Transatlantische Reiseskizzen und Christopherus Bärenhäuter. Erstes Bändchen.

Part 6

Chapter 63,438 wordsPublic domain

Gestern waren es vier Wochen, begann sie; Mister Clarke war in dem Busche, ich war im Wälschkornfelde den Leuten nachzusehen, die Kolben einsammelten. Ich blieb ziemlich lange bei den Leuten; die Sonne wies bereits auf eilf; der Morgen war aber so schön, wie er je auf das Missisippithal geschienen, und ihr wißt, die Leute arbeiten nicht gern, wenn sie es anders können, und so blieb ich denn. Dachte dann, mußt wohl nach Hause gehen und das Mittagsmahl für die Leute kochen, und so ging ich denn. Ich weiß nicht; aber als ich so durchs Feld dem Hause zuging, war es mir, als ob mir's plötzlich zuriefe: Laufe was du kannst! und ich lief was ich konnte. Etwas kam über mich, etwas, gleich einer Angst, einer Furcht. Ich rannte so schnell ich konnte. Als ich zum Hause kam, sah ich Cesi[68], unsern schwarzen Buben, auf der Haussteige sitzen und allein spielen. Ich hatte aber noch immer keinen Gedanken an das, was kommen sollte. Ich ging ins Haus und in die Küche, ohne etwas Arges zu gedenken. Als ich mich so umsah um Kessel und Pfannen, fiel mir mein Dougl[69] ein. Ich ließ die Pfanne stehen und lief zur Thüre; da kam mir Cesi entgegen. »Missi!« sagte er, »Dougl ist weg.« »Dougl ist weg?« sagte ich, »wohin ist er denn, Cesi?« »Weiß nicht,« sagte Cesi; »er ist mit einem Manne weg, der auf einem Pferde gekommen.« »Mit einem Manne, der auf einem Pferde gekommen?« sagte ich. »Um Gotteswillen, wohin kann er denn gegangen sein? Was ist denn das?« »Weiß nicht,« sagte Cesi. »Und mit wem ist er denn gegangen, Cesi?« sagte ich. »Ging er freiwillig?« »Nein, er ging nicht freiwillig,« sagte Cesi; »aber der Mann sprang von seinem Pferde, hob Dougl zuerst darauf, setzte sich dann hinter ihn und ritt weg.« »Ritt weg?« sagte ich, »und du kennst den Mann nicht?« »Nein, Missi!« sagte Cesi. »Erinnere dich, Cesi!« schrie ich, »um Gotteswillen, erinnere dich, kennst du den Mann nicht?« »Nein,« sagte Cesi, »ich kenne ihn nicht.« »Hast du nicht aufgemerkt, wie er aussah, Cesi?« sagte ich; »war er schwarz oder weiß?« »Ich weiß nicht,« sagte Cesi. »Hast du ihm nicht ins Gesicht gesehen, Cesi?« fragte ich. »Er hatte ein rothes Flanellhemd vor'm Gesicht,« weinte Cesi. »Weißt du denn nicht, wie der Mann aussah, lieber Cesi?« »Er hatte einen Rock und ein Pferd,« sagte Cesi. »Weißt du nicht den Namen des Mannes, Cesi? -- war es Nachbar Symmes, oder Banks, oder Medling, oder Barns?« -- »Nein,« weinte Cesi.

[68]: =Cesi=, Diminutiv von Cäsar, ein gewöhnlicher Name von Sklaven und Pferden.

[69]: =Dougl=, Diminutiv von Douglas.

Gerechter Gott! schrie ich, was ist das? Was ist aus meinem armen Kinde geworden! Ich lief vorwärts, ich lief zurück; ich lief in den Busch, ich lief auf die Felder; ich schaute, ich rief. Je länger ich rief, desto größer wurde meine Angst. Zuletzt rannte ich zu den Leuten und holte die Mutter des Cesi. Ihr, dachte ich, wird er es vielleicht sagen, was aus meinem Kinde geworden. Sie lief herein mit mir; sie fragte den Buben, wie der Mann aussah. Sie versprach ihm Pfefferkuchen, neue Hosen, eine neue Jacke, Alles in der Welt -- der Bube weinte, konnte aber nichts mehr sagen. Dann kam Mister Clarke. So weit das Weib.

Als ich hereinkam, fuhr der Mann fort, war der Schrecken des Weibes so groß, daß mir auf der Stelle einleuchtete, daß es ein Unglück gegeben. Aber an so etwas hätte ich in meinem Leben nicht gedacht. Als sie mir das Ganze erzählt, sagte ich ihr, um sie zu trösten, daß irgend einer unserer Freunde oder Nachbarn den Buben mit sich genommen; aber ich selbst glaubte es nicht; denn welcher meiner Nachbarn würde sich eine so dumme Freiheit mit meinem einzigen Kinde wohl erlaubt haben? Ich würde ihm wahrlich nicht gedankt haben für ein solch einfältiges Wesen. Ich nahm Cesi noch einmal vor, und fragte ihn, wie der Mann aussah; ob er einen blauen oder schwarzen Rock angehabt? er sagte einen blauen; wie sein Pferd ausgesehen? braun, sagte der Bube; welchen Weg er genommen? diesen Weg, sagte der Bube, und deutete auf den großen Sumpf. -- Ich sandte sogleich alle meine Neger, Männer, Weiber und Mädchen, rings herum zu meinen Nachbarn, um meinen Buben aufzusuchen, und ihnen zu sagen, was vorgefallen. Ich selbst nahm den Weg längs dem Pfade, auf welchem ich wirklich Pferdehufspuren fand. Ich folgte der Spur bis zur Bayou; dort verlor ich sie. Der Mann war mit seinem Gaule und meinem Kinde in ein Boot gegangen, hat vielleicht über den Missisippi gesetzt, ist vielleicht längs dem jenseitigen Ufer hinabgegangen -- wo er gelandet, weiß Gott. Er mag vielleicht zehn, zwanzig, vielleicht funfzig, hundert Meilen unterhalb ans Land gegangen sein. Meine Angst wurde schrecklich; ich ritt auf Hopefield zu. Nichts war da von meinem Kinde gesehen oder gehört worden; alle Männer aber setzten sich auf ihre Gäule, um mir mein Söhnchen suchen zu helfen. Alle meine Nachbarn kamen, und wir suchten einen ganzen Tag und eine ganze Nacht. Nichts, nichts hatten wir gefunden. Niemand hatte meinen Buben gesehen, Niemand den Mann, der ihn weggeführt. Wir stöberten den Wald dreißig Meilen im Umkreise meines Hauses durch, setzten über den Missisippi, gingen hinauf bis nach Memphis und hinab bis nach Helena und dem Yazoofluß -- nichts war zu sehen oder zu hören. Wir kamen zurück, wie wir ausgezogen waren: keine Spur, kein Zeichen. Als ich nach Hause kam, fand ich die Leute aus dem ganzen County vor meinem Hause. Neuerdings zogen wir aus, neuerdings durchsuchten wir den Wald. Ich hatte nicht Rast, noch Ruhe. Jeden hohlen Baum untersuchten wir, jedes Gebüsch; -- Hirsche, Bären und Panther fanden wir in Menge, doch nicht meinen Buben. Am sechsten Tage meines verzweifelnden Lebens kehrte ich zurück. Mein Haus war mir zum Schrecken geworden; Alles verdroß mich, Alles ekelte mich an. Ich war zerfleischt, meine Knochen geschunden, aber mein Inneres litt tausendmal mehr als mein Leib. Ich war krank an Leib und Seele und lag im Bette, als am zweiten Tage nach meiner Heimkehr einer meiner Nachbarn zu mir kam, und mir meldete, daß er so eben in Hopefield von einem Manne von Muller County gehört, daß ein Fremder auf der Straße von New-Madrid gesehen worden, der der Beschreibung entspreche, die wir von dem Räuber meines Sohnes hatten. Der Mann sollte einen blauen Rock und einen braunen Gaul haben, und auf dem Sattelknopfe einen Knaben. Ich vergaß meine Krankheit, meine wunden Glieder; ich erhandelte mir sogleich einen frischen Gaul, ich hatte die meinigen zu Schanden geritten. Ich setzte dem Manne an demselben Tage nach, ritt Tag und Nacht, ritt dreihundert Meilen bis New-Madrid, und als ich in New-Madrid ankam, so sah ich mit Schmerzen den Mann und Gaul und das Kind. Es war nicht mein Bube. Es war ein Mann von New-Madrid, der von einem Besuche in Muller County mit seinem Sohne zurückgekehrt war. Wie ich heim kam, weiß ich nicht. Nicht weit von Hopefield fanden mich die Leute und brachten mich nach Hause. Ich war vierzehn Tage krank, und wußte nicht, was um mich her vorging. Meine Nachbarn hatten unterdessen die Anzeige von der gräuelvollen That in die Zeitungen setzen lassen, in alle Zeitungen von Arkansas, Tennessee, Missisippi, Missouri und Louisiana; ich war mit meinen Freunden Tausende von Meilen geritten -- Alles vergebens! -- -- Nein! schrie er mit einem herzzerreißenden Stöhnen, wäre mein Kind mir vom Fieber entrissen, hätte ihn ein Bär oder Panther zerrissen: es würde mich schmerzen, bitter schmerzen; es war mein letztes Kind. Aber, barmherziger Gott, gestohlen! Mein Sohn, mein armes Kind gestohlen! -- Der Mann schrie laut, sprang auf, rannte in der Stube herum mit gerungenen Händen und wie ein Kind weinend. Selbst das Weib war nicht so schrecklich vom Schmerze ergriffen.

Wenn ich an die Arbeit gehe, fuhr er schluchzend fort, so steht mein Dougl vor mir, und meine Hände hängen herab, so steif, so schwer, als wären sie von Blei. Ich schaue mich um und schaue mich um, aber kein Dougl ist zu sehen. Wenn ich zu Bette gehe, so stelle ich sein Bett vor's unsrige hin und rufe ihn -- kein Dougl ist zu sehen. Dougl steht vor mir, ich mag schlafen oder wachen. Wollte Gott, ich wäre schon todt! Ich habe geflucht und gelästert, geschworen und gebetet, ich habe geweint und geheult, -- es ist aber Alles vergebens. --

Ich habe manchen Leidenden gesehen, aber nie sah ich einen, dem das schmerzlichste Weh sich so tief ins Herz gegraben, wie diesem Hinterwäldler. Sein Leiden war wirklich gränzenlos. Wir bemühten uns, ihn zu trösten, ihm Hoffnungen einzuflößen; des Mannes Blick war starr; ich zweifle, daß er ein einziges unserer Worte vernommen. Uns selbst hatte Mitleiden mit seinem Zustande mit einer Gewalt ergriffen, die die Worte auf der Zunge erstickte. Wir brachen bald hernach auf, schüttelten die Hände des unglücklichen Ehepaares, und versprachen, alles Mögliche beizutragen, um dieser räthselhaften gräuelvollen That auf die Spur zu kommen, und ihnen wieder zu ihrem Kinde zu verhelfen.

* * * * *

Ich hatte oft des armen Vaters gedacht, und in Verbindung mit meinen Freunden mir alle erdenkliche Mühe gegeben, dieser Abscheulichkeit auf die Spur zu kommen; alle unsere Bemühungen jedoch waren vergebens. Dieser Kindesraub zirkulirte in den Zeitungen, wurde das Theegespräch jeder Familie; Belohnungen waren angeboten, Untersuchungen gemacht, aber auch nicht die mindeste Spur war entdeckt worden.

Sechs Wochen waren verflossen, als Geschäfte mich nach Natchez riefen, wo ich an einem heitern Januar-Nachmittage ankam. Ich hatte so eben das Dampfschiff verlassen, und ging in Begleitung einiger Bekannten von der untern Stadt den Lehmhügel hinan, der zur obern führt, als ein verworrenes Getümmel an unsre Ohren schlug. Auf der Höhe angekommen, sahen wir einen sich immer vermehrenden Volkshaufen vor dem Hause des Friedensrichters B--r. Wir eilten, zu sehen, was es gebe. Die Menge bestand aus den bessern Klassen von Natchez, Weibern, Männern, Kindern, aber vorzüglich den ersteren. Zugleich war in den Gesichtszügen eine Aengstlichkeit zu lesen, eine Theilnahme, die auffallend mit dem Tumult contrastirte, der sonst bei solchen Versammlungen zu hören ist. Ich bemerkte Mütter, die ihre Kinder mit einer instinktartigen Heftigkeit in die Arme preßten, und convulsivisch ihre Hälse umfingen, gleichsam als befürchteten sie, sie würden ihnen entrissen. Auf meine Fragen erfuhr ich, daß der Kindesräuber endlich entdeckt, oder vielmehr, daß ein Mann verhaftet worden, der des an Mister Clarke von Hopefield County begangenen Kindesraubes sich stark verdächtig gemacht. Ich war von Herzen über eine Nachricht erfreut, welche endlich Aufschluß über die so fürchterliche Verletzung der heiligsten Naturrechte zu geben versprach. Ich drückte mich vorwärts, aber die Frauen hatten eine so starke Stellung genommen, daß alle meine Bemühungen fruchtlos blieben. Es war ein allerdings für Frauen wichtiger Criminalfall; aber jedem von uns mußte die gräßliche Sicherheits- und Eigenthumsverletzung von unendlicher Wichtigkeit sein. Wir standen so nahe an zwei Stunden; die Menge mehrte sich, Niemand wich. Alle Fenster waren mit Köpfen vollgepfropft. Endlich öffnete sich die Thüre, und der Gefangene, in der Mitte von zwei Constables, hinter ihnen der Sherif, kam aus dem Hause, um in das Gefängniß abgeführt zu werden.

Das ist er, murmelten die Frauen mit hohler, heiserer Stimme und bleichen Gesichtern, auf den Mann deutend, als er durch die lebende Gasse hindurchgeführt wurde, und zugleich hielten sie ihre Kinder fester mit fieberhaftem Krampfe. Und wahrlich, wenn das äußere Gepräge den innern Menschen verräth, so mußte dieses der Kindesräuber sein. Es war das abstoßendste Gesicht, das mir je vorgekommen; eine hündisch verstockte, stumpfsinnige, heimtückische Physiognomie, mit einem teuflisch-finstern hohnlachenden Ausdrucke. Man hielt unwillkürlich den Athem an, indem man in dieses Gesicht blickte. Seine grauen Augen waren auf die Erde geheftet; nur zuweilen schoß er einen Blick, in dem die Hölle sich spiegelte, auf die Anwesenden, wie sie ihre Kinder fest in den Armen hielten. Beim ersten Anblicke sah man, daß er ein Irländer war. Er war etwas über Mittelgröße, seine Gesichtsfarbe schmutzig grau, seine Wangen hohl, seine Lippen ungewöhnlich groß; der ganze Mensch ekelhaft, wild aussehend. Seine Kleidung bestand aus einem abgetragenen blauen Fracke, eben solchen Beinkleidern, einem hohen runden schäbichten Hute und sehr zerrissenen Schuhen. Der Eindruck, den sein Erscheinen hervorbrachte, schien sich in den erblassenden Gesichtern der Menge zu malen. Alle sahen ihm mit einem langen, verzweifelnd hoffnungslosen Blicke nach, als er dem Gefängnisse zuging. »Wenn dieser Mann das Kind gestohlen hat,« murmelten mehrere, »dann ist es verloren.« Ich eilte nun, den Friedensrichter zu sehen, der mir folgende Aufschlüsse gab.

Beiläufig vier Wochen nach unserer Excursion in der Grafschaft Hampstead hatte Mister Clarke ein Schreiben erhalten, das mit dem Namen Thomas Tutti unterfertigt, und das Postzeichen von Natchez am Couverte hatte. Der Vater wurde darin benachrichtigt, daß sein Kind am Leben sei, daß Schreiber des Briefes von seinem Aufenthalte wisse, und daß, wenn er, Mister Clarke, eine Fünfzig-Dollars-Banknote in seiner Antwort einschließen wolle, der Verwahrungsort des Kindes ihm angezeigt werden solle. Der Schreiber verlangte ferner, daß Mistreß Clarke allein, ohne Begleitung, an dem zu bezeichnenden Orte erscheine, daß sie zweihundert Dollars mehr mit sich bringe, und daß nach Bezahlung dieser Summe ihr Söhnchen ihr ausgeliefert werden solle.

Der bejammernswerthe Vater hatte kaum diesen Hoffnungsstrahl erhalten, als er auf den Rath seiner Freunde und Nachbarn ein Schreiben an den Posthalter zu Natchez absandte, in welchem dieser von dem Vorgange unterrichtet und zugleich aufgefordert wurde, die Person anhalten zu lassen, die um die Antwort anfragen würde. Vier Tage nach Erhalt dieser Aufforderung kam auch wirklich der oben beschriebene Irländer an das Postbüreau-Fenster, und erkundigte sich, ob kein Brief unter der Adresse »Thomas Tutti« angekommen wäre. Während der Posthalter den Mann unter dem Vorwande aufhielt, daß er unter den Briefen nachsehen wolle, sandte er um den Constable, der, bereits von dem Falle unterrichtet, sogleich herbeieilte und den Anfrager in Verwahrung nahm. Es ergab sich bei der Examination, daß er sich einige Zeit in und um Natchez aufgehalten und bemüht hatte, eine Schule zu errichten. Da er jedoch keine Auskunft von seinem frühern Thun und Treiben geben konnte, sein Betragen auch sonst höchst auffallend und verdächtig erschienen, so war ihm sein Vorhaben nicht gelungen, und die Wenigen, die ihm ihre Kinder anvertraut, hatten sie bald wieder zurückgenommen. Damals nannte er sich Thomas Tutti. Nichts desto weniger läugnete er, daß dieses sein eigentlicher Name sei, oder daß er den Brief abgesandt, der allerdings von einer geübten, wenn auch nicht schulmeisterlichen Hand geschrieben zu sein schien. Aus dem Verhöre erhellte es ferner, daß er vollkommen mit den Pfaden und Wegen zwischen Natchez und Hopefield, und der von letzterem Orte zu der Wohnung des Vaters führenden Straße, so wie den Bayous, Sümpfen und Flüssen und ihrer Tiefe und Schiffbarkeit bekannt sei. Es war hinlängliche Evidenz vorhanden, und er wurde auf das Factum, daß er um die Antwort auf das Geld erpressende Schreiben angefragt, den Gerichten überantwortet, was zu gleicher Zeit dem Vater des geraubten Kindes kund gethan wurde.

Nach fünf Tagen kam der unglückliche Vater mit dem Negerknaben. Die ganze Stadt bezeugte dem tiefgebeugten Vater die innigste Theilnahme. Man schritt zu einem zweiten Verhör; alle Anwälde waren zugegen und hatten ihre Dienste unentgeldlich angeboten. Man nahm die früheren Aussagen des Irländers zur Grundlage der gegen ihn sprechenden Evidenz, und bemühte sich, etwas Näheres über den Aufenthalt des Knaben aus ihm herauszubringen; aber allen Fragen setzte er ein hartnäckiges Stillschweigen entgegen. Der Negerknabe erkannte ihn nicht. Zuletzt gab er zu verstehen, daß bloß die Hoffnung, Geld vom Vater herauszulocken, ihn zum Schreiben des Briefes vermocht habe. Kaum war jedoch diese Aussage zu Protokoll genommen, als er sich mit einem teuflischen Hohnlachen zum Vater wandte und ihm zuflüsterte: Ich will euch doch noch elender machen, als ihr mich zu machen im Stande seid. Zugleich bedeutete er ihm, daß er an einem gewissen Orte die Kleider seines Sohnes finden würde.

Der Vater reiste mit einem der Constables an den bezeichneten Ort, fand richtig die Kleider, und kehrte nach Natchez zurück. Der Beschuldigte wurde neuerdings vor die Schranken geführt, und versicherte nach vielen Widersprüchen, daß das Kind noch am Leben, wenn man ihn aber länger im Gefängnisse behalten würde, dem Hungertode ausgesetzt sei. -- Nichts in der Welt konnte ihn bewegen, auch nur eine Sylbe für weitere Aufklärungen von sich zu geben.

Die Quarter-Sessions waren mittlerweile herangekommen. Eine ungeheure Menschenmenge hatte sich versammelt. Man hatte Alles aufgeboten; Verheißungen, Versprechungen von Freiheit, und selbst die ausgesetzte Belohnung wurde ihm zugesichert -- der Mann schwieg. Es waren starksprechende Vermuthungen, aber immer noch kein Beweis für seine Theilnahme am Raube vorhanden. Die aufgeklärtesten Anwälde waren der Meinung, daß der verzweifelte Mensch, von Noth getrieben, Gelderpressung durch sein Schreiben beabsichtigte. Für dieses Verbrechen und als Vagant wurde ihm eine mehrmonatliche Gefängnißstrafe zuerkannt.

Dieser Ausspruch war weit entfernt, den Richtern selbst oder den Anwälden zu genügen. So milde sind jedoch die Gesetze, die die freien Bürger dieses Landes sich selbst gegeben, so human der Geist der Auslegung, daß man auch dem verzweifelten ausländischen Bösewichte nicht ihrer Begünstigung berauben konnte oder wollte, so sehr sich das Innerste eines Jeden gegen eine solche Begünstigung empörte. Es war wirklich etwas so Höllisches in dem finstern Hohnlachen dieses Mannes, die Lust, die er an den Qualen des Vaters und der Menge zu empfinden schien, so wahrhaft teuflisch, daß man sich eines kalten Schauders bei seinem Anblicke nicht erwehren konnte. Die kaltesten Anwälde versicherten, ihre Brust sei beengt, und sie fänden weder Worte noch Gedanken. Es war mit einem Worte ein allgemeines Gefühl des Schrecks und Schauders. Die Bewohner von Natchez, besonders der Oberstadt, sind eine sehr achtbare Klasse von Menschen, mit einem hohen Grade von politischer und intellectueller Bildung, allein bei dieser Gelegenheit riß ihre Geduld, und ihr warmes Gefühl verleitete sie zu einer Handlung, die nur das Scheußliche dieses Verbrechens entschuldigen konnte. Ohne vorläufige Uebereinkunft versammelten sie sich in der Nacht vom 31. Jänner, mit dem festen Vorsatze, für dieses Mal die Milde der Gesetze hintan zu setzen und einen wirksamern Versuch mit dem Gefangenen zu machen. Einige der angesehensten Einwohner nahmen ihn aus seiner Zelle, während mehrere starke Neger mit Rindssehnen versehen wurden. Diese nun wurden auf ihn in Anwendung gebracht. Mit jedem Hiebe schien die Kraft des Schlagenden zuzunehmen. Eine lange Zeit beobachtete der Gefangene ein hartnäckiges Stillschweigen; der Schmerz jedoch wurde zu groß, und er versprach ein volles Bekenntniß.

In einem Hause beiläufig fünfzig Meilen oberhalb Natchez am Missisippi, so lauteten seine Worte, lebt eine Familie, deren Oberhaupt im Stande ist, den Verwahrungsort des Knaben anzugeben. -- Der Sherif war natürlicher Weise während dieser Execution abwesend gewesen und hatte sie ignorirt, ohne sie zu mißbilligen. Kaum hatte er jedoch die Wirkung dieses illegalen Einschreitens erfahren, als er noch in der Nacht mit dem Vater nach dem bezeichneten Orte aufbrach. Er kam daselbst am folgenden Mittage an, fand eine sehr achtungswerthe Familie von Hinterwäldlern, die wohl von dem begangenen Raube, aber weiter auch nichts wußten. Die bloße Zumuthung der Theilnahme an der Gräuelthat schien die ehrlichen Hinterwäldler aufs tiefste zu verletzen. Der Gefangene hatte, wie es schon so oft geschehen, wieder sein Spiel mit ihnen getrieben.

Die gespannte, so oft getäuschte Hoffnung hatte den armen Vater aufs Krankenlager geworfen. Er lag mehrere Tage im Kampfe zwischen Leben und Tod. Das Publikum war müde, erschöpft; der Schmerz erschlafft. Die Strafzeit des Gefangenen war mittlerweile verlaufen. Es war während dieser Zeit Alles aufgeboten worden, den Bösewicht zu einer Mittheilung zu bewegen; nichts als stumpfsinniges Hohnlachen war die Antwort gewesen. Man konnte ihn nicht länger festhalten, und in Bezug auf den Kindesraub wurde er auf das _Noli prosequi_ freigelassen. Dem Vater war gerathen worden, sich, wo möglich, noch einmal mit ihm ins Vernehmen zu setzen. -- Beide Eltern warfen sich dem Ungeheuer zu Füßen, der verstockt sein Auge wegwandte, und höhnisch dem Vater zuflüsterte: Du hast =mich= elend machen wollen, sei =du= es nun. Der unglückliche Mann sprang auf und bedeutete dem Entlassenen, daß er ihm folgen müsse. Sie setzten über den Missisippi. Hinter Concordia angekommen, beschwor der Vater nochmals den Irländer, ihm um Gotteswillen den Verwahrungsort seines Sohnes zu sagen, ihm drohend, wenn er es nicht thun würde, sollte er nicht lebend aus seinen Händen kommen. Der Irländer fragte, wie lange er ihm Zeit geben wolle. Sechs und dreißig Stunden war die Antwort. Eine Weile ging der Elende neben den Eltern in tiefen Gedanken versunken, dann, plötzlich auf den Vater zustürzend, riß er diesem eine Pistole aus dem Gürtel und drückte sie ihm auf die Stirne ab. Die Waffe versagte; da sprang er auf ein Bayou zu, dem sie sich genähert hatten, und kaum war er im Wasser, als dieses über ihn zusammenschlug und er versank. Nach einer Stunde wurde seine Leiche gefunden. Von dem Söhnchen des unglücklichen Vaters wurde nie wieder etwas gehört.[70]

[70]: Ueber die so eben angeführte Thatsache, die sich zu Ende des Jahres 1825 zugetragen, findet man in allen Zeitungen des Missisippi-Staates ausführliche Berichte. Der Name des unglücklichen Vaters ist beibehalten.

Zu spät gekommen

oder

Scenen am Missisippi.