Transatlantische Reiseskizzen und Christopherus Bärenhäuter. Erstes Bändchen.

Part 2

Chapter 23,608 wordsPublic domain

Ich muß gestehen, der Spott meines Freundes, selbst mein eigener, hatte mich ein wenig stutzig gemacht, aber nur ein wenig. Wer könnte auch in dem tollen Newyork, dem lebensfrohen, amerikanischen Paris zum Nachdenken kommen, wo es für das liebe Volk, zwar nicht wie in dem Transatlantischen, heute Wein aus Springbrünnen und Würste von den Bäumen, und den nächsten Tag Kartätschen aus Feuerschlünden regnet; wo es sich aber eben so heiter und froh lebt, nur mit dem Unterschiede, daß man hier ein bischen mehr auf seinen Beutel hält? Das ist eigentlich unser großes, politisches Arcanum, das zuverlässigste gegen alle Wein- und Kartätschenregen, die es gibt. _Probatum est._ Ja, es ist ein sanguinisch-durchgreifendes Völkchen das Newyorker, das lebt und leben läßt, Geld in Scheffeln gewinnt, und in Büscheln wieder verthut. Zur Besinnung läßt sich's hier nicht kommen. Selbst der kalkulirende Yankeeism von Boston und der Philadelphi-Quakerism arten hier aus, und zwischen der flachen, platten, schweigsamen Bruderstadt, wo die Nachtwächter Schaffellsohlen auf ihren Schuhen tragen müssen, um die Nachtruhe der lieben Bürger und noch liebern Bürgerinnen nicht zu stören, und dem lustigen Newyork, sollte man denken, müssen ganze Welttheile liegen. Die letzten acht Tage war es nun über die Maßen bunt hergegangen. Bachelors-Ball[19] und Präsidentenwahl und Gouverneurswahl und Sheriffswahl hatten die zwei Mal hunderttausend Seelen, aus denen die liebe hohe und niedrige Welt zusammengesetzt ist, in solche Bewegung versetzt, daß es unmöglich war, einen neuen Rock oder Inexpressibles[20] auf seinen Leib zu bekommen, so waren die ehrsamen Zünfte vom Gemeinbesten in Anspruch genommen. Mein Schuhmacher sah mich so wichtig an; ich dachte nicht anders, als er habe auch die fünf und zwanzig tausend Dollars[21] im Kopfe, und wirklich etwas hatte der Gute erjagt; er war zum Mitlenker des Staatsruders in Albany erkohren. Selbst die so schmählich hintangesetzte Kunst hatte zur Verherrlichung des politischen Drama beitragen müssen, und alle Hauptquartiere der siegenden und besiegten Parteien waren mit klafterlangen Transparenten behangen, in denen der Sieger von Neworleans mit seinen Streithengsten goliathmäßig, und hinwieder bescheiden als schlichter Cincinnatus, hinter dem Pfluge einherwandelnd, dargestellt ist, allen Adamsmännern zum Trotz, die ihrer Seits zu seinem Ruhme nicht versäumt hatten, ein Gegenstück in ächter Nürnberger Manier zu liefern, den alten Hickory mit Dolch und Pistole repräsentirend, wie er so eben ein Paar Dutzend freie Bürger in die andere Welt expedirt.

[19]: =Bachelors Ball=, Junggesellenball. Einer der glänzendsten Bälle, die in Newyork alljährlich von den Junggesellen gegeben werden.

[20]: =Inexpressibles=, der amerikanische Ausdruck für Beinkleider.

[21]: =Fünf und zwanzigtausend Dollars=, der Gehalt des Präsidenten der vereinigten Staaten.

Ein kräftiges Hurrah für Jackson, das so eben von der Murraystraße heraufschallt, verkündet etwas Neues. Die Scene ist wahrlich neu und ganz in ihrer Art. An die vierzig Lohnkutschen kamen gegen den Park heraufgezogen, zu beiden Seiten mit der wunderlichsten Cavalcade flankirt, die je ein menschliches Auge gesehen. Wettergebräunte, rührige Männer baumeln zu zwei und drei auf einem Pferde herum und herunter. Jeder Fall der unbeholfenen Cavallerie wird mit einem Hurrah begrüßt, das die Fenster zittern macht. Alle möglichen Trachten sind an den fahr- und reitlustigen Theers zu sehen; mit Pech geschwängerte Hüte und Hütchen und Jacken und Inexpressibles. Der Eine ist mit einem neumodischen Fracke angethan, der Andere prangt in einer Redingotte, die so eben von Chatham-Place ihren Weg auf seinen Leib gefunden; ein Dritter erglänzt in seiner rothflammenden Jacke, der tollste, buntscheckigste Haufe, der je gesehen wurde. Es sind die Matrosen, die Bemannung der Fregatte Constitution, die einberufen und diesen Morgen ausbezahlt worden war, und die nun aus Leibeskräften bemüht ist, die fünf oder sechshundert Dollars so geschwind wie möglich wieder los zu werden, die jedem von ihnen während des dreijährigen Kreuzzuges auf den Hals gewachsen waren. Wer so das lustige Völkchen hinziehen sieht, im Jubel, Saus und Braus, mit vollen Flaschen, jeder eine Schöne neben sich, und brüllend, daß einem die Ohren gellen, der muß sich von unserer polizeilichen Ordnung einen saubern Begriff machen. Thut jedoch nichts. Das sind Männer, die zwar nicht den Julius Cäsar und Cornelius Nepos gelesen; die aber für ihr Vaterland so heiß glühen, als die Helden Plutarchs. Zeigt ihnen eine Fregatte Brittaniens, und sie werden darauf losstürzen und sie brechen, wie der feste, freie Mann den Uebermuth des stumpfen Herrendieners bricht. Und laßt den Sturm über sie hereintoben, und sie werden wie Felsen dastehen, im Gebrülle des Orkans, und hängen draußen am gefrornen Segeltuche, ihre Hände und Füße erstarrend am Taue; oder sie werden sinken unter den krachenden Balken und hereinstürmenden Wogen in den bodenlosen Abgrund, und ihr letzter Gedanke wird auf das Vaterland gerichtet sein. Solche Männer verdienen, daß man ihnen ihre Lust nach ihrer eigenen Weise gönne. Sie werden schon wieder nüchtern werden ohne Polizei, Gendarmes und Wachhaus. Ihr rohes Treiben ist nicht den zehnten Theil so verderblich für des Volkes Sitten, als euer raffinirte _bon ton_. In drei Tagen hat das Drittel dieser Vierhundert und Fünfzig keinen Cent mehr in der Tasche, in sechs das zweite Drittel, und in zehn Tagen sind sie so ziemlich alle wieder flott, und in der rothen Jacke und auf der Reise nach allen Weltgegenden; die wenigen ausgenommen, die sich einen eigenen Herd suchen, oder sich in gewissen Affairen verspätet haben. Ein Paar Mal treiben sie das Wesen mit, und dann werden sie klüger, nehmen sich Weiber und setzen sich hin, um tüchtige Hauswirthe zu werden; anfangs ein wenig quer und verschroben, wie es Seemännern zu gehen pflegt; aber allmälig lehrt sie gesunder Menschenverstand, sich in die neue Lage fügen. Es ist in diesen Männern ein fröhlich-freier, selbstständiger Sinn, ein tüchtiger und trotziger Muth, der, über die Nation zerstreut, herrlichen Samen getragen, der im letzten Kriege unser Vertrauen in uns selbst erkräftigt, und so unsern Feind bezwungen hat. Diese Männer haben den Neuseeländer und Chinesen, den Türken und Brasilianer und Franzosen kennen, und auf ihn stolz herabblicken gelernt; den See-Bezwinger Aller -- den Britten -- haben sie bezwungen. Der brittische Matrose kehrt immer dümmer unter seine Zuchtruthe zurück, als er ausgezogen; der amerikanische immer aufgeklärter, weil Knechtschaft immer zurück, Freiheit immer vorwärts schreitet. Der Eine weiß, daß Lebensweisheit für das Ziel seiner Laufbahn -- das Greenwich-Hospital -- überflüssig oder gefährlich ist; der Andere muß sie sammeln für's thätige Bürgerleben, in das er ehrenvoll eintritt. Und John Bull wundert sich in seiner Dummheit, daß wir ihm mit unsern fünf Fregatten zehn genommen, und ihn in zwei Haupttreffen von unsern Seen verjagten; er, der seine armen Wichte von Matrosen mit fünfzehn Schillingen abfertigt, und wenn sie ein bischen über die Schnur hauen, auf ein Paar Monate in's Loch steckt. -- Wir haben so manche Fehler, und Engel sind wir wahrhaftig nicht -- aber eine Tugend haben wir, die der Sünden viele bedeckt: sie ist Achtung für Menschenwürde und Bürgerrecht, und diese hat uns vom größten Tyrannen das Größte errungen, wornach der Mensch je gestrebt hat: Freiheit in unserm Lande und auf unsern Meeren.

Es war sechs Uhr, als ich mit Richard in das Drawingroom meiner künftigen Schwiegermama eintrat. Die gute Dame hatte mich beinahe erschreckt in ihrem nagelneuen, so eben mit dem Henri _IV._ angekommenen grauen, Gaze-Turban, der ihr das Ansehen einer unserer Missisippi-Nachteulen gab. Auch Richard schrak sichtlich zurück, und der gute Moreland schaute so starr nach dem hehren Kopfputze hin, als wäre er ein Zifferblatt gewesen. Miß Margareth im grün seidenen Kleide, die Haare glatt zu beiden Seiten der Stirne hinabgekämmt _à la Margarethe_, -- wir haben eine eigene Modenphraseologie -- war, wie die Tochter Jephtas, blaß und resignirt; ein leichtes Zittern bebte durch die anziehende Gestalt, und in ihrer Begrüßung war süßer Schmerz und schmachtende Sehnsucht nach dem fernen Geliebten unverkennbar. Der Abstand war allerdings grell zwischen dem fünfzigjährigen Moreland, der kalt und zäh und breit und roth da saß, und dem windigen Staunton, der von Austern und Rosinen lebte, und sich höchstens in Bullwer's Novellen betrank. Ich hatte dem zarten, so eben beschriebenen Gebilde die Tales of my Grandfather[22] mitgebracht.

Walter Scott! rief sie mit lieblich verschmelzender Stimme. Ach! der gemeine Mensch weiß auch nicht ein Wort zu sagen, flüsterte sie mir nach einer Weile zu.

Warten Sie nur, tröstete ich sie; Sie wissen ja, daß derlei Affairen zuerst immer Jampartien[23] sind. -- Furcht, Bescheidenheit versperren ihm den Mund.

[22]: =Tales of my Grandfather=, Erzählungen eines Großvaters, von Sir Walter Scott.

[23]: =Jampartie=, buchstäblich eine Balkenpartie. -- Bekanntlich sitzen Gesellschaften im Winter in einem Halbzirkel um den Feuerplatz, dessen oberer Marmorbalken Jam genannt wird. Eine langweilige Gesellschaft, die daher den Balken ansieht, wird _Jam party_ genannt.

Das Mädchen sah mich an. Sie war bitterböse. Kalter, herzloser Spötter, sagte sie.

Wie konnte ich anders? sie war so empfindsam-albern.

Richard hatte unterdessen mit Bowsends die Conversation begonnen. Der arme Junge, der nicht wußte, daß der Theegeber Adamsmann war, und fünftausend Dollars in Wetten und Beiträgen zur Umstimmung des souveränen Volkswillens verloren, hatte sich beeilt, ihn wissen zu lassen, daß der alte Hickory[24] nächstens die Hermitage verlassen werde.

Der blutdurstige Backwoodsman[25], halb Pferd, halb Alligator[26], unterbrach ihn Mister Bowsends.

[24]: =Hickory=, ein zäher Nußbaum. -- General Jackson hat den Spitznamen Hickory erhalten.

[25]: =Backwoodsman=, Hinterwäldler, ein etwas derber Mann. Sonst wurden alle jenseits der Alleghany-Gebirge Wohnenden so genannt; gegenwärtig spottweise die Kentuckier, Alabamaer, überhaupt diejenigen, die in großer Entfernung von den Hauptstädten oder in den neuen Territorien angesiedelt sind.

[26]: =Halb Pferd, halb Alligator=, Spottname den Kentukiern gegeben.

Kostet Sie schwer Geld, versetzte Moreland lachend.

Und raucht aus einer Tabakspfeife, wie die vulgären Deutschen, fügte Mistreß Bowsends hinzu.

Nun das könnte ich eben nicht so vulgär nennen; der Tabak hat wirklich einen ganz andern Geschmack, sprach der unglückselige Moreland.

Ich stieß ihn mit dem Elbogen in den Rücken.

Sie rauchen aus einer Tabakspfeife, Mister Moreland? flötete Margareth.

Der Mann stutzte; die unerwartete Frage hatte ihn aus dem Concepte gebracht; sein gutes Gewissen ließ jedoch keine Prevarication zu, und er antwortete mit einem:

Es schmeckt so gut!

Ich hatte die Erschütterung der empfindsamen Seele vorhergesehen, und legte meinen Arm über die Sessellehne, eben als Arthurine eintrat. Sie blickte einen Augenblick umher; es war jedoch zu spät, sich zurückzuziehen. Sie schien es nicht zu bemerken, grüßte leicht und fröhlich die Gesellschaft, tanzte dann auf Moreland zu, bot ihm einen guten Abend, fragte ihn nach seinen Wetten, seinen Schiffen, seinem alten Tom, plauderte an die zehn Minuten in Einem Athem. Ehe sich's Moreland versah, war seine Hand in den beiden ihrigen. Freilich waren sie alte Bekannte, und er konnte füglich ihr Großvater sein.

Margareth hatte sich inmittelst von ihrem Schrecken erholt. Er raucht aus einer Pfeife, lispelte sie im dumpfen Schmerze Arthurinen zu.

Der alte Hickory ist sehr populär in Pensylvanien, fing Richard wieder an, ohne von dem Unheil, das er angerichtet, auch nur eine Ahnung zu haben. So eben hat ihm ein Farmer[27] von Bedford-County[28] ein Faß Monongehala[29] zum Geschenke gemacht.

Um das beneide ich ihn, platzte Moreland heraus. Ein Glas alter Monongehala ist nicht mit Geld zu bezahlen.

[27]: =Farmer=, ursprünglich Pächter; in den vereinigten Staaten heißt jeder Landwirth und Gutsbesitzer Farmer.

[28]: =Bedford-County=, Bedfordgrafschaft in Pensylvanien.

[29]: =Monongehala=, ein bedeutender Fluß, der in Virginien entspringt, und bei Pittsburg sich mit dem Alleghany vereinigt, und so den Ohio bildet. Er hat bei seiner Vereinigung beiläufig 1400 Fuß Breite, der Alleghany 1200 Fuß. An seinen Ufern wächst vorzüglicher Roggen und Weizen, aus welchem erstern der beste Kornbranntwein in den vereinigten Staaten gebrannt wird, den man daher schlechtweg Monongehala nennt.

Der Stoß war zu heftig; der zarte Nervenbau Margareths konnte ihn nicht aushalten; sie sank. Glücklicher Weise hatte ich sie erfaßt. So eben war der Thee angekommen. Mit Hülfe der Dienstmädchen und Bedienten wankte sie aus dem Zimmer.

Haben Sie ihr ein Buch gebracht? fragte Arthurine.

Ja, einen neuen Roman Walter Scott's.

Ach dann erholt sie sich schon, meinte das liebe Schwesterchen gleichmüthig.

Mit der nervenschwachen Schönheit war auch unsre Schweigsamkeit gewichen. Capitain Moreland war ein fröhlicher Theer, der zehn Reisen nach China, fünfzehn nach Constantinopel, zwanzig nach St. Petersburg und unzählige nach Liverpool gemacht, und sich ein artiges Vermögen erworben hatte, das er nach Kräften zusammenhielt, und vermehrte. Ein jovialer Lebemann mit gesundem Menschenverstande, einen Punkt ausgenommen, die Weiber nämlich, die er gerade so gut kannte, wie die Bewohner des Mondes. Die Aufmerksamkeit, mit der ihn Arthurine behandelte, die mädchenhafte Verschämtheit, der liebliche Reiz, mit dem sie sich an ihn anschmiegte, schien dem Gaumen des alten Junggesellen recht wohl zu behagen. Es lag etwas leicht Fröhliches, Spottendes und zugleich unendlich Anziehendes im Wesen des süßen, liebreizenden Mädchens; selbst der kalte Richards hing mit unverholener Bewunderung an ihr. Das ist wirklich ein bezauberndes Mädchen, wisperte er mir zu.

Habe ich dir es nicht gesagt? erwiederte ich. Sieh nur, mit welcher Zartheit sie in die Launen des Alten einzugehen weiß.

Die Stunden waren wie Minuten verflogen. Das Souper war lange abgedeckt, und wir machten Miene zum Aufbruche. Arthurine drückte mir bedeutsam die Hand, und ich war in neun und neunzig Himmeln.

Nun Freunde, sprach der ehrliche Moreland, als wir aus der Thüre waren, es wäre wirklich schade, an diesem herrlichen Abend uns so bald zu trennen. Was meint ihr, wie wäre es? ihr geht mit mir, und wir brechen noch einem halben Dutzend die Hälse.

Wohlan! Es ist ohnedem grimmig kalt, und der Sherry und Port[30] des alten Bowsends sind nicht halb so geistig...

Wie seine Mädchen, versetzte der schmunzelnde Moreland, der denn doch ein wenig zu tief in's Glas geguckt zu haben schien.

[30]: =Sherry=, =Port=, Xeres und Oporto-Weine, die nebst Madeira, Teneriffe und Lisbon beinahe ausschließlich getrunken werden.

Wir nahmen den alten Kumpan in die Mitte, und steuerten seiner Kajüte zu, wie er sein wirklich prachtvolles Haus nannte.

Nun ist das nicht eine herrliche liebe Familie, die Bowsends, eröffnete Moreland die Sitzung an der mit Lafitte und East-India Madeira besetzten Tafel. Und die Mädchen sind prachtvoll. -- Ja, ja ich habe auch gedacht, -- du kömmst allmälig in die Jahre; -- bist aber doch noch frisch, rührig und munter, gesund wie ein Delphin -- Damn! -- Ich könnte noch ein halbes Dutzend Mädchen...

Begraben; setzte ich hinzu.

Ja, das könnte ich bei Jingo; hoffe aber Margareth wird Stich halten. Sie gefällt mir, und so habe ich denn...

Ja, aber lieber Moreland, ob Sie auch ihr gefallen?

Pah! fünf Mal hunderttausend Dollars. Hör' einmal, Junge, das findet sich nicht alle Tage.

Fünfzig Jahre -- setzte ich hinzu.

Ja freilich, aber gesund und rüstig, keiner euerer Spindeljungen, kein Staunton...

Ja, der raucht aber Cigarren, und nicht aus deutschen Pfeifen.

Das lasse ich wohl bleiben; werde mir da wegen der Miß das Maul und die Nase mit den verdammten Stümpchen verbrennen!

Auch trinkt er nicht Whisky. Er ist Präsident einer Temperanz-Gesellschaft!

Hol' ihn der Henker! brummte Moreland. Den Whisky wollte ich um aller Mädchen willen nicht lassen.

Dann werden sie in Ohnmacht fallen, lachte ich.

Und Margareth! fuhr er heraus. Ah! dem Monongehala galten also die Achs und Ohs, und das Sinken und Verschwinden? Ist es um diese Zeit! Nein, meine Miß, da wird nichts daraus. Darauf können Sie sich gefaßt machen; und zur Bekräftigung leerte er sein Glas, und wir die unsrigen. Wir lachten und jubelten bis nach Mitternacht, und ich hatte mir viel auf meine diplomatische Geschicklichkeit eingebildet. Als wir nach Hause gingen, meinte Richard, daß ich dem alten Junggesellen etwas hart zugesetzt hätte. Habe ich doch die arme Margareth von dem lästigen Menschen befreit, war meine Antwort. Der kalte Richard jedoch schüttelte den Kopf. »Was daraus werden wird, weiß ich nicht,« versetzte er; »doch darfst du für deine unberufene Mediation eben keine sehr glänzende Erkenntlichkeit erwarten.«

Der nächste Morgen verging in Geschäften, deren Besorgung Richards Ankunft nöthig gemacht hatte. Zehn Mal wollte ich Arthurine sehen; aber immer war ich durch etwas, das dazwischen kam, abgehalten worden. Es war nach der Theezeit, als ich in's Haus trat. Im Drawing-room saß Margareth, eine frische Novelle verdauend. Wo ist Arthurine? fragte ich.

Im Theater mit Mama und Mister Moreland, war die Antwort.

»Im Theater mit Mama und Mister Moreland«! Man gab Tom und Jerry[31], ein horribles Lieblingsstück der aufgeklärten Kentukier. Ich hatte die erste Scene in Caldwells Theater zu New-Orleans gesehen, und daran genug gehabt.

[31]: =Tom und Jerry=, Burlesque oder Posse.

Fürwahr! das heißt sich aufopfern, sprach ich ärgerlich.

Die Edle! versetzte Margareth. Mister Moreland kam zum Thee, und drückte ein so lebhaftes Verlangen aus...

Daß sie nicht umhin konnte, mit ihm zu gehen, und ein Paar Stunden sich zu ärgern und zu gähnen.

Ihrem süßen Zauberreize wird es vielleicht gelingen, Mister Moreland beizubringen -- lispelte sie.

Ja, das ist's, dachte ich. Eine Anwandelung von Eifersucht wäre lächerlich gewesen. Er fünfzig Jahre, sie siebzehn. Ich empfahl mich, und eilte zu Richard.

So zeitlich? frug er lachend.

Sie ist mit Moreland und Mama im Theater.

Richard schüttelte den Kopf. -- Du hast dem Alten gestern ein Wespennest in den Kopf gesetzt. -- Sieh' zu!

Ich möchte gerne sehen, wie sie sich an seiner Seite ausnimmt, sprach ich.

Wohl! ich begleite dich. Je eher du geheilt bist, desto besser. Aber nicht länger als zehn Minuten.

Wer hätte es auch länger aushalten können in diesen Whiskydünsten und Tabaksqualm! Es war im Bowery-Theater. Die Lichter schwammen, als ob sie im Nebel hingen, und von der Gallerie regnete es Orange- und Aepfelschalen auf uns herab, andere Dinge zu verschweigen. Der liebe Tom war so eben in seiner Forcepartie begriffen. Ich blickte auf, da saß die liebreizende Arthurine, so gemüthlich mit dem alten Moreland plappernd, daß mir Hören und Sehen verging. Eine dreißigjährige Ehefrau hätte nicht anständiger ihren Platz einnehmen können.

Das ist ein gescheidtes Mädchen, versicherte Richard, die sieht auf die Dollars, und würde den alten Hickory nehmen, wenn er Lust und mehr Geld hätte, trotz Tabakspfeife und Whisky.

Ich erwiederte kein Wort.

Wenn du kein solcher Hasenfuß wärest, meinte Richard, so würde ich sagen: Lasse sie fahren, und übermorgen gehen wir ab.

Noch acht Tage, versetzte ich mit schwerem Herzen.

Wieder betrat ich am folgenden Abend, Schlag sieben Uhr, mein Elysium, das mir allmälig zum Tartarus wurde. Wieder saß Margareth einsam über einem Roman.

Und Arthurine? fragte ich mit zitternder Stimme.

Ist mit Mama und Mister Moreland gegangen, Miß Fanny Wright zu hören.

Miß Fanny Wright zu hören, die Atheistin, die Revolutionistin? Das war doch wirklich toll. Wer hätte so etwas auch nur träumen sollen? Diese Miß Fanny Wright war gescheut von unsrer fashionablen Welt, wie eine Pestkranke.

Mister Moreland, lispelte Margareth, sprach mit so vielem Lobe von ihrem entzückenden Vortrage, daß Arthurines Neugierde geweckt wurde.

Ja, ja; versetzte ich.

O, Sie kennen nicht das edle Mädchen. Für ihre Schwester würde sie das Leben aufopfern. Sie ist meine einzige Hoffnung.

Schön, schön! sprach ich, indem ich meinen Hut zerkneipte, und mich nach der Thüre umsah.

Endlich am folgenden Morgen ließ es mich nicht mehr ruhen, und kaum hatte die Glocke eilf geschlagen, so stand ich vor der Thüre. Beide waren denn doch ein Mal zu Hause. Arthurine schwebte mir mit holdem Lächeln entgegen. Auf ihrem Antlitz saß ein gewisses Etwas, das mich stutzen machte. Ich drückte ihr die Hand; sie sah mich zärtlich an.

Es scheint, Sie haben sich gut unterhalten, begann ich nach einer Pause.

Das Neue hat Reiz für mich. Ich hätte wahrhaftig nicht geglaubt, daß ich noch eine Schülerinn der Miß Fanny Wright werden würde, sprach sie lachend.

Wenigstens kein großer Sprung von Tom und Jerry, sprach ich.

Respect vor Tom und Jerry, die wir patronisiren, Mister Moreland nämlich und meine Wenigkeit, lachte sie.

Wahrlich diese Verschwörung gegen guten Geschmack hätte ich meiner Arthurine nicht zugetraut, erwiederte ich ziemlich ernst.

Meiner Arthurine! meiner Arthurine! schmollte sie. Sieh da, welche Rechte sich der Herr anmaßt. -- Wir leben in einem freien Lande.

Es war Scherz und Ernst in dem lieblichen Gesichte. Ich sah sie forschend an.

Wissen Sie, schäckerte sie, daß ich Moreland ganz lieb gewonnen habe. -- Er ist ein so gemüthlicher, reeller Charakter, und hat gar nichts von dem Ungestümen.

Und fünf Mal hunderttausend Dollars, fügte ich hinzu.

Eben das ist seine schönste Seite. -- Denken Sie nur an die Bälle, lieber Howard. Sie werden doch hoffentlich auch kommen. -- Und dann Saratoga; nächstes Jahr vielleicht London oder Paris. -- O, es wird prächtig sein!

Schon so weit gediehen? fragte ich mit bitterm Spotte.

Und Sissi ist erlöset. Nicht wahr Margareth? Und sie flog an den Hals der Schwester, und die beiden Mädchen herzten und küßten sich. Ich wußte nicht, sollte ich lachen, oder weinen.

Dann muß ich gratuliren, sprach ich mit einem Lachen, das mich ziemlich albern kleiden mußte.

Gratuliren Sie! sprach Arthurine, gegen mich zutanzend. -- Heute um zehn Uhr hat Mister Moreland seine Bewerbung von Margareth auf mich feierlichst übergetragen.

Und Sie?

Wir haben natürlich, in Anbetracht seiner vielen Liebenswürdigkeiten, beschlossen, den Antrag für einstweilen _ad protocollum_ zu nehmen. Sie wissen, _decorum_ gebietet, daß man sich wenigstens ein Paar Tage ziere.

Sind Sie in Scherz oder Ernst, liebe Arthurine?

Ganz im Ernste, lieber Howard!

So leben Sie wohl.

_Farewell for ever if for ever fare thee well!_ lachte und seufzte sie. Auf der Stiege begegnete mir die geturbante Ma. Sie zog mich geheimnißvoll in's Parlour.

Sie haben Arthurine gesehen? Nicht wahr ein liebes, treffliches Kind? O, das Mädchen ist unsre Freude, unser Trost. Mister Moreland! der scharmante Mister Moreland! -- Nun da es sich so gut gefügt hat, wollen wir auch mit Margareth ein Auge zudrücken.

Es ist also wahr!

Nun, als Hausfreund kann ich's Ihnen schon zuflüstern; aber die Welt, natürlich, vor der muß es noch ein Geheimniß bleiben. Mister Moreland hat um sie förmlich angehalten.

Um wen?

Je nun, um Arthurine.

Schön! Schön! erwiederte ich, mich zur Thüre hinausdrängend, und die Gasse hinaufrennend, als wäre ich dem Tollhause entsprungen.

Richard, rief ich meinem Freunde zu, wollen wir abreisen?

Gott sei Dank! so ist's denn vorüber das Newyorker Fieber. Nun gehst du auf ein Paar Monate mit mir nach Virginien.

Ja, versetzte ich.

Als wir am folgenden Morgen dem Dampfschiffe zufuhren, kam Staunton hervorgerannt. Wünsche mir Glück, ich habe nun das Jawort!