Tokio - Berlin: Von der japanischen zur deutschen Kaiserstadt

Part 9

Chapter 93,311 wordsPublic domain

In Hongkong und Shanghai kommen die Chinesen. Gestickte Seide, Tusche, Pinsel, Geldstücke, meistenteils alte Kupfermünzen, Schnitzereien aus Ebenholz und Elfenbein, goldene und silberne Ringe, Knöpfe, Nadeln, Gürtelschlösser u. s. w. sind ihre Spezialitäten. In Penang bringen ebenfalls die Chinesen Schmuckgegenstände und insbesondere wunderhübsche Kunstkistchen in verschiedenen Größen, aus schönem Holz verfertigt, zum Verkauf. In Colombo erscheinen die braunen Eingeborenen mit den verschiedensten Sachen aus Elfenbein, mit allerlei Arten von Edelsteinen wie Rubinen, Saphiren, Topasen u. s. w., worunter natürlich auch viele falsche sind, die aber die Verkäufer mit ernster Miene als echte Edelsteine anpreisen. Auch Bergkristalle und Granaten, metallene Gegenstände, ferner Gewürz, Tee, Kaffeebohnen, alle möglichen Früchte, eigentümliche Waffen aus langen scharfen Knochen von Tieren und Fischen u. s. w. werden hier angepriesen. In Port Said werden besonders Brokat, goldgestickte Teppiche und Tischdecken in herrlichster Ausführung, Korallen, kurze Uhrketten aus Metall mit Geldstücken, Straußenfedern, Straußeneierschalen, buntgeflochtene Körbe und anderes angeboten; ferner gute und sehr billige Cigaretten, aber man darf leider nicht zu viel davon kaufen, denn wenn man nach Italien kommt, werden sie verzollt und der Zoll beträgt ungefähr das Doppelte von dem, was man dafür bezahlt hat. In Neapel kann man außer verschiedenen feinen Schmuckgegenständen geschnitzte Figuren, Knöpfe, Gemmen u. s. w. aus Lava und Marmor als Spezialitäten erwerben. Erwähnen möchte ich noch, daß an jedem Orte Photographien und Ansichtspostkarten zu haben sind. Die Verkäufer sind fast überall zudringliche, mitunter unsaubere Leute, so daß sie Jedem Abscheu einflößen und man froh ist, wenn sie das Schiff verlassen haben. In einzelnen Häfen kommt man diesen Händlern sogar mit größtem Mißtrauen entgegen, da sie als unehrliche Leute bekannt sind, und vorsichtshalber werden sämtliche Behälter und Türen verschlossen. In Port Said z. B. wurde mit ihnen sehr derb verfahren. Hier erwarteten die Matrosen, an der Schiffstreppe mit Knütteln Posten stehend, die Ankömmlinge und ließen niemanden herauf. Aber obwohl es Hiebe hagelte, wichen diese Kerle nicht von dannen und schließlich gelang es doch einigen von ihnen, hindurchzuschlüpfen oder die Matrosen mit Geld oder Waren zu bestechen. Gerade in Port Said, wo die Kaufleute den verschiedensten Völkern angehören, wie Indern, Arabern, Italienern u. a. m., widert einen die Gesellschaft besonders an, so daß man mit Ekel die angebotenen Sachen zurückstößt. Zudem sprechen diese Händler eine eigentümliche, man könnte sagen, eigene Weltsprache, d. h. ein Gemisch von allen Sprachen, Englisch, Italienisch, Französisch, Deutsch, Arabisch u. s. w., von jeder Sprache etwas. Im allgemeinen wird sonst Englisch gesprochen, oder richtiger gesagt, geschrien. Doch geht der Handel mitunter auch sprachlos mittelst Gestikulationen, Achselzucken u. s. w. gut von statten. Wie unehrlich dieses Gesindel ist, mußte einer von uns bei folgender Gelegenheit erkennen: derselbe kaufte eine Photographie und bezahlte mit einem Goldstück, worauf der Verkäufer herausgeben sollte; aber kaum hatte dieser das Goldstück in der Hand, so verschwand er in der großen Menge und kam nicht wieder zum Vorschein. Aber auch, wenn diese Kerle herausgeben, muß man vorsichtig sein und aufpassen, da sie nicht selten falsches Geld bei sich führen. Auch Wechsler erscheinen mit großen Beuteln voll Gold und Silbermünzen an Bord. Diese erhalten zwar wegen der hohen Prozente, die sie für sich beanspruchen, wenig Aufträge, verdienen aber doch immerhin ganz beträchtlich, da man in den verschiedenen Gewässern mit verschiedenen Geldsorten zahlen muß. Auch Schneider erscheinen mit Kleidungsstücken, die sie verhältnismäßig billig ablassen. Sie kaufen auch von den Passagieren und Mannschaften alte Kleider, Wäsche u. s. w. Im allgemeinen sind die Preise der an Bord feilgebotenen Gegenstände außerordentlich hoch; man muß deshalb sehr handeln und kann gewiß sein, das betreffende Stück schon für die Hälfte des geforderten Preises zu erhalten. Die meisten Sachen sind auch minderwertig. Die Verkäufer preisen sie jedoch ungeheuer an und wissen stets einige davon los zu werden. Natürlich kaufen die Passagiere in vielen Fällen für teures Geld Sachen, die keinen Pfennig wert sind -- ich, der ich imitierte gefärbte Glaskugeln für echte Korallen hielt und kaufte, gehörte auch leider zu diesen -- aber man befindet sich einmal auf der Reise und da macht es doch Vergnügen, etwas mitzubringen oder seinen Lieben aus der Ferne Kleinigkeiten zu senden, auch wenn man diese Freude teuer bezahlen muß.

In Singapore, Port Said und Colombo kommen auch viele kleine Eingeborene, Knaben, unbekleidet, fast wie Affen aussehend, mit ihren Kähnen zum Schiff heran. In Colombo haben dieselben aus Baumstämmen ausgehöhlte, langgestreckte Fahrzeuge, welche sie geschickt bewegen. Natürlich treiben diese Kinder keinen Handel mit den Schiffsinsassen, machen aber ebenso wie die andern Kaufleute gute Geschäfte. Sobald sie die Passagiere am Schiffsgeländer erblicken, schreien sie mit krächzender Stimme oder zeigen mit der Hand, daß man Geldstücke ins Wasser werfen möchte, wonach sie mit unglaublicher Geschicklichkeit hinabtauchen. Einzelne von ihnen, die besonders gewandt sind, verdienen hierdurch viel Geld. Da sie unbekleidet sind, infolgedessen keine Taschen haben, stecken sie die aufgefischten Geldstücke in den Mund. -- In Neapel sahen wir gleichfalls derartige Taucher, doch waren es hier erwachsene Männer in hellen Badeanzügen, ganz fein aussehend. In dieser Verschiedenartigkeit prägte sich recht deutlich der Gegensatz zwischen den Naturvölkern und der zivilisierten Welt aus.

Tanzvergnügen an Bord.

Auf unserer Fahrt fand für die erste und zweite Klasse je ein großes Tanzvergnügen statt. Hierzu wurde das Promenadendeck mit farbigen Tüchern und Fahnen schön ausgeschmückt und abgegrenzt. Viele farbige elektrische Lampen wurden angezündet, so daß man glauben konnte, sich nicht auf einem Schiffe, sondern in einem festlich geschmückten Saale zu befinden. Sämtliche Herren und Damen erschienen festlich gekleidet: die Damen fast ohne Ausnahme in heller Toilette, die Herren in schwarzen Gesellschaftsanzügen oder in hellen Sommerkostümen. Nach dem Abendessen nahm die Schiffskapelle ihre Plätze ein und begann zu spielen. Als Einleitung kam ein Promenadenstück, dann folgten die verschiedenen Tänze wie Walzer, Polka, Rheinländer, Quadrille und wie sie alle heißen, welche bis tief in die Nacht hinein getanzt wurden. Wir Japaner waren auch dazu eingeladen und sahen diesem Treiben mit Vergnügen zu, wenn wir denselben auch kein allzugroßes Interesse entgegenbrachten. Die elastischen Gestalten drehten sich, einander mit dem Arm umschlingend, oder bewegten sich nach dem Kommando eines Herrn von einer Seite zur andern durcheinander. Bald glichen sie Schmetterlingen, die paarweis von Blume zu Blume flattern, bald sich drehenden Kreiseln. Wie ich hörte, sollen alle diese Tänze fast über ganz Europa verbreitet sein, doch soll fast ein jedes Land außerdem noch eigene Nationaltänze haben. Überhaupt wird in Europa das Tanzen sehr gepflegt und schon in frühester Jugend erlernen Knaben und Mädchen diese Kunst entweder im geselligen Zusammensein der einzelnen Familien oder bei einem Tanzlehrer, welchem selbst Schulen, besonders Mädchenschulen sehr entgegenkommen, so daß sie ihm mitunter für seine Tanzstunden die Turnhalle überlassen. So wird in Europa fast jede Gelegenheit ausgenutzt, um ein Tanzvergnügen zu veranstalten, ungerechnet jene, die in vielen öffentlichen Lokalen stattfinden. Ein guter Tänzer wird in Europa sehr gern gesehen und eingeladen; er kommt dadurch leichter in die Gesellschaft hinein und erhält einen großen Bekanntenkreis, der ihm in mancher Beziehung von Nutzen ist.

Im Zusammenhang mit Obigem erzählte mir ein Deutscher, daß in größeren Städten große, prachtvoll ausgestattete Säle seien, wo täglich getanzt wird, die sogenannten öffentlichen Tanzhallen. Hier jedoch seien fast nur Mädchen zu finden, die keinen guten Lebenswandel führen und leichtlebige Herren, die auf nicht gerade anständige Art ihr Geld verprassen. Die besseren Tanzvergnügungen, d. h. diejenigen, die von Familien, Vereinen oder aus einem bestimmten Anlaß für engere Kreise veranstaltet werden, haben jedoch -- wenn man so sagen darf -- einen Vorteil, und das sind die vielen Ehen, die durch diese gestiftet werden, insofern sie es ermöglichen, daß die jungen Leute sich kennen lernen. Ich weiß nicht, ob die Eheschließung dem Tanzen wirklich so viel zu verdanken hat, auf jeden Fall ist es aber klar, daß der Mensch dadurch aufgeheitert und angeregt wird, daß bei manchem ein wirkliches Bedürfnis befriedigt und ihm nach anstrengender Arbeit eine wohltuende Erfrischung gewährt wird. Gegen diese Lichtseiten hat der Tanz natürlich auch seine Schattenseiten, nämlich die, daß gerade dadurch viele Menschen, Männer wie Frauen, leichtsinnig werden, die Arbeit im Stich lassen, nur dem Vergnügen huldigen, wie denn auch wohl manche moralische Untugenden und Laster hier ihre Brutstätte haben.

Auf dem Schiffe bemerkte ich, daß sogar ältere Leute, besonders Engländer, viel und gern tanzten, ein Beweis, wie rüstig und gelenkig man sich selbst bis ins hohe Alter hinein erhalten kann. Auch bei uns in Japan haben wir bereits vor mehreren Jahren versucht, europäische Tänze einzuführen, aber da dieselben unserem Geschmack nicht entsprachen, so werden sie jetzt nur wenig getanzt. Einzelne Kreise haben seiner Zeit sogar einen Maskenball nach europäischem Muster veranstaltet, jedoch ist es auch hier bei diesem einen Versuch geblieben. Der Hauptgrund, daß wir uns an diese Tänze nicht gewöhnen können, liegt wohl in der Verschiedenheit unserer Kleidung, Wohnung und vor allen Dingen unserer althergebrachten Musik, welche zum Tanze ungeeignet ist.

Im Zusammenhang hierzu möchte ich einiges über die

Schiffskapelle

mitteilen. Auf dem Schiffe wird an jedem Tage mehrere Male konzertiert, regelmäßig morgens und abends. Die Kapelle besteht aus Stewards, die ihre Sache vortrefflich verstehen und sehr gut spielen. Nachdem sie beim Essen aufgewartet und ihre Kellnerpflichten erfüllt haben, begeben sie sich auf das Verdeck und beginnen hier ihr Konzert, welches gewöhnlich mehrere Stücke umfaßt, jedoch werden vorwiegend lustige Sachen gespielt. Ich hatte geglaubt, daß die Kapelle nur aus Berufsmusikern bestände, habe mich jedoch davon überzeugt, daß diese nur von den Stewards gebildet wurde und konnte mir danach wohl vorstellen, wie weit verbreitet und wie hochentwickelt die Musik in Europa sein mag. In Europa scheint fast jeder Musiktreibender zu sein und besonders in Deutschland, wo die meisten ohne Unterschied des Geschlechtes mindestens ein Musikinstrument gut spielen sollen. Bei uns befassen sich fast nur Frauen mit Musik, während Männer bloß unter den Berufsmusikern zu finden sind. Außerdem fehlt unsern althergebrachten Instrumenten meistenteils die Harmonie; sie klingen teils melancholisch, teils eintönig. Auch sind sie wegen ihrer leisen Töne nur in einem kleinen Zimmer zu hören, in einem großen Raum oder im Freien würden sie einfach verhallen. Daß nach dem oben Gesagten unsere althergebrachte Musik nicht zum Tanze geeignet ist, versteht sich von selbst.

In der Tat ist es eine Lücke in der Kultur unseres Landes, daß man bisher auf das ästhetisch so bedeutsame Mittel der Musik keine besondere Sorgfalt verwendet hat. Es werden jedoch jetzt in den Schulen Gesangstunden abgehalten; in der Musikschule, in welcher ein deutscher Kapellmeister angestellt ist, werden alle europäischen Musikinstrumente gelehrt; die Militär- und Marinekapellen sind ganz nach europäischem Muster eingerichtet, auch gibt es eine Hofkapelle und mehrere Privatkapellen, die echt europäische Musik vortragen. Aber da die Musik ebenso wie die Malerei, ja wie jede Kunst, mit dem Charakter des Volkes aufs innigste zusammenhängt, so werden noch Jahre vergehen, bevor sich diese Musik in ihrer modernen Technik in unserm Heimatlande eingebürgert haben wird. Von einem jungaufblühenden Lande kann man ja nicht verlangen, daß es mit einem Schlage in allen Dingen gleich die höchste Stufe erreicht; man muß ihm vielmehr Zeit lassen und allmählich wird unser Volk sicher auch diese ihm bisher noch fehlenden Talente zur Entwickelung bringen, um dann auch hier einen ehrenvollen Platz einzunehmen. In materiellen Dingen kann man ja schnell Riesenschritte machen, aber in Kunst und Wissenschaft, die dem Volke in Fleisch und Blut übergehen sollen, da muß man sich schon in Geduld fassen; doch die Zukunft wird auch hierin Wandel schaffen, ja vielleicht Wunder vollbringen.

Wohltätigkeitskonzerte,

deren Reinertrag für verunglückte Angestellte des >Norddeutschen Lloyd< oder deren Witwen und Waisen verwendet werden sollen, werden auf jeder Fahrt einmal arrangiert und daran beteiligen sich sämtliche Passagiere. Für das unsrige war ein vielseitiges Programm aufgestellt, von dem ich hier einige Nummern anführen möchte. Eingeleitet wurde das Fest durch Ansprache des Kapitäns und des für dieses Fest gebildeten Komitees, worin besonders der Zweck betont und schon im Voraus der Dank für die Mildtätigkeit der Teilnehmer und Spender ausgesprochen wurde. Hierauf folgten die heiteren Vorträge: ein Herr spielte vorzüglich Klavier, eine Dame trug einige Stücke auf der Zither vor, von mehreren Passagieren wurden verschiedene kleine Possen aufgeführt, eine junge Dame erfreute die Zuhörer durch den Gesang einiger schöner Lieder u. s. w. Hervorzuheben war die Leistung eines amerikanischen Offiziers, der als Dame verkleidet und schön geschminkt, die drolligsten Sachen vortrug und bei sämtlichen Zuhörern wahre Lachsalven erweckte. Hierauf wurden von mehreren Damen die Gaben eingesammelt und jeder gab soviel er geben konnte. Wie man uns beim Schluß des Festes mitteilte, war eine ziemlich bedeutende Summe zusammengekommen.

Die entgegengesetzten Gefühle der Hin- und Herreise.

Welch' ein bedeutender Unterschied liegt in den Gefühlen, mit welchen man die Hinreise macht und denen, die die Rückreise erweckt, und doch wohnen diese beiden Gegensätze auf einem und demselben Schiffe friedlich nebeneinander. Ein eifriger Beobachter könnte hier die schönsten Studien machen. Um bei uns, die wir uns auf der Fahrt von der Heimat befanden, anzufangen, so fühlten wir mit jedem Tage die Entfernung, welche uns von unsern Lieben trennte, größer werden. In den ersten Nächten blieb uns erquickender Schlummer fern. Denn ein eigentümliches Gefühl, gemischt aus der freudigen Aussicht, viel Schönes zu sehen und zu lernen, und aus dem Unbehagen, das Vaterland und die Seinigen so lange zu verlassen, hielt uns wach. Ja, es war, als ob eine Leere im Herzen entstünde, und in gleichem Maße, wie die Entfernung wuchs, glaubte man von Tag zu Tag ein Fortschreiten dieser Empfindung wahrzunehmen. Es ist uns dabei zu Mute, als ob jemand hinter unserem Rücken stände und uns fortwährend nach hinten zöge.

Wie anders dagegen ist das Gefühl derjenigen, die sich auf der Rückreise befinden. Mit jedem Tage nähert man sich mehr und mehr der heimatlichen Küste und man kann wohl sagen, mit jeder Meile wächst die Freude und die Sehnsucht, die Lieben wieder vor sich zu haben, sie sprechen zu hören und sie in die Arme schließen zu können. Schon auf dem Schiff erzählten die auf der Rückreise Befindlichen gern und viel von der Heimat und man fühlt hier so recht die Wahrheit des Wortes: »Weß das Herz voll ist, deß läuft der Mund über,« während die Dahinfahrenden -- besonders in den ersten Tagen -- meist stumm und nachdenklich den Kopf hängen lassen oder, die Hände aufs Schiffsgeländer gestützt, in das weite Meer hinausstarren. Man könnte diese beiden Arten, die ich eben geschildert habe, als die normalen bezeichnen, denn ein jeder, welcher eine Heimat besitzt, wird beim Abschied Schmerz, beim Wiedersehen Freude empfinden.

Nun gibt es aber noch Menschen, die sozusagen keine Heimat haben, d. h. die nach einem neuen Ziele streben und die Brücke hinter sich vollständig abgebrochen haben, oder solche, die aus reiner Reiselust von einem Weltteil zum andern fahren, bald hier, bald dort ihr Heim aufschlagen und überall zu Hause sind. Die Gefühle dieser Menschen sind selbstverständlich andere, oder vielleicht könnte man von ihnen sagen, sie fühlen überhaupt nichts Besonderes, da sie ja nichts zu verlieren und nichts zu gewinnen haben.

Unser Schiff.

Wie schon mehrfach erwähnt, hatten wir uns auf dem deutschen Reichspostdampfer »König Albert«, dem >Norddeutschen Lloyd< gehörig, eingeschifft, und da uns dieser Dampfer bei der Überfahrt so gute Dienste geleistet hat, so fühle ich mich verpflichtet, über ihn zu schreiben und ihn meinen Landsleuten, die nach mir die Fahrt nach Deutschland unternehmen werden, zu empfehlen. Der Dampfer ist ca. 150 m lang und 20 m breit und ist der größte Dampfer des >Norddeutschen Lloyd<, welcher von Japan nach Deutschland verkehrt. Er kann außer einer ungeheuren Ladung noch etwa 2400 Passagiere (davon 2000 dritter Klasse) beherbergen. Auf unserer Fahrt wurden an Kajütenpassagieren erster und zweiter Klasse aufgenommen 54 Personen in Japan, 40 Personen in Shanghai, 40 in Hongkong, 45 in Singapore, 13 in Penang und 15 in Colombo. Wie viele Passagiere sich außerdem noch in der dritten Klasse befanden, ist mir nicht bekannt. Auch eine ziemlich bedeutende Schiffsbesatzung -- ungefähr 200 Köpfe -- war an Bord.

Auf dem Dampfer unterscheidet man das Hauptdeck, über diesem das Oberdeck, hierüber das untere, dann das obere Promenadendeck und ganz oben das kleine Sonnendeck. Vorzüglich eingerichtet und wahrhaft künstlerisch ausgestattet ist der Speisesaal, welcher auf dem unteren Promenadendeck liegt; ferner das sehr große Musikzimmer, beide für Passagiere erster Klasse. Aber auch Speisesaal und Damenzimmer für die Passagiere zweiter Klasse, welche sich auf dem Oberdeck befinden, sind äußerst geräumig und schön eingerichtet. Für die Passagiere erster sowohl wie zweiter Klasse ist je ein Rauchsalon vorhanden. Sämtliche Räume werden mittels unzähliger elektrischer Glühlampen erleuchtet. Einer besonders luxuriösen Ausstattung erfreut sich die Staatskabine, die ihrerseits wieder aus Wohn-, Schlaf- und Badezimmer besteht. Aber auch die Kajüten erster und zweiter Klasse sind gut und praktisch eingerichtet und man kann in ihnen die lange Überfahrt, auch wenn sie sechs Wochen oder noch länger dauert, bequem überstehen. Wir haben uns darin jedenfalls sehr wohl gefühlt und ich glaube dasselbe von jedem andern Passagier annehmen zu dürfen. Auch die Verpflegung auf dem Schiff ist -- wie ich schon einmal erwähnt habe -- geradezu ausgezeichnet, ich will nicht verfehlen, auch an dieser Stelle meiner Zufriedenheit Ausdruck zu geben. Es ist dies ja nur eine Bestätigung dessen, was man öfters sagen hört, daß der >Norddeutsche Lloyd< und die >Hamburg-Amerika-Linie<, diese beiden größten deutschen Schiffsgesellschaften, alles aufbieten, um die schnellsten und größten, zugleich aber auch die bequemsten und mit den neuesten Sicherheitsmaßregeln versehenen Schiffe in Dienst zu stellen. Hoffen wir, daß es ihnen noch lange gelingen wird, in diesem edlen Wettstreit an der Spitze zu bleiben, denn davon würden wir als Passagiere den größten Vorteil haben; das Reisen würde immer sicherer und angenehmer werden.

Trauriges während der Fahrt.

Wie uns auf unserer Fahrt viel Interessantes und Erfreuliches passiert ist, so hat es uns aber auch am Gegenteil nicht gefehlt.

Bei einer langen Fahrt, die anderthalb Monate dauert, und bei der großen Menge von Fahrgästen, die sich auf unserm Schiff befand, kann es nicht vermieden werden, daß manch' unangenehme Ereignisse vorkommen. So erzählte man mir, daß fast jede Fahrt Unglücksfälle, ja sogar nicht selten Todesfälle aufzuweisen hat. Leider traten diese beiden bei unserer Fahrt in verstärktem Maße vor, denn sie fingen bereits nach einer Fahrt von acht Tagen an. Zuerst überraschte uns der bereits erwähnte Todesfall eines Passagiers, eines Engländers, der mit seiner Familie von Japan nach Hause reiste. Der Verstorbene soll lungenleidend gewesen sein und hatte wohl von der Seefahrt Stärkung und Besserung seiner Krankheit erwartet. Aber der Mensch denkt und Gott lenkt! Der Leichnam des Verstorbenen wurde in Hongkong beigesetzt. In wie großer Trauer seine Hinterlassenen zurückblieben, läßt sich denken.

Bei der betreffenden Stelle meines Reiseberichts habe ich schon erwähnt, wie unerwartet und erschreckend mich die Nachricht getroffen hatte, daß in Hongkong mein Freund und früherer Schüler Dr. Okoshi, den ich dort aufsuchen wollte, verstorben war, und daß einen Tag vorher sein Leichenbegängnis stattgefunden hatte.

Im Indischen Ozean hörten wir plötzlich, daß ein Matrose verschwunden sei. Es wurde überall nach ihm gesucht, aber vergebens; er konnte nicht aufgefunden werden. Da entdeckte man nach etwa vier Tagen seine Leiche im Kohlenlager auf dem Boden des Schiffes. Man nahm an, daß er entweder von der ungeheuren Höhe herabgestürzt oder daß er durch Kohlengase erstickt sei. Der Leichnam wurde nach Seemannsart in das Meer gesenkt. Wohin man einen Leichnam zur Ruhe bestattet -- ob in die dunkle Erde oder in das tiefe Meer -- scheint ziemlich gleich zu sein, und doch ist es ein unheimliches Gefühl, wenn man sieht, wie in stiller Nacht beim Mondschein der Überrest eines unserer Mitmenschen in die Tiefe der unendlichen weiten See versenkt wird. Die Erde hat den Menschen geboren und es ist naturgemäß, daß er wieder in die Erde hineingesenkt wird. Heißt es doch: »Von Erde bist Du geworden, zur Erde sollst Du wieder werden!« Nur in der Erde findet man die rechte Ruhe, nur auf der Erde kann man einen Grabhügel errichten, mit Denkmal und Blumen zieren, nur vor dem Grabhügel haben die Hinterbliebenen das Gefühl, dem Toten immer noch nahe zu sein. In dem ewig bewegten Meere, in dem wild stürmenden Element scheint uns ein sanftes Ruhen nicht möglich. Doch des Seemanns Los ist es, daß er fern von der Heimat in der Tiefe der See sein Grab findet, wo kein Hügel, kein Stein später an ihn erinnert. Aber trotzdem wünscht sich jeder Seemann gerade den Tod auf der See und dort sein Begräbnis.