Transatlantische Reiseskizzen und Christopherus Bärenhäuter. Erstes Bändchen.
Part 5
Es war niemand anders als der Constable mit seinem Amtsstabe, der in der Hitze der Schlacht eingetreten. Sein Erscheinen allein bewirkte, was hundert Leibgardisten eines Despoten nicht hätten zu Wege bringen können, augenblicklichen Waffenstillstand. Der Aufruf zur Ruhe im Namen des Gesetzes hatte Bob und Compagnie wie mit einem Zauberschlage berührt, und Friede und Eintracht waren wieder auf einmal hergestellt.
Wir hatten eine ruhige Nacht, mit der einzigen Unbequemlichkeit, daß Bob sich uns als Beilage anschloß, und wir somit drei in eine Bettstätte zu liegen kamen. Ehe jedoch der Morgen graute, war er von unserer Seite gewichen. Spät betraten wir die Wirthsstube; sie stand noch immer am alten Flecke; trug aber furchtbare Male eines verzweifelten Kampfes. Bänke, Stühle und Tische lagen in Trümmern umher, der Fußboden war mit zerbrochenen Krügen und Gläsern übersäet, und selbst das Heiligthum, der Schenktisch, war von einer theilweisen Zerstörung nicht verschont geblieben, und als wir dem Stalle uns näherten, um Cäsar unsern Besuch abzustatten, fand ich zu meinem nicht geringen Verdrusse, meine Gig über und über mit Wahlzetteln und Hurrah's für Bob Shags beklebt, und Richards den Schweif seines Cäsar so glatt und rein abgeschoren, als ob die Schelme ihn barbirt hätten. Unser Frühstück war jedoch vortrefflich, und wir betraten unsere Reise nach Florenz unter günstigeren Auspizien, als es Tages vorher der Fall gewesen.
Der Kindesräuber.
=Auf der Höhe von Hopefield.=
Ja, es ist ein erhabener, beinahe ein furchtbarer Anblick, diese endlosen Urwälder, Tausende und abermals Tausende von Meilen in ihr nächtliches Dunkel hüllend. Wie mancher Klagelaut mag in ihnen ungehört verschollen, wie manche Gräuelthat von den hehren Wipfeln und ihrem düstern Schatten bedeckt sein, vor deren bloßen Namen das stärkste Männerherz erzittern würde. Scheint es doch, als ob hier die ungeheure Natur auch ungeheure Verbrechen erzeugen müßte. Noch heute preßt es mir das Herz wie mit Zangen zusammen, wenn ich an jene Scene denke. Ja, die Wirklichkeit ist oft grausamer, als die glühendste Dichtung, schauderhafter, als die schreckenvollste Phantasie sie malen kann. Wie kommt es doch, daß der göttliche Funke, der im Menschen wohnt -- sein Verstand -- so selten zum Herzen zu dringen vermag, während der teuflische, möchte ich sagen, -- seine Bosheit -- bis zur innersten Faser hineinwühlt? Ich habe oft über den seltsamen Charakter nachgedacht, der mir damals aufgestoßen, aber mein Verstand wurde verwirrter, je länger ich nachdachte.
* * * * *
Es war im Anfange Decembers im Jahre 1825, als ich gleichfalls den Missisippi in der Feliciana hinabging. Auf der Höhe von Hopefield, Hampstead County[63], angekommen, streifte eines unserer Räder an einem Sawyer[64] und ging in Stücke, ein Umstand, der uns zwang, vor dem Städtchen anzuhalten.
[63]: =Hopefield=, die Countystadt der Grafschaft Hampstead.
[64]: =Sawyers=, Säger, große, lange, in den Schlamm eingestauchte Baumstämme, die unter der Oberfläche des Wasserspiegels hin- und herschwanken und den Dampfschiffen sehr gefährlich sind.
Hopefield ist ein kleiner Ort, an dem westlichen Ufer des Stromes, beiläufig sechshundert Meilen oberhalb Neworleans, und fünfhundert unterhalb der Mündung des Ohio in den Missisippi gelegen, mit fünfzehn Häusern, von denen zwei zugleich Schenken und Krämerläden sind, die ein paar Dutzend Messer und Gabeln, einige bunte Halstücher, Töpfe, Pulver und Blei, und derlei Artikel zum Verkaufe darboten. Unsere Reisegesellschaft bestand aus zehn Damen, eben so vielen jungen Männern und mehreren alten Herren. Nichts ist während einer Flußreise erwünschter, als eine Landpartie, und da wir in dem Oertchen gerade nichts weiter zu suchen hatten, so fand der Vorschlag einiger unserer Reisegefährten, eine Excursion in das Innere des Waldes zu unternehmen, allgemeinen Beifall.
Der Sohn eines der Schenkwirthe hatte sich zu unserm Führer angeboten. Wir nahmen jeder eine Jagdflinte, eine Bouteille Wein oder Cognac, um die Ausdünstungen abzuhalten, und unser Pilot[65] wurde mit einem gewaltigen Schinken und einem Vorrathe Crakers[66] beladen, die uns der Capitain als gemeinschaftliches Eigenthum aus dem Schiffsvorrathe mitgegeben. So ausgerüstet, traten wir unsern Ausflug an, begleitet von den guten Wünschen der Damen, die einige hundert Schritte mit uns in den Wald hinein gingen.
[65]: =Pilot=, Lotse.
[66]: =Crakers=, kleiner runder Zwieback, der von Boston ist vorzüglich gut.
Ich habe oft die Bemerkung gemacht, daß ein tieferes Eindringen in unsere gewaltigen Urwälder auch den muntersten Schwätzer zum Schweigen bringt. Bei dieser Gelegenheit fand ich meine Bemerkung wieder bestätigt. War es der tiefe, ergreifende Ernst, der sich über das Halbdunkel dieser üppigen Wildniß hingelagert hatte, die feierliche Ruhe, die bloß durch unsere Fußtritte oder durch fallende Blätter unterbrochen wurde, oder hatte die ungeheure Wucht der Bäume, die mit ihren colossalen Riesenstämmen himmelwärts anstrebten, auf die Phantasie meiner Gesellschafter gewirkt, die meisten derselben -- Nordländer, die nie über Albany oder die Saratoga-Quellen hinausgekommen -- waren auf einmal ernst und beinahe düster geworden. Das Laub der Cottonbäume, dieses Riesen der südwestlichen Waldungen, hatte bereits die fahle Spätherbstteinte angenommen; nur einzelne Sonnenstrahlen hellten den gelblich grünen Farbenschmelz zuweilen auf, und wo dieß der Fall war, gab die Lichtung und der Farben Strahlen dem Dunkel eine sonderbar magische Helle, die unsere Gefährten in schweigendes Dahinstarren versetzte. Die Wurzeln und Gesträuche, die von den Bäumen zwanzig Fuß lang herabhingen, zeugten zugleich von der Macht des Stromes, der häufig seine Fluthen zwanzig bis dreißig Meilen über die Ufer schüttet, einem endlosen See dann gleichend. Hie und da funkelte noch eine Magnolia mit ihren schneeweißen Blüthen, oder eine Catalpa mit dem _ficus indicus_ und seinen langen Blättern und Gurkenfrüchten, an denen glänzende Redbirds oder Peroquets hingen. Während ein paar Commis von Boston in jedem Strauche ein wildes Thier sahen, und zehnmal schon ihre Flinten auf einen gewaltigen Bären oder Panther angelegt halten, zum nicht geringen Spaße unseres Führers, der ihre ziemlich albernen Fragen mit einer wahrhaft vornehmen Hinterwäldlermiene unbeantwortet ließ, waren wir nach einem stündigen Marsche an einem langen und ziemlich breiten Sumpfe angelangt, der, durch die Ueberschwemmungen des Stromes gebildet, sich von Norden nach Süden beiläufig fünf Meilen erstreckte, und einen hellgrünen, breiten Streifen klaren Wassers in seiner Mitte erblicken ließ. Das westliche Ufer war mit einem Anfluge von Palmetto überwachsen, dem gewöhnlichen Verstecke von Hirschen, Bären und selbst Panthern. Dieses nun durchzustöbern, war unsere Hauptaufgabe. Wir theilten uns sofort in zwei Partien; die erste mit dem Führer, dem wir die Neu-Engländer überließen, sollte den nördlichen Bogen des Sumpfes umgehen, während wir den entgegengesetzten Weg in südlicher Richtung zu verfolgen gedachten. Beide sollten in der Mitte hinter dem Sumpfe auf einem Pfade zusammentreffen, der durch ein dichtes Gehege von wilden Pflaumen und Honigakazien führte. Die Weisungen waren ziemlich unbestimmt und in Hinterwäldlers-Manier; vieles Fragen jedoch würde unsern Führer wahrscheinlich nur noch mehr verwirrt haben, und so trennten wir uns, unsern gesunden Sinnen und Taschen-Compassen vertrauend, die mehrere von uns bei sich hatten. Wie gesagt, die südliche Richtung war uns anheim gefallen. Am äußersten Ende des Sumpfes sollten wir uns gegen Westen wenden, und dann die nördliche Richtung längs dem Palmetto verfolgen.
Bisher hatten wir, einige Züge wilder Tauben oder Eichhörnchen ausgenommen, nichts zu Gesichte bekommen, als Schlangen, die wir noch an den letzten Strahlen der Sonne sich wärmend fanden; Königsschlangen, mit ihren Regenbogenringen glänzend; Mocassinschlangen, die bei unserer Annäherung sich träge in einen Haufen Laubes einwühlten, oder eine Stierschlange, die sich langsam mit gebrüllähnlichem Zischen aufrichtete, waren hie und da noch zu sehen; -- ein sicheres Anzeichen, daß der Winter noch ziemlich ferne war.
Nach einer zweiten Stunde waren wir am südlichen Ende des Sees angelangt; wir wendeten uns nördlich, den See zu unserer Rechten, das Palmettofeld zu unserer Linken. Der Grund, den wir betraten, war, wie es bei Canebrakeboden[67] der Fall ist, fester Wiesengrund; das Gras reichte bis zum Gürtel, aber unmittelbar daran gränzte der tiefere Sumpfboden, so daß uns keine Wahl übrig blieb, als durch das Rohrfeld zu brechen, oder im sumpfigen Boden fortzuwaten. Die Ufer des Sees waren mit hohen Cedern bewachsen, die vier bis fünf Fuß tief im Wasser standen, und ihre gewaltigen Kronen im stillen Spiegel blicken ließen. Eine Weile standen wir, die malerische Scene betrachtend. Der breite Streifen Wassers dehnte sich gleich einem ungeheuern Atlaßbande hin; die leiseste Bewegung der Blätter erglänzte im Spiegel. Zuweilen erhob sich ein unmerkbares Lüftchen, das säuselnd durch die Bäume und das Palmettofeld hinfuhr und sich in kaum merklichen Wellenschlägen des Sees verlor. Das Wasser selbst war vom frischesten Grün wie angehaucht, und die Millionen Stämmchen des Palmetto spiegelten sich prachtvoll, gleich Myriaden von Schwertern und Lanzen, in den klaren Fluthen. In den kleinen Buchten sonnten sich Schwäne, Pelikane und wilde Gänse, ihr Gefieder zum Winterfluge putzend, die uns bis auf zwanzig Schritte herankommen ließen und dann mit rauschendem Getöse ihr Heil in der Flucht suchten.
[67]: =Canebrakeboden=, Rohrfeldboden.
Wir hatten unsere Richtung unverdrossen eine lange Weile gegen Norden zu verfolgt, als plötzlich ein langsam, aber regelmäßig auf einander folgendes Gekrache in dem Palmetto unsere Aufmerksamkeit rege machte. Es näherte sich etwas bedächtlichen Schrittes, und wir wandten uns mit Vorsicht und horchten. Es mochte ein Hirsch, ein Panther, oder ein Bär sein -- wahrscheinlich das Letztere. Wir besahen unsere Gewehre, zogen die Hähne, und drangen einige Schritte tiefer ein, hörten ein hohles Brummen, und unmittelbar darauf einen Sprung und ein Krachen und ein Getöse, das sich schnell in der uns entgegengesetzten Richtung verlor. Einer unserer Gefährten, der noch nie auf einer Bärenjagd gewesen, drang so schnell, als er vermochte, durch das Palmettofeld, und war bald unsern Augen entschwunden. Leider hatten wir keine Hunde, und nach einer halben Stunde fruchtlosen Stöberns, während dem wir noch ein zweites Mal etwas aufgejagt hatten, überzeugten sich meine Reisegefährten, daß sie wohl mit leeren Händen würden zurückkehren müssen. Nach unsern Uhren zu schließen, war es Zeit, uns dem Vereinigungspunkte zuzuwenden, der jenseits des Palmettofeldes lag, das beiläufig eine halbe Meile breit sein mochte, und, wie uns der zurückgekehrte Bärenverfolger versicherte, am westlichen Rande mit einem heillosen Dickichte von wilden Pflaumen-, Apfel- und Akazienbäumen begränzt war, das weder Weg noch Steg hatte. Bald überzeugten wir uns von der Richtigkeit seiner Angabe. Der etwas höhere Canebrakeboden senkte sich nämlich in eine sumpfige Niederung, die längs der ganzen Ausdehnung des Sees von Norden nach Süden hinlief. Wer je in einer solchen Wildniß gewesen ist, wird leicht unsere Verlegenheit bei dem Umstande begreifen, daß bereits vier Stunden von den uns gegebenen acht verflossen waren. Es schien nichts übrig, als denselben Weg zurückzugehen. Ehe wir uns jedoch hiezu verstanden, versuchten wir den Pfad aufzufinden. Wir trennten uns demnach in verschiedenen Richtungen; beiläufig eine halbe Stunde mochten wir uns durch Dornen und Gezweige hindurchgewunden haben, als ein lautes Hurrah uns ankündigte, daß der Pfad gefunden sei. In kurzer Zeit waren wir alle um unsern Gefährten, der die Entdeckung gemacht, herumversammelt; statt des Pfades jedoch fand es sich, daß es eine -- Kuh war. Wir nahmen auch diesen Fund mit gehörigem Danke, nur war zuerst die Frage zu entscheiden, ob es eine Streifkuh, oder eine regelmäßig jeden Abend zu Hause sich einstellende, ordnungsliebende Kuh sei. Ein tüchtiger Ohioer löste die Frage und brachte uns die Gewißheit, daß sie noch diesen Morgen gemolken worden war. Auch die wichtigere Frage, sie zum Heimgehen zu bewegen, löste er zu unserer Zufriedenheit, indem er sich mit seinem Gewehr nahe an das Thier hinstellte und die Ladung dicht an oder in den Schweif abschoß. Das Thier machte einen gewaltigen Satz, und sprang dann durch das Dickicht, als ob es von einer Meute toller Hunde verfolgt wäre; wir nach. Des Thieres Bekanntschaft mit der undurchdringlichen Wildniß hatte uns bald auf einen Weg geleitet, auf dem wir ziemlich schnell folgen konnten. So gelangten wir endlich an den Pfad zu dem angedeuteten _Rendez-vous_. Unsere Schritte wurden nun langsamer, und wir folgten gemächlich der Spur des Thieres. Wir hatten beiläufig eine Meile zurückgelegt, als wir eine starke Helle in der Ferne bemerkten, die eine ziemlich große Lichtung vermuthen ließ. Bald darauf sahen wir Zäune und Wälschkornfelder, und endlich im Hintergrunde ein Wohnhaus, aus Stämmen aufgeführt, dessen rauchende Kamine uns der Anwesenheit eines Hinterwäldlers versicherten. Das Haus lag friedlich auf einer sanften Anhöhe. Es war mit Clapboards (Dachdauben) gedeckt, und hatte im Rücken eine Scheuer mit den nöthigen Wirthschaftsgebäuden, wie man bei Hinterwäldler-Ansiedelungen von einigem Wohlstande gewöhnlich trifft. Am Hause rankten Pfirsichbäume hinan, vor demselben standen Gruppen von Papaws, und das Ganze gewährte einen ausgesucht ländlichen Anblick. Als wir die Umzäunung überstiegen, kamen ein paar Bullenbeißer mit aufgesperrtem Rachen auf uns herangestürzt. Wir wehrten die immer wüthender werdenden Thiere noch immer von uns ab, als ein Mann aus der Scheune trat und wieder dahin zurückkehrte. Nach wenigen Sekunden kam er ein zweites Mal in Begleitung zweier Neger, die dieselbe Kuh bei den Hörnern nach sich zogen, die wir so schleunig zum Rückzuge genöthigt hatten. Wir grüßten den Mann mit einem: Guten Morgen! Er gab keine Antwort, und maß uns mit einem kalten, finstern Blicke. Er war groß, nervig und breitschulterig; sein Gesicht ausdrucksvoll, aber ungemein düster, beinahe zurückstoßend. Es war etwas Unruhiges, Rastloses in dem Wesen des Mannes; man gewahrte es beim ersten Anblicke.
Ein schöner Morgen, sprach ich, näher an den Mann zutretend.
Keine Antwort. Der Mann hielt die Kuh bei beiden Hörnern und sein Auge stierte auf den Schweif des Thieres, von dem einzelne Blutstropfen herabfielen.
Wie weit ist es von hier nach Hopefield? fragte ich nun.
Weit genug, um es nie zu erreichen, wenn ihr auf meine Kuh Jagd gemacht habt, erwiederte er drohend.
Und wenn wir es gethan haben, so werdet ihr hoffentlich nichts Arges dabei denken. Es war bloßer Zufall.
Solche Zufälle ereignen sich nicht oft. Leute schießen nicht auf Kühe, wenn sie nicht im Sinne haben, anderer Leute Fleisch zu essen.
Ihr wähnt doch nicht, fiel der schuldige Ohiomann ein, daß wir eure Kuh zu unsrer Zielscheibe gemacht, wir, die nicht mehr im Sinne hatten, als einige Truthühner auf unser Dampfschiff zu bringen. Wir sind Passagiere von der Feliciana; eines unserer Räder ist an einen Sawyer gelaufen, und das ist die Ursache, warum unser Schiff bei Hopefield vor Anker liegt, und wir hier sind.
Der Mann hatte mit echter Ohio-Umständlichkeit das Argument auseinandergesetzt; der Hinterwäldler gab jedoch keine Antwort, und wir gingen dem Hause zu.
In der Stube fanden wir sein Weib. Auch in ihren Zügen hing etwas Düstres, doch nicht in dem Grade abschreckend, wie es bei ihrem Manne der Fall war. Bei ihr schien Gram mehr vorherrschend.
Können wir etwas zu essen haben? fragte ich das Weib.
Wir sind keine Wirthsleute, war die Antwort.
Unsre Partie kann nicht mehr fern sein, sprach einer unsrer Gefährten. Wir wollen ihnen das Vereinigungszeichen geben. Und mit diesen Worten entfernte er sich einige Schritte in der Richtung eines Cottonfeldes.
Halt! sprach der Hinterwäldler, vor ihn hintretend; ihr geht keinen Schritt weiter, bevor ihr Auskunft gegeben, woher ihr kommt.
Woher ich komme? sprach unser Gefährte, ein junger Doctor der Medicin aus Tennessee; das braucht weder ihr, noch irgend ein Mann in der Welt zu wissen, der auf eine solche Weise fragt. Wenn ich mich nicht irre, so sind wir in einem freien Lande. Und mit diesen Worten schoß er sein Gewehr ab. Das Echo schlug so gewaltig und majestätisch von dem hehren Waldkranze herüber, mit dem die Pflanzung eingefaßt war, daß die zwei andern ebenfalls ihre Gewehre abzuschießen Miene machten. Ich winkte ihnen jedoch, und sie hielten inne. Es schien mir nicht überflüssig, auf alle Fälle vorbereitet zu sein, obwohl wir nicht im mindesten ernsten Besorgnissen Raum gaben. In wenigen Minuten wurde ein Schuß gehört -- die Antwort auf unser Signal.
Macht euch keine unnöthige Unruhe, sprach ich; unsre Compagnons haben unser Signal gehört, und sie werden sogleich hier sein. Was eure Kuh betrifft, so könnet ihr wohl so vielen gesunden Menschenverstand haben, um einzusehen, daß fünf Reisende nicht nach etwas jagen werden, das weniger denn werthlos für sie ist.
Während ich noch sprach, kam unsere zweite Partie mit dem Führer aus dem Walde hervor, der Letztere mit zwei fetten wilden Truthähnen beladen. Er grüßte den Hinterwäldler als einen alten Bekannten, zugleich hatte aber dieser Gruß etwas so Theilnehmendes und zugleich Zurückhaltendes, als mit seinem sonstigen derben und ziemlich rauhen Wesen seltsam Contrastirte.
Wohl, Mister Clarke? sprach er. Noch nichts gehört? Thut mir sehr leid.
Der Hinterwäldler gab keine Antwort; aber seine trotzige Miene überging plötzlich in ein finsteres Dahinstarren; eine Thräne, schien es mir, drang sich in seine Augen.
Mistreß Clarke! sprach der Führer zum Weibe, die von der Vorhalle herabkam; diese Gentlemen hier wünschen einen Bissen zum Mittagsessen. Sie haben genug gejagt, däucht es mich; wir haben Ueberfluß an Allem. Wollt ihr wohl so gefällig sein, uns etwas zu bereiten?
Das Weib stand ohne ein Wort zu sprechen; der Mann ebenfalls. Beide hatten etwas so abschreckend Störrisches, so etwas ungewöhnlich Verstocktes, als mir noch nie bei den Hinterwäldlern vorgekommen.
Wollt ihr so gut sein, wiederholte der Führer, uns einen Truthahn zu braten, mit etwas Schinken und Eiern?
Keine Antwort. Der Mann hielt die Hörner der Kuh, starr und finster auf die Erde blickend, und das Weib sah ihren Mann an.
Wohl denn! sprach der Doctor, hier läßt sich nichts erwarten; wir verlieren nur unsre Zeit. Laßt uns auf einen Baumstamm niedersitzen und unsere Schinken und Crackers kosten.
Der Führer winkte uns bedeutsam und näherte sich dem Weibe, mit dem er angelegentlich sprach. Doch sie gab keinen Laut von sich.
Frau! sprach der Doctor, Etwas muß mit euch oder in eurer Familie vorgegangen sein, das euch so verstimmt hat. Wir sind fremd, aber nicht gefühllos. Sagt an, was fehlt euch? Vielleicht läßt sich ein Mittel finden.
Der Mann blickte auf, das Weib schüttelte das Haupt.
Was ist es? fragte ich sie, mich ihr nähernd, das euch bekümmert? Hülfe kommt oft, wenn es am wenigsten erwartet wird.
Etwas, das sahen wir nun wohl ein, war hier vorgefallen, das erschütternd, schmerzlich sein mußte. Kleinigkeiten sind nicht leicht im Stande, die Nerven dieser gewaltigen Menschen so fürchterlich zu spannen.
Das Weib trat, ohne ein Wort zu sprechen, zum Führer, nahm ihm einen Truthahn und die Schinken ab, und ging dann in das Haus.
Wir folgten und traten in die Stube. Nachdem wir uns um die Tafel gesetzt, langten wir nach unsern Bouteillen. Der Mann brachte Gläser und setzte sie vor uns hin. Wir schenkten ein und drangen in ihn, sich an uns anzuschließen; hartnäckig jedoch wies er unsre wiederholten Einladungen zurück. Wir wurden es endlich müde, gute Worte an ihn zu verschwenden. Unsre Gesellschaft bestand, wie gesagt, aus zehn jungen Männern. Zwei Bouteillen waren bereits geleert, und wir fingen an etwas munter zu werden, als unser Wirth plötzlich von seinem Sessel vor dem Kaminfeuer aufstand, und, vor den Tisch hertretend, sprach:
Gemmen! Ihr müßt nicht denken, daß ich ein grober Mann bin, aber ich muß euch gerade heraus sagen, daß ich in meinem Hause keinen Lärm leide. Es ist kein Haus zum Lachen; ich versichere euch bei --
Und nachdem er so gesagt, setzte er sich wieder hin, stützte seinen Kopf in beide Hände, und versank in sein voriges Hinstarren.
Vergebung! sprachen wir, aber wirklich, wir haben nicht vermuthet, daß unsre Fröhlichkeit euch beleidigen könnte.
Der Mann gab keine Antwort, und so verging eine halbe Stunde in Flüstern und Vermuthungen.
Endlich deckte ein Negermädchen die Tafel. Nach vielen und eindringlichen Bitten, Theil an unserm Mahle zu nehmen, setzten sich Wirth und Wirthin zu uns. Er kostete nun ein Glas Cognac, und leerte es auf einen Zug. Wir füllten es; wieder trank er es aus und wieder wurde es gefüllt. Als er das dritte Glas geleert hatte, entstieg ihm ein schwerer Seufzer; dem Mann wurde augenscheinlich leichter.
Gemmen! sprach er, ihr werdet mich für stöckisch und rauh gehalten haben, als ich euch traf, wie ihr meine Kuh gejagt; aber ich sehe nun, wen ich vor mir habe. Aber möge ich erschossen werden, wenn ich ihn je finde, so will ich ihm auch eine Kugel durch den Leib jagen, und ich verbürge mich, er wird kein zweites Mal Buben stehlen.
Buben stehlen? sprach ich. Ist einer eurer Neger gestohlen worden?
Einer meiner Neger, Mann? Mein Sohn, mein einziger Sohn! Mein ehelich gezeugter Sohn! Ihr Kind! auf sein Weib deutend, unser Bube ist gestohlen! Unser Bube, der uns allein von fünf Kindern übrig geblieben, die das Fieber uns genommen, die wir begraben haben. Ein Bube, so rüstig, so gescheid, so lieblich, so flink, als je einer in diesen Hinterwäldern geboren ward. Da haben wir uns nun hieher gesetzt, in die Wildniß, haben Tag und Nacht gearbeitet, haben Mühe und Gefahren ausgestanden, Hunger und Durst, Hitze und Kälte. Und für wen? Hier sitzen wir allein, verlassen, kinderlos, trostlos, betend, und weinend, fluchend und ächzend. Nichts hilft, Alles umsonst. Nein, ich werde noch wahnsinnig! Wenn er todt wäre! Wenn er hinten unterm Hügel an der Seite seiner Brüder und Schwestern läge, ich wollte nichts sagen. Gott hat ihn gegeben, er hat ihn genommen! Aber Allmächtiger!
Der Mann stieß einen Schrei aus, so fürchterlich, so grauenerregend, daß Weiber und Kinder der Neger zur Thüre hereinstürzten, und Gabel und Messer unsern Händen entfielen. Wir sahen ihn sprachlos an.
Gott allein weiß -- fuhr er fort, und sein Haupt sank auf seine Brust; plötzlich richtete er sich jedoch auf und schüttete ein Glas nach dem andern hinab.
Und wie trug sich dieser schreckliche Diebstahl zu? fragten wir.
Das Weib, sprach er, kann's euch sagen.
Sie war von der Tafel aufgestanden und dem Bette zugeschwankt, auf welches sie sich schluchzend und heulend setzte. Es war wirklich eine erschütternde Scene. Der Doktor sprang auf und führte sie wieder zur Tafel; wir blickten auf sie, ängstlich Aufschluß über das ungeheure Verbrechen erwartend.