Transatlantische Reiseskizzen und Christophorus Bärenhäuter. Zweites Bändchen.
Part 8
Der eingefleischteste Legitimat, den je die Gnade Gottes, oder, was dasselbe ist, die Bajonette seiner Herren Gebrüder, in sein verlorenes Dominium wieder einsetzten, kann unmöglich mit größerer Verachtung und Abscheu auf die plebejischen Eindringlinge herabblicken, die sein göttliches Recht usurpirt haben, als unsere _de jure_ Mistreß Bärenhäuter auf die _de facto_ that, und, das Maß der Unbilden zu füllen, so war diese Usurpatorin eine Deutsche! -- Es würde eine psychologischere Feder erfordern, als die, so unser Dokument geschrieben, die Symptome der verschiedenen Leidenschaften auch nur oberflächlich anzudeuten, die auf dem Gesichte unserer Heldin so stark hervorbrachen. Hohn, Wuth, Rache waren die geringsten; ihre Augen sprühten so fürchterlich, daß es, eine Yankeephrase zu gebrauchen, in der Stube zu rauchen anfing; ihre Fäuste ballten sich, ihre Zähne knirschten, und, gleich der Katze, die ihr Territorium von dem Erzfeinde ihres Geschlechtes besetzt und eingenommen sieht, schickte sie sich an, auf diesen Feind loszustürzen; was bei dem Umstande, daß sie seit einem Monate ihre Nägel nicht beschnitten, leicht sehr bedenkliche Folgen für die holden Gesichtszüge der besagten Dorothea Heumacher hätte haben können.
Toffel gewahrte mit gerechtem Entsetzen die schrecklichen Symptome, und warf sich in ganzer Länge und Breite zwischen die beiden kriegführenden Mächte. Der Schrecken hatte ihm plötzlich wieder sein Englisch gegeben: _Bray!_ rief er, _dont fighd wid each oder!_ (~Pray dont fight with each other!~)[37]
[37]: Um's Himmelswillen, balgt euch nicht!
Und wirklich, die Vermittlung war nicht überflüssig, und immer blieb es noch unentschieden, ob sie auch angenommen werden würde. Aber gerade als Jemmy auf ihre Gegnerin heranrückte, oder vielmehr stürzte, öffnete sich die Thür, und herein zappelte der junge Toffel mit einer ganzen Schar junger Bärenhäuter. Fünf Jahre waren verflossen, seit sie ihren Buben in ihren Armen gehabt: Hader, Streit und Feindin vergessend, sprang sie auf ihr Kind los, um es in ihre Arme zu fassen. Der Bube erschrak, schrie laut auf, riß sich mit Gewalt von ihr los, und rannte zu seiner Stiefmutter. Die arme Jemmy stand, als ob ein Zuber kalten Wassers über sie ausgegossen worden wäre; Wuth und Rache waren vergessen, namenloser Schmerz erfaßte sie; ihre Kraft verließ, sie; sie taumelte der Thüre zu, faßte zitternd die Klinke, und war im Begriffe zu sinken. Das arme Weib litt nun wirklich schrecklich; sie war ein Fremdling ihrem eigenen Kinde geworden, ein Fremdling in ihrem Hause, in der ganzen weiten Welt. Es dauerte eine geraume Zeit, ehe sie sich erholte; endlich jedoch erholte sie sich. Seelen, wie die ihrige, sind nicht leicht gebeugt. »Wie geht es dem Vater?« fragte sie kurz.
Todt, erwiederte Toffel.
Und der Mutter?
Todt, war dieselbe Antwort.
Und den Schwestern und Brüdern?
Sind zerstreut in der weiten Welt.
So sind sie denn alle hin! murmelte sie mit kaum hörbarer Stimme.
Ich habe, sprach Toffel leiser, ein ganzes langes Jahr auf dich gewartet, und dich in allen Zeitungen, deutschen und englischen, auskündigen lassen, und als du nicht kamst, setzte er noch leiser hinzu, so nahm ich Dora.
So behalte sie, erwiederte Jemmy mit fester Stimme und einem unbeschreiblichen Blick der tiefsten Verachtung; dann lief sie nochmals auf ihren Buben los, faßte ihn, trotz alles Sträubens, und küßte ihn heftig. Und nun, sprach sie zu ihrer Rivalin gewendet, wenn du es je wagst, diesem meinem Buben etwas zu Leide zu thun, oder deinen deutschen Rachen auf seinen Mund zu legen, so -- --
Mit diesen Worten, die wir ihrer Zierlichkeit wegen zum Theil mit Stillschweigen zu übergehen für gut finden, öffnete sie die Thüre.
Halt! halt! um Gotteswillen, halt! rief Toffel mit einer Stimme, die genugsam bewies, daß er beinahe so viel gelitten habe, wie seine weiland Frau. Er hatte sie immer, trotz ihres bissig starren, zänkisch-herrschsüchtigen Wesens geliebt, herzlich geliebt, ja vielleicht aus eben dieser Ursache geliebt, da sie zur Würze seines Lebens, zum ewigen Stachel seiner phlegmatischen Deutschheit so trefflich geeignet war. Oft hatte er an Jemmy zurückgedacht; denn die Willigkeit der gutmüthigen, phlegmatischen Dora hatte sein träges Vegetiren nur noch träger gemacht; er war nun einmal ein Deutscher, die bekanntermaßen nie glücklicher sind, als wenn sie wie die Schafe geschoren und wie die Hunde getreten werden. Oft würde er einen blaugewirkten Strumpf, und selbst zwei gegeben haben, wenn er sich dadurch hätte einen sanften Rippenstoß von Jemmy erwerben können. Wirklich hatte er auch keine Mühe gespart; war der Spur der Indianer mehrere hundert Meilen nachgejagt, hatte sie auch bereits mit seinen Nachbarn erjagt, aber es zeigte sich ungeschickter Weise, daß es nicht Indianer, sondern Yankee-Uebersiedler waren. Auch auf Zeitungsankündigungen hatte er so manchen Dollar verwendet; unglücklicherweise zirkulirten diese jedoch im Osten, während Jemmy im Westen als Ehrendame figurirte, und noch unglücklicher hielt Herr Caspar Ledermaul nach einem Jahre solchen Cirkulirens und Wartens eine gewichtige Rede über den schönen Text: _Melius est nubere quam uri_, einen Text, den er gar zierlich und erbaulich ins Deutsche verdeutschte. Toffel hatte bereits lange über dieses nämliche Thema nachgedacht, als ihm so auf einmal die Augen geöffnet wurden; und so ergab er sich denn in sein Geschick, und nahm ein Weib, und zwar ein gutes Weib, ein liebes Weib; aber die Hauptsache für unsern Deutschen, die Würze, die Kniffe, die Tritte, das Scheeren fehlte.
So war nun die Lage unsers Toffels beschaffen, des Mannes zweier Weiber, zwischen denen er nun gewaltig zu schwanken schien. Zu der einen zog ihn Achtung, Gewohnheit, Neigung, zur andern ein gewisser Kitzel, oder vielmehr das Bedürfniß, gekitzelt zu werden. Zuletzt rief er aus: Halt! ich bitte dich; wir wollen zum Squire gehen, und was der und Pfarrer Ledermaul sagen, das wollen wir thun, und wie es immer ausfalle, ich will dir sechshundert Silberdollars und mein schönstes großes Roß geben. Laß uns hören, was das Gesetz Gottes und des Menschen sagt.
Auch darin bewies sich Toffel als ein ehrlicher, guter Deutscher, der nie selbst dachte und handelte, sondern diese Mühe der göttlichen und menschlichen Obrigkeit, wie er meinte, auf die Schultern zu laden für's Beste erachtete.
Jemmy nun zuckte, das Gesetz, oder vielmehr das, was aus der Auslegung des Gesetzes folgt, ein Prozeß, war Musik für ihre Ohren, so wie es die lieblichste Musik für Irinnen ist. Sie hielt inne; vielleicht möchte sie sich auch wirklich haben erweichen lassen, aber in diesem entscheidenden Augenblicke kam ihre Rivalin, die sich in die Nebenstube retirirt hatte, wieder in Vorschein, ihr jüngstes Kind im Arme und zwei gewichtige Strümpfe in der Hand haltend.
Nimm sie, sprach das gute Weib, wir haben noch sechs übrig, wir haben Ueberfluß. Nimm sie, und Jeremias Hawthorn ist noch ledig; sei glücklich, gute Jemmy.
Die sanfte, beinahe demüthig bittende Dora war wirklich rührend anzuschauen, als sie, Thränen im Auge, die halbwilde Irin anflehte, ihre sechshundert Silberdollars anzunehmen. Jedes andere Herz mußte erweichen, ausgenommen das, an welches die Bitte gerichtet war; die Erscheinung der Glücklichen schien sie in frische Wuth zu versetzen. Einen Blick der tiefsten Verachtung ihr zuwerfend, trat sie an Toffel heran, schüttelte ihm die Hand, bot ihm ein Lebewohl, und verließ die Stube.
Renn', lauf', lieber Toffel, was du kannst! bat, beschwor ihn Dora. Lauf', um's Himmelswillen! sie möchte sich sonst ein Leid anthun.
Toffel war seiner selbst unbewußt da gestanden; es war, als ob das Ganze ihm ein Traum gewesen; die Stimme seines Weibes rief ihn in die Wirklichkeit zurück. »Denk nur, Toffel!« bat sie nochmals, ihre Hände faltend. Und Toffel lief aus Leibeskräften der Armen nach; sie war jedoch schon weit vorausgeeilt. Seine langen Schritte verdoppelnd, hatte er sie beinahe eingeholt, als sie sich umwandte, und ihm befahl, umzukehren. Einem kräftig ausgesprochenen Befehle kann ein deutsches Blut nie widerstehen, und so kehrte denn Toffel um, und ging zu seinem Weibe. Einige Minuten starrte er ihr noch nach, bis sie in den Windungen des Berges verschwunden war, und dann schüttelte er seinen Kopf und dachte -- was? können wir unmöglich sagen.
Jemmy lief nun wie ein gescheutes Reh den Berg hinan; wieder war sie auf dem fatalen Vorsprunge angekommen, wo ihr irdisches Glück einen so schrecklichen Stoß, sie konnte es sich nicht verhehlen, durch ihre eigene Schuld erlitten. Noch einmal überblickte sie ihre vorige friedlich-ruhige Heimath; da lag sie mit Allem, was ihr werth und theuer war: das substantielle Wohnhaus mit seinen beiden Toffeln; dort weideten ihre Kühe und Kälber, und ein halbes Dutzend der größten Rosse, die sie je gesehen; da stand die Ciderpresse; -- und Allem, Allem sollte sie nun entsagen: ihrer Butter und ihrem Käse, ihrer Wohnung und ihrem Throne. Der Gedanke schnitt in's Innerste ihres Herzens; sie weinte bitterlich. Allein stand sie da, verlassen auf der weiten Gotteswelt; Vater und Mutter todt, Brüder und Schwestern in der weiten Welt; ihre Bekannten und Freundinnen würden lachen und spotten der Jemima, der indianischen Squaw. Ihr ungebeugter Sinn empörte sich bei diesem Gedanken; allmälig wurde ihr Gemüth ruhiger, ihre Miene zuversichtlicher. Ein Entschluß schien in ihr aufzukeimen, der mit jeder Sekunde an Stärke zunahm. Als wollte sie der Möglichkeit einer Gesinnungsänderung entwischen, sprang sie vom Boden, rannte dem Walde zu, und drang tiefer und tiefer ein.
Drittes Capitel,
welches da zeigt, wie die zwei rothen Kolben doch eine Vorbedeutung gewesen.
Es war im Jahre 1796, im Anfang des indianischen Sommers, als Jemmy zum zweitenmale ihren langen Weg antrat. Der Himmel begünstigte diesmal ihr Unternehmen. Sie kehrte auf demselben Wege zurück, den sie, freilich unter lieblichern Auspicien, gekommen war. Sie hatte sich nun an das Wandern in den Wäldern so ziemlich gewöhnt; mit demselben ungebeugten Muthe trat sie wieder in die Wohnungen der zerstreuten Ansiedler im damaligen nordwestlichen Territorium[38], und forderte mit derselben Unerschrockenheit Trank und Speise und Nachtherberge. Keiner wagte sie zu fragen, keiner sie auszuholen; der schmerzhafte Blick der Entsagung und des Muthes schreckte alle zurück, und wenn es ja einer wagte, sie forschend anzublicken, so erstarb ihm das Wort auf der Zunge. Fest und entschlossen barg sie ihren Schmerz im eigenen Busen, zu stolz, um überflüssiges Mitleid zu erbetteln, zu klug um zum Theegespräche werden zu wollen. Als die Wohnungen aufhörten, nahm sie wieder zu wilden Trauben, Papaws und Kastanien ihre Zuflucht, und wanderte so die vierhundert Meilen zu den Quellen des großen Miami zurück, wo sie sich acht Wochen nach ihrer Flucht eben so kühn und unverzagt präsentirte, als ob sie von einem Morgenbesuche zurückgekehrt wäre.
[38]: Dem heutigen Staate Ohio.
Nie war der Jubel im Hauptquartier der Shawneese größer gewesen, als wie Jemmy in die Hütte der Mutter Tomahawks eintrat. Die ganze Bevölkerung der Wigwams war rege; Tomahawk war außer sich vor Freude. Er war ihr Bewunderer und Verehrer volle fünf Jahre gewesen, und hatte sich, was bei einem Wilden nicht wenig bedeuten will, die ganze Zeit hindurch auch nicht die mindeste Freiheit erlaubt. Sie hatte nicht geringen Einfluß auf das Völkchen sich erworben; sie war die Lehrerin der Weiber, die Schneiderin, Köchin der Männer, das Factotum Aller gewesen; daß die Letztern, wenigstens zum Theil, menschlichen Wesen in ihrem Aeußern und nicht Orang-Outangs ähnlich sahen, war ganz ihr eigenes Werk. Tomahawk tanzte und sprang vor Freuden: »Weiße Männer nicht gut! Rothe Männer gut!« rief er jubelnd, und in seinen Jubel stimmten Mutter, Squaws und Männer sammt und sonders mit ein. Es war mit einem Worte ein Freudenfest für den armen Häuptling, das noch glänzender ausgefallen wäre, hätten er und die Seinigen mehr Feuerwasser gehabt.
Fest und bestimmt jedoch, als der Entschluß Jemima's war, ließ es ihre Klugheit nicht zu, dem verliebten Wilden sein Spiel allzu leicht zu machen; nein, sie erholte sich lange Zeit Rathes, ehe sie ihm auch nur die entfernteste Hoffnung machte. Zwanzig Tage war sie bereits mit Tomahawks Mutter eingeschlossen, während welcher Zeit der arme Häuptling sie nur zweimal zu sehen bekam. Endlich am ein und zwanzigsten Morgen wurde er in die Gegenwart der Souverainin seines Herzens berufen. Er kam, wo möglich noch bunter herausstaffirt, als bei seiner ersten Bewerbung; stammelnd trug er ihr seine Wünsche vor. Jemima hörte ihn ernst, wie ein Oberrichter, an; nachdem er seine Rede geendigt hatte, wies sie schweigend auf den Tisch hin, auf welchem ein vollständiger Anzug von amerikanischer Kleidung lag. Tomahawk kehrte jauchzend in seine Hütte zurück, und erschien nach einer halben Stunde, ein ganz anderer Mensch, vor seiner Gebieterin. Er sah wirklich nicht uneben aus; ein wohlgestalteter Junge von kräftig schlankem Wuchse -- Toffel war nichts dagegen; -- zudem Häuptling von mehrern hundert Familien, hatte er seit seiner Bekanntschaft so viele Proben von Anhänglichkeit, Ehrfurcht und Lenksamkeit gegeben, die ihn zu einem gar nicht verwerflichen Ehemanne in den Augen Jemmy's qualificiren mochten. Sie reichte ihm nun gnädigst ihre Hand; es galt eine fernere Probe. Bereits standen auf Geheiß seiner Mutter zwei Pferde vor der Hütte; sie befahl Tomahawk, selbe zu satteln. Er gehorchte schnell und schweigend. Sie bestieg das eine, und winkte ihm bedeutsam, ein gleiches zu thun und ihr zu folgen. Der Wilde staunte, starrte, folgte jedoch unwillkürlich seiner geliebten Herrin, die das Wigwam verließ, und in der Richtung nach Süden forttrabte; einige Male erkühnte er sich zu fragen, aber sie winkte, zeigte bedeutsam hinab in die Ferne, und er schwieg und folgte. Der Friede war während ihrer Gefangenschaft wieder hergestellt, und ihre Reise hatte für sie wenigstens Ein Gutes zur Folge gehabt. Sie hatte vernommen, daß beiläufig vierzig Meilen in südlicher Richtung von den Quellen des Miami eine amerikanische Niederlassung entstanden; nach dieser ging nun ihre Reise. Als sie in derselben angelangt war, fragte sie sogleich nach dem Friedensrichter. Das Staunen des werthen Squire war nicht gering, als er plötzlich ein junges, hübsches Weib -- Jemmy hatte sich in den zwanzig Tagen ihrer Zurückgezogenheit wieder abgerundet -- und einen kräftig blühenden Wilden, wie ein Gentleman gekleidet, in seine Stube treten sah. Jemmy jedoch ließ ihm nicht lange Zeit zur Verwunderung, sondern wandte sich ohne weitere Umschweife zu ihrem Begleiter und sprach: Tomahawk! du hast während der fünf Jahre meiner Bekanntschaft mit dir so viel gesunden Menschenverstand an den Tag gelegt, daß ich alle Hoffnung habe, aus dir einen Mann zu bilden, und so habe ich mich denn entschlossen, aus dir einen Mann zu machen.
Tomahawk wußte nicht, ob er wache oder träume, und so ging es dem Squire; aber das ausdrückliche Verlangen, sie, Jemima O' Dougherty, ehelich mit Tomahawk, dem Häuptling der Shawneese, zu verbinden, und zwei blanke Silberdollars beseitigten alle Zweifel, und der Friedensrichter sprach die Eheformel über sie aus, und vereinte ihre Hände. Der Segen war bereits gesprochen, und noch immer begriff der arme Wilde nicht, was das Ganze zu bedeuten habe; als aber Jemmy seine Hand faßte, und ihm eröffnete, sie sei nun sein Weib und er ihr Mann, da war ihm, als wäre er so eben aus den Wolken gefallen. Er tanzte im Zimmer herum, er sprang, er jubelte, er lachte, er weinte, Alles vor Freude. Der Friedensrichter selbst war nicht weniger überrascht, und zwar so sehr, daß er ein treffliches Abendessen den Beiden zum Besten gab, sie bei ihm zu übernachten nöthigte, und Jemmy selbst die zwei Thaler zurückgab, wie seine Bücher noch heutiges Tages ausweisen. Und gewiß mußte es für den guten Mann und die Ansiedler nicht von geringer Bedeutung sein, den unbändigen Tomahawk, der im letzten Kriege so viel Unheil durch seine Excursionen angerichtet hatte, unter einer, allem Anscheine nach, so entschlossenen, muthigen Direction zu wissen.
Tomahawk und sein Weib kehrten den folgenden Tag in ihre Heimath zurück, und vom Tage der Rückkehr begannen auch seine Honigmonde. Mistreß Tomahawk nämlich war kaum in ihre neue Wohnung installirt, als sie auch ausfand, daß die erbärmliche Hütte viel zu klein und enge und unsauber für sie beide sei. Und wirklich, sie war eher einer Bärenhöhle, als einer menschlichen Wohnung zu vergleichen. Tomahawk und seine Leute hatten nun Bäume zu fällen, wozu sie sich nur gegen ein gewisses Honorar von Whiskyflaschen, die Jemmy für die zwei Dollars mitzunehmen für gut befunden hatte, herbeiließen. Mehrere von ihren Landsleuten waren von der Niederlassung heraufgekommen, und halfen das Gebäude aufzimmern. Tomahawk sprang freilich, als er vierzehn Tage hindurch die Axt handhaben mußte, jedoch nicht mehr vor Freuden; er schnitt Gesichter; aber all sein Springen und Gesichterschneiden half zu nichts: er mußte daran und darauf. In vier Wochen schlief er im bequemen Wohnhause, so bequem, so wohnlich, wie Toffels. Tomahawk hatte nun ganze vier Wochen Ruhe, aber das Frühjahr meldete sich an, und das Kornfeld war offenbar zu klein, ja es hatte nicht einmal eine Umzäunung, und Schweine und Pferde fraßen den größten Theil der Saat, ehe sie noch in den Samen schießen konnte. Mistreß Tomahawk bedurfte eines größern, und ihre wilde Ehehälfte hatte daher ein paartausend Bäume zu ringeln und umzuhauen, und einige Dutzend Aecker zu umzäunen. Ihr Freund, der Friedensrichter, hatte bei dieser Zeit wahrgenommen, daß sie eine wackere junge Frau und treffliche Haushälterin, unternehmend, thätig war, die es wohl verdiente, auf allen Wegen ermuthigt zu werden. Er war Amerikaner im ganzen Sinne des Wortes, der half, wo es etwas half; er sandte ihr sofort einige Hundert Aepfel- und Pfirsichbäume, die sie pflanzte und pflanzen ließ. Wiederum hatte Tomahawk einige Wochen Ruhe; aber es war böse Wirthschaft, und zwar seit undenklichen Zeiten, mit den Fuchs-, Hirsch-, Biber- und Bärenfellen getrieben worden. Tomahawk war ein berühmter Schütze und Jäger, aber er verhandelte den Preis wochenlangen Jagens nicht selten für einige Gallons Whisky. Gleich den übrigen seiner rothen Brüder, hatte er die schwache Seite, einen Schluck, oder vielmehr deren viele zu thun, wenn es Gelegenheit dazu gab. So groß war jedoch die Furcht vor seiner Ehehälfte, daß er die Branntweinflaschen pfiffiglich in hohle Bäume versteckte. Mistreß Tomahawk fand jedoch den Sünder bald aus, und um künftig allen Versuchungen vorzubeugen, befahl sie ausdrücklich, daß alle Felle heimgebracht, und ihrer Disposition überlassen werden sollten. Nun nahm sie den Fellhandel auf sich. In kurzer Zeit wackelten mehrere Kühe durch das ellenhohe Gras an den Miamiufern, und Tomahawk kostete zum erstenmale in seinem Leben Kaffee und Wälschkornkuchen. Aber es kam noch schlimmer. Ein junger Tomahawk erblickte das Licht der Welt, und die alten Squaws zögerten nicht, ausgerüstet mit Bärenfett und Kuhmist, ihre Aufwartung zu machen, willens, den neuen Stammhalter feierlich in ihre religiöse und politische Gemeinschaft einzuweihen. Allein Jemmy sah so bitterböse darein, und ergriff, als dieses nicht helfen wollte, ihren Scepter, den Besen, so wacker, daß Alt und Jung heulend zum Hause hinausstürzte, gleich als ob sie vom wilden Jäger verfolgt würden. Als sie von ihrem Kindbette sich erholt hatte, befahl sie wieder Tomahawk, zwei Rosse zu satteln. Natürlich gehorchte er ohne zu mucksen, und nahm ohne Widerrede seinen Sohn auf den Arm. Auch dieses Mal ging ihre Reise auf die erwähnte Niederlassung, aber nicht dem Hause des Friedensrichters, sondern des Predigers zu. Tomahawk ließ sich Alles ruhig gefallen; als er aber den Prediger seinen Sohn mit Wasser begießen sah, verging ihm alle Geduld. Er sprang nicht bloß, er tobte, er wüthete, er nannte Mistreß Tomahawk -- stellen Sie sich nur vor, schöne Leserinnen, der Ungezogene! -- eine Hexe, eine Teufelin, eine Medizin[39]. Jemmy, ohne ein Wort zu verlieren, runzelte ihre Stirne, warf ihr Näschen auf, und der junge Tomahawk ward getauft, wie andere Christenkinder.
[39]: =Medizin= werden von den Indianern Aerzte, Hexenmeister, Zauberer, überhaupt alle diejenigen genannt, die sie wegen ihrer Kenntnisse in Verbindung mit über- oder unterirdischen Wesen wähnen.
Als einige Jahre später die Shawneese-Indianer mit der Regierung der Staaten in Unterhandlungen wegen Abtretung ihrer Ländereien traten, war die Farm Tomahawks zu mehrern hundert Ackern blühender Fruchtgärten und herrlicher Wiesen und Felder angewachsen. Mistreß Tomahawk wies natürlich jede Zumuthung, ihr Land abzutreten, mit Standhaftigkeit zurück, und vertheidigte ihre und ihres Mannes Rechte, wobei ihr der Friedensrichter hülfreiche Hand bot, so wacker, daß die Commissaire noch froh waren, mit einigen tausend Ackern davon zu kommen. Schwerer hielt es, dieselbe Ausnahme mehrern Indianerfamilien auszuwirken; doch auch dies gelang ihr, und einige zwanzig dankbare Familien segnen noch heute ihr Andenken. Und ihr Wohlstand und ihre Zufriedenheit nahmen mit jedem Jahre zu; sie sandte ihre Kinder in die Schule der Missionaire an den Maumeefällen, wo sie zu Christen und Bürgern gebildet wurden, und sie lebt nun, das sichtbare verehrte und werkthätige Oberhaupt ihrer rothen Mitbürger und Mitbürgerinnen.
Der Reisende, den sein Weg über die Haide zwischen Columbus und Dayton nordwärts führt, wird unter und zunächst den Quellen des Miami ein gewaltiges, aus gehauenen Baumstämmen aufgezimmertes Wohnhaus mit Scheunen und Ställen finden, umringt von üppigen Waizen- und Wälschkornfeldern, und auf den Wiesen an die sechzig der schönsten Melkkühe, mit Kälbern, Pferden und Füllen, nicht zu gedenken der Fruchtgärten, die unter der Last von Aepfeln, Birnen und Pfirsichen zu brechen drohen. Um das Haus herum tummeln sich ein halbes Dutzend Jungens und Mädchen von hellrother Gesichtsfarbe, und herausgeputzt, als wären sie so eben aus Stubbs Laden zu Philadelphia gekommen. Am Sonntage lesen sie ihre Bibel, oder satteln sich ihre Pferde, und begleiten Mistreß Tomahawk zur Kirche; dem Häuptlinge, der ziemlich behaglich und comfortabel aussieht, lesen und erklären sie die Zeitungen, und der alte Tomahawk rühmt sich, daß seine Buben bessere Mediciner geworden sind, als die der Weißen. Und er ist noch stark in Zweifel, ob seine zwei ältesten Söhne Advokaten oder Doktoren werden sollen. Zweimal jedes Jahr macht Mistreß Tomahawk eine Tour nach Cincinnati auf ihrem sechsspännigen Wagen, der, mit Butter, Ahorn-Zucker, Käse, Mehl und Früchten beladen, einen Zug darbietet, den kein Gouverneur aufweisen kann. Sie hat stets zwei ihrer Söhne als Vorreiter bei sich. Und sie ist eben so sehr das Schrecken der Marktinspectoren allda geworden, als sie das Orakel und der Liebling aller Marktweiber -- und Männer ist.
Nachwort an den geneigten Leser
von den Verlegern.
Es ist wohl selten der Fall, daß Buchhändler es unternehmen, zu ihren Verlagswerken Nachworte oder Nachreden zu schreiben; die Gelegenheit dazu aber bietet dasjenige Buch des Verfassers der Reiseskizzen dar, welches wir voriges Jahr als eine höchst merkwürdige Erscheinung unter dem Titel:
=Der Legitime und die Republikaner=.
Eine Geschichte aus dem letzten amerikanisch-englischen Kriege.
mit dem Motto:
Ich zittere für mein Volk, wenn ich der Ungerechtigkeit gedenke, deren es sich gegen die Ureinwohner schuldig gemacht hat.
=Jefferson=.
3 Bde. in 8., thlr. 4, oder fl. 6 rheinisch.