Tom Sawyers Neue Abenteuer

Part 4

Chapter 43,974 wordsPublic domain

Wir sahen, daß wir Wirrwarr anrichteten, und stiegen deshalb wieder auf, bis wir ungefähr in der alten Höhe von einer Meile uns befanden, wo die kühle Luftschicht war; von dort aus sahen wir uns alles an. Sie brauchten beinahe eine Stunde, bis sie wieder alle zusammen und in der richtigen Marschordnung waren; dann brachen sie wieder auf, aber wir konnten durch unsere Fernrohre beobachten, daß sie bloß für unseren Luftballon Augen hatten. Wir fuhren in ihrer Richtung weiter, indem wir sie durch unsere Gläser genau betrachteten; das war ein sehr interessanter Anblick. Auf einmal sahen wir einen großen Sandhügel und jenseits desselben eine Menge Gestalten, die wir für Menschen hielten; und oben auf dem Hügel lag etwas -- dem Anschein nach ein Mann; der hob alle Augenblicke mal den Kopf in die Höhe und sah sich um -- ob nach uns oder nach der Karawane, das konnten wir nicht unterscheiden. Als die Karawane näher gekommen war, rutschte er auf der anderen Seite des Hügels herunter und lief schnell zu den anderen Menschen -- wir sahen jetzt, daß es solche waren -- die neben ihren Pferden hinter dem Sandberg auf der Lauer gelegen hatten. Im Nu waren sie im Sattel und wie ein Donnerwetter kamen sie hervorgesprengt, einige mit Lanzen bewaffnet und andere mit langen Flinten, und alle miteinander schrieen und heulten sie aus vollem Halse.

Eins, zwei, drei waren sie bei der Karawane und in der nächsten Minute prallten die beiden Parteien aufeinander. Dann folgte ein wildes Durcheinander und ein Flintengeknatter, wie wir’s nie gehört hatten, und die Luft war so voll von Pulverdampf, daß wir nur ab und zu einen schnellen Blick auf das Handgemenge werfen konnten.

Es müssen wohl mindestens sechshundert Mann an der Schlacht beteiligt gewesen sein, und der Anblick war fürchterlich. Allmählich lösten sie sich in einzelne kleine Abteilungen und Gruppen auf, die in verzweifelter Wut miteinander kämpften und nicht abließen, wie wenn sie sich ineinander verbissen hätten. Wenn der Pulverqualm sich auf kurze Augenblicke ein wenig verzog, konnten wir tote und verwundete Menschen und Kamele überall auf dem Boden verstreut liegen sehen, und die Tiere liefen wie toll nach allen Richtungen davon.

Schließlich sahen die Räuber ein, daß sie nichts ausrichten konnten; ihr Hauptmann blies ein Signal und was von ihnen noch am Leben war, sprengte über die Wüste davon. Der Letzte von den Räubern riß noch ein Kind an sich und warf es vor seinem Sattel über das Pferd, und ein Weib rannte schreiend und flehend hinter ihm her, bis sie eine weite Strecke von ihren Leuten entfernt war. Sie konnte ihn nicht einholen und schließlich gingen ihr die Kräfte aus und wir sahen, wie sie auf dem Sande zusammenbrach und das Gesicht mit den Händen bedeckte.

Da sprang Tom ans Steuer; wie der Sturmwind sausten wir auf den Schurken los und unsere Gondel traf ihn, daß das Pferd niederfiel und Räuber und Kind aus dem Sattel flogen. Er hatte eine ganz gehörige Schramme gekriegt, aber das Kind war heil und ganz und lag mit Armen und Beinen strampelnd da, wie ein Käfer, der auf den Rücken gefallen ist und nicht wieder hoch kommen kann. Der Mann humpelte davon, um wieder sein Pferd zu besteigen; er machte ein ganz verblüfftes Gesicht, weil er nicht wußte, was ihn umgeschmissen hatte, denn wir waren inzwischen schon wieder drei- bis vierhundert Meter hoch oben in der Luft.

Wir dachten, das Weib wäre nun hingegangen und hätte sich ihr Kind geholt; aber das tat sie nicht. Wir sahen durch unsere Ferngläser, wie sie noch immer auf derselben Stelle saß, den Kopf auf die Kniee gesenkt. Sie hatte deshalb natürlich von dem ganzen Vorgange nichts bemerkt und glaubte, ihr Kind wäre ihr von dem Mann für ewig geraubt. Sie mochte eine halbe Meile von der Karawane entfernt sein und das Kind lag etwa eine Viertelmeile von ihr auf dem Sand. Wir beschlossen daher, es aufzuheben, denn vor den Leuten der Karawane brauchten wir keine Angst zu haben; sie konnten nicht so schnell zu uns herankommen; außerdem hatten sie noch für eine gute Weile alle Hände voll zu tun, um für ihre Verwundeten zu sorgen. Deshalb beschlossen wir, das Wagnis zu unternehmen.

Wir gingen bis auf den Grund herab; Jim kletterte die Leiter herunter und hob das kleine Kindchen auf; es war ein hübscher dicker Bengel und er jauchzte und kreischte vor Vergnügen, was in Anbetracht der Umstände eine anerkennenswerte Leistung war -- denn er hatte doch gerade eben eine große Schlacht mitgemacht und war von einem Pferde abgeworfen worden.

Darauf segelten wir an die Mutter heran; wir hielten dicht hinter ihrem Rücken und Jim kletterte wieder heraus und ging leise mit dem Kind auf dem Arm zu ihr heran, und das Kleinchen lallte und quiekte und sie hörte es und fuhr mit einem Freudenschrei herum. Dann nahm sie ihr Kind und herzte und küßte es und setzte es wieder hin und herzte und küßte Jim und hing ihm eine goldene Kette um, und fiel ihm wieder um den Hals. Und dann riß sie wieder ihr Kind an sich und drückte es gegen ihren Busen und schluchzte und jauchzte immer durcheinander. Jim sprang schnell nach der Strickleiter und war im Nu oben bei uns in der Gondel. Eine Minute darauf waren wir wieder hoch oben unterm Himmel, und da stand das Weib und sah uns nach, den Kopf ganz tief in den Nacken zurückgeworfen, und das Kind hatte die Aermchen um ihren Hals geschlungen.

Und so stand sie und sah uns nach, bis wir vor ihren Blicken tief im Himmel verschwunden waren.

Siebentes Kapitel.

»Mittag!« sagte Tom. Und so mußte es wohl sein, denn sein Schatten bildete nur einen kleinen Fleck um seinen Fuß herum.

Wir hatten in unserer Gondel zwei Uhren, die nebeneinander befestigt waren und ganz verschiedene Zeiten anzeigten. Tom sagte, es wären Chronometer, und der eine zeigte die Zeit von St. Louis, der andere die von Grinnitsch. Wir sahen nun auf diesen nach und es war beinahe aufs Haar zwölf Uhr. So sagte denn Tom, Grinnitsch -- oder London, denn das wäre ein und dasselbe -- wäre entweder direkt nördlich oder direkt südlich von uns; aus der Hitze aber und dem Sand und den Kamelen schlösse er, daß London wohl eher nördlich läge und zwar ’ne ganz gehörige Anzahl Meilen -- etwa soweit wie von New York nach der Stadt Mexiko.

Jim meinte, ein Luftballon wäre doch wohl das schnellste Ding auf der Welt; wenn nicht etwa irgend ein Vogel noch schneller wäre -- vielleicht ’ne wilde Taube oder ’ne Eisenbahn.

Aber Tom sagte, er hätte gelesen, daß in England mit der Eisenbahn auf kurze Strecken bereits eine Geschwindigkeit von hundert Meilen in der Stunde erzielt worden wäre, und es gäbe auf Erden keinen Vogel, der eine solche Leistung fertig brächte -- mit Ausnahme eines einzigen, und das wäre ein Floh.

»Ein Floh? Hm, Massa Tom, erst mal is ein Floh sozusagen kein Vogel nix ...«

»Ist kein Vogel, häh! Na, was ist er denn?«

»Ich weiß nix so genau, Massa Tom, aber ich denk beinah, es is woll bloß so ’n Art Tier. Oder nein -- das is woll auch nix richtig -- denn for’n Tier is er nix groß genug. Er muß ’n Käfer sein -- jawoll, das muß er -- ’n Käfer muß er sein.«

»Ich will wetten, er ist keiner -- aber einerlei! Was hast du für’n ›Zweitens‹ vorzubringen?«

»Nu, zweitens: Vögel machen ’ne weite Entfernung, aber ’n Floh nix.«

»Nicht? Wirklich nicht? Na, denn sag mir mal, was ist denn wohl ’ne weite Entfernung?«

»Nu, Meilen! ... ne Masse Meilen! Das weiß doch eine jede Kind!«

»Kann ein Mensch meilenweit laufen?«

»Jawoll, kann er!«

»So viel Meilen wie ’ne Eisenbahn?«

»Jawoll, wenn er Zeit haben tut.«

»Kann ein Floh das auch?«

»Nu, hm, o jawoll ... warum nix? Wenn er _viel_ Zeit haben tut.«

»Aha! Nun fängst du wohl an zu begreifen, daß es nicht auf die Entfernung an sich ankommt, sondern auf die Zeit, die man braucht, um eine Entfernung zurückzulegen, nicht wahr?«

»Hm, nu ja, es sieht so aus -- aber ich hätt’s nix geglaubt, Massa Tom!«

»Es kommt aufs _Verhältnis_ an, mein Lieber; und wenn ihr über die Schnelligkeit eines Geschöpfes urteilen wollt, so müßt ihr dessen verhältnismäßige Größe in Betracht ziehen. Und wo bleibt da euer Vogel und euer Mensch und eure Eisenbahn, wenn ihr damit einen Floh vergleicht? Der schnellste Mensch kann laufend nicht mehr als ungefähr zehn Meilen in der Stunde zurücklegen -- nicht viel mehr als das Zehntausendfache seiner eigenen Länge. Aber in jedem Buch könnt ihr lesen, daß ein ganz gewöhnlicher Floh dritter Güte hundertfünfzigmal so weit springt wie er selber groß ist; und in einer Sekunde kann er fünf Sprünge machen -- das ist das Siebenhundertfünfzigfache seiner eigenen Länge, in einer einzigen kleinen Sekunde, denn er verliert keine Zeit damit, daß er anhält und einen neuen Anlauf nimmt; das macht er sofort in _einem_ ab. Ihr könnt das selber sehen, wenn ihr versucht, einen Floh unter euren Finger zu kriegen. Nun, das leistet ein ganz gewöhnlicher Floh dritter Güte; nehmt aber mal erst einen erstklassigen italienischen, der sein Leben lang der Liebling der hohen Aristokratie gewesen ist und gar nicht weiß, was Not und Hunger ist: der macht Sprünge, die das Dreihundertfache seiner Länge betragen, und der hält eine Leistung von fünfzehnhundert Flohlängen in der Sekunde einen ganzen Tag aus! Nun nehmen wir mal an, ein Mann könnte in einer Sekunde fünfzehnhundert Mannslängen zurücklegen -- das macht ungefähr anderthalb Meilen. In einer Minute neunzig Meilen und in einer einzigen Stunde beträchtlich mehr als fünftausend Meilen. Na, wo bleibt jetzt euer Mensch? und euer Vogel und eure Eisenbahn und euer Luftballon? Auf ihre Geschwindigkeiten hustet ja unser Floh! Ein Floh ist an Geschwindigkeit geradezu ein Komet im kleinen!«

Jim war ganz verblüfft -- und ich nicht weniger. Schließlich sagte Jim:

»Sein auch diese Zahlen ganz genau, un is es kein Spaß nix un keine Lüge nix, Massa Tom?«

»Ja, die Zahlen stimmen ganz genau!«

»Nu, denn alle Achtung vor eine Floh! Ich hab’ nix grad viel Achtung gehabt vor die Floh ... aber die Floh verdient sie ... das is gewiß!«

»Na, das will ich meinen! Er ist nicht bloß schneller, sondern auch klüger und verständiger als irgend ein Geschöpf auf der Welt -- immer im Verhältnis zu ihrer Größe. Man kann Flöhe fast zu allem abrichten: und sie lernen es schneller als jedes andere Wesen. Sie können in vollem Geschirr kleine Wagen ziehen, und gehen damit hierhin oder dorthin -- je nachdem der Befehl lautet. Und marschieren und exerzieren tun sie wie richtige Soldaten und so stramm aufs Kommando, wie nur der beste Soldat. Sie haben alle möglichen schwierigen und anstrengenden Uebungen gelernt. Angenommen, man könnte einen Floh züchten, der die Größe eines Mannes erreichte und seine angeborene Klugheit und geistige Regsamkeit nähme dabei im selben Verhältnis zu, wie das Wachstum seiner Glieder -- was meint ihr wohl, wo bliebe da das Menschengeschlecht? _Der_ Floh würde Präsident der Vereinigten Staaten werden -- dagegen wäre ebensowenig was zu machen, wie wir verhindern können, daß es blitzt!«

»O du liebe große Gott, Massa Tom! Davon hatt’ ich ja nie nix ’ne Ahnung, daß die Floh so eine gewaltige Tier sei! Warraftig, das kam mir nie nix in Sinn, un das sag _ich_!«

»Im Verhältnis zu seiner Größe übertrifft er, und zwar bei weitem, jedes andere Geschöpf, Mensch wie Tier. Er ist das interessanteste von allen. Man redet so viel von der Stärke einer Ameise, eines Elefanten, einer Lokomotive. Quatsch! An ’nen Floh können die nicht tippen! Der kann das Zwei- oder Dreihundertfache seines eigenen Gewichts heben. Das kann sonst niemand auch nur annähernd. Außerdem macht so’n Floh sich seine eigenen Gedanken; er ist ein origineller Kopf und läßt sich kein X für ein U machen; sein Instinkt oder seine Ueberlegung -- oder was es sonst ist -- ist vollkommen gesund und klar und irrt sich niemals. Die Leute meinen, ’nem Floh sei ein Mensch so lieb wie der andere. Aber das stimmt nicht. Gewissen Menschen kommt er niemals zu nahe, mag er noch so hungrig sein, und zu diesen Menschen gehöre ich. Ich habe in meinem ganzen Leben niemals ’nen einzigen Floh auf mir gehabt.«

»Massa Tom!!«

»Ja, so ist’s. Ich spaße nicht.«

»Nanu! Da mussen ich sagen: sowas hab’ ich in mein Leben nix gehören!«

Jim konnte es nicht glauben, und ich auch nicht. So mußten wir denn den Ballon ’runterlassen, uns auf den Sand setzen und ’ne Anzahl Flöhe auf uns ’rauf hüpfen lassen; denn so eine wunderbare Geschichte wollten wir mit eigenen Augen sehen. Tom hatte recht. An mich und Jim gingen sie zu Tausenden ’ran, aber kein einziger ließ sich auf Tom nieder. Eine Erklärung gab’s dafür nicht, aber die Tatsache war da -- darum ließ sich nicht ’rumkommen. Er sagte, es sei schon immer so gewesen und er wolle sich ganz ruhig unter ’ner Million von Flöhen niederlassen; sie würden ihn weder anrühren noch sonstwie belästigen.

Wir stiegen in die kalte Luftschicht empor, um die Flöhe durch den Frost zu vertreiben; da blieben wir ’ne kleine Weile und begaben uns dann wieder in die behagliche Temperatur. Wir bummelten ganz gemütlich mit ’ner Geschwindigkeit von zwanzig oder fünfundzwanzig Meilen in der Stunde durch die Luft. So hatten wir’s die letzten paar Stunden schon gemacht; denn je länger wir in dieser feierlichen friedvollen Wüste waren, desto mehr schwand alle Hast und Unruhe aus unseren Herzen, und desto glücklicher und zufriedener ward uns zu Mute; die Wüste gefiel uns immer besser und schließlich liebten wir sie geradezu. So hatten wir denn, wie gesagt, die Geschwindigkeit beträchtlich gemindert und faulenzten so recht mit Behagen, indem wir bald mal durch die Fernrohre guckten, bald uns auf den Bänken ausstreckten und lasen, bald ein bißchen druselten.

Das klingt eigentlich komisch -- denn wie eilig hatten wir’s noch ganz kurz vorher gehabt, an Land zu kommen und auszusteigen! Aber daran dachten wir gar nicht mehr. Wir waren mit dem Luftschiff jetzt völlig vertraut und hatten keine Angst mehr und wünschten uns gar nichts Besseres, als nur so weiter zu fahren. Wir fühlten uns wahrhaftig ganz wie zu Hause; mir kam’s beinahe vor, als sei ich in dem Luftballon geboren und aufgewachsen; und Jim und Tom sagten, ihnen sei’s auch so. Und ich hatte ja immer eklige Menschen um mich ’rum gehabt, die mich ausschalten und pufften, und fortwährend dies und das zu tadeln hatten und bald dies bald jenes anders gemacht haben wollten und überhaupt fortwährend was für mich zu tun hatten und gerade immer etwas, wozu ich keine Lust hatte. Und wenn ich mich dann natürlich drückte und irgendwas anderes machte, gab’s Keile, daß mir gar manchmal das ganze Leben zur Last war. Aber hier oben in den himmlischen Lüften, da war’s so still und sonnenwarm und lieblich; dabei zu essen, so viel man mochte, und schlafen können, so oft man Lust hatte, und merkwürdige Dinge zu sehen, und kein Nörgeln und Schimpfen, keine braven Leute und immerzu Sonntag! Herrgott -- ich hatt’s wahrhaftig nicht eilig, unser Luftschiff zu verlassen und mich wieder mit der Zivilisation ’rumzuschlagen. Zu den ekligsten Eigenschaften der Zivilisation gehört es, daß jeder, der ’nen unangenehmen Brief gekriegt hat, damit zu einem kommt und einem die ganze Geschichte haarklein erzählt, daß einem hundeelend zu Mute wird; und die Zeitung teilt alles Widerwärtige mit, was auf der ganzen Welt passiert, so daß man fast immer trübsinnige und katzenjämmerliche Gefühle hat -- und das ist für ’nen einzelnen Menschen wirklich ’ne schwere Last. Ich hasse diese Zeitungen! ich hasse Briefe! und wenn’s nach mir ginge, dürfte niemand einen, den er gar nicht kennt, am andern Ende der Welt mit seinen Schauergeschichten anöden. Na, hoch oben in ’nem Luftballon gibt’s so was nicht und deshalb ist so’n Luftballon das reizendste Ding auf der ganzen Welt.

Wir aßen zu Abend und dann kam die Nacht; und diese Nacht war eine von den schönsten, die ich je erlebt habe. Der Mond schien so hell, daß wir denken konnten es sei Tag; nur war das Licht viel viel sanfter. Einmal sahen wir ’nen Löwen, der ganz einsam dastand, wie wenn er auf der weiten Welt mutterseelenallein wäre, und auf dem Sand lag sein Schatten wie ein schwarzer Tintenklex. Das ist gerade die richtige Sorte Mondschein!

Die meiste Zeit über lagen wir auf dem Rücken und plauderten; zum Schlafen hatten wir gar keine Lust. Tom sagte, wir seien jetzt mitten drin in Tausendundeiner Nacht. Gerade hier müsse die Gegend sein, wo mal eine von den verschmitztesten Geschichten sich zugetragen habe. Wir guckten über den Rand unseres Luftballons und sahen uns die Gegend an, während er erzählte; denn nichts ist so interessant anzusehen, als ’ne Gegend, die in ’nem Buch vorkommt. Die Geschichte handelte von ’nem Kameltreiber, der sein Kamel verloren hatte; er läuft in der Wüste ’rum und trifft ’nen Mann und sagt:

»›Bist du nicht heute einem verlaufenen Kamel begegnet?‹

»Und der Mann sagt:

»›War es auf dem linken Auge blind?‹

»›Ja.‹

»›Hatte es einen von den oberen Vorderzähnen verloren?‹

»›Ja.‹

»›War es auf dem rechten Hinterfuß lahm?‹

»›Ja.‹

»›War es auf der einen Seite mit Hirse, und auf der anderen mit Honig beladen?‹

»›Ja! Aber du brauchst keine Einzelheiten mehr anzuführen. Es ist mein Kamel, und ich hab’s eilig. Wo hast du es gesehen?‹

»›Gesehen hab ich’s überhaupt nicht‹, sagt der Mann.

»›Was? Ueberhaupt nicht gesehen? Wie kannst du’s denn so genau beschreiben?‹

»›Das ist ganz einfach! Wenn einer seine Augen zu benutzen weiß, so hat alles was er sieht, Sinn und Bedeutung; aber die meisten Leute wissen mit ihren Augen gar nichts anzufangen. Daß ein Kamel vorbeigelaufen war, wußte ich, weil ich seine Spur sah. Ich wußte, daß es auf dem rechten Hinterfuß lahmte, weil es diesen Fuß geschont hatte und leicht damit aufgetreten war. Das sah ich an der Spur. Auf dem linken Auge mußte es blind sein, weil es nur rechts vom Wege das Gras abgerupft hatte. Einen von den oberen Vorderzähnen mußte es verloren haben, weil in der Zahnspur im Grase eine Lücke war. Die Hirse war an der einen Seite herausgerieselt -- das erzählten mir die Ameisen; an der anderen Seite war Honig herniedergeträufelt -- das erzählten mir die Fliegen. Also wußte ich von deinem Kamel ganz genau Bescheid; aber gesehen hab’ ich’s nicht.‹«

»Weiter, Massa Tom!« ruft Jim. »Das is ein riesig guter Geschicht, un mächtig intressant!«

»Das ist alles,« sagt Tom.

»Alles?« schreit Jim verblüfft. »Was werd denn aus die Kamel?«

»Weiß ich nicht.«

»Massa Tom, stehen nix von in das Geschicht?«

»Nein.«

Jim denkt kopfschüttelnd ’ne Minute nach; dann sagt er:

»Warraftig! Das is der verflixteste Geschicht, wo ich kennen! Grad an die Platz, wo die Neugier werden gluhig heiß -- schwapp ab! Warraftig, Massa Tom, in ein Geschicht, der sich so benehmen tun, is kein Sinn nix un keine Verstand. Habbe Sie keine Idee nix, ob die Mann seinen Kamel wieder kriegen tun oder nix?«

»Habe keine Ahnung.«

Ich sah selber ein, in der Geschichte war kein Sinn und Verstand, denn was soll das heißen, daß es plötzlich alle ist, ehe es zum Schluß kommt? Aber ich wollte lieber nichts sagen, denn Tom machte schon ein ganz saures Gesicht, weil Jim richtig wieder den wunden Punkt von der Geschichte angetippt hatte, und ich find’s nicht schön, wenn sich alle auf einen stürzen, der schon unterliegt. Aber Tom dreht sich nach mir um und fragt:

»Was meinst du denn zu der Geschichte?«

Na, da mußte ich denn natürlich aus dem Loch heraus und Farbe bekennen; und so sagte ich, mir käm’ es auch so vor wie Jim: daß die Geschichte gerade in der Mitte abbräche und gar nicht zu Rande käme; und darum wär’s überhaupt nicht der Mühe wert, sie zu erzählen.

Tom ließ sein Kinn auf die Brust sinken; aber er wurde nicht wild, wie ich gedacht hatte, als er mich seine Geschichte tadeln hörte, sondern er wurde bloß traurig und sagte:

»Es gibt Leute, die sehen können, und es gibt welche, die’s nicht können -- gerade wie der Mann in der Geschichte sagte. Da könnte ’ne Windhose vorbeikommen geschweige denn ein Kamel -- _ihr_ Dämelsäcke würdet keine Spur davon sehen!«

Was er damit sagen wollte, weiß ich nicht und erklären tat er seine Worte nicht; es war wohl eine von seinen ›Irrulevanzen‹, wie er die Dinger selber nannte -- manchmal war er ganz voll von denen, nämlich besonders, wenn er in die Enge getrieben war und nicht wußte, wie er wieder ’rauskommen sollte. Aber ich machte mir weiter nichts draus. Wir hatten ihm einen aufgemutzt und der hatte gesessen -- davon konnte er nichts abstreiten. Und ich glaube, das wurmte ihn, obwohl er sich Mühe gab, sich nichts merken zu lassen.

Achtes Kapitel.

Zeitig am Morgen frühstückten wir etwas; dann guckten wir wieder auf die Wüste ’runter und das Wetter blieb fortwährend so mollig und warm, aber nicht heiß, obwohl wir nicht sehr hoch über der Erde schwebten. Nach Sonnenuntergang muß man nämlich immer tiefer herabsteigen, weil die Luft sich so schnell abkühlt; und so streicht man denn um die Zeit der Morgendämmerung ganz dicht über den Sand weg.

Wir sahen zu, wie der Schatten unseres Ballons über den Boden hinglitt, und ließen dann und wann mal die Blicke über die Wüste streifen, ob sich nicht irgendwo was regte -- da sahen wir plötzlich unmittelbar unter uns eine Menge Menschen und Kamele auf dem Sande verstreut herumliegen. Und sie lagen so ruhig, wie wenn sie schliefen.

Wir stellten die Bewegungskraft unseres Luftschiffs ab und hielten still, und da sahen wir, daß sie alle tot waren. Ein kalter Schauer überlief uns, wir wurden ganz kleinlaut und sprachen leise wie Leute bei ’nem Leichenbegängnis. Langsam ließen wir unser Schiff zur Erde nieder und hielten still; Tom und ich stiegen aus und gingen zu den Toten. Es waren Männer, Weiber und Kinder. Sie waren von der Sonne gedörrt und die Haut war zusammengeschrumpft und sah aus wie Leder -- genau wie die Abbildungen von Mumien, die man in den Büchern sieht. Und trotzdem sahen sie ganz menschlich aus, wie wenn sie nur schliefen -- wenn ich’s nicht selber gesehen hätte, ich würde es nicht glauben.

Einige von den Menschen und Tieren waren zum Teil mit Sand bedeckt, die meisten aber nicht, denn der Sand bildete an jener Stelle nur eine dünne Schicht über felsigem Erdreich. Die Kleider waren ihnen fast gänzlich vom Leibe gefault; wenn man ein Stück Zeug anfaßte, blieb es einem zwischen den Fingern wie Spinnewebe. Tom meinte, sie müßten schon jahrelang dagelegen sein.

Den Männern lagen zum Teil rostige Flinten zur Seite; andere waren mit Schwertern umgürtet und hatten lange Binden um den Leib gewickelt, in denen große silberbeschlagene Pistolen staken. Alle Kamele trugen noch ihre Lasten auf dem Rücken, aber die Bündel waren geborsten oder zerfallen und ihr Inhalt hatte sich über den Boden ergossen. Uns dünkte, die Toten könnten mit ihren Säbeln ja doch nichts mehr anfangen; deshalb nahm jeder von uns einen zu sich, dazu auch mehrere Pistolen. Auch nahmen wir ein kleines Kästchen, weil es so hübsch und mit so feiner Arbeit eingelegt war. Gern hätten wir dann die Leute begraben; aber obwohl wir lange darüber nachdachten, wollte uns nicht einfallen, wie wir das bewerkstelligen könnten, denn wir hatten bloß Sand zur Verfügung, und der wäre natürlich sofort wieder auseinandergefegt worden.

Hierauf stiegen wir wieder in die Lüfte empor und segelten weiter, und gar bald war der schwarze Fleck auf dem Land außer Sicht und wir dachten, die armen Menschen da unten würden wir auf dieser Welt wohl niemals wiedersehen. Wir stellten allerlei Mutmaßungen auf, wie sie wohl an jene Stelle in der Wüste gekommen wären und was ihnen alles passiert sein könnte, aber wir wußten nicht, was wir daraus machen sollten. Zuerst dachten wir, vielleicht hätten sie sich verirrt und wären in der Wüste herumgezogen, bis ihr Essen und Trinken ihnen ausgegangen und sie verhungert und verdurstet wären; aber Tom sagte, weder wilde Tiere noch Geier hätten ihre Leichen angerührt, und deshalb könnte diese Vermutung nicht richtig sein. Schließlich gaben wir’s auf, uns den Kopf darüber zu zerbrechen, und nahmen uns vor, gar nicht mehr daran zu denken, denn es versetzte uns in eine traurige Stimmung.