.
Als das Haus fertig war und auch der Garten mit seinen breiten Kiespfaden und dem Tennisplatz im Hintergrunde sich in schönster Ordnung befand, mußten Ilse und Irma doch gestehen, daß es sehr nett aussah, wenn sie es zuerst auch ein wenig kalt und nüchtern gefunden hatten. Sämtliche Zimmer waren geräumig und hell, während das gar zu grelle Sonnenlicht durch Markisen gedämpft werden konnte. Von allen Seiten drang frische Luft herein, wo es aber nötig war, gab es Doppelfenster, die dem Zug den Eintritt wehrten. Nirgends etwas überflüssiges, nirgends ein Mangel an dem Nötigen und Nützlichen; überall herrschte auch eine harmonische Übereinstimmung der Farben, die dem Auge wohl tat. Maud und Agnes legten mit ihrer Arbeit Ehre ein, und auch Karl hatte tapfer mitgeholfen. Kein Wunder, daß sie der Ankunft ihrer Eltern mit größter Ungeduld entgegensahen.
Herr und Frau Müller befanden sich schon seit einiger Zeit auf der Heimreise und konnten in etwa acht Tagen eintreffen. Kurz zuvor kamen auch Irmas Eltern mit Gustav aus Berlin, um die Verwandten aus Amerika willkommen zu heißen. Maud und Agnes waren entzückt von ihrer Tante Ruth und deren Mann. Am Tage nach ihrer Ankunft gaben sie im Familienkreise ein Konzert, bei dem auch Onkel Heinz nicht fehlte. Er war immer glückselig, wenn Ruth im Hause ihrer Mutter als Gast weilte, seine Zuneigung zu ihr blieb sich stets gleich, und auch ihren Gatten verehrte er als großen Künstler.
Ruth von Holten war eine stattliche, schöne Frau in der Vollkraft ihres Lebens. Sie glich sehr ihrer Mutter, als diese jünger war und ehe Schmerz und Kummer ihren Zügen einen sanften wehmütigen Ausdruck verliehen hatten. Ihr Name als Sängerin war auch im Auslande rühmlichst bekannt; überall erregte sie mit ihrer schönen, in vorzüglicher Schule gebildeten Stimme und ihrem warmen Vortrage Aufsehen. Ihr Gatte, ein großer Geigenkünstler, war ihr in den ersten Jahren ihrer Ehe ein guter Lehrmeister gewesen. Wo das geniale Paar sich zeigte, ward es mit Jubel empfangen. Auch Gustav fing an, sich als Klavierspieler einen Namen zu machen. Er war ein stiller, junger Mensch, mit den verträumten Augen seines Vaters. Er freute sich, die Cousinen aus Amerika kennen zu lernen, aber die heitere, schalkhafte Agnes setzte ihn oft in Verlegenheit. Er ging ihr wie auch Irma aus dem Wege, die zwar große Stücke auf ihn hielt, ihn aber häufig mit seinem linkischen Wesen und seiner Schüchternheit jungen Damen gegenüber neckte. Er fühlte sich mehr zu Maud hingezogen, die ruhig und ernst mit ihm sprach, ihn nach seinen Studien fragte und sich nicht allein als Musikfreundin und Kennerin, sondern auch als selbst musikalisch ausgebildet zeigte. Die Mädchen waren begeistert, wenn Tante Ruth, Onkel Heinrich und Gustav im Familienkreise musizierten, vielleicht mit noch mehr Liebe und Hingabe als vor einem großen Publikum. Für die Künstlerfamilie war es eine Erquickung, ein wahres Aufatmen, einmal einige Wochen im Elternhause zu weilen und gleichzeitig die Mutter und den alten Freund der Familie, Onkel Heinz, durch ihr Spiel und ihren Gesang glücklich zu machen. --
»Ich bin ganz verliebt in Tante Ruth,« erklärte Maud, als die drei Mädchen im Schlafzimmer der Cousinen sich noch über den Abend aussprachen.
Agnes schaute sie verwundert an, denn Maud war eine sehr ruhige Natur, die nicht leicht in Entzückung geriet.
»Ja,« fuhr sie ungewöhnlich erregt fort, »nicht nur, weil sie eine so schöne Stimme hat, sondern auch, weil sie durch und durch schlicht und einfach ist. Und doch hat sie etwas so Vornehmes, gerade wie Großmama. =Every inch a lady.=«
»Wenn dir das jetzt schon auffällt, dann sollst du Mama erst in Konzerttoilette sehen,« meinte Irma; »früher trug sie immer weiß, jetzt meist schwarzen oder dunklen Samt. Ich sage dir, sie sieht dann aus wie eine Fürstin.«
»Du mußt eigentlich sehr stolz sein, Irma, als die Tochter von so genialen Eltern. Dein Bruder ist auch sehr talentvoll,« sagte Maud. »Hast du selbst nie Musikstunden gehabt?«
»Jawohl, als ich klein war, bekam ich Klavierstunden. Wie konnte es anders sein in einer solchen Umgebung? Ich hatte gutes Gehör und würde es wahrscheinlich zu etwas gebracht haben, wäre ich das Kind gewöhnlicher Eltern gewesen; wirkliches Talent besaß ich nicht, und da erklärten Papa und Mama es für besser, wenn ich aufhörte. Dilettanten und Klimperer gäb's in der Musik gerade genug.«
»Hast du dich nie unglücklich gefühlt?« fragte Maud sanft, »daß du in dieser Hinsicht eigentlich zu kurz gekommen bist? Ich wenigstens würde mich von der Natur für stiefmütterlich behandelt halten, wenn ich solche Eltern, solchen Bruder und selbst keine künstlerischen Anlagen besäße.«
»Ich nicht,« versetzte Irma lachend und betrachtete ihre schöne, schlanke Gestalt und ihr Engelsköpfchen, von einem Heiligenschein goldblonder Locken umrahmt, mit Wohlgefallen in dem großen Spiegel.
»Du bist freilich sehr hübsch,« fuhr Maud, über diese Eitelkeit geärgert, fort, »doch Talent zu besitzen ist viel mehr wert.«
»Vielleicht! Aber drei Talente in einer Familie, das ist wirklich genug. Ich würde es als eine schwere Bürde ansehen, wenn ich noch ein viertes vorstellen müßte.«
Agnes lachte. »Was für ein närrisches kleines Mädchen bist du, Irma! Aber sie hat recht, Maud. Es braucht doch nicht jede Frau etwas Besonderes zu sein.«