Trotzkopf als Grossmutter

Part 15

Chapter 152,215 wordsPublic domain

In der Nacht schlief Irma nicht, und am nächsten Tage war sie so aufgeregt, daß die Großmama sich um sie sorgte. Den einen Augenblick war sie zufrieden mit dem, was sie getan hatte, und erging sich mit der alten Dame in allerhand herrlichen Vorstellungen, wie schön sich ihr Leben an Hans Reichers Seite gestalten würde. Dann wieder war sie unglücklich, zweifelte an seinem Kommen und klagte, daß die Großmama sie zu dieser furchtbaren Demütigung gezwungen habe. Wenn Hans auf ihren Ruf taub bliebe, würde sie das nicht überleben. Je mehr der Tag sich seinem Ende näherte, desto stiller und ängstlicher wurde sie. Sie saß da mit ganz blassem Gesichtchen und starrte mit unnatürlich großen Augen vor sich hin; so oft es klingelte, sprang sie erschreckt auf, so daß Ilse herzliches Mitleid mit ihr fühlte.

Es dunkelte schon, die Vorhänge waren zugezogen und das Gas angezündet, da wurde heftig die Glocke gezogen, und bei der Totenstille im Hause vernahm man deutlich eine tiefe, wohllautende Männerstimme. Zitternd umklammerten Irmas eiskalte Hände den Arm der Großmutter.

Das Mädchen kam herein und meldete Herrn Reicher.

»Lassen Sie den Herrn eintreten,« sagte Ilse und stand auf.

»Nicht fortgehen, Großmama,« stammelte Irma mit weißen Lippen, »nicht fortgehen, mir ist so angst.«

Aber Ilse gab ihr einen ermutigenden Kuß und entfernte sich so schnell sie konnte durch die Seitentüre. Gerade als sie verschwand, stand Hans Reicher auf der Schwelle.

Irma wagte nicht die Augen aufzuschlagen. Zitternd blieb sie am Tische stehen, ihr Gesichtchen in den Händen verborgen.

Da nannte er ihren Namen, und sie schaute empor.

Sein Antlitz war bleich und schmal geworden. Daß er viel gelitten hatte, sah sie auf den ersten Blick. Nun aber strahlte er und streckte in so grenzenlosem Sehnen die Arme nach ihr aus, daß sie alle Scheu vergaß und sich hinein stürzte.

Er drückte sie fest ans Herz, küßte sie auf die Lippen, die Augen, die Wangen, bedeckte das ganze süße Gesichtchen mit leidenschaftlichen, feurigen und doch sanften, zärtlichen Küssen. Und bebend vor Glück wiederholte er immer wieder:

»Irma, Liebling, ist es wahr? Ist es wahrhaftig wahr? Liebst du mich?«

Sie konnte nicht antworten, weinend lag sie in seinen Armen, und er sprach ihr mit leisen, liebevollen Worten zu.

Endlich wurde sie ruhiger, sie hob das Köpfchen, sah ihn durch ihre Freudentränen glücklich an und flüsterte:

»Hans, willst du mir wirklich verzeihen? Willst du mich wirklich zur Frau haben?«

Und aufs neue umschlangen sie seine starken Arme, während er nur zu stammeln vermochte:

»O, mein Liebling! O, Geliebte meiner Seele!«

* * * * *

Meine Geschichte nähert sich ihrem Ende. Wohl könnte ich euch, liebe Leserinnen, noch von der Doppelhochzeit erzählen, die ein halbes Jahr später stattfand; könnte schildern, wie Agnes und Irma mit den beiden Brüdern Reicher an dem gleichen Tage in den heiligen Stand der Ehe traten. Großartige Feste wurden bei dieser Gelegenheit gefeiert. Onkel Heinz überreichte den beiden Bräuten als Hochzeitsgeschenk einen blitzenden Juwelenschmuck. Er gab ihnen zu Ehren ein glänzendes Abendessen und brachte die launigsten Toaste aus, nicht nur auf die beiden jungen Paare, sondern auch -- auf Fräulein Elisabeth Müller, die in einem neuen schwarzseidenen Kleide neben ihm saß, mit einem heiteren, zufriedenen Ausdruck auf dem alten, faltigen Antlitz, der sie hübscher machte, als sie je in ihrer Jugend gewesen war.

Ferner könnte ich berichten, wie Maud nach einigen Jahren auf kurze Zeit mit Mann und Kind aus San Franzisko herüberkam, und wie stolz sie auf ihren »=boy=« war, der in jedem Zuge seines klugen Gesichtchens eine sprechende Ähnlichkeit mit John zeigte. Ich könnte euch erzählen -- und sehe schon euer ungläubiges Kopfschütteln -- wie Gustavs und Floras Töchterchen im Alter von drei Jahren, Tränen in den Augen, auf ihres Vaters Klavierspiel lauschte; wie es, vierjährig, alle Melodien, die es hörte, nachspielte, und im sechsten Lebensjahr bereits kleine Stückchen komponierte. Ich könnte euch Irma als glückliche Gattin und Mutter beschreiben, als treue Gehilfin ihres Mannes und Mitverwalterin seiner ausgedehnten Landgüter. Ich könnte euch eine Schilderung von dem großen Familienfest geben, das sie und Hans alle Jahre veranstalten, das mehrere Tage dauert und zu dem alle Familienglieder, die es nur irgend möglich machen können, erscheinen. Die Herren vertreiben sich die Zeit mit Fischfang und Jagd, die Damen fahren spazieren und die Kinder tun sich gütlich an Obst, Butter und Sahne, Eiern und andern Herrlichkeiten. Ich könnte euch zeigen, wie Ilse sich an dem Glück ihrer Enkelkinder freute, und mit welch seligem Dankesgefühl sie ihre Urenkelchen in die Arme schloß. Ich könnte euch Professor Fuchs vorführen, der die Achtzig überschritten hat, von immer häufiger wiederkehrenden Gichtanfällen geplagt, doch ein forscher, alter Herr blieb, stets geneigt zu widersprechen, heftig zu werden und sich über Dinge zu erhitzen, die ihn nichts angingen.

Das alles aber will ich lieber eurer Einbildungskraft überlassen und nur noch von einem einzigen Bilde den Vorhang wegziehen, von dem ich sicher bin, daß es alle diejenigen rühren und ergreifen wird, die Ilse als Kind, als jung verlobte Braut, als Ehefrau und endlich als Großmutter gekannt haben.

* * * * *

Es war ein schöner Sommerabend. Die Sonne war im Untergehen, Gold- und Purpurstreifen färbten den Abendhimmel. In der Villa Ilse Gontraus waren die Fenster weit geöffnet, von allen Seiten strömte die reine Luft herein, aber im Hause herrschte eine eigentümliche, schwere Stille. Lautlos ging die Dienerschaft hin und her, mit ernsten Gesichtern, behutsam jede Tür hinter sich schließend, jedes Geräusch vermeidend. Im Wohnzimmer waren Ruth von Holten, Marianne Müller, Irma, Agnes und Flora versammelt. Sie flüsterten leise, mit feuchtschimmernden Augen. Die Kleinen waren zur Stille ermahnt worden und hatten versprochen sehr brav zu sein; sie wußten, Großmama war krank und konnte keinen Lärm vertragen -- nur gute Nacht wollten sie ihr noch sagen. Sie hatten gehört, daß Großmama sterben würde, aber sie fürchteten sich nicht. Irma brachte sie an Frau Gontraus Bett. Leise flüsterte ein süßes Kinderstimmchen nach dem andern: »Gute Nacht Omama!«

Die alte Dame mit dem weißen, abgezehrten Antlitz vermochte nicht mehr zu sprechen, aber sie lächelte noch matt und bewegte die Hand wie zum Gruße. Nun waren die Kleinen verschwunden, und ihre Eltern umstanden das Sterbebett.

Kein heftiger Schmerz, nur eine stille Wehmut erfüllte alle Herzen. Großmutter Ilse war eigentlich nicht krank gewesen, ihre Kräfte hatten in den letzten Jahren ganz allmählich abgenommen, aber ob auch der Körper versagte, ihr Geist blieb klar, und sie war dankbar, daß nun ohne viel Schmerzen das Ende nahte. Sie wußte, daß sie sterben würde, und sah dem Tod mit großer Ruhe entgegen. Vor wenigen Tagen hatte sie Ruth, welche sie pflegte, gebeten, alle ihre Lieben noch einmal an ihr Lager zu rufen, und zärtlich und heiter ihren Enkeln und Urenkeln zugenickt. Sie hatte dabei geäußert, wie dankbar sie sich des Glückes ihrer Kinder freue, und sie gebeten, nicht um sie zu trauern, denn es sei nichts Betrübendes, wenn eine alte Frau, deren Leben ein so überreich gesegnetes gewesen, zur ewigen Ruhe einginge, umgeben von allen, die ihr teuer waren. --

Es schien jetzt, als ob sie schlummerte, so friedlich und still lag sie in den Kissen, ihr Atem aber ging schwächer und schwächer. Durch die offenen Fenster des Sterbezimmers warf die untergehende Sonne ihre letzten Strahlen und überhauchte das weiße Antlitz noch einmal mit warmer Glut. Großmutters Lippen bewegten sich leise, die dunklen Augen öffneten sich und richteten sich auf alle, die um ihr Lager standen, sie erkannte sie und lächelte. Es war, als ob sie noch etwas sagen wollte, aber sie vermochte es nicht; da blieb ihr brechender Blick auf einer Gestalt im Hintergrunde haften, die sich halb verborgen hielt, als gehörte sie nicht in den Kreis der Kinder. Ilse winkte mit der Hand, und Onkel Heinz näherte sich dem Bett, während die andern ihm liebevoll Platz machten.

Und das alte, ach so alte Antlitz des Greises wurde auch vom Abendrot beleuchtet, und in seinen erloschenen Augen schimmerte ein Glanz, als er sich über die Sterbende neigte, und ihre kalten Finger den Druck seiner welken Hand noch für eine Sekunde erwiderten.

Eine große feierliche Stille herrschte in dem Gemach, in das der Tod eingetreten war. Niemand wagte zu sprechen. Endlich, als die letzte Glut am Himmel verglomm, näherte Ruth sich dem Sterbebett und löste die Hand des alten Mannes aus der Hand der Toten.

»Komm, Onkel Heinz,« bat sie sanft.

Mit einem Lächeln auf den Lippen schaute er sie an. Dann strich er ehrerbietig und leise über die Stirn der toten Freundin und flüsterte:

»Ich folge Ihnen bald, Frau Ilse.«

Und so geschah es auch.

* * * * *

[ Im folgenden sind die Änderungen am Originaltext aufgeführt. Unter der Beschreibung der Änderung steht jeweils zuerst die Textstelle im Original, dann die geänderte Textstelle.

Fehlendes Anführungszeichen ergänzt: wirklich nicht beurteilen. wirklich nicht beurteilen.«

Fehlendes Anführungszeichen ergänzt: Maud lachte. Wir kannten niemand; Tante Ruth hat, glaube ich, an Maud lachte. »Wir kannten niemand; Tante Ruth hat, glaube ich, an

Fehlendes Komma ergänzt: »Aber Kinder,« fragte Ilse »habt ihr in Paris denn nie eine »Aber Kinder,« fragte Ilse, »habt ihr in Paris denn nie eine

Fehlendes Anführungszeichen ergänzt: praktisch lernen und daher dient er eine Zeitlang als einfacher Arbeiter. praktisch lernen und daher dient er eine Zeitlang als einfacher Arbeiter.«

Überflüssiges Anführungszeichen gelöscht: »Nein,« Onkel Heinz weiß es nicht,« erklärte Ilse bestimmt, dem »Nein, Onkel Heinz weiß es nicht,« erklärte Ilse bestimmt, dem

»ihre« geändert zu »Ihre«: sind ihre Nichten Maud und Agnes, und der Bengel da ist Karl.« sind Ihre Nichten Maud und Agnes, und der Bengel da ist Karl.«

»nud« geändert zu »und«: Ordnung befand, mußten Ilse nud Irma doch gestehen, daß es sehr nett Ordnung befand, mußten Ilse und Irma doch gestehen, daß es sehr nett

Fehlendes Anführungszeichen ergänzt: sie den Stich nicht verstanden; eine geistig hochstehende Frau kann sie den Stich nicht verstanden; »eine geistig hochstehende Frau kann

Komma richtig platziert: kommen. Die Kinder erhoben Einsprache dagegen ,und Onkel Heinz kommen. Die Kinder erhoben Einsprache dagegen, und Onkel Heinz

»sie« geändert zu »Sie«: geliebt,« scherzte der Professor. »Ich erinnere mich noch, daß sie uns geliebt,« scherzte der Professor. »Ich erinnere mich noch, daß Sie uns

»so' ner« geändert zu »so 'ner«: von so' ner Aussicht; es ist doch immer dasselbe, und eine ist genau von so 'ner Aussicht; es ist doch immer dasselbe, und eine ist genau

»teil« geändert zu »Teil«: gewaltigen Massen stürzte das Wasser in die Tiefe, zum teil über einen gewaltigen Massen stürzte das Wasser in die Tiefe, zum Teil über einen

»La France-Rosn« geändert zu »La France-Rosen«: ihr zwei prachtvolle La France-Rosn. ihr zwei prachtvolle La France-Rosen.

Fehlendes »zu« ergänzt: zu ärgern, sondern sich bemühen, durch eigene Verdienste das zu zu ärgern, sondern sich zu bemühen, durch eigene Verdienste das zu

Fehlenden Punkt ergänzt: Alle jubelten und lachten »Georg, er soll leben!« schallte es hell Alle jubelten und lachten. »Georg, er soll leben!« schallte es hell

»konnten« geändert zu »konnte«: übertriebenen Ausdrücke und poetischen Sentimentalitäten ihr verzeihen konnten. übertriebenen Ausdrücke und poetischen Sentimentalitäten ihr verzeihen konnte.

»verzweifelsten« geändert zu »verzweifeltsten«: augenscheinlich die verzweifelsten Anstrengungen machte, das Feuer augenscheinlich die verzweifeltsten Anstrengungen machte, das Feuer

Fehlenden Punkt ergänzt: ging willig fort, mit dem Versprechen, nichts zu vergessen ging willig fort, mit dem Versprechen, nichts zu vergessen.

»beiligte« geändert zu »beteiligte«: Vorschein. Ein jeder beiligte sich beim Bedienen, schnitt vor oder Vorschein. Ein jeder beteiligte sich beim Bedienen, schnitt vor oder

»!« geändert zu »:«: Das Mädchen trat ein und meldete! »Fräulein Elisabeth Müller wünscht Das Mädchen trat ein und meldete: »Fräulein Elisabeth Müller wünscht

Fehlendes Anführungszeichen ergänzt: dürfen wir nicht vergessen. dürfen wir nicht vergessen.«

Fehlendes Anführungszeichen ergänzt: nicht zu unsren Amerikanern. nicht zu unsren Amerikanern.«

»sie« geändert zu »Sie«: »Onkel Heinz, Onkel Heinz! Da sieht man wieder, daß sie ein »Onkel Heinz, Onkel Heinz! Da sieht man wieder, daß Sie ein

Fehlendes Komma ergänzt: »Ich bin betrübt Kindchen, weil du kein Vertrauen zu mir hattest. »Ich bin betrübt, Kindchen, weil du kein Vertrauen zu mir hattest.

Fehlendes Anführungszeichen ergänzt: dulden, nie aber mit wahrer Liebe aufnehmen würden. dulden, nie aber mit wahrer Liebe aufnehmen würden.«

»im« geändert zu »in«: ihr eine geheime Stimme im ihrem Innern, daß ihre Eltern der Großmama ihr eine geheime Stimme in ihrem Innern, daß ihre Eltern der Großmama

Fehlendes Komma ergänzt: gälte es die wichtigsten Dinge über eine hübsche Bluse oder einen gälte es die wichtigsten Dinge, über eine hübsche Bluse oder einen

»Keise« geändert zu »Kreise«: Erstaunen, als er plötzlich eines Abends in ihrem Keise erschien. Er Erstaunen, als er plötzlich eines Abends in ihrem Kreise erschien. Er

Komma am Zeilenende als Trennzeichen interpretiert, somit »Teil, nahme« geändert in »Teilnahme«: freundlich mit ihm, bewies plötzlich so viel Teil, nahme an allem, was freundlich mit ihm, bewies plötzlich so viel Teilnahme an allem, was

Fehlendes Anführungszeichen ergänzt: Bisher habe ich mich noch nie danach gesehnt. Ich fühlte mich in »Bisher habe ich mich noch nie danach gesehnt. Ich fühlte mich in

Fehlenden Punkt ergänzt: schon am folgenden Tage müsse er abreisen Ausrufe des Bedauerns, der schon am folgenden Tage müsse er abreisen. Ausrufe des Bedauerns, der

»Hans« geändert zu »Otto«: mir und Hans von Hochstein vorgefallen ist?« mir und Otto von Hochstein vorgefallen ist?«

»herrliche« geändert zu »herrlichen«: so kühl, enthielten außer einem Bericht über die herrliche so kühl, enthielten außer einem Bericht über die herrlichen

Komma am Zeilenende als Trennzeichen interpretiert, somit »her, vor« geändert in »hervor«: hinter den Brillengläsern her, vor seine alten, scharfen Augen mit einem hinter den Brillengläsern hervor seine alten, scharfen Augen mit einem ]