Part 10
Nun setzte der Gastgeber sich an den Flügel, und sobald die ersten Akkorde erklangen, wurden alle still und lauschten andächtig dem meisterhaften Spiel. Hinter der Türe horchte Irma auf das Spiel ihres Bruders; sie vergaß alles, die Rolle, die sie zu spielen hatte, und auch das angenehme Gefühl befriedigter Eitelkeit über ihr reizendes Aussehen. Tränen traten ihr in die Augen, eine große Sehnsucht nach Otto ergriff sie, und ihr war, als wäre ihr Herz zu klein, um alle Gefühle der Liebe, des Glückes und der Wehmut, die auf sie einstürmten, zu fassen. Als die letzten Töne verhallten und die Gäste noch immer den gewaltigen Eindruck der herrlichen Musik in sich nachwirken ließen, und zu ergriffen waren, um in lautes Beifallklatschen auszubrechen, zeigte sich Irma als das echte Kind aus einer Familie von Künstlern. Einer augenblicklichen Eingebung folgend, flog sie auf ihren Bruder zu, umarmte ihn, und rief:
»O Gustav, das war himmlisch!«
»Aber Irma,« schrie Flora entsetzt; die andern, plötzlich aus ihrer Verzückung erwachend, schauten mit erstaunten, halb spöttischen, halb entrüsteten Mienen das vermeintliche Dienstmädchen an.
Einen Augenblick war es Irma, als müsse die Erde sich öffnen und sie verschlingen; sie wünschte sich meilenweit fort; dann aber tat sie das klügste, was sie tun konnte, und fing herzlich an zu lachen.
»Ja, nun bleibt uns nichts übrig, als alles zu verraten,« rief sie, und sie und Flora erzählten abwechselnd ihre Abenteuer mit Lisa. Weit entfernt, daß die gute Laune dadurch getrübt worden wäre, begann es nun erst recht nett und gemütlich zu werden. Natürlich hatte jeder sofort gemerkt, daß es mit diesem Dienstmädchen eine ganz eigene Bewandtnis haben müsse. Ungesucht wurde sie die Heldin des Abends. Alle wollten beim Bedienen helfen; einige Herren rannten nach der Küche, und die dort herrschende Unordnung war in Gefahr verraten zu werden, aber Irma hatte die Geistesgegenwart, das Gas schnell auszudrehen. Große Verwirrung und heller Jubel! Der junge Mann, der beim Kommen schon galant gegen das schöne Dienstmädchen gewesen war, stolperte über einen Eimer. Zum Glück tat er sich nicht weh; Irma hatte auch nicht das geringste Mitleid mit ihm und erklärte lachend, daß er nur seinen verdienten Lohn ernte.
Frau Schweinfurt, die sich ärgerte, daß man soviel Wesens von dem koketten Ding machte, wie sie Irma später benannte, erhob sich und gab ihrem Gatten einen Wink, sich ans Klavier zu setzen und sie zu begleiten. Für eine Weile zog ihr dünner Sopran die Aufmerksamkeit von der kleinen Holten ab. Das Konzert wurde hierauf fortgesetzt und nur dann und wann durch einige Scherze unterbrochen. Beim Souper erst erreichte die allgemeine Heiterkeit ihren Höhepunkt.
Die tollsten Dinge wurden getrieben; die Herren machten Kappen aus ihren Servietten und liefen mit den Tellern und Schüsseln in langem Zuge durchs Haus, der größte voraus, der kleinste zum Schluß, unter Absingung eines bekannten Marsches aus einer Operette. Alle tollten durcheinander, um noch etwas Vergessenes zu suchen. Flora und Gustav, ohne sich irgendwie verstimmt und verlegen zu fühlen, lärmten mit. Alle Räume wurden festlich beleuchtet, und was unten nicht zu finden war, kam im Schlafzimmer aus dem einen oder andern Schrank zum Vorschein. Ein jeder beteiligte sich beim Bedienen, schnitt vor oder schenkte ein. Leute, die sich bisher nur wenig gekannt hatten, streiften alle Förmlichkeit ab und benahmen sich mit einer Ungezwungenheit, als ob sie seit Jahren im engsten Verkehr mit einander gestanden hätten.
Das Fest dauerte bis spät in die Nacht hinein, und alle waren ausgelassen wie Kinder, die das ganze Haus auf den Kopf stellen, wenn Papa und Mama verreist sind. Nur die gutmütige, dicke Frau Raabe fühlte endlich Mitleid mit der jugendlichen Gastgeberin und ihrer reizenden Schwägerin, namentlich wenn sie an das Durcheinander dachte, das am nächsten Morgen in Ordnung gebracht werden mußte. Als es ihr an der Zeit zu sein schien, stand sie, ihr Sektglas in der Hand, auf, brachte das Wohl der drei Holtens aus und fügte das Versprechen hinzu, für ein tüchtiges Dienstmädchen zu sorgen, das alle schlechten Streiche der Vorgängerinnen durch seine vortrefflichen Leistungen gut machen sollte.
Unter allgemeiner Zustimmung nahmen die Gäste Abschied, nachdem sie noch ein wenig beim Aufräumen geholfen hatten, und Irma und Flora konnten sich übermüdet, wie sie waren, gleich zur Ruhe begeben.
Frau Direktor Raabe hielt Wort. Sie kam am folgenden Morgen selber, um zu helfen, und verrichtete in ein paar Stunden wahre Wunderdinge, wobei ihr Frau von Holten und ihre Schwägerin tapfer beistanden. Unter ihren praktischen, aufmunternden Anweisungen zeigten sie erstaunliches Geschick und griffen überall wacker selbst mit an. Sie sorgte auch für ein gutes Mädchen, das in wenig Tagen den ganzen Haushalt wie durch Zauberei umgestaltete und Ordnung und Sauberkeit einführte, ohne die Ansprüche und Untugenden ihrer Vorgängerinnen zu besitzen. Gustavs Schönheitssinn befriedigte sie zwar nicht -- sie war eine einfache Person mittleren Alters und von ganz gewöhnlichem Aussehen, sauber und anspruchslos gekleidet -- aber es gefiel ihm, Ordnung und Nettigkeit, wenn sie nicht in kleinliche Pedanterie ausarteten, um sich zu sehen. Es berührte ihn sehr angenehm, bei seiner Heimkehr die Mahlzeiten zierlich aufgetragen und schmackhaft bereitet zu finden, und von seinem kleinen Frauchen keine Klagen und Seufzer, sondern nur lebhafte Lobpreisungen des Mädchens zu hören. Da auch in seinen Ausgaben sich der Unterschied sehr bemerkbar machte, war er der guten Frau seines Direktors aufrichtig dankbar.
Irma blieb noch einige Wochen bei dem jungen Paar, und unterhielt sich ausgezeichnet. Es war ein Genuß für sie, mit dem Bruder, den sie eigentlich so wenig kannte, einmal länger zusammen zu sein. Sie lernte seine guten Eigenschaften, seine Herzlichkeit, seine Milde schätzen und verzieh ihm dafür gern seine Zerstreutheit, sein träumerisches und ein bißchen überspanntes Wesen, das er ja mit vielen Künstlern gemein hatte. Auch Flora war ihr sehr lieb geworden, aber ihr Geheimnis Otto betreffend verriet sie nicht; daß sie es nicht tat, nicht einmal die Versuchung fühlte, war ihr selbst auffallend. Schon früher hatte sie den Baron Hochstein flehentlich gebeten, eine passende Gelegenheit zu suchen und ihrem Bruder seinen Besuch zu machen; von der Landpartie her kannte er doch Gustav und seine kleine Frau. Sie hätte einen Verkehr Ottos mit ihrer Familie doch schon wie eine halbe Erfüllung ihrer Zukunftshoffnungen angesehen. Von der Hand gewiesen hatte der junge Baron diesen Plan auch nicht, ja er hatte ihn sogar recht vernünftig gefunden, aber zur Ausführung war er trotzdem nicht gekommen. Als Irma nun bei Holtens zu Besuch weilte und in den ersten Tagen ihres Aufenthaltes in I. eine Gelegenheit fand, Otto auf der Straße zu sprechen, drang sie ernstlich in ihn einen Vorwand zu ersinnen und endlich seinen Besuch zu machen. Sie könne es dann leicht einrichten, daß Flora ihn einmal zum Essen einlüde, und fände es himmlisch, auf diese Weise sich öfter sehen und sprechen zu können. Otto sagte, daß er das von Herzen gern tun möchte, aber jetzt so viel zum Examen zu arbeiten hätte, daß es ihm wirklich an Zeit fehle. Sie beruhigte sich und dachte, wie gut und lieb es von ihrem Anbeter wäre, sich um ihretwillen derartig anzustrengen.
Otto vermied es sogar, ihr zu begegnen, wenn sie mit Flora oder Gustav ausging. Die arme Irma hatte sich eingebildet, sie werde ihn während ihres Aufenthaltes in I. häufig zu sehen bekommen, und die Enttäuschung, daß es nicht geschah, war groß; traf sie ihn aber dann und wann einmal zufällig auf einige Minuten, so blieb er sich in seinen zärtlichen und leidenschaftlichen Liebesbeteuerungen immer gleich. Die trübe Zeit der Heimlichkeit würde ja nun bald vorüber sein; in vier bis fünf Monaten -- ein Monat war schon wieder verstrichen -- machte er sein Examen, dann begann ihr Glück, dessen war sie sicher. Sie ließ sich immer wieder durch die schönen Zukunftsbilder, die er ihr vorspiegelte, täuschen; sie glaubte und vertraute -- eher würde sie an den Untergang der Welt gedacht haben, als daran, daß Otto von Hochstein kein ehrliches Spiel mit ihr triebe.
* * * * *
An einem der seltenen Märztage, welche die Hoffnung erwecken, daß der Lenz nun wirklich seinen Einzug halten will, an denen die Sonne schon köstlich wärmt und kleine Sträußchen von Märzveilchen und Schneeglöckchen angeboten werden, saß Ilse mit Onkel Heinz im eichengetäfelten Wohnzimmer beim Schach. Im Kamin knisterte, trotz der Wärme draußen, ein lustiges Feuer, und leise tickte die große, altmodische Standuhr. Irma, die sich mit ihrer Stickerei in die Fensternische zurückgezogen hatte, dachte, wenn sie ab und zu nach den beiden Alten guckte, daß diese, so in ihr Spiel vertieft, ein wunderhübsches Bild abgäben.
Der Professor spielte mit unerschütterlichem Ernst; es war eine seiner Schwächen, sich zu ärgern, wenn er verlor beim Schachspiel -- selbst wenn seine Gegenpartei eine Dame war. Ilse, die das wußte, und der es noch immer, wie in alten Zeiten, das größte Vergnügen bereitete, ihn in Harnisch zu bringen, spannte alle ihre Kräfte an. Auch hatte sie ihn schon ziemlich in die Enge getrieben. Seine Königin und seine beiden Türme waren genommen, und nun focht er verzweifelt mit einem Läufer, einem Springer und einigen Bauern.
Es klingelte.
»Da kommt Besuch,« sagte Irma, ihr Näschen an den Scheiben platt drückend, »ich sehe eine Dame, kann aber nicht erkennen, wer es ist.«
»Wie schade,« meinte Ilse, »noch ein paar Züge und Sie wären schachmatt gewesen, Onkel Heinz.«
»Ach was,« brummte der alte Herr. »Lassen Sie nur das Brett stehen, Frau Gontrau, und ich wette um alles, was Sie wollen, daß ich doch noch die Partie gewinne.«
Das Mädchen trat ein und meldete: »Fräulein Elisabeth Müller wünscht die gnädige Frau zu sprechen.«
»O weh!« rief Irma, ihre Handarbeit zusammenpackend, »dann geh ich nach oben, Großmama; wenn sie nach mir fragt, bin ich nicht zu Hause.«
»Bleib hier, Kindchen,« wandte Ilse ein, aber schon war Irma verschwunden.
»Der kleine Taugenichts hat recht,« meinte Onkel Heinz, »wenn ich nur könnte und von der verflixten Gicht nicht so geplagt wäre, würde ich mich auch auf die Beine machen.«
»Seien Sie doch still,« bat Ilse, ein bißchen böse; dann stand sie auf, um Fräulein Müller zu empfangen.
Tante Elisabeth ging immer einfach gekleidet; heute aber hatte ihre Erscheinung etwas entschieden Quäkerhaftes an sich. Ihr eisengraues, glattes Kleid konnte nicht strenger sein als ihr Antlitz. Ilse fand plötzlich, daß sie ihrer Mutter, der Pfarrerin, sprechend ähnlich sah, wenn diese einmal ganz besonders tugendhaft oder unangenehm sein wollte.
»Ich hoffe, ich störe Sie nicht, Frau Gontrau,« begann sie mit einem Seitenblick auf Professor Fuchs, in dessen Gesellschaft sie sich nie behaglich fühlte.
Ilse schob ihr einen bequemen Sessel hin.
»Sehr nett, daß Sie sich mal sehen lassen, Elisabeth,« begann sie freundlich, »ich habe Ihnen schon oft gesagt, daß Sie viel zu selten kommen.«
»Ach, ich mag mich nicht aufdrängen; heute aber habe ich etwas Besonderes mit Ihnen zu besprechen.«
Onkel Heinz stand auf. »Dann wünschen Sie gewiß mit Frau Gontrau allein zu sein; ich gehe so lange in den Garten und will mal sehen, ob die Märzsonne gut für meine Gicht ist.«
Aber Ilse winkte ihm zu bleiben: »Wollen Sie mit mir über etwas sprechen, Elisabeth, was Sie selber angeht?«
»Nein, Frau Gontrau, die Sache betrifft ausschließlich Sie.«
»Dann bleiben Sie nur ruhig sitzen, Herr Professor,« nahm Ilse wieder das Wort.
Es gab ja nichts in ihrem Leben, was ihr alter Freund nicht wissen durfte, und sie freute sich heimlich darüber, daß er der Gesellschaft der alten Jungfer nicht entrinnen konnte. »Vor Ihnen haben wir keine Geheimnisse.«
»Das müssen Sie am besten wissen, gnädige Frau; was ich Ihnen mitzuteilen habe, betrifft Ihre Enkelin Irma.«
Professor Fuchs spitzte die Ohren, und Ilse sagte absichtlich begütigend:
»Wirklich? Ich hoffe, die Kleine hat nichts getan, worüber Sie sich zu beklagen haben.«
»Ich nicht,« entgegnete Fräulein Müller, mit verdrießlich herabgezogenen Mundwinkeln; »aber ich halte es für meine Pflicht, Ihnen über das Betragen des jungen Mädchens die Augen zu öffnen.«
»Ei was,« meinte Ilse, halb ärgerlich. »Die Kleine hat wohl etwas gesagt oder getan, was nicht ganz ehrerbietig und passend ist? Ich werde sie nachher darüber zur Rede stellen, aber wirklich, Elisabeth, so ernst dürfen Sie das nicht nehmen, von der Jugend müssen wir uns manches gefallen lassen und gegen ihre kleinen Sünden nachsichtig sein.«
»Ich weiß nicht, ob Sie es eine kleine Sünde nennen, wenn ein junges Mädchen wie Irma an einem abgelegenen Platz heimliche Zusammenkünfte mit einem Studenten hat,« sagte Fräulein Müller mit nur mühsam unterdrückter Schadenfreude.
Großmutter Gontrau wurde totenbleich. Onkel Heinz, der mit einem förmlichen Schreckensruf aufsprang, sah, wie sie krampfhaft die Stuhllehnen umklammerte und nach Selbstbeherrschung rang; ihre Stimme bebte, und ihre dunklen Augen blitzten wie früher, als sie fragte:
»Was meinen Sie damit, Elisabeth? Wer von einem jungen Mädchen solche Dinge sagt, muß sie auch beweisen können.«
»Das kann ich. Jeden Mittwoch Nachmittag hat Irma ein Stelldichein mit dem schönen Studenten, der ihr damals auf der Landpartie den Hof machte. Sie treffen sich in dem Wäldchen an der Chaussee, in der Nähe der Kaserne.«
»Wie wissen Sie das?« stammelte Ilse.
»Vor vierzehn Tagen habe ich sie mit meinen eignen Augen gesehen. Im Frühjahr mache ich nemlich gern dahinaus meine Spaziergänge. Erst konnte ich es nicht glauben, daß es wirklich Irma sei, aber gestern habe ich sie ganz deutlich erkannt; ich ging hinter ihr her und habe sie genau beobachtet.«
Frau Gontrau schwieg. Allerlei Wahrnehmungen kamen ihr in den Sinn. Es fiel ihr ein, daß Irma in den letzten Monaten viel allein auszugehen pflegte und häufig ein sonderbares Benehmen zeigte. Zweifel und Angst beschlichen sie, weil sie für das Kind den Eltern gegenüber verantwortlich war, vor allem aber bemächtigte sich ihrer tiefe Betrübnis darüber, daß ihre Enkelin, die sie so innig liebte, sie betrogen und hintergangen hatte. Onkel Heinz zog die buschigen Brauen zusammen, drehte seinen weißen Schnauzbart zu einer ganz besonders feinen Spitze und unterdrückte einen Fluch, weil er plötzlich einen heftigen Stich in seinem linken Fuß verspürte.
»Darf ich fragen, wie es kam, daß Irma Sie nicht gleich das erste Mal sah?« forschte er, sich ziemlich barsch an Tante Elisabeth wendend.
»Das ging ganz natürlich zu. Ich verbarg mich hinter den Sträuchern, bis sie das Wäldchen wieder verlassen hatten.«
»Sie spionierten also!«
»Spionieren!« wiederholte Elisabeth beleidigt. »Wenn Sie's so nennen wollen -- ich mußte mich doch von der Wahrheit überzeugen.«
»Ja, und nachdem Sie das getan, gingen Sie noch einmal hin und versteckten sich wahrscheinlich wieder. Das finde ich nicht ehrlich; Sie hätten offen auftreten sollen. Ihr Erscheinen hätte die jungen Leute gewarnt.«
»Mir schien das nicht wünschenswert. Ich hielt es für meine Pflicht, Frau Gontrau zu unterrichten.«
Tante Elisabeth zeigte in diesem Augenblick eine so dünkelhafte, siegesgewisse Miene, daß der Professor sich vergaß und heftig aufbrauste.
»Na ja, das ist so recht was für Sie! Wer sagt Ihnen denn aber, daß etwas Böses dahinter steckt? Die jungen Leute können sich wohl mal was zu erzählen haben. Daraus brauchen Sie nicht gleich so 'ne Staatsaktion zu machen. Aber das ist gerade Wasser auf die Mühle einer neidischen alten Jungfer, wenn sie einem Nebenmenschen etwas anhängen kann.«
Feuerrot erhob sich Fräulein Müller von ihrem Sitz und sagte mit einer, vor Zorn und Aufregung heiseren Stimme:
»Wenn Sie meine gute Absicht so auslegen und mich obendrein beleidigen, dann gehe ich und setze nie wieder einen Fuß über diese Schwelle.«
Ilse schaute den Professor zürnend an.
»Nein, nein, seien Sie nicht böse, liebe Elisabeth,« rief sie. »Ich bin Ihnen dankbar, und dem Professor Fuchs müssen Sie seine Heftigkeit verzeihen. Er hat Irma so unendlich lieb, daß er außer sich gerät, wenn über sie nachteilig geurteilt wird. Ist's nicht so, Herr Professor?«
»Jawohl,« brummte Onkel Heinz, der einsah, daß er zu weit gegangen war.
»Und er bittet für seine Unhöflichkeit um Entschuldigung,« beharrte Ilse, mit einem strengen Blick auf Onkel Heinz.
Dem Professor war fast so zu Mute wie einem Schuljungen, der eine Strafpredigt erhält. Er hätte am liebsten mit einem: »Scheren Sie sich zum Teufel,« das Zimmer verlassen; aber dem eigenartigen Ausdruck in den dunklen Augen seiner alten Freundin war er nicht gewachsen.
»Jawohl,« brummte er abermals, mit abgewendetem Gesicht, »natürlich meinte ich es nicht so; nehmen Sie's nicht übel, Fräulein Müller.«
Tante Elisabeth verneigte sich, war aber doch tief gekränkt und stand auf.
»Nun ich Ihnen berichtet habe, was ich weiß, Frau Gontrau,« nahm sie in spitzem Ton abermals das Wort, »ist's an Ihnen, aus meiner Mitteilung Nutzen zu ziehen. Ich werde mich um die ganze Geschichte nicht mehr kümmern.«
»Einen Augenblick, bitte,« sagte Ilse. »Was Sie gesehen haben, Elisabeth, ist ganz gewiß nicht passend, aber bevor Irma mir den Zusammenhang erklärt hat, kann ich mir kein Urteil erlauben. Möglich, daß gar nichts dahinter steckt. Die jungen Leute von heutzutage sind anders und freier in ihrem Umgang, als wir in unsrer Jugend -- das dürfen wir nicht vergessen.«
Fräulein Müller ließ ein spöttisches Lachen hören.
»Ich muß Sie freundlichst ersuchen,« fuhr Ilse fort, »über diese Geschichte zu niemand, wer es auch sei, ein Wort zu verlieren, auch nicht zu unsren Amerikanern.«
»Ganz wie Sie wünschen, Frau Gontrau.«
»Ich erbitte mir das als eine große Gunst von Ihnen und baue fest auf Ihre Verschwiegenheit.«
Großmutter Ilse streckte Tante Elisabeth die Hand entgegen, und diese las auf dem schönen, alten Gesicht eine so ängstlich flehende Bitte, daß sie, wider Willen gerührt, versetzte:
»Das können Sie, Frau Gontrau.«
Dann ging sie nach einer sehr förmlichen Verbeugung vor Onkel Heinz.
Ilse ließ sich erschöpft in ihren Sessel sinken und schaute in schweren Gedanken vor sich hin.
Der Professor aber humpelte in großer Erregung hin und her.
»Schöne Geschichte das,« rief er endlich, »bald weiß die ganze Stadt von diesem Klatsch, denn Fräulein Müller wird mit wahrer Wonne für Weiterverbreitung sorgen. Das ist was so recht nach ihrem Sinn.«
»Das glaube ich nicht,« versetzte Ilse, »sie wird schweigen, weil ich sie darum gebeten habe. Sie waren unverzeihlich grob gegen sie, Onkel Heinz; aber viel Worte darüber zu verlieren hilft nichts. Was sollen wir tun?«
»Nun,« nahm der alte Herr heftig das Wort, »dem Jungfräulein tüchtig den Kopf waschen und ihr für die Zukunft solche Streiche verleiden; mit dem jungen Menschen aber werde ich Abrechnung halten, das können Sie getrost mir überlassen, ich will's ihm ordentlich geben.«
»Und damit, glauben Sie, ist alles getan?« fragte die Großmutter mit trübem Lächeln.
»Was wollen Sie denn noch mehr? Natürlich hat der junge Taugenichts allein schuld; wenn Sie's verlangen, Frau Ilse, will ich ihn lendenlahm prügeln -- das hat er wahrlich verdient.«
»Onkel Heinz, Onkel Heinz! Da sieht man wieder, daß Sie ein einseitiger, unverbesserlicher Junggeselle sind, der von zarten Herzensangelegenheiten auch nicht das mindeste versteht.«
Der Professor hielt in seinem Auf- und Abhumpeln inne; solch ein Ausfall von Ilse Gontrau ärgerte ihn noch immer und trieb ihm trotz seiner mehr als siebzig Jahre das Blut in die Wangen.
»So,« sagte er unwirsch, »Sie haben mit den Jahren noch immer nicht verlernt, heftig zu sein, Frau Ilse.«
»Und Sie haben die Jahre nicht klüger gemacht,« versetzte sie hitzig. »Sehen Sie denn nicht ein, daß wir durch herrisches und rücksichtsloses Auftreten die Sache nur verschlimmern würden? Wenn Irma und der junge Mann sich lieben oder sich zu lieben einbilden, können einige Scheltworte von uns die Liebe nicht aus ihren Herzen reißen.«
»Da mögen Sie wohl recht haben,« meinte Onkel Heinz, ziemlich abgekühlt. »Aber was wollen Sie denn tun?«
»Das weiß ich nicht. Zuerst und vor allen Dingen mit Irma sprechen und hören, was sie zu sagen hat.«
»Natürlich, und da sie nun wohl bald herunterkommen wird und Sie diese Unterredung nicht aufschieben werden, will ich gehen.«
»Das ist nicht nötig; Sie wissen nun alles, und ich kann mit Irma in Ihrem Beisein sprechen.«
»Nein, Frau Gontrau, bin ich auch nur ein alter, einseitiger, unverbesserlicher Junggeselle, soviel Takt und Verständnis besitze ich denn doch noch, um herauszufühlen, daß ein junges Mädchen eine derartige Beichte doch lieber Ihnen allein ablegt.«
Ilse reichte ihm die Hand.
»Verzeihen Sie,« bat sie sanft, »ich war heftig und ungerecht, ich meinte es aber nicht böse.«
Er schaute sie unter seinen buschigen Brauen freundlich an, drückte fest ihre Hand und ging.
Einen Augenblick später steckte Irma ihr Köpfchen zur Tür herein.
»Ist sie fort?« fragte sie mit schelmischem Ausdruck. »Was, und Onkel Heinz hat dich auch schon verlassen, Großmama? Weshalb ist er so früh fortgegangen?«
Sie erhielt keine Antwort, und als sie fröhlich näher trat, bemerkte sie, daß die Großmutter mit ernster, bekümmerter Miene nach ihr schaute.
»Was ist denn los?« forschte sie, die alte Frau zärtlich umarmend; »hat das verschrobene Fräulein Müller etwas gesagt, was dich ärgert?«
Großmutter Ilse schlang ihre Arme um das junge Mädchen und zog es auf ihren Schoß.
»Irma,« sagte sie ohne Umschweife, »du hast mich belogen, als ich dich neulich fragte, ob zwischen dir und dem Baron von Hochstein keinerlei Beziehungen beständen.«
Irma wurde totenbleich und wollte aufspringen, doch mit sanftem Zwang hielt die alte Dame sie zurück. Entsetzt schaute das junge Mädchen sie an und las auf dem geliebten alten Gesicht einen so schmerzlichen, traurigen Vorwurf, daß es plötzlich in leidenschaftliches Schluchzen ausbrach.
Ilse streichelte das blondgelockte Köpfchen, sprach aber kein Wort.
»Großmama,« schluchzte Irma, »bist du mir böse?«
»Ich bin betrübt, Kindchen, weil du kein Vertrauen zu mir hattest. Erzähle mir nun alles.«
»Ich darf nicht,« stammelte Irma, »er hat es mir verboten.«
»Wer?«
»Otto.«
»Dann hat er sehr unrecht gehandelt, aber da das Geheimnis nun doch herausgekommen ist, siehst du wohl ein, daß du dein Versprechen nicht halten kannst.«
»Aber woher weißt du's denn, Großmama? Hat Agnes es dir erzählt?«
»Agnes? Nein. Fräulein Müller hat dich mehrmals mit ihm gesehen.«
Irma bedeckte ihr Antlitz mit beiden Händen und weinte bitterlich.
»Siehst du nun ein, Kind,« fuhr Ilse in mildem und doch festem Ton fort, »daß es das beste ist, mir zu vertrauen und alles zu erzählen? Vielleicht finde ich dann noch eine Entschuldigung für dich; beharrst du bei deinem Schweigen, so ist mir das unmöglich.«
Da verbarg Irma ihr Köpfchen in Großmamas Schoß und beichtete alles. Sie erzählte, wie schrecklich es ihr anfangs gewesen sei, so heimlich zu Werke zu gehen, wie Otto aber gesagt habe, das sei nötig, um seine Eltern allmählich zu gewinnen; wie angestrengt er nun arbeite und wie er ihr die Versicherung gegeben habe, daß bald alles zu gutem Ende kommen würde. Sie erhob Otto bis in den Himmel und konnte nicht unterlassen, ein bißchen auf Agnes zu sticheln, der sie es nicht verzeihen konnte, daß sie nicht das gleiche schrankenlose Vertrauen in den Baron von Hochstein setzte.
Als sie geendet hatte, schwieg die Großmutter eine Weile. In Gedanken versunken streichelte sie das goldschimmernde Haar ihrer Enkelin. Das legte sich Irma als ein günstiges Vorzeichen aus, und ein wenig ermutigt, fragte sie leise:
»Bist du sehr böse, Großmama?«