Part 11
»Wo haben sie ihn gesehen?« fiel mir der alte Silas auf einmal so hastig in die Rede, daß ich verwundert dreinschaute und ganz verwirrt wurde, weil er mich mit durchbohrenden Blicken ansah. Aber ich nahm mich zusammen und antwortete: »Als Ihr mit ihm das Stück Land umgrubet, bei Sonnenuntergang.«
»Hm,« sagte er mit enttäuschter Miene und nahm weiter keine Notiz von mir, während ich fortfuhr: »Wir gingen mit, und -- --«
»Schweig still mit deinem Unsinn, Huck Finn,« rief jetzt Tante Sally entrüstet; »wer hat je davon gehört, daß man bei uns im September Heidelbeeren pflückt und obendrein zur Nachtzeit? Was soll der Hund dabei -- vielleicht die Heidelbeeren aufspüren?« --
»Sie sagten -- sie hätten eine Laterne -- --« stammelte ich.
»An dem allen ist kein wahres Wort. Ich weiß, ihr habt irgend einen dummen Streich gemacht, da müßte ich euch beide nicht kennen. Na, Tom, heraus mit der Sprache, nicht erst lange gefackelt!«
Tom nahm eine gekränkte Miene an. »Wie kannst du nur den armen Huck schelten, Tante, bloß weil er sich versprochen hat. Er meint natürlich Erdbeeren, wenn er Heidelbeeren sagt. Das weiß doch ein jedes Kind, daß man in der ganzen Welt -- nur nicht hier in Arkansas -- einen Hund und eine Laterne mitnimmt, wenn man Erdbeeren suchen geht.«
Nun riß aber Tante Sally der Geduldsfaden; sie wurde ernstlich böse und schüttete einen ganzen Schwall von Worten, die sie gar nicht schnell genug heraussprudeln konnte, über unsere schuldigen Häupter aus. Darauf hatte Tom aber wie gewöhnlich gerechnet. Er ließ sie sich immer in Zorn reden und schwieg mäuschenstill, bis ihre Hitze verflogen war; dann wollte sie meist vor Aerger keine Silbe mehr über die ganze Angelegenheit hören. So kam es auch diesmal. Als sie sich heiser gesprochen hatte und einen Augenblick Atem schöpfen mußte, sagte Tom in aller Seelenruhe:
»Und trotzdem weiß ich doch, Tante --«
»Schweig’ still,« rief sie; »du thust den Mund nicht mehr auf, das sage ich dir!«
So kamen wir aus aller Verlegenheit und von der Verzögerung unserer Ankunft war nicht mehr die Rede. Das hatte Tom wirklich schlau eingerichtet.
Siebentes Kapitel.
Benny machte ein sehr ernstes Gesicht und seufzte auch hin und wieder; aber bald fing sie an sich nach Toms Geschwistern Mary und Sid zu erkundigen und besonders nach Tante Polly. Allmählich erheiterte sich auch Tante Sallys Miene, ihre gute Laune kehrte zurück, sie fragte uns dieses und jenes und war wieder so gut und lieb wie immer, so daß unser Abendessen noch einen ganz lustigen Verlauf nahm. Nur der alte Silas beteiligte sich nicht an der Unterhaltung; er war unruhig und zerstreut, auch stieß er oft so tiefe Seufzer aus, daß es einem in der Seele wehthat, ihn so verstört und bekümmert zu sehen.
Eine Weile nach dem Abendessen klopfte es an die Thür; ein Neger steckte den Kopf herein, er trug seinen alten Strohhut in der Hand und sagte unter vielen Bücklingen und Kratzfüßen, sein Herr, Massa Brace, warte draußen am Zaun und lasse den Massa Silas fragen, wo sein Bruder wäre, der zum Essen nicht nach Hause gekommen sei.
Da fuhr Onkel Silas so heftig auf, wie ich es noch nie von ihm gehört hatte: »Bin ich etwa seines Bruders Hüter?« Gleich nachher war es ihm aber wieder leid, er sank in sich zusammen und sprach im sanftesten Ton:
»Du brauchst ihm das nicht zu wiederholen, Billy, ich bin seit einigen Tagen gar nicht wohl und so reizbar, daß ich meine Worte nicht wägen kann. Er ist nicht hier, sage ihm das.«
Als der Neger fort war, ging der alte Mann ruhelos in der Stube auf und ab, wobei er fortwährend unverständliche Worte murmelte und sich mit den Händen ins Haar fuhr. Es war recht jämmerlich anzusehen; doch Tante Sally flüsterte uns zu, nicht acht auf ihn zu geben. Sie sagte, seit so viel Mißgeschick über ihn gekommen sei, gerate er oft tief in Gedanken und wisse kaum mehr, was er thue und treibe. Auch bei Nacht wandle er viel häufiger als früher im Schlaf, entweder nur im Hause oder auch draußen im Freien. Wenn wir ihn einmal dabei beträfen, sollten wir ihn ruhig gehen lassen und ihn ja nicht aufwecken. Es könne ihm niemand helfen, außer Benny, die ihn am besten zu behandeln verstehe.
Auch diesmal schlich sie sich an seine Seite, als er anfing müde zu werden von dem ewigen Hin- und Herwandern. Sie schlang ihren Arm um ihn und ging mit, bis er lächelnd auf sie herabschaute und sich niederbeugte um sie zu küssen. Allmählich wich der gequälte Ausdruck aus seinem Gesicht und er ließ sich von ihr auf sein Zimmer geleiten. Es war eine Freude, den liebevollen Verkehr von Vater und Tochter zu sehen.
Tante Sally mußte nun die Kinder zu Bett bringen und da Tom und ich anfingen uns zu langweilen, machten wir noch einen Gang bei Mondschein in das Feld, wo die reifen Wassermelonen standen. Wir aßen nach Herzenslust und besprachen dabei mancherlei. Tom meinte, er hege nicht den geringsten Zweifel, daß Jupiter ganz allein an dem Streit schuld sei. Bei erster Gelegenheit werde er sich Gewißheit darüber verschaffen und dann Onkel Silas nach Kräften bereden ihn fortzuschicken.
Wohl zwei Stunden lang schwatzten, rauchten und schmausten wir dort. Als wir ins Haus zurückkehrten war es ganz still und dunkel; alle hatten sich zur Ruhe begeben.
Tom, dem nichts entging, bemerkte jetzt, daß der alte grüne Arbeitskittel seltsamerweise von dem Nagel verschwunden war, wo er ihn noch vorhin hatte hängen sehen. Dann suchten wir unsere Schlafkammer auf.
Im Nebenzimmer hörten wir Benny noch lange herumhantieren; sie sorgte sich gewiß um ihren Vater und fand keinen Schlaf. Auch wir waren viel zu aufgeregt, um zu Bette zu gehen; so blieben wir denn wach, unterhielten uns im Flüsterton und waren in recht trübseliger Stimmung. Wir sprachen immer wieder von dem Ermordeten und dem Gespenst, bis uns so unheimlich und gruselig zu Mute wurde, daß von Einschlafen keine Rede sein konnte.
Es war schon spät in der Nacht, als mich Tom plötzlich mit dem Ellenbogen stieß und nach dem Fenster deutete. Ich sah hin; drunten im Hof trieb sich ein Mann herum, doch konnte ich ihn bei der Dunkelheit nicht erkennen. Jetzt kletterte er über den Zaun und da kam gerade der Mond heraus und schien auf den weißen Flicken des alten Arbeitskittels.
»Siehst du den Nachtwandler,« sagte Tom. »Ich wollte, wir dürften ihm folgen und sehen, wo er hingeht mit der langen Schaufel, die er über der Schulter trägt. Er biegt nach dem Tabakfeld ein -- nun ist er verschwunden. Der arme Onkel, -- es thut mir so leid, daß er gar keine Ruhe findet.«
Wir warteten lange, aber er kam nicht zurück; vermutlich hatte er einen andern Heimweg eingeschlagen. So legten wir uns denn endlich nieder und verfielen in einen unruhigen Schlaf, der uns mit tausenderlei Beängstigungen quälte. Im Morgengrauen waren wir schon wieder wach; ein Gewitter war heraufgezogen, Blitze zuckten, der Donner krachte, der Wind schüttelte die Bäume, der Regen fuhr in Strömen nieder und die Rinnsteine wurden zu rauschenden Bächen.
»Höre mal, Huck,« sagte Tom, »mir kommt’s sehr seltsam vor, daß man noch gar nichts von Jack Dunlaps Ermordung gehört hat. Die Männer, von denen Hal Clayton und Bud Dixon verjagt wurden, haben die Sache doch in der nächsten halben Stunde sicherlich überall erzählt und sie muß sich wie ein Lauffeuer von Farm zu Farm verbreitet haben. Solche große Neuigkeit kommt doch alle dreißig Jahr höchstens zweimal vor. Es ist wirklich merkwürdig, Huck, ich kann es nicht begreifen. Wäre nur erst das Gewitter vorüber, damit wir hinauskönnten um zu sehen, ob nicht irgend jemand auf der Straße davon anfängt. Wir müssen dann natürlich sehr überrascht und entsetzt sein.«
Es war schon heller lichter Tag, als der Regen aufhörte. Wir schlenderten die Straße hinunter, begrüßten jeden, der uns begegnete, sagten wann wir angekommen wären, wie wir die Unserigen verlassen hätten, wie lange wir zu bleiben gedächten, und dergleichen mehr; aber kein Mensch äußerte eine Silbe über den Mord, was uns höchlich wundernahm. Tom meinte, wenn wir in das Ahornwäldchen gingen, würde die Leiche ganz einsam und verlassen daliegen und keine Menschenseele weit und breit zu sehen sein. Wahrscheinlich hätten die Verfolger die Mörder tief in den Wald hinein gejagt, diese hätten sich endlich umgewendet und sich auf sie geworfen. Nachdem sie einander alle umgebracht, wäre natürlich niemand mehr am Leben gewesen, um die Nachricht zu verbreiten.
Während dieser Reden waren wir unversehens nach dem Ahornwäldchen gekommen. Mir lief der kalte Schweiß den Rücken hinunter und ich wäre um nichts in der Welt auch nur einen Schritt weiter gegangen. Doch Tom ließ es keine Ruhe -- er mußte wissen, ob der Ermordete die Stiefel noch anhatte. So kroch er denn ins Dickicht, kam aber schon im nächsten Augenblick in größter Erregung wieder heraus.
»Huck, er ist fort,« rief er.
»Im Ernst, Tom?« fragte ich starr vor Staunen.
»Jawohl, er ist wirklich fort; es ist nichts mehr von ihm zu sehen. Der Boden ist nur etwas zertrampelt und wenn blutige Spuren da waren hat sie der Regen verwaschen; es ist lauter Schmutz und Morast da drinnen.«
Nun faßte ich mir ein Herz und überzeugte mich mit eigenen Augen, daß kein Leichnam mehr da war.
»Verwünscht,« rief ich, »die Diamanten sind weg!«
»Glaubst du nicht, daß die Mörder zurückgekommen sind und ihn fortgeschleppt haben?«
»Höchst wahrscheinlich. Wo meinst du wohl, daß sie ihn versteckt haben können?«
»Wie soll ich das wissen?« sagte er ärgerlich. »Es ist mir auch einerlei. Mir war nur an den Stiefeln etwas gelegen. Nach der Leiche werde ich den Wald nicht durchsuchen; meinetwegen mag sie sein wo sie will. Die Hunde werden sie sowieso bald aufspüren.«
Wir schlichen betrübt und enttäuscht nach Hause zurück. Mein Lebtag hatte mich noch keine Leiche so geärgert und betrogen wie diese.
Achtes Kapitel.
Beim Frühstück ging es nicht sehr munter zu. Tante Sally sah alt und müde aus; sie ließ die Kinder unter einander zanken und streiten ohne ihnen zu wehren, wie sie es sonst immer that. Tom und ich waren so voller Gedanken, daß wir gar nicht sprachen und Benny mochte wohl die ganze Nacht kein Auge zugethan haben. So oft sie den Kopf ein wenig hob und nach ihrem Vater hinschaute, mußte sie mit den Thränen kämpfen. Der Alte ließ das Essen auf seinem Teller kalt werden, er rührte keinen Bissen an, redete kein Wort, sondern sann und sann nur immer vor sich hin.
Als die Stille am allerdrückendsten war, steckte der Neger wieder den Kopf durch die Thür und sagte, Massa Brace hätte schrecklich Angst um seinen Bruder Jupiter, der noch immer nicht heimgekommen wäre. Massa Silas sollte doch so gut sein und -- --
Das Wort erstarb ihm auf den Lippen, denn Onkel Silas hatte sich plötzlich aufgerichtet. Er sah den Neger an und zitterte dabei so, daß er sich am Tisch festhalten mußte. Die Kehle war ihm wie zugeschnürt; erst nach einer Weile stammelte er mühsam:
»Er glaubt wohl -- er glaubt wohl -- was denkt er sich eigentlich? -- Sag’ ihm -- sag’ ihm --« kraftlos sank er wieder in seinen Stuhl zurück. »Geh fort -- geh fort!« murmelte er so leise, daß man es kaum verstehen konnte.
Der Neger machte sich erschrocken aus dem Staube, während Onkel Silas die Hände rang und seine Augen verdrehte, als läge er im Sterben; es war ein schrecklicher Anblick. Wir saßen alle da, wie festgebannt, nur Benny erhob sich leise, Thränen liefen ihr die Wangen herunter, sie trat neben den Stuhl ihres Vaters, bettete sein graues Haupt an ihrer Brust und streichelte ihn sanft und liebevoll. Dann winkte sie uns, wir sollten fortgehen, und wir verließen das Zimmer so still, als läge ein Toter darin.
In furchtbar ernster Stimmung schlugen Tom und ich den Weg nach dem Walde ein. Wie ganz anders war es doch hier bei unserm Besuch letzten Sommer gewesen: alles so glücklich und friedevoll, Onkel Silas so heiter, so wunderlich und voll kindlicher Einfalt und dabei so hochgeachtet von jedermann. Jetzt hatte er entweder den Verstand schon verloren, oder man mußte doch jeden Augenblick fürchten, daß er von Sinnen käme.
Es war ein sonniger, herrlicher Tag; weiter und weiter gingen wir über die Hügel nach der Ebene zu und konnten uns nicht satt sehen an den Bäumen und Blumen ringsum. Daß es in dieser schönen Welt auch Unglück gab, schien uns ganz unbegreiflich. Traurig zu sein, kam uns wie ein Unrecht vor.
Auf einmal fühlte ich, daß mir der Atem stockte; ich hielt Tom am Arm fest und mein Herz pochte wie ein Schmiedehammer.
»Da ist es!« rief ich; wir sprangen hinter einen Busch und Tom flüsterte:
»St! -- Mach’ keinen Lärm.«
Es saß gerade am Ende der kleinen Waldwiese auf einem Holzblock und stützte den Kopf in die Hand. Vergebens bemühte ich mich, Tom zur Flucht zu überreden; er rührte sich nicht vom Fleck, denn er meinte, vielleicht würde er sein Lebtag keine so günstige Gelegenheit mehr haben, ein Gespenst zu sehen, deshalb wollte er dieses nach Herzenslust betrachten und wenn es sein Tod wäre. So blieb ich denn auch da und riß die Augen auf, obgleich mir’s gar nicht wohl dabei zu Mute war.
»Der arme Jack,« raunte mir Tom zu, denn schweigen konnte er nicht; »alle seine Sachen hat er an, wie er’s uns vorausgesagt hat. Auch das Haar hat er sich kurz geschoren. Daß ein Gespenst so natürlich aussehen könnte, hätte ich nie gedacht.«
»Ich auch nicht; man würde es überall wiedererkennen.«
»Ganz wie bei Lebzeiten. Und am meisten wundert mich noch, daß es bei Tage umgeht. Die andern kommen immer erst nach Mitternacht zum Vorschein. Du, Huck, mit dem ist’s nicht ganz richtig; es hat kein Recht, sich jetzt hier herumzutreiben, das kannst du mir glauben. Jack wollte sich taubstumm stellen, weil ihn die Nachbarn sonst an der Stimme erkannt hätten. Meinst du, das Gespenst würde das auch thun, wenn ich’s jetzt anriefe?«
»Tom, ums Himmels willen, du wirst doch so was nicht wagen!«
»Sei nur ganz ruhig, ich denke nicht dran. Aber, was ist das -- jetzt kratzt es sich am Kopf -- ein Gespenst kann’s doch nicht jucken, das ist ja aus lauter Dunst! Wahrhaftig, Huck, ich glaube, es ist gar kein wirkliches Gespenst, es müßte doch sonst --«
»Was denn, Tom?«
»_Durchsichtig_ sein, so daß man die Büsche dahinter sehen könnte.«
»Du hast recht, sein Körper ist so fest wie der einer Kuh. Weißt du, ich fange an zu glauben --«
»Jetzt nimmt es den Mund voll Tabak und fängt an zu kauen -- das ist ja unmöglich, es hat doch keine Zähne. Höre, Huck!«
»So sprich doch!«
»Es ist gar kein Gespenst, sondern Jack Dunlap wie er leibt und lebt! -- Haben wir etwa eine Leiche im Ahornwäldchen gefunden?«
»Nein, keine Spur.«
»Weißt du auch warum? -- Weil nie eine da war.«
»Aber Tom, wir haben doch das Geschrei gehört!«
»Ist das etwa ein Beweis, daß jemand umgebracht worden ist? -- Erst sahen wir vier Männer laufen und dann kam dieser aus dem Wald gegangen. Wir hielten ihn für einen Geist, aber es war so wenig ein Geist wie du einer bist. Es war Jack Dunlap selbst und der sitzt jetzt dort drüben und spielt den Fremden und Taubstummen, ganz wie er’s mit uns verabredet hatte. Der -- ein Gespenst! Nein, Fleisch und Bein ist er, da wett’ ich alles drauf.«
Ich sah nun auch unsern Irrtum ein, und wir waren beide herzlich froh, daß Jack nicht umgebracht worden war. Was sollten wir aber jetzt thun? Ihn anreden oder vorgeben, ihn nicht zu kennen? Tom hielt es für das beste, ihn selber zu fragen, wie er es haben wolle. Also ging er geradeswegs auf ihn zu, während ich mich etwas im Hintergrund hielt, für den Fall, daß es doch ein Gespenst wäre.
Als Tom ganz nahe bei ihm war sagte er: »Guten Tag! Wir freuen uns sehr, Euch wiederzusehen, Huck und ich. Fürchtet nur nicht, daß wir Euch verraten. Wenn Ihr es für besser haltet wollen wir thun, als hätten wir Euch nie gekannt. Sagt nur, ob Euch das recht ist. Ihr könnt Euch dann fest auf uns verlassen; wir würden uns eher die Hand abhacken als Euch Schaden thun.«
Zuerst zeigte er sich sehr überrascht uns zu sehen und keineswegs erfreut; aber bei Toms Rede erhellte sich sein Gesicht und zuletzt lächelte er, nickte mehrmals mit dem Kopf, machte allerlei Zeichen mit den Händen und sagte: »Goo -- goo -- goo -- goo,« ganz wie ein Taubstummer.
Indessen sahen wir ein paar von Steffen Nickersons Angehörigen, die jenseits der Wiese wohnten, daherkommen. »Ihr macht Eure Sache ganz ausgezeichnet,« sagte Tom, »natürlich müßt Ihr Euch üben so viel Ihr könnt, an uns so gut wie an den andern, damit Ihr auf Eurer Hut seid und niemals aus der Rolle fallt. Wir wollen Euch auch so wenig wie möglich in den Weg kommen und keiner Seele verraten, daß wir Euch kennen. Laßt es uns aber ja wissen, wenn Ihr einmal Hilfe braucht.«
Als wir den Nickersons begegneten, hielten sie uns natürlich an und wollten wissen, wer der Fremde dort drüben sei, wie er heiße, woher er komme, ob er Baptist oder Methodist, liberal oder konservativ wäre und was dergleichen Fragen mehr sind, die wir Amerikaner bei jeder neuen Erscheinung gleich auf der Zunge haben. Tom erwiderte jedoch, er hätte aus den Zeichen des Taubstummen und seinen Naturlauten nicht klug werden können. Mit großer Spannung beobachteten wir nun von ferne, wie sie Jack auszuforschen begannen. Erst als wir ihn seine Zeichen machen sahen und wußten, daß alles gut ablaufen würde, beruhigten wir uns wieder und machten, daß wir weiter kamen, weil wir gern während der Zwischenstunde beim Schulhaus sein wollten.
Es war recht ärgerlich, daß uns Jack nicht erzählen konnte, was sich in dem Ahornwäldchen zugetragen hatte und ob er fast umgebracht worden wäre; aber Tom bemerkte ganz richtig, daß ein Mensch in Jacks Lage nicht vorsichtig genug sein könne und am besten thäte still zu schweigen, um sich keiner Gefahr auszusetzen.
In der Zwischenstunde ging es sehr lustig zu, alle Knaben und Mädchen freuten sich, uns wiederzusehen. Die beiden Hendersons waren auf ihrem Schulweg dem Taubstummen begegnet und wurden deshalb von den übrigen sehr beneidet, da alle vor Neugier brannten, ihn zu sehen, und von gar nichts anderm reden mochten.
Es kostete Tom keine kleine Ueberwindung, nichts zu verraten. Hätten wir alles erzählen dürfen, wie würde man uns bewundert haben! Aber viel heldenhafter war es doch noch, Stillschweigen zu bewahren. Unter Millionen Jungen hätte man nicht zwei finden können, die das fertig brachten. Davon war Tom wenigstens überzeugt und schließlich mußte er es doch am besten wissen.
Neuntes Kapitel.
In den nächsten zwei oder drei Tagen ging der Taubstumme bei den Nachbarn aus und ein und war bald allgemein beliebt. Jeder war stolz, mit einer so merkwürdigen Persönlichkeit zu verkehren; man lud ihn zum Frühstück, zu Mittag und zum Abendessen ein, bewirtete ihn aufs beste und wurde nicht müde, ihn anzustarren. Gern hätten die Leute mehr über ihn erfahren, aber seine Zeichen verstanden sie nicht -- er wußte wohl selbst nicht, was sie bedeuteten. Seine Naturlaute bewunderten sie dagegen sehr und freuten sich, so oft er sie hören ließ. Auch reichte er eine Tafel herum nebst Schieferstift, damit man Fragen an ihn stellen könne; die Antworten, die er aufschrieb, konnte aber niemand lesen, außer Brace Dunlap, dem es freilich auch Mühe machte; doch fand er häufig wenigstens den Sinn heraus. Er sagte, der Taubstumme käme von weit her und habe früher im Wohlstand gelebt, dann sei er Schwindlern in die Hände gefallen, die sein Vertrauen mißbraucht hätten. Jetzt sei er arm und wüßte nicht, wie er sein Brot erwerben solle.
Man lobte Brace allgemein, daß er sich des Fremden so hilfreich annahm. Er hatte ihm ein kleines Blockhaus zur Wohnung angewiesen, seine Neger mußten es in Ordnung halten und ihm zu essen bringen so viel er wollte.
Auch in unser Haus kam der Taubstumme öfters, weil es Onkel Silas Trost gewährte, einen Menschen zu sehen, der auch von Trübsal heimgesucht war wie er. Tom und ich thaten, als hätten wir ihn noch nie erblickt, und auch er stellte sich uns gegenüber ganz fremd. Der Familienkummer wurde in seiner Gegenwart ohne Scheu besprochen, was ja im Grunde nichts schadete. Gewöhnlich schien er gar nicht acht darauf zu geben, aber manchmal that er es doch.
Als drei Tage vergangen waren, fingen die Nachbarn an, sich über Jupiter Dunlaps Ausbleiben zu beunruhigen. Einer fragte den andern, wo er wohl hingeraten sein könne; man schüttelte den Kopf und fand es höchst seltsam und unerklärlich. Abermals verstrichen ein paar Tage; da entstand ein Gerücht, daß er vielleicht ermordet wäre. Das machte natürlich großes Aufsehen und ein endloses Gerede. Am Samstag zogen die Leute truppweise in den Wald, um die Leiche aufzustöbern. Tom und ich gingen auch mit und halfen suchen. Tom konnte vor Aufregung tagelang weder essen noch schlafen und glühte vor Eifer, weil er meinte, wenn wir den Leichnam fänden, würden wir berühmt werden und unser Name in aller Munde sein.
Die andern bekamen es zuletzt satt und gaben das Suchen auf. Aber Tom Sawyer dachte nicht daran, er war unermüdlich. Die ganze Nacht schloß er kein Auge, er sann über einen Plan nach und als der Morgen dämmerte, war ihm ein Licht aufgegangen. In größter Hast kam er und holte mich aus dem Bette.
»Rasch Huck, wirf deine Kleider über,« rief er, »ich hab’s! Wir brauchen einen Schweißhund.«
Zwei Minuten später liefen wir im Dunkeln am Fluß entlang nach dem Dorfe zu. Der alte Schmied Jeff Hooker hatte einen Hund, den wollte sich Tom von ihm borgen.
»Die Spur ist zu alt,« sagte ich, »und geregnet hat es auch.«
»Das schadet nichts, Huck. Wenn der Leichnam irgendwo im Walde steckt, findet ihn der Hund gewiß. Er wird es schon wittern, an welcher Stelle man den Ermordeten verscharrt hat. Auch auf die Spur des Mörders wird er uns helfen, und wenn wir die erst haben, verfolgen wir sie ohne Unterlaß, bis wir den Kerl fangen. Dann werden wir berühmt, so wahr ich lebe.«
»Na, laß uns nur erst die Leiche finden,« sagte ich, um sein Feuer etwas zu dämpfen, »daran werden wir wohl für heute genug haben. Wer weiß, ob überhaupt eine da ist; vielleicht ist der faule Jupiter einfach durchgebrannt und gar nicht ermordet worden.«
Doch davon wollte Tom nichts hören. »Wie kannst du nur so reden, Huck, das ist ganz abscheulich. Schämst du dich nicht, ein solcher Spielverderber zu sein, wenn wir gerade die beste Gelegenheit haben uns auszuzeichnen und unsern Ruhm zu begründen.«
»Ach was, ich nehme alles zurück; mache es nur ganz wie du willst, Tom. Ob Jupiter tot ist oder lebendig, kümmert mich im Grunde wenig.«
Bald war Tom wieder Feuer und Flamme für das Unternehmen, bis wir vor die Schmiede des alten Jeff Hooker kamen, der seine Begeisterung gewaltig abkühlte.
»Den Hund könnt ihr haben,« sagte er, »aber ihr werdet keinen Leichnam finden, weil keiner da ist. Die Leute haben ganz recht, daß sie nicht weiter suchen. Sobald sie anfingen nachzudenken, mußte sich eben jeder sagen, daß von einem Mord gar keine Rede kein kann. Ich will euch auch sagen weshalb: Wenn jemand einen Menschen umbringt, thut er es doch nicht ganz ohne Grund, das werdet ihr mir zugeben. Na, und warum sollte man wohl dem Jupiter Dunlap, diesem Schafskopf, nach dem Leben trachten? Etwa aus Rache? Meint ihr, daß irgend jemand einen Groll gegen solchen Menschen hat?«
Tom fand kein Wort der Erwiderung; von diesem Gesichtspunkt aus hatte er sich die Sache noch nicht überlegt.
»Oder glaubt ihr, man hätte ihn berauben wollen? Haha! Das wird’s wohl sein. Die Hosenschnallen hat man ihm gestohlen und deshalb -- --«
Der Alte wollte sich vor Lachen ausschütten; er mußte sich die Seiten halten, um nicht zu bersten. Tom machte ein ganz verblüfftes Gesicht; ich sah’s ihm an, daß er sich meilenweit weg wünschte, während Jeff Hooker von neuem anhub: »Wer irgend Grütze im Kopf hat, mußte sich’s ja gleich sagen, daß der Faulpelz nur ausgekniffen ist, weil er nach seiner schweren Arbeit eine Weile herumbummeln wollte. Paßt auf, nach ein paar Wochen kommt er wieder und lacht sich ins Fäustchen. -- Wenn du aber nach seinem Leichnam suchen willst, Tom, so nimm den Hund und thu’s, ich werd’ dich nicht hindern.«