Tom Sawyers Neue Abenteuer

Part 2

Chapter 24,065 wordsPublic domain

Das Ding, worin der Professor war, sah aus wie ’n Boot, groß und geräumig, und auf der Innenseite liefen rings herum wasserdichte Behälter, um alle möglichen Sachen aufzubewahren; man konnte auf ihnen sitzen und sie auch als Bettstellen benutzen, wenn man schlafen wollte. Wir gingen an Bord. Es waren ungefähr zwanzig Leute darin, die überall herumschnüffelten und sich alles ansahen, und der alte Nat Parsons war auch dabei. Der Professor machte sich eifrig mit den Vorbereitungen zum Aufstieg zu schaffen und die Besucher stiegen daher wieder aus, einer nach dem andern, und Nat Parsons war der letzte. Natürlich ging es nicht an, daß er nach uns das Luftschiff verließ, denn wir mußten unbedingt die Letzten sein, um Toms und seines Publikums willen. Deshalb blieben wir ganz ruhig in der Gondel.

Endlich aber war er draußen; es wurde daher auch für uns Zeit auszusteigen. Ich hörte ein lautes Geschrei und drehte mich um -- die Stadt sank unter uns in die Tiefe als wäre sie aus einer Kanone geschossen! Mir wurde vor Angst ganz übel. Jim wurde grau und konnte kein Wort herausbringen und Tom sagte ebenfalls nichts, sah aber ganz aufgeregt aus. Die Stadt sank immer tiefer, tiefer, tiefer; wir selber aber schienen ganz still immer auf demselben Fleck in der Luft stehen zu bleiben. Die Häuser wurden kleiner und immer kleiner, und die Stadt schob sich zusammen, dicht und immer dichter, und Menschen und Fuhrwerke sahen aus wie herumkrabbelnde kleine Ameisen und Käfer und die Straßen wurden zu Fäden und feinen Spalten. Dann schmolz alles ineinander zusammen und es war überhaupt keine Stadt mehr da -- nur ein großer Fleck auf der Erde, und es kam mir vor, als könnte man tausend Meilen stromaufwärts und tausend Meilen weit stromabwärts sehen -- obwohl es natürlich nicht so viel war. Allmählich wurde die Erde zu einer Kugel von düsterer Färbung, die kreuz und quer von hellen Streifen durchgezogen -- das waren Flüsse. Witwe Douglas hatte mir immer schon erzählt, die Erde sei rund wie ’ne Kugel, aber ich mochte auf ihren abergläubischen Kram nicht hören und hatte natürlich auch diesen Unsinn nicht weiter beachtet, denn ich sah ja selber, daß die Welt flach ist wie ’n Teller. Ich war sogar auf den Berg gegangen und hatte mich mit eigenen Augen umgeguckt, um mich zu überzeugen -- denn ich bin der Meinung, man kriegt am besten ’nen richtigen Begriff von einer Sache, wenn man sie sich selbst ansieht, und sich nicht auf das verläßt, was andere Leute sagen. Aber nun mußte ich zugeben, daß Witwe Douglas recht gehabt hatte. Das heißt: sie hatte recht mit Bezug auf den übrigen Teil der Welt; aber der Teil, worauf unser Städtchen liegt, der ist und bleibt flach wie ’n Teller, darauf will ich ’nen Eid leisten! Der Professor war die ganze Zeit über ruhig gewesen, beinahe als ob er schliefe; aber auf einmal brach er los und rief in bitterem Zorn:

»Die Idioten! Sie sagten mein Schiff würde nicht fliegen, und wollten’s untersuchen und darauf herumspionieren und das Geheimnis aus mir herauslocken! Aber ich hab’ sie angeführt! Kein Mensch kennt das Geheimnis außer mir. Niemand außer mir weiß, was das Schiff treibt; ’s ist ’ne neue Kraft -- ’ne ganz neue, tausendmal so stark als alles andere auf Erden. Dampf ist Kaff dagegen. Sie sagten, ich könnte nicht nach Europa fahren. Nach Europa! Bah, ich habe Kraft für fünf Jahre an Bord und Lebensmittel für drei Monate. Sie sind verrückt! Was verstehen sie davon? Und dann sagten sie, mein Schiff sei zerbrechlich! Zerbrechlich! Fünfzig Jahre lang kann’s aushalten. Ich kann mein ganzes Leben lang in den Lüften herumfahren, wenn ich Lust habe, und kann es steuern, wohin ich will. Und sie lachten mich aus und sagten, ich könnt’s nicht. Könnt’ nicht steuern! Komm her, Junge; das wollen wir gleich mal sehen. Du drückst bloß auf die Knöpfe, die ich dir bezeichne.«

Er ließ nun Tom das Schiff nach allen Richtungen hin steuern und Tom lernte es im Handumdrehen; er sagte uns, es ginge ganz leicht. Der Professor ließ ihn das Schiff beinahe ganz auf den Erdboden herunterbringen, und es strich so dicht über die Felder von Illinois hin, daß man mit den Landleuten hätte sprechen können, denn wir hörten ganz deutlich jedes Wort, das sie sagten. Und der Professor warf ihnen bedruckte Zettel zu, darin stand allerlei über den Ballon, und daß wir nach Europa segelten. Dann brachte der Professor Tom bei, wie er den Ballon zu landen hätte. Auch das lernte er famos, er setzte uns ganz sanft und leise auf die Wiese nieder. Aber sowie wir Miene machten auszusteigen, rief der Professor: »Nä, das nicht!« und ließ den Ballon wieder in die Lüfte emporschießen. Jim und ich begannen zu flehen, aber das machte den Mann bloß ärgerlich, er fing an zu toben und vor Wut die Augen zu verdrehen, und ich kriegte ’ne Höllenangst vor ihm. Dann fing er wieder von den bösen Menschen an und brummte und knurrte darüber, wie man ihn behandelt hätte; und besonders darüber, daß die Leute gesagt hatten, sein Schiff sei zerbrechlich, konnte er, wie’s scheint, nicht hinwegkommen. Und dann hatte man gesagt, das Luftschiff sei nicht einfach genug und werde fortwährend in Unordnung geraten. In Unordnung! Das regte ihn fürchterlich auf; er rief, der Ballon würde so wenig in Unordnung geraten wie ’ne Sonnenzisterne.[3]

[3] Eine kleine Verwechselung mit dem Sonnensystem.

Es wurde immer schlimmer mit ihm und ich habe niemals einen Menschen in solcher Wut gesehen. Beim bloßen Anblick überlief mich ’ne Gänsehaut und Jim ging’s nicht besser. Allmählich wurde sein Sprechen zu lautem Geschrei und Gekreisch; er schwor, die Welt sollte sein Geheimnis überhaupt nicht kennen lernen; man hätte ihn zu niederträchtig behandelt. Er wollte mit seinem Ballon um den ganzen Erdball herumfahren, um ihnen zu zeigen, was er damit leisten könnte, und dann wollte er den Ballon und sich selber und uns dazu ins Meer versenken. Es war ’ne verflucht ungemütliche Lage für uns, und dabei brach auch noch die Nacht herein.

Er gab uns was zu essen und befahl uns dann, nach dem hinteren Ende der Gondel zu gehen. Er selbst streckte sich auf einer von den Bänken aus, von wo aus er den ganzen Mechanismus hantieren konnte, legte seine alte Revolver-Pfefferbüchse unter seinen Kopf und sagte, wenn einer von uns so verrückt wäre, das Luftschiff landen zu wollen, den würde er totschießen.

Wir saßen aneinander geschmiegt und machten uns recht viele Gedanken, sprachen aber wenig -- wir hatten zu große Angst. Allmählich senkte sich die Nacht hernieder. Wir segelten ziemlich niedrig, und im Mondschein sah alles so hübsch und lieblich aus; wir hörten die Geräusche, die von den Gehöften kamen, und wünschten, wir wären dort unten. Aber wie ein Geisterhauch schwebten wir über sie hin, ohne eine Spur zu hinterlassen. Spät in der Nacht -- man hörte den Geräuschen von drunten an, daß es spät war, und man merkte es an der Luft, ja man roch es ihr sozusagen an -- dem Gefühl und Geruch der Luft nach dachte ich, es müsse etwa zwei Uhr sein -- spät in der Nacht also sagte Tom, der Professor wäre jetzt so still, er müßte wohl eingeschlafen sein, und darum sollten wir ...

»Sollten wir ... was?« fragte ich flüsternd. Und mir war ganz schlimm dabei zu Mute, denn ich wußte, woran Tom dachte.

»Wir sollten uns zu ihm heranschleichen und ihn binden und mit dem Luftschiff landen!« antwortete er.

Ich sagte: »Um Gottes willen nicht! Rühr’ dich nicht vom Fleck, Tom Sawyer!«

Und Jim -- ja, dem blieb vor Angst einfach die Luft weg. Er sagte:

»O, Massa Tom, tu Sie ja nich! Wenn Sie ihn anrühren, es sein alle mit uns, warraftig alle mit uns! Ich tät’ ihm nich zu nah kommen, nich für nix auf die Welt! Er sein verrückt wie ’ne ...«

»Eben drum!« flüsterte Tom. »Eben drum _müssen_ wir das tun. Wäre er nicht verrückt, so gäbe ich, ich weiß nicht was, darum, um bloß hier auf dem Luftschiff zu sein; keine zehn Pferde sollten mich von hier wegkriegen, jetzt wo ich mit dem Ding umzugehen weiß und die erste Angst, als wir plötzlich den festen Grund unter den Füßen verloren, überwunden ist. Wenn er nur seinen rechten Verstand hätte! Aber mit so ’nem Menschen ’rumzugondeln, der ’ne Schraube verloren hat und sagt, er wolle um die Welt segeln und nachher uns alle ersäufen -- nee, das geht nicht. Wir _müssen_ was tun, sage ich euch, und zwar bevor er aufwacht, sonst haben wir vielleicht niemals wieder ’ne Gelegenheit dazu. Kommt!«

Aber uns überlief ’ne eiskalte Gänsehaut bei dem bloßen Gedanken daran, und wir rührten uns nicht von der Stelle. Tom sagte darauf, er wollte allein an den Professor herankriechen und versuchen, ob er nicht an den Steuerapparat herankommen und den Ballon landen könnte. Wir baten und flehten, er möchte es nicht tun, aber es half uns nichts. Er kroch auf Händen und Füßen Zoll um Zoll vorwärts, und uns stockte der Atem, als wir das mit ansahen. Als er in der Mitte der Gondel angekommen war, fing er an noch langsamer zu kriechen, und mir kam es vor, als vergingen Jahre darüber. Zuletzt aber sahen wir, wie er bei des Professors Kopf war; da richtete er sich halb auf und sah ihm ins Gesicht und lauschte. Dann kroch er wieder Zoll um Zoll zu des Professors Füßen herunter, wo die Steuerknöpfe waren. Er kam auch richtig an und griff langsam und bedächtig nach den Knöpfen; aber dabei stieß er an irgend etwas an. Es gab ein Geräusch, und plumps! lag er flach auf dem Boden der Gondel.

Der Professor fuhr empor und rief: »Was ist das?«

Aber wir hielten uns alle mäuschenstill; er brummte und gähnte und streckte sich wie jemand, der aus dem Schlaf aufwacht, und ich dachte, ich sollte vor Angst und Zagen umkommen.

Auf einmal schob sich eine Wolke vor den Mond, und ich hätte vor Freude beinahe laut aufgeschrieen. Der Mond verschwand immer tiefer in den Wolken und es wurde so dunkel, daß wir Tom nicht mehr sehen konnten. Dann begannen Regentropfen zu fallen und wir hörten, wie der Professor an seinen Stricken und Knöpfen herumbastelte und auf das Wetter fluchte. Wir fürchteten jede Minute, er könnte Tom entdecken -- und dann wären wir alle rettungslos verloren gewesen. Aber Tom war schon auf dem Rückweg und auf einmal fühlten wir seine Hände auf unseren Knieen. Da ging mir vor Angst plötzlich die Luft aus und das Herz fiel mir in die Hosen; denn in der finsteren Nacht konnte ich nicht wissen, ob es nicht der Professor wäre; und ich dachte wirklich, er wär’s.

O je, die Freude, als wir ihn nun wirklich zurück hatten! So vergnügt kann bloß einer sein, der mit einem Verrückten in der Luft ’rumfährt! Im Dunkeln kann man mit einem Luftballon nicht landen; ich hoffte daher, der Regen möchte andauern, denn ich wünschte durchaus nicht, daß Tom noch ’mal sein Glück versuchte und uns wieder in die unbehagliche Angst versetzte. Na, mein Wunsch ging in Erfüllung. Den ganzen übrigen Teil der Nacht regnete es immer sachte weg; das war nun freilich keine sehr lange Zeit, uns aber kam sie endlos vor.

Mit Tagesanbruch heiterte der Himmel sich auf und die Welt sah über alle Maßen lieblich und hübsch aus in ihrem grauen Dunst, und was für’n schöner Anblick war’s, Felder und Wälder wieder zu sehen! Und Pferde und Ochsen standen so klar und deutlich da und sahen so nachdenklich aus. Dann kam in heiterer Pracht die Sonne herauf, und wir fühlten auf einmal wie müde und kaput wir waren, und ehe wir’s uns versahen, waren wir alle drei fest eingeschlafen.

Drittes Kapitel.

Als wir einschliefen, war es ungefähr vier Uhr und gegen acht wachten wir auf. Der Professor saß auf seinem Platz und machte ein verdrießliches Gesicht. Er warf uns etwas zum Frühstück zu und sagte uns, wir dürften nicht weiter gehen als bis zum Mittelschiffs-Kompaß; dieser befand sich ungefähr in der Mitte der Gondel.

Wenn man so einen rechten Hunger gehabt hat und dann auf einmal sich ordentlich satt essen kann, dann sieht man die Welt mit ganz anderen Augen an; es wird einem beinahe ganz behaglich zu Mute, selbst wenn man mit einem Genie sich in einem Ballon hoch oben in den Lüften befindet. Nach dem Essen rückten wir drei näher zusammen und begannen zu plaudern. Besonders ein Umstand war da, der mir gar nicht aus dem Kopf wollte, und im Lauf des Gesprächs bemerkte ich:

»Tom, fahren wir nicht nach Osten?«

»Ja.«

»Wie schnell sind wir gesegelt?«

»Na, du hörtest doch selber, was der Professor sagte, als er gestern so herumtobte. Manchmal, sagte er, machten wir in der Stunde fünfzig Meilen[4], manchmal neunzig, manchmal hundert; wenn er mit einem tüchtigen Sturm segelte, so könnte er jederzeit dreihundert machen, und wenn er einen Sturm haben wollte, so brauchte er bloß den Ballon höher steigen oder tiefer sinken zu lassen, bis er den Sturm und die gewünschte Richtung hätte.«

[4] englische.

»Na ja, das hatte ich mir gedacht: der Professor log!«

»Warum?«

»Wenn wir so schnell gefahren wären, so hätten wir doch schon über Illinois hinaus sein müssen, nicht wahr?«

»Gewiß.«

»Na, so weit sind wir aber nicht!«

»Woher weißt du das?«

»Ich seh’s an der Farbe. Wir sind immer noch mitten über Illinois. Und du kannst selber sehen, daß Indiana noch nicht in Sicht ist.«

»Was ist denn bloß dir in die Krone gefahren, Huck? Du sagst, du siehst es an der Farbe?«

»Natürlich!«

»Was hat denn die Farbe damit zu tun?«

»’ne ganze Masse! Illinois ist grün, Indiana hellrot. Nun zeig mir mal da unten auch nur den kleinsten hellroten Fleck, wenn du kannst! Gibt’s gar nicht -- ’s ist alles grün!«

»Indiana hellrot?! Donnerwetter, was bist du für ein Lügenbeutel!«

»Nichts von Lügen! Ich hab’s auf der Karte gesehen, und Indiana ist hellrot!«

Machte aber der Tom Sawyer ein ärgerliches Gesicht! Endlich sagte er:

»Weißt du, Huck Finn, wenn ich so dämlich wäre wie du, da spränge ich lieber gleich über Bord! Hat’s auf der Landkarte gesehen!! Huck Finn, meintest du wirklich, die Oberfläche jedes einzelnen Staates wäre von derselben Farbe, wie sie auf der Karte dargestellt ist?«

»Tom Sawyer, was hat ’ne Landkarte für ’nen Zweck? Man soll doch wohl Tatsachen draus ersehen können?«

»Natürlich.«

»Schön! Wie kann man aber das, wenn die Karte lügt? Das möcht’ ich wohl wissen!«

»Du bist ein Quatschkopf! Sie lügt ja gar nicht!«

»Ach nee! wirklich nicht? lügt sie nicht?«

»Natürlich nicht!«

»Sehr gut! Na, wenn die Landkarte nicht lügt, dann gibt’s keine zwei Staaten von derselben Farbe. Was sagst du _dazu_, Tom Sawyer?!«

Er sah, ich hatte ihn fest und Jim sah es auch; und ich muß sagen, ich war mächtig stolz darauf, denn Tom Sawyer war einer, mit dem man in einem Wortgefecht nicht so leicht fertig wurde. Jim schlug sich auf den Schenkel und rief:

»Donnawetta! Das is fermost! Das is einfach fermost! Da is nix zu sagen, Massa Tom; diesmal hat Huck Finn Sie fest! Jawoll!« Und dabei schlug er sich noch einmal auf den Schenkel und sagte: »Junge, Junge! Das war warraftig fermost!«

Nie in meinem Leben war ich innerlich so stolz gewesen, und dabei hatte ich gar kein Bewußtsein davon gehabt, daß ich so was Berühmtes sagte, als bis es heraus war. Ich plapperte eigentlich bloß so in den Tag hinein, aber auf einmal, paff!, da schoß es aus mir heraus!

Aber Tom war ärgerlich und sagte, Jim und ich wären zwei unwissende Windbeutel und es wäre besser, wenn wir unseren Mund hielten. Ich habe herausgefunden, daß fast jeder ärgerlich wird, wenn er auf einen guten Einwand nichts zu erwidern weiß.

Auf einmal bemerkte er ganz tief, tief unter uns einen Kirchturm; er nahm ein Fernrohr zur Hand und sah nach der Turmuhr, holte seine silberne Taschenuhr hervor und sah nach der Zeit, und dann wieder auf den Turm und nochmals auf die silberne Zwiebel und sagte schließlich:

»Das ist komisch! Die Uhr da geht beinahe ’ne Stunde vor!«

Er zog seine Taschenuhr auf; dann bemerkte er einen andern Kirchturm und sah wieder hin, und wieder ging die Uhr ’ne Stunde vor. Das machte ihn nachdenklich und er sagte:

»Die Geschichte ist wirklich sonderbar. Wie das zugeht, versteh’ ich nicht!«

Wieder nahm er das Fernrohr und suchte sich noch einen Kirchturm, und richtig -- auch diese Uhr ging ’ne Stunde vor. Auf einmal riß er die Augen ganz weit auf und machte ein paarmal den Mund auf und zu, als müßte er nach Luft schnappen, und dann plötzlich rief er:

»Hei--li--ges -- Don--nerr--wet--terrr! ’s ist der Längengrad!«

Ich kriegte einen ganz gehörigen Schreck und fragte:

»O je, o je, was ist denn nun wieder los?«

»Nichts weiter, als daß diese alte Blase ganz mir nichts dir nichts über Illinois und Indiana und Ohio weggesaust ist und daß wir da unter uns die Ostseite von Pennsylvanien oder New York oder so ’ne ähnliche Gegend haben!«

»Tom Sawyer, das ist doch nicht dein Ernst!«

»Jawohl, das ist es, und die Sache steht bombenfest! Seit wir gestern nachmittag aus St. Louis abfuhren, haben wir ungefähr fünfzehn Längengrade gekreuzt, und die Uhren da unten gehen richtig! Wir haben an die achthundert Meilen gemacht.«

Ich glaubte ihm das nicht, aber trotzdem lief mir eine eiskalte Gänsehaut über den Buckel. Ich wußte aus eigener Erfahrung, daß man zu einer solchen Strecke auf einem Floß den Mississippi herunter beinahe zwei Wochen gebraucht.

»Seht mal!« belehrte Tom uns. »Der Zeitunterschied beträgt für jeden Längengrad ungefähr vier Minuten. Fünfzehn Grade machen ’ne Stunde, dreißig zwei Stunden usw. Wenn sie in England Dienstag morgen um ein Uhr haben, so ist es in New York Montag abend um acht.«

Jim rückte auf seiner Bank ein Stück von Tom ab, und man konnte ihm ansehen, daß er beleidigt war, denn er schüttelte fortwährend den Kopf und brummte vor sich hin; ich schob mich darum nahe zu ihm heran und tätschelte ihn auf die Beine und gab ihm gute Worte und brachte ihn denn auch schließlich so weit, daß er seinen Gefühlen Luft machte.

»Massa Tom!« sagte er. »Quassel Sie nix sowas! Dingsdag auf’m einen Ort un Mondag auf’m annern, un beides auf’m selben Dag! Huck, hier is nix gut zu spaßen, hier ganz oben, oben in die Luft! Zwei Dage auf einen Dag?! So? Wie kriegt man denn zwei Dage in _einen_? Kann Sie zwei Stunden in _eine_ kriegen, häh? Kann Sie zwei Nigger in _eines_ Niggers Haut kriegen, häh? Kann Sie zwei Maß Whisky in ’ne Kruke kriegen, wo bloß _ein_ Maß ringeht, häh? Nu, guckemal, Huck -- wenn nu dieser Dingsdag Neujahrsdag wär’ -- was dann? Will da einer behaupten, ’s wär am einen Ort Neujahr, un am annern Ort Altjahr, akkrat in dieselbigte Minute? Das is ja ’n vermaledeiter Unsinn! So was kann ich gar nix mit anhören, ach du lieber großer Gott, nä!«

Auf einmal fängt er an zu zittern und wird ganz grau und Tom sagt:

»Na, was ist denn nun los? Was hast du denn?«

Jim kann gar kein Wort hervorbringen, aber endlich sagt er:

»Massa Tom, Sie mach’ nix Spaß, un es _is_ so?«

»Nein, ich denke nicht dran, und es ist wirklich so!«

Jim kriegt wieder das Zittern und sagt:

»Denn könnt’ ja der Dingsdag der Jüngste Dag sein, un denn hätten sie in England keinen Jüngsten Dag, un denn würden die Doten nix geruft. Da dürfen wir nix hingehn, Massa Tom! Bitte, krieg Sie ihm dazu, daß er umkehrt; ich will un muß dabei sein, wenn der Jüngste Dag ...«

Auf einmal sahen wir was und sprangen alle miteinander auf unsere Füße und vergaßen alles und jedes und konnten bloß staunen und die Augen aufreißen. Und Tom rief:

»Ist das nicht ...?« Ihm ging die Luft aus, aber dann fuhr er fort: »Jawohl, er ist’s! Sowahr ich lebe! ’s ist der Ozean!«

Da blieb auch Jim und mir die Luft weg! Wie versteinert standen wir alle drei da, aber glücklich! Denn keiner von uns hatte je ’nen Ozean gesehen oder auch nur gedacht, daß uns mal so etwas beschieden sein könnte. Tom brummelte fortwährend vor sich hin:

»Atlantischer Ozean -- Atlantischer! Herrgott, klingt das großartig! Und da unten _ist_ er -- und wir, wir sehen ihn mit unseren eigenen Augen -- wir! Das ist ja so was Wundervolles, daß man sich gar nicht getraut, es zu glauben!«

Dann sahen wir ’ne dicke Wolke von schwarzem Rauch, und als wir näher kamen, da war’s ’ne Stadt, und zwar ein riesiges Ungetüm von einer Stadt, mit einem dicken Kranz von Schiffen an der einen Seite; und wir dachten, ob das wohl New York sein möchte, und stritten uns darüber herum und ehe wir’s uns versahen, da war die Stadt unter uns weggeglitten und lag weit, weit hinter uns -- und da waren wir mitten über dem Ozean selber und fuhren dahin mit der Schnelligkeit einer Windsbraut. Da wurden wir aber mit einem Mal ganz hell wach, das kann ich versichern! Wir stürzten nach hinten und erhoben ein Jammergeheul und baten den Professor himmelhoch, er möchte doch umkehren und uns an Land setzen, aber er riß sein Pistol aus der Tasche und schrie uns an, wir sollten zurückgehen -- und wir gingen, aber wie jämmerlich uns zu Mute war, davon wird kein Mensch je sich einen Begriff machen können.

Das Land war verschwunden, bloß noch ein kleiner Streif, so schmal wie ’ne Schlange, war am Rande des Wassers, und in der Tiefe unter uns, da war nichts als Ozean, Ozean, Ozean -- Millionen Meilen von Ozean und das hob sich und warf sich und wirbelte, und weißer Gischt sprühte von den Wogenkämmen, und im ganzen Gesichtskreise waren bloß ein paar Schiffe, die wurden hin- und hergeschleudert und legten sich erst auf die eine Seite und dann auf die andere und fuhren bald mit dem Bug, bald mit dem Stern in die Tiefe. Und es dauerte nicht lange, dann waren überhaupt keine Schiffe mehr zu sehen und wir waren ganz mutterseelenallein zwischen dem hohen Himmel und dem endlosen Meere -- und es war die weiteste Fläche, die ich je gesehen hatte, und die grenzenloseste Einsamkeit.

Viertes Kapitel.

Und einsamer wurde es und immer einsamer. Ueber uns war das riesige Himmelsgewölbe -- leer und furchtbar tief; und unter uns war der Ozean, auf dem wir bloß die Wellenköpfe sahen. Rund um uns her war ein Ring, in welchem Himmel und Wasser zusammenliefen; ja ein riesengroßer Ring war es und wir waren genau in dessen Mitte. Wir sausten dahin mit der Schnelligkeit eines Prairiebrandes; aber das machte in der Entfernung keinen Unterschied, allem Anschein nach kamen wir über unseren Mittelpunkt nicht hinaus; so viel ich sah, konnten wir dem Ring nicht um Zollbreite näher kommen. Es wurde einem ganz seltsam dabei zu Mute; es war so eigentümlich und so unerklärlich.

Und dabei war alles so furchtbar still, daß wir unwillkürlich anfingen leise zu sprechen, und die Einsamkeit machte uns immer bänger und benahm uns die Lust zu plaudern und schließlich hörte das Gespräch ganz auf und wir saßen bloß da und ›denkten‹, wie Jim sich ausdrückt, und sagten kein Wort mehr.

Der Professor rührte sich nicht, bis die Sonne über unseren Köpfen stand; da richtete er sich auf und hielt eine Art Dreieck vor seine Augen, und Tom sagte, das wäre ein Sextant, und er nähme die Stellung der Sonne, um zu sehen, wo der Luftballon sich befände. Hierauf rechnete er ein bißchen und sah in einem Buche nach und dann kriegte er wieder seinen Anfall. Er sprach eine Menge wildes Zeug und sagte unter anderem, er wollte dieses Hundertmeilentempo bis zum nächsten Nachmittag beibehalten und dann würde er in London landen.

Wir sagten, dafür würden wir ihm in tiefster Seele dankbar sein.

Er hatte sich umgedreht, aber als wir das sagten, da sprang er auf einmal ganz wild wieder herum und warf uns einen ganz abscheulichen langen Blick zu -- selten habe ich einen so boshaften und mißtrauischen Blick gesehen! Dann sagte er:

»Ihr wollt von mir gehen! Versucht nicht, das abzuleugnen.«

Wir wußten nicht, was wir antworten sollten, und hielten deshalb den Mund und sagten gar nichts.

Er ging nach hinten und setzte sich wieder hin, aber augenscheinlich konnte er diesen Gedanken nicht wieder los werden. Von Zeit zu Zeit rief er uns irgend etwas zu, was darauf Bezug hatte, und versuchte eine Antwort aus uns heraus zu bringen; aber wir wagten nicht zu sprechen.

Immer drückender wurde das Gefühl der Einsamkeit, und es kam mir vor, als könnte ich’s bald nicht länger aushalten. Als die Nacht hereinbrach, wurde es damit noch schlimmer. Auf einmal kneift mich Tom und flüstert: »Sieh mal hin!«