Tom Sawyers Abenteuer und Streiche

Part 5

Chapter 53,829 wordsPublic domain

»Jetzt gehst du und setzest dich zur Strafe zu den Mädchen! Und laß dir das als Warnung dienen! Marsch!«

Das Kichern, welches nun das Zimmer durchlief, schien den Jungen sehr verlegen zu machen, in Wahrheit war es aber nur das Bewußtsein, erreicht zu haben, wonach er gestrebt, nämlich sich seiner Gottheit nahen zu dürfen. Standhaft wie ein Märtyrer, hatte er die Prügel ertragen, die gleichsam die dunkle Pforte bildeten, durch die er nun zu seinem Paradiese eingehen sollte. Vorsichtig ließ er sich ganz am äußersten Ende der Bank nieder. Mit einem verächtlichen Zurückwerfen des Kopfes rückte das Mädchen so weit als möglich von ihm weg. Das Flüstern, Köpfezusammenstecken, Kichern und das bedeutungsvolle Anstarren des armen Sünders dauerte noch eine Weile fort, Tom aber schien keine Notiz davon zu nehmen. Still saß er da, hatte die Arme über den Tisch gelegt und sah mit großer Aufmerksamkeit in sein geöffnetes Buch. Allmählich hörte er auf, der Gegenstand der allgemeinen Beachtung und Heiterkeit zu sein, und wieder füllte das gewöhnliche Summen der Schule die sommerlich stille Luft. Jetzt begann Tom verstohlene Blicke nach seiner Göttin zu werfen. Sie bemerkte es, rümpfte das Näschen und wandte eine volle Minute lang den Kopf ab. Als sie verstohlen wieder nach ihrem Banknachbar hinblinzelte, lag ein Pfirsich vor ihr. Sie stieß ihn weg, Tom legte ihn sorgsam wieder vor sie; wieder stieß sie ihn fort, aber schon mit weniger Heftigkeit. Geduldig schob Tom ihn zurück, da ließ sie ihn liegen. Jetzt kritzelte Tom auf seine Tafel: »Bitte, behalt' ihn -- ich habe noch mehr.« Sie las die Worte, gab aber kein Zeichen von sich, weder zustimmend, noch verneinend. Jetzt begann der Junge etwas auf seine Tafel zu zeichnen, das er mit der linken Hand vor ihren Blicken barg. Eine Weile lang schien sie sich gar nicht darum zu kümmern, bald aber begann sich menschliche Neugier in ihr zu regen, die sich in allerlei, kaum bemerkbaren Zeichen kund gab. Tom zeichnete weiter, anscheinend ganz in sein Werk versunken. Das Mädchen suchte auf unverfängliche Art sich einen Blick auf die Zeichnung zu verschaffen, der Junge aber verriet mit keiner Miene, daß er dies bemerkte. Endlich gab sie nach und flüsterte zögernd:

»Du, laß mich doch mal sehen!«

Tom enthüllte nun das traurige Zerrbild eines Hauses mit zwei windschiefen Giebeln, aus dessen Schornstein ein korkzieherartiges Rauchwölkchen aufschwebte. Jetzt war des Mädchens ganzes Interesse wach, und alles darüber vergessend, folgte sie mit Eifer der Vollendung des Meisterwerks. Als es fertig war, bestaunte sie es einen Moment und flüsterte dann:

»Wundervoll -- jetzt noch 'nen Mann!«

Der Künstler stellte einen Mann in den Vordergrund, lang wie ein Mastbaum; mit einem Schritt hätte er über das Haus wegsteigen können. Die Zuschauerin aber war nicht kritisch, ihr gefiel das Ungetüm und sie wisperte:

»Der Mann ist prächtig -- nun mach' mich, wie ich daherkomme!«

Tom malte eine Art Achter mit einem kreisrunden Vollmond oben und vier dünnen Streifen als Arme und Beine. Die sich weit spreizenden Finger bedachte er mit einem ungeheuren Fächer. Das Original des Gemäldes fühlte sich geschmeichelt und meinte:

»Nein, wie nett -- wenn ich doch zeichnen könnte!«

»Das ist leicht,« flüsterte Tom, »ich will dich's lehren!«

»O willst du? Wann?«

»Am Mittag. Gehst du zum Essen heim?«

»Wenn du bleibst, bleib' ich auch.«

»Gut, das ist also abgemacht. Wie heißt du?«

»Becky Thatcher. Und du? Ach, ich weiß, Thomas Sawyer.«

»So heiß ich nur, wenn ich Schelte oder Prügel krieg', sonst heiß' ich Tom. Du rufst mich Tom, gelt?«

»Ja.«

Jetzt kritzelt Tom was auf die Tafel, mit der linken Hand das Geschriebene zuhaltend. Diesmal wollte sie's gleich sehen. Tom sagte:

»O, 's ist nichts.«

»Doch, doch.«

»Nein, 's ist nichts, es liegt dir gar nichts dran, ob du's siehst.«

»Doch, nein wirklich, bitte, laß mich sehen.«

»Du wirst's weitersagen.«

»Nein, nein und dreimal nein, gewiß und wahrhaftig nicht.«

»Wirst du's aber auch keinem Menschen sagen, so lang du lebst?«

»Nie im Leben, niemand! Nun zeig' aber auch.«

»Ach, dir liegt doch nichts dran!«

»Jetzt, wenn du so bist, Tom, da muß ich's sehen --« und sie legte ihre kleine Hand auf die seine, worauf sich ein kleiner Kampf entspann. Tom schien im Ernst widerstreben zu wollen, zog aber seine Hand allmählich doch so weit zurück, daß die Worte sichtbar wurden: »_Ich liebe dich._«

»O, du Abscheulicher!« Und sie gab ihm einen tüchtigen Klapps auf die Hand, wurde aber rot und schien gar nicht ungehalten.

Im selben Moment fühlte der Junge einen schicksalsschweren Griff an seinem Ohr, dazu einen unwiderstehlich nach oben ziehenden Drang, und ehe er wußte wie, befand er sich an seinem eigenen Platz unter dem Feuer gewaltiger Lachsalven der ganzen Schule. Unerbittlich, wie das Schicksal, starrte der Lehrer noch während einiger schrecklicher Momente auf ihn nieder, begab sich aber dann schließlich feierlich zurück nach seinem Thron, ohne ein Wort zu sagen. Und obgleich Toms Ohr brannte, triumphierte sein Herz.

Als der Sturm in der Schule sich wieder gelegt hatte, machte Tom den ernsten Versuch, zu lernen, aber der Sturm in seinem Innern war zu gewaltig. Jetzt sollte er lesen, die Reihe war an ihm, er brachte aber vor Stammeln und Stottern keinen Satz zusammen; dann kam die Geographiestunde. Bei Tom wurden Seen zu Bergen, Berge zu Flüssen und Flüsse zu Inseln, bis das Chaos wieder über die Welt hereingebrochen zu sein schien. Beim Diktatschreiben, in dem er sonst einer der Besten war, stolperte er über die kinderleichtesten Wörter, hatte in einem Diktat von zehn Linien fünfzig Fehler und mußte die bleierne Verdienstmedaille, die er bis dahin für diese seine erste und einzige Kunst mit so viel Stolz getragen, ohne alle Gnade einer würdigeren Brust überliefern.

Sechstes Kapitel.

Je eifriger Tom sich bemühte, seine Gedanken fest auf das Buch zu heften, um so rastloser schweiften sie rings in der Weite herum. So gab er es denn zuletzt mit einem Seufzer und Gähnen auf. Ihm schien die erlösende Mittagsstunde heute niemals schlagen zu wollen. Die Luft draußen war vollständig regungslos, nicht der kleinste Hauch belebte die Stille. Es war der schläfrigste aller schläfrigen Tage. Das eintönige Gemurmel der fünfundzwanzig eifrig studierenden Schüler umspann die Seele mit demselben einschläfernden Zauber, der in dem Gesumm der Bienen liegt. Hoch oben am blauen Sommerhimmel schwebten zwei Vögel auf trägen Schwingen, sonst war draußen kein lebendes Wesen zu erblicken, außer einigen Kühen, welche schliefen.

Toms Herz sehnte sich nach Freiheit, oder doch wenigstens darnach, irgend etwas von Interesse zu haben, das ihm die schreckliche Langeweile vertreiben helfe. Mechanisch wanderte seine Hand zur Tasche und, siehe da, sein Antlitz erhellte ein Strahl dankbarer Rührung. Verstohlen kam die kleine Schachtel zum Vorschein, die Baumwanze wurde befreit und auf den langen schmalen Schultisch gesetzt. Die unvernünftige Kreatur erglühte in diesem Augenblick wohl gleichfalls in tiefster Dankbarkeit, doch diese Wonne kam verfrüht, denn kaum hatte sie sich jubelnden Herzens marschfertig gemacht, als das grausame Schicksal, in Gestalt einer Stecknadel in Toms Hand, ihrem Laufe eine andere Richtung gab.

Toms Busenfreund saß neben ihm, leidend, wie dieser soeben noch gelitten, und zeigte sich augenblicklich von tiefstem, dankbarstem Interesse erfüllt für die neue Unterhaltung. Dieser Busenfreund war Joe Harper. Die ganze Woche hindurch waren die beiden Jungen geschworene Freunde, der Sonnabend nur sah sie regelmäßig als Gegner auf dem Schlachtfelde. Joe zog sofort eine Stecknadel aus seinem Jackenfutter und begann sich mit Lust und Liebe am Einexerzieren der gefangenen Wanze zu beteiligen. Von Minute zu Minute nahm die Sache an Interesse zu. Bald meinte Tom, daß sie sich gegenseitig nur hinderten und somit keiner den vollen Genuß an der Wanze haben könne. So nahm er denn Joes Tafel vor sich hin auf den Tisch und zog von oben bis unten eine Linie genau durch die Mitte derselben.

»Jetzt,« sagte er, »paß auf! So lang die Wanze auf deiner Seite ist, darfst du sie treiben mit der Nadel und ich laß' sie in Ruhe. Brennt sie dir aber durch und kommt zu mir herüber, dann siehst du zu, so lang, bis sie mir wieder durchgeht. Hast du verstanden?«

»Schon gut, nur vorwärts,« trieb der ungeduldige Joe, -- »kitzle sie mal ein bißchen!«

Die Wanze entwischte Tom schleunigst und passierte die Linie, nun war die Reihe des ›Kitzelns‹ an Joe, gleich danach hatte sie wiederum den Aequator gekreuzt. Dieser Wechsel wiederholte sich des öfteren. Während nun der eine Junge die unglückselige Baumwanze mit der Nadel anspornte, in nimmer erlahmendem Eifer, schaute der andere in atemloser Spannung zu, die beiden Köpfe waren tief über die Tafel gebeugt, die beiden Seelen schienen der ganzen übrigen Welt wie abgestorben. Endlich wollte sich das launenhafte Glück für Joe entscheiden, an seine Fersen heften. Die Wanze versuchte auf allen möglichen Wegen zu entwischen und wurde bei der Jagd so lebhaft und erregt, wie die Jungen selber. Aber wieder und wieder, gerade als sie den Sieg schon, so zu sagen, in Händen hielt und Toms Finger juckten und zappelten vor Begier, in die Aktion eingreifen zu können, gerade im entscheidenden Moment lenkte Joes Nadel geschickt den Flüchtling nach seiner Seite zurück und wahrte sich den Besitz dieses köstlichen Guts. Endlich konnte es Tom nicht länger mehr aushalten, die Versuchung war zu groß. So streckte er denn die Hand aus und begann mit seiner Nadel nachzuhelfen. Da aber wurde Joe zornig und rief drohend:

»Tom, laß das bleiben!«

»Ich will dir ja nur ein klein bißchen helfen, Joe.«

»Ach was, helfen! Brauch' dich nicht, laß bleiben, sag' ich.«

»Kuckuck, noch einmal. Ich werd' doch auch ein bißchen helfen dürfen!«

»Laß bleiben, sag' ich dir!«

»Ich will aber nicht.«

»Du mußt -- die Wanze ist auf meiner Seite.«

»Hör' mal zu, Joe Harper. Wem gehört die Wanze denn eigentlich, dir oder mir?«

»Das ist mir ganz einerlei. Eben ist sie auf meiner Seite der Linie und du sollst sie nicht anrühren, oder --«

»Na, wettst du, daß ich's thu'? Die Wanze ist mein und ich kann mit ihr machen, was ich will -- hol' mich der und jener! Her damit, sag' ich!«

Ein saftiger Hieb sauste hernieder auf Toms Schultern, ein Zwillingsbruder desselben traf Joes Rücken; zwei Minuten lang waren die Jungen in eine Staubwolke gehüllt, die aus ihren Jacken aufwirbelte, zum ungeheuren Gaudium der ganzen Schule. Die beiden Sünder waren zu versunken gewesen in ihre Beschäftigung, um das verhängnisvolle Schweigen zu bemerken, das eingetreten war, als der Lehrer auf den Fußspitzen nach ihnen hinschlich und dann hinter ihnen stehen blieb. Er hatte eine hübsche Weile der seltenen Beschäftigung zugeschaut, ehe er sich erlaubte, seinen Teil zur Mehrung des Vergnügens beizutragen.

Als die Schule dann um Mittag aus war, flog Tom auf Becky Thatcher zu und wisperte ihr ins Ohr:

»Setz' deinen Hut auf und thu' als ob du heim wolltest. Wenn du an der Ecke bist, laß die andern laufen und komm durch's Heckengäßchen zurück. Ich mach's grad' auch so.«

So ging also jedes der beiden mit einem andern Haufen Kinder ab, am Ende des Heckenpfads trafen sie einander und als sie dann zusammen die Schule erreichten, hatten sie dieselbe ganz für sich allein. Sie setzten sich neben einander, nahmen eine Tafel vor und Tom führte Beckys mit dem Griffel bewaffnete Hand sorgsam mit der seinen und schuf ein neues erstaunliches Wunder von Haus. Als das Interesse an der Kunst etwas zu erlahmen begann, machten sich die zwei ans Plaudern. Tom schwamm in einem Meer von Wonne. Jetzt fragte er:

»Magst du Ratten?«

»Puh nein, ich kann sie nicht ausstehen.«

»Ich auch nicht -- lebendige wenigstens. Aber tote, mein' ich, die man an eine Schnur bindet und um seinen Kopf schwingt.«

»Nee, ich mach' mir überhaupt nicht viel aus Ratten, so oder so. Was ich gern mag, ist Süßholz!«

»Das glaub' ich. Wollt', ich hätt' ein Stück!«

»Wirklich? Ich hab' eins. Da, du kannst ein bißchen dran kauen, mußt mir's aber dann wiedergeben, gelt?«

Das war nun eine wundervolle Beschäftigung. So kauten sie denn abwechselnd und baumelten dazu mit den Beinen gegen die Bank im Uebermaß wonnigsten Behagens.

»Warst du schon einmal im Zirkus?« fragte Tom.

»Ja, und ich darf wieder hin, hat Papa versprochen, wenn ich sehr brav bin.«

»Ich war schon drei- oder viermal -- nee noch viel, viel öfter dort. Die Kirche ist gar nichts dagegen! Im Zirkus ist immer was los. Wenn ich mal groß bin, werd' ich Hanswurst!«

»Wahrhaftig? Das wird reizend! Die sind immer so wunderhübsch gefleckt, Hosen und Jacke und alles.«

»Das ist wahr. Und sie verdienen Haufen von Geld -- beinahe 'nen Dollar im Tag, meint Ben Rogers. Sag' mal, Becky, warst du schon mal verlobt?«

»Was ist denn das?«

»Na, verlobt -- wenn man sich heiraten will.«

»Nein, nie.«

»Möchtest du's gern?«

»Vielleicht, ich weiß nicht. Wie ist's denn ungefähr?«

»Wie's ist? Ja, wie gar nichts eigentlich. Du brauchst nur 'nem Jungen zu sagen, du wolltst keinen andern haben als ihn, nie, nie und nimmer, dann giebst du ihm 'nen Kuß und die Geschichte ist fertig. Das kann doch ein kleines Kind -- nicht?«

»'nen Kuß? Warum denn den?«

»Ja, das muß man, weil, -- kurz, sie thun's eben alle, das gehört dazu.«

»Alle thun's?«

»Ja, alle die in einander verliebt sind. Weißt du noch, was ich dir auf die Tafel geschrieben habe?«

»J--ja.«

»Was denn?«

»_Ich_ sag's nicht.«

»Soll _ich's_ sagen?«

»J--ja -- aber ein andermal.«

»Nein, jetzt.«

»Nein, nicht jetzt -- morgen.«

»Ach nein, jetzt, bitte, bitte, Becky. Ich will's auch nur ganz, ganz leise sagen. Soll ich?«

Da Becky zögerte, nahm Tom ihr Schweigen für Zustimmung, schlang den Arm um sie, legte den Mund dicht an ihr Ohr und flüsterte ihr leise, leise die uralte Zauberformel zu. Dann fuhr er ermunternd fort:

»Jetzt bist du dran. Nun mußt du's sagen -- ganz dasselbe.«

Eine Weile widerstand sie, und bat dann:

»Du mußt dein Gesicht dorthin drehen, daß du mich nicht sehen kannst, dann sag' ich's. Du darfst's aber keinem, keinem Menschen wieder sagen, gelt Tom, das versprichst du, gelt?«

»Nie im Leben, Becky, gewiß und wahrhaftig. Na -- denn los!«

Er wandte den Kopf ab, sie beugte sich schüchtern zu ihm, bis ihr Atem seine Wange streifte und seine Locken bewegte, und flüsterte: »Ich -- liebe -- dich.«

Dann sprang sie auf, rannte um Bänke und Tische, Tom immer hinterdrein, nahm zuletzt Zuflucht in einer Ecke des Zimmers und drückte ihr Gesichtchen fest in die weiße kleine Schürze. Tom schlang die Arme um ihren Hals und bat:

»Jetzt, Becky, ist's ja beinahe vorbei -- nur noch der Kuß. Du brauchst dich doch davor nicht zu fürchten, das ist ja gar nichts. Bitte, Becky.«

Und er versuchte Schürze und Hände vom kleinen Gesicht zu lösen.

Allmählich gab sie nach und ließ die Hände sinken. Das Gesichtchen, ganz rot und erhitzt von der Anstrengung, kam zum Vorschein und unterwarf sich der Prozedur. Tom küßte die roten Lippen und sagte:

»So, jetzt ist's geschehen, Becky. Und von jetzt an, weißt du, darfst du nur mich lieben und heiraten und gar, gar keinen andern, nie, niemals, in alle Ewigkeit nicht. Willst du?«

»Nein, ich will nie 'nen andern lieben, Tom, und nie 'nen andern heiraten als dich, aber du darfst's auch nicht thun, Tom, darfst auch nie 'ne andere heiraten wollen.«

»Gewiß! Natürlich, das gehört auch dazu. Und immer auf dem Weg zur Schule oder nach Hause mußt du mit mir gehen, wenn's niemand sieht, und bei Gesellschaften wähl' ich dich und du mich zum Spiel, denn so macht man's, wenn man verlobt ist.«

»Nein, wie hübsch! Davon hab' ich noch gar nichts gewußt.«

»Ja, 's ist schrecklich lustig. Ei, ich und Anny Lorenz --«

Beckys große, erschreckte Augen verrieten Tom sofort seinen Mißgriff. Verwirrt hielt er ein.

»O, Tom. Ich bin also nicht die erste, mit der du verlobt bist?«

Ihre Thränen flossen. Tom tröstete:

»Wein' nicht, Becky. Ich mach' mir gar nichts mehr aus der.«

»Doch, Tom, doch -- du weißt selbst, daß du dir noch was aus ihr machst ...«

Tom versuchte den Arm um ihren Hals zu legen, sie aber stieß ihn fort, wandte das Gesicht der Wand zu und schluchzte herzbrechend weiter. Tom versuchte es noch einmal mit sanft zuredenden Worten und wurde wieder zurückgewiesen. Nun regte sich sein Stolz, stumm schritt er der Thüre zu und ging hinaus. Draußen drückte er sich eine Weile herum, rastlos und unbehaglich, von Zeit zu Zeit nach der Thüre schielend, in der Hoffnung, sie würde bereuen und kommen, ihn zurück zu holen. Sie aber kam nicht. Nun wurde ihm schlecht zu Mute und er begann zu fürchten, daß er selber im Unrecht sei. Es kostete ihn einen harten Kampf, noch einmal Annäherungsversuche zu machen, doch wappnete er sich schließlich mit Mannesmut und ging hinein. Dort stand Becky noch in ihrem Winkel und weinte, das Gesicht gegen die Wand gepreßt. Toms Herz krampfte sich zusammen bei dem Anblick. Er trat zu ihr, im Moment ratlos, wie er die Verhandlungen einleiten sollte. Endlich stieß er zögernd hervor:

»Becky, ich -- ich mag keine andre mehr sehen, als dich.«

(Keine Antwort -- nur erneutes Schluchzen.)

»Becky,« -- (bittend.)

»Becky, willst du mir gar nichts sagen?«

(Heftiges Schluchzen.)

Tom grub in seinen Taschen und brachte endlich das Kleinod seines Herzens, den Messingknopf irgend eines alten Deckels, zum Vorschein, hielt ihr denselben vor, so daß sie ihn sehen konnte und sagte in einladendem Tone:

»Bitte, Becky, nimm doch das da, sieh mal her!«

Sie aber schlug's unbesehen zu Boden. Nun wandte sich Tom wortlos, schritt aus dem Hause und suchte das Weite, um für diesen Tag nicht zur Schule zurück zu kehren. Bald ward es Becky klar, was sie verscherzt hatte. Sie rannte nach der Thüre, auf den Hof, flog um die Ecke des Hauses -- er war nicht mehr zu sehen. Nun erhob sie die Stimme:

»Tom, Tom, komm zurück, Tom!«

Atemlos lauschte sie, keine Antwort. Ihre einzigen Gefährten waren Schweigen und Einsamkeit. Wieder setzte sie sich, um zu weinen, und als dann die Schüler zu den Nachmittagsstunden herbei zu strömen begannen, mußte sie ihre Trauer bergen, ihr gebrochenes Herz zur Ruhe bringen und das Kreuz eines langen, trübseligen, schmerzvollen Nachmittags auf sich nehmen, ohne unter diesen Fremden auch nur eine fühlende Brust zu haben, die ihren Schmerz hätte teilen können. --

Siebentes Kapitel.

Tom schlich sich fort auf Seitenpfaden bald zur Rechten und bald zur Linken, um dem Späherauge der zur Schule zurück pilgernden Kinder zu entgehen. Er setzte einigemale über einen kleinen Bach, da kreuzweises Ueberschreiten von Wasser ein gutes Mittel sein sollte, sich geplanter Verfolgung sicher zu entziehen. Eine halbe Stunde später sah man ihn oben hinter dem letzten hochgelegenen Haus des Städtchens verschwinden, die Schule lag wie im Nebel weit hinter ihm. Nun kam er in einen dichten Wald, bahnte sich mühsam einen Weg recht ins Dickicht hinein und warf sich ins weiche Moos unter einer breitästigen Eiche nieder. Nicht ein Lüftchen regte sich, die brütende Mittagsglut hatte selbst den Sang der Vöglein verstummen machen. Die ganze Natur lag regungslos, wie in Verzückung, nur das gelegentliche, wie aus weiter Ferne ertönende Hämmern eines Spechtes unterbrach die lautlose Stille und schien die ringsum herrschende Einsamkeit nur noch lastender und fühlbarer zu machen. Des Knaben Seele badete sich gleichsam in Schwermut, seine Gefühle befanden sich im glücklichsten Einklang mit der Umgebung. Lange saß er so, die Ellbogen auf die Kniee, das Gesicht in die Hände gestützt und dachte nach. Ihm schien das Leben im besten Falle nur eine Last zu sein und er beneidete beinahe den Jimmy Hodges, der kürzlich von dieser Last erlöst worden war. So friedlich und schön dachte er's sich, da unten zu liegen, zu schlummern und zu träumen für immer und immer, während der Wind in den Bäumen spielte und mit den Blumen und Gräsern koste, die auf dem Grabe standen. Da gab es dann nichts mehr, über das man sich zu quälen und zu grämen brauchte. Wenn nur sein Sonntagsschul-Gewissen rein wäre, wie gerne würde er der ganzen Welt Valet sagen. Und was jenes Mädchen betraf -- was hatte er eigentlich gethan? Nichts. Er hatte es so gut gemeint, wie nur einer in der Welt und war behandelt worden, wie ein Hund, -- wie ein elender Hund. Sie würde es bereuen eines Tages -- wenn es zu spät wäre vielleicht. Ach, wenn er nur sterben könnte, nur für _einige Zeit_!

Das elastische Herz der Jugend aber läßt sich nicht lange in ein und dieselbe Form zusammenpressen. Tom glitt alsbald wieder ganz unmerklich in die Interessen dieses Lebens zurück. Wie, wenn er allem den Rücken kehrte und geheimnisvoll verschwände? Oder wenn er davon wanderte, weit, weit, ewig weit fort, in ferne fremde Länder jenseits der See und niemals wieder käme? Wie würde Becky zu Mute sein? Der Gedanke, ein Hanswurst zu werden, stieg auch wieder in ihm auf, aber er wies ihn mit Ekel von sich. Tollheit und Witze nebst gesprenkelten Trikots waren jetzt förmlich eine Beleidigung für seinen Geist, der sich in das nebelhafte, hehre Gebiet der Romantik aufgeschwungen hatte. Nein, ein Soldat wollte er werden und nach langen, langen Jahren wiederkehren, kriegsmüde, ruhmbedeckt. Oder, noch besser! Er wollte zu den Indianern gehen, Büffel jagen, den Kriegspfad beschreiten in den wilden Bergen und unermeßlich weiten Ebenen des ›Fernen Westens‹, und dann einmal in grauer Zukunft zurückkehren als großer Häuptling, starrend von Federn, scheußlich bemalt, und an einem schläfrigen Sommermorgen mit gellendem Kriegsgeheul, welches das Blut gerinnen machte, in die Sonntagsschule einbrechen, wo die Herzen und Augen seiner Kameraden ihn förmlich verzehren würden vor sengendem Neid. Halt, es gab noch etwas Größeres als selbst dieses! Ein Seeräuber wollte er werden! Das war's. Jetzt lag seine Zukunft klar vor ihm, strahlend in unsagbar blendendem Glanze. Wie würde sein Name die Welt erfüllen und alle Menschen schaudern und erbeben machen! Wie glorreich würde er auf seinem langen, niedrigen, kohlschwarzen Schnellsegler ›Sturmesfittich‹ die wogenden Wellen der See durchfurchen, während die düstere Flagge vom Vordermast wehte, ein gefürchtetes Zeichen auf allen Meeren. Und, auf dem Gipfel seines Ruhmes angelangt, wie wollte er plötzlich im alten Städtchen erscheinen, in die Kirche treten, braun und verwettert, in seinem schwarzen Sammtwams und der faltigen Pluderhose, seinen hohen Stulpstiefeln, der roten Schärpe und dem mit wallenden Federn besteckten Schlapphut, den Gürtel starrend von Reiterpistolen, das in blutigen Metzeleien eingerostete Schwert an der Seite; sodann wollte er die schwarze Flagge mit dem Totenschädel und den gekreuzten Gebeinen darauf entfalten und mit einem das Herz zum Zerbersten schwellenden Entzücken das Raunen und Flüstern hören: »Seht, das ist Tom Sawyer, der Pirat! Der schwarze Würger der spanischen Meere!«

Ja, nun war's entschieden, seine Laufbahn festgestellt. Er wollte von Hause weglaufen und dieselbe sofort antreten. Gleich am nächsten Morgen wollte er's thun! Drum mußte er aber auch sofort an die Vorbereitungen gehen. Es galt zunächst, all seine Reichtümer zusammen zu tragen. So ging er denn zu einem verfaulten Baumstamm in der Nähe und begann an einem Ende desselben mit seinem Messer den Boden aufzuwühlen. Bald kam er auf Holz, das hohl klang. Er legte die Hand darauf und sprach andächtig die Beschwörungsformel:

»_Erscheine_, was nicht hier, Und was schon hier war, _bleibe_!«

Danach kratzte er die Erde vollends weg und legte eine fichtene Schindel bloß. Diese hob er empor und nun zeigte sich eine schmucke, kleine Schatzkammer, deren Boden und Wände ebenfalls aus Schindeln bestanden. Eine _einzige_ Glaskugel lag darinnen. Toms Erstaunen war grenzenlos. Verblüfft kratzte er sich am Kopfe und sagte:

»Na, das übersteigt denn doch alles!«