Chapter 1
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Torquato Tasso
Ein Schauspiel
Johann Wolfgang von Goethe
Personen
Alphons der Zweite, Herzog von Ferrara. Leonore von Este, Schwester des Herzogs. Leonore Sanvitale, Gräfin von Scandiano. Torquato Tasso. Antonio Montecatino, Staatssekretär.
Der Schauplatz ist auf Belriguardo, einem Lustschlosse.
Erster Aufzug (Gartenplatz, mit Hermen der epischen Dichter geziert. Vorn an der Szene zur Rechten Virgil, zur Linken Ariost.)
Erster Auftritt Prinzessin. Leonore.
Prinzessin. Du siehst mich lächelnd an, Eleonore, Und siehst dich selber an und lächelst wieder. Was hast du? Lass es eine Freundin wissen! Du scheinst bedenklich, doch du scheinst vergnügt.
Leonore. Ja, meine Fürstin, mit Vergnügen seh' ich Uns beide hier so ländlich ausgeschmückt. Wir scheinen recht beglückte Schäferinnen Und sind auch wie die Glücklichen beschäftigt. Wir winden Kränze. Dieser, bunt von Blumen, Schwillt immer mehr und mehr in meiner Hand; Du hast mit höherm Sinn und größerm Herzen Den zarten schlanken Lorbeer dir gewählt.
Prinzessin. Die Zweige, die ich in Gedanken flocht, Sie haben gleich ein würdig Haupt gefunden: Ich setze sie Virgilen dankbar auf.
(Sie kränzt die Herme Virgils.)
Leonore. So drück' ich meinen vollen frohen Kranz Dem Meister Ludwig auf die hohe Stirne--
(Sie kränzt Ariostens Herme.)
Er, dessen Scherze nie verblühen, habe Gleich von dem neuen Frühling seinen Teil.
Prinzessin. Mein Bruder ist gefällig, dass er uns In diesen Tagen schon aufs Land gebracht; Wir können unser sein und stundenlang Uns in die goldne Zeit der Dichter träumen. Ich liebe Belriguardo; denn ich habe Hier manchen Tag der Jugend froh durchlebt, Und dieses neue Grün und diese Sonne Bringt das Gefühl mir jener Zeit zurück.
Leonore. Ja, es umgibt uns eine neue Welt! Der Schatten dieser immer grünen Bäume Wird schon erfreulich. Schon erquickt uns wieder Das Rauschen dieser Brunnen. Schwankend wiegen Im Morgenwinde sich die jungen Zweige. Die Blumen von den Beeten schauen uns Mit ihren Kinderaugen freundlich an. Der Gärtner deckt getrost das Winterhaus Schon der Zitronen und Orangen ab. Der blaue Himmel ruhet über uns Und an dem Horizonte löst der Schnee Der fernen Berge sich in leisen Duft.
Prinzessin. Es wäre mir der Frühling sehr willkommen, Wenn er nicht meine Freundin mir entführte.
Leonore. Erinnre mich in diesen holden Stunden, O Fürstin, nicht, wie bald ich scheiden soll.
Prinzessin. Was du verlassen magst, das findest du In jener großen Stadt gedoppelt wieder.
Leonore. Es ruft die Pflicht, es ruft die Liebe mich Zu dem Gemahl der mich so lang' entbehrt. Ich bring' ihm seinen Sohn, der dieses Jahr So schnell gewachsen, schnell sich ausgebildet, Und Teile seine väterliche Freude. Groß ist Florenz und herrlich, doch der Wert Von allen seinen aufgehäuften Schätzen Reicht an Ferraras Edelsteine nicht. Das Volk hat jene Stadt zur Stadt gemacht, Ferrara ward durch seine Fürsten groß.
Prinzessin. Mehr durch die guten Menschen, die sich hier Durch Zufall trafen und zum Glück verbanden.
Leonore. Sehr leicht zerstreut der Zufall, was er sammelt. Ein edler Mensch zieht edle Menschen an Und weiß sie fest zu halten, wie ihr tut. Um deinen Bruder und um dich verbinden Gemüter sich, die eurer würdig sind, Und ihr seid eurer großen Väter wert. Hier zündete sich froh das schöne Licht Der Wissenschaft, des freien Denkens an, Als noch die Barbarei mit schwerer Dämmrung Die Welt umher verbarg. Mir klang als Kind Der Name Herkules von Este schon, Schon Hippolyt von Este voll ins Ohr. Ferrara ward mit Rom und mit Florenz Von meinem Vater viel gepriesen! Oft Hab' ich mich hingesehnt; nun bin ich da. Hier ward Petrarch bewirtet, hier gepflegt, Und Ariost fand seine Muster hier. Italien nennt keinen großen Namen, Den dieses Haus nicht seinen Gast genannt. Und es ist vorteilhaft den Genius Bewirten: Gibst du ihm ein Gastgeschenk, So lässt er dir ein schöneres zurück. Die Stätte, die ein guter Mensch betrat, Ist eingeweiht; nach hundert Jahren klingt Sein Wort und seine Tat dem Enkel wieder.
Prinzessin. Dem Enkel, wenn er lebhaft fühlt wie du. Gar oft beneid' ich dich um dieses Glück.
Leonore. Das du, wie wenig andre, still und rein Genießest. Drängt mich doch das volle Herz, Sogleich zu sagen, was ich lebhaft fühle; Du fühlst es besser, fühlst es tief und--schweigst. Dich blendet nicht der Schein des Augenblicks, Der Witz besticht dich nicht, die Schmeichelei Schmiegt sich vergebens künstlich an dein Ohr: Fest bleibt dein Sinn und richtig dein Geschmack, Dein Urteil grad, stets ist dein Anteil groß Am Großen, das du wie dich selbst erkennst.
Prinzessin. Du solltest dieser höchsten Schmeichelei Nicht das Gewand vertrauter Freundschaft leihen.
Leonore. Die Freundschaft ist gerecht, sie kann allein Den ganzen Umfang deines Werts erkennen. Und lass mich der Gelegenheit, dem Glück Auch ihren Teil an deiner Bildung geben; Du hast sie doch, und bist's am Ende doch, Und dich mit deiner Schwester ehrt die Welt Vor allen großen Frauen eurer Zeit.
Prinzessin. Mich kann das, Leonore, wenig rühren, Wenn ich bedenke, wie man wenig ist, Und was man ist, das blieb man andern schuldig. Die Kenntnis alter Sprachen und des Besten, Was uns die Vorwelt ließ, dank' ich der Mutter; Doch war an Wissenschaft, an rechtem Sinn Ihr keine beider Töchter jemals gleich, Und soll sich eine ja mit ihr vergleichen, So hat Lucretia gewiss das Recht. Auch kann ich dir versichern hab' ich nie Als Rang und als Besitz betrachtet, was Mir die Natur, was mir das Glück verlieh. Ich freue mich, wenn kluge Männer sprechen, Dass ich verstehen kann wie sie es meinen. Es sei ein Urteil über einen Mann Der alten Zeit und seiner Taten Wert; Es sei von einer Wissenschaft die Rede, Die, durch Erfahrung weiter ausgebreitet, Dem Menschen nutzt indem sie ihn erhebt: Wohin sich das Gespräch der Edlen lenkt, Ich folge gern, denn mir wird leicht, zu folgen. Ich höre gern dem Streit der Klugen zu, Wenn um die Kräfte, die des Menschen Brust So freundlich und so fürchterlich bewegen, Mit Grazie die Rednerlippe spielt; Gern, wenn die fürstliche Begier des Ruhms, Des ausgebreiteten Besitzes, Stoff Dem Denker wird, und wenn die feine Klugheit, Von einem klugen Manne zart entwickelt, Statt uns zu hintergehen uns belehrt.
Leonore. Und dann nach dieser ernsten Unterhaltung, Ruht unser Ohr und unser innrer Sinn Gar freundlich auf des Dichters Reimen aus, Der uns die letzten lieblichsten Gefühle Mit holden Tönen in die Seele flößt. Dein hoher Geist umfasst ein weites Reich, Ich halte mich am liebsten auf der Insel Der Poesie in Lorberhainen auf.
Prinzessin. In diesem schönen Lande, hat man mir Versichern wollen, wächst vor andern Bäumen Die Myrte gern. Und wenn der Musen gleich Gar viele sind, so sucht man unter ihnen Sich seltner eine Freundin und Gespielin, Als man dem Dichter gern begegnen mag, Der uns zu meiden, ja zu fliehen scheint, Etwas zu suchen scheint, das wir nicht kennen, Und er vielleicht am Ende selbst nicht kennt. Da wär' es denn ganz artig, wenn er uns Zur guten Stunde träfe, schnell entzückt Uns für den Schatz erkennte, den er lang Vergebens in der weiten Welt gesucht.
Leonore. Ich muss mir deinen Scherz gefallen lassen, Er trifft mich zwar, doch trifft er mich nicht tief. Ich ehre jeden Mann und sein Verdienst, Und ich bin gegen Tasso nur gerecht. Sein Auge weilt auf dieser Erde kaum; Sein Ohr vernimmt den Einklang der Natur; Was die Geschichte reicht, das Leben gibt, Sein Busen nimmt es gleich und willig auf: Das weit zerstreute sammelt sein Gemüt, Und sein Gefühl belebt das Unbelebte. Oft adelt er, was uns gemein erschien, Und das Geschätzte wird vor ihm zu nichts. In diesem eignen Zauberkreise wandelt Der wunderbare Mann und zieht uns an, Mit ihm zu wandeln, Teil an ihm zu nehmen: Er scheint sich uns zu nahn, und bleibt uns fern; Er scheint uns anzusehn, und Geister mögen An unsrer Stelle seltsam ihm erscheinen.
Prinzessin. Du hast den Dichter fein und zart geschildert, Der in den Reichen süßer Träume schwebt. Allein mir scheint auch ihn das Wirkliche Gewaltsam anzuziehn und fest zu halten. Die schönen Lieder, die an unsern Bäumen Wir hin und wieder angeheftet finden, Die, goldnen Äpfeln gleich, ein neu Hesperien Uns duftend bilden, erkennst du sie nicht alle Für holde Früchte einer wahren Liebe?
Leonore. Ich freue mich der schönen Blätter auch. Mit mannigfalt'gem Geist verherrlicht er Ein einzig Bild in allen seinen Reimen. Bald hebt er es in lichter Glorie Zum Sternenhimmel auf, beugt sich verehrend Wie Engel über Wolken vor dem Bilde; Dann schleicht er ihm durch stille Fluren nach Und jede Blume windet er zum Kranz. Entfernt sich die Verehrte, heiligt er Den Pfad, den leis ihr schöner Fuß betrat. Versteckt im Busche, gleich der Nachtigall, Füllt er aus einem liebekranken Busen Mit seiner Klagen Wohllaut Hain und Luft: Sein reizend Leid, die sel'ge Schwermut lockt Ein jedes Ohr und jedes Herz muss nach--
Prinzessin. Und wenn er seinen Gegenstand benennt, So gibt er ihm den Namen Leonore.
Leonore. Es ist dein Name wie es meiner ist. Ich nähm' es übel, wenn's ein andrer wäre. Mich freut es, dass er sein Gefühl für dich In diesem Doppelsinn verbergen kann. Ich bin zufrieden, dass er meiner auch Bei dieses Namens holdem Klang gedenkt. Hier ist die Frage nicht von einer Liebe, Die sich des Gegenstands bemeistern will, Ausschließend ihn besitzen, eifersüchtig Den Anblick jedem andern wehren möchte. Wenn er in seliger Betrachtung sich Mit deinem Werth beschäftigt, mag er auch An meinem leichtern Wesen sich erfreun. Uns liebt er nicht,--verzeih dass ich es sage!-- Aus allen Sphären trägt er, was er liebt, Auf einen Namen nieder, den wir führen, Und sein Gefühl teilt er uns mit; wir scheinen Den Mann zu lieben, und wir lieben nur Mit ihm das Höchste, was wir lieben können.
Prinzessin. Du hast dich sehr in diese Wissenschaft Vertieft, Eleonore, sagst mir Dinge, Die mir beinahe nur das Ohr berühren Und in die Seele kaum noch übergehn.
Leonore. Du? Schülerin des Plato! Nicht begreifen, Was dir ein Neuling vorzuschwatzen wagt? Es müsste sein, dass ich zu sehr mich irrte; Doch irr' ich auch nicht ganz, ich weiß es wohl. Die Liebe zeigt in dieser holden Schule Sich nicht, wie sonst, als ein verwöhntes Kind: Es ist der Jüngling der mit Psychen sich Vermählte, der im Rat der Götter Sitz Und Stimme hat. Er tobt nicht frevelhaft Von einer Brust zur andern hin und her; Er heftet sich an Schönheit und Gestalt Nicht gleich mit süßem Irrtum fest, und büßet Nicht schnellen Rausch mit Ekel und Verdruss.
Prinzessin. Da kommt mein Bruder! Lass uns nicht verraten, Wohin sich wieder das Gespräch gelenkt: Wir würden seinen Scherz zu tragen haben, Wie unsre Kleidung seinen Spott erfuhr.
Zweiter Auftritt Die Vorigen. Alphons.
Alphons. Ich suche Tasso, den ich nirgends finde, Und treff' ihn--hier sogar bei euch nicht an. Könnt ihr von ihm mir keine Nachricht geben?
Prinzessin. Ich sah ihn gestern wenig, heute nicht.
Alphons. Es ist ein alter Fehler, dass er mehr Die Einsamkeit als die Gesellschaft sucht. Verzeih' ich ihm, wenn er den bunten Schwarm Der Menschen flieht und lieber frei im stillen Mit seinem Geist sich unterhalten mag, So kann ich doch nicht loben, dass er selbst Den Kreis vermeidet, den die Freunde schließen.
Leonore. Irr' ich mich nicht, so wirst du bald, o Fürst, Den Tadel in ein frohes Lob verwandeln. Ich sah ihn heut von fern; er hielt ein Buch Und eine Tafel, schrieb und ging und schrieb. Ein flüchtig Wort das er mir gestern sagte, Schien mir sein Werk vollendet anzukünden. Er sorgt nur kleine Züge zu verbessern, Um deiner Huld, die ihm so viel gewährt, Ein würdig Opfer endlich darzubringen.
Alphons. Er soll willkommen sein, wenn er es bringt, Und los gesprochen sein auf lange Zeit. So sehr ich Teil an seiner Arbeit nehme, So sehr in manchem Sinn das große Werk Mich freut und freuen muss, so sehr vermehrt Sich auch zuletzt die Ungeduld in mir. Er kann nicht enden, kann nicht fertig werden, Er ändert stets, ruckt langsam weiter vor, Steht wieder still, er hintergeht die Hoffnung; Unwillig sieht man den Genuss entfernt In späte Zeit, den man so nah geglaubt.
Prinzessin. Ich lobe die Bescheidenheit, die Sorge, Womit er Schritt vor Schritt zum Ziele geht. Nur durch die Gunst der Musen schließen sich So viele Reime fest in eins zusammen; Und seine Seele hegt nur diesen Trieb, Es soll sich sein Gedicht zum Ganzen ründen. Er will nicht Mährchen über Mährchen häufen, Die reizend unterhalten und zuletzt Wie lose Worte nur verklingend täuschen. Lass ihn, mein Bruder! Denn es ist die Zeit Von einem guten Werke nicht das Maß; Und wenn die Nachwelt mit genießen soll, So muss des Künstlers Mitwelt sich vergessen.
Alphons. Lass uns zusammen, liebe Schwester, wirken, Wie wir zu beider Vorteil oft getan! Wenn ich zu eifrig bin, so lindre du: Und bist du zu gelind, so will ich treiben. Wir sehen dann auf einmal ihn vielleicht Am Ziel, wo wir ihn lang' gewünscht zu sehn. Dann soll das Vaterland, es soll die Welt Erstaunen, welch ein Werk vollendet worden. Ich nehme meinen Teil des Ruhms davon, Und er wird in das Leben eingeführt. Ein edler Mensch kann einem engen Kreise Nicht seine Bildung danken. Vaterland Und Welt muss auf ihn wirken. Ruhm und Tadel Muss er ertragen lernen. Sich und andre Wird er gezwungen recht zu kennen. Ihn Wiegt nicht die Einsamkeit mehr schmeichelnd ein. Es will der Feind--es darf der Freund nicht schonen; Dann übt der Jüngling streitend seine Kräfte, Fühlt was er ist, und fühlt sich bald ein Mann.
Leonore. So wirst du, Herr, für ihn noch alles tun, Wie du bisher für ihn schon viel getan. Es bildet ein Talent sich in der Stille, Sich ein Charakter in dem Strom der Welt. O dass er sein Gemüt wie seine Kunst An deinen Lehren bilde! Dass er nicht Die Menschen länger meide, dass sein Argwohn Sich nicht zuletzt in Furcht und Hass verwandle!
Alphons. Die Menschen fürchtet nur, wer sie nicht kennt, Und wer sie meidet, wird sie bald verkennen. Das ist sein Fall, und so wird nach und nach Ein frei Gemüt verworren und gefesselt. So ist er oft um meine Gunst besorgt, Weit mehr, als es ihm ziemte; gegen viele Hegt er ein Misstraun, die, ich weiß es sicher, Nicht seine Feinde sind. Begegnet ja, Dass sich ein Brief verirrt, dass ein Bedienter Aus seinem Dienst in einen andern geht, Dass ein Papier aus seinen Händen kommt, Gleich sieht er Absicht, sieht Verräterei Und Tücke die sein Schicksal untergräbt.
Prinzessin. Lass uns, geliebter Bruder, nicht vergessen, Dass von sich selbst der Mensch nicht scheiden kann. Und wenn ein Freund, der mit uns wandeln sollte, Sich einen Fuß beschädigte, wir würden Doch lieber langsam gehn und unsre Hand Ihm gern und willig leihen.
Alphons. Besser wär's, Wenn wir ihn heilen könnten, lieber gleich Auf treuen Rat des Arztes eine Kur Versuchten, dann mit dem Geheilten froh Den neuen Weg des frischen Lebens gingen. Doch hoff' ich, meine Lieben, dass ich nie Die Schuld des rauen Arztes auf mich lade. Ich tue, was ich kann, um Sicherheit Und Zutraun seinem Busen einzuprägen. Ich geb' ihm oft in Gegenwart von vielen Entschiedne Zeichen meiner Gunst. Beklagt Er sich bei mir, so lass' ich's untersuchen; Wie ich es tat, als er sein Zimmer neulich Erbrochen glaubte. Lässt sich nichts entdecken, So zeig' ich ihm gelassen, wie ich's sehe; Und da man alles üben muss, so üb' ich, Weil er's verdient, an Tasso die Geduld: Und ihr, ich weiß es, steht mir willig bei. Ich hab' euch nun aufs Land gebracht und gehe Heut' Abend nach der Stadt zurück. Ihr werdet Auf einen Augenblick Antonio sehen; Er kommt von Rom und holt mich ab. Wir haben Viel auszureden, abzutun. Entschlüsse Sind nun zu fassen, Briefe viel zu schreiben; Das alles nötigt mich zur Stadt zurück.
Prinzessin. Erlaubst du uns dass wir dich hin begleiten?
Alphons. Bleibt nur in Belriguardo, geht zusammen Hinüber nach Consandoli! Genießt Der schönen Tage ganz nach freier Lust.
Prinzessin. Du kannst nicht bei uns bleiben? Die Geschäfte Nicht hier so gut als in der Stadt verrichten?
Leonore. Du führst uns gleich Antonio hinweg, Der uns von Rom so viel erzählen sollte?
Alphons. Es geht nicht an, ihr Kinder; doch ich komme Mit ihm so bald, als möglich ist, zurück: Dann soll er euch erzählen und ihr sollt Mir ihn belohnen helfen, der so viel In meinem Dienst aufs Neue sich bemüht. Und haben wir uns wieder ausgesprochen, So mag der Schwarm dann kommen, dass es lustig In unsern Gärten werde, dass auch mir, Wie billig, eine Schönheit in dem Kühlen, Wenn ich sie suche gern begegnen mag.
Leonore. Wir wollen freundlich durch die Finger sehen.
Alphons. Dagegen wisst ihr, dass ich schonen kann.
Prinzessin (nach der Szene gekehrt). Schon lange seh' ich Tasso kommen. Langsam Bewegt er seine Schritte, steht bisweilen Auf einmal still, wie unentschlossen, geht Dann wieder schneller auf uns los, und weilt Schon wieder.
Alphons. Stört ihn, wenn er denkt und dichtet, In seinen Träumen nicht, und lasst ihn wandeln.
Leonore. Nein, er hat uns gesehn, er kommt hierher.
Dritter Auftritt Die Vorigen. Tasso.
Tasso (mit einem Buche, in Pergament geheftet). Ich komme langsam, dir ein Werk zu bringen, Und zaudre noch, es dir zu überreichen. Ich weiß zu wohl, noch bleibt es unvollendet, Wenn es auch gleich geendigt scheinen möchte. Allein, war ich besorgt, es unvollkommen Dir hinzugeben, so bezwingt mich nun Die neue Sorge: Möcht' ich doch nicht gern Zu ängstlich, möcht' ich nicht undankbar scheinen. Und wie der Mensch nur sagen kann: Hie bin ich! Dass Freunde seiner schonend sich erfreuen, So kann ich auch nur sagen: Nimm es hin!
(Er übergibt den Band.)
Alphons. Du überraschest mich mit deiner Gabe Und machst mir diesen schönen Tag zum Fest. So halt' ich's endlich denn in meinen Händen, Und nenn' es in gewissem Sinne mein! Lang' wünscht' ich schon, du möchtest dich entschließen Und endlich sagen: Hier! Es ist genug.
Tasso. Wenn Ihr zufrieden seid, so ist's vollkommen; Denn euch gehört es zu in jedem Sinn. Betrachtet' ich den Fleiß, den ich verwendet, Sah ich die Züge meiner Feder an, So konnt' ich sagen: Dieses Werk ist mein. Doch seh' ich näher an, was dieser Dichtung Den innren Wert und ihre Würde gibt, Erkenn' ich wohl: Ich hab' es nur von euch. Wenn die Natur der Dichtung holde Gabe Aus reicher Willkür freundlich mir geschenkt, So hatte mich das eigensinn'ge Glück Mit grimmiger Gewalt von sich gestoßen; Und zog die schöne Welt den Blick des Knaben Mit ihrer ganzen Fülle herrlich an, So trübte bald den jugendlichen Sinn Der teuren Eltern unverdiente Not. Eröffnete die Lippe sich zu singen, So floss ein traurig Lied von ihr herab, Und ich begleitete mit leisen Tönen Des Vaters Schmerzen und der Mutter Qual. Du warst allein, der aus dem engen Leben Zu einer schönen Freiheit mich erhob; Der jede Sorge mir vom Haupte nahm, Mir Freiheit gab, dass meine Seele sich Zu mutigem Gesang entfalten konnte; Und welchen Preis nun auch mein Werk erhält, Euch dank' ich ihn; denn euch gehört es zu.
Alphons. Zum zweiten Mal verdienst du jedes Lob, Und ehrst bescheiden dich und uns zugleich.
Tasso. O könnt' ich sagen wie ich lebhaft fühle, Dass ich von Euch nur habe, was ich bringe! Der tatenlose Jüngling--nahm er wohl Die Dichtung aus sich selbst? Die kluge Leitung Des raschen Krieges--hat er die ersonnen? Die Kunst der Waffen, die ein jeder Held An dem beschiednen Tage kräftig zeigt, Des Feldherrn Klugheit und der Ritter Mut, Und wie sich List und Wachsamkeit bekämpft, Hast du mir nicht, o kluger, tapfrer Fürst, Das alles eingeflößt als wärest du Mein Genius, der eine Freude fände, Sein hohes, unerreichbar hohes Wesen Durch einen Sterblichen zu offenbaren?
Prinzessin. Genieße nun des Werks, das uns erfreut!
Alphons. Erfreue dich des Beifalls jedes Guten!
Leonore. Des allgemeinen Ruhms erfreue dich!
Tasso. Mir ist an diesem Augenblick genug. An euch nur dacht' ich wenn ich sann und schrieb; Euch zu gefallen, war mein höchster Wunsch, Euch zu ergötzen, war mein letzter Zweck. Wer nicht die Welt in seinen Freunden sieht, Verdient nicht, dass die Welt von ihm erfahre. Hier ist mein Vaterland, hier ist der Kreis, In dem sich meine Seele gern verweilt. Hier horch' ich auf, hier acht' ich jeden Wink, Hier spricht Erfahrung, Wissenschaft, Geschmack; Ja, Welt und Nachwelt seh' ich vor mir stehn. Die Menge macht den Künstler irr' und scheu: Nur wer Euch ähnlich ist, versteht und fühlt, Nur der allein soll richten und belohnen!
Alphons. Und stellen wir denn Welt und Nachwelt vor, So ziemt es nicht nur müßig zu empfangen. Das schöne Zeichen, das den Dichter ehrt, Das selbst der Held, der seiner stets bedarf, Ihm ohne Neid ums Haupt gewunden sieht, Erblick' ich hier auf deines Anherrn Stirne.
(Auf die Herme Virgils deutend.)
Hat es der Zufall, hat's ein Genius Geflochten und gebracht? Es zeigt sich hier Uns nicht umsonst. Virgil hör' ich sagen: Was ehret ihr die Toten? Hatten die Doch ihren Lohn und Freude da sie lebten; Und wenn ihr uns bewundert und verehrt, So gebt auch den Lebendigen ihr Teil. Mein Marmorbild ist schon bekränzt genug-- Der grüne Zweig gehört dem Leben an.
(Alphons winkt seiner Schwester; sie nimmt den Kranz von der Büste Virgils und nähert sich Tasso. Er tritt zurück.)
Leonore. Du weigerst dich? Sieh welche Hand den Kranz, Den schönen unverwelklichen, dir bietet!
Tasso. O lasst mich zögern! Seh' ich doch nicht ein, Wie ich nach dieser Stunde leben soll.
Alphons. In dem Genuss des herrlichen Besitzes, Der dich im ersten Augenblick erschreckt.
Prinzessin (indem sie den Kranz in die Höhe hält). Du gönnest mir die seltne Freude, Tasso, Dir ohne Wort zu sagen, wie ich denke.
Tasso. Die schöne Last aus deinen teuren Händen Empfang' ich kniend auf mein schwaches Haupt.
(Er kniet nieder, die Prinzessin setzt ihm den Kranz auf.)
Leonore (applaudierend). Es lebe der zum ersten Mal bekränzte! Wie zieret den bescheidnen Mann der Kranz!
(Tasso steht auf.)
Alphons. Es ist ein Vorbild nur von jener Krone, Die auf dem Kapitol dich zieren soll.
Prinzessin. Dort werden lautere Stimmen dich begrüßen; Mit leiser Lippe lohnt die Freundschaft hier.
Tasso. O nehmt ihn weg von meinem Haupte wieder, Nehmt ihn hinweg! Er sengt mir meine Locken, Und wie ein Strahl der Sonne, der zu heiß Das Haupt mir träfe, brennt er mir die Kraft Des Denkens aus der Stirne. Fieberhitze Bewegt mein Blut. Verzeiht! Es ist zu viel!
Leonore. Es schützet dieser Zweig vielmehr das Haupt Des Manns, der in den heißen Regionen Des Ruhms zu wandeln hat, und kühlt die Stirne.
Tasso. Ich bin nicht wert, die Kühlung zu empfinden, Die nur um Heldenstirnen wehen soll. O hebt ihn auf, ihr Götter, und verklärt Ihn zwischen Wolken, dass er hoch und höher Und unerreichbar schwebe! Dass mein Leben Nach diesem Ziel ein ewig Wandeln sei!
Alphons. Wer früh erwirbt, lernt früh den hohen Wert Der holden Güter dieses Lebens schätzen; Wer früh genießt, entbehrt in seinem Leben Mit Willen nicht, was er einmal besaß; Und wer besitzt, der, muss gerüstet sein.
Tasso. Und wer sich rüsten will, muss eine Kraft Im Busen fühlen, die ihm nie versagt. Ach! Sie versagt mir eben jetzt! Im Glück Verlässt sie mich, die angeborne Kraft, Die standhaft mich dem Unglück, stolz dem Unrecht Begegnen lehrte. Hat die Freude mir, Hat das Entzücken dieses Augenblicks Das Mark in meinen Gliedern aufgelöst? Es sinken meine Knie! Noch einmal Siehst du, o Fürstin, mich gebeugt vor dir! Erhöre meine Bitte: Nimm ihn weg! Dass, wie aus einem schönen Traum erwacht, Ich ein erquicktes neues Leben fühle.