Torquato Tasso Ein Schauspiel

Chapter 3

Chapter 33,964 wordsPublic domain

Tasso. O lehre mich, das Mögliche zu tun! Gewidmet sind dir alle meine Tage. Wenn, dich zu preisen, dir zu danken, sich Mein Herz entfaltet, dann empfind' ich erst Das reinste Glück, das Menschen fühlen können; Das Göttlichste erfuhr ich nur in dir. So unterscheiden sich die Erdengötter Vor andern Menschen, wie das hohe Schicksal Vom Rat und Willen selbst der klügsten Männer Sich unterscheidet. Vieles lassen sie, Wenn wir gewaltsam Wog' auf Woge sehn, Wie leichte Wellen, unbemerkt vorüber Vor ihren Füßen rauschen, hören nicht Den Sturm, der uns umsaust und niederwirft, Vernehmen unser Flehen kaum und lassen, Wie wir beschränkten armen Kindern tun, Mit Seufzern und Geschrei die Luft uns füllen. Du hast mich oft, o Göttliche, geduldet, Und wie die Sonne, trocknete dein Blick Den Tau von meinen Augenliedern ab.

Prinzessin. Es ist sehr billig, dass die Frauen dir Aufs freundlichste begegnen: Es verherrlicht Dein Lied auf manche Weise das Geschlecht. Zart oder tapfer, hast du stets gewusst, Sie liebenswert und edel vorzustellen; Und wenn Armide hassenswert erscheint, Versöhnt ihr Reiz und ihre Liebe bald.

Tasso. Was auch in meinem Liede widerklingt, Ich bin nur einer, einer alles schuldig! Es schwebt kein geistig unbestimmtes Bild Vor meiner Stirne, das der Seele bald Sich überglänzend nahte, bald entzöge. Mit meinen Augen hab' ich es gesehn, Das Urbild jeder Tugend, jeder Schöne; Was ich nach ihm gebildet, das wird bleiben: Tancredes Heldenliebe zu Chlorinde, Erminies stille, nicht bemerkte Treue, Sophronies Großheit und Olindes Not, Es sind nicht Schatten, die der Wahn erzeugte, Ich weiß es, sie sind ewig; denn sie sind. Und was hat mehr das Recht, Jahrhunderte Zu bleiben und im stillen fortzuwirken, Als das Geheimnis einer edlen Liebe, Dem holden Lied bescheiden anvertraut?

Prinzessin. Und soll ich dir noch einen Vorzug sagen, Den unvermerkt sich dieses Lied erschleicht? Es lockt uns nach und nach, wir hören zu, Wir hören und wir glauben zu verstehn, Was wir verstehn, das können wir nicht tadeln, Und so gewinnt uns dieses Lied zuletzt.

Tasso. Welch einen Himmel öffnest du vor mir, O Fürstin! Macht mich dieser Glanz nicht blind, So seh' ich unverhofft ein ewig Glück Auf goldnen Strahlen herrlich niedersteigen.

Prinzessin. Nicht weiter, Tasso! Viele Dinge sind's, Die wir mit Heftigkeit ergreifen sollen: Doch andre können nur durch Mäßigung Und durch Entbehren unser eigen werden. So, sagt man, sei die Tugend, sei die Liebe, Die ihr verwandt ist. Das bedenke wohl!

Zweiter Auftritt Tasso (allein).

Ist dir's erlaubt, die Augen aufzuschlagen? Wagst du's umher zu sehn? Du bist allein! Vernahmen diese Säulen was sie sprach? Und hast du Zeugen, diese stumme Zeugen Des höchsten Glücks zu fürchten? Es erhebt Die Sonne sich des neuen Lebenstages, Der mit den vorigen sich nicht vergleicht. Hernieder steigend hebt die Göttin schnell Den Sterblichen hinauf. Welch neuer Kreis Entdeckt sich meinem Auge, welches Reich! Wie köstlich wird der heiße Wunsch belohnt! Ich träumte mich dem höchsten Glücke nah, Und dieses Glück ist über alle Träume. Der Blindgeborne denke sich das Licht, Die Farben wie er will; erscheinet ihm Der neue Tag, ist's ihm ein neuer Sinn. Voll Mut und Ahnung, freudetrunken schwankend Betret' ich diese Bahn. Du gibst mir viel, Du gibst, wie Erd' und Himmel uns Geschenke Mit vollen Händen übermäßig reichen, Und forderst wieder, was von mir zu fordern Nur eine solche Gabe dich berechtigt. Ich soll entbehren, soll mich mäßig zeigen Und so verdienen, dass du mir vertraust. Was tat ich je, dass sie mich wählen konnte? Was soll ich tun, um ihrer wert zu sein? Sie konnte dir vertraun und dadurch bist du's. Ja, Fürstin, deinen Worten, deinen Blicken Sei ewig meine Seele ganz geweiht! Ja, fordre was du willst, denn ich bin dein! Sie sende mich, Müh' und Gefahr und Ruhm In fernen Landen aufzusuchen, reiche Im stillen Hain die goldne Leier mir, Sie weihe mich der Ruh' und ihrem Preis: Ihr bin ich, bildend soll sie mich besitzen, Mein Herz bewahrte jeden Schatz für sie. O hätt' ein tausendfaches Werkzeug mir Ein Gott gegönnt, kaum drückt' ich dann genug Die unaussprechliche Verehrung aus. Des Mahlers Pinsel und des Dichters Lippe, Die süßeste, die je von frühem Honig Genährt war, wünscht' ich mir. Nein, künftig soll Nicht Tasso zwischen Bäumen, zwischen Mensch Sich einsam, schwach und trüb gesinnt verlieren! Er ist nicht mehr allein, er ist mit dir. O dass die edelste der Taten sich Hier sichtbar vor mich stellte, rings umgeben Von grässlicher Gefahr! Ich dränge zu Und wagte gern das Leben, das ich nun Von ihren Händen habe--forderte Die besten Menschen mir zu Freunden auf, Unmögliches mit einer edeln Schar Nach Ihrem Wink und Willen zu vollbringen. Voreiliger, warum verbarg dein Mund Nicht das, was du empfandst, bis du dich wert Und werter ihr zu Füßen legen konntest? Das war dein Vorsatz, war dein kluger Wunsch. Doch sei es auch! Viel schöner ist es, rein Und unverdient ein solch Geschenk empfangen, Als halb und halb zu wähnen, dass man wohl Es habe fordern dürfen. Blicke freudig! Es ist so groß, so weit, was vor dir liegt, Und hoffnungsvolle Jugend lockt dich wieder In unbekannte, lichte Zukunft hin! --Schwelle Brust!--O Witterung des Glücks, Begünst'ge diese Pflanze doch einmal! Sie strebt gen Himmel, tausend Zweige dringen Aus ihr hervor, entfalten sich zu Blüten. O dass sie Furcht, o dass sie Freuden bringe! Dass eine liebe Hand den goldnen Schmuck Aus ihren frischen, reichen Ästen breche!

Dritter Auftritt Tasso. Antonio.

Tasso. Sei mir willkommen, den ich gleichsam jetzt Zum ersten Mal erblicke! Schöner ward Kein Mann mir angekündigt. Sei willkommen! Dich kenn' ich nun und deinen ganzen Wert, Dir biet' ich ohne Zögern Herz und Hand Und hoffe, dass auch du mich nicht verschmähst.

Antonio. Freigebig bietest du mir schöne Gaben, Und ihren Wert erkenn' ich wie ich soll: Drum lass mich zögern, eh' ich sie ergreife. Weiß ich doch nicht, ob ich dir auch dagegen Ein Gleiches geben kann. Ich möchte gern Nicht übereilt und nicht undankbar scheinen: Lass mich für beide klug und sorgsam sein.

Tasso. Wer wird die Klugheit tadeln? Jeder Schritt Des Lebens zeigt, wie sehr sie nötig sei; Doch schöner ist's, wenn uns die Seele sagt, Wo wir der feinen Vorsicht nicht bedürfen.

Antonio. Darüber frage jeder sein Gemüt, Weil er den Fehler selbst zu büßen hat.

Tasso. So sei's! Ich habe meine Pflicht getan: Der Fürstin Wort, die uns zu Freunden wünscht, Hab' ich verehrt und mich dir vorgestellt. Rückhalten durft' ich nicht, Antonio; doch gewiss, Zudringen will ich nicht. Es mag denn sein. Zeit und Bekanntschaft heißen dich vielleicht Die Gabe wärmer fordern, die du jetzt So kalt beiseite lehnst und fast verschmähst.

Antonio. Der Mäßige wird öfters kalt genannt Von Menschen, die sich warm vor andern glauben, Weil sie die Hitze fliegend überfällt.

Tasso. Du tadelst, was ich tadle, was ich melde. Auch ich verstehe wohl, so jung ich bin, Der Heftigkeit die Dauer vorzuziehn.

Antonio. Sehr weislich! Bleibe stets auf diesem Sinne.

Tasso. Du bist berechtigt, mir zu raten, mich Zu warnen; denn es steht Erfahrung dir Als lang' erprobte Freundin an der Seite. Doch glaube nur, es horcht ein stilles Herz Auf jedes Tages, jeder Stunde Warnung Und übt sich ingeheim an jedem Guten, Das deine Strenge neu zu lehren glaubt.

Antonio. Es ist wohl angenehm, sich mit sich selbst Beschäft'gen, wenn es nur so nützlich wäre. Inwendig lernt kein Mensch sein Innerstes Erkennen; denn er misst nach eignem Maß Sich bald zu klein und leider oft zu groß. Der Mensch erkennt sich nur im Menschen, nur Das Leben lehret jedem, was er sei.

Tasso. Mit Beifall und Verehrung hör' ich dich.

Antonio. Und dennoch denkst du wohl bei diesen Worten Ganz etwas anders, als ich sagen will.

Tasso. Auf diese Weise rücken wir nicht näher. Es ist nicht klug, es ist nicht wohl getan, Vorsätzlich einen Menschen zu verkennen, Er sei auch, wer er sei. Der Fürstin Wort Bedurft' es kaum, leicht hab' ich dich erkannt: Ich weiß, dass du das Gute willst und schaffst. Dein eigen Schicksal lässt dich unbesorgt, An andre denkst du, Andern stehst du bei, Und auf des Lebens leicht bewegter Woge Bleibt dir ein stetes Herz. So seh' ich dich. Und was wär' ich, ging' ich dir nicht entgegen? Sucht' ich begierig nicht auch einen Teil An dem verschlossnen Schatz, den du bewahrst? Ich weiß, es reut dich nicht, wenn du dich öffnest, Ich weiß, du bist mein Freund, wenn du mich kennst: Und eines solchen Freunds bedurft' ich lange. Ich schäme mich der Unerfahrenheit Und meiner Jugend nicht. Still ruhet noch Der Zukunft goldne Wolke mir ums Haupt. O nimm mich, edler Mann, an deine Brust Und weihe mich, den Raschen, Unerfahrnen, Zum mäßigen Gebrauch des Lebens ein.

Antonio. In einem Augenblicke forderst du, Was wohlbedächtig nur die Zeit gewährt.

Tasso. In einem Augenblick gewährt die Liebe, Was Mühe kaum in langer Zeit erreicht. Ich bitt' es nicht von dir, ich darf es fordern. Dich ruf' ich in der Tugend Namen auf, Die gute Menschen zu verbinden eifert. Und soll ich dir noch einen Namen nennen? Die Fürstin hofft's, Sie will's--Eleonore, Sie will mich zu dir führen, dich zu mir. O lass uns ihrem Wunsch entgegen gehn! Lass uns verbunden vor die Göttin treten, Ihr unsern Dienst, die ganze Seele bieten, Vereint für sie das Würdigste zu tun. Noch einmal!--Hier ist meine Hand! Schlag ein! Tritt nicht zurück und weigre dich nicht länger, O edler Mann, und gönne mir die Wollust, Die schönste guter Menschen, sich dem Bessern Vertrauend ohne Rückhalt hinzugeben!

Antonio. Du gehst mit vollen Segeln! Scheint es doch, Du bist gewohnt zu siegen, überall Die Wege breit, die Pforten weit zu finden. Ich gönne jeden Wert und jedes Glück Dir gern, allein ich sehe nur zu sehr, Wir stehn zu weit noch voneinander ab.

Tasso. Es sei an Jahren, an geprüftem Wert; An frohem Muth und Willen weich' ich keinem.

Antonio. Der Wille lockt die Taten nicht herbei; Der Mut stellt sich die Wege kürzer vor. Wer angelangt am Ziel ist, wird gekrönt, Und oft entbehrt ein Würd'ger eine Krone. Doch gibt es leichte Kränze, Kränze gibt es Von sehr verschiedner Art: Sie lassen sich Oft im Spazierengehn bequem erreichen.

Tasso. Was eine Gottheit diesem frei gewährt Und jenem streng versagt, ein solches Gut Erreicht nicht jeder, wie er will und mag.

Antonio. Schreib es dem Glück vor andern Göttern zu, So hör' ich's gern; denn seine Wahl ist blind.

Tasso. Auch die Gerechtigkeit trägt eine Binde Und schließt die Augen jedem Blendwerk zu.

Antonio. Das Glück erhebe billig der Beglückte! Er dicht' ihm hundert Augen fürs Verdienst Und kluge Wahl und strenge Sorgfalt an, Nenn' es Minerva, nenn' es, wie er will, Er halte gnädiges Geschenk für Lohn, Zufälligen Putz für wohl verdienten Schmuck.

Tasso. Du brauchst nicht deutlicher zu sein. Es ist genug! Ich blicke tief dir in das Herz und kenne Für's ganze Leben dich. O kennte so Dich meine Fürstin auch! Verschwende nicht Die Pfeile deiner Augen, deiner Zunge! Du richtest sie vergebens nach dem Kranze, Dem unverwelklichen, auf meinem Haupt. Sei erst so groß, mir ihn nicht zu beneiden! Dann darfst du mir vielleicht ihn streitig machen. Ich acht' ihn heilig und das höchste Gut: Doch zeige mir den Mann, der das erreicht, Wornach ich strebe, zeige mir den Helden, Von dem mir die Geschichten nur erzählten; Den Dichter stell' mir vor, der sich Homer, Virgil sich vergleichen darf, ja, was Noch mehr gesagt ist, zeige mir den Mann, Der dreifach diesen Lohn verdiente, den Die schöne Krone dreifach mehr als mich Beschämte: Dann sollst du mich kniend sehn Vor jener Gottheit, die mich so begabte; Nicht eher stünd' ich auf, bis sie die Zierde Von meinem Haupt auf seins hinüber drückte.

Antonio. Bis dahin bleibst du freilich ihrer wert.

Tasso. Man wäge mich, das will ich nicht vermeiden; Allein Verachtung hab' ich nicht verdient. Die Krone, der mein Fürst mich würdig achtete, Die meiner Fürstin Hand für mich gewunden, Soll keiner mir bezweifeln noch begrinsen!

Antonio. Es ziemt der hohe Ton, die rasche Glut Nicht dir zu mir, noch dir an diesem Orte.

Tasso. Was du dir hier erlaubst, das ziemt auch mir. Und ist die Wahrheit wohl von hier verbannt? Ist im Palast der freie Geist gekerkert? Hat hier ein edler Mensch nur Druck zu dulden? Mich dünkt hier ist die Hoheit erst an ihrem Platz, Der Seele Hoheit! Darf sie sich der Nähe Der Großen dieser Erde nicht erfreun? Sie darf's und soll's. Wir nahen uns dem Fürsten Durch Adel nur, der uns von Vätern kam; Warum nicht durchs Gemüt, das die Natur Nicht jedem groß verlieh, wie sie nicht jedem Die Reihe großer Ahnherrn geben konnte? Nur Kleinheit sollte hier sich ängstlich fühlen, Der Neid, der sich zu seiner Schande zeigt: Wie keiner Spinne schmutziges Gewebe An diesen Marmorwänden haften soll.

Antonio. Du zeigst mir selbst mein Recht dich zu verschmähn! Der übereilte Knabe will des Manns Vertraun und Freundschaft mit Gewalt ertrotzen? Unsittlich, wie du bist, hältst du dich gut?

Tasso. Viel lieber, was ihr euch unsittlich nennt, Als was ich mir unedel nennen müsste.

Antonio. Du bist noch jung genug, dass gute Zucht Dich eines bessern Wegs belehren kann.

Tasso. Nicht jung genug, vor Götzen mich zu neigen, Und, Trotz mit Trotz zu bänd'gen, alt genug.

Antonio. Wo Lippenspiel und Saitenspiel entscheiden, Ziehst du als Held und Sieger wohl davon.

Tasso. Verwegen wär' es, meine Faust zu rühmen; Denn sie hat nichts getan; doch ich vertrau' ihr.

Antonio. Du traust auf Schonung, die dich nur zu sehr Im frechen Laufe deines Glücks verzog.

Tasso. Dass ich erwachsen bin, das fühl' ich nun. Mit dir am wenigsten hätt' ich gewünscht Das Wagespiel der Waffen zu versuchen: Allein du schürest Glut auf Glut, es kocht Das innre Mark, die schmerzliche Begier Der Rache siedet schäumend in der Brust. Bist du der Mann der du dich rühmst, so steh mir!

Antonio. Du weißt so wenig wer, als wo du bist.

Tasso. Kein Heiligtum heißt uns den Schimpf ertragen. Du lästerst, du entweihest diesen Ort, Nicht ich, der ich Vertraun, Verehrung, Liebe, Das schönste Opfer, dir entgegen trug. Dein Geist verunreint dieses Paradies Und deine Worte diesen reinen Saal, Nicht meines Herzens schwellendes Gefühl, Das braust, den kleinsten Flecken nicht zu leiden.

Antonio. Welch hoher Geist in einer engen Brust!

Tasso. Hier ist noch Raum, dem Busen Luft zu machen.

Antonio. Es macht das Volk sich auch mit Worten Luft.

Tasso. Bist du ein Edelmann wie ich, so zeig' es.

Antonio. Ich bin es wohl, doch weiß ich, wo ich bin.

Tasso. Komm mit herab, wo unsre Waffen gelten.

Antonio. Wie du nicht fordern solltest, folg' ich nicht.

Tasso. Der Feigheit ist solch Hindernis willkommen.

Antonio. Der Feige droht nur, wo er sicher ist.

Tasso. Mit Freuden kann ich diesem Schutz entsagen.

Antonio. Vergib dir nur, dem Ort vergibst du nichts.

Tasso. Verzeihe mir der Ort dass ich es litt.

(Er zieht den Degen.)

Zieh oder folge, wenn ich nicht auf ewig, Wie ich dich hasse, dich verachten soll.

Vierter Auftritt Alphons. Die Vorigen.

Alphons. In welchem Streit treff' ich euch unerwartet?

Antonio. Du findest mich, o Fürst, gelassen stehn Vor einem, den die Wut ergriffen hat.

Tasso. Ich bete dich als eine Gottheit an, Dass du mit Einem Blick mich warnend bändigst.

Alphons. Erzähl', Antonio, Tasso, sag' mir an, Wie hat der Zwist sich in mein Haus gedrungen? Wie hat er euch ergriffen, von der Bahn Der Sitten, der Gesetze kluge Männer Im Taumel weggerissen? Ich erstaune.

Tasso. Du kennst uns beide nicht, ich glaub' es wohl. Hier dieser Mann, berühmt als klug und sittlich, Hat roh und hämisch, wie ein unerzogner, Unedler Mensch, sich gegen mich betragen. Zutraulich naht' ich ihm, er stieß mich weg; Beharrlich liebend drang ich mich zu ihm, Und bitter, immer bittrer, ruht' er nicht, Bis er den reinsten Tropfen Bluts in mir Zu Galle wandelte. Verzeih! Du hast mich hier Als einen Wütenden getroffen. Dieser Hat alle Schuld, wenn ich mich schuldig machte. Er hat die Glut gewaltsam angefacht, Die mich ergriff und mich und ihn verletzte.

Antonio. Ihn riss der hohe Dichterschwung hinweg! Du hast, o Fürst, zuerst mich angeredet, Hast mich gefragt: Es sei mir nun erlaubt, Nach diesem raschen Redner auch zu sprechen.

Tasso. O ja, erzähl', erzähl' von Wort zu Wort! Und kannst du jede Silbe, jede Miene Vor diesen Richter stellen, wag' es nur! Beleidige dich selbst zum zweiten Male Und zeuge wider dich! Dagegen will Ich keinen Hauch und keinen Pulsschlag leugnen.

Antonio. Wenn du noch mehr zu reden hast, so sprich; Wo nicht, so schweig und unterbrich mich nicht. Ob ich, mein Fürst, ob dieser heiße Kopf Den Streit zuerst begonnen? Wer es sei, Der unrecht hat? Ist eine weite Frage, Die wohl zuvörderst noch auf sich beruht.

Tasso. Wie das? Mich dünkt, das ist die erste Frage: Wer von uns beiden Recht und Unrecht hat.

Antonio. Nicht ganz, wie sich's der unbegränzte Sinn Gedenken mag.

Alphons. Antonio!

Antonio. Gnädigster, Ich ehre deinen Wink, doch lass ihn schweigen! Hab' ich gesprochen, mag er weiter reden; Du wirst entscheiden. Also sag' ich nur: Ich kann mit ihm nicht rechten, kann ihn weder Verklagen, noch mich selbst verteid'gen, noch Ihm jetzt genug zu tun mich anerbieten. Denn, wie er steht, ist er kein freier Mann. Es waltet über ihm ein schwer Gesetz, Das deine Gnade höchstens lindern wird. Er hat mir hier gedroht, hat mich gefodert; Vor dir verbarg er kaum das nackte Schwert. Und tratst du, Herr, nicht zwischen uns herein, So stünde jetzt auch ich als pflichtvergessen, Mitschuldig und beschämt vor deinem Blick.

Alphons (zu Tasso). Du hast nicht wohl getan.

Tasso. Mich spricht, o Herr, Mein eigen Herz, gewiss auch deines frei. Ja, es ist wahr, ich drohte, forderte, Ich zog. Allein, wie tückisch seine Zunge Mit wohl gewählten Worten mich verletzt, Wie scharf und schnell sein Zahn das feine Gift Mir in das Blut geflößt, wie er das Fieber Nur mehr und mehr erhitzt--du denkst es nicht! Gelassen, kalt, hat er mich ausgehalten, Aufs Höchste mich getrieben. O! Du kennst, Du kennst ihn nicht und wirst ihn niemals kennen! Ich trug ihm warm die schönste Freundschaft an-- Er warf mir meine Gaben vor die Füße; Und hätte meine Seele nicht geglüht, So war sie deiner Gnade, deines Dienstes Auf ewig unwert. Hab' ich des Gesetzes Und dieses Orts vergessen, so verzeih. Auf keinem Boden darf ich niedrig sein, Erniedrigung auf keinem Boden dulden. Wenn dieses Herz, es sei auch, wo es will, Dir fehlt und sich, dann strafe, dann verstoße, Und lass mich nie dein Auge wieder sehn.

Antonio. Wie leicht der Jüngling schwere Lasten trägt Und Fehler wie den Staub vom Kleide schüttelt! Es wäre zu verwundern, wenn die Zauberkraft Der Dichtung nicht bekannter wäre, die Mit dem Unmöglichen so gern ihr Spiel Zu treiben liebt. Ob du auch so, mein Fürst, Ob alle deine Diener diese Tat So unbedeutend halten, zweifl' ich fast. Die Majestät verbreitet ihren Schutz Auf jeden, der sich ihr wie einer Gottheit Und ihrer unverletzten Wohnung naht. Wie an dem Fuße des Altars bezähmt Sich auf der Schwelle jede Leidenschaft. Da blinkt kein Schwert, da fällt kein drohend Wort, Da fordert selbst Beleid'gung keine Rache. Es bleibt das weite Feld ein offner Raum Für Grimm und Unversöhnlichkeit genug: Dort wird kein Feiger drohn, kein Mann wird fliehn. Hier diese Mauern haben deine Väter Auf Sicherheit gegründet, ihrer Würde Ein Heiligtum befestigt, diese Ruhe Mit schweren Strafen ernst und klug erhalten; Verbannung, Kerker, Tod ergriff den Schuldigen. Da war kein Ansehn der Person, es hielt Die Milde nicht den Arm des Rechts zurück, Und selbst der Frevler fühlte sich geschreckt. Nun sehen wir nach langem, schönem Frieden In das Gebiet der Sitten rohe Wut Im Taumel wiederkehren. Herr, entscheide, Bestrafe! Denn wer kann in seiner Pflicht Beschränkten Grenzen wandeln, schützet ihn Nicht das Gesetz und seines Fürsten Kraft?

Alphons. Mehr, als ihr beide sagt und sagen könnt, Lässt unparteiisch das Gemüt mich hören. Ihr hättet schöner eure Pflicht getan, Wenn ich dies Urteil nicht zu sprechen hätte; Denn hier sind Recht und Unrecht nah verwandt. Wenn dich Antonio beleidigt hat, So hat er dir auf irgendeine Weise Genug zu tun, wie du es fordern wirst. Mir wär' es lieb, ihr wähltet mich zum Austrag. Indessen, dein Vergehen macht, o Tasso, Dich zum Gefangnen. Wie ich dir vergebe, So lindr' ich das Gesetz um deinetwillen. Verlass uns, Tasso! Bleib auf deinem Zimmer, Von dir und mit dir selbst allein bewacht.

Tasso. Ist dies, o Fürst, dein richterlicher Spruch?

Antonio. Erkennest du des Vaters Milde nicht?

Tasso (zu Antonio). Mit dir hab' ich vorerst nichts mehr zu reden. (Zu Alphons.) O Fürst, es übergibt dein ernstes Wort Mich Freien der Gefangenschaft. Es sei! Du hältst es recht. Dein heilig Wort verehrend, Heiß' ich mein innres Herz im tiefsten schweigen. Es ist mir neu, so neu, dass ich fast dich Und mich und diesen schönen Ort nicht kenne. Doch diesen kenn' ich wohl--Gehorchen will ich, Ob ich gleich hier noch manches sagen könnte Und sagen sollte. Mir verstummt die Lippe. War's ein Verbrechen? Wenigstens es scheint, Ich bin als ein Verbrecher angesehn. Und, was mein Herz auch sagt, ich bin gefangen.

Alphons. Du nimmst es höher, Tasso, als ich selbst.

Tasso. Mir bleibt es unbegreiflich wie es ist; Zwar unbegreiflich nicht, ich bin kein Kind; Ich meine fast, ich müsst' es denken können. Auf einmal winkt mich eine Klarheit an, Doch augenblicklich schließt sich's wieder zu, Ich höre nur mein Urteil, beuge mich. Das sind zuviel vergebne Worte schon. Gewöhne dich von nun an zu gehorchen, Ohnmächt'ger! Du vergaßest wo du standst: Der Götter Saal schien dir auf gleicher Erde, Nun überwältigt dich der jähe Fall. Gehorche gern; denn es geziemt dem Manne, Auch willig das Beschwerliche zu tun. Hier nimm den Degen erst, den du mir gabst, Als ich dem Kardinal nach Frankreich folgte; Ich führt' ihn nicht mit Ruhm, doch nicht mit Schande, Auch heute nicht. Der hoffnungsvollen Gabe Entäußr' ich mich mit tief gerührtem Herzen.

Alphons. Wie ich zu dir gesinnt bin fühlst du nicht.

Tasso. Gehorchen ist mein Los, und nicht, zu denken! Und leider eines herrlichern Geschenks Verleugnung fordert das Geschick von mir. Die Krone kleidet den Gefangnen nicht: Ich nehme selbst von meinem Haupt die Zierde, Die für die Ewigkeit gegönnt mir schien. Zu früh war mir das schönste Glück verliehen Und wird, als hätt' ich sein mich überhoben, Mir nur zu bald geraubt. Du nimmst dir selbst, was keiner nehmen konnte, Und was kein Gott zum zweiten Male gibt. Wir Menschen werden wunderbar geprüft; Wir könnten's nicht ertragen, hätt' uns nicht Den holden Leichtsinn die Natur verliehn. Mit unschätzbaren Gütern lehret uns Verschwenderisch die Not gelassen spielen: Wir öffnen willig unsre Hände, dass Unwiederbringlich uns ein Gut entschlüpfe. Mit diesem Kuss vereint sich eine Träne Und weiht dich der Vergänglichkeit! Es ist Erlaubt das holde Zeichen unsrer Schwäche. Wer weinte nicht, wenn das Unsterbliche Vor der Zerstörung selbst nicht sicher ist? Geselle dich zu diesem Degen, der Dich leider nicht erwarb! Um ihn geschlungen, Ruhe, wie auf dem Sarg der Tapfern, auf Dem Grabe meines Glücks und meiner Hoffnung! Hier leg' ich beide willig dir zu Füßen; Denn wer ist wohl gewaffnet, wenn du zürnst? Und wer geschmückt, o Herr, den du verkennst? Gefangen geh' ich, warte des Gerichts.

(Auf des Fürsten Wink, hebt ein Page den Degen mit dem Kranze auf und trägt ihn weg.)

Fünfter Auftritt Alphons. Antonio.

Antonio. Wo schwärmt der Knabe hin? Mit welchen Farben Mahlt er sich seinen Wert und sein Geschick? Beschränkt und unerfahren, hält die Jugend Sich für ein einzig auserwähltes Wesen Und alles über alle sich erlaubt. Er fühle sich gestraft, und strafen heißt Dem Jüngling wohl tun, dass der Mann uns danke.

Alphons. Er ist gestraft, ich fürchte: Nur zu viel.