Transatlantische Reiseskizzen und Christophorus Bärenhäuter. Zweites Bändchen.
Part 3
Julie und Louise hatten sich mittlerweile in das anstoßende Zimmer begeben, um die dritte oder vierte Revue über die tausend und eine Wichtigkeiten zu halten, die sie von der Hauptstadt mitgebracht. Wer die Mama so sah, wie sie mit wahrer Herzensfreude den Vorsitz bei der Musterung führte, welche die Brüßler Spitzen, _Gros de Naples_, _Indiennes_, _Gauze_ und tausend andere Dinge zu passiren hatten, konnte das Bild echt creolischer Comforts malen. Kein Schmollen über die endlosen _Items_; Alles war charmant, Alles hatte seine Bestimmung, und ich wunderte mich nur, an welchem Theile dieser drei Leiber die hunderte von Ellen figuriren sollten, die auf Tischen, Sesseln, Sopha's und Schränken ausgebreitet waren, und eine ganze Grafschaft von New-Jersey's Schönen in Prachtausgaben hätten umwandeln können. Die ganze Familie ist wahrlich ein Muster von fröhlich-harmlos glücklichen Wesen; eine gewisse ungekünstelte Natur, ein fröhlicher Muthwillen, der stets seine Gränzen kennt und nie dem Anstande zu nahe tritt. Jeder und Jede verrichten ihre Aufgaben in einem lachenden, fröhlich schäkernden Tone, der aber bei alle dem so wohl wie unser stattlich steifes Wesen zu gedeihen scheint; wenigstens ist die Ordnung im Hauswesen bewundernswerth, und das Dejeuner war deliciös. Selbst Mistreß Houston, die wegen ihrer Diners und Dejeuners berühmte Mistreß Houston hätte hier noch in die Schule gehen können, -- und ich bin Kenner in diesem Punkte. Ich habe mich einmal sterblich, ich glaube, es war meine neunzehnte ernstliche Liebschaft, in ein Massachusets-Prachtexemplar verliebt, deren Lockenköpfchen, so wahr ich lebe, bereits drei Novellen entsprungen, so sentimental und phantastisch albern, sie hätten einer Deutschen Ehre gemacht. Ich war ganz rasend in sie versessen, bis es ihrer Ma unglückseliger Weise beifiel, mich zu einem _dîner en famille_ zu bitten; da ruinirten die ledernen Hammel-Cotelets für zwei Tage meine Zähne, und für immer meine neunzehnte Liebe. Doch, versparen wir unsere weiteren Lobeserhebungen, bis wir mehr Salz mit den Leutchen gegessen haben. Unser Sprichwort ist: _Love me a little, but love me the longer._ Wir wollen die lieblichen Geschöpfe der Obhut der Ma überlassen, und mit Herrn Menou seine Pflanzung besehen. Sie ist so übel nicht; _au contraire_, die Lage gegen den Fluß hin, die Bewässerung durch Gräben, die Cotton- und Wälschkornfelder, prachtvoll. Der Mann hat über dreihundert Acker in Kultur und eine jährliche Ernte von zweihundert fünfzig Ballen, -- ein hübsches Einkommen! Nur drei Kinder, die Pflanzung hat viertausend Acker -- die Partie wäre nicht so übel. Was würde aber die Welt dazu sagen? Der aristokratische Howard mit einer vielleicht _half-breed_[8]-Creolin! Er hat jedoch sechzig Neger und Negerinnen, und eine ganze Herde von Nachwachs, und die Mädchen sind so übel nicht -- Milch und Blut -- besonders Louise. -- Wollen sehen.
[8]: =_Half breed_=, Schwarzhäute, oder =_half blood_=, Halbblütige, wird die durch Vermischung mit den Indianern entstandene Caste genannt.
Apropos! fragte der Creole, als wir so durch die Feldergassen hinstrichen; Sie haben dreitausend Dollars bei G--gs?
Ich nickte.
Und achttausend bei Misthere Richards?
Woher wissen Sie dies, lieber Monsieur Menou?
(_Per parenthesin!_ -- Wir lieben es, den Franzosen und Ausländern, unsern Cousin John Bull ausgenommen, den Titel Monsieur zu geben. Es ist so ein Mittelding zwischen Herrn und Sklaven, während der Mister oder Master -- der Meister -- den freien selbstständigen Mann bezeichnet, und deshalb für uns vorbehalten wird.)
Monsieur Menou lächelte auf meine Frage. Woher weiß ich, sprach er, daß Misthere Howard fünfzehnhundert Meilen gereiset ist, um die schöne Emilie Warren zu sehen, die von seiner Ankunft wußte, und doch sich an Misthere Doughby vergab?
Und dabei ein Gesicht schnitt, wie eine wahre Iphigenie in Aulis, brummte ich.
Der Mann nickte. So etwas weiß man, sobald man den _haut-ton_ der Hauptstadt in seinen Ohren sausen gehört.
Siehe da! Monsieur Menou, der schlichte Monsieur Menou also auch ein _haut-ton_-Mann, sprach ich beinahe ein bischen spöttisch, auf des Mannes ungebleichte Pantalons und Jacke und Strohhut schielend.
Meine Frau ist eine geborne M--y, mein Großvater war Parlamentspräsident zu Toulouse, war seine Antwort.
Ich verbeugte mich. Die indianische oder schwarze Race hat also zur Verjüngung des Samens nicht, wie ich argwohnte, beigetragen.
Und wirklich hat denn, fuhr ich fort, der arme Howard zum Theegespräche herhalten müssen?
Ja, sprach der Mann, und wenn ich der Mister Howard wäre, so wollte ich meinen lieben Freunden einen recht herrlichen Spaß spielen.
Lassen Sie doch hören.
Der Mann schüttelte den Kopf. Leuten Rath geben, die sich klüger dünken, und auch vornehmer, das thut Menou nicht.
Ich sah den Mann betroffen an. Er hat recht! Ein Sterling-Charakter, wie er, kann für eine Weile den Hohn Unsereines mit ertragen; aber die Geduld eines Job hatte auch ihr Ende.
Wir gingen eine Weile neben einander her. Wollen Sie meinen Vorschlag hören? fing er endlich wieder an.
Sehr gerne.
Und versprechen, daß mir die Ausführung überlassen bleibt?
Ich bedachte mich, und sagte dann zu.
So überlassen Sie mir von den eilftausend Dollars, die Sie so werthlos liegen gelassen, siebentausend zu freiem Schalten und Walten.
Und Richards? fiel ich ein.
Ist besser daran, wie Sie. Sein Sie großmüthig, wo es hilft und erkannt wird; aber Güte wegzuwerfen und sich selbst zu schaden, ist thöricht. Hier haben Sie das Recepisse für die Summe; ich werde Ihnen über die Verwendung Rechnung tragen.
Und mit diesen Worten überreichte er mir wirklich das schon fertig geschriebene Recepisse. -- Der Mann hat ein kleines Plänchen mit mir, und griff mir ein wenig zu energisch in mein Sein und Handeln. Der Gedanke an Richards fing an mir schwer am Herzen zu liegen. Mein indolentes Wesen mit den albernen Begriffen von Generosität etc., die ich aus Wagenladungen von Romanen zusammengeschöpft, empörte sich gegen die Idee, dem Freunde gerade jetzt so mitzuspielen. Doch mein Wort war gegeben, und ich sagte zu. -- Julie und Louise schienen mich kaum zu bemerken, als wir ins Haus traten. Die Eine hatte mit der Küche und dem Hauswesen alle Hände voll zu thun, die Andere schnitt und riß in den Ginghams und Indiennes herum, daß man es auf fünfzig Schritte krachen hörte; beim Souper jedoch ging das tolle Wesen los, das Schäkern nahm kein Ende. Es schien, als ob die Mädchen, nachdem sie die Tageslast abgeschüttelt, erst vor dem Schlafengehn zum eigentlichen Leben erwachten.
Die drei Fremdlinge mit ihrer Grandezza genirten sie nicht im mindesten. Gegen acht Uhr wurde die Ungeduld über das lange Sitzen zu rege. Sie wisperten und wisperten, und ehe wir es uns versahen, hatten sie die Tafel verlassen, und waren in den Salon geschlüpft.
Die Töne eines harmonischen Pianoforte wurden gehört.
Wir müssen eilen, sprach der Creole, sonst setzt es verdrießliche Gesichter. Und so gingen wir denn in den Salon.
Nun, dieser Salon ist wirklich elegant. Am prachtvollen Instrumente sitzt die fremde Dame, die einen Cotillon spielt, und Julie hat bereits mit dem Papa sich arrangirt; mir fällt Louise zu, und Don Silveira hat die Ehre des Hauses.
Und so ging es denn bis zwölf. Der Ball war just im besten Gange, als Menou lächelnd vor mich hintrat.
_Voilà notre manière créole; mais c'en est assez._ Das ist unsre Lebenswürze, fuhr er fort; Alles hat seine Zeit: Plappern, Scherzen, Tändeln, Arbeiten, Beten und Tanzen. Der wahrhaft Vernünftige weiß Alles so zu vereinigen, daß das Erste dem Letzten nicht Eintrag thut. Bloß auf diese Weise kann unser einsam häusliches Leben erträglich und glücklich werden; wir haben nie Langeweile. -- Gute Nacht!
Sehr unerwartet.
So verliefen acht volle Wochen wie eben so viele Stunden. Ich war ganz heimisch in dem Kreise dieser lieben Menschen geworden, und so häuslich und ökonomisch; beinahe wußte ich nicht mehr, wie unsere Dollars und Banknoten aussahen. Alles ging hier wie spielend zu; dabei war eine Aufrichtigkeit, eine Herzlichkeit und Sympathie zwischen den siebzig bis achtzig Gliedern dieses kleinen Patriarchats zu bemerken, daß man leicht der Welt mit allen ihren Leiden und Freuden vergessen konnte. Und ich vergaß ihrer wirklich; ganze Stöße Zeitungen lagen ungelesen, und ich wurde jeden Tag mehr Hinterwäldler. Des Morgens schlüpfte ich in meine weißleinenen Pantalons und Jacke, warf einen Strohhut auf den Kopf, und folgte Monsieur Menou in seine Felder und Cottonpresse. Der Nachmittag verging im Durchsehen von Rechnungen oder Colonel Stones und Major Noahs[9] Seiten- und Querhieben, und den Abend schloß Tag für Tag ein Impromptu, Tanz, oder ein rasches, munteres Geplapper.
[9]: =Colonel Stone= und =Major Noah=, die Eigenthümer der bekannten Zeitungen: der Morgen-Courier und die commercielle Zeitung.
Eines Abends, wir setzten uns so eben zum Souper, machte uns Monsieur Menou den Vorschlag zu einer nächtlichen Hirschjagd. Ich war dessen ganz zufrieden, und er erließ sofort die nöthigen Weisungen. Die zwei Mexikaner baten gleichfalls, uns begleiten zu dürfen, als die Dame mit halbem Entsetzen dazwischenfuhr. Don Lop--! rief sie, hielt jedoch inne; das Wort schien ihr auf der Zunge zu ersterben. Ich bitte dich, fuhr sie in spanischer Sprache fort, nur diesmal nicht. Es war etwas so Weiches, Zartes in ihrem edlen, scheuen Wesen, das uns Alle für einen Augenblick hinriß. Ihr Mann bat sie, sich zu beruhigen, und versprach zu bleiben; es schien ihn jedoch Mühe zu kosten. Ich versicherte sie, es sei keine Gefahr. -- »Keine Gefahr?« wiederholte sie in ihrer sonoren kastilianischen Sprache, »keine Gefahr? -- Doch, Sie haben nirgends von Ihrem Vorhaben etwas verlauten lassen?« wandte sie sich an Menou. »Gewiß nicht,« erwiederte dieser. -- Nun erst fiel es mir auf, daß die zwei Eheleute sich während ihres ganzen langen Hierseins auch nicht ein einziges Mal im Freien ergangen hatten. Mein Auge fiel wieder auf den jungen Mann; er hatte ausgezeichnet schöne Züge, eine bleiche, aber nicht ungesunde Gesichtsfarbe, und eine hohe Stirne. Die Augen waren besonders schön; es blitzte ein Feuer in diesen Augen, das wahrlich nicht bestimmt zu sein schien, hier am Red-River zu verglühen. Sein ganzes Wesen drückte, so viel er sich auch Mühe gab, es zu verbergen, etwas militairisch Gebietendes aus. Es war eben dieses gebietende Wesen, das mich bewogen hatte, den jungen Mann, der etwa dreißig sein mochte, ein wenig kalt zu behandeln. Wir erlauben nicht leicht, oder vielmehr nie, Fremden, sich in unserm Lande _airs_ zu geben; die Ergebung jedoch in den leise ausgesprochenen Willen seines herrlichen Weibes hatte den übeln Eindruck einigermaßen verwischt. Ich achte den Mann, der sein Weib liebt.
»Und ist wirklich keine Gefahr?« fragte mich das Engelsköpfchen, die Donna nämlich. Ich versicherte sie, daß keine sei. Sie flüsterte ihm einige Worte zu, und er, ihre Hand küssend, bat nochmals, uns begleiten zu dürfen. Die zwei sonderbaren Leutchen hatten sich auch bei Tische beinahe ausschließlich nur mit einander beschäftigt, und es schien ihm gewissermaßen eine Anwandlung von Eifersucht aufzusteigen, wenn die Donna sich mit Julien oder Louisen länger unterhielt. Ihr Gefährte war eine unbedeutende Person, die mit einer Art abgöttischer Verehrung an dem Paare zu hängen schien. Sie hatten sechs Diener bei sich.
Wir erhoben uns etwas früher von der Tafel, warfen uns in unsere Wolldecken-Röcke, nahmen unsere Gewehre, und bestiegen die für uns bereit gehaltenen Pferde. Sechs Neger mit Pechpfannen und eine Koppel Hunde waren vorausgegangen. Die Glocke schlug zehn, als wir aufbrachen. Es war eine finstere, schwüle Nacht; der Donner rollte her von Süden, und verkündete den herannahenden Sturm, unsere tägliche Abendmusik in dieser Weltgegend; die Atmosphäre war in den ersten zehn Minuten unseres Rittes beinahe zum Ersticken gewesen; dann erhob sich jedoch ein säuselnder Luftzug in den Baumwipfeln; der Donner brüllte stärker vom mexikanischen Busen herauf, die ganze Atmosphäre schien sich wälzend zum gewaltigen Elementenkampfe zu rüsten. Dann und wann schoß ein zackigter Blitz aus dem schwarzen Firmamente heraus durch die Bäume hin, und der ganze Wald loderte für einige Sekunden in einer Zauberflamme auf. Wieder kam ein langer leuchtender Strahl, und näher und näher rollte der Donner, aber ein Donner, gegen welchen der des Nordens ein bloßer Paukenschlag ist. Selbst unsere Hunde fingen an zu winseln, und preßten sich so nahe an die Pferde, als sie nur konnten. Wir hatten ein dichtes Lorbeergebüsche betreten, und der Leithund war stehen geblieben und spitzte die Ohren. Sofort stiegen wir von den Pferden und traten an die Hunde heran; zwischen uns die Neger mit ihren Pechpfannen, und vor uns in der Entfernung von etwa zwanzig Schritten vier leuchtende winzige Feuerballen, -- es waren die Hirsche, die mit rollenden Augen das ungewohnte Schauspiel anstarrten. Wir legten an; der Creole und ich nahmen den ersten, die zwei Mexikaner den zweiten. Wir schossen auf ein gegebenes Losungswort, hörten ein rasselndes Niederschmettern, ein lautes Krachen, und gleich darauf ein _Sacré!_ und _Damn ye!_ und _Diablo!_ und _San Jago!_ Die sechs Pechpfannen waren zu und auf unsern Füßen; der Creole war zur Seite gesprungen, die Neger lagen vor Schreck auf dem Boden, und die beiden Dons neben ihnen.
_Santa Vierge!_ rief Don Pablo; _Maledito Gojo, Senor Don Lopez_. Und sich aufraffend, stürzte er sich auf den jungen Mann: _Maledito Gojo! Nuestro libertador Santa Anna!_ -- »_Callate!_« rief ihm die heilige Anna zu.
Monsieur Menou hatte sich vorsichtig mit seinen Negern beim ersten Anschein von Gefahr zu Boden geworfen; der junge Mexikaner hingegen, weniger erfahren in diesem zuweilen gefährlichen Nacht-Zeitvertreibe, war stehen geblieben, und von dem aufgeschreckten Hirschen über den Haufen gerannt worden. Ich zog den heulenden Senor Pablo von seinem Gefährten, und untersuchte mit Menou, ob er Schaden gelitten. Sein Ueberrock war zerrissen, und aus beiden Schenkeln begann Blut zu fließen; sie waren durch die Geweihe des Hirsches aufgeschlitzt. Glücklicher Weise war die Wunde nicht tief; sonst dürfte ihn sein Fehlschuß theuer zu stehen gekommen sein. Wir hoben ihn auf den Rücken des Pferdes, und traten wieder den Heimweg an.
Es war Mitternacht, als wir mit dem todten Hirschen und dem verwundeten Don vor dem Gitter des Parkes anlangten. Eine weiße Gestalt im Fenster des Mexikaners verkündete, daß seine Gattin seiner noch warte. War es Vorgefühl oder gewöhnliche Weiberangst, sie kam die Stiegen herabgeflogen, und mit dem Ausrufe: _Perdito!_ fiel sie beinahe ohnmächtig vor der Hausthüre nieder.
Um Gotteswillen! rief eine zweite weibliche Stimme, ein Unglück! Ist's Howard? -- Es war Louise, die athemlos im Schrecken und im Nachtröckchen aus ihrem Zimmer stürzte.
Mein Gott, es ist nur der Mexikaner! Gott sei Dank! lispelte sie.
Dank, liebe Louise, für Ihre Unbarmherzigkeit; sie macht mich glücklich! Mit diesen Worten schloß ich das Mädchen in meine Arme, und drückte einen Kuß auf ihre Lippen.
Bösewicht! rief sie, ins Haus zurückeilend.
Ich folgte nun dem Zuge in die Zimmer des Mexikaners. Die bleiche Marmorgestalt seines Weibes hing über dem Verwundeten regungs-, bewußtlos. Es kostete Menou Mühe, sie von ihm zu bringen; doch der wohlthätige Creole war schnell. Wo er seine Chirurgie gelernt hat, weiß ich nicht; aber die Sicherheit, mit der er die Wunden ausschnitt, ausbrannte und auswusch, flößte wirklich Vertrauen ein. Sie waren nicht gefährlich, hätten es aber leicht bei der Hitze der Temperatur, der Thermometer schwankte zwischen 85 und 87, und dem Umstande, daß sie von Hirschgeweihen herrührten, werden können. Nach einer halben Stunde trat er vor die bewußtlose Donna Isabelle, und verkündete ihr im zuversichtlichsten Tone, daß ihr Mann in wenigen Tagen wieder hergestellt sein würde. Ich hatte während der Operation eines der Lichter gehalten und konnte nicht umhin, die schöne Gestalt anzuschauen. Als ihr nun Menou die tröstende Nachricht verkündete, richtete sie ihre Augen mit einem so wahrhaft katholischen Blicke zum Himmel, daß ich wahrlich den Heiligen beneidete, dem sie dankte. Als ich das Licht auf den Tisch stellte, fiel mein Auge auf ein herrliches Miniaturgemälde, das sie selbst vorstellte; daneben lagen Briefe an Don Senor Lopez S-- A--, Mariscal di Campo; zwei oder drei hatten die Aufschrift: Lieutenant-General. Das war denn der berühmte Heerführer Mexiko's, der zweite Würdige unter dem Generalgesindel dieser sein wollenden Republik. Ich ging gedankenvoll meinem Schlafzimmer zu; allmälig drängte sich Louise aus dem Hintergrunde meiner Phantasie hervor; das liebliche Mädchen hatte denn gewacht, unruhig gewacht; auch sie hatte nicht schlafen können; auf das erste dunkle Gerücht von einem Unglücke hatte ihre beflügelte Furcht den Namen erpreßt, den sie im Herzen trug. Ich hatte während meines ganzen Hierseins gar nicht an Liebe gedacht; Alles war so geschäftig in diesem Hause, so rührig, so beweglich; man hatte gar nicht Zeit, auf sentimentale Gedanken zu kommen, -- nun kamen sie aber doch. Es thut einem acht und zwanzigjährigen Hagestolz, der so viele Körbe bekommen hat, daß er damit einen mäßigen Handel treiben könnte, so wohl, sich im Herzen eines siebzehnjährigen Kindes gebettet zu wissen.
Sie konnte mich beim Frühstücke gar nicht ansehen; aber ich sah sie desto mehr an. Wo waren doch meine Augen? Julie war allerdings zu corpulent für meinen _goût_; doch Louise -- sie ist ohne Widerrede ein ganz herrliches Mädchen; schlank, mit einer lieblichen Taille, nicht zu üppig, nicht zu bretern, Milch und Blut im Gesichtchen, aus dem Schalkheit, Wohlwollen und Häuslichkeit blicken, ganz vorzüglich schöne Hände, und ein Gestelle -- kurz, ich wurde nachdenkend. Muß doch sehen, wie es zu Hause aussieht, dachte ich.
Wollen Sie mir gefälligst Ihren Wagen bis an den Fluß geben? fragte ich den Creolen.
Von Herzen gern. Eine bloße Spazierfahrt, wenn ich fragen darf?
Nein, ein wenig weiter. Ich will sehen, was die Meinigen thun.
Uns verlassen? schrie Louise, und etwas langsamer Julie und die Mama.
Wenn Sie erlauben, so will ich in kurzer Zeit wieder so frei sein, Sie zu besuchen; aber für heute muß ich gehen.
Die Rosen waren von den Wangen Louisens gewichen, sie wandte sich, und ich glaube, eine Thräne perlte ihr in den Augen.
Wir saßen eine Viertelstunde, ohne daß ein Wort über unsere Lippen gekommen wäre. Der Creole sprach endlich: Sie schienen doch recht vergnügt bei uns; hat sich etwas zugetragen?
Etwas für mich sehr Wichtiges; ich muß wirklich sogleich fort, war meine Antwort.
Louise war aus dem Saale geeilt; ich folgte ihr, und fand sie ihrem Zimmer zuschwankend.
Louise! rief ich. Sie weinte.
Ich verlasse Sie heute.
So habe ich gehört.
Um mein Haus zu bestellen.
Mein Bruder thut ja dieses ohnehin, lispelte sie; warum uns verlassen?
Weil ich so bald als möglich ein ganz liebliches Zimmerchen brauche für mich und meine Louise. Wollen Sie mir in dieses als mein geliebtes Weib folgen?
Sprechen Sie den Papa, lispelte sie, mit einem Freudenstrahle im lieblichen Gesichte, und dann ihren zitternd verschämten Blick auf den Boden heftend.
Nehmen Sie sie, lieber Howard, sprach der Papa, der uns auf dem Fuße gefolgt war. Sie werden ein treffliches Weib haben.
Louise sank mir in die Arme, und die nächste Stunde war ich auf dem Wege nach Hause.
So war ich denn nun verpfändet, und mein Hagestolzthum näherte sich dem Ende. Die Wahl war vernünftig, das fühlte ich; Louise ist eines der trefflichsten Mädchen: züchtig, klug, thätig, reizend und munter; unter ihren Händen gedeiht, wächst Alles; die Negerinnen behandelt sie wie Schwestern, die Männer wie Brüder. Alle diese Gründe jedoch waren mir erst nun klar geworden; noch gestern dachte ich des Mädchens so wenig wie des Großsultans; der Gedanke, sie zur Frau zu nehmen, war wie ein Lichtfunke durch mein Gehirn gefahren. Wird mich dieser Lichtfunke nie reuen? Ihre ersten Tage werden wahrlich keine Honigmonde in meiner Wildniß sein. -- Es war Nachmittags vier Uhr, als ich anlangte. Beinahe wäre es mir wieder wie das letztemal gegangen; ich kannte meine Pflanzung nicht, wirklich nicht. Die ungeheuern vom Sturm entwurzelten Stämme, die, acht bis zehn Fuß im Durchmesser dick, vor meiner Wohnung chaotisch gelegen, waren verschwunden; mein Garten neuerdings, nur vergrößert, mit einer eleganten Umzäunung versehen; um die Vorderseite des Hauses hatte sich eine Veranda erhoben, an der zwei fremde Schwarze arbeiteten.
Ich stieg aus; der junge Menou kam mir zufrieden lächelnd entgegen. Ich schüttelte ihm die wackere Hand, und wies mit Verwunderung auf die Reformen. »Das sind Kleinigkeiten; aber ihre Cottonpresse kostet uns Arbeit; sie war ganz hin.«
Aus dieser tönte der Chorus von vierzig Stimmen im melancholischen _Talla-i-hoe_ herüber.
Und wie haben sie diese Wunder alle ausführen können? fragte ich erstaunt.
Nun, Sie haben uns ja fünfzehn Leute gesandt, Vater lieh mir noch zehn der Unsrigen, und so konnten wir schon etwas Tüchtiges leisten.
Ich ging mit dankbewegtem Herzen durch die Geländer der Umzäunung der Veranda zu. Sie war im elegantesten Geschmacke errichtet; die Jalousien liefen acht Fuß hoch auf der Ost-, Süd- und Westseite des Hauses herum; die Nordseite war, wie gewöhnlich, frei geblieben. Der Saal war mit glänzend-blaßgelben Matten belegt; in der Einrichtung, meinte jedoch der junge Mann, hatte Papa nicht vorgreifen wollen; nur was zwei Zimmer betrifft, machten wir eine Ausnahme. Ich näherte mich voll Erwartens meinem Schlafzimmer. Prachtvoll! Ein allerliebstes Bette, und zwar ein doppeltes, als wenn sie die Katastrophe vorausgesehen hätten, mit allem Nöthigen versehen; ein fünfzehnjähriges schwarzes Mädchen arbeitete noch an den Moschetto-Vorhängen. Das ganze Haus war wie durch einen Zauberschlag umgewandelt. -- »Und wer hat den Plan zur Einrichtung dieses Zimmers gegeben?«
Das Mädchen ist Louisens Kammerzöfchen, lachte Menou; sie wird wohl vom Geiste ihrer Gebieterin inspirirt sein.
Die alte Sibylle kam mittlerweile an der Spitze meiner Unterthanen, die frisch, munter und jubelnd einhertanzten. Es waren zehn Bursche und fünf Mädchen darunter, die ich noch nicht kannte. Der junge Menou führte sie mir nun als die Meinigen vor; sein Vater hatte sie für mich, der ich das Sklavenhandeln verabscheue, durch einen bewährten Freund einkaufen und hieher überschiffen lassen. Sie waren noch sammt und sonders, so wie die Mädchen, ledig.
Ich blickte Menou bedenklich an. Die Creolen erlauben ihren Negern gewisse Freiheiten, die unserm strengen sittlichen Gefühle schnurstracks entgegen sind. Jedes meiner Paare war verheirathet, und selbst in meiner tollen Wanderschaft hatte ich streng auf Zucht und Sitte gesehen. Der junge Mann beschwichtigte meine Zweifel; die Mädchen waren unterdessen in der ehemaligen Wohnung Mister Bleaks untergebracht, und die Bursche in zwei Häuserchen, die er bereits erbaut; acht andere waren im Baue begriffen. -- So waren denn alle meine Wünsche erreicht, und ich stand im wohnlichsten Hause am Red-River. Ich segnete den Blitzesfunken.
Ah! sprach der junge Mann, es sind mehrere Briefe an Sie eingelaufen, die ich ganz im Drange der Geschäfte vergessen habe, Ihnen zu senden.
Ich erbrach sie. Es waren Briefe von Richards, der mich dringend bat, ihm sogleich das Vergnügen meines Besuches zu gewähren. In einem andern war er noch dringlicher, und schien ganz verwundert, daß ich so häuslich geworden; in einem dritten war mir angekündigt, daß die schöne Emilie als Mistreß Doughby zurückgekehrt, und als _Postscriptum_ beigefügt, daß sie eine der Zierden Bostons, eine Cousine mit sich gebracht.