Transatlantische Reiseskizzen und Christopherus Bärenhäuter. Erstes Bändchen.
Part 7
Endlich einmal tauchen sie auf, die heimathlichen Ufer, mit ihren gewaltigen Kränzen von Liveoaks[71], so herrlich umschlungen von beinahe mannsdicken Reben, in deren Schatten wir uns so oft ergingen. Cäsar wurde immer unruhiger, und überließ sich Freudenausbrüchen, welche die Hälfte unserer Schiffsgesellschaft vom Verdecke wegscheuchten. Das edle Thier hatte sich ungemein gut während der ersten acht Tage unserer Fahrt betragen; es war so müde; kaum konnte es ein Glied bewegen, als wir Florenz verließen. Nun hatte es sich wieder erholt, und seine Munterkeit fing an uns lästig zu werden. Bereits seit einer Stunde hatte ich ihn in seinem Verließe zu bewachen und ihm zu schmeicheln, sonst würde der Tollkopf sicher durchgebrochen sein, zum nicht geringen Schrecken zweier Damen, die, bis zum Kinn in ihren Shawls steckend, gewaltiges Aergerniß zu nehmen schienen. Mit Richards war nun nichts anzufangen, das sah ich deutlich. Seit dem frühesten Morgen war kein Wort aus ihm herauszubringen gewesen; auf das linke Ufer hinstarrend, schwelgte er bereits im Vorgefühle der Wonne, die seine Ankunft verursachen werde. Ein Besuch bei seinen Eltern hatte ihn nun über vier Monate von Hause und seinem reizenden Weibe entfernt gehalten. Er war noch nicht volle sechs Monate vermählt, als er abreiste. -- Glücklicher Mensch! Welch ein süßes Gefühl ist die Heimath, dieser Ruheort für den Müden, dies Paradies seiner irdischen Freuden, wenn ein gleichgesinntes Wesen unserer Ankunft entgegenharrt, wenn ein zartfühlender Busen höher schlägt und lauter klopft, so wie unsere Fußtritte nahen! -- Leider habe ich diese Freuden nie gefühlt. Meine Heimath haben Fremdlinge inne; bloß die kalten Herzen von Miethlingen und Sklaven warten meiner. Das Gefühl meiner Verlassenheit ergriff mich nie so bitter, so wehmuthsvoll, als in diesem Augenblicke; es war, als ob schneidende Schwerter durch mein Inneres zuckten. Cäsar brach neuerdings in ein wildes Toben und Stampfen aus. Selbst der hat eine Heimath; er hat sie nicht vergessen, die Eingangslaube von Chinabäumen, mit ihren leichten und glänzenden Blättern und den Tausenden ihrer Blüthen und Beeren, wie sie in der Morgensonne erglänzen, als ob sie von dem Athem eines Zauberers angehaucht wären. Und seine Grüße, sie werden von einer ganzen Koppel Hunde beantwortet. Es ist Aufruhr in der ganzen Pflanzung. Zuerst gucken ein paar rabenschwarze Wollköpfe hinter der Orangenlaube hervor und verschwinden eben so schnell; dann kömmt eine Heerde klaffender Hunde, die etwas zu wittern scheinen. Sie locken eine Truppe von Knaben und Mädchen herbei, die sich ohne weitere Umstände auf ihre Rücken pflanzen, und dafür tüchtig heruntergeworfen werden. Diesen folgen ihre erwachsenen Brüder und Schwestern, und endlich die ganze Sippschaft Japhets. Doch nun fliegt eines der lieblichsten Wesen durch die Thür und die Terrasse herab, dem Laubengange zu, augenscheinlich vom Dampfschiffe etwas erwartend. Sie scheint noch immer in Zweifel; man sieht es, mit welch reizender Ungeduld sie dem Boote entgegensieht, das zu langsam für das süße Weib sich nun dem Ufer zuwendet. Wie sie eilig hin und wieder trippelt, als wollte sie die Eile des Schiffes durch ihre Bewegung beschleunigen, und ihm Schnellkraft geben. -- Es ist Clara, das reizende Weib meines Freundes. Beneidenswerther Junge! Eine Thräne zittert in seinem Auge, als er diese reizende Hälfte seines Ichs und ihre reizendere Ungeduld ersieht. Dreimal war sie aus der Laube hervorgekommen; nun erscheint sie ein viertes Mal, dem Ufer zu- und wieder zurückeilend, und gleichsam schmollend über die unausstehliche Langsamkeit des Schiffes. Endlich hat es angelegt, die Brücke ist geworfen, und Richards rennt -- fliegt auf's Ufer. Sie kann nicht widerstehen; sie eilt aus der Laube; ein Augenblick länger -- und sie liegt in seinen Armen; zieht ihn jedoch -- des Weibes Zartgefühl ist stets rege -- verschämt ins Innere der duftenden Verborgenheit. Mein Auge folgte den Glücklichen, und flog dann über meine Reisegefährten, die still und beinahe ehrfurchtsvoll dem holden Bilde der Vereinigung zugesehen hatten. Selbst die rohen Schiffsleute schienen gerührt; kein grober Scherz, kein hämisches Lächeln entfuhr ihnen. Die reine eheliche Liebe zweier Neuvermählten hat etwas so rührend Zartes in sich, daß selbst gröbere Seelen sich ergriffen fühlen. Ich Verlassener stand wie ein armer Sünder da, schüttelte dann dem Capitain und meinen Reisegefährten die Hände, ordnete Cäsar und die Gig ans Ufer und folgte. Die treuen Hunde sprangen bellend und tobend um mich herum, gleichsam als erwarteten sie von mir, was ihnen ihr Herr im Drange seiner Liebe versagte, einen freundlichen Gruß. Und mit ihnen ein Dutzend Wollköpfe jeden Alters, vom zweijährigen Wechselbalge bis zum erwachsenen Mädchen; wie sie sich herandrängen, die kleinen Schelme, umherpurzeln vor Freude, und jauchzend aufspringen, um dann bittend ihre Hände emporzuhalten. Ich weiß, was sie wollen: ein Escalin[72] ist das ersehnte Ziel ihrer Wünsche. Sie soll ihnen nicht fehlen, die kleine Gabe, die sie einige Tage glücklich machen wird.
[71]: =Liveoaks=, Immergrün, Eichen; das beste, dauerhafteste und zäheste Schiffsbauholz, von der Marine der V. St. ausschließend benutzt.
[72]: =Escalin=, Schilling, 12½ Cents, so in Louisiana genannt.
Ja, glücklich ihr, die ihr das Herbe eurer Lage noch nicht fühlt, die ihr das Schreckliche des Fluches ewiger Sklaverei noch nicht empfunden habt! Und zweimal glücklich, wenn das Schicksal euch erlaubt, in harmloser Unwissenheit dem Tage entgegen zu harren, der auch euch in die Zahl freier Wesen versetzen wird. Ja, er wird kommen, dieser Tag, der uns gestatten wird, das zu versöhnen, was unserer Väter Machthaber an euch verbrochen haben.
Sonderbar, der Anblick der fröhlichen Wesen, die um mich herumgaukeln, hat mich ernst gestimmt. Es ist Zeit, meine Freunde zu sehen; doch die ersten Augenblicke des Wiedersehens sind so kostbar, so süß; ich muß noch warten. Wie Vieles mögen sie sich zu sagen haben, das dem Ohre des Freundes selbst verborgen bleiben muß! Ich steige die Treppe hinan, und verweile auf der Terrasse. Noch eine Weile. Ich nähere mich der Thüre. Beinahe scheint es mir, als ob ich überflüssig sei. Wieder halte ich. Endlich fällt meine Hand auf den Drücker, die Thüre geht auf. Ich sehe sie beide Arm in Arm verschlungen, ohne gesehen oder bemerkt zu werden. Ich will mich zurückziehen. Doch nein -- solch ein Anblick ist nicht oft wieder zu sehen. Wie sie sich umschlungen halten! Es ist ein herrliches Paar. Er eine wahre Apollogestalt, mit einer Adlernase, feurig schwarzen Augen, in denen man sich nicht satt sehen kann, denn mit jedem Blicke sieht man tiefer in eine freie Seele, die ein wenig stolz und selbstbewußt, aber männlich und fest ist. Als er so da stand, sein Weib in seine Arme geschlossen, seine Lippen an die ihrigen gepreßt. -- Sie das Modell einer Hebe, mit den sanften, weichen und doch so begehrenden, mädchenhaften Zügen, wie sie so stand, oder vielmehr hing in seinen Armen, zu ihm aufblickend mit dem reizend vertrauenden Gesichte, ihr ganzes Wesen zitternd vor Freude und süßem Verlangen. Ich wollte, ich hätte sie nicht unterbrochen. Sie sahen mich jedoch nicht; sie hatten zuviel an sich zu sehen. Sein Auge schien nun etwas zu suchen; er blickte im Zimmer umher, und sie, mit Erröthen seine Hand fassend, führte ihn durch die Flügelthüren, durch die Polly so eben tanzte, einen kleinen Engel im Arme.
Der dreimal Glückliche! Er fiel über das arme Mädchen gleich einem Rasenden her, und bei einem Haare wäre ihr die süße Bürde entwischt. Er fing sie jedoch auf, hob sie in seine Arme, und nun begann ein Tanz im Zimmer, ein Tanz, den der trockenste Quäker lieblich gefunden haben müßte, vorausgesetzt, es schlage ein Herz an der linken Seite und kein Dollarbeutel. Wieder umschloß er sein Weib, und sofort überhäufte das liebliche Paar den jungen Bürger mit so ungestümen und zahlreichen Beweisen ihrer älterlichen Zärtlichkeit, daß er zuletzt in die lautesten Protestationen mittelst Zappelns und Weinens ausbrach.
Wenn je eine Scene mich mein Hagestolzthun bedauern ließ, und die Grundlage zu veränderten Gesinnungen wurde, so waren es diese funfzehn Minuten; denn volle funfzehn Minuten dauerte es, ehe mein werthes Selbst in Betrachtung gezogen wurde. Ich schüttelte noch die Hand Claras, als Mappa, der Leibkutscher beider Herrschaften, in die Stube trat. »Die Pferde sind angespannt,« meldete der schwarze Squire.
Du weißt noch nicht, lispelte sie, daß sie heute in der _Helen Mc Gregor_ (Name eines Dampfschiffes) nach dem Norden aufbricht. Ich war so eben im Begriffe, ihr Lebewohl zu sagen; doch deine Ankunft änderte dies, und sie wird entschuldigen, wenn sie hört --
Sie wird nicht, versetzte Richards; nein, wir müssen sie sehen. Sie würde es uns nie verzeihen.
Aber du bist so müde.
Wie sollte ich auch. Ich komme so eben vom Dampfschiffe, und wenn ich's wäre, so würde dies mich keineswegs abhalten, die Busenfreundin meiner Clara zu sehen, der ich so vieles verdanke.
Ja, und einen besorgten Anwald hattest du, drohte sie mit ihrem Finger, und hätte sie nicht ewig von dir geschwatzt, der Himmel weiß, was geschehen wäre. Doch, fügte sie im leisern Tone hinzu, ich habe Gleiches mit Gleichem vergolten: sie ist versprochen.
Du schriebst mir von dem Plane der Tante, entgegnete Richards eben so leise. Ich hoffe jedoch, die Sache sei noch nicht so weit gediehen.
Sie ist es; -- doch, du wirst hören. Ihr habt eine halbe Stunde zum Umkleiden, und eine andere zum Luncheon[73]; das Dampfschiff wird um vier Uhr erwartet.
[73]: =Luncheon=, ein Imbiß, vor dem Mittagsessen genommen, besteht gewöhnlich aus kalten Speisen.
Und was mit Howard thun? wisperte er ihr zu; du kennst seine Abneigung gegen die Tante. Ich zweifle, daß du etwas in diesem Punkte ausrichtest.
Gegen die Tante aufgebracht? wisperte sie. Du machst mich staunen; das ist etwas ganz Neues. Und sie ist doch so ganz sein Bewunderer, beinahe sollte ich glauben, sie habe --
Da steckt der Haken.
Sie sann eine Weile nach, nickte zuversichtlich, und lispelte dann: Er muß mit. Und mit diesen Worten kam sie auf mich zugetrippelt. Ich hatte kein Wort von der Unterredung verloren, und dachte: komme nur, du sollst mich so ledern finden, als wir Mister Shifty nassen Andenkens.
Sie sind doch von der Partie zur Tante? fragte sie mit dem einschmeichelndsten Lächeln, während sie meine Hand ergriff.
Nicht für diesmal, war meine Antwort; ich bin froh, daß wir im Hafen eingelaufen sind.
Selbst dann nicht, wenn ich Sie einer Schönheit zuführe, einer Schönheit, die Verstand hat, Verstand wie ein gewisser Mister Howard?
Danke für das Compliment; es ist ein armseliges.
Es sind ja bloß vier Meilen.
Zuviel, wenn es nur so viele Ruthen wären.
Wie Sie doch so nüchtern und amphibiös sein können. Ein wahrer Hagestolz. Wollen Sie selbst dann nicht gehen, wenn ich Ihnen sage, wem ich Sie zuführe?
Nein, meine schöne Dame.
Ihre Hartnäckigkeit ist wirklich impertinent. Wollen Sie selbst nicht gehen, um Emilie Warrens zu sehen?
Sie gehen, Emilie Warrens zu sehen? fiel ich ziemlich rasch ein. Wie? ich dachte, sie wäre in New-Orleans?
Der Wind ändert sich erstaunlich, bemerkte Clara trocken, ihrem Manne sich zuwendend.
Ich sah darein, als hörte ich sie nicht; aber die Lockspeise hatte gefangen. Und war es ein Wunder nach den Scenen, die ich so eben gesehen? Richards hatte von eben dieser Emilie stets in so hoher Begeisterung gesprochen; er, der so kühl, so gemäßigt, so geizig in seinem Lobe war, wenn es dem zweiten Geschlechte galt. War es ein Wunder, wenn meine Neugierde, mein Interesse aufgeregt waren? Aber dann die unglückselige Mistreß Houston mit ihrer verfolgenden -- Liebe kann ich's nicht nennen. Dieses langbeinige Ding, hager, mager, mit Armen und Beinen wie ein Hochländer, und hervorragenden Backenknochen; eine leibhafte Clansgenossin; dabei flach wie unsere Breithörner oder Flachböte. Sie ist das unausstehlichste Wesen, das je in Petticoats[74] gesteckt; das Beste an ihr sind noch ihre fünf und vierzig Jahre. Freilich hat sie einige gute Seiten: sie ist sehr reich, sehr respectabel, wie es sich von selbst versteht, und sehr rationell, einen einzigen Punkt ausgenommen: ihre Baumwolle ist beinahe _sea islands_[75]. Aber ihre armen Neger! Potemkin übte nicht größere Zwingherrschaft über die bärtigen Subjekte Ihrer Moskowitischen Majestät aus, als der gallsüchtige Mister Twang über die Körper dieser armen Teufel. Und dann ihre Züge, besonders wenn sie sich in Haß oder Hohn falten, wenn ihr ein armer Wicht zur unrechten Zeit unter die Augen tritt. Ihr ganzes Wesen verräth dann Abscheu; es ist häßlich, beinahe grausig. -- Und in diesen Händen ist Emilie? fragte ich mich zehnmal. Ich war vorzüglich ihr zu Liebe nach Hause zurückgekehrt; sie hatte meine Neugierde zu kitzeln angefangen, und nun ich sie kennen lernen sollte, ist sie wieder auf dem Sprunge, in die weite Welt zu segeln. Mir war nicht wohl zu Muthe. Mädchennarr, wie ich war, es ahnte mir, ich sollte zuletzt leer ausgehen. Ich sann und sann, ganz vergessend, daß Richards und seine Frau schon fünf Minuten vor mir standen, sich bedeutsame Blicke zuwerfend. Ich sehe wohl, sprach sie mit einem sonderbar spitzen Lächeln, daß Sie nicht zu bewegen sind.
[74]: =Petticoats=, Unterröckchen; weibliche Kleidung überhaupt, scherzweise genannt.
[75]: =_Sea islands_=, die berühmte Baumwolle der Inseln Georgiens.
Je nun, um Sie zu verbinden, will ich mit; doch, aufrichtig gesagt, bloß um Sie zu verbinden.
Es wäre wirklich unzart, ein so großes Opfer von Ihnen zu verlangen, erwiederten die ehelichen Verbündeten mit einem Gelächter, das mich so ziemlich als einen Hasenfuß bezeichnete.
In einer halben Stunde waren wir mit unserer Toilette fertig, in einer zweiten war das Luncheon genommen; und dann setzten wir uns, besiegt von der weiblichen Diplomatie, in den Wagen.
In einem Wagen mit einem kaum zwölf Monate verbundenen und sich herzlich liebenden Paare zu sitzen, das sich die letzten vier Monate nicht gesehen hat, ist eben nicht sehr zeitvertreibend. Die jungen Leute haben sich so viel zu sagen, so viele Geheimnisse zuzuflüstern, kurz, selbst die philanthropischsten sind so haushälterisch mit jeder Sekunde, so selbstsüchtig, daß einem Dritten kaum etwas anderes zu thun übrig bleibt, als -- nichts zu thun, und eine stumme Rolle zu spielen. Ich konnte mich selbst nicht an meinen jungen Mitbürger halten, der in Polly's Armen lag, da er so oft hin und wieder passirte, daß es vergeblich gewesen wäre, mich mit ihm befassen zu wollen; so war ich denn gezwungen, meine Aufmerksamkeit in's Weite, nämlich auf den Missisippi, zu richten.
Ja, es ist ein großartiger Anblick dieser Missisippi zu allen Zeiten, aber besonders, wenn er, wie jetzt, bis an den Rand gefüllt ist. Man behauptet, er sei hier am tiefsten, und ich bin selbst der Meinung; denn weiter unten sind die Bayous, die einen bedeutenden Theil seiner Gewässer abführen. Der Strom ist beiläufig zehn Fuß gestiegen, und die Strömung äußerst schnell. Ich sehe ihn gerne voll, den majestätischen Vater der Flüsse, oder, wie ihn die Indianer nennen, den endlosen Strom[76], und empfinde stets ein gewisses Mißbehagen, wenn ich ihn im niedern Wasserstande mit seinen fünfzig bis sechzig Fuß hohen hohlen Schlammufern erblicke. Die Hitze wird jedoch drückend, und die Moschettos scheinen unser verdicktes Blut zu wittern; bereits die dritte hat mich gestochen. Wir haben eine dritte Pflanzung passirt. Ein herrlicher Anblick, dieses Haus mit seinen zwanzig Hütten, in einem Walde von China-, Tulpen-, Orangen-, Feigen- und Citronenbäumen begraben; besonders die ersten sind so lieblich anzuschauen mit ihren weißen Blüthen und gelblichen Beeren, die die ganze Baumkrone bedecken, und sich im Verlaufe weniger Wochen röthen, wo sie dann Millionen glänzender Rubinen gleichen, den Robbins zum Labsal, zum Verderben. Tausende dieser treuherzigen Thiere schwärmen dann und nisten an neblichten Herbstmorgen in dem Gezweige, und ertränken im Safte der Beeren ihre winzigen Sinne, und purzeln umher, und treiben närrisches Wesen, die lieblichsten Trunkenbolde, die man nur sehen kann. Als wir so am breiten Uferrande hinrollten, den Missisippi zur Linken, die weißen Zäune mit den unabsehbaren Cottonpflanzungen zur Rechten, im Rücken die colossalen Cypressen- und Cedernwälder, wurde mir beinahe schwindlich vom langen Dahinstarren, und Landhäuser, Felder und Wälder schienen dem mexikanischen Busen zuzufliehen. Die Stimme Richards weckte mich aus meinen Träumen; wir waren vor der Pflanzung der Mistreß Houston.
[76]: Diesen Namen verdient er gewissermaßen, da er, den Missouri mit eingeschlossen, über 4000 Meilen lang ist.
So werden wir denn dieses Wunder weiblicher Vollkommenheit sehen, der so viele Huldigungen dargebracht werden. Eine Reihe von wenigstens zwanzig glänzender London-Gigs, mit einer gleichen Anzahl von Reitpferden, halten im Hofe unter den Bäumen. Wir stiegen sofort ab, übersahen unsere Anzüge, setzten zurecht, was die kurze Fahrt unrecht gesetzt, und stiegen die Stufen hinan. Die Halle war voll von Bedienten, der Saal voller Gäste, die natürlich gekommen waren, der nordischen Schönheit Lebewohl zu sagen. Doch weder sie noch Mistreß Houston ist zugegen. Ich kann mich eines Lächelns nicht erwehren über die drollige Wichtigkeit, mit der die Frau meines Freundes nach der Thüre deutet, und dann mit einem herablassenden, beifälligen Lächeln hindurchschlüpft. Zugleich beginnt eine unendliche Ungeduld sich in mir zu regen. Nichts ist unausstehlicher, als auf den Fittichen der Sehnsucht herbeizueilen, jeden Augenblick verlangend zu zählen, und dann auf Geduld verwiesen zu werden, oder, was noch ärger ist, auf ein Dutzend alte Gesichter, die wir ohne Herzeleid achtzehn Monate entbehrt haben, und denen wir nun recht freudestrahlend in die Augen sehen und ihnen eine halbe Stunde hindurch wiederholen müssen, wie sehr es uns freue, sie zu sehen, und wie das Wetter so schön sei. Doch es läßt sich nicht vermeiden, und so beginnen wir denn ganz gemächlich unsere Tour in der Runde, zuerst bei den Damen, wie es sich von selbst versteht, und dann bei den Herren, in echter Yankeemanier. Ich hatte so das zehnte Individuum abgefertigt, als Richards auf einmal meine Hand erfaßte und mich einem ältlichen Gentleman zuzog, der am obern Ende des _drawing room_ stand. Unglücklicher Weise war die Ceremonie des Aufführens so schnell vor sich gegangen, daß ich den Namen der werthen Personnage ganz überhört hatte. Er war sehr erfreut, lautete seine Formula, die Bekanntschaft eines Mannes zu machen, von dem seine Freunde so viel Rühmliches erwähnt.
Ich verbeugte mich pflichtschuldigst; meine Verbeugung mußte aber sehr steif ausgefallen sein. Ich sah mich nach Richards um; er war verschwunden. Ich blickte den Gentleman an, er mich, und so verwirrt war ich, daß ich kein Wort finden konnte. Ich weiß nicht, was es war, das mir jedes Wort an die Zunge kleben machte; so verwünscht steif und starr und stattlich und abgemessen stand er vor mir; ein spanischer Grande war ein französischer Tanzmeister im Vergleiche. Und diese ernsten, trockenen, scharfen Gesichtszüge, diese spitze Nase, mit den blauen, tiefliegenden, starr fixirenden Augen, -- sie scheinen ins Innerste zu bohren. Es lag etwas Gutmüthiges, aber zugleich etwas unbezwingbar Starres darin. Ein Yankee der alten Schule, ganz wie er leibt und lebt. -- Ich muß recht erbärmlich vor ihm gestanden sein, da ich, statt Antwort zu geben, sein ganzes Gestelle abmaß, als wollte ich ihn aufnehmen, -- auf seine gepuderten Haare, den Haarzopf, die seidenen kurzen Unterbeinkleider herabsah, die Schuhe mit den goldenen Schnallen musterte, und mir doch kein Sterbenswörtchen einfiel. Ich wollte bereits um Vergebung bitten, seinen Namen überhört zu haben, als Ralph Doughby seine Hand auf meine Schulter legte. Beinahe hätte ich es ihm Dank gewußt, so wenig ich übrigens den gar zu derben Schwenkflügel leiden mochte. Ehe ich mich umsah, hatte der Mann seine Verbeugung gemacht, und mich, den Tropf, so mußte er nothwendig denken, stehen gelassen. So geht es acht und zwanzigjährigen Hagestolzen, die auf die Mädchenschau ausgehen. Ich hatte ein wenig Mühe, den Hasenfuß, ich meine Doughby, aus seinem zwölf Zoll hohen Halskragen und dem Carterschen Fracke und Pantalons herauszufinden, mit denen er sich während seiner Newyork-Tour ausgerüstet. Bei dem kommen die Flegeljahre ganz verkehrt; gewöhnlich fangen sie mit achtzehn bei uns an, und enden mit vier und zwanzig. Wer hätte aber das an unserm Doughby vermuthen sollen, als er noch vor zwei Jahren steif und bedächtlich mit der Peitsche hinter seinen armen Negern einhertrabte? selbst einen Aufseher zu halten, war er zu knauserig. Und nun ist er einer unserer Fashionables in echter Ober-Missisippi-Manier, der seine zehn Gläser Sling oder halb so viele Bouteillen Chambertin aussticht, sein Ecarté mit Grazie bis Mitternacht spielt, und mit derselben Grazie einen Wollkopf zu Boden schlägt. Es scheint, er hat sich recht methodisch zum Lebemann vorbereitet, und physische und moralische Kräfte gesammelt, und nun gilt er für einen unsers Gleichen; denn er hatte die Klugheit, zusammenzuhalten, bis seine Batzen vollzählig waren. Ich möchte nur wissen, ob er auch gekommen ist, Emilie Lebewohl zu sagen. Sollte sie an seiner Bekanntschaft während ihres Hierseins Geschmack gefunden haben? Das wäre gerade keine besondere Empfehlung für ihren Sagacitätssinn. Es muß etwas dergleichen sein; der gute Ralph ist wie zu Hause.