Transatlantische Reiseskizzen und Christophorus Bärenhäuter. Zweites Bändchen.
Part 4
Kein Wort jedoch wegen der aufgekündigten achttausend Dollars; das ist doch wirklich sonderbar. Richards ist doch nicht so indifferent für zeitliche Güter, da seinen Groll zu verschmerzen, wo es seinen Beutel angreift. »Hier ist ein Punkt,« sprach ich zu dem jungen Manne, dem ich nicht gerne eine Blöße geben wollte, »der meine augenblickliche Rückkehr in Ihres Vaters Haus erheischt.«
Wirklich! rief der junge Creole verwundert aus.
Ja, augenblicklich; ich höre so eben ein Dampfschiff herauf kommen; ich will sogleich fort. -- Er blickte mich verlegen an, Sibylle schüttelte den Kopf; aber es lag nun schon einmal in meiner ungeduldigen Natur: schnell oder gar nicht. Ich winkte mit dem Tuche; es war der nämliche Red-River, der mich vor acht Wochen nach Hause gebracht.
Mister Howard! rief der Capitain fröhlich, freut mich, Sie wieder auf meinem Verdecke zu sehen. Ihre Pflanzung sieht doch ganz prächtig seit acht Wochen aus; Sie sind ein wahrer Wundermann.
So halb und halb, versetzte ich bescheidentlich.
Es liegt in unserer amerikanischen Natur etwas gewisses rein Praktisches, das uns von allen Nationen der Welt auszeichnet, ein gewisser gerader, gesunder Menschenverstand, der durch allen Flitter hin auf das Reelle sieht, ein ehrenvoller, unabhängiger Geist, der nur dem Achtung zollt, der sie verdient. Der reichste Müßiggänger, der Hunderttausende in seinem Portefeuille mit sich führt, wird hier vergebens den Tribut erwarten, den ihm die Hälfte seines Reichthums in andern Ländern zu Wege bringt. Kalt und stolz geht die Mehrzahl an ihm vorüber, um dem minder Bemittelten, der seinem Kopfe und seinen Händen sein Emporkommen verdankt, achtungsvoll ihre ächt republikanische Huldigung zu zollen. Es ist dieser freie männliche Sinn, der in den letzten zehn Jahren die so gewaltige Staatsumwälzung zu Stande gebracht, das Joch unserer erbärmlichen Aristokratie abgeschüttelt, und unserer Freiheit eine gründliche Existenz gesichert hat. -- Ich, der reisende, als reich geltende Pflanzer war kaum bisher beachtet gewesen; mein Aufseher galt mehr in den Augen meiner Mitbürger, als ich selbst. Die Metamorphose auf meinem Besitzthume hatte eine plötzliche Ideenrevolution hervorgebracht, und man drängte sich um mich herum und horchte jedem meiner Worte, als wäre ich einer unserer großen Reformatoren oder noch größeren Demagogen gewesen. Es that mir ein bischen wohl, das muß ich gestehen.
Auch diesmal langte ich Morgens bei der lieben Familie an; aber der Wagen war vergessen, und ich, der ich die Strecke in raschem Trabe zurückgelegt, dachte mir meines künftigen Schwiegerpapa's Residenz gute zehn Minuten vom Landungsplatze. Es dauerte eine gute Stunde, ehe ich vor dem Hause schweißtriefend zur Verwunderung Aller anlangte. »Und so schnell und so zeitlich zurück? Doch kein Unglück gehabt?«
Nein, erwiederte ich trocken; ich habe etwas vergessen.
Und was mag dieß sein?
Meine Louise! Ja gewiß, fuhr ich gerührt fort, ich fand bei meiner Ankunft meine wüste Einöde in ein so liebliches Paradies verwandelt, daß ich nicht umhin konnte, sogleich zurückzueilen, um mein liebes Mädchen zu bewegen, es mit mir zu theilen. Morgen, so Gott will, gehen wir nach New-Orleans, um bei dem alten Pater Antoine und unserm werthen Rector vorzusprechen.
Aber es ist noch gar nichts gerüstet, keine Ausstattung fertig, nichts in der Welt, fingen hier die Ma und Pa an; lieber Howard, sein Sie doch nicht närrisch.
Unsere Yankeeinnen, lachte ich, wenn sie sechs Hemden und ein und ein halbes Kleid haben, hüpfen ins Brautbette, ohne sich zu bedenken.
Wohl, laßt ihm seinen Willen, sprach Menou; wir wollen schon sorgen, daß er nicht zu kurz kommt.
Apropos, fragte ich, wie ist es doch mit den achttausend Dollars?
Ich habe Sie bloß auf die Probe stellen wollen, ob Sie auch Festigkeit haben, Ihr eigenes Glück zu wollen. Hätten Sie mir dieses verweigert, wahrlich, Louise sollte nicht die Ihrige geworden sein, und wenn Sie alle Pflanzungen am Missisippi gehabt hätten. Ich habe unterdessen das Geld vorgestreckt.
Der Mann wird mit jeder Minute achtbarer. Dieser Abend verging mir, einer der seligsten, die ich noch verlebte.
Am Morgen fuhren wir dem Dampfschiffe zu. Die Mama war zurückgeblieben; Julie, wie es sich von selbst versteht, war zur Brautjungfrau auserkohren. Gerne hätte ich als meinen Assistenten den jungen Menou gebeten; doch der war auf meiner Pflanzung vonnöthen. Wir begrüßten ihn im Vorbeifahren und fuhren dann weiter. Zum ersten Male blickte ich ohne bitteres Gefühl auf das prachtvolle Schauspiel, das die reichen Ufer des gewaltigen Missisippi darbieten; diese herrlichen Wohnsitze der Pracht, so üppig, so friedlich aus den deliciösen Hainen von Feigen-, Orangen- und Citronenbäumen hervorragend, den majestätischen Strom, der, mit Hunderten von Fahrzeugen bedeckt, den entferntesten Zonen unsere Produkte zuführt; die rastlose Thätigkeit von Tausenden, die so friedlich, so verträglich unter der göttlichen Freiheit Banner Glück und Segen sucht und findet. Ja, es ist ein erhebender Anblick, diese Palläste Hunderte von Meilen sich an einander reihen zu sehen, wenn man an die Zeit zurückdenkt, wo das ganze Thal ein endloser Sumpf gewesen. Und diese Zeit habe ich in meinen jungen Tagen gesehen.
Es war ein heiterer Morgen, der uns zwanzig Stunden nach unserer Abfahrt in die Hauptstadt unseres Staates brachte. Wir waren bei der Schwester Menou's abgestiegen. Ich eilte so eben zu dem wahrhaft ehrwürdigen Pater Antoine und dem nicht minder ehrwürdigen Rector, als ich an der Ecke der Kathedrale mich am Arme ergriffen fühlte.
So eben recht, Richards, sprach ich; willst du mich im Merchants-Coffeehouse erwarten? Ich bin in einer kleinen Viertelstunde dort.
Aber warum diese Eile?
Frage nicht und warte.
Wir schieden. Vater Antoine lächelte und der gute Rector auch, als ich sie zu Madame beschied. Ich eilte, um Richards abzuholen.
Weißt du, daß Clara schrecklich mit dir zanken wird; du magst dich nur zusammennehmen. Arthurine Macpherson ist ein ganz herrliches Geschöpf, und sie hält viel auf Clara.
Ja, weißt du, daß ich im Ernst gesonnen bin, mein Hagestolzthum aufzugeben?
Wohl, wir wollen sehen; wenn du dich gut aufführst, so -- wollen wir dich ein zweites Mal --
Prellen, dachte ich. -- Wir waren an der Thürschwelle angekommen. Mein alter Freund sah ein wenig betroffen darein, als er Louisen erblickte, und Vater Antoine und der Reverend ihre Glückwünsche begannen. Ich lächelte ein wenig boshaft, und in wenig Minuten war ich der glückliche Gatte Louisens.
Christophorus Bärenhäuter
im Amerikanerlande.
Die folgende Geschichte ist aus dem Archive von Toffelsville gezogen, welches Archiv von den wißbegierigen Reisenden bis auf den heutigen Tag in besagtem Toffelsville _No. I_, der Residenz von Barthel Bärenhäuter, dem ehelichen Descendenten von Christoph Bärenhäuter, eingesehen werden kann und mag. Wir referiren zu den zwei letzten Seiten der Familienbibel, unter welcher das besagte Archiv verstanden ist, und welche Familienbibel, 1618 zu Nürnberg gedruckt (demselben Jahre, in welchem der famöse dreißigjährige Krieg ausgebrochen), schon durch ihr respectables Ansehen und ihre Schwere (sie ist mit messingnen Klappen, man könnte sagen, in Erz eingebunden) jeden leichten Zweifel niederzuschlagen vollkommen geeignet ist.
Die Quellen unserer Geschichte sind daher über jeden Verdacht erhoben, und ihre Authenticität wird noch mehr durch den Umstand erhöht, daß ein Extrakt von dem mehrerwähnten Archive seinen Weg, durch welche Mittel, ist uns unbekannt, in das Magazin eines westlichen Predigers[10], nun bedauerlichermaßen verblichen, gefunden hat. Wir sagen bedauerlichermaßen, weil der besagte achtbare Prediger in diesem seinem verblichenen Magazin und andern Schriften, unter denen wir nur die westliche Geographie nennen, ein Licht über die Entstehung und den Fortgang der Niederlassungen jenseits der Alleghanygebirge verbreitet hat, das mehr Belehrung über diese interessanten Staaten gewährt und gründlichere Forschungen enthält, als die fünfhundert Reisebeschreibungen sämmtlicher Europäer zusammen genommen, die unserm Lande und dessen Bewohnern die Ehre erwiesen, dieselben zu schildern, nicht wie sie sind, sondern wie sie beide gerne haben möchten, um ihren respectiven Allerhöchsten Patronen und deren loyalen Unterthanen weniger Herzklopfen zu verursachen.
[10]: Flint, der zehn Jahre Prediger im Missisippithale gewesen.
Erstes Capitel.
Wie Christophorus Bärenhäuter und Jemima O Dougherty zwei rothe Kolben gezogen.
Ja, theurer Leser, solltest du ihrer einst überdrüssig werden, dieser unruhigen, revolutionairen, reformirenden, protokollirenden Welt, dann gehe hin und lasse dich nieder in dem gesegneten Toffelsville, diesem lieblichsten aller Dörfchen -- Stadt sollte ich sagen[11], mit seinen fünfzehn Häusern, zerstreut über einen Flächenraum von etwa zwei Meilen, und seinen blauäugigen Blondinen, die alle, du siehst es im ersten Augenblick, einem und demselben Großpapa angehören. Es ist ein bischen weit hin, lasse dich jedoch dieß nicht anfechten, wo es sich um die Ruhe deiner Tage handelt. Wir mögen so gerne freundliche, ruheliebende Gesichter um uns her sehen; und um dir zu beweisen, wie sehr wir dein Wohl am Herzen tragen, so wollen wir dir eine Beschreibung dieses lieblichen Toffelsville mit auf den Weg geben, und zum Ueberflusse die Geschichte ihres Gründers Christophorus Bärenhäuter obendrein.
[11]: =Stadt sollte ich sagen=, eine Anspielung auf die amerikanische Gewohnheit, selbst das kleinste Oertchen Stadt zu nennen.
* * * * *
Es ist nicht hundert Meilen vom Zusammenflusse des Alleghany und des Monongehala eine paradiesische Flußniederung, oder, wie wir es in der Landessprache nennen, ein Bottom, auf allen Seiten vom Flusse und den Flußbergen eingeschlossen. So malerisch springen diese in den _belle rivière_, wie die _Messieurs les Français_ den Ohio bekanntermaßen tauften, als ob sich die Natur in einem ihrer wunderlichen Einfälle recht so vorgenommen hätte, hier dem Müden ein trauliches, Menschenhändeln unerreichbares Versteck aufzubauen. Die Rücken und Anhöhen der sanft sich wölbenden Berge sind bekleidet mit einem üppig frischen Wuchse hundertjähriger Sycamores[12], Buchen, Wallnußbäume und Akazien, alle verwoben durch die wilde Rebe, die so einen deliciös duftenden meilenlangen Baldachin bildet. Im Vordergrunde wälzen die beiden erwähnten Flüsse, in den Ohio vereinigt, ihre ruhigen Gewässer gleich Zwillingsschwestern dahin, mit hie und da einem Boote, das sanft auf seiner Oberfläche fortgleitet, oder einem Dampfschiffe, das pfeilschnell hinfliegt, und alle die wilden Bewohner der Buchten, Gänse und Enten, in Schwärmen aus ihren, von einer Thränenweide oder einem Sycamore überschatteten Verstecken aufjagt. Bloß ein einziger Pfad führt zur Oberwelt, auf dem man in sanften Windungen zum Hochlande gelangt, wo Engländer und Irländer, und Deutsche und Schotten, und alle Sorten und Abarten sich diese sechszig Jahre zusammengenistet, geheirathet und wieder geheirathet, und so in eine republikanische Brut sich verschmolzen haben, so ruhig, so friedliebend, als wenn sie das _sine qua non_ eines loyalen Berliners: Ruhe ist des Bürgers erste Pflicht, statt ihrer zehn Gebote adoptirt hätten.
[12]: =Sycamores=, Plantanen.
Wenn wir den Ausdruck gebrauchen, »in eine republikanische Brut verschmolzen,« so wollen wir dadurch nicht bedeuten, daß aller Stammunterschied bereits gänzlich aufgehört, und die ganze Sippschaft gleichsam wie durch den Schmelztiegel in ein Totum gebracht sei; nein, einen solchen prinziplosen oder, deutsch zu reden, allen Grundsätzen schnurstracks zuwiderlaufenden Wankelmuth lassen wir uns nimmermehr zu Schulden kommen, und du magst noch immer, lieber Wanderer, wie oben gesagt, den Schattirungen dieses multifariösen Ursprunges beim ersten Anblicke auf die Spur kommen. Das deutsche Kindeskind hält noch immer fest zu seinem Sauerkraut, zieht noch immer sein Blockhaus[13], rauh und schlicht wie er selbst, dem elegantern _framehouse_[14] vor; die Lieblingsfarbe seines breitschößigen Rockes ist noch immer hellblau; Strümpfe desgleichen, mit hochrothen Zwickeln; auf seinen runden Schuhen prangen unverrückt an Wochentagen seine messingenen, am Sonntage die Silberschnallen, mit dem dato _A. D._ 1700 verziert, und seine Söhne wandeln, wie früher ihre Väter, in bocksledernen gelben oder gelb gewesenen Inexpressibles einher, am Knie mit ledernen Riemen zugebunden.
[13]: =Blockhaus=, ein aus gezimmerten Baumstämmen aufgeführtes Haus.
[14]: =_framehouse_=, buchstäblich ein Gerüsthaus; das Gerüste ist nämlich von Holz und die Wände sind mit Kalk und Steinen ausgefüllt.
Die Tyrannin Mode, oder, wie wir sie nennen, Fashion, hat hier nur wenig Gelegenheit gefunden, ihr Reich zu erweitern, und ein simpler Stroh- oder Seidenhut, mit einer noch simplern, selbstfabrizirten -- Robe läßt sich so ein Ding unmöglich nennen -- sind alle die Netze, in denen die klugen Väter es den Fräuleins gestatten, ihre ländlichen Beaus einzugarnen.
Trotz des verstockten Widerstandes dieser starrköpfigen Deutschmänner einer-, und des schnellen Fortschreitens ihrer anglo- und hiberno-amerikanischen Mitbürger andererseits, leben doch die verschiedenen Parteien in vollkommenem Einverständnisse; ja, diese Verschiedenheiten tragen vielleicht nicht wenig bei, ihrem ganzen Leben und Weben einen gewissen Reibereiz, wenn ich mich so ausdrücken darf, zu geben, der nirgends schärfer und angenehmer hervortritt, als bei ihren Lustbarkeiten, gemeinhin _frolics_ genannt, zu denen sie sich nichts weniger als ungerne herbeilassen, um eine halbe, und zuweilen auch eine ganze Nacht hindurch sich ganz artig herumzutummeln, und dann einen halben Monat eben so artig darüber Glossen zu machen, just wie wir es im _haut-ton_ auch thun.
Viel ließe sich über diese _frolics_, zu deutsch Lustbarkeiten, sagen; für jetzt können wir jedoch in kein näheres Detail dieser wichtigen Angelegenheiten eingehen. Eine derselben jedoch dürfen wir nicht mit Stillschweigen übergehen, zumalen dieselbe so innig mit unserer Relation verbunden und gewissermaßen ein Hauptbestandtheil derselben, ja noch mehr, der Grund und die Veranlassung zu dem von uns zu referirenden Begebniß ist. Wir sagen, zu referirenden Begebniß; denn unsere Autorität ist keine geringere Personnage, als einer der werthen Abkömmlinge unseres Helden, und unser Bericht daher ganz so authentisch, wie es Tausende unserer offiziellen Berichte nur immer sein können.
Die _frolic_, die wir näher zu beschreiben gedenken, ist eine _vulgo Cornhusking-frolic_[15] genannt.
[15]: =_Cornhusking-frolic_=, Wälschkornaushülsensfröhlichkeit, wird auf dem Lande durchgängig gefeiert. Die Nachbarn vereinigen sich und hülsen gemeinschaftlich aus; häufig beschließt ein Tanz die Arbeit.
Aber was ist eine Korn-, oder, deutlicher zu reden, eine Wälschkornhülsensfrolik? Nichts über eine klare, richtige Definition; sie ist die Seele der Logik, und diese der Philosophie, wie weltbekannt. Nun denn, eine _Cornhusking-frolic_ ist eine Versammlung von jungen Bürgern dieser unserer vereinten Staaten, und, nicht zu vergessen, Bürgerinnen, die zusammenkommen, um das Korn auszuhülsen. -- Du magst sie, lieber Leser, an schönen, heitern Herbstabenden sehen, wie sie von allen vier Weltgegenden her einem Punkte zuströmen, über Zäune, und die sind wahrlich bei uns kein Kinderspiel, wegsetzen, durch Busch und Hecken dringen, und schließlich aus der Wildniß hervorbrechen, mit Backen roth wie der Vollmond, der so eben seine Dunstatmosphäre verläßt, um dann einander die Hände zu schütteln, daß die Gelenke krachen, und sich ganz ruhig unter und vor dem Dachvorsprunge nieder zu lassen, im Vordergrunde einen Berg von Wälschkornkolben und im Hintergrunde den alten Bambo, der die Festivität mittelst seiner musikalischen Bestrebungen zu krönen bestimmt ist, bis jetzt sich aber noch auf der Ofenbank einem etwas lauten Schlafe überläßt.
Und nun, lieber Leser, beliebe alle diese verschiedenen Umstände deinem Gedächtnisse, und noch besser, deiner Phantasie einzuprägen, und du wirst ein _point de vue_ haben, von welchem dir unsere Relation nicht nur klar und verständlich, sondern selbst unbezweifelt und unwiderlegbar erscheinen wird.
»Es ist,« so beginnt meine authentische Quelle, »wohl an die vierzig Jahre, daß ein Kornhülsen in dieser Niederlassung, und zwar bei Jockel Blocksberger, abgehalten wurde. Der jungen Leute gab es damals noch nicht so vollauf, wie in diesen unsern fabrizirenden Tagen, und um ein respectables Kornhülsen zu feiern, hatten die Jungens und Mädchen einen Weg von fünf und mehr Meilen zu laufen.« Bei dieser Gelegenheit, versichert unser Dokument und Informant (denn wir haben beides, mündliche und schriftliche Ueberlieferungen), liefen sie wirklich diesen langen Weg, und viele noch weiter.
»Unter denen, die in Folge geschehener Vorladung sich an diesem Abende einfanden, waren ihrer vorzüglich zwei, die mit nicht geringer Ungeduld erwartet und mit großer Freundlichkeit begrüßt wurden. Das erste dieser ungeduldig erwarteten Individuen war eine frische irische Miß, mit dem sonoren Namen Jemima O Dougherty, ein rundes, liebes Ding, so lebendig und so schelmisch, als je eines seit Menschengedenken in den Hinterwäldern kokettirte, mit einem schalkhaften Gesichtchen, lieblich von Rosen angehaucht, einem Schwanennacken und Busen, der schreckliche Herzklopfen und selbst Wehen verursachte, graublauen Augen, die ihre Pfeile weit richtiger abschossen, als der berüchtigte Tecumseh[16] seine Kugeln, nicht zu erwähnen einer kleinen Habichtsnase, ein bischen aufgestutzt, die eine große Portion irischer Lebensklugheit, und eine noch größere irischer Keckheit und Starrsinnes vermuthen ließ, wie diejenigen, so das Glück hatten, mit ihr in nähere Berührung zu kommen, ziemlich vernehmlich zu wispern pflegten. Ihren eigenen leiblichen Vater, den alten Davy O Dougherty, kupfernasigen Andenkens, sah man oft und bedenklich den Kopf schütteln. Armer Tropf! Wohl hatte er vollwichtige Ursache dazu, er, der alle die Tage und Stunden seit seiner gesegneten Einsegnung mit seiner Ehehälfte, einer Flaherty, Pantoffelheld gewesen, wie es ein Katholik in der grünen Insel nur immer sein konnte; der gute Mann hatte jedoch dieses Pantoffelregiment mit wahrhaft christlicher Geduld ertragen. Armer Narr! er tröstete sich immer, sein Beugen unter den Pantoffel seiner Ehehälfte würde ihm zu einigem Verdienste in Anbetracht der Unmöglichkeit angerechnet werden, in dem er sich erwiesenermaßen befand, den Pantoffel Sr. Heiligkeit, dieses Desideratum jedes frommen Katholiken, zu küssen. Wie dem auch sei, der Geschichten und Geschichtchen auf seine Unkosten gab es viele; da wir es aber unter unserer Würde halten, Geschichten von einem alten armen irischen Teufel zu erzählen, so wollen wir sie mit Stillschweigen um so mehr übergehen, als Gegenstand derselben den Weg alles Fleisches gegangen. Ja, armer Narr, er ist im Schooße Abrahams oder sonst irgendwo, diese vielen Jahre. Eines seiner Sprichwörter können wir jedoch nicht umhin zum Frommen aller Ehemänner zu erwähnen, die in einem ähnlichen Prognosticon sich befinden. Oft hörte man ihn klagen, daß sein Weib halsstarriger geworden, sobald sie den Fuß auf den Boden der Vereinigten Staaten gesetzt, und daß dieses Land der Freiheit ein wahrer Himmel für Weiber, ein Fegefeuer für Liebhaber, und die Hölle selbst für Ehemänner und Pferde sei.
[16]: =Tecumseh=, der berühmte Häuptling der Shawneese-Indianer.
Doch kehren wir wieder zu unserer Miß Jemima O Dougherty zurück. Besagtermaßen war sie ein wohlgemachtes, niedliches Ding, zum Verlieben just recht; nicht ganz so geduldig wie Job, aber eben so arm; doch trotz des Defektes zeitlicher Güter wußte Jemima O Dougherty es immer so einzurichten, daß sie zu großem Vortheile, ja zu solchem Vortheile erschien, als selten verfehlte Eindruck zu machen, und, was mehr sagen will, alle die Nuancen ihres Habillement waren richtig und immer, trotz gerümpfter Nasen und scheelsüchtiger Blicke, bisher nachgeahmt worden. Sie war ohne Widerrede die _fashionable belle_, und, zu ihrem Ruhme sei es gesagt, sie hielt sich auf ihrem kritischen Posten mit mehr Umsicht, als mancher Premier oder Souverain sich auf dem seinigen.
Bei gegenwärtiger Gelegenheit, sagt unsere Quelle, war sie angethan mit einem bezaubernden Negligee von geflammtem Callico, ein grünseidenes Tüchlein um den besagten Schwanenhals und Busen geschlungen, so züchtig und zugleich so liebreizend, als nicht fehlen hätte können, kritischeren Beaus gefährlich zu werden, als die waren, welchen die Ehre ihrer Gesellschaft für besagten Abend zu Theil werden sollte.
Dieß denn war die erste Hauptperson. Die andere war ein Mister Christophorus Bärenhäuter, oder, wie er gewöhnlich genannt wurde, der reiche Toffel, ein Junge, sechs Fuß, sechs Zoll hoch, dem Anscheine nach etwas lose in seinen Gliedmaßen und ungeschlacht, aber zäh, ledern und nervig, trotz Einem; langsam in jedem seiner Schritte, mit einem Vacuum in seinem Gesichte, und einem Maule, das einer holländischen Yacht auf ein Haar glich. Nebst diesen körperlichen Vorzügen -- und sie waren nicht zu verachten, da er der Mann war, in offenem ehrlichen Kampfe irgend einen durchzubläuen, er mochte nun englisch, irisch, schottisch oder deutsch sein, -- besaß Toffel Bärenhäuter einen lieblich anzuschauenden Hof von dreihundert Ackern, die obenerwähnte Ohio-Thalweite, mit einer steinernen Scheuer, grünen Jalousien und einem roth angestrichenen Schindeldache. Zwar war sein Wohnhaus nur aus gehauenen Baumstämmen ausgeführt, vierzig Fuß lang, bei vier und zwanzig breit: aber die Umgebungen waren um so gewichtiger, nämlich fünf Schweineställe, zwei Wälschkornbehälter, ein steinernes Wasserhaus -- wir halten es für unerläßlich, in unserm Inventar genau zu sein -- und vier Hühnersteigen. Das war jedoch nicht Alles; sein verstorbener Vater hinterließ ihm nebst den erwähnten Immobilien verschiedene Mobilien, und unter diesen zwei gewaltige Truhen, blau bemalt, mit einem weißen, roth eingefaßten, blumenverzierten Quadrate auf dem Deckel, enthaltend die Inschrift _A. D._ 1684. Beide Erbstücke waren herübergebracht vom Schwarzwalde, und mit so vielen Stücken Leinwand angefüllt, daß leicht die ganze Niederlassung mit hanfener Wäsche hätte versehen werden können, nicht zu gedenken einer Varietät von Röcken, die sich gleichfalls in diesem Reservoir befanden. Was wir jedoch vorzüglich berichten müssen, sind zwei wollgestrickte Strümpfe, an der Ferse abgeschnitten, mit ledernen Riemen an beiden Enden zugebunden, und doppelt so viele spanische Dollars enthaltend, als er Acker sein nannte.
Diese collateralen Umstände zusammengenommen, so war Christophorus Bärenhäuter, man wird eingestehen, keine so ganz unwichtige Personnage, so wenig, daß er von den sorgsamen Müttern, nicht allein der Niederlassung, sondern des ganzen Townships[17], für die beste Partie angesehen wurde. Langsam und unbeholfen, als er war, eine deutsche Erbsünde allem Vermuthen nach, so fühlte er seine Wichtigkeit, und wenn er auf seinem Grauschimmel bei einer _Farm_[18] vorbeitrabte, es war ein Thier volle achtzehn Faust hoch, ein deutsches Lied sich pfeifend, der _Yankee-Doodle_ war damals noch nicht in Aufnahme, dann schlug manches Blondinenherz lauter, und ihre Augen schwammen beim Anblicke Toffels und seines gewaltigen Streithengstes, und der unausbleiblichen Ideenassociation von seinen Aeckern und Rindern und den zwei gewichtigen Strümpfen.
[17]: =_Township_=, Stadtbezirk.
[18]: =_Farm_=, Hof, Freigut.
Dieß waren denn gewissermaßen die zwei Hauptpersonen des oft erwähnten Kornhülsens, zu dessen weiterer Beschreibung wir unverzüglich zu schreiten gedenken.