Transatlantische Reiseskizzen und Christophorus Bärenhäuter. Zweites Bändchen.
Part 6
Zuvor jedoch hatte er noch die Protestation von Jemmy zu hören, die von Sr. Wohlehren Caspar Ledermaul, so wie von keinem der Lutherischen Prediger etwas hören wollte. Toffel jedoch bedeutete ihr trocken, daß sein Vater von einem Lutherischen Minister eingesegnet worden wäre, daß sein Großvater das gleiche Schicksal gehabt habe, und daß er es auch haben wolle, und daß er von dem Segen eines Friedensrichters gerade so viel hielte, als ob er gar nicht ausgesprochen wäre, und daß er sich gar nicht verheirathet gedenken könnte, wenn es nicht von und durch Caspar Ledermaul geschähe. Und Jemmy, obwohl verstockt in allem Uebrigen, gab in diesem Punkte nach; Herr Caspar Ledermaul vereinigte ihre Hände, und die ganze Niederlassung kam, den Brautkuchen zu essen, und alle Welt lebte hoch auf.
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Hier nun endigt sich der erste Theil unserer Relation, wobei wir schließlich den Unterschied zu bemerken nicht umhin können, der zwischen unserer wahren, documentirten und einer gewöhnlichen Geschichte obwaltet, maßen eine gewöhnliche Geschichte, Roman oder Novelle genannt, nun enden würde; denn da Christophorus Bärenhäuter am Ziel seiner Wünsche, das heißt mit Jemima O' Dougherty zu Freud und Leid vereinigt ist, wozu sollte eine weitere Ausdehnung dieser ohnehin gedehnten Geschichte wohl dienen? So würde ein gewöhnlicher Geschichtschreiber wohl schließen und schließen müssen; nicht so aber wir, die wir Dokumente vor uns haben, die gerade da wichtig zu werden anfangen, wo jenen der Faden ausgeht. Ihr derohalb günstigen Leser, die ihr Geduld gehabt, mit uns durch diese Quasi-Präliminaria zu gehen, beliebet günstig weiter zu schreiten, in der Hoffnung, daß eure Mühe nicht unvergolten belassen sein wird, wie die Folge darthun mag.
Zweites Capitel.
Wie Christophorus Bärenhäuter zur Meeting gegangen und geritten, und wie Jemima O' Dougherty vom großen Roß geworfen worden.
Christophorus Bärenhäuter hatte sein ein und zwanzigstes Jahr noch nicht völlig zurückgelegt, als sein Honigmond mit der achtzehnjährigen Jemima begann, und zur Ehre Toffels sei es gesagt, er übernahm sich nicht bei der Feier desselben. In Saus und Braus zu leben, war ohnehin seine Art nicht, wie wohl bekannt; er hatte daher auch keine Anwandlung, Mistreß Bärenhäuter in die gute Gesellschaft zu Saratoga einzuführen, und bei dieser Gelegenheit die zwei blauen Strümpfe zu leeren. Nein, Toffel hatte fleißig auf seinem Hofe vor der Hochzeit gehaust, und er fuhr fort, dasselbe auch nach derselben zu thun; seine Aecker gingen ihm über Alles, und diese gehörig zu traktiren, verstand er so gründlich wie irgend einer; ja gründlicher, -- Dank sei es der heilsamen Erziehung und den heilsameren Lehren und Ermahnungen und handgreiflichen Argumenten, die ihm alle Tage seines Lebens, und noch am Sterbebette von Zebediah Bärenhäuter waren beigebracht worden. Am ersten März sprach dieser mit zitternder Stimme: »Vergiß nicht, Toffel, auf deinen Zucker, und bohre nicht zu tief in die Ahornbäume; am ersten Mai soll dein Wälschkorn im Grunde, am ersten Juli dein Heu aufgeschobert, am ersten August muß dein Waizen und Roggen in der Scheune, dein Buchwaizen eingesäet sein. Nächstes Jahr, stotterte der arme Sterbende, gedenk an mich und heiße mich etwas, wenn die hessische Fliege nicht in's Getreide kommt. Du kennst das Recept; und gegen den Wurm im Herbst: _Camphor_ und _gran_ -- -- Hier verließ ihn seine Stimme; nochmals raffte er sich auf, und stieß ein abgebrochenes _spirit_ -- _aether_ -- heraus, dann schnappte er nach Athem; es erfolgte jedoch eine Pause, und zwar eine lange Pause -- der werthe Zebediah Bärenhäuter hatte ausgeathmet. Toffel wischte sich eine Thräne vom Auge, und fing an, statt alles überflüssigen Trauerns, wozu er ohnehin keine Zeit gehabt hätte, die Lehren seines Vaters auf seine eigene Faust hin zu praktiziren, und da er sie oft genug gehört und angewandt gesehen, so gelang ihm dieses auch über alle Maßen, und er war, obgleich noch jung, ein tüchtiger Landwirth geworden, der nicht selten von alten Nachbarn um Rath gefragt wurde.
Was nun Mistreß Bärenhäuter betrifft, so war sie im Grunde kein unebnes Mädchen gewesen; sie konnte daher auch kein gerade schlechtes Weib sein; im Gegentheile. Immer hatte sie jedoch ein Item, und ein böses Item war dieses, eine Espece von irischer Teufelei, die sie nie ruhen ließ, bis der arme Toffel ihren Willen gethan, und, was schlimmer war, wenn der arme Toffel ihn gethan hatte, dann war es wieder nicht recht, daß er ihn gethan; mit einem Worte, daß er keinen eigenen Willen hatte. Es half nichts, wenn er sie anstarrte und zu brummen anfing, falls ihr irisches Züngelchen zu geläufig wurde; sie kehrte sich nicht im geringsten nach ihm, noch an seine weit- und breitschweifigen deutschen Epithete: Verflucht! Schwere Noth! Kreuzsapperment! Teufelsweib! -- sie hatte in der That die H--n an. Nach seiner eigenen Weise lebte jedoch unser Paar so ziemlich glücklich; sie trank ihren Thee, er seinen Whisky und saure Milch; sie machte Butter und Käse, er Zäune, schor die Schafe, pflügte und säete, und zog Kälber und Füllen auf, und nach Verlauf von zwölf Monaten band er einen dritten blaugestrickten Strumpf, mit Silberdollars angefüllt, an beiden Enden zu. Ein junger Bärenhäuter hatte seine Aufwartung gleichfalls gemacht, ein glorreiches Specimen der teuto-hibernischen Brut; mit einem Worte, Toffel hatte, Alles zusammengenommen, immer Ursache, sich zu seinem rothen Kolben zu gratuliren. Er liebte sein Weib wahrhaftiglich, und nach seinen Rossen behauptete sie unbezweifelt den ersten Rang in seinem Herzen, seine Dollars erst den zweiten, oder, von seinen Rossen an gerechnet, den dritten.
So waren, wie gesagt, zwölf Monden verstrichen. Es trug sich nun nach Verlauf dieser Zeit zu, daß ein Missionair in die Niederlassung kam, in der löblichen Absicht, den guten Leuten einen nähern und gewissern Weg zur Himmelspforte zu zeigen, als der sein sollte, welchen sie bisher unter der Leitung des ehrwürdigen Caspar Ledermaul gewandelt waren, vorausgesetzt, sie würden ihre Ohren und, was nicht minder wichtig, ihre Hände nicht halsstarrig seinen eindringlichen Ermahnungen verschließen. Um seinem preiswürdigen Vorhaben den gehörigen Impuls zu geben, so hatte er eine Meeting[28] angekündigt, nachdem er sich zuvor bei der in solchen Angelegenheiten stimmführenden Partei, den Damen, Raths erholt hatte.
[28]: =_Meeting_=, Versammlung, wird jede Zusammenkunft genannt, sie mag nun politischer oder religiöser Natur sein.
Mistreß Bärenhäuter war natürlich zuerst um ihre Beistimmung und ihr Patronat ersucht worden, da sie ohne Widerrede als die Stimmführerin des Geschlechtes angesehen werden konnte. Als Erwiederung des schmeichelhaften Komplimentes hatte Madame beschlossen, daß der jüngere Bärenhäuter vom ehrwürdigen Kandidaten für die Predigerstelle, Gott weiß welcher Denomination, getauft, und daß der ältere seinen Stammhalter auf seinen Armen in die Versammlung transportiren sollte.
So weit wäre nun Alles recht gewesen, und wir haben keine Einwendungen gegen diese Arrangements zu machen, und auch Toffel hatte im Grunde keine; immerhin war jedoch seine Zustimmung nicht von der Art, wie sie der schlichte Deutsche sonst von sich gab. Es war, als ob ihm etwas ahnete, ein gewisses ängstliches Vorgefühl schien in ihm aufzudämmern, als er ihren Ausspruch hörte; er ging offenbar mißmuthig dem Stalle zu, um die Pferde, ihrem Befehle gemäß, zu satteln. Wem galt dieses Vorgefühl? Galt es der Mistreß Bärenhäuter oder seinem gewaltigen Grauschimmel? Eine wichtige Frage; zu wichtig für uns, und deshalb bloß billig, daß wir sie der Gründlichkeit seiner landsmännischen Philosophen überlassen, und zu ihm, unserm Toffel zurückkehren. Mistreß Bärenhäuter nun hatte so viele Vorliebe für den Grauschimmel gezeigt, eine so sonderbare Vorliebe, daß sie absolut kein anderes Pferd besteigen wollte. Freilich waren sie bloße Katzen, verglichen mit dem allgewaltigen Roß, kaum vierzehn Faust hoch; doch waren sie immerhin groß genug für sie, da sie ja selbst keine Riesin war. Die beiden Eheleute waren noch nie im Verlaufe ihres Ehejahres zusammen ausgeritten, und obwohl er jederzeit brummte, wenn sie darauf bestand, den Grauschimmel zu ihrem Besuche beim alten Davy zu haben, so hatte ihr bestimmt ausgesprochenes Wesen ihn nie zu einer Weigerung ermuthigt; dieser Tag jedoch war für ihn von großer Wichtigkeit; die ganze Nachbarschaft kam gewiß zusammen, und das im glänzenden Aufzuge. Toffel war allmälig auch ehrgeizig geworden, und aspirirte zu öffentlichen Aemtern. Man hatte ihm bereits das Wegmeisterthum anvertraut; er dachte nun an etwas Höheres, und sollte er nun auf einer seiner Mähren dahergetrabt kommen, er, der stets seinen Kopf so hoch getragen, wenn er auf seinem Hengste saß? Was wird die Welt von ihm denken? Ohnehin war es bereits umhergeflüstert, daß er ziemlich dem alten Davy in die Fußstapfen getreten sei, käme er nun -- -- nein, der Gedanke war unerträglich; er sah bereits das Hohnlächeln seiner Bekannten und Bekanntinnen, Freunde konnte er sie seit seiner Heirath kaum mehr nennen; er hörte ihr Wispern und Flüstern. Sein Weib kam gerade aus der Hausthür mit dem Jungen, als er die Pferde aus dem Stalle führte; er wagte es kaum, einen verstohlenen Blick auf sie zu werfen, und dieser verstohlene Blick belehrte ihn, so wenig er Physiognom war, daß nichts, gar nichts für ihn zu hoffen stand. Auf ihrer Stirne saß ganz und gar der unbeugsame irische Trotz, die unausstehliche Keckheit, die seinen Kredit bei seinen Nachbarn für immer zerstören, und ihm das fürchterliche Epithet des größten aller Pantoffelhelden auf ewige Zeiten zu eigen geben sollte. Mit Furcht und Zittern führte er die beiden Gäule dem Hause zu; seine schlimmsten Erwartungen sollten leider nur zu bald gerechtfertigt werden, als Mistreß Bärenhäuter ihm seinen Toffel hinhielt, dann auf den Klotz eines Hickorystammes sprang, mit der einen Hand den Zügel des Grauschimmels erfaßte, und mittelst der andern sich in den Sattel schwang. Da saß sie nun auf dem ungeheuern Thiere, das leibhafte Ebenbild eines schadenfrohen Pavians, der sich so eben anschickt, die Langmuth des geduldigen Dromedars auf eine harte Probe zu stellen. Toffel sah mit offenem Munde und starren Augen zu. Der Rücken dieses Thieres war sein Stolz, sein Thron, sein Alles gewesen, und daneben stand die Mähre, kaum vierzehn Fuß hoch. Er mochte eben so wohl zu Fuße gehen, als sie besteigen; seine langen Beine mußten unfehlbar daneben herschleifen. Toffel war ein geduldiger, herzensguter Junge, der gewaltig viel ertragen konnte; aber bei dieser Gelegenheit wurde ihm der Spaß doch zu rund, und seine praktische Philosophie wollte nicht mehr auslangen. Seine Augenbraunen zogen sich zusammen, und es hatte wirklich das Aussehen, als ob der feste Entschluß in ihm aufkeimte, nicht nachzugeben.
_My hard!_ sprach er nach einem langen Kampfe, während sie das Roß wandte, ohne seinen Jammer auch nur eines Blickes zu würdigen. _My hard!_ wiederholte er, _I bray you, däke dat little orse, and let me rite my big one_ (~My heart! I pray you take that little horse and let me ride my big one~)[29].
_Toffel!_ erwiederte seine Ehehälfte im Tone äußersten Erstaunens über seine Verwegenheit, während eine Feuergluth die Wangen roth und das Näschen grün färbte: _Toffel, surely you aint such a fool, as to think of that just now!_[30]
_Yes_, erwiederte ihr nur zu geduldiger Ehemann, _I am dat fool just now. I am a big body, and if I rite dat Irish heifer, I walk and rite all at once_ (~I am fool just now, I am a big man and if I ride that Irisch heifer I may as well walk as ride~)[31].
[29]: Mein Schatz, ich bitte dich, den kleinen Gaul zu nehmen, und mich meinen großen reiten zu lassen.
[30]: Toffel, sicherlich bist du nicht ein solcher Narr, auf dieß gerade jetzt zu denken!
[31]: Ich bin dieser Narr, ich bin groß, und wenn ich diese irische Katze reite, so reite und gehe ich zugleich.
Seine Worte, sein Blick machten die Dame stutzen; es war Empörung gegen ihre oberherrliche Gewalt darin zu lesen, ihre ganze künftige Pantoffelgewalt hing von ihrem gegenwärtigen Entschlusse ab. So mochte sie sich einbilden, und in dieser Einbildung löste sich ihre Zunge; ihre Stimme stieg einen Ton höher, und sie überschüttete unsern armen Toffel mit einem solchen Schwalle irischer Lobreden, daß der arme Ehemann, seinen Hengst aufgebend, sich über Hals und Bein in die Stube retirirte. Nie in seinem Leben hatte der arme Junge sich so gedemüthigt gefühlt, als wie er sie, mit dem Ausdrucke der tiefsten Verachtung in ihren Zügen, dem Rosse einen Hieb geben sah, der die Reiterin in zwei Sätzen aus dem Hof und durch das Gatter brachte. Toffel starrte ihr einen Augenblick mit offenem Munde nach, und bestieg dann seufzend sein Kalb, seinen eigenen Ausdruck zu gebrauchen.
Und hier können wir nicht umhin, ein Wort zum Besten all der unter dem weiblichen Regimen stehenden Ehemänner um so mehr einzuschalten, als selbes gar nicht übel gemeint ist. Nein, wir sind weit entfernt, uns in eine häusliche, oder, was noch schlimmer ist, in eine öffentliche Angelegenheit einzumischen, maßen wir fest überzeugt sind, daß eine derlei Vermittlung es keiner Partei recht thun könnte. Hätte aber Toffel seine Mähre ganz ruhig in den Stall zurückgeführt, und Mistreß Bärenhäuter mit allgemeinem deutschen Phlegma bedeutet, sie könne allein zur Versammlung reiten, er aber und der junge Toffel würden zu Hause bleiben: wir wetten zehn gegen eines, die liebenswürdige Dame würde den Ehrenpunkt aufgegeben, und noch immer Mistreß -- -- Doch nein, es geht nimmermehr, wenn die Frau den Herrn spielt und den lieben Gemahl zur Zielscheibe des nachbarlichen Witzes zu machen sich nicht entblödet. Merkt euch das, meine schönen Leserinnen, besonders ihr, deren Näschen mit dem unserer Heldin in einer und derselben Constellation stehen.
Toffel hatte seine Mähre bestiegen, und folgte schweren Herzens, den jungen Toffel auf dem Arme. Und wahrlich, vom Reiten war gar keine Rede; seine Beine, wollte er sie nicht in rechte Winkel schließen und so beim ersten Seitensprunge seines Pferdes den Boden küssen, mußten sich gefallen lassen, auf der Erde mit fortzuwandeln; und der Weg war noch dazu so heillos schlüpfrig, da es die Nacht zuvor geregnet hatte. Fürwahr, seine Position war nicht beneidenswerth. Langmüthig wie er war, hatte ihn die letzte Discussion nichts weniger als in eine kirchengehende Laune versetzt, und er murmelte noch immer verschiedene Phrasen, als da sind: Kreuzschwere Noth! Sapperment! Verflucht! und würde wahrscheinlich noch länger in seinem Monolog fortgefahren sein, wenn er nicht in dieser trostreichen Unterhaltung durch einen lauten Hülferuf unterbrochen worden wäre, der von oben herab kam. Toffel sah sich um, schaute aufwärts, doch nichts war zu sehen noch zu hören, und doch war es die durchdringend gellende Stimme seines Weibes gewesen, das war gewiß. Wer konnte es sonst sein? Sie war hundert Schritte voraus galloppirt, und die Windungen des durch die Berge kreisenden Weges hatten sie seinen Blicken verborgen. Der Grauschimmel hat sie sicher abgeworfen, dachte der ehrliche Junge, und kaum war der Gedanke in ihm aufgestiegen, so kam auch das tolle Roß in gewaltigen Sätzen den Berg herabgalloppirt. Dem Armen wurde angst und bange; mit beiden Füßen warf er sich von der Mähre, sprang dem wilden Rosse entgegen, und dieses, seinen Meister erkennend, blieb geduldig stehen, bis er es des Sattels entledigt und sich mit seinem Sprößlinge auf dessen Rücken verpflanzt hatte.
Und nun trabte er aus Leibeskräften den Berg hinan zum Beistand seiner Ehehälfte, um die, nach solchem Treiben, ein Anderer keinen Schuß Pulver mehr gegeben hätte; Toffel war jedoch eine gute deutsche Haut, und so vergaß er denn alle so eben gethanen Eingriffe in seine angeborenen Souverainetätsrechte, über Hals und Kopf dem verhängnißvollen Orte zueilend, wo seine Ehehälfte ihre Lagerstätte aufgeschlagen haben mußte. Nochmals hörte er ihr gellendes Geschrei; aber es war nicht ihre gewöhnliche Stimme, es war mehr ein Angstgeschrei. Zum drittenmale ertönte dieser Angstschrei, und nun brach ihm der Angstschweiß auf der Stirne hervor, und er ritt auf Tod und Leben im schnellsten Galloppe die Anhöhe des ersten Bergrückens hinan, von woher die Stimme seines Weibes ertönt haben mußte; aber keine Spur von Mistreß Bärenhäuter. Er schaute links, er schaute rechts -- noch immer nichts; er schaute auf die Erde, that dieses ein zweites Mal, und erblickte mit bangem Entsetzen neben der in Lehm abgedruckten Form seines Weibes Fußtritte. Er stieg beklommen vom Pferde. Es waren Menschen da gewesen, das war klar und augenscheinlich; aber was aus seinem Weibe geworden, das war schwer zu sagen; die Spuren verloren sich im Walde. Nochmals sah er auf diese Spuren, und entdeckte mit Schrecken den breiten Mocassintritt der Indianer; die Mocassins[32] waren deutlich im Lehm zu ersehen. Ein Blick gegen den Wald zu zeigte ihm etwas Grauschwarzes; es war eine Adlerfeder. Kein Zweifel blieb mehr übrig; seine unglückliche Jemmy war von den Indianern aufgehoben und entführt.
[32]: =Mocassins=, die sandalenartige Fußbekleidung der Indianer.
Toffel, sagt unser Dokument, liebte sein Weib aufrichtig, trotz ihres keifenden, schlimmen Temperamentes; doch alle diese Liebe vermochte nicht, ihn in Ohnmacht zu bringen, oder auch nur eine Thräne zu vergießen; nein, da er, obwohl ein Abkömmling des deutschen Zebediah Bärenhäuter, doch auch zugleich ein Amerikaner war, und glücklicherweise noch den Kirchgang in seinem Sinne hatte, so trabte er auf Leben und Tod auf die Versammlung zu, sprang so schnell als er nur konnte von seinem Hengste, trat unter seine im Meeting versammelten Nachbarn, und eröffnete ihnen ohne weiteres, wie die Indianer sein Weib auf dem Wege nach der Versammlung aufgehoben und mit sich fortgeführt hätten, und wie er sie wiederhaben müßte, koste es was es wolle, und wie sie mit ihm den Rothhäuten nachsetzen, und sie ihnen abjagen müßten, wenn sie getreue Nachbarn und freie Männer sein wollten; und da sie dieses auch in dem vollen Sinne des Wortes waren, so sah sich unser Toffel in wenigen Stunden an der Spitze von fünfzig Jungens, die ihre Stutzer in der einen Hand, in der andern die Zügel ihrer Gäule, den Raub der neuen Helena männiglich zu rächen sammt und sonders schwuren.
Während wir es nun unserm Toffel und seiner jagdlustigen Schar überlassen, den weibersüchtigen Rothhäuten nachzuspüren -- eine Unterhaltung, im Vorbeigehen sei es gesagt, die in der damaligen Zeit gar nicht ungewöhnlich, obgleich nichts weniger als spaßhaft war -- wollen wir den ritterlichern und respectablern Weg einschlagen, und zu unserer Dame vorwärts eilen, um bei ihren allfällsigen Nöthen zur Hand zu sein.
Jemmy nun, die starrköpfige Jemmy, war ein hundert Schritte vorausgetrabt, wie wir bereits erwähnt haben. Ein vernünftiges Weib nun würde dies nimmermehr gethan, sondern sich lieber an die Seite ihres Ehemannes gehalten haben, besonders eines so guten Ehemannes, wie Toffel unbezweifelt war, und in so kritischen Zeiten, wo die Wilden noch durch den ganzen heutigen Staat Ohio und bis zur Gränze Pensylvaniens an das Fort Pitt[33] heranschwärmten, maßen die Vereinigten Staaten zu eben der Zeit in einem blutigen Kriege mit ihnen verwickelt waren. Nein, Mistreß Bärenhäuter sollte bei Leibe nicht auf das Plateau allein galloppirt sein, und triumphirend auf ihren armen Toffel hinabgeschaut haben, sich hämisch in ihrem Herzen des Sieges erfreuend, den sie so eben über ihn errungen, dann würde sie nicht das Rauschen in den Blättern gehört, nicht die schwartigen, häßlichen Kupfergesichter gesehen haben, die sie und ihren Grauschimmel so sehr erschreckten, daß letzterer sich bäumte und sie _nolens volens_ aus dem Steigbügel hob und warf. Zwar schrie sie wacker darauf los, aber es war zu spät; die Indianer hatten wahrscheinlich schon zu viel gesehen, um sich durch ihr Schreien die Lust benehmen zu lassen, sie als eine schöne Beute mit sich zu nehmen. Einer derselben hob sie vom Boden auf, während der andere ganz höflich sein Skalpirmesser in eine so gefährliche Nachbarschaft mit ihrem Schwanennacken brachte, das eine Zartfühlendere unfehlbar in Ohnmacht versetzt haben müßte, ihr so Stillschweigen andeutend. Ein dritter dieser Herren hatte einen Gaul vorgeführt, auf dessen Rücken sich ein vierter ohne Mühe schwang, und auf welchen auch sie ohne weitere Umstände von einem fünften gehoben wurde, der, ihre Hände fassend, sie mit dem Vorreiter verband. Zwar gab sie diesem einen sanften Rippenstoß, der ihn bei einem Haare aus dem Sattel gehoben hätte; aber ein vielsagender Wink mit dem Tomahawk machte sie ruhiger, als sie je gewesen. Mistreß Bärenhäuter war keine jener empfindsamen Seelen, die schrie, und jammerte, und winselte, und in Verzweiflung und Ohnmachten fiel; nein, sie war von stärkerem Stoffe gewebt. Als sie sah, daß kein Toffel kam, und jeder Widerstand nur vergeblich sein würde, ergab sie sich in ihr Schicksal, und als ihr Vorreiter das Zeichen zum Aufbruche gab, schlang sie ganz gemüthlich, um ein echt deutsches Wort zu gebrauchen, ihre Arme fester um seinen Rücken -- sonst wäre sie ja herabgefallen.
[33]: =Fort Pitt=, der frühere Name von Pittsburg.