Tom Sawyers Neue Abenteuer

Part 8

Chapter 83,870 wordsPublic domain

Nie hab’ ich Tom so klein gesehen -- er sah wahrhaftig nicht größer aus als ’ne Fliege, aber das kam davon, daß der Riesenkopf so schrecklich groß war. Groß und schrecklich, ja, das war er -- aber er machte einem doch keine Angst mehr, denn man konnte wohl sehen, daß es ein edles, beinahe trauriges Antlitz war und daß es gar nicht an uns Menschlein dachte, sondern an was Anderes, Größeres. Es war aus Stein, rötlichem Stein, und Nase und Ohren waren verstümmelt, so sah es aus, als ob es mißhandelt sei, und das tat einem unwillkürlich in der Seele weh.

Wir hielten ein Stück von dem Bildwerk ab und segelten rund darum herum und dann darüber weg, und es war einfach großartig. Es war der Kopf eines Mannes oder vielleicht auch einer Frau, auf einem hundertfünfundzwanzig Fuß langen Tigerleib, und zwischen seinen Vorderpranken stand ein süßer kleiner Tempel. Viele hundert Jahre lang -- vielleicht Tausende -- war das ganze Bildwerk mit Ausnahme des Hauptes unter dem Sand begraben gewesen; aber gerade vor ganz kurzer Zeit hatten sie den Sand weggeräumt und den kleinen Tempel gefunden. Es war jedenfalls ’ne mächtige Masse Sand nötig, um so ’ne Kreatur zu begraben -- wohl mindestens so viel wie um ein Dampfschiff zu begraben.

Wir setzten Jim oben auf dem Kopf der Sphinx ab, nachdem wir ihm, da wir im Ausland waren, zum Schutz ’ne amerikanische Flagge gegeben hatten. Dann segelten wir ab und besahen uns das Werk bald aus dieser, bald aus jener Entfernung; das war, wie Tom sagte, nötig, um die richtigen Effekte und Perspektiven und Proportionen herauszukriegen. Und Jim tat wirklich sein Bestes, indem er die allerverschiedensten Stellungen einnahm, die er sich nur ausdenken konnte; am besten gefiel er uns aber, als er auf dem Kopf stand und wie ein Frosch mit den Beinen spaddelte. Je weiter wir wegsegelten, desto kleiner wurde Jim und desto großartiger die Sphinx, bis er zuletzt sozusagen wie ’ne Stecknadel auf einem Dome aussah. Auf diese Weise bringt die Perspektive die richtigen Proportionen zuwege, sagte Tom; er sagte, Cäsars Nigger hätten nicht gewußt, wie groß er war, weil sie zu nahebei gewesen wären.

Dann segelten wir immer weiter und weiter weg, bis wir Jim überhaupt nicht mehr sehen konnten, und da machte die große Figur den edelsten Eindruck -- so still und feierlich und einsam blickte sie über das Niltal herüber, und all die schäbigen kleinen Hütten und Menschenwerklein, die rings um sie herum zerstreut waren, sie waren völlig verschwunden und rund um sie herum nur noch eine weiche große Decke von gelbem Sammet, nämlich der Wüstensand.

Das war die richtige Stelle, um Halt zu machen, und das taten wir auch. Eine halbe Stunde lang hielten wir da und guckten und dachten und keiner von uns sagte ein Wort, denn uns wurde so ruhig und feierlich zu Mute, wenn wir daran dachten, daß die Sphinx schon seit Jahrtausenden gerade so über das Tal hinübergeschaut und ihre majestätischen Gedanken so ganz für sich gedacht hatte -- ihre Gedanken, von denen kein Mensch sagen kann, was sie sind.

Zuletzt nahm ich das Fernrohr zur Hand und da sah ich mehrere kleine schwarze Dinger auf dem Sammetteppich herumspringen und andere, die auf den Rücken der Sphinx hinaufkletterten, und dann sah ich zwei oder drei weiße Rauchwölkchen aufpuffen, und ich sagte Tom, er möchte auch mal hinsehen. Er tat das und sagte:

»Das sind Käfer. Nein -- wart’ mal; sie -- wahrhaftig, ich glaube, es sind Menschen. Ja, es sind Menschen -- Menschen und auch Pferde. Sie legen gerade ’ne lange Leiter an den Rücken der Sphinx an -- ist das aber komisch! Und nun versuchen sie, die Leiter hinaufzuziehen -- da sind auch wieder Rauchwölkchen -- das sind Flinten! Huck, sie machen Jagd auf Jim!«

Wir ließen die ganze Kraft los und segelten wie das heilige Donnerwetter auf die Sphinx zu. Im Nu waren wir da und sausten mitten unter die Menschen hinein, daß sie nach allen Seiten auseinanderstoben, und ein paar von denen, die die Leiter hinaufkletterten, um Jim zu fangen, verloren den Halt und fielen herunter. Wir sausten hinauf und fanden Jim keuchend und beinahe besinnungslos auf dem Kopf der Sphinx liegen. Er hatte eine lange Belagerung ausgehalten -- eine Woche, sagte er, aber das war nicht wahr; sie war ihm nur so lang vorgekommen, weil ihm die Leute so nahe auf den Leib gerückt waren. Sie hatten auf ihn geschossen und der Kugelregen war um ihn herumgerasselt, aber getroffen war er nicht; und als sie merkten, daß er nicht mehr aufstand, und daß ihre Kugeln ihn nicht mehr treffen konnten, wenn er auf dem Bauch lag, da holten sie die Leiter, und da wußte er, daß es mit ihm aus wäre, wenn wir nicht _sehr_ bald kämen. Tom war höchst entrüstet und fragte ihn, warum er denn nicht die Flagge gezeigt und im Namen der Vereinigten Staaten ihnen befohlen hätte, Frieden zu halten? Jim sagte, das hätte er ja getan, sie hätten sich aber gar nicht darum gekümmert. Tom sagte, er wollte dafür sorgen, daß diese Sache in Washington in die Hand genommen würde.

»Und ihr sollt sehen,« rief Tom, »sie werden sich wegen Insultierung der Flagge zu entschuldigen haben und werden obendrein noch ’ne Indemnität bezahlen müssen!«

Sagt Jim:

»Was is ein Indemmität, Massa Tom?«

»Bares Geld ist’s!«

»Un wer kriegen es, Massa Tom?«

»Na, natürlich wir!«

»Un wer kriegen die Entschuldigung?«

»Die Vereinigten Staaten. Oder wir können sie auch nehmen, wenn wir wollen. Wenn uns die Entschuldigung besser gefällt, können wir die nehmen, und die Regierung kriegt dann das Geld.«

»Wie viele Geld werden es sein, Massa Tom?«

»Na, in einem Fall wie dieser, wo erschwerende Umstände dabei sind, mindestens drei Dollars pro Kopf und möglicherweise sogar noch mehr.«

»Nu, denn wolle wir die Geld nehm’, Massa Tom; zum Kuckuck mit die Entschuldigung! Meinen Sie nix auch, Massa Tom? Un du auch, Huck?«

Wir besprachen die Sache ein bißchen und kamen zum Schluß, es wäre gar nicht so übel, wenn wir’s so machten; also wurden wir uns einig, wir wollten das Geld nehmen. Für mich war das ’ne ganz neue Geschichte und ich fragte Tom, ob Staaten immer sich entschuldigen, wenn sie was Unrechtes getan hätten, und er antwortete:

»Ja, die kleinen tun’s.«

Wir segelten nun herum und sahen uns die Pyramiden an und ließen uns schließlich auf der abgeplatteten Spitze der größten von ihnen nieder; und wir fanden, daß alles genau so war, wie der Mann in der Sonntagsschule gesagt hatte. Das Ding sah aus wie vier Treppenfluchten, die, am Boden breit, immer enger werdend schräg aufsteigen und sich oben in einer Spitze treffen. Nur konnte man diese Treppenstufen nicht hinaufsteigen wie irgend ’ne andere Treppe -- denn jede Stufe war so hoch, daß sie ’nem gewöhnlichen Menschen bis ans Kinn reichte, und man mußte sich von hinten hinaufheben lassen. Die beiden andern Pyramiden waren nicht weit von der unsrigen entfernt, und die Leute, die zwischen den Pyramiden sich auf dem Sand bewegten, sahen aus wie krabbelnde Käfer, so hoch waren wir über ihnen.

Tom war gar nicht mehr zu halten vor lauter Freude und Erstaunen, daß er an so ’nem berühmten Ort wäre, und er schwitzte sozusagen Weltgeschichte aus jeder Pore -- wenigstens kam es mir so vor. Er sagte, er könnte es kaum glauben, daß er genau auf demselben Platz stände, von dem der Prinz auf dem Bronzepferde aufgeflogen wäre. Die Geschichte stände in Tausend und einer Nacht, sagte er. Irgend einer gab dem Prinzen ein bronzenes Pferd mit ’nem Zapfen in der Schulter; und er konnte sich auf dies Pferd setzen und durch die Luft fliegen wie ein Vogel und die ganze Welt bereisen, und er konnte es steuern, indem er den Zapfen drehte, und konnte hoch und niedrig fliegen und landen, wo er nur wollte.

Als Tom die Geschichte zu Ende erzählt hatte, da entstand ein Schweigen -- jenes bekannte Schweigen, das sich einstellt, wenn jemand einen Unsinn erzählt hat und wenn den Zuhörern das leid tut und sie gerne das Gespräch auf ein anderes Thema bringen möchten, aber nicht wissen, wie sie das anfangen sollen, und ehe sie sich richtig besonnen haben, da ist das Schweigen schon da und macht die Stimmung unbehaglich. Ich war verlegen, Jim war verlegen und keiner von uns konnte ein Wort herausbringen. Tom sah mich ’ne Minute lang an und sagte dann:

»Na, heraus damit! Was denkst du?«

Ich sage:

»Tom Sawyer, _du_ glaubst die Geschichte doch selber nicht?«

»Warum sollte ich nicht? Was könnte mich daran hindern?«

»Hindern kann dich nur eins: sie kann nicht passiert sein -- weiter nichts.«

»Und warum kann sie _nicht_ passiert sein?«

»Sag’ du mir doch, warum sie passiert sein _kann_?«

»Unser Ballon ist ein ganz guter Beweis dafür, sollt’ ich meinen.«

»Wieso?«

»Wieso? So ’nen Idioten hab’ ich nie gesehen! Sind denn nicht dieses Luftschiff und das bronzene Pferd genau das gleiche, nur unter verschiedenen Namen?«

»Nein, das sind sie nicht. Das eine ist ’n Luftballon und das andere ist ’n Pferd. Das ist ein großer Unterschied. Nächstens wirst du wohl gar sagen, ein Pferd und ’ne Kuh seien ein und dasselbe.«

»Bei Jackson! Da hat Huck ihm wieder fest! Da könn’ Sie nix um ’rumkommen, Massa Tom!«

»Halt den Mund, Jim! Du weißt nicht, was du redest! Und Huck auch nicht. Hör’ mal zu, Huck, ich will euch beiden die Sache klar machen, und dann werdet ihr mich verstehen. Seht mal: wenn man von zwei Dingen sagt, sie seien sich ähnlich oder unähnlich, so kommt es dabei nicht bloß auf ihre Form an, sondern vor allem auf ihr _Wesen_; und das Wesen ist in beiden das gleiche. Versteht ihr mich jetzt?«

Ich bedachte mir seine Worte bei mir selber und sagte dann:

»Tom, das zieht nicht! So ’n Wesen ist ja recht schön und gut, aber damit kommen wir nicht um die eine große Tatsache herum: wenn ein Luftballon etwas machen kann, so ist das absolut noch kein Beweis, daß ein Pferd dasselbe machen kann.«

»Quatsch, Huck! Du hast die ganze Geschichte noch gar nicht begriffen! Nun hör’ mal ’ne Minute zu -- es ist alles vollkommen einfach! Fliegen wir nicht durch die Luft?«

»Ja.«

»Schön! Fliegen wir nicht hoch oder niedrig, grad’ wie wir Lust haben?«

»Ja.«

»Steuern wir nicht, wohin wir wollen?«

»Ja.«

»Und landen wir nicht, wann und wo es uns Spaß macht?«

»Ja.«

»Wie bewegen und steuern wir unser Luftschiff?«

»Indem wir auf die Knöpfe drücken.«

»Na, _jetzt_ denke ich, wird die Geschichte dir endlich klar sein. Bei dem Pferde geschah die Bewegung und Steuerung, indem ein Zapfen gedreht wurde. Wir drücken auf einen Knopf, der Prinz drehte ’nen Zapfen. Du siehst, es ist kein Atom von ’nem Unterschied vorhanden. Ich wußte wohl, ich würde dir’s in den Schädel trichtern, wenn ich mir nur Mühe gäbe!«

Und Tom fühlte sich so glücklich, daß er zu pfeifen begann. Aber ich und Jim blieben still; und so brach Tom überrascht sein Pfeifen ab und sagte:

»Höre mal, Huck Finn, siehst du’s immer noch nicht ein?«

»Tom Sawyer,« antwortete ich, »ich möchte ’ne Frage an dich richten.«

»Nur zu!« sagt er; und ich sehe, wie Jim ein ganz helles Gesicht macht und mächtig aufhorcht.

»Wenn ich die Sache recht verstehe,« sag’ ich, »so kommt es bei dem ganzen Ding nur auf die Knöpfe und den Zapfen an -- der Rest ist Nebensache. Ein Knopf sieht anders aus als ein Zapfen -- aber darauf kommt es wohl nicht an?«

»Nein, darauf kommt es ganz und gar nicht an, wenn nur beiden dieselbe Kraft innewohnt.«

»Schön! Was ist die Kraft, die ’ner Kerze und ’nem Streichholz innewohnt?«

»Das Feuer.«

»Diese Kraft ist also in beiden die gleiche?«

»Ja, ganz genau die gleiche in beiden.«

»Schön! Angenommen, ich zünde mit einem Streichholz ’ne Tischlerwerkstatt an -- was wird damit passieren?«

»Sie wird aufbrennen.«

»Und angenommen, ich zünde mit ’ner Kerze diese Pyramide an -- wird sie auch aufbrennen?«

»Natürlich nicht!«

»Schön! Nun ist aber doch beidemale das Feuer das gleiche. _Warum_ brennt denn also die Tischlerwerkstatt, und die Pyramide nicht?«

»Weil die Pyramide nicht brennen _kann_.«

»Aha! _Und ein Pferd kann nicht fliegen!!!_«

»O du meine liebe Heiland! Da haben Huck ihm _wieder_! Diesmal haben Huck ihm richtig auf die Sand gesetzt -- Junge, Junge! Un ...«

Aber Jim mußte so furchtbar lachen, daß er beinahe erstickte und nicht weiter sprechen konnte, und Tom fuhr beinahe aus der Haut, als er sah, wie elegant ich ihn abgeführt hatte, indem ich seine eigene Beweisführung gegen ihn wandte und sie in Stückchen und Fetzen zerpflückte. Und er wußte nichts weiter zu sagen, als daß er jedesmal, wenn er Jim oder mich disputieren hörte, sich des Menschengeschlechts schämte. Ich sagte gar nichts mehr, aber ich war innerlich sehr mit mir zufrieden. Wenn ich jemandem auf solche Weise heimgeleuchtet habe, so ist es nicht meine Art ’rumzugehen und zu krähen, wie’s manche Leute machen, denn ich glaube, wenn er an meiner Stelle wäre, so wär’s mir auch nicht angenehm, wenn er über mich krähte. Es ist besser, man ist edel und hochherzig -- das ist _meine_ Meinung.

Dreizehntes Kapitel.

Nach einem Weilchen ließen wir Jim im Luftschiff allein in der Nähe der Pyramiden herumgondeln und wir selber kletterten bis zu dem Loch hinunter, durch das man in den engen Gang kommt. Wir nahmen einige Araber und Kerzen mit, und mitten in der Pyramide da fanden wir ein Gemach und einen großen Steinkasten drin, worin sie den König aufbewahrt hatten -- genau wie der Mann in der Sonntagsschule es uns erzählte. Aber er war jetzt nicht mehr da; irgend einer hatte ihn mitgenommen. Ich hatte aber kein rechtes Vergnügen in dieser Kammer, denn es konnten ja natürlich Geister drin hausen -- wenn auch gerade keine neuen, aber ich mag mit Geistern überhaupt nichts zu tun haben.

Wir gingen also wieder hinaus und mieteten uns ein paar kleine Esel und ritten ein Stück; dann fuhren wir ein Stück in ’nem Boot auf dem Nil, dann ritten wir wieder auf Eseln und so kamen wir nach Kairo. Und der ganze Weg war so wunderschön glatt und eben, wie ich nur je in meinem Leben einen Weg gesehen habe; auf beiden Seiten der Straße wuchsen große Dattelpalmen, und überall krochen nackte Kinder herum und die Menschen waren so rot wie Kupfer und feingebaut, kräftig und schön. Und die Stadt war ’ne Sehenswürdigkeit. Diese engen Straßen -- es waren wahrhaftig nur Gäßchen -- dicht gefüllt mit beturbanten Männern und verschleierten Weibern und alles in hellen, bunten Gewändern! Und man wunderte sich, wie die Kamele und Menschen in solchen engen Gäßchen beieinander vorbeikommen konnten -- aber es ging. Aber zusammenpressen mußten sie sich wie Pökelheringe und dabei machten sie alle einen Heidenlärm. Die Läden waren nicht so groß, daß man in sie hineingehen konnte, aber das war auch gar nicht nötig: der Verkäufer saß mit übergeschlagenen Beinen nach Schneiderart auf seinem Ladentisch, rauchte seine lange Pfeife mit dem Schlangenschlauch und hatte all seine Sachen in Reichweite um sich herum.

Ab und zu sauste ein Würdenträger in einer Kutsche vorbei; buntaufgeputzte Männer liefen laut rufend vor dem Wagen her und schlugen jeden, der nicht schnell auswich, mit einem langen Stecken. Nach einer Weile kam sogar der Sultan zu Pferde an der Spitze einer Prozession geritten und uns blieb beinahe der Atem stocken, als wir seine glänzenden Kleider sahen. Jeder warf sich platt auf die Erde nieder und blieb auf dem Bauch liegen, bis er vorüber war. Ich vergaß es, mich hinzuwerfen, aber da war einer, der mir daran zu denken half. Es war einer von denen, die mit ’nem langen Stecken vorausliefen.

Kirchen waren auch da, aber die Leute da sind noch zu dumm, um den Sonntag zu heiligen; sie heiligen den Freitag und schänden den Sabbath. Wenn man hineingeht, muß man die Schuhe abziehen. Ganze Haufen von Männern und Knaben waren in der Kirche, hockten in Gruppen auf dem Fußboden und machten einen endlosen Spektakel -- Tom sagte, sie lernten was aus dem Koran auswendig, den sie für ’ne Bibel halten. Ich hatte in meinem Leben nicht so ’ne große Kirche gesehen; sie war ganz fürchterlich hoch, so daß einem schwindlig wurde, wenn man hinaufschaute; unsere Stadtkirche zu Hause ist gar nichts dagegen; man könnte sie in diese hineinstellen und die Leute würden denken, sie sei ’ne Putzwarenschachtel.

Was ich am meisten zu sehen wünschte, das war ein Derwisch, denn für Derwische interessierte ich mich wegen ihres Kollegen, der dem Kameltreiber den bösen Streich gespielt hatte. Wir fanden denn auch einen ganzen Haufen von ihnen in ’ner Kirche, und sie nannten sich Tanz-Derwische. Und tanzen taten sie, das muß ich sagen. So was hatte ich in meinem Leben nicht gesehen! Sie hatten zuckerhutförmige Mützen auf und leinene Unterröcke an, und sie wirbelten und wirbelten und wirbelten herum wie Kreisel und die Röcke standen ganz schräg von ihnen ab; es war riesig nett anzusehen, und ich wurde vom Hingucken wie betrunken. Sie waren alle Moslim, wie Tom mir erzählte, und als ich ihn fragte, was ein Moslim sei, da sagte er, das wäre einer, der nicht Presbyterianer wäre. Dann gibt’s also in Missouri sehr viele Moslim, obwohl ich davon bisher nichts wußte.

Wir sahen uns nicht die Hälfte von den Sehenswürdigkeiten von Kairo an, weil Tom so wild darauf versessen war, Oertlichkeiten aufzusuchen, die in der Weltgeschichte berühmt geworden sind. Wir hatten eine abscheuliche Mühe, den Speicher aufzufinden, worin Joseph vor der Hungersnot das Korn aufgespeichert hatte, und als wir ihn endlich fanden, war eigentlich gar nichts daran zu sehen, denn es war bloß ein altes, verfallenes Gerümpel. Aber Tom war sehr befriedigt und machte mehr Redensarten darüber, als ich Worte sagen würde, wenn ich mir ’nen Nagel in den Fuß getreten hätte. Wie er die Scheuer überhaupt herausfand, das ging über meinen Horizont; denn wir waren bei mehr als vierzig ganz gleichen schon vorbeigekommen und ich wäre mit jeder von diesen Scheunen zufrieden gewesen, aber er mußte natürlich durchaus die echte haben -- anders tat er’s nicht. Ich habe nie einen Menschen gesehen, der in dieser Beziehung so heikel war wie Tom Sawyer. Sowie er die richtige sah, erkannte er sie sofort, so leicht wie ich mein anderes Hemd erkennen würde (wenn ich eins hätte), aber wie er das machte, das vermochte er mir so wenig zu erklären, wie er fliegen konnte. So sagte er selber.

Als wir zurück kamen, landete Jim, und wir stiegen ein. Bei dieser Gelegenheit lernten wir einen jungen Mann kennen mit ’nem roten betroddelten Fez und einer schönen seidenen Jacke und Sackhosen, mit ’nem Tuch um den Bauch und mit Pistolen in diesem Tuch. Er konnte englisch sprechen und bat uns, wir möchten ihn als Führer annehmen; er wollte uns nach Mekka und Medina und Zentralafrika und überallhin bringen und verlangte nur einen halben Dollar täglich nebst freier Verköstigung. Wir nahmen ihn an und fuhren mit voller Schnelligkeit los, und als wir mit unserem Mittagessen fertig waren, da schwebten wir gerade über der Stelle, wo die Israeliten durch das Rote Meer gezogen waren und wo Pharao sie eingeholt hatte und von den Gewässern ereilt wurde. Da machten wir denn natürlich Halt und guckten uns die Stelle ganz in aller Ruhe an, und Jim hatte seine Freude dran, sie zu sehen.

Hierauf fuhren wir weiter, so schnell wir konnten, und segelten um den Berg Sinai herum und sahen die Stellen, wo Moses die steinernen Tafeln zerbrach, und wo die Kinder Israels in der Ebene lagerten und das goldene Kalb anbeteten, und es war alles ungeheuer interessant und der Führer kannte jedes Plätzchen so genau, wie ich bei uns zu Hause im Ort Bescheid weiß.

Aber jetzt hatten wir einen Unfall, und der hemmte alle unsere Pläne. Toms alte ordinäre Maiskolbenpfeife war so alt und aufgeschwollen und krumm geworden, daß sie trotz allen Schnüren und Bindfäden, die er herumwickelte, nicht mehr zusammenhalten wollte, sondern in Stücke zerfiel. Tom wußte nun gar nicht, was er jetzt anfangen sollte. Des Professors Pfeife konnte ihm nichts nützen, denn die war bloß von Meerschaum; und jeder, der sich mal an Maiskolbenpfeifen gewöhnt hat, der weiß, daß sie himmelhoch über allen anderen Pfeifen der Welt stehen, und so einer läßt sich nicht dazu kriegen, ’ne andere Pfeife zu rauchen. Meine wollte Tom nicht nehmen, so sehr ich ihn auch zu überreden versuchte. So saß er denn da in der Patsche.

Er überlegte den Fall und sagte, wir müßten ’ne Rundfahrt machen und versuchen, ob wir nicht in Aegypten oder Arabien oder daherum eine auftreiben könnten, aber der Führer sagte, das hätte keinen Zweck, denn solche Pfeifen hätte man da nicht. Tom saß eine Weile recht verdrießlich da, plötzlich aber hellte sich sein Gesicht auf und er sagte, er hätte ’ne Idee und wüßte jetzt, wie die Sache gemacht werden müßte. Nämlich:

»Ich habe noch ’ne andere Maiskolbenpfeife, sogar ’ne ganz ausgezeichnete und beinahe neue. Sie liegt auf dem Wandbrettchen gerade über dem Küchenherd bei uns zu Hause. Jim -- du und der Führer, ihr fahrt hin und holt sie, und ich und Huck kampieren hier auf dem Berge Sinai, bis ihr wieder hier seid.«

»Aber, Massa Tom, wir könnte nix finden die Städtchen. Ich könnten wohl die Pfeife finden, weil ich die Küche kennen tun, aber o du liebe Heiland: wir können niemals nix unser Stadt oder Sent Luis oder die andere Orte finden! Wir tun ja nix die Wegen kennen, Massa Tom!«

Das war ’ne unbestreitbare Tatsache, und Tom wußte ’ne Minute lang nichts zu erwidern. Dann sagte er aber:

»Hör’ mal zu: die Sache läßt sich trotz alledem machen, und ich will dir sagen, wie. Du nimmst die Richtung mit dem Kompaß und segelst gerade wie ein Pfeil immer westlich, bis du die Vereinigten Staaten findest. Ein Versehen ist dabei nicht möglich, denn es ist das erste Land, das du auf der anderen Seite des Atlantischen Ozeans antriffst. Wenn du bei Tage ankommst, so fährst du gleich weiter, direkt westlich vom oberen Teil der Küste von Florida und in eindreiviertel Stunden stößt du auf die Mündung des Mississippi -- wenn du mit der Geschwindigkeit fährst, die ich dir vorschreiben werde. Du wirst so hoch oben in der Luft sein, daß dir die Erde sehr gekrümmt vorkommen wird -- ungefähr wie ’ne umgestülpte Waschschüssel -- und du siehst da unten ’ne Menge Flüsse durcheinander krabbeln, lange schon, ehe du in die tieferen Luftschichten herunter kommst; den Mississippi wirst du ohne jede Schwierigkeit dazwischen herausfinden, denn er ist bei weitem der größte von ihnen. Dann folgst du in beinahe nördlicher Richtung dem Lauf des Flusses, eindreiviertel Stunden lang, bis du den Ohio einmünden siehst; nun mußt du anfangen scharf aufzupassen, weil du jetzt schon in die Nähe kommst. Zu deiner Linken aufwärts siehst du einen anderen Strom einmünden, das ist der Missouri, ein bißchen oberhalb der Stadt St. Louis. Du steigst dann noch tiefer herab, damit du während der Fahrt die kleinen Städte dir ansehen kannst. In den nächsten Viertelstunden wirst du ungefähr bei fünfundzwanzig vorbeikommen, und du wirst unser Städtchen erkennen, sobald du’s siehst -- und wenn du’s nicht erkennst, so brauchst du bloß ’runterzurufen und zu fragen.«

»Is das so leicht, Massa Tom, so denken ich, wir können es machen -- jawoll, ich wissen, wir können.«

Der Führer war ebenfalls davon überzeugt und meinte, er würde es in einer ganz kleinen Weile lernen, seine Wache zu halten.

»Jim kann Euch die Geschichte in ’ner halben Stunde beibringen,« sagte Tom. »Der Luftballon ist so leicht zu handhaben wie ein Kanoe.«

Dann holte Tom die Karte hervor, zeichnete den Kurs hin und maß den Weg aus und sagte: