Torquato Tasso Ein Schauspiel

Chapter 6

Chapter 63,992 wordsPublic domain

Tasso. Von dieser Sorge will ich dich befrein! Du hältst mich nicht mit diesen Worten ab. Du hast mich frei erklärt, und diese Türe Steht mir nun offen, die zum Fürsten führt. Ich lasse dir die Wahl: Du oder ich! Der Fürst geht fort. Hier ist kein Augenblick Zu harren. Wähle schnell! Wenn du nicht gehst, So geh' ich selbst, und werd' es, wie es will.

Antonio. Lass mich nur wenig Zeit von dir erlangen Und warte nur des Fürsten Rückkehr ab! Nur heute nicht!

Tasso. Nein, diese Stunde noch, Wenn's möglich ist! Es brennen mir die Sohlen Auf diesem Marmorboden; eher kann Mein Geist nicht Ruhe finden, bis der Staub Des freien Wegs mich Eilenden umgibt. Ich bitte dich! Du siehst, wie ungeschickt In diesem Augenblick ich sei, mit meinem Herrn Zu reden; siehst--wie kann ich das verbergen-- Dass ich mir selbst in diesem Augenblick, Mir keine Macht der Welt gebieten kann. Nur Fesseln sind es, die mich halten können! Alphons ist kein Tyrann, er sprach mich frei. Wie gern gehorcht' ich seinen Worten sonst! Heut kann ich nicht gehorchen. Heute nur Lasst mich in Freiheit, dass mein Geist sich finde! Ich kehre bald zu meiner Pflicht zurück.

Antonio. Du machst mich zweifelhaft. Was soll ich tun? Ich merke wohl: Es steckt der Irrtum an.

Tasso. Soll ich dir glauben, denkst du gut für mich, So wirke was ich wünsche, was du kannst. Der Fürst entlässt mich dann, und ich verliere Nicht seine Gnade, seine Hilfe nicht. Das dank' ich dir, und will dir's gern verdanken; Doch hegst du einen alten Groll im Busen, Willst du von diesem Hofe mich verbannen, Willst du auf ewig mein Geschick verkehren, Mich hilflos in die weite Welt vertreiben, So bleib auf deinem Sinn und widersteh!

Antonio. Weil ich dir doch, o Tasso, schaden soll, So wähl' ich denn den Weg, den du erwählst. Der Ausgang mag entscheiden, wer sich irrt! Du willst hinweg! Ich sag' es dir zuvor: Du wendest diesem Hause kaum den Rücken, So wird dein Herz zurück verlangen, wird Dein Eigensinn dich vorwärts treiben; Schmerz, Verwirrung, Trübsinn harrt in Rom auf dich, Und du verfehlest hier und dort den Zweck. Doch sag' ich dies nicht mehr, um dir zu raten; Ich sage nur voraus, was bald geschieht, Und lade dich auch schon im voraus ein, Mir in dem schlimmsten Falle zu vertraun. Ich spreche nun den Fürsten, wie du's forderst.

Fünfter Auftritt Tasso (allein).

Ja, gehe nur, und gehe sicher weg, Dass du mich überredest, was du willst. Ich lerne mich verstellen; denn du bist Ein großer Meister, und ich fasse leicht. So zwingt das Leben uns zu scheinen, ja Zu sein wie jene, die wir kühn und stolz Verachten konnten. Deutlich seh' ich nun Die ganze Kunst des höfischen Gewebes! Mich will Antonio von hinnen treiben Und will nicht scheinen, dass er mich vertreibt. Er spielt den Schonenden, den Klugen, dass Man nur recht krank und ungeschickt mich finde, Bestellet sich zum Vormund, dass er mich Zum Kind erniedrige, den er zum Knecht Nicht zwingen konnte. So umnebelt er Die Stirn des Fürsten und der Fürstin Blick.

Man soll mich halten, meint er: Habe doch Ein schön Verdienst mir die Natur geschenkt; Doch leider habe sie mit manchen Schwächen Die hohe Gabe wieder schlimm begleitet, Mit ungebundnem Stolz, mit übertriebner Empfindlichkeit und eignem düstern Sinn. Es sei nicht anders, einmal habe nun Den einen Mann das Schicksal so gebildet; Nun müsse man ihn nehmen, wie er sei, Ihn dulden, tragen und vielleicht an ihm, Was Freude bringen kann, am guten Tage Als unerwarteten Gewinst genießen, Im Übrigen, wie er geboren sei, So müsse man ihn leben, sterben lassen.

Erkenn' ich noch Alphonsens festen Sinn, Der Feinden trotzt und Freunde treulich schützt? Erkenn' ich ihn, wie er nun mir begegnet? Ja, wohl erkenn' ich ganz mein Unglück nun! Das ist mein Schicksal, dass nur gegen mich Sich jeglicher verändert, der für andre fest Und treu und sicher bleibt, sich leicht verändert Durch einen Hauch, in einem Augenblick.

Hat nicht die Ankunft dieses Manns allein Mein ganz Geschick zerstört, in einer Stunde? Nicht dieser das Gebäude meines Glücks Von seinem tiefsten Grund aus umgestürzt? O, muss ich das erfahren, muss ich's heut! Ja, wie sich alles zu mir drängte, lässt Mich alles nun; wie jeder mich an sich Zu reißen strebte, jeder mich zu fassen, So stößt mich alles weg und meidet mich. Und das warum? Und wiegt denn er allein Die Schale meines Werts und aller Liebe, Die ich so reichlich sonst besessen, auf?

Ja, alles flieht mich nun. Auch du! Auch du! Geliebte Fürstin, du entziehst dich mir! In diesen trüben Stunden hat sie mir Kein einzig Zeichen ihrer Gunst gesandt. Hab' ich's um sie verdient?--Du armes Herz, Dem so natürlich war sie zu verehren!-- Vernahm ich ihre Stimme, wie durchdrang Ein unaussprechliches Gefühl die Brust! Erblickt' ich sie, da ward das helle Licht Des Tags mir trüb; unwiderstehlich zog Ihr Auge mich, ihr Mund mich an, mein Knie Erhielt sich kaum, und aller Kraft Des Geists bedurft' ich, aufrecht mich zu halten, Vor ihre Füße nicht zu fallen; kaum Vermocht' ich diesen Taumel zu zerstreun. Hier halte fest, mein Herz! Du klarer Sinn, Lass hier dich nicht umnebeln! Ja, auch sie! Darf ich es sagen? Und ich glaub' es kaum; Ich glaub' es wohl, und möcht' es mir verschweigen. Auch Sie! Auch Sie! Entschuldige sie ganz, Allein verbirg' dir's nicht: Auch Sie! Auch Sie!

O dieses Wort, an dem ich zweifeln sollte, Solang ein Hauch von Glauben in mir lebt, Ja, dieses Wort, es gräbt sich, wie ein Schluss Des Schicksals noch zuletzt am ehrnen Rande Der voll geschriebnen Qualentafel ein. Nun sind erst meine Feinde stark, nun bin ich Auf ewig einer jeden Kraft beraubt. Wie soll ich streiten, wenn Sie gegenüber Im Heere steht? Wie soll ich duldend harren, Wenn Sie die Hand mir nicht von ferne reicht? Wenn nicht ihr Blick dem Flehenden begegnet? Du hast's gewagt zu denken, hast's gesprochen, Und es ist wahr, eh' du es fürchten konntest! Und ehe nun die Verzweiflung deine Sinnen Mit ehrnen Klauen aus einander reißt, Ja, klage nur das bittre Schicksal an Und wiederhole nur: Auch Sie! Auch Sie!

Fünfter Aufzug (Garten.)

Erster Auftritt Alphons. Antonio.

Antonio. Auf deinen Wink ging ich das zweite Mal Zu Tasso hin, ich komme von ihm her. Ich hab' ihm zugeredet, ja gedrungen; Allein er geht von seinem Sinn nicht ab Und bittet sehnlich, dass du ihn nach Rom Auf eine kurze Zeit entlassen mögest.

Alphons. Ich bin verdrießlich, dass ich dir's gestehe, Und lieber sag' ich dir, dass ich es bin, Als dass ich den Verdruss verberg' und mehre. Er will verreisen; gut, ich halt' ihn nicht. Er will hinweg, er will nach Rom; es sei! Nur dass mir Scipio Gonzaga nicht, Der kluge Medicis, ihn nicht entwende! Das hat Italien so groß gemacht, Dass jeder Nachbar mit dem andern streitet, Die Bessern zu besitzen, zu benutzen. Ein Feldherr ohne Heer scheint mir ein Fürst, Der die Talente nicht um sich versammelt: Und wer der Dichtkunst Stimme nicht vernimmt, Ist ein Barbar, er sei auch, wer er sei. Gefunden hab' ich diesen und gewählt, Ich bin auf ihn als meinen Diener stolz, Und da ich schon für ihn so viel getan, So möcht' ich ihn nicht ohne Not verlieren.

Antonio. Ich bin verlegen, denn ich trage doch Vor dir die Schuld von dem, was heut geschah; Auch will ich meinen Fehler gern gestehn, Er bleibet deiner Gnade zu verzeihn; Doch wenn du glauben könntest, dass ich nicht Das mögliche getan, ihn zu versöhnen, So würd' ich ganz untröstlich sein. O! Sprich Mit holdem Blick mich an, damit ich wieder Mich fassen kann, mir selbst vertrauen mag.

Alphons. Antonio, nein, da sei nur immer ruhig, Ich schreib' es dir auf keine Weise zu; Ich kenne nur zu gut den Sinn des Mannes, Und weiß nur allzu wohl was ich getan, Wie sehr ich ihn geschont, wie sehr ich ganz Vergessen, dass ich eigentlich an ihn Zu fordern hätte. Über vieles kann Der Mensch zum Herrn sich machen, seinen Sinn Bezwinget kaum die Not und lange Zeit.

Antonio. Wenn andre vieles um den einen tun, So ist's auch billig, dass der eine wieder Sich fleißig frage, was den andern nützt. Wer seinen Geist so viel gebildet hat, Wer jede Wissenschaft zusammengeizt, Und jede Kenntnis, die uns zu ergreifen Erlaubt ist, sollte der, sich zu beherrschen, Nicht doppelt schuldig sein? Und denkt er dran?

Alphons. Wir sollen eben nicht in Ruhe bleiben! Gleich wird uns, wenn wir zu genießen denken, Zur Übung unsrer Tapferkeit ein Feind, Zur Übung der Geduld ein Freund gegeben.

Antonio. Die erste Pflicht des Menschen, Speis' und Trank Zu wählen, da ihn die Natur so eng Nicht wie das Tier beschränkt, erfüllt er die? Und lässt er nicht vielmehr sich wie ein Kind Von allem reizen, was dem Gaumen schmeichelt? Wann mischt er Wasser unter seinen Wein? Gewürze, süße Sachen, stark Getränke, Eins um das andre schlingt er hastig ein, Und dann beklagt er seinen trüben Sinn, Sein feurig Blut, sein allzu heftig Wesen, Er schilt auf die Natur und das Geschick. Wie bitter und wie thöricht hab' ich ihn Nicht oft mit seinem Arzte rechten sehn; Zum Lachen fast, wär' irgend lächerlich, Was einen Menschen quält und andre plagt. "Ich fühle dieses Übel," sagt er bänglich Und voll Verdruss: "Was rühmt ihr eure Kunst? Schafft mir Genesung!"--Gut! versetzt der Arzt, So meidet das und das.--"Das kann ich nicht."-- So nehmet diesen Trank.--"O nein! Der schmeckt Abscheulich, er empört mir die Natur."-- So trinkt denn Wasser.--"Wasser? Nimmermehr! Ich bin so wasserscheu als ein Gebissner."-- So ist euch nicht zu helfen.--"Und warum?"-- Das Übel wird sich stets mit Übeln häufen Und, wenn es euch nicht töten kann, nur mehr Und mehr mit jedem Tag Euch quälen.--"Schön! Wofür seid Ihr ein Arzt? Ihr kennt mein Übel, Ihr solltet auch die Mittel kennen, sie Auch schmackhaft machen, dass ich nicht noch erst, Der Leiden los zu sein, recht leiden müsse." Du lächelst selbst und doch ist es gewiss, Du hast es wohl aus seinem Mund gehört?

Alphons. Ich hab' es oft gehört und oft entschuldigt.

Antonio. Es ist gewiss, ein ungemäßigt Leben, Wie es uns schwere, wilde Träume gibt, Macht uns zuletzt am hellen Tage träumen. Was ist sein Argwohn anders als ein Traum? Wohin er tritt, glaubt er von Feinden sich Umgeben. Sein Talent kann niemand sehn, Der ihn nicht neidet, niemand ihn beneiden, Der ihn nicht hasst und bitter ihn verfolgt. So hat er oft mit Klagen dich belästigt: Erbrochne Schlösser, aufgefangne Briefe, Und Gift und Dolch! Was alles vor ihm schwebt! Du hast es untersuchen lassen, untersucht, Und hast du was gefunden? Kaum den Schein. Der Schutz von keinem Fürsten macht ihn sicher, Der Busen keines Freundes kann ihn laben. Und willst du einem solchen Ruh und Glück, Willst du von ihm wohl Freude dir versprechen?

Alphons. Du hättest Recht, Antonio, wenn in ihm Ich meinen nächsten Vorteil suchen wollte! Zwar ist es schon mein Vorteil, dass ich nicht Den Nutzen grad und unbedingt erwarte. Nicht alles dienet uns auf gleiche Weise; Wer vieles brauchen will, gebrauche jedes In seiner Art, so ist er wohl bedient. Das haben uns die Medicis gelehrt, Das haben uns die Päpste selbst gewiesen. Mit welcher Nachsicht, welcher fürstlichen Geduld und Langmut trugen diese Männer Manch groß Talent, das ihrer reichen Gnade Nicht zu bedürfen schien und doch bedurfte!

Antonio. Wer weiß es nicht, mein Fürst? Des Lebens Mühe Lehrt uns allein des Lebens Güter schätzen. So jung hat er zu vieles schon erreicht, Als dass genügsam er genießen könnte. O, sollt' er erst erwerben, was ihm nun Mit offnen Händen angebothen wird: Er strengte seine Kräfte männlich an Und fühlte sich von Schritt zu Schritt begnügt. Ein armer Edelmann hat schon das Ziel Von seinem besten Wunsch erreicht, wenn ihn Ein edler Fürst zu seinem Hofgenossen Erwählen will, und ihn der Dürftigkeit Mit milder Hand entzieht. Schenkt er ihm noch Vertraun und Gunst und will an seine Seite Vor andern ihn erheben, sei's im Krieg, Sei's in Geschäften oder im Gespräch, So, dächt' ich, könnte der bescheidne Mann Sein Glück mit stiller Dankbarkeit verehren. Und Tasso hat zu allem diesem noch Das schönste Glück des Jünglings: Dass ihn schon Sein Vaterland erkennt und auf ihn hofft. O glaube mir, sein launisch Missbehagen Ruht auf dem breiten Polster seines Glücks. Er kommt, entlass ihn gnädig, gib ihm Zeit, In Rom und in Neapel, wo er will, Das aufzusuchen, was er hier vermisst, Und was er hier nur wieder finden kann.

Alphons. Will er zurück erst nach Ferrara gehn?

Antonio. Er wünscht in Belriguardo zu verweilen. Das Nötigste, was er zur Reise braucht, Will er durch einen Freund sich senden lassen.

Alphons. Ich bin's zufrieden. Meine Schwester geht Mit ihrer Freundin gleich zurück, und reitend Werd' ich vor ihnen noch zu Hause sein. Du folgst uns bald, wenn du für ihn gesorgt. Dem Kastellan befiehl das Nötige, Dass er hier auf dem Schlosse bleiben kann, Solang er will, so lang, bis seine Freunde Ihm das Gepäck gesendet, bis wir ihm Die Briefe schicken, die ich ihm nach Rom Zu geben Willens bin. Er kommt! Leb' wohl!

Zweiter Auftritt Alphons. Tasso.

Tasso (mit Zurückhaltung). Die Gnade, die du mir so oft bewiesen, Erscheinet heute mir in vollem Licht: Du hast verziehen, was in deiner Nähe Ich unbedacht und frevelhaft beging; Du hast den Widersacher mir versöhnt; Du willst erlauben, dass ich eine Zeit Von deiner Seite mich entferne, willst Mir deine Gunst großmütig vorbehalten. Ich scheide nun mit völligem Vertraun, Und hoffe still, mich soll die kleine Frist Von allem heilen, was mich jetzt beklemmt. Es soll mein Geist aufs neue sich erheben Und auf dem Wege, den ich froh und kühn, Durch deinen Blick ermuntert, erst betrat, Sich deiner Gunst aufs neue würdig machen.

Alphons. Ich wünsche dir zu deiner Reise Glück Und hoffe, dass du froh und ganz geheilt Uns wieder kommen wirst. Du bringst uns dann Den doppelten Gewinst für jede Stunde, Die du uns nun entziehst, vergnügt zurück. Ich gebe Briefe dir an meine Leute, An Freunde dir nach Rom und wünsche sehr, Dass du dich zu den Meinen überall Zutraulich halten mögest, wie ich dich Als mein, obgleich entfernt, gewiss betrachte.

Tasso. Du überhäufst, o Fürst, mit Gnade den, Der sich unwürdig fühlt und selbst zu danken In diesem Augenblicke nicht vermag. Anstatt des Danks eröffn' ich eine Bitte! Am meisten liegt mir mein Gedicht am Herzen. Ich habe viel getan und keine Mühe Und keinen Fleiß gespart; allein es bleibt Zu viel mir noch zurück. Ich möchte dort, Wo noch der Geist der großen Männer schwebt, Und wirksam schwebt, dort möcht' ich in die Schule Aufs neue mich begeben: Würdiger Erfreute deines Beifalls sich mein Lied. O, gib die Blätter mir zurück, die ich Jetzt nur beschämt in deinen Händen weiß!

Alphons. Du wirst mir nicht an diesem Tage nehmen, Was du mir kaum an diesem Tag gebracht. Lass zwischen dich und zwischen dein Gedicht Mich als Vermittler treten: Hüte dich, Durch strengen Fleiß die liebliche Natur Zu kränken, die in deinen Reimen lebt, Und höre nicht auf Rat von allen Seiten! Die tausendfältigen Gedanken vieler Verschiedner Menschen, die im Leben sich Und in der Meinung widersprechen, fasst Der Dichter klug in eins und scheut sich nicht, Gar manchem zu missfallen, dass er manchem Um desto mehr gefallen möge. Doch Ich sage nicht, dass du nicht hie und da Bescheiden deine Feile brauchen solltest; Verspreche dir zugleich: In kurzer Zeit Erhältst du abgeschrieben dein Gedicht. Es bleibt von deiner Hand in meinen Händen, Damit ich seiner erst mit meinen Schwestern Mich recht erfreuen möge. Bringst du es Vollkommner dann zurück: Wir werden uns Des höheren Genusses freun und dich Bei mancher Stelle nur als Freunde warnen.

Tasso. Ich wiederhole nur beschämt die Bitte: Lass mich die Abschrift eilig haben! Ganz Ruht mein Gemüt auf diesem Werke nun. Nun muss es werden, was es werden kann.

Alphons. Ich billige den Trieb, der dich beseelt! Doch, guter Tasso, wenn es möglich wäre, So solltest du erst eine kurze Zeit Der freien Welt genießen, dich zerstreuen, Dein Blut durch eine Kur verbessern. Dir Gewährte dann die schöne Harmonie Der hergestellten Sinne, was du nun Im trüben Eifer nur vergebens suchst.

Tasso. Mein Fürst, so scheint es; doch, ich bin gesund, Wenn ich mich meinem Fleiß ergeben kann, Und so macht wieder mich der Fleiß gesund. Du hast mich lang gesehn: Mir ist nicht wohl In freier Üppigkeit. Mir lässt die Ruh Am mindsten Ruhe. Dies Gemüt ist nicht Von der Natur bestimmt, ich fühl' es leider, Auf weichem Element der Tage froh Ins weite Meer der Zeiten hinzuschwimmen.

Alphons. Dich führet alles, was du sinnst und treibst, Tief in dich selbst. Es liegt um uns herum Gar mancher Abgrund, den das Schicksal grub; Doch hier in unserm Herzen ist der tiefste, Und reizend ist es sich hinab zu stürzen. Ich bitte dich, entreiße dich dir selbst! Der Mensch gewinnt, was der Poet verliert.

Tasso. Ich halte diesen Drang vergebens auf, Der Tag und Nacht in meinem Busen wechselt. Wenn ich nicht sinnen oder dichten soll, So ist das Leben mir kein Leben mehr. Verbiete du dem Seidenwurm zu spinnen, Wenn er sich schon dem Tode näher spinnt: Das köstliche Geweb' entwickelt er Aus seinem Innersten, und lässt nicht ab, Bis er in seinen Sarg sich eingeschlossen. O, geb' ein guter Gott uns auch dereinst Das Schicksal des beneidenswerten Wurms, Im neuen Sonnental die Flügel rasch Und freudig zu entfalten!

Alphons. Höre mich! Du gibst so vielen doppelten Genuss Des Lebens; lern', ich bitte dich, Den Wert des Lebens kennen, das du noch Und zehnfach reich besitzest. Lebe wohl! Je eher du zu uns zurücke kehrst, Je schöner wirst du uns willkommen sein.

Dritter Auftritt Tasso (allein).

So halte fest, mein Herz, so war es recht! Es wird dir schwer, es ist das erste Mal, Dass du dich so verstellen magst und kannst. Du hörtest wohl: Das war nicht sein Gemüt, Das waren seine Worte nicht; mir schien, Als klänge nur Antonios Stimme wider. O gib nur Acht! Du wirst sie nun so fort Von allen Seiten hören. Fest, nur fest! Um einen Augenblick ist's noch zu tun. Wer spät im Leben sich verstellen lernt, Der hat den Schein der Ehrlichkeit voraus. Es wird schon gehn, nur übe dich mit ihnen.

(Nach einer Pause.)

Du triumphierst zu früh, dort kommt sie her! Die holde Fürstin kommt! O welch Gefühl! Sie tritt herein, es löst in meinem Busen Verdruss und Argwohn sich in Schmerzen auf.

Vierter Auftritt Prinzessin. Tasso. Gegen das Ende des Auftritts die Übrigen.

Prinzessin. Du denkst uns zu verlassen, oder bleibst Vielmehr in Belriguardo noch zurück Und willst dich dann von uns entfernen, Tasso? Ich hoffe, nur auf eine kurze Zeit. Du gehst nach Rom?

Tasso. Ich richte meinen Weg Zuerst dahin, und nehmen meine Freunde Mich gütig auf, wie ich es hoffen darf, So leg' ich da mit Sorgfalt und Geduld Vielleicht die letzte Hand an mein Gedicht. Ich finde viele Männer dort versammelt, Die Meister aller Art sich nennen dürfen. Und spricht in jener ersten Stadt der Welt Nicht jeder Platz, nicht jeder Stein zu uns? Wie viele tausend stumme Lehrer winken In ernster Majestät uns freundlich an! Vollend' ich da nicht mein Gedicht, so kann Ich's nie vollenden. Leider, ach, schon fühl' ich, Mir wird zu keinem Unternehmen Glück! Verändern werd' ich es, vollenden nie. Ich fühl', ich fühl' es wohl, die große Kunst, Die jeden nährt, die den gesunden Geist Stärkt und erquickt, wird mich zu Grunde richten, Vertreiben wird sie mich. Ich eile fort! Nach Napel will ich bald!

Prinzessin. Darfst du es wagen? Noch ist der strenge Bann nicht aufgehoben, Der dich zugleich mit deinem Vater traf.

Tasso. Du warnest recht, ich hab' es schon bedacht. Verkleidet geh' ich hin, den armen Rock Des Pilgers oder Schäfers zieh' ich an. Ich schleiche durch die Stadt, wo die Bewegung Der Tausende den einen leicht verbirgt. Ich eile nach dem Ufer, finde dort Gleich einen Kahn mit willig guten Leuten, Mit Bauern, die zum Markte kamen, nun Nach Hause kehren, Leute von Sorrent; Denn ich muss nach Sorrent hinübereilen. Dort wohnet meine Schwester, die mit mir Die Schmerzensfreude meiner Eltern war. Im Schiffe bin ich still, und trete dann Auch schweigend an das Land, ich gehe sacht Den Pfad hinauf, und an dem Tore frag' ich: Wo wohnt Cornelia? Zeigt mir es an! Cornelia Sersale? Freundlich deutet Mir eine Spinnerinn die Straße, sie Bezeichnet mir das Haus. So steig' ich weiter. Die Kinder laufen nebenher und schauen Das wilde Haar, den düstern Fremdling an. So komm' ich an die Schwelle. Offen steht Die Türe schon, so tret' ich in das Haus--

Prinzessin. Blick' auf, o Tasso, wenn es möglich ist, Erkenne die Gefahr, in der du schwebst! Ich schone dich; denn sonst würd' ich dir sagen: Ist's edel so zu reden, wie du sprichst? Ist's edel, nur allein an sich zu denken, Als kränktest du der Freunde Herzen nicht? Ist's dir verborgen wie mein Bruder denkt? Wie beide Schwestern dich zu schätzen wissen? Hast du es nicht empfunden und erkannt? Ist alles denn in wenig Augenblicken Verändert? Tasso! Wenn du scheiden willst, So lass uns Schmerz und Sorge nicht zurück.

(Tasso wendet sich weg.)

Prinzessin. Wie tröstlich ist es, einem Freunde, der Auf eine kurze Zeit verreisen will, Ein klein Geschenk zu geben, sei es nur Ein neuer Mantel oder eine Waffe! Dir kann man nichts mehr geben; denn du wirfst Unwillig alles weg, was du besitzest. Die Pilgermuschel und den schwarzen Kittel, Den langen Stab erwählst du dir und gehst Freiwillig arm dahin und nimmst uns weg, Was du mit uns allein genießen konntest.

Tasso. So willst du mich nicht ganz und gar verstoßen? O süßes Wort, o schöner, teurer Trost! Vertritt mich! Nimm in deinen Schutz mich auf!-- Lass mich in Belriguardo hier, versetze Mich nach Consandoli, wohin du willst! Es hat der Fürst so manches schöne Schloss, So manchen Garten, der das ganze Jahr Gewartet wird, und ihr betretet kaum Ihn einen Tag, vielleicht nur eine Stunde. Ja, wählet den entferntsten aus, den ihr In ganzen Jahren nicht besuchen geht, Und der vielleicht jetzt ohne Sorge liegt: Dort schickt mich hin! Dort lasst mich euer sein! Wie will ich deine Bäume pflegen! Die Zitronen Im Herbst mit Brettern und mit Ziegeln decken, Und mit verbundnem Rohre wohl verwahren! Es sollen schöne Blumen in den Beeten Die breiten Wurzeln schlagen; rein und zierlich Soll jeder Gang und jedes Fleckchen sein. Und lasst mir auch die Sorge des Palastes! Ich will zur rechten Zeit die Fenster öffnen, Dass Feuchtigkeit nicht den Gemälden schade; Die schön mit Stuckatur verzierten Wände Will ich mit einem leichten Wedel säubern; Es soll das Estrich blank und reinlich glänzen; Es soll kein Stein, kein Ziegel sich verrücken; Es soll kein Gras aus einer Ritze keimen!

Prinzessin. Ich finde keinen Rat in meinem Busen, Und finde keinen Trost für dich und--uns. Mein Auge blickt umher, ob nicht ein Gott Uns Hilfe reichen möchte, möchte mir Ein heilsam Kraut entdecken, einen Trank, Der deinem Sinne Frieden brächte, Frieden uns. Das treuste Wort, das von der Lippe fließt, Das schönste Heilungsmittel wirkt nicht mehr. Ich muss dich lassen, und verlassen kann Mein Herz dich nicht.

Tasso. Ihr Götter, ist sie's doch, Die mit dir spricht und deiner sich erbarmt? Und konntest du das edle Herz verkennen? War's möglich, dass in ihrer Gegenwart Der Kleinmut dich ergriff und dich bezwang? Nein, nein, du bist's! Und nun, ich bin es auch. O fahre fort und lass mich jeden Trost Aus deinem Munde hören! Deinen Rat Entzieh mir nicht! O sprich: Was soll ich tun, Damit dein Bruder mir vergeben könne, Damit du selbst mir gern vergeben mögest, Damit ihr wieder zu den Euren mich Mit Freuden zählen möget? Sag' mir an!