Torquato Tasso Ein Schauspiel

Chapter 2

Chapter 23,913 wordsPublic domain

Prinzessin. Wenn du bescheiden ruhig das Talent, Das dir die Götter gaben, tragen kannst, So lern' auch diese Zweige tragen, die Das Schönste sind, was wir dir geben können. Wem einmal, würdig, sie das Haupt berührt, Dem schweben sie auf ewig um die Stirne.

Tasso. So lasst mich denn beschämt von hinnen gehn! Lasst mich mein Glück im tiefen Hain verbergen, Wie ich sonst meine Schmerzen dort verbarg. Dort will ich einsam wandeln, dort erinnert Kein Auge mich ans unverdiente Glück. Und zeigt mir ungefähr ein klarer Brunnen In seinem reinen Spiegel einen Mann, Der wunderbar bekränzt im Widerschein Des Himmels zwischen Bäumen, zwischen Felsen Nachdenkend ruht: So scheint es mir, ich sehe Elysium auf dieser Zauberfläche Gebildet. Still bedenk' ich mich und frage: Wer mag der Abgeschiedne sein? Der Jüngling Aus der vergangnen Zeit? So schön bekränzt? Wer sagt mir seinen Namen? Sein Verdienst? Ich warte lang' und denke: Käme doch Ein andrer und noch einer, sich zu ihm In freundlichem Gespräche zu gesellen! O säh' ich die Heroen, die Poeten Der alten Zeit um diesen Quell versammelt! O säh' ich hier sie immer unzertrennlich, Wie sie im Leben fest verbunden waren! So bindet der Magnet durch seine Kraft Das Eisen mit dem Eisen fest zusammen, Wie gleiches Streben Held und Dichter bindet. Homer vergaß sich selbst, sein ganzes Leben War der Betrachtung zweier Männer heilig, Und Alexander in Elysium Eilt, den Achill und den Homer zu suchen. O dass ich gegenwärtig wäre, sie, Die größten Seelen, nun vereint zu sehen!

Leonore. Erwach'! Erwache! Lass uns nicht empfinden, Dass du das Gegenwärt'ge ganz verkennst.

Tasso. Es ist die Gegenwart, die mich erhöht, Abwesend schein' ich nur: Ich bin entzückt.

Prinzessin. Ich freue mich, wenn du mit Geistern redest, Dass du so menschlich sprichst, und hör' es gern.

(Ein Page tritt zu dem Fürsten und richtet leise etwas aus.)

Alphons. Er ist gekommen! Recht zur guten Stunde. Antonio!--Bring ihn her--Da kommt er schon!

Vierter Auftritt Die Vorigen. Antonio.

Alphons. Willkommen! Der du uns zugleich dich selbst Und gute Botschaft bringst.

Prinzessin. Sei uns gegrüßt!

Antonio. Kaum wag' ich es zu sagen, welch Vergnügen In eurer Gegenwart mich neu belebt. Vor euren Augen find' ich alles wieder, Was ich so lang' entbehrt. Ihr scheint zufrieden Mit dem, was ich getan, was ich vollbracht; Und so bin ich belohnt für jede Sorge, Für manchen bald mit Ungeduld durchharrten, Bald absichtsvoll verlornen Tag. Wir haben Nun, was wir wünschen, und kein Streit ist mehr.

Leonore. Auch ich begrüße dich, wenn ich schon zürne. Du kommst nur eben, da ich reisen muss.

Antonio. Damit mein Glück nicht ganz vollkommen werde, Nimmst du mir gleich den schönen Teil hinweg.

Tasso. Auch meinen Gruß! Ich hoffe mich der Nähe Des viel erfahrnen Mannes auch zu freun.

Antonio. Du wirst mich wahrhaft finden, wenn du je Aus deiner Welt in meine schauen magst.

Alphons. Wenn du mir gleich in Briefen schon gemeldet, Was du getan, und wie es dir ergangen, So hab' ich doch noch manches auszufragen, Durch welche Mittel das Geschäft gelang. Auf jenem wunderbaren Boden will der Schritt Wohl abgemessen sein, wenn er zuletzt An deinen eignen Zweck dich führen soll. Wer seines Herren Vorteil rein bedenkt, Der hat in Rom gar einen schweren Stand: Denn Rom will alles nehmen, geben nichts; Und kommt man hin, um etwas zu erhalten, Erhält man nichts, man bringe denn was hin, Und glücklich, wenn man da noch was erhält.

Antonio. Es ist nicht mein Betragen, meine Kunst, Durch die ich deinen Willen, Herr, vollbracht; Denn welcher Kluge fänd' im Vatikan Nicht seinen Meister? Vieles traf zusammen, Das ich zu unserm Vorteil nutzen konnte. Dich ehrt Gregor und grüßt und segnet dich. Der Greis, der würdigste, dem eine Krone Das Haupt belastet, denkt der Zeit mit Freuden, Da er in seinen Arm dich schloss. Der Mann, Der Männer unterscheidet, kennt und rühmt Dich hoch! Um deinetwillen tat er viel.

Alphons. Ich freue seiner guten Meinung mich, Sofern sie redlich ist. Doch weißt du wohl, Vom Vatikan herab sieht man die Reiche Schon klein genug zu seinen Füßen liegen, Geschweige denn die Fürsten und die Menschen. Gestehe nur, was dir am meisten half!

Antonio. Gut! Wenn du willst: Der hohe Sinn des Papsts. Er sieht das Kleine klein, das Große groß. Damit er einer Welt gebiete, gibt Er seinen Nachbarn gern und freundlich nach. Das Streifchen Land, das er dir überlässt, Weiß er, wie deine Freundschaft, wohl zu schätzen. Italien soll ruhig sein, er will In seiner Nähe Freunde sehen, Friede Bei seinen Grenzen halten, dass die Macht Der Christenheit, die er gewaltig lenkt, Die Türken da, die Ketzer dort vertilge.

Prinzessin. Weiß man die Männer, die er mehr als andre Begünstigt, die sich ihm vertraulich nahn?

Antonio. Nur der erfahrne Mann besitzt sein Ohr, Der tätige sein Zutraun, seine Gunst. Er, der von Jugend auf dem Staat gedient, Beherrscht ihn jetzt und wirkt auf jene Höfe, Die er vor Jahren als Gesandter schon Gesehen und gekannt und oft gelenkt. Es liegt die Welt so klar vor seinem Blick Als wie der Vorteil seines eignen Staats. Wenn man ihn handeln sieht, so lobt man ihn Und freut sich, wenn die Zeit entdeckt, was er Im stillen lang' bereitet und vollbracht. Es ist kein schönrer Anblick in der Welt, Als einen Fürsten sehn, der klug regieret, Das Reich zu sehn, wo jeder stolz gehorcht, Wo jeder sich nur selbst zu dienen glaubt, Weil ihm das Rechte nur befohlen wird.

Leonore. Wie sehnlich wünscht' ich jene Welt einmal Recht nah zu sehn!

Alphons. Doch wohl um mit zu wirken Denn bloß beschaun wird Leonore nie. Es wäre doch recht artig, meine Freundin, Wenn in das große Spiel wir auch zuweilen Die zarten Hände mischen könnten--Nicht?

Leonore (zu Alphons). Du willst mich reizen, es gelingt dir nicht.

Alphons. Ich bin dir viel von andern Tagen schuldig.

Leonore. Nun gut, so bleib' ich heut in deiner Schuld! Verzeih' und störe meine Fragen nicht. (Zu Antonio.) Hat er für die Nepoten viel getan?

Antonio. Nicht weniger noch mehr, als billig ist. Ein Mächtiger, der für die Seinen nicht Zu sorgen weiß, wird von dem Volke selbst Getadelt. Still und mäßig weiß Gregor Den Seinigen zu nutzen, die dem Staat Als wackre Männer dienen, und erfüllt Mit Einer Sorge zwei verwandte Pflichten.

Tasso. Erfreut die Wissenschaft, erfreut die Kunst Sich seines Schutzes auch? Und eifert er Den großen Fürsten alter Zeiten nach?

Antonio. Er ehrt die Wissenschaft, so fern sie nutzt, Den Staat regieren, Völker kennen lehrt; Er schätzt die Kunst, so fern sie ziert, sein Rom Verherrlicht und Palast und Tempel Zu Wunderwerken dieser Erde macht. In seiner Nähe darf nichts müßig sein! Was gelten soll, muss wirken und muss dienen.

Alphons. Und glaubst du, dass wir das Geschäfte bald Vollenden können? Dass sie nicht zuletzt Noch hie und da uns Hindernisse streuen?

Antonio. Ich müsste sehr mich irren, wenn nicht gleich Durch deinen Nahmenszug, durch wenig Briefe Auf immer dieser Zwist gehoben wäre.

Alphons. So lob' ich diese Tage meines Lebens Als eine Zeit des Glückes und Gewinns. Erweitert seh' ich meine Grenze, weiß Sie für die Zukunft sicher. Ohne Schwertschlag Hast du's geleistet, eine Bürgerkrone Dir wohl verdient. Es sollen unsre Frauen Vom ersten Eichenlaub am schönsten Morgen Geflochten dir sie um die Stirne legen. Indessen hat mich Tasso auch bereichert: Er hat Jerusalem für uns erobert Und so die neue Christenheit beschämt, Ein weit entferntes, hoch gestecktes Ziel Mit frohem Mut und strengem Fleiß erreicht. Für seine Mühe siehst du ihn gekrönt.

Antonio. Du lösest mir ein Räthsel. Zwei Bekränzte Erblickt' ich mit Verwundrung, da ich kam.

Tasso. Wenn du mein Glück vor deinen Augen siehst, So wünscht' ich, dass du mein beschämt Gemüt Mit eben diesem Blicke schauen könntest.

Antonio. Mir war es lang' bekannt, dass im Belohnen Alphons unmäßig ist, und du erfährst Was jeder von den Seinen schon erfuhr.

Prinzessin. Wenn du erst siehst, was er geleistet hat, So wirst du uns gerecht und mäßig finden. Wir sind nur hier die ersten stillen Zeugen Des Beifalls, den die Welt ihm nicht versagt, Und den ihm zehnfach künft'ge Jahre gönnen.

Antonio. Er ist durch euch schon seines Ruhms gewiss. Wer dürfte zweifeln, wo ihr preisen könnt? Doch sage mir, wer druckte diesen Kranz Auf Ariostes Stirne?

Leonore. Diese Hand.

Antonio. Und sie hat wohl getan! Er ziert ihn schön, Als ihn der Lorbeer selbst nicht zieren würde. Wie die Natur die innig reiche Brust Mit einem grünen bunten Kleide deckt, So hüllt er alles, was den Menschen nur Ehrwürdig, liebenswürdig machen kann, Ins blühende Gewand der Fabel ein. Zufriedenheit, Erfahrung und Verstand Und Geisteskraft, Geschmack und reiner Sinn Fürs wahre Gute, geistig scheinen sie In seinen Liedern und persönlich doch Wie unter Blütenbäumen auszuruhn, Bedeckt vom Schnee der leicht getragnen Blüten, Umkränzt von Rosen, wunderlich umgaukelt Vom losen Zauberspiel der Amoretten. Der Quell des Überflusses rauscht darneben, Und lässt uns bunte Wunderfische sehn. Von seltenem Geflügel ist die Luft, Von fremden Herden Wies' und Busch erfüllt; Die Schalkheit lauscht im Grünen halb versteckt, Die Weisheit lässt von einer goldnen Wolke Von Zeit zu Zeit erhabne Sprüche tönen, Indes auf wohl gestimmter Laute wild Der Wahnsinn hin und her zu wühlen scheint Und doch im schönsten Takt sich mäßig hält. Wer neben diesem Mann sich wagen darf, Verdient für seine Kühnheit schon den Kranz. Vergebt, wenn ich mich selbst begeistert fühle, Wie ein Verzückter weder Zeit noch Ort, Noch, was ich sage, wohl bedenken kann; Denn alle diese Dichter, diese Kränze, Das seltne festliche Gewand der Schönen Versetzt mich aus mir selbst in fremdes Land.

Prinzessin. Wer ein Verdienst so wohl zu schätzen weiß, Der wird das andre nicht verkennen. Du Sollst uns dereinst in Tassos Liedern zeigen, Was wir gefühlt und was nur du erkennst.

Alphons. Komm mit, Antonio! Manches hab' ich noch, Worauf ich sehr begierig bin, zu fragen. Dann sollst du bis zum Untergang der Sonne Den Frauen angehören. Komm! Lebt wohl.

(Dem Fürsten folgt Antonio, den Damen Tasso.)

Zweiter Aufzug (Saal.)

Erster Auftritt Prinzessin. Tasso.

Tasso. Unsicher folgen meine Schritte dir, O Fürstin, und Gedanken ohne Maß Und Ordnung regen sich in meiner Seele. Mir scheint die Einsamkeit zu winken, mich Gefällig anzulispeln: Komm, ich löse Die neu erregten Zweifel deiner Brust. Doch werf' ich einen Blick auf dich, vernimmt Mein horchend Ohr ein Wort von deiner Lippe, So wird ein neuer Tag um mich herum, Und alle Bande fallen von mir los. Ich will dir gern gestehn, es hat der Mann, Der unerwartet zu uns trat, nicht sanft Aus einem schönen Traum mich aufgeweckt; Sein Wesen, seine Worte haben mich So wunderbar getroffen, dass ich mehr Als je mich doppelt fühle, mit mir selbst Aufs neu' in streitender Verwirrung bin.

Prinzessin. Es ist unmöglich, dass ein alter Freund, Der, lang' entfernt, ein fremdes Leben führte, Im Augenblick, da er uns wieder sieht, Sich wieder gleich wie ehmals finden soll. Er ist in seinem Innern nicht verändert; Lass uns mit ihm nur wenig Tage leben, So stimmen sich die Saiten hin und wider, Bis glücklich eine schöne Harmonie Aufs neue sie verbindet. Wird er dann Auch näher kennen, was du diese Zeit Geleistet hast, so stellt er dich gewiss Dem Dichter an die Seite, den er jetzt Als einen Riesen dir entgegen stellt.

Tasso. Ach, meine Fürstin, Ariostes Lob Aus seinem Munde hat mich mehr ergötzt, Als dass es mich beleidigt hätte. Tröstlich Ist es für uns, den Mann gerühmt zu wissen, Der als ein großes Muster vor uns steht. Wir können uns im stillen Herzen sagen: Erreichst du einen Teil von seinem Wert, Bleibt dir ein Teil auch seines Ruhms gewiss. Nein, was das Herz im tiefsten mir bewegte, Was mir noch jetzt die ganze Seele füllt, Es waren die Gestalten jener Welt, Die sich lebendig, rastlos, ungeheuer Um einen großen, einzig klugen Mann Gemessen dreht und ihren Lauf vollendet, Den ihr der Halbgott vorzuschreiben wagt. Begierig horcht' ich auf, vernahm mit Lust Die sichern Worte des erfahrnen Mannes; Doch ach! Je mehr ich horchte, mehr und mehr Versank ich vor mir selbst, ich fürchtete, Wie Echo an den Felsen zu verschwinden, Ein Widerhall, ein Nichts mich zu verlieren.

Prinzessin. Und schienst noch kurz vorher so rein zu fühlen, Wie Held und Dichter füreinander leben, Wie Held und Dichter sich einander suchen Und keiner je den andern neiden soll? Zwar herrlich ist die liedeswerte Tat, Doch schön ist's auch, der Taten stärkste Fülle Durch würd'ge Lieder auf die Nachwelt bringen. Begnüge dich aus einem kleinen Staate, Der dich beschützt, dem wilden Lauf der Welt, Wie von dem Ufer, ruhig zuzusehn.

Tasso. Und sah ich hier mit Staunen nicht zuerst, Wie herrlich man den tapfern Mann belohnt? Als unerfahrner Knabe kam ich her, In einem Augenblick, da Fest auf Fest Ferrara zu dem Mittelpunkt der Ehre Zu machen schien. O! Welcher Anblick war's! Den weiten Platz, auf dem in ihrem Glanze Gewandte Tapferkeit sich zeigen sollte, Umschloss ein Kreis, wie ihn die Sonne nicht So bald zum zweiten Mal bescheinen wird. Es saßen hier gedrängt die schönsten Frauen, Gedrängt die ersten Männer unsrer Zeit. Erstaunt durchlief der Blick die edle Menge; Man rief: Sie alle hat das Vaterland, Das eine, schmale, Meer umgebne Land, Hierher geschickt. Zusammen bilden sie Das herrlichste Gericht, das über Ehre, Verdienst und Tugend je entschieden hat. Gehst du sie einzeln durch, du findest keinen, Der seines Nachbarn sich zu schämen brauche!-- Und dann eröffneten die Schranken sich; Da stampften Pferde, glänzten Helm und Schilde, Da drängten sich die Knappen, da erklang Trompetenschall, und Lanzen krachten splitternd, Getroffen tönten Helm' und Schilde, Staub, Auf einen Augenblick, umhüllte wirbelnd Des Siegers Ehre, des Besiegten Schmach. O lass mich einen Vorhang vor das ganze, Mir allzu helle Schauspiel ziehen, dass In diesem schönen Augenblicke mir Mein Unwert nicht zu heftig fühlbar werde.

Prinzessin. Wenn jener edle Kreis, wenn jene Taten Zu Müh' und Streben damals dich entflammten, So konnt' ich, junger Freund, zu gleicher Zeit Der Duldung stille Lehre dir bewähren. Die Feste, die du rühmst, die hundert Zungen Mir damals priesen und mir manches Jahr Nachher gepriesen haben, sah ich nicht. Am stillen Ort, wohin kaum unterbrochen Der letzte Widerhall der Freude sich Verlieren konnte, musst' ich manche Schmerzen Und manchen traurigen Gedanken leiden. Mit breiten Flügeln schwebte mir das Bild Des Todes vor den Augen, deckte mir Die Aussicht in die immer neue Welt. Nur nach und nach entfernt' es sich, und ließ Mich, wie durch einen Flor, die bunten Farben Des Lebens, blass, doch angenehm, erblicken. Ich sah' lebend'ge Formen wieder sanft sich regen. Zum ersten Mal trat ich, noch unterstützt Von meinen Frauen, aus dem Krankenzimmer, Da kam Lucretia voll frohen Lebens Herbei und führte dich an ihrer Hand. Du warst der erste, der im neuen Leben Mir neu und unbekannt entgegen trat. Da hofft ich viel für dich und mich; auch hat Uns bis hierher die Hoffnung nicht betrogen.

Tasso. Und ich, der ich, betäubt von dem Gewimmel Des drängenden Gewühls, von so viel Glanz Geblendet, und von mancher Leidenschaft Bewegt, durch stille Gänge des Palasts An deiner Schwester Seite schweigend ging, Dann in das Zimmer trat, wo du uns bald, Auf deine Fraun gelehnt erschienest--mir Welch ein Moment war dieser! O vergib! Wie den Bezauberten von Rausch und Wahn Der Gottheit Nähe leicht und willig heilt, So war auch ich von aller Phantasie, Von jeder Sucht, von jedem falschen Triebe Mit einem Blick in deinen Blick geheilt. Wenn unerfahren die Begierde sich Nach tausend Gegenständen sonst verlor, Trat ich beschämt zuerst in mich zurück Und lernte nun das Wünschenswerte kennen. So sucht man in dem weiten Sand des Meers Vergebens eine Perle, die verborgen In stillen Schalen eingeschlossen ruht.

Prinzessin. Es fingen schöne Zeiten damals an, Und hätt' uns nicht der Herzog von Urbino Die Schwester weggeführt, uns wären Jahre Im schönen, ungetrübten Glück verschwunden. Doch leider jetzt vermissen wir zu sehr Den frohen Geist, die Brust voll Mut und Leben, Den reichen Witz der liebenswürd'gen Frau.

Tasso. Ich weiß es nur zu wohl, seit jenem Tage, Da sie von hinnen schied, vermochte dir Die reine Freude niemand zu ersetzen. Wie oft zerriss es meine Brust! Wie oft Klagt' ich dem stillen Hain mein Leid um dich! Ach! Rief ich aus, hat denn die Schwester nur Das Glück, das Recht, der Teuern viel zu sein? Ist denn kein Herz mehr wert, dass sie sich ihm Vertrauen dürfte, kein Gemüt dem ihren Mehr gleich gestimmt? Ist Geist und Witz verloschen? Und war die eine Frau, so trefflich sie Auch war, denn alles? Fürstin! O verzeih! Da dacht' ich manchmal an mich selbst und wünschte, Dir etwas sein zu können. Wenig nur, Doch etwas, nicht mit Worten, mit der Tat Wünscht' ich's zu sein, im Leben dir zu zeigen, Wie sich mein Herz im Stillen dir geweiht. Doch es gelang mir nicht, und nur zu oft Tat ich im Irrtum was dich schmerzen musste, Beleidigte den Mann, den du beschütztest, Verwirrte unklug was du lösen wolltest, Und fühlte so mich stets im Augenblick, Wenn ich mich nahen wollte, fern und ferner.

Prinzessin. Ich habe, Tasso, deinen Willen nie Verkannt und weiß, wie du, dir selbst zu schaden, Geschäftig bist. Anstatt dass meine Schwester Mit jedem, wie er sei, zu leben weiß, So kannst du selbst nach vielen Jahren kaum In einen Freund dich finden.

Tasso. Tadle mich! Doch sage mir hernach: Wo ist der Mann, Die Frau, mit der ich wie mit dir Aus freiem Busen wagen darf zu reden?

Prinzessin. Du solltest meinem Bruder dich vertraun.

Tasso. Er ist mein Fürst!--Doch glaube nicht, dass mir Der Freiheit wilder Trieb den Busen blähe. Der Mensch ist nicht geboren, frei zu sein, Und für den Edeln ist kein schöner Glück, Als einem Fürsten, den er ehrt, zu dienen. Und so ist er mein Herr, und ich empfinde Den ganzen Umfang dieses großen Worts. Nun muss ich schweigen lernen, wenn er spricht, Und tun, wenn er gebietet, mögen auch Verstand und Herz ihm lebhaft widersprechen.

Prinzessin. Das ist der Fall bei meinem Bruder nie, Und nun, da wir Antonio wieder haben, Ist dir ein neuer kluger Freund gewiss.

Tasso. Ich hofft' es ehmals, jetzt verzweifl' ich fast. Wie lehrreich wäre mir sein Umgang, nützlich Sein Rat in tausend Fällen! Er besitzt, Ich mag wohl sagen, alles, was mir fehlt. Doch--haben alle Götter sich versammelt, Geschenke seiner Wiege darzubringen-- Die Grazien sind leider ausgeblieben, Und wem die Gaben dieser Holden fehlen, Der kann zwar viel besitzen, vieles geben, Doch lässt sich nie an seinem Busen ruhn.

Prinzessin. Doch lässt sich ihm vertraun, und das ist viel. Du musst von einem Mann nicht alles fordern, Und dieser leistet, was er dir verspricht. Hat er sich erst für deinen Freund erklärt, So sorgt er selbst für dich, wo du dir fehlst. Ihr müsst verbunden sein! Ich schmeichle mir, Dies schöne Werk in kurzem zu vollbringen. Nur widerstehe nicht, wie du es pflegst! So haben wir Lenore lang besessen, Die fein und zierlich ist, mit der es leicht Sich leben lässt; auch dieser hast du nie, Wie sie es wünschte, näher treten wollen.

Tasso. Ich habe dir gehorcht, sonst hätt' ich mich Von ihr entfernt, anstatt mich ihr zu nahen. So liebenswürdig sie erscheinen kann, Ich weiß nicht, wie es ist, konnt' ich nur selten Mit ihr ganz offen sein, und wenn sie auch Die Absicht hat, den Freunden wohl zu tun, So fühlt man Absicht, und man ist verstimmt.

Prinzessin. Auf diesem Wege werden wir wohl nie Gesellschaft finden, Tasso! Dieser Pfad Verleitet uns, durch einsames Gebüsch, Durch stille Täler fortzuwandern; mehr Und mehr verwöhnt sich das Gemüt, und strebt, Die goldne Zeit, die ihm von außen mangelt, In seinem Innern wieder herzustellen, So wenig der Versuch gelingen will.

Tasso. O welches Wort spricht meine Fürstin aus. Die goldne Zeit, wohin ist sie geflohn, Nach der sich jedes Herz vergebens sehnt? Da auf der freien Erde Menschen sich Wie frohe Herden im Genuss verbreiteten; Da ein uralter Baum auf bunter Wiese Dem Hirten und der Hirtin Schatten gab, Ein jüngeres Gebüsch die zarten Zweige Um sehnsuchtsvolle Liebe traulich schlang; Wo klar und still auf immer reinem Sande Der weiche Fluss die Nymphe sanft umfing; Wo in dem Grase die gescheuchte Schlange Unschädlich sich verlor, der kühne Faun, Vom tapfern Jüngling bald bestraft, entfloh; Wo jeder Vogel in der freien Luft Und jedes Tier, durch Berg' und Täler schweifend, Zum Menschen sprach: Erlaubt ist, was gefällt.

Prinzessin. Mein Freund, die goldne Zeit ist wohl vorbei; Allein die Guten bringen sie zurück. Und soll ich dir gestehen, wie ich denke: Die goldne Zeit, womit der Dichter uns Zu schmeicheln pflegt, die schöne Zeit, sie war, So scheint es mir, so wenig als sie ist; Und war sie je, so war sie nur gewiss, Wie sie uns immer wieder werden kann. Noch treffen sich verwandte Herzen an Und teilen den Genuss der schönen Welt; Nur in dem Wahlspruch ändert sich, mein Freund, Ein einzig Wort: Erlaubt ist was sich ziemt.

Tasso. O wenn aus guten, edlen Menschen nur Ein allgemein Gericht bestellt entschiede, Was sich denn ziemt! Anstatt dass jeder glaubt, Es sei auch schicklich, was ihm nützlich ist. Wir sehn ja, dem Gewaltigen, dem Klugen Steht alles wohl, und er erlaubt sich alles.

Prinzessin. Willst du genau erfahren, was sich ziemt, So frage nur bei edlen Frauen an. Denn ihnen ist am meisten dran gelegen, Dass alles wohl sich zieme, was geschieht. Die Schicklichkeit umgibt mit einer Mauer Das zarte, leicht verletzliche Geschlecht. Wo Sittlichkeit regiert, regieren sie, Und wo die Frechheit herrscht, da sind sie nichts. Und wirst du die Geschlechter beide fragen: Nach Freiheit strebt der Mann, das Weib nach Sitte.

Tasso. Du nennest uns unbändig, roh, gefühllos?

Prinzessin. Nicht das! Allein ihr strebt nach fernen Gütern, Und euer Streben muss gewaltsam sein. Ihr wagt es, für die Ewigkeit zu handeln, Wenn wir ein einzig nah beschränktes Gut Auf dieser Erde nur besitzen möchten, Und wünschen, dass es uns beständig bleibe. Wir sind von keinem Männerherzen sicher, Das noch so warm sich einmal uns ergab. Die Schönheit ist vergänglich, die ihr doch Allein zu ehren scheint. Was übrig bleibt, Das reizt nicht mehr, und was nicht reizt, ist tot. Wenn's Männer gäbe, die ein weiblich Herz Zu schätzen wüssten, die erkennen möchten, Welch einen holden Schatz von Treu' und Liebe Der Busen einer Frau bewahren kann; Wenn das Gedächtnis einzig schöner Stunden In euren Seelen lebhaft bleiben wollte; Wenn euer Blick, der sonst durchdringend ist, Auch durch den Schleier dringen könnte, den Uns Alter oder Krankheit überwirft; Wenn der Besitz, der ruhig machen soll, Nach fremden Gütern euch nicht lüstern machte: Dann wär' uns wohl ein schöner Tag erschienen, Wir feierten dann unsre goldne Zeit.

Tasso. Du sagst mir Worte, die in meiner Brust Halb schon entschlafne Sorgen mächtig regen.

Prinzessin. Was meinst du, Tasso? Rede frei mit mir.

Tasso. Oft hört' ich schon, und diese Tage wieder Hab' ich's gehört, ja hätt' ich's nicht vernommen, So müsst' ich's denken: Edle Fürsten streben Nach deiner Hand! Was wir erwarten müssen, Das fürchten wir und möchten schier verzweifeln, Verlassen wirst du uns, es ist natürlich; Doch wie wir's tragen wollen, weiß ich nicht.

Prinzessin. Für diesen Augenblick seid unbesorgt! Fast möcht' ich sagen: Unbesorgt für immer. Hier bin ich gern, und gerne mag ich bleiben. Noch weiß ich kein Verhältnis, das mich lockte; Und wenn ihr mich denn ja behalten wollt, So lasst es mir durch Eintracht sehn und schafft Euch selbst ein glücklich Leben, mir durch euch.