Trotzkopf als Grossmutter

Part 2

Chapter 23,750 wordsPublic domain

Sie war doch etwas verlegen und warf rasch einen Seitenblick auf die Amerikaner. Die beiden Mädchen waren groß und schlank, trugen sehr einfache Reisekostüme von dunklem Stoff, gut, aber ohne jede Verzierung gearbeitet, um den Hals einen weißen Kragen mit einer hübsch geschlungenen Krawatte. Irma fand, daß sie jungenhaft aussahen, besonders Maud, deren dunkles Haar kurz geschnitten war. Beide trugen Filzhüte mit einem breiten glatten Band und einer steif aufrechtstehenden Hahnenfeder. Der Knabe sah allerliebst aus. Er war klein für sein Alter, hatte aber ein kluges, verschmitztes Gesicht. Mit seinem langen Beinkleid, seiner kurzen Jacke und hohem Hut glich er einem Herrn =en miniature=. Alle drei schienen ihren Handkoffer mit Vergnügen selbst zu tragen; in ihrer Kleidung wie in ihrem Äußern lag etwas höchst Korrektes, und sie sahen durchaus nicht ermüdet und abgespannt aus.

»Sie müssen Onkel Heinz sein,« sagte Maud, auf den Professor zutretend, »Vater und Mutter haben uns so viel von Ihnen erzählt, daß wir sie überall herausfinden würden.«

»Na, na, ihr Taugenichtse, eure Eltern haben mich seit zwanzig Jahren nicht gesehen, was können sie da noch von mir behalten haben?« fragte der Professor, dessen Antlitz vor Freude strahlte.

»O,« nahm der kleine Karl das Wort, »Sie sind gewiß nur ein bißchen weißer geworden, aber den Spitzbart und das lustige Gesicht haben Sie wohl immer gehabt.«

»Nu hör' mir einer so 'nen Junker Naseweis an, was sagst du zu so 'nem Dandy, Irma?«

Die Amerikaner waren so zutraulich und liebenswürdig, daß es Irma nach kaum fünf Minuten schien, als hätten sie sich schon seit Jahren gekannt.

An der Treppe, die vom Bahnsteig hinunterführte, bot Agnes Onkel Heinz den Arm, und der kleine Junge lief voraus, öffnete die Türen des Wartesaales und sah sich sofort nach dem Wagen um. Dienstfertig riß er den Schlag auf, half den jungen Damen und Onkel Heinz beim Einsteigen und kletterte, da im Innern kein Platz mehr für ihn war, auf den Bock; das alles tat er mit einer Gewandheit und Selbstverständlichkeit, als ob er zwanzig und nicht zwölf Jahre alt wäre.

»Aber wir vergessen ja das Gepäck,« rief Irma, »wo sind eure Koffer?«

»Wir haben nichts weiter als unser Handgepäck,« entgegnete Maud.

»Nichts als diese kleinen Köfferchen, und damit habt ihr eine solche Reise gemacht?«

»Nun, was brauchen wir mehr? Ein gutes, handfestes Reisekostüm, eine seidene Bluse und ein heller Rock, das genügt. Wäsche kann man an jedem Ort kaufen oder waschen lassen. Viel Gepäck auf der Reise ist unpraktisch.«

Nach einer Viertelstunde hielt der Wagen vor dem Hause der Frau Gontrau. Die Doppeltüre öffnete sich, noch ehe der Kutscher klingeln konnte. Bebend vor Rührung stieg Irma zuerst aus und ging ins Vorzimmer. Dort stand Großmutter Ilse und hieß ihre Enkelkinder mit Tränen in den Augen willkommen.

»Liebste, beste Großmutter! Sehen wir dich endlich?« riefen die Mädchen, und alle drei eilten zu gleicher Zeit auf sie zu.

Während einiger Minuten hörte man nichts als unterdrücktes Schluchzen, Liebkosungen und einzelne Ausrufe. Endlich beruhigten sich die Gemüter ein wenig und entzückt schaute Ilse die Kinder an.

»Sehen Sie mal, Onkel Heinz,« rief sie erregt, »ist Maud nicht ihrem Vater wie aus den Augen geschnitten? Und Agnes, du gleichst auf ein Haar deiner lieben Mutter, auch so blond und sanft. Wann kommen eure Eltern, liebe Kinder?«

»In sechs Wochen etwa, Großmama. Wir müssen erst ein Haus mieten und einrichten.«

»Wem seh ich ähnlich, Großmama?« fragte Karl.

»Das weiß ich noch nicht, mein lieber Junge.«

»Die Mutter sagt,« nahm Maud das Wort, »daß er viel vom Großvater hat,« und sie schaute nach einem lebensgroßen Porträt Leos, das an der Wand hing.

Das gab Ilse einen Stich ins Herz. Ach, wie oft hatte Leo sich auf das Wiedersehen mit seinen Kindern und Enkeln gefreut; wie innig hatte er gewünscht, daß sein Schwiegersohn Fritz einen Wirkungskreis in ihrer Nähe finden und seinem Adoptivvaterlande Lebewohl sagen möchte. Nun, wo sich sein Wunsch erfüllte, konnte er sich nicht mehr daran erfreuen. Verräterisch bebten die Lippen der alten Frau, da bemerkte sie, wie Onkel Heinz sie ernst und ermutigend anschaute. Der Gedanke, daß er nur zu gut verstand, was in ihr vorging, gab ihr Kraft; tapfer schluckte sie die Tränen hinunter und sagte heiter:

»Aber Kinder, ihr müßt ja totmüde sein. Irma, führe sie nach oben und zeige ihnen ihre Zimmer, dann können sie sich vor dem Abendessen etwas ruhen.«

»Nicht nötig, Großmama,« fiel Agnes lebhaft ein. »Wir haben heute nacht im Zuge herrlich geschlafen und es uns ganz bequem gemacht. Das Einzige, was uns nottut, ist etwas zu essen. Nicht wahr, Maud? Nicht, Karl?«

»O, dann gehen wir gleich zu Tisch,« schlug Ilse vor. »Folgt mir nur ins Eßzimmer, Kinder. Kommen Sie, Onkel Heinz!«

Lachend nahm sie den Arm des alten Herrn und schritt voraus, während Irma sich im Stillen wunderte, wie man länger als zwanzig Stunden in einer Tour reisen und dann erklären konnte, nicht müde zu sein.

Bald war die ganze Familie gemütlich um die Abendtafel versammelt. Der Tisch war festlich gedeckt mit einem weißen Tuch, in das mit feiner, blauer Baumwolle Figuren und Sprüche eingestickt waren, und zeigte Überfluß an wertvollem, altdeutschem Porzellan, schön geschliffenem Kristall, Blumen und Früchten. An dem altmodischen kupfernen Kronleuchter waren alle Kerzen entzündet und auf dem Buffet von Eichenholz standen sogar ein paar Flaschen Sekt in Eis.

Die amerikanischen Gäste taten dem Festmahl die größte Ehre an, und alle schwatzten lustig und lebhaft durcheinander.

»Kinder,« fragte Ilse im Laufe des Gesprächs, »wie gefällt euch Paris?«

»Herrlich, Großmama. Eine großartige, fröhliche Stadt. Entzückend mit all den großen Plätzen und Parks, dem vielen Grün und der Blumenpracht. Jetzt war es ganz besonders schön, denn Flieder und Kastanien standen in vollster Blüte.«

»Herrscht nicht ein schrecklicher Trubel dort?«

»Nein, bei uns geht's lebhafter zu, da gibt's viel mehr Lärm und Hasten, und die Menschen haben mehr zu tun, aber in Paris ist alles eleganter, reicher.«

»War's euch nicht angst, so ganz allein in der großen fremden Stadt?« fragte Irma neugierig.

»Ganz allein?« rief Karl lachend; »wir waren doch zu dritt.«

»Ja, aber ihr seid doch so jung und wart fremd und hattet keine Bekannten, die euch herumführen und euch alles zeigen konnten.«

Maud lachte. »Wir kannten niemand; Tante Ruth hat, glaube ich, an einige Familien geschrieben, sich unserer anzunehmen. Aber wir fanden es so umständlich, erst Besuche zu machen, das nahm uns Zeit, und es gab doch so viel zu sehen.«

»Das ist schade,« meinte Ilse. »Ohne Begleitung konntet ihr doch nicht in die Theater gehen, und dadurch habt ihr viel verloren.«

»Ich verstehe dich nicht, Großmama, wir sind in verschiedenen Theatern gewesen.«

»Allein?«

»Wir drei und manchmal wir beide, wenn es für Karl zu spät wurde.«

»Ihr beiden jungen Mädchen allein, des Abends, im Pariser Theater,« sagte Ilse erstaunt, »wußten eure Eltern das?«

»Natürlich, Großmama. Wir gehen immer allein aus, überall hin. Alle amerikanischen Mädchen tun das, und niemand findet etwas darin.«

»Ich würde das nicht wagen,« gestand Irma.

»Was bist du für ein Dummchen,« fuhr Maud fort. »Wie umständlich und lästig ist es, immer von irgend jemand abhängig zu sein. Wir sind's gewöhnt, alles allein und selbständig zu besorgen. Und das ist wirklich das einzig Richtige.«

»Aber Kinder,« fragte Ilse, »habt ihr in Paris denn nie eine unangenehme Begegnung gehabt?«

»Nicht ein einzigesmal, Großmama,« versicherte Agnes. »Niemand achtete auf uns, ruhig und still, den Reiseführer in der Hand, gingen wir unsres Weges. Hatten wir was zu fragen, wiesen die Leute uns stets freundlich und höflich zurecht. Wir waren immer sehr einfach gekleidet, und jeder sah gleich, daß wir Fremde waren.«

»Nun,« nahm die Großmutter wieder das Wort, »ich versichere euch, daß in meiner Jugend niemand so was gewagt hätte. Und ich war noch ein kecker Tollkopf, aber davor wäre mir doch bange gewesen. Was sagen Sie dazu, Onkel Heinz?«

Der alte Herr hatte behaglich schmunzelnd zugehört.

»O!« meinte er, »mir gefällt das alles ausgezeichnet; Sie wissen ja, daß ich auf die übertriebenen Formen und Komplimente nichts gebe. Ich bin für die amerikanischen Mädchen. Und da nun gerade der Sekt eingegossen wird, schlage ich vor, sie leben zu lassen.«

Fröhlich stimmte jeder in dies Lebehoch ein; aber nun war es spät geworden, und man trennte sich. Die jungen Gäste wurden auf ihre Zimmer geführt, und bald herrschte tiefste Stille im ganzen Hause.

* * * * *

Am nächsten Morgen sandte die strahlende Maisonne Lichtfunken durch die Stäbe der heruntergelassenen Jalousien in Irmas Zimmer, und endlich gelang es ihr, das junge Mädchen aufzuwecken. Irma richtete sich auf und schaute umher in dem hübschen Gemach mit den hell bezogenen Möbeln und den weißen, mit blauen Schleifen aufgenommenen Gardinen. Sie rieb sich die Augen, nickte den Bildern ihrer Eltern und ihres Bruders, die auf dem Schreibtisch standen, einen Morgengruß zu und dann, ohne daß sie sich recht darauf besinnen konnte, fiel ihr ein, daß gestern abend etwas sehr Nettes passiert war. Ach ja, die Ankunft der amerikanischen Cousinen! Sie sah nach der Uhr und merkte mit Schrecken, daß es schon sehr spät war und sie die Zeit verschlafen hatte. Eilig sprang sie aus dem Bett und kleidete sich an.

Bei Großmama schadete das nichts, die machte kein böses Gesicht, wenn sie ein bißchen spät herunterkam, aber was würden die amerikanischen Cousinen denken? Irma war ein recht verwöhntes Kind, ein verzogenes Püppchen; da sie aber so liebenswürdig, sanft und herzlich war, ließ Großmutter Ilse ihr in ihren kleinen Liebhabereien und Neigungen, die sie nur noch bezaubernder machten, ihren freien Willen. Sie war nicht eitler als die meisten jungen Mädchen, obwohl sie wußte, daß sie ein reizendes Gesichtchen hatte, mit blauen Vergißmeinnichtaugen und einer Fülle krausen goldblonden Haares. Sie hielt sehr darauf, nett angezogen zu sein, und brauchte viel Zeit zur Toilette, aber das Resultat war dann auch stets ein so befriedigendes, daß die Großmutter, selbst wenn sie zuweilen über solche Zeitvergeudung schalt, sich heimlich gestehen mußte, daß das kleine Ding unwiderstehlich reizend aussah.

Denselben Gedanken hatten auch die amerikanischen Cousinen, als Irma nun endlich in einem blau und weiß gestreiften Morgenkleide sich zu ihnen gesellte, und der kleine Karl, der sich bereits im Zimmer seiner Schwestern befand, erklärte Irma für das schönste Mädchen, das er je gesehen.

»Dummer Junge!« rief sie lachend, aber geschmeichelt fühlte sie sich doch. »Was ist das mit euch?« fuhr sie fort, erstaunt erst die beiden Mädchen ansehend und dann im Zimmer umherblickend.

Maud und Agnes waren, wie Karl, bereits zum Ausgehen gerüstet, bis auf Hut und Handschuhe. Aber auch das Zimmer war schon völlig fertig, die Betten gemacht, die Waschtische in Ordnung gebracht, überall Staub gewischt, ja Agnes war beschäftigt, den Pflanzen, die auf dem Balkon standen, Wasser zu geben.

»Warum habt ihr das alles selbst besorgt?« fragte Irma verwundert.

»Das sind wir so gewöhnt.«

»Aber dazu sind doch die Dienstmädchen da.«

»Gewiß,« versetzte Maud, »doch wir lieben es nicht, uns bedienen zu lassen. Was wir selbst tun können, tun wir auch selber. Bei uns haben wir keine Bedienten in dem Sinne, wie ihr das versteht. Zu gewissen Arbeiten, die wir nicht verrichten können, kommen Leute stundenweise jeden Tag; dann gehen sie wieder. Sie werden fast als unsres Gleichen angesehen. Die Mutter erzählte uns, daß es hier ganz anders ist, aber so rasch können wir uns daran nicht gewöhnen.«

Großmutter Ilse erwartete das junge Volk im Eßzimmer, dessen weit offenstehende Glastüren in den Garten führten. Nach dem Frühstück wurde ein Tagesprogramm entworfen. Die Mädchen wollten sich am liebsten gleich nach einer passenden Wohnung umsehen. Sie ersuchten Großmama und Irma nachzudenken, welches Stadtviertel das geeignetste wäre, damit sie keine unnötigen Wege zu machen brauchten.

»Aber erst,« erklärte Maud, »muß ich zwei Briefe schreiben, oder besser, du, Agnes, schreibst den an unsre Eltern, das erspart Zeit. Den andern muß ich selbst erledigen.«

Sie wurde dabei rot, und Irma forschte lachend:

»Ist er so wichtig, daß du ihn nicht bis zum Nachmittag aufschieben kannst?«

»Ja,« versetzte Maud, »denn dieser Brief ist für meinen Verlobten bestimmt.«

Großmama und Irma machten erstaunte Gesichter.

»Du bist schon Braut, mein Kind?« fragte erstere. »Und davon erfuhr ich nichts. Das ist doch nicht auf der Reise zustande gekommen?« fügte sie hinzu, fürchtend, daß ihre Enkelin ohne Wissen der Eltern einen unüberlegten Schritt getan haben möchte.

»Nein, Großmama,« erwiderte Maud ruhig. »John und ich, wir sind schon fast ein Jahr verlobt. Er ist eine Waise, Vater und Mutter haben es vom ersten Tage an gewußt. Der Vater hielt es für besser, nicht darüber zu reden, denn es dauert noch ein Jahr, bis John fertig ist und wir heiraten können. Daher haben wir nichts davon in unseren Briefen erwähnt, aber ich wollte es dir natürlich gleich mitteilen.«

»Und was ist dein Bräutigam?«

»Im Augenblick Heizer auf einer Lokomotive.«

»Was!« riefen Ilse und Irma, im höchsten Grade erstaunt, wie aus einem Munde.

»Heizer auf einer Lokomotive,« wiederholte das junge Mädchen mit größter Gemütsruhe.

»Ist er denn ein Arbeitsmann?« fragte Irma kleinlaut.

Maud fing an zu lachen.

»Hab' nur keine Angst. Mein John ist Ingenieur und wird übers Jahr zweiter Direktor einer großen Dampfmaschinenfabrik. Aber er muß auch praktisch lernen und daher dient er eine Zeitlang als einfacher Arbeiter.«

»Ein gewöhnlicher Heizer,« nahm Irma das Wort, und ihre blauen Augen wurden immer größer vor Verwunderung, »mit 'nem Arbeitskittel und schwarzem Gesicht und schmutzigen Händen?«

Maud ärgerte sich ein bißchen, Agnes aber brach in lustiges Gelächter aus.

»Was bist du doch für ein dummes Gänschen, Irma; wenn er sich gewaschen und umgezogen hat, sieht ihm niemand seine Beschäftigung an. John geht nicht in seinem Arbeitsrock in Gesellschaft.«

»Überdies,« fiel Maud ein, »ist ein Arbeiter bei uns gerade so gut ein Gentleman wie jeder andere, es kommt nur auf die Persönlichkeit an. Uns ist gelehrt, daß keine Arbeit schändet.«

»Da hast du ganz recht,« meinte Ilse, »aber du mußt es meiner kleinen Irma nicht übelnehmen, daß sie etwas erstaunt ist. Sind die Sitten und Gebräuche in Amerika auch anders, im Grunde genommen haben wir doch dieselben Ansichten. So willst du uns also bald wieder verlassen, Maud?«

»In einem Jahr kommt John, um mich zu holen, Großmama.«

»Und du, Agnes.«

»O, du behältst mich zunächst bei dir, vielleicht für immer; ich habe keinen Verlobten in Amerika.«

Die jungen Mädchen schrieben ihre Briefe, und dann gingen sie mit Irma auf Wohnungssuche. Ilse wollte nach einem Wagen schicken, Maud aber erklärte, sie fände es bequemer zu Fuß zu gehen, dann könnten sie sich besser umschauen. Die Großmama mußte den Gedanken, sie zu begleiten, aufgeben, denn sie fürchtete die Anstrengung, auch bedurften ihre energischen Enkelinnen ihres Rates nicht, denn sie wußten genau, was sie brauchten. So konnte sie ihnen die Sache getrost überlassen. Irma ging zum Vergnügen mit. Sie gesellte sich zu Agnes, während Maud und Karl vorauswanderten, und eifrig beratschlagten. Die deutsche Cousine wunderte sich immer mehr und mehr über den Takt, die Ruhe und Geschäftskenntnisse, welche die fremden jungen Mädchen an den Tag legten. Sie erkundigten sich nach allem, sprachen mit Hauseigentümern und Verwaltern, machten solche praktische Bemerkungen, daß sogar die Männer sie erstaunt betrachteten, und endlich glückte es ihnen, dicht vor der Stadt ein geräumiges, von einem hübschen Garten umgebenes Haus zu mieten. Maud schlug vor, der Besitzer solle noch denselben Abend mit dem Kontrakt zu Frau Gontrau kommen, da die Sache eile. Das Haus konnten sie sofort beziehen, es sah sehr gut erhalten aus und bedurfte nur geringer Reparaturen.

»Ich glaube, daß ich arg dumm bin,« sagte Irma seufzend, als sie, munter plaudernd, den Heimweg antraten. »Erst fand ich es sehr komisch, daß ihr allein herkamet und ein Haus für eure Eltern mieten solltet. Meinen Eltern würde es nie einfallen, mir einen solchen Auftrag zu geben. Ich würde es auch nicht können, denn noch nie in meinem Leben bin ich handelnd aufgetreten.«

»Dann wird es hohe Zeit,« fand Maud. »Wie alt bist du eigentlich, Irma?«

»Siebzehn.«

»Agnes ist achtzehn, und ich werde nächstens zwanzig.«

»O, du kommst mir wie dreißig vor,« rief Irma, »das heißt,« fuhr sie erschrocken fort, »nicht in deinem Äußern, denn mit dem hübschen kurzen Gelock siehst du wie sechzehn aus, aber in deinem Tun und Lassen. Du bist so schrecklich verständig, ganz wie eine Frau.«

»Das will ich meinen,« sagte Maud ruhig.

»Mach nur nicht so ein erschrecktes Gesicht, Irmachen,« nahm Agnes freundlich das Wort. »Du brauchst nicht handelnd aufzutreten; du bist gerade so ein liebes, hübsches, kleines Ding, das sein Leben lang verhätschelt und beschützt werden muß.«

»Das möchte ich auch. Mir ist so bange vor emanzipierten Frauen.«

Maud mußte lachen. »Wir sind nicht emanzipiert. Wir haben nur gelernt, uns wenn nötig selbst zu helfen und unabhängig und frei aufzutreten, wo es gerade angebracht ist.«

»Aber ich will nicht unabhängig auftreten,« beharrte Irma. »Wenn ich mal heirate, will ich von meinem Manne ganz abhängig sein, ihn als mir überlegen betrachten, als meinen Herrn und Gebieter; er aber muß mich verwöhnen, verhätscheln und in mir das kostbarste und schönste Wesen sehen, das ihm anvertraut ist. Er muß mich geradezu anbeten.«

»Das würde mir nicht genügen,« erwiderte Maud und ihre Mundwinkel zuckten verächtlich. »Ich will meinem Manne Gefährtin und Helferin sein, keine Puppe, kein Schmuckstück.«

Irma antwortete nichts, sie nahm den Arm ihrer jüngeren Cousine. Ohne recht zu wissen weshalb, fühlte sie sich mehr zu Agnes hingezogen -- ob das kam, weil diese sie schon zweimal schön und unwiderstehlich genannt hatte? Sie gestand sich das selbst nicht ein, fand Maud auch sehr lieb, aber die war drei Jahre älter und -- Braut. Da war es wohl natürlich, daß sie sich mit Agnes inniger befreundete.

Die Mädchen baten Großmutter Ilse, nach dem Mittagessen das Haus mit ihnen zu besehen, ehe es endgültig gemietet wurde. Onkel Heinz, der sich erkundigen wollte, ob die Reisenden gut geschlafen hätten, schloß sich ihnen an. Beide waren höchst befriedigt, Ilse, weil das Haus nur ein Viertelstündchen von ihrer Wohnung entfernt lag, und der Professor, weil die Zimmer so geräumig, hoch und luftig waren. In heiterer, fast ausgelassener Stimmung durchschritten und besichtigten sie sämtliche Räume, und die Mädchen erzählten schon, wie sie alles einrichten wollten, als Ilse plötzlich erschrocken ausrief:

»Aber Kinder, wann geht ihr denn zu eurer Tante Elisabeth?«

Der kleine Karl schnitt Irma ein Gesicht, daß sie losprustete, Agnes sonniges Antlitz trübte sich und Maud sagte:

»Aber Großmama, dazu haben wir doch vor der Hand keine Zeit; es eilt auch nicht.«

»Doch, liebes Kind; sie ist die einzige Schwester deines Vaters.«

»Papa konnte Tante Elisabeth nie leiden; er machte sich nichts aus ihren Briefen,« ergänzte Karl.

»Und doch hat er sicher gesagt, daß ihr gleich nach eurer Ankunft sie besuchen sollt,« beharrte Ilse. »Was meinen Sie, Onkel Heinz?«

»Ach, was sollen die Kinder bei so 'ner langweiligen alten Jungfer?«

»Siehst du wohl, Großmama! Onkel Heinz muß es doch wissen,« riefen die Mädchen wie aus einem Munde.

»Nein, Onkel Heinz weiß es nicht,« erklärte Ilse bestimmt, dem Professor einen unzufriedenen Blick zuwerfend. »Denken Sie doch, wie einsam Tante Elisabeth ist! Seit dem Tode eurer Großmutter, der alten Frau Rosi Müller, lebt sie ganz allein. Nun sind die Kinder ihres einzigen Bruders aus Amerika gekommen, und es würde mehr als unartig und herzlos sein, wenn ihr sie nicht aufsuchen wolltet.«

»Großmama hat recht,« pflichtete Maud bei, »morgen früh wollen wir zu ihr gehen.«

»Ich geh' aber nicht mit,« rief Irma, »ich hab' keine Lust, getadelt zu werden wie ein kleines Kind. Jedesmal, wenn ich zu Fräulein Müller komme, muß ich anzügliche Bemerkungen hören, bald über meine Frisur, dann über meine Toilette, ja, einmal hat sie sich sogar herausgenommen mir zu sagen, daß du mich verziehst, Großmama.«

»Da hat sie aber vollkommen recht,« stimmte Ilse lachend zu. »Du wirst mitgehen, Irma, schon um deinen Cousinen den Weg zu zeigen.«

»Ja,« flüsterte Agnes, »komm nur mit, nachher lachen wir zusammen über die '=old maid='.«

Das Haus wurde gemietet, und während des ganzen übrigen Nachmittags und Abends stellten die Mädchen lange Listen von allem auf, was sie zur Einrichtung brauchten, denn sie wollten so bald wie möglich mit ihren Einkäufen beginnen. --

Pastor Adolf Müller war ungefähr sechs Jahre, nachdem sein Sohn Fritz sich mit Marianne Gontrau verheiratet hatte und nach San Franzisko gezogen war, gestorben. Rosi und ihre einzige Tochter Elisabeth hatten das freundliche Pfarrhaus verlassen müssen und waren nach einem andern Stadtteil übergesiedelt. Dort hatten sie eine Wohnung ganz nach ihrem Geschmack gefunden -- ein düsteres, ziemlich großes Haus mit zwei Stockwerken, einem langen Korridor und einer Küche. Die dunkel tapezierten Zimmer wurden mit schweren, massiven Mahagonimöbeln ausgestattet. Rosi liebte helle Farben und neumodisches Mobiliar nicht, und Elisabeth teilte ihren Geschmack. Die Schränke, Tische und Stühle waren so glänzend poliert, daß ein Spiegel überflüssig schien, obgleich einer in schwarzem Rahmen über dem Kamin hing. Nirgends war ein Stäubchen zu entdecken, und alles stand fein säuberlich an der Wand in Reih und Glied, denn Rosi ärgerte sich über die verrückte Sitte, im Salon alles bunt durcheinander zu stellen. Die Kissen und gepolsterten Sitze der Sessel und Sophas waren mit riesigen gefältelten Schonern bedeckt, denn die beiden Damen, die wenig ausgingen, sich außer in der Kirche nie an öffentlichen Orten zeigten und selten Besuch bei sich sahen, beschäftigten sich vorzugsweise mit Handarbeiten. Durch die Heirat der Kinder wurde der Umgang mit der Familie Gontrau aufrecht erhalten, da aber auf beiden Seiten keine große Sympathie herrschte, nahm der Verkehr auch im Laufe der Jahre nicht zu. Rosi billigte es nicht, daß Ilses älteste Tochter Ruth einen Künstler geheiratet hatte, daß sie selbst Konzerte gab und viel mit Künstlern, ja sogar mit Schauspielern verkehrte. Leo und Ilse ertrugen Rosis beschränkte Ansichten um der Kinder willen, hüteten sich aber vor einem intimen Umgang.

Diese Umgebung war sicher nicht geeignet, um aus Elisabeth, die an sich schon ein steifes, zurückhaltendes Wesen besaß, ein fröhliches, liebenswürdiges Menschenkind zu machen. In ihrer Jugend hatte sie unter dem Druck gelebt, der seit Fritzens Flucht aus dem Elternhause jahrelang auf Rosi und Adolf lastete. Als später alles zum Guten ausschlug und Fritz als ein tüchtiger, vermögender =self-made man= aus der Fremde heimkehrte, galten alle Liebe, alle Aufmerksamkeiten ihm, und die bescheidene Elisabeth, die sich stets bemüht hatte, ihrer Mutter in strengster Pflichterfüllung nachzueifern, war ganz in den Hintergrund getreten. Der Pastor sah das wohl ein, er hatte aber nie viel zu sagen gehabt. Er bemühte sich, Rosi klar zu machen, daß sie Elisabeth in die Gesellschaft einführen müßten, damit sie ihre Jugend genießen könne. Rosi war nicht seiner Meinung; je stiller und unbeachteter ein junges Mädchen seinen Weg ging, desto besser. Ein ernster Mann wüßte es zu schätzen, wenn er ein Mädchen heiratete, das unbekannt und unbesprochen durch die Welt ging und dessen Tugenden im eignen Hause zur vollen Geltung kamen. Aber trotzdem erhielt Elisabeth nie einen Heiratsantrag. Anfangs war sie darüber unglücklich und beneidete ihre, in dieser Hinsicht bevorzugten Freundinnen.