Transatlantische Reiseskizzen und Christophorus Bärenhäuter. Zweites Bändchen.
Part 2
_Mais tout cela est bien charmant!_ sprach der Creole. Ich schaute den Mann an; er war ganz ernsthaft. Ich schüttelte den Kopf, denn fürwahr ich war nicht in der Laune, Spott zu ertragen. Der creolische Plagegeist jedoch ergriff wieder meinen Arm und zog mich den Hütten meiner Neger und weiter den Cottonfeldern zu. Es waren die üppigsten Felder trotz der gränzenlosen Nachlässigkeit; der unglaublich fette Boden hatte die Stauden beinahe mannshoch hinaufgetrieben, und es war im Juni. Der Creole prüfte mit Kenneraugen und schüttelte den Kopf.
Die Glocke ertönte vom Dampfschiffe her. Gott sei Dank, dachte ich.
_Monsieur!_ sprach er, _la plantation est bien charmante, mais ce Mistère Bleak ne vaut rien, et vous -- vous êtes trop gentilhomme._
Ich verbiß das derbe Compliment, meine Zähne knirschten jedoch unwillkürlich.
_Écoutez!_ fuhr er fort, _vous irez avec moi_.
_Moi!_ sprach ich. Ist der Mann toll, mir einen solchen Vorschlag zu thun, kaum zehn Minuten nachdem ich mein Haus betreten!
_Oui oui Monsieur!_ sprach er, _vous irez avec moi. J'ai des choses bien importantes à vous communiquer._
_Mais Monsieur!_ erwiederte ich ziemlich frostig, _je suis bien étonné d'une proposition si étrangère --_
_Et faite par un étranger_, fügte der Creole lächelnd hinzu. _Mais vraiment, Monsieur Howard! vous êtes venu sans prendre les précautions nécessaires comme je vois -- -- et la fièvre. Ah Monsieur, quand on est forcé de s'échapper de ses amis --_
Ich blickte den Mann staunend an; woher wußte er dies? Die Glocke ertönte ein zweites Mal.
_Eh bien!_ fragte er, _plaît-il ou non?_
Ich stand verlegen, sinnend, ärgerlich. _J'accepte de votre offre_, sprach ich endlich meiner selbst nicht bewußt, und eilte schnell mit ihm dem Dampfschiffe zu. Mister Bleaks schüttelte verwundert den Kopf. Ich bedeutete ihm, etwas mehr Acht auf die Pflanzung zu haben, und wollte eben die auf das Dampfschiff führenden Breter betreten, als meine fünf und zwanzig Neger heulend hinter dem Hause hervorgerannt kamen.
Massa! um Gotteswillen, Massa, bleibt bei uns! riefen die Männer. Massa, guter, lieber Massa, nicht gehen! Mister Bleaks! heulten die Weiber.
Ich winkte dem Kapitain, eine Weile zu halten.
Was fehlt euch? fragte ich ein wenig betroffen.
Einer meiner Sklaven trat vor und entblößte seine Schultern, zwei andere folgten seinem Beispiele.
Ich warf einen durchbohrenden Blick auf Mister Bleaks, der grinsend lächelte. Es war für meine Ehre und mein Gewissen ein wahrhaft rettender Moment, der meine armen Neger herbeigeführt hatte. In der Tollheit meines Wesens wäre ich dem Creolen gefolgt, ohne mich auch nur im mindesten um das Loos von fünfundzwanzig Menschen zu erkundigen, die ich unter so schlechten Händen gelassen. Ich entschuldigte mich kurz beim Creolen, versprach einen baldigen Besuch, um nähere Aufklärung über seine räthselhaften Worte zu erhalten, und verbeugte mich. Der Mann erwiederte kein Wort, rannte über die Breter, wisperte dem Capitain etwas in die Ohren, und verschwand in den Staatssalon.
Ich hatte weder Zeit noch Lust mich länger mit ihm zu befassen, und war schweigend, umgeben von meiner schwarzen Bevölkerung, dem Hause zugegangen. Das Dampfschiff ging so eben ab, als mich etwas am Arme anfaßte, -- es war der Creole. Nun bei Gott, das ist zu toll. Es fehlte nur noch, daß er seine beiden Demoiselles auch mitbrachte. Der Mann jedoch sprach ganz trocken: _Vous aurez besoin de moi avec ce coquin-là. Nous nous arrangerons aujourd'hui, demain viendra mon fils et après-demain vous irez avec moi._ -- Ich schwieg und ließ den Mann reden, denn wirklich seine Zudringlichkeit schien an Narrheit zu gränzen.
Meine armen Neger und Negerinnen weinten und lachten vor Freude; die Kinder schmiegten sich an ihre Eltern; Alle aber hingen mit erwartendem Blicke an mir. Ich befahl ihnen, in ihre Hütten zu gehen, von woher ich sie rufen lassen würde.
_Damn these blakies!_[6] sprach Mister Bleak, als sie den Rücken gewandt hatten: sie haben schon lange nicht wieder die Peitsche gekostet.
[6]: G--tt verdamme diese Schwärzlinge, Schwarzköpfe.
Ich gab dem Manne keine Antwort, bedeutete der alten Sibylle, Beppo und Miza zu rufen, und winkte ihm, sich zu entfernen.
Das soll wohl gar ein Verhör sein? höhnte Mister Bleaks; da wollen wir auch dabei sein.
Keine eurer Unverschämtheiten, Mister Bleaks! sprach ich; erwartet meine Verfügungen und entfernt euch.
Und keine Ihrer Vornehmheiten, erwiederte der Mister. Wir sind in einem freien Lande, und Sie haben keinen Neger vor sich.
Der Mann trieb mirs ein wenig zu bunt. Mister Bleak, sprach ich mit so vieler Fassung, als ich vermochte, ihr seid hiemit entlassen. Eure Anstellung geht bis 1. Juli; wir haben noch zwanzig Tage, sie sollen euch bezahlt werden.
Ich setze keinen Fuß von der Schwelle, bis ich meinen Gehalt und Auslagen und Vorschüsse empfangen, erwiederte der Mann trocken.
Bringt mir eure Rechnungen, erwiederte ich; das Blut fing an in meinen Adern zu kochen.
Der Mann hatte durchs Fenster seinem Weibe zugerufen, die zur Thüre hereinkam; nachdem sie einige Worte mit einander gewechselt hatten, entfernte sie sich wieder.
Ich hatte unterdessen meinen Koffer geöffnet und einige Rechnungen, Briefe, Quittungen durchgesehen.
Das Weib kam mit den Rechnungsbüchern herein, und stellte sich mit gespreizten Armen hin. Ihr Mann ging ganz gemächlich in die nächste Stube, brachte zwei Sessel, und die beiden Eheleute setzten sich.
Wahrlich, unsere liebe Freiheit hat doch auch verwünscht viel Unbequemes!
Den 20. December 25 Ballen Cotton, 4 Fässer Tabak in Blättern an Mr. M--n abgeliefert, begann er; den 24. Jänner dito 25 Ballen und 1 Faß Tabak in Blättern.
Richtig! erwiederte ich.
Das war unsere ganze Ernte, fuhr der Mann fort.
Ein ziemlicher Abstand vom vorletzten Jahre, bemerkte ich, 95 Ballen und 50.
Wenns dem Gentleman nicht recht ist, so hätte er nicht in der halben Welt herumvagiren sollen, fuhr Mister Bleaks heraus.
Und uns da in diesem Fieberpfuhle verschmachten lassen, ohne Geld und alles, bemerkte Mistreß Bleaks.
Weiter! sprach ich zu ihrem Manne.
Das ist Alles; davon habe ich von Mr. M--n empfangen als Besoldung sechshundert Dollars, kommen mir noch dreihundert Dollars zu.
Gut! erwiederte ich.
Ferner, fuhr der Mann fort, für Wälschkornmehl und Schinken und gesalzenes Schweinefleisch und Wolldecken und Cottonzeuge ausgelegt vierhundert Dollars, macht siebenhundert; ferner viertausend Zaunpfosten zu Fenceriegeln: Summa siebenhundert vierzig Dollars.
Ich rannte um Schreibzeug und Feder nach der Stube, wo die Trümmer meines Sekretairs standen, schrieb einen Gutschein an meinen Banquier, und kehrte zurück. Diesen Menschen wollte ich um keinen Preis länger im Hause haben.
Erlauben Sie, -- sprach der Creole, der dem Vorgange als stummer Zeuge zugesehen hatte, indem er nach dem Papiere griff.
Vergebung, mein Herr! erwiederte ich beinahe aufgebracht über des Mannes Zudringlichkeit; in =diesen= Angelegenheiten wünsche ich mein eigener Herr und Rathgeber zu sein.
Halten Sie ein, und erlauben Sie mir einige Fragen an Mister Bleaks, fuhr der Mann fort, ohne sich durch meine Abweisung irre machen zu lassen. Will Herr Bleaks seine Rechnung nochmals lesen?
Wüßte nicht warum! Kümmert euch um's Eurige! war die Antwort.
Dann will ichs für Herrn Bleaks thun, sprach der Creole.
Den 20. December fünf und zwanzig Ballen Cotton und vier Fässer Tabaksblätter an Mr. M--n abgeliefert. Ists nicht so?
Mister Bleaks gab keine Antwort.
Den 23. December zwanzig Ballen Cotton und ein Faß Tabak an Mr. G--s abgeliefert. Ists nicht so?
Die beiden Eheleute fingen an ihre Farbe zu verlieren.
Den 24. Januar fünf und zwanzig Ballen Cotton und ein Faß Tabak abgeliefert, fuhr der Creole fort, und den 10. Februar wieder zwei und zwanzig Ballen Cotton und zwei Fässer Tabak an Mr. G--g abgeliefert. Ists nicht so?
Verdammte Lüge! platzte der Aufseher heraus.
Die wir sehr bald zu beweisen gedenken, fuhr der Creole fort. Herr Howard, Sie haben an diesen Mann eine Anforderung von netto zweitausend fünfhundert zehn Dollars, um die er sie schändlich betrogen; fünfhundert Dollars werde ich später nachweisen.
Das Ehepaar schnaubte vor Wuth; ich war wie aus den Wolken gefallen.
Wir müssen eilig mit diesen Menschen sein, wisperte mir der Creole zu, sonst sind sie verschwunden, ehe man es sich versieht. Senden Sie sogleich zum Friedensrichter M. wegen des Verhaftsbefehls, und geben Sie dem Sherif und beiden Constables einen Wink. Unten kann er nicht hinaus; er wird es aber oben versuchen.
Ich traf sogleich die Anstalten, und sandte Bangor, meinen gewandtesten Burschen, ab. Der Junge hüpfte vor Freude.
Und an das Haus G--gs, bemerkte der Creole, muß sogleich geschrieben werden.
In einer Stunde war Alles geschehen. Der Montezouma kam so eben den Fluß herab. Wir riefen den Capitain ans Land, gaben ihm einige Winke wegen des Vorgefallenen, empfahlen ihm unsere Briefe, und waren so eben im Begriffe, ihn zu seinem Boote zu begleiten, als eine Gestalt sich durch die Baumstämme hin schob und wand, und längs dem Holzstoße sich dem Dampfschiffe zu schlich. Es war Mister Bleaks, so eben im Begriffe, eine Excursion nach Neworleans zu machen. Wir fanden den ehrlichen Mann unter den Schiffsleuten und bereits zum halben Neger mittelst Kohlenruß geschwärzt. Natürlich unterblieb die Reise und vier handfeste Gesellen beförderten ihn wieder in seine Wohnung. Für ein zweites Reißaus hatten wir gesorgt, und am folgenden Morgen wanderte der Mister in festeres Gewahrsam.
Aber lieber Monsieur Menou, fragte ich den Mann, als wir bei Tische saßen und er so eben die zweite Bouteille von seinem Chambertin öffnete, denn auch diesen hatte der gute Mann nicht vergessen, -- wie kommt es doch, daß Sie so viele unverdiente Theilnahme mir beweisen?
Ei, ei! Ihr gebornen Bürger-Aristokraten sollte ich sagen, versetzte der Mann halb lächelnd, halb ernst: Ihr könnt dieses freilich nicht begreifen in eurem echt republikanischen, starren, stolzen Egoismus, der nur auf sich selbst denkt und vornehm auf uns Creolen und die übrige Welt herabschaut, als Wesen einer untergeordneten Race; wir vergessen uns selbst nicht, gedenken jedoch auch unserer Nachbarn. Ihre Affairen, sowohl des Herzens als der zeitlichen Güter, sind mir ganz genau bekannt, und wie Sie sehen weiß ich guten Gebrauch davon zu machen.
Ich drückte dem Manne herzlich und schweigend die Hand.
Wir lieben euch nordische Herren nicht sonderlich, aber Sie machen eine Ausnahme; Sie haben etwas von der französischen Etourderie im Geblüte, und vieles von unserer Generosität.
Ich lächelte über den vorgehaltenen Sittenspiegel.
Sie haben sich von ihren Freunden lange zum Besten halten lassen, und man amüsirt sich über den Korb, den Sie für bloßes Beschauen empfangen.
Ich sprang von der Tafel auf. Bei allen T.....n!
Ja, ja, mein Herr! lassen Sie das gut sein; Emilie Warren ist ein treffliches Mädchen, aber doch eine Yankeein, für Sie zu gescheid.
Danke fürs Compliment.
Morgen kommt mein Sohn; ihre Pflanzung bedarf nur einer festen Richtung und eines kleinen Kapitals von acht- oder zehntausend Dollars, dann kann sie sich in ein paar Jahren mit jeder am Missisippi messen. Mein Sohn wird ihr diese Richtung geben, und Sie bleiben einige Monate bei mir.
Aber Mister Menou!
Keine Aber, Herr Howard! Sie haben die nöthigen Summen; sie schaffen noch zwanzig Hände herbei -- für gute wollen wir sorgen. Morgen das Weitere.
Am Morgen kam der junge Menou, ein schlichter, gewandter Jüngling von etwa zwanzig Jahren. Der Tag verging in Besichtigung der Pflanzung. Der junge Mensch hatte mein volles Zutrauen in wenig Stunden gewonnen. Ich empfahl ihm die Meinigen, und am Abende schifften wir uns nach seines Vaters Pflanzung im Ploughboy[7] ein.
[7]: Ploughboy, der Name eines Dampfbootes.
Nicht sehr interessant, aber recht natürlich.
Der gute Creole hatte christlich an mir gehandelt. Als wir vor dem Hause des Friedenrichters anhielten, und ich ihm -- er war bereits im Schlafrocke -- die näheren Ursachen meines Ansuchens um Verhaftung Mister Bleaks eines weitern auseinander setzte, kam mir der gute Mann mit dem naiven Geständnisse entgegen: Wußte Alles, lieber Mister Howard, sonnenklar; sah jeden Ballen, um den er Sie bestahl, oder bestehlen wollte.
Aber um's Himmelswillen, Mann! fuhr ich heraus, warum ließen Sie dieses so angehen?
Weil es mich nichts anging, Lieber, versetzte er mir trocken.
Hätten Sie wenigstens meinen Anwald benachrichtigt.
Ging mich nichts an, war wieder die Antwort; doch plötzlich seine Augen starr auf mich richtend, fing er ziemlich derb an, mir eine Art Strafpredigt zu halten, auf die ich nichts weniger als gefaßt war. Ei, ei! begann er, die Schlafhaube aufs linke Ohr setzend, da kommt ihr jungen Herren mit eurem Dutzend Blakies aus dem Norden, werft dem County ein paartausend Dollars zu, glaubt dafür gemächlich den Absentee-Gentleman spielen zu können, und uns recht sehr zu beehren, wenn ihr uns die Mühe überlasset, euch die Dollars und Banknoten zusammenzuscharren und nachzuschicken, daß ihr sie oben oder gar außer Landes verzehren möget. Mir thut's beinahe leid, Mister Howard, daß Sie nicht sechs Monate später kamen.
Und so dem Wichte Zeit ließ, sich mit der Beute davon zu machen?
Er hat wenigstens gearbeitet, und hat Weib und Kind, und ist dem County und dem Lande nützlich geworden.
Ei der Teufel! fuhr ich dazwischen. Nun wirklich, für einen Friedensrichter haben Sie einen sonderbaren Codex.
Der weder von Boni, noch von Livingston, aber echt patriotisch ist, versetzte der Mann ernst, auf die Stirne deutend.
Ich sah ihn mit aufgerissenen Augen an; aber er mich auch. So unrecht hat er im Grunde nicht. Worin bestünde auch der Unterschied zwischen einem Louisianer oder Virginier, und einem irischen oder englischen Aristokraten? Bei uns ist jedoch noch nicht viel Gefahr vorhanden. Echt vornehme Reiseunternehmungen gedeihen nun einmal nicht; mich wenigstens hätte mein Versuch bei einem Haare dreitausend Dollars gekostet. So, wie die Sachen standen, waren sie jedoch gerettet: die Gelder noch in den Händen der Mst. G--s, die wahrscheinlich in diesem Punkte wie Squire Turnips dachten. Ich übergab dem Manne die nöthigen Vollmachten und Papiere, wünschte ihm eine gute Nacht, und wir schüttelten einander herzlich die Hände. Der Morgen graute bereits herauf, als wir das Dampfschiff zum zweitenmale verließen, um eine Carosse zu besteigen, die zwar schrecklich aus der Mode war, uns aber rasch fortbrachte. Eben hatte ich mich wieder dem lieblichen Morpheus in die Arme geworfen, als eine sanfte Stimme nicht zehn Schritte von uns rief: _Les voilà!_ Ich blickte auf, rieb mir die Augen, -- es war Louise, die jüngere Tochter des Creolen, die nun vor der Veranda stand und uns willkommen hieß. Welche von unsern lieben nordischen Evatöchtern würde wohl dahin zu bringen gewesen sein, des Papa willen um sechs Uhr ihr jungfräuliches Lager zu verlassen, und für uns schwarzen Kaffee bereit zu halten, damit die bösen Ausdünstungen nicht unsern Appetit verderben? Monsieur Menou schien jedoch in der hingebenden Aufopferung seines Töchterleins gar nichts Außerordentliches zu finden, und zögerte nicht, Erkundigung einzuziehen, ob die Leute bereits ihr Frühstück im Leibe und den Pflug und das Grabscheit in der Hand hätten. Auch über diesen Punkt wußte Louise Auskunft. Zugleich erwies es sich, daß sie in den vier und zwanzig Stunden ihres Daheimseins sich ziemlich tief in die Verhältnisse ihrer schwarzen Liege-Subjekte einstudirt habe. Tom hatte sich nämlich einen Splitter in den Fuß gerannt, Pompey hatte Augenweh, er schielte stark nach Sarah, und Curgy hatte eine neue Eroberung am Cato eines Nachbarn gemacht, -- Alles Dinge, die zwar für Menou und Louisen sehr interessant sein mochten, mich aber sanft zum Gähnen brachten. So sah ich mich denn unterdessen im Speisesaale um, dessen Ameublement mir einen Vorgeschmack der hier existirenden Civilisirung geben sollte. Die Matten waren das Neueste, und sehr elegant; aber das _sideboard_ war schrecklich aus der Mode. Tische, Sesseln und Sopha französisch, statt amerikanisch. An den Wänden hingen ein paar Kupferstiche; nicht die Schlacht von New-Orleans, oder die glänzenden Siege Perry's und Bainbridge's über die Britten auf den Champlain- und Erie-Seen; nein, ein paar Curiositäten aus _Louis-Quinze_ und _Seize_ Zeiten. Ueberhaupt hatte das Ganze einen ziemlich starken, oder vielmehr matten Beigeschmack vom _ci-devant_ Franzosenthum, nicht dem republikanischen, oder kaiserlichen, oder restaurirt-jesuitischen, nein, dem verlorenen, verdorbenen alt-royalistischen.
Ja, die wahre comfortable Art zu leben und zu sein findet man nur beim echten Amerikaner oder Engländer, vorausgesetzt, er habe Batzen; der Ueberrest ist noch im Barbarenthum versunken: Prunk und Flitter im Schauzimmer, und Schmutz und Fäulniß im Schlafgemach und auf dem Leibe. Es ist eine arge Sache um unsern Stolz und Uebermuth und unser ewiges Kritisiren; aber wir können es nun einmal nicht lassen. Wir schauen so gerade zu und tief; der gute Pabst ist uns bloß ein alter Mann, und ein König ein anderer, wenn er nicht jung ist, und Menschen und Bücher sind vor uns aufgeschlagen, wie unser offenes Land, und wenn wir ja ein bischen spöttisch unsere armen transatlantischen Brüder in Adam durchhecheln, so wissen wir wohl, daß uns von ihnen auch nichts geschenkt wird. Wenn wir so einander in die Haare geriethen, wie würden sich die alten schleimig-schwammigten Legitimaten und ihre Laquaien freuen! -- Doch genug; die stündige Relation ist vorüber, und wir erheben uns, um einen Blick auf das Aeußere zu werfen. Nun, das Haus laßt einmal sehen! Es lehnt sich an einen zuckerhutähnlichen Maulwurfshügel, den einzigen, den es für Meilen in der Runde herum geben soll. Gegen Süden, Osten und Westen ist es mit einem dichten Rahmen von Akazien- und Cottonbäumen eingefaßt; nur die Nordseite liegt offen für das Flüstern des Boreas, der bei uns ein wunderlieblicher Gast ist. Ein helles Bächlein (für Louisiana wenigstens) strömt seine Gewässer von der sanften Anhöhe in einen kleinen See, der, würde ein Yankee sagen, 180 Fuß lang, 80 breit, einen Fall von 45 Fuß hat, und so eine herrliche Gelegenheit zu Maschinenwesen darbietet, wenigstens zu einer Gerberei, ein sicheres Antidote gegen die Cholera. Wir hoffen, der Czar wird uns mit seinem Cadeau verschonen; wir sind ja seine besten Freunde, sagte die letzte Präsidentenbotschaft. Ich habe nichts gegen die Freundschaft des Czars, das ist ein feiner, artiger Mann; aber mit seinen stinkenden, loyalen Bojaren, da mag er uns in Ruhe lassen.
Doch, zu Monsieur Menou's Haus zurückzukommen. Es sind eigentlich drei Bauwerke, die, zu verschiedenen Zeiten von Großvater, Vater und Sohn gebaut, nun in eines vereint sind. Die Ursache dieser Vereinigung gereicht dem Herzen des Creolen zur Ehre: -- Meine Kinder sollen sich stets erinnern, wie schwer es ihren Großeltern geworden, welche Mühseligkeiten sie zu erdulden hatten, um ihren Nachkommen bequemere Tage zu verschaffen. -- »Ja, das sollen sie,« erwiederte eine Stimme hinter uns, gerade als wir vor dem Seechen standen. -- _Madame Menou, j'ai l'honneuer de vous présenter notre voisin, Monsieur Howard._ -- »_Qui restera chez nous pendant long-tems_,« frohlockten die beiden Mädchen. -- Ich verbeugte mich pflichtschuldigst vor der Dame, und konnte kaum eine Antwort geben, als die beiden Geschöpfe mich, jede bei einer Hand ergriffen, und mich _nolens volens_ ins Haus und durch ein halbes Dutzend Zickzack-Gänge und Gängchen zogen, um mir mein Zimmer zu zeigen, wobei ich nicht wenig Gefahr lief, mir Stirne und Knochen an den mannigfaltigen Ecken und Windungen zu zerschellen. Glücklich langten wir jedoch in einem achteckigen Gemache an, das sie mir als das wohnlichste bestimmt hatten, indem es unmittelbar über dem Wasser und so stets kühle sei. Und wieder zogen sie mich heraus, und hinunter ging es zu Pa und Ma. Die Ma war eine comfortable, behaglich aussehende, gute Dame, mit einem etwas flachen Gesichte, in dem jedoch ein Ausdruck von Gutmüthigkeit und _laisser aller_ vorherrschend war, bei dem man sich recht wohl, so gleichsam zu Hause fühlte. Sie nahm mich so ganz als alten Bekannten auf, als wäre ich ihr seit Jahren erkohrener Schwiegersohn gewesen: keine Complimente, kein geschraubter Anstand; selbst ihre Gesichtszüge nahmen sich nicht einmal die Mühe, das bei Fremdenempfange gewöhnliche Feiertagskleid anzuziehen. -- Doch siehe da! was hat dies zu bedeuten? Eine Dame mit zwei Gentlemen -- augenscheinlich sind es Ausländer. Die Olivenfarbe des Einen verräth ihn als einen spanischen Abkömmling, der Andere ist jedoch schwerer zu definiren. Sie kommen von der Veranda herab und schließen sich an uns an, wie Hausgenossen. Sie wurden mir aufgeführt als Signor Silveira und Signor Pablo; die Dame ist die Gattin des Erstern. Eine edle Gestalt, Augen schwarz, Nase römisch, stolz und fein geformt, ein prachtvoller Mund mit herrlichen Reihen von Elfenbeinzähnen, ein Teint, brunett und zart, -- das ganze Wesen hat für eine Ausländerin wirklich etwas Anziehendes. Ich habe bisher immer unsere nordischen Mädchen für die schönsten gehalten, selbst die Brittinnen nicht ausgenommen -- diese könnte unsern ersten Prachtausgaben die Palme streitig machen. Doch _softly_ -- lieber Howard, Don Silveira, scheint es, behält seine Frau gerne für sich, und auch Louise ist ein wenig verstimmt über meine etwas zu republikanischen Blicke. Keine Gefahr! eheliche Galanterien sind mir verhaßt. Freiheit und Eigenthum! ist unser Wahlspruch, und Eheleute sind gegenseitiges Eigenthum. Ich halte mich zur Bouteille, die mir vom Dejeunertische herüberblinkt, an dem wir uns, dem Himmel sei Dank, niederlassen, denn es wird mir ganz curios zu Muthe -- _squeamish_, wie wir in Virginien zu sagen pflegen. Unsere Gäste jedoch sind ganz ernst und solenn, essen wenig, und die _steaks_ waren doch so vortrefflich, und die jungen _quails_ unvergleichlich, und der Chambertin so wahrhaft napoleonisch. Wohl, was den letztern betrifft, so habe ich gar nichts dagegen einzuwenden; bleibt ja uns desto mehr übrig.
Wer sind diese Messieurs mit der Dame? fragte ich meinen Wirth, als sie von der Tafel sich erhoben und den Saal verlassen hatten.
Mexikaner, antwortete Menou; aber wer sie sind, könnte ich Ihnen unmöglich sagen.
Wie, Sie kennen sie nicht? fragte ich.
Ich kenne sie wohl, sonst wären sie nicht in meinem Hause; aber meine Familie, flüsterte er mir zu, kennt sie nicht.
Arme Teufel! dachte ich; auch Freiheitsopfer, die ihre sieben letzten Dinge am Altar der Göttin dargebracht, und zur Belohnung von Haus und Heimath vertrieben worden sind. In dem Mexiko sieht es noch wüste aus; Guerrero, Bustamente, Santa Anna obenan, und unten eine Race, der man nichts Besseres wünschen könnte, als einen echt moskowitischen genialen Treiber, so einen Peter, der sie so lange knutet, bis sie Raison lernen; meint Monsieur Menou nicht? aber ich. Ei die Freiheit! ja, sie ist ein göttlicher Funke, der leicht sprüht, aber nur dann fängt, wenn das erkannte Menschenrecht und der feste Wille, es aufrecht zu halten, in Millionen wie Stahl und Stein zusammenschlägt. Wo der Funke einzeln aufsprüht, da fängt er nicht im morschen Zunder des verjährten Despotismus; es müssen Millionen Funken sein, und dann brennen die morschen Trümmer lustig weg, und auf ihnen läßt sich allenfalls der Altar der Göttin bauen. Es wird lange währen, bis dieser miserable Sklavenhaufe sich aus dem Schlamm ganz erhebt; aber zum Theile hat er es schon gethan, und aus dem Chaos bildet der göttliche Funke ja seine Wunder!