Transatlantische Reiseskizzen und Christopherus Bärenhäuter. Erstes Bändchen.
Part 8
Der Gedanke fing an mich allmälig zu drücken, während ich meinem Nachbar, der jedoch glücklicher Weise hundertfünfzig Meilen von mir wohnt, über seine vortheilhafte Metamorphose mein Kompliment machte. Und der Ignoramus nimmt es für baare Münze, und wirft sich auf, und geruht beinahe protegirend zu werden. Gott sei Dank, er geht; doch was nachkömmt, ist nicht besser. Ein ganzer Schwarm Politiker, denen die letzte Gouverneurs- und Präsidentenwahl die Rechnung verdorben hat. Die guten Leute sind steif der Meinung, daß unsers Louisianas Ehre dahin ist, wenn nicht einer aus ihnen das Ruder führt. Auf die armen Creolen sind sie schlimm zu sprechen. Ich war eben daran, meine nagelneuen politischen Entdeckungen den Herren zum Besten zu geben, als plötzlich die Flügelthüren sich öffneten, und ein Zug von Damen hereinschwirrte. Zuerst eine unbekannte Gestalt am Arme Claras, dann Mistreß Houston und Compagnie. Doch diese Unbekannte, sie ist zweifelsohne Emilie; was will aber dieser Doughby bei ihr? Er poltert auf sie zu, als ob sie bereits die Seinige wäre. Und sie? Wahrlich, ich weiß nicht, wie mir wird. Ist es Ueberraschung, oder Eifersucht auf Doughby; aber es wird mir grün und gelb vor den Augen. Sie verbeugt sich zur Gesellschaft und spricht mit dem steifen Gentleman; jetzt wendet sie sich zu mir. Mein Gott! Mistreß Houston steht diese halbe Minute vor mir und erkundigt sich nach meinem Befinden; ich starre auf Emilien, und, was schlimmer ist, brumme der Dame in ihrem eigenen Hause zu: »Ich bin sehr erfreut, Sie zu sehen.« Wohl, wenn die nicht den Staar hat, dann wird es saubere Geschichten geben; denn auf die Zungenspitze dieser personificirten _chronique scandaleuse_ zu gerathen, und die Tour unserer zwölfhundert Zeitungen zu machen, ist eins und dasselbe. Und noch dazu schiebe ich sie höflichst auf die Seite, um mir nicht die Aussicht auf Emilien zu verderben, die, wie ich bemerke, auf mich zuschwebt. Ja wohl schwebt sie; ihr Schritt ist so leicht, beinahe tanzend, und doch so fest und bestimmt. Keine Ziererei, nicht der mindeste Zwang in ihren Bewegungen, die zarteste Lebendigkeit und doch die bescheidenste Grazie. Ihr Wuchs ist etwas über die Mittelgröße, die Gestalt ein Modell der Symmetrie, so schlank und doch so abgerundet, so elastisch und so ätherisch. Und diese prachtvollen, tiefblauen Augen, die einen mit solch wunderbarlichem Vertrauen anblicken, gleichsam als wollten sie sagen: ich weiß, du bist mir gut. Diese Augen, die so zuversichtlich und doch wieder so prüfend auf Einem ruhen, gerade lang genug, um ihn zu überzeugen, daß er eines längern Blickes würdig erachtet, und doch wieder nicht lange genug, um Hoffnung einzuflößen; der wahrhaft mädchenhafte, reine Ausdruck dieser Augen, der von dem bezauberndsten Glanz so unmerklich in sinnenden Ernst verschmilzt -- ich werde sie nie vergessen. Und dieser Teint so rein, die Rosen auf Liliengrunde. Es ist das frischeste, lieblichste, verständigste Gesicht, das mir je vorgekommen ist. Ja, sie ist wirklich ein reizendes Mädchen; nie sah ich ein so offenes und wieder so intellektuelles Wesen. Das Gesicht ist eines Lebensstudiums werth. -- Sie spricht mit Richards und seiner Frau, ihre Hände in die ihrigen verschlungen. Wir haben lange und verlangend auf Sie, Harry, gewartet, lispelte sie, während ihre Augen in sinnendem Ernste auf ihn gerichtet waren.
Ich hoffe, ich bin nicht zu spät gekommen, erwiederte Richards.
Sie gab keine Antwort; aber diese funkelnden Augen schienen feucht zu werden, sie schienen zu sagen: ja wohl zu spät.
Wenn ich zu spät gekommen, dann bist du Schuld daran, sprach Richards, sich zu mir wendend.
Ich war einem Träumenden gleich da gestanden. Ich hörte nicht, ich sah nicht, nur abgebrochene Schalle drangen in mein Pericranium.
George ist wieder einmal in seinen Träumen, sprach Richards, meine Hand mit seiner Linken ergreifend und mich näher zu dem Kreise ziehend. Ich blickte auf; sie stand vor mir im unaussprechlichen Reize.
Hast du die schweren Klagen wohl gehört, die so eben gegen dich erhoben wurden? fragte er. Die zweihundert Meilen, die ich zweimal zu fahren hatte, dich von deinen Wanderungen aufzulesen und wieder heimzuführen, dürften leicht Herzenswehen verursachen.
Herzenswehen? fragte ich, und wer fühlt diese?
Das Auge Emiliens ruhte auf mir. Herr Howard, sprach sie, hat wirklich Ursache, stolz auf die Liebe und Achtung seiner Freunde zu sein.
Die ersten Worte, die sie an mich gerichtet. Aber welche Stimme, welche Töne! Was sind Garcias Töne gegen diese? Und dieser Mund, wie himmlisch er sich öffnet! Und diese Reihen von Perlenzähnen! Ich konnte mich nicht satt genug an ihr sehen. Ich hätte Vieles gegeben -- und ich gebe nicht gern -- diese Zähne noch einmal zu sehen; doch der Knall zweier Gewehre ließ sich nun hören und das Geheul der Neger. Das Dampfschiff! rief Mistreß Houston mit ihrer klaffenden Stimme. Das Dampfschiff! wiederholte ich in Verzweiflung. Die alte Dame warf einen höhnisch triumphirenden Blick auf mich. -- Emilie! sprach ich, und die Worte erstarben mir auf der Zunge, Emilie! und zu gleicher Zeit preßte ich wüthend ihre Hand. Sie blickte mich gleichsam verwundert an; sie mußte in meinem Gesichte gelesen haben, was in meinem Innern vorging. Und nun die verwünschte _Helen Mc Gregor_, wie eine Anaconda zischend; sie ist bereits zu hören wie das Brüllen der Neger. Und die gellende Mistreß Houston -- wahrscheinlich, um mir die Qualen des Abschiednehmens so viel wie möglich zu verkürzen! -- Doch, was hat dieses zu bedeuten? Ralph Doughby rollt mit ihr einen Shawl auf, schiebt den alten gepuderten Gentleman auf die Seite, wie er es mit einem Cottonballen thun würde, und wirft das Seidentuch Emilien über die Schulter; er reißt beinahe die Spitzen von ihrem Halse. Das ist's also! da geht es hinaus! Wohl, ich weiß nun, woran ich bin, und ich bin herzlich froh. Was ist mir Emilie Warren? Ein schöner Traum und nichts mehr. Ich bin erwacht, und hoffe auch dieses zu überstehen; es ist nicht meine erste und, ich hoffe, auch nicht meine letzte Liebe. Ein alter Praktikus von acht und zwanzig Jahren wird sich um solche Kleinigkeiten nicht den Hals abreißen. Elende Tröstungen! Während mir diese Maximen grober Liebesphilosophie durch den Sinn schwirrten, hätte ich Ralph Doughby, der ihr nun seinen Arm anbot, ganz gemüthlich erwürgen können. Ja, er führt sie wirklich auf das Dampfboot, und mir fällt Mistreß Houston zu. Anstatt ihr den Arm anzubieten, faßte sie den meinigen, und so ziehen wir denn fort. Was ich sagte, weiß ich bis auf diesen Tag noch nicht; es muß jedoch etwas Heilloses gewesen sein; sie schrie beinahe laut auf. Ihre gellende Stimme brachte mich endlich zum Bewußtsein zurück, und ihr süßlich giftiger Blick kühlte allmälig meine Leidenschaft. Wenig Schritte mehr und wir waren am Landungsplatze. Kisten, Koffer und ein Heer von Schachteln waren bereits deponirt; es blieb nichts übrig, als die Eigenthümer gleichfalls zu spediren. Zuvor muß jedoch noch Lebewohl gesagt werden. Mein Auge hing noch immer an Emilien, und sie in den Armen der Frau meines Freundes. Es schien, als trenne sie sich ungern von der Jugendfreundin; der lange, lange Kuß, die thränenvollen Augen zeugten deutlich davon. Doch nun kömmt Mistreß Houston, stattlich, steif und frostig; das leibhafte Bild des Winters, wie er den Frühling umarmt. Und dann die übrigen Damen und Herren, alle nach der Reihe; zuletzt Richards und ich. Sie nähert sich uns einen Schritt; ihr Auge sucht mich, unsre Hände begegnen sich; ich presse die ihrige -- vielleicht das letztemal. Jedoch nicht das leiseste Zeichen der Erwiederung, und doch ruht dieses prachtvolle Auge auf mir; eine Thräne spiegelt sich darin, eine zweite -- sie wendet sich, und nun ein zitternder, beinahe unmerklicher Druck dieser lieblichsten aller Hände. Ich murmelte, meiner selbst unbewußt: Himmel, so muß ich Sie denn verlieren, kaum zehn Minuten nachdem ich Sie gesehen! Sie blickt mich an, und wendet sich dann mit einem Blicke, der milde und schwermüthig zu sagen scheint: ja, wir müssen scheiden. -- Doch wer kommt hier. Ein ganzer Troß von Wollköpfen, jung und alt, Kinder, Jungen, Mädchen, Greise und alte Mütterchen, alle ihr Lebewohl heulend und grinsend, alle nach einem letzten Blicke von diesem lieblichen Wesen haschend. Sie muß diesen Armen herzlich gut gewesen sein; niemand fühlt tiefer als sie. Selbst ihre Leiden, ihr hartes Loos, macht sie um so empfänglicher, die milde Hand zu küssen, die sich ihnen wohlthätig aufthut, die es der Mühe werth hält, einen Tropfen Balsam in ihre stets offenen Wunden zu gießen. Es ist wirklich ein schöner Anblick dieß, das herrliche Geschöpf umringt von den schwarzen Gestalten; die unerwartete Huldigung scheint in ihr eine wehmüthig-freudige Empfindung zu erregen. Doch Mistreß Houston winkt ihrem Grandvezier, und die armen Dinge scheuchen zurück. Ihr Blick fällt furchtsam auf ihre Herrin, und dieser Blick scheint alle erstarren zu machen, gleich Banquo's Geiste. Noch ein Lebewohl und sie scheiden, und betreten die Breter, die sie für immer mir entziehen soll. Ich starre ihr wie verloren nach, übersehe ganz, daß sie an Doughby's Arme über die Brücke auf das Verdeck schritt und mit ihm in der Salonthüre verschwand, -- und nun schwingt sich das Boot herum, der Dampf brauset, zischt stärker und stärker, endlich der letzte Stoß und die gewaltige Maschine bewegt sich; langsam zuerst, und dann schneller und schneller schwirren die Räder. Wird sie nicht aus dem verwünschten Salon herauskommen? uns keinen letzten Blick gönnen? Immer weiter entfernt sich das abscheulich schnelle Boot; nie schien mir eines so eilig. Ah, nun öffnet sich die Thüre; es ist eine weibliche Gestalt; sie nähert sich dem Geländer; ihr Sacktuch in der Hand; sie schwingt es. Der alte Gentleman zunächst ihr lüftet seinen Hut und macht eine abgemessene Bewegung, und nun fällt mir der bocksteife Gentleman wieder ein. Ich erinnere mich, daß er noch an der Brücke sich zu mir gewendet, mir freundlich die Hand gedrückt, und mich dringend gebeten, wenn ich je nach Boston käme, sein Haus als das meinige zu betrachten. »Wer ist doch,« fragte ich Richards, »der Mann, der neben Miß Emilien steht, und uns so steif sein Adieu zunickt?« Fürwahr, erwiederte mein Freund, du bist einer der sonderbarsten Menschen; da steht er, gafft, vergißt Alles neben und um sich, und bemerkt selbst nicht, wenn man von ihm Abschied nimmt. Mister Warrens muß sonderbare Dinge von dir denken.
Dieß Mister Warrens? fragte ich, mich auf die Stirne schlagend.
Wer sonst als er? Ich bitte dich, vermeide alles Auffallende; unsre Tante hat dich im Auge.
Das Wort rief mich wieder zurück. Sie stand mir gegenüber, ein boshafter, schadenfroher Zug spielte um ihre Lippen. Kaum hatte Richards Zeit, mir die Worte zuzuflüstern: Sei ein Mann! so stand sie auch schon vor mir, um mich mit aller möglichen Zutraulichkeit zum Mittagsessen einzuladen. Ich wollte ein bestimmtes Nein aussprechen; allein Richards und seine Frau traten wieder dazwischen, und sagten zu. Die alte Dame fixirte mich einen Augenblick, und wandte sich dann zu der übrigen Gesellschaft.
Sei nur diesmal ein Mann, und gieb dich dem Spotte der Tante und ihrer tausend Nebenzungen nicht bloß, bat Richards. -- Was kümmert mich die Tante und ihre tausend Nebenzungen, wollte ich erwiedern; aber Richards mußte in meiner Seele gelesen haben, und sprach ernst und trocken: Das schroffe, leidenschaftliche, träumerische Wesen taugt fürwahr nur, dich zum ungenießbaren Sonderling zu stempeln. Bedenke, daß du unter deinen Nachbarn bist, denen du nie eine Blöße geben darfst.
Du hast wahrlich recht, erwiederte ich. -- Es war wirklich hohe Zeit, zurückzukommen. Bereits flüsterten meine Nachbarn und schöne Nachbarinnen, bereits spitzten sich ihre Näschen und krümmten sich ihre schönen Lippen; eine Stunde länger so fortgefahren, und am ganzen Missisippi wäre der zu spät gekommene Liebhaber ein Theegespräch geworden. Nein, das muß nicht sein; erwache zum Gefühle deiner ganzen Kraft, sprach ich, und vergesse diese Lappalien. Vielleicht wäre mir dieses doch nicht so leicht geworden; doch als ich so selbst mit mir kämpfte, warf mir Mistreß Houston einen ihrer gewöhnlichen _coup-d'oeils_ zu, und der entschied. Mich vor dieser Frau bloß zu geben, wäre Tollheit, Stumpfsinn gewesen; nein, diese Zunge soll ihre anatomisirende Gewandtheit nicht an mir üben; es ginge mir wahrlich nicht besser, als dem armen Eichhörnchen, das von der Mocassinschlange verschlungen wird, zuerst der Kopf und dann der Leib, den sie mit ekeligem Schleime überzieht, um ihre Beute desto leichter hinabzuwürgen. Sicherlich würde ich in einem halben Dutzend Landzeitungen oder einem Wochenblatte figurirt haben, herausgeputzt in einen Wehe- und Entsagungshelden, zahlbar mit fünf Dollars baaren Geldes oder vier Bänden derlei Potpourri's von Unsinn, Kalbleder und Vergoldung mit einbegriffen.
Es kam nun darauf an, ein paar Stunden gehörig zu benutzen, und die üblen Eindrücke wieder zu verwischen. Schon der feste Entschluß, die Lösung dieses Problems aufzustellen, gab mir eine Schwungkraft, die mir trefflich zu statten kam. Allmälig kam die gute Laune gleichfalls angezogen, und zuletzt in einem Maße, wie ich sie selten hatte. Wie das herging, weiß ich noch heutigen Tages nicht; war der höhnende Blick von Mistreß Houston daran Ursache, oder war es Uebermaß der Verzweiflung, ein Geschöpf für immer verloren zu haben, das, mein Herz sagte es mir beim ersten Anblicke, mich namenlos glücklich gemacht haben würde, -- genug, ich war plötzlich in einer Laune, die brillant genannt zu werden verdiente. Witzes- und Geistesfunken fingen mit einem Male aus meinem Munde zu sprühen an; jedes Wort athmete den fröhlichen, heitern Lebensmann. Mistreß Houston sah mich anfangs zweifelnd, dann verwundernd an; zuletzt schien sie ihren Ohren und Augen kaum mehr trauen zu wollen, und Clara kicherte und lachte, bis sie es nicht mehr auszuhalten vermochte. Alle die Abenteuer und Vorfälle unserer Tour, vom ledernen Mister Shifty zum mit Haut und Haaren zur Feier des achten Jänner gebratenen Barbecu-Ochsen, von dem auch uns eine Rippe zu Theil wurde, und dem pfiffigen Yankee, der seine selig verschiedene Ehehälfte einsalzte und in den Kamin zum Räuchern aufhing, willens, sie so, wohl geräuchert und gedörrt, als eine egyptische Mumie, an die Londner egyptische Halle in Piccadilly zu veräußern, indem er aus seiner Zeitung vernommen, daß Mumien ein gangbarer Artikel wären, und mit schwerem Gelde aufgewogen würden. All der Unsinn, den wir gehört, alle die tausend Albernheiten, die wir gesehen, wurden nun preisgegeben, mit einer Geläufigkeit preisgegeben, die die Gesellschaft in vollem Lachen erhielt. Natürlich trug der Umstand, daß der Erzähler kein gewöhnlicher Lustigmacher, sondern ein Mann war, der mehr zu seinem eigenen und seiner nächsten Freunde Vergnügen, als den Beifall der Uebrigen zu erringen, erzählte, das Seinige zum Genusse bei. Ich fühlte mich ganz froh und heiter, es schien mich zu drängen, von dem Ueberflusse meines Frohsinnes auch meinen Freunden etwas zukommen zu lassen. Selbst der Takt, mit dem ich abbrach, sollte meine Gabe in ihren Augen noch erhöhen. Mistreß Houston hatte für ein frisches Dutzend Champagner gesorgt; wir hatten ihn trefflich gefunden, und ich liebe diesen Wein, das wahre Bild der Nation, die ihn für uns erzeugt; allein ich hasse gemeines Zechen, und zu meiner großen Ergötzlichkeit haßten nun alle meine vierzig Nachbarn eben so das sonst so liebe Zechen, und wir brachen auf, nachdem wir feierlichst versprochen hatten, so bald als möglich wieder zu kommen. Und wirklich, so froh und heiter schieden wir, daß ich beinahe glaube, Mistreß Houston habe lieblicher denn je ausgesehen.
Du hast Wunder gethan, sprach Richards, als wir wieder in dem Wagen zusammengeschichtet seiner Pflanzung zurollten.
Die Tante lachte, fiel seine Frau ein, daß ihr die Thränen über die Backen herabliefen. Ich glaube, Sie könnten mit ihr thun, was Ihnen beliebt. Wahrlich, Sie waren bezaubernd; nie hätte ich das erwartet.
Dann kennst du ihn nur wenig, diesen launenhaften, wunderlichen Menschen, und diesen Geist des Widerspruchs, der in ihm hauset. Danken wir es der sauren Miene unserer Tante; wir hatten eine der vergnügtesten Stunden.
Da sprichst du wieder wie ein behaglicher englischer Epikuräer von vierzig, der sein gutes Diner liebt und einen Spaß dazu, vorausgesetzt, er kostet nichts und befördert die Verdauung. Du weißt, ich hasse Egoismus. Doch sage mir nur, was ist denn eigentlich gegenwärtig Herr Warren, was seine Umstände?
Ich hasse Egoismus, spottete Richards nach, mit einer Lache, so laut, daß sie von zwei Bootsmännern, die auf dem Verdecke eines Breithornes sich hingestreckt hatten, wiedergegeben wurde. Ich hasse Egoismus, und die nächste Frage, die dieser Erklärung folgt, beweist die Wahrheit seines Ausspruchs. Oder was ist es anders, als eine Abart von Egoismus, eine verfeinerte Selbstsucht, die unter dieser Frage lauert? Gestehe es nur, armer George, Emilie ist dir nicht gleichgültig.
Hol' euch der Henker! Da lauern und lauern, und wispern und wispern sie, ich wußte nicht weshalb, bis nun das große Geheimniß heraus ist.
_Hony soit qui mal y pense._ Wollte der Himmel, ich hätte es ahnen können, erwiederte mein Freund, und sein Auge ruhte voll und ehrlich auf mir. Ja, sie wäre ein Weib für dich gewesen; ich sagte dir's immer; reiste hunderte von Meilen, um noch zurecht zu kommen; es sollte aber nicht sein, es ist nun zu spät.
Zu spät? wiederholte ich mechanisch.
Ja wohl! Sie besucht Saratoga mit ihrem Vater und Mister Doughby, verweilt einige Wochen zu Hause, und kehrt dann als Frau Doughby zurück.
Ich wußte es; es war mir klar wie die aufgehende Sonne, sobald ich Ralph gesehen hatte, wie er ihr das Halstuch umwarf, so wie er seinem Schecken die Schabracke überwirft. Kein Zweifel konnte vernünftiger Weise mehr obwalten; aber ich war nun wieder in meine schlimme, beinahe giftige Laune versetzt. Wer würde es auch nicht sein?
Dann hättest du dir aber auch deine freundschaftliche Mühe, mir den Pfeil ins Herz zu drücken und mich mit ihr bekannt zu machen, ersparen können, fuhr ich bitter heraus.
Das hätte ich gewiß unterlassen, wenn ich dich erstens für so kindisch und romanhaft empfänglich gehalten, und dann die wahre Lage der Dinge gewußt hätte.
Du hast sie nicht gewußt? und doch bin ich beinahe mit Haaren herbeigezogen worden.
Ich bedaure dies noch immer nicht, fiel Richards ein; haben wir doch nun Hoffnung, dich stätig zu sehen. Fürwahr, dies Umherziehen dauert zu lange.
Ich blickte ihn an; er war meiner Frage ausgewichen. Seine Frau jedoch hob den ihm hingeworfenen Handschuh auf.
Fürwahr, hätten wir nur ahnen können, daß Sie, der ewige Jude, Lust zum Heirathen bekämen! aber wer kann sich auf Sie verlassen, und Sie wissen, die Tante ist nun einmal zum Heirathmachen geboren. Wir haben Emilie von Neworleans abgeholt, und das Uebrige wissen oder errathen Sie.
Und seit wann hat sich dieses Geschäft abgethan?
Seit zwei Wochen.
Seit zwei Wochen! wiederholte ich ein-, zwei-, dreimal. Es waren volle vier Wochen seit meinem zweiten Zusammentreffen mit Richards, und wenigstens achtzehn Tage, daß unsre Ankunft seiner Frau bekannt sein mußte. Ich glaubte mir schmeicheln zu können, daß der Einfluß Clara's auf ihre Freundin diese von einer so schnellen Wahl wenigstens bis zu meiner Ankunft hätte zurückhalten sollen. Alles das schwindelte mir durchs Gehirn und trübte nur noch mehr meine Laune. Ich sah nur zu deutlich, daß die Tante mir einen Streich gespielt. -- Ja, diese glorreiche Tante! platzte ich wieder heraus.
Ist eine sehr respectable Dame, Mister Howard, versetzte Mistreß Richards, und sie glaubte für ihre Nichte sehr wohl zu wählen; ich kann ihr gar keinen Vorwurf machen.
Freilich nicht, entgegnete ich; schade nur, daß sie sich nicht zur allein seligmachenden Kirche bekennt. Sie hätte dann Aussicht, einst, in Glas und Rahmen gefaßt, in der Kathedrale von Neworleans zu prangen, allen ihren Negern zum Trost und Labsal.
Das war nun beißig boshaft; aber wer kann seine Geduld immer behalten. Mir war es unmöglich; ich mußte meinem Herzen Luft machen. Der Stich hatte keine Erwiederung zur Folge. Richards sah mich ernst an, seine Frau beinahe wüthend. Eine lange Pause erfolgte.
Ich sah wieder auf den Missisippi hinaus, den Schiffen und Kielböten zu, von denen der _Yankee doodle_ in nicht unangenehmem Chore herübertönte.
Und Emilie, hat sie sich geduldig in die Wahl ihrer Tante gefügt? fragte Richards.
Seine Frau hielt mit der Antwort inne; wahrscheinlich antwortete sie durch ihr Geberdenspiel.
Es nimmt mich auch nicht Wunder, wisperte sie nach einer Weile; das feine Wesen fehlt ihm gänzlich. Selbst die Art, wie er ihr sein erstes Geschenk darbot, war ziemlich derbe.
Sage vielmehr roh, versetzte eben so leise ihr Gatte. Ich wollte ihm gern den Mangel an Abgeschliffenheit verzeihen; aber des Mannes Seele ist roh, gewaltthätig, für alle sanfteren Empfindungen verloren. Sie kann nicht mit ihm glücklich sein. Und sie hat also sein Geschenk zurückgewiesen? fragte er.
Entschlossen und fest zurückgewiesen, erwiederte sie. Selbst meine Bitten vermochten nichts über sie; sie kenne ihn nicht hinlänglich; sie wolle sich nicht binden, ehe sie den Rath ihrer Mutter eingeholt.
Sie hat ganz recht, und ich begreife nur nicht, wie die Tante es so weit treiben konnte.
Du weißt, ihr Vermögen, ihr Ansehen macht jeden Wink zum Gebote.
Und doch hat sie dem armen Warren Hülfe versagt?
Sie zuckte die Achseln.
Ich blickte auf; fiel jedoch wieder in mein Nachsinnen zurück. Also halb gezwungen mußte die arme Emilie werden. Wahrlich, sie verdient es, aus den Händen dieses Bären gerettet zu sein.
Ich kann es mir nicht möglich denken, daß sie ihn nimmt, bemerkte ich, zu Richards gewandt.
Ich bitte dich, gieb nicht Hoffnungen Raum, versetzte er, die vergeblich sind. Und hier zu hoffen, ist mehr als vergeblich.
Und würden Sie Emilie geheirathet haben? fragte Clara.
Geheirathet? erwiederte ich, geheirathet? Das Wort machte mich stutzen. Ein alter Junggeselle von acht und zwanzig Jahren ist nicht sehr vorschnell, wenn es an's Heirathen geht; aber hier war nichts zu bedenken. -- Heirathen? wiederholte ich; ja, das würde ich gethan haben. Von dem ersten Augenblicke, da ich sie sah, war ich dazu entschlossen; sie oder keine sollte meine Lebensgefährtin werden. Ich getraue mir zu behaupten, daß ich diese vortreffliche Seele durchblickte. Ich war unempfindlich gegen ausgezeichnetere Schönheiten, unzugänglich nach längerer Bekanntschaft; sie aber würde mir nach Jahren eben so erscheinen, denn es ist ein offenes Gemüth, das ihrige. Unsre Augen und Herzen begegneten sich; ihre Seele lag aufgeschlagen vor mir, diese edle, feste, reine und selbstständige Seele. Vor ihr ein Geheimniß zu haben, würde mir unmöglich sein; jeden ihrer Gedanken, ihrer Wünsche würde ich errathen haben; offen würde ich mich hingeben. Sieh! würde ich sagen, so bin ich; dies sind meine Gebrechen, dies meine Tugenden, -- willst du mich? Wohl! beide sollen mir helfen, dich glücklich zu machen. Achtung vor ihrem Seelenadel, vor ihrem Verstande würde mich diese Sprache führen machen, und sollte mich durch mein ganzes Leben begleiten. Und auf diese Grundlage wollte ich mein und ihr Glück bauen. Sie ist das erste Wesen, das mir begegnete, vor dem ich mich ganz, wie ich bin, zeigen könnte.
Beide hatten mir in sichtlicher Spannung zugehört.
Und was sagte Herr Warren? fragte endlich Richards.