Tokio - Berlin: Von der japanischen zur deutschen Kaiserstadt
Part 8
Wie sich nun unsere Landsleute auf dem Schiffe bewegten, was sie trieben und wie sie lebten, brauche ich hier nicht zu erörtern, denn der japanische Charakter ist ja uns allen bekannt. Sollte jedoch irgend jemand sein, der es wissen möchte, nun gut, der mag selbst die Reise antreten.
Die Seekrankheit.
Ja, die Seekrankheit ist eine wunderbare Krankheit! Gottlob, daß sie auf unserer Fahrt nicht so schlimm auftrat, trotzdem wir von Colombo bis Aden fast fünf Tage lang ziemlich hohen Wellengang hatten. Es ist ein unheimliches Gefühl, wenn das Schiff so stark schaukelt, sich jetzt auf diese, nun auf jene Seite legt; bald glaubt man in einen Abgrund zu versinken, bald zu den Wolken emporgetragen zu werden. Und dann, wenn sich das Hinterschiff aus dem Wasser erhebt, das dumpfe Getöse der Schrauben, das man noch lange nach beendigter Fahrt zu vernehmen glaubt. An einem besonders stürmischen Tage konnten die meisten den Speisesaal nicht betreten. Eine Dame war vom Anfang der Fahrt bis zum Ende seekrank, sodaß sie fortwährend auf dem Verdeck liegen mußte und weder essen noch schlafen konnte; sie sah wirklich mitleiderregend aus. Ein junger Deutscher pflegte sie sehr aufopfernd, sodaß man glauben konnte, die beiden ständen sich auch im sonstigen Leben näher. Beide verließen das Schiff in Neapel, um ihre Reise von dort aus zu Land fortzusetzen. Unsere besten Wünsche begleiteten sie, und wir hofften, daß sie glücklich und gesund ihre Heimat erreicht haben.
Gegen die Seekrankheit gibt es meiner Erfahrung nach zwei Verhaltungsweisen, entweder man liegt ganz still oder man bewegt sich fortwährend so viel wie nur irgend möglich. Ich habe bemerkt, daß korpulente Personen mehr von dieser Krankheit geplagt wurden, als andere Menschen. Unter meinen Landsleuten befand sich auch einer, der sehr leicht seekrank wurde, er blieb die meiste Zeit in der Kajüte und ließ sich selten sehen. Beim Essen erschien er -- da der Hunger ihn plagte -- aß sehr schnell, fast ohne zu kauen und -- verschwand. Gingen wir jedoch an Land, so war unsere Kolonie stets vollzählig, sodaß wir es hinnehmen mußten, als ein Deutscher zu uns sagte: »Eigentümlich, wenn Sie an Land gehen, sind Sie vollzählig, sonst nicht.«
Ich habe stets mit meiner Seetüchtigkeit geprahlt und sie auch auf der ganzen Fahrt bewahrt, ausgenommen an einem Tage. An diesem Tage, glücklicherweise dem einzigen während der ganzen Seereise, bin auch ich ein Opfer dieser heimtückischen Krankheit geworden. Das wollte ich eigentlich geheim halten, aber da ich versprochen habe, meine Erlebnisse treu mitzuteilen, so fühle ich mich verpflichtet, der Wahrheit zu Ehren auch dieses zu berichten. Die Seekrankheit verursacht ein geradezu unbeschreibliches Gefühl, zumal wenn man, wie ich, beim Bade von ihr überrascht wird. Eine große Welle stürmte heran, der ganze Schiffbau hob und senkte sich in schaukelnder Bewegung; es hob und senkte sich auch mir im Innern, sodaß ich das Gleichgewicht verlor und vergebens nach einem Halt suchte... Der Angstschweiß trat mir auf die Stirn... es schwindelte mir vor den Augen... der Magen krampfte sich zusammen... ein Pressen im ganzen Körper... »und es wallet und brauset und siedet« und -- ich war seekrank, ich, der ich sonst mit mitleidigem Lächeln auf die seeschwachen Passagiere herabschaute! Gottlob, daß diese Krankheit sonst keine nachteiligen Folgen hat! Glücklich derjenige, dem es vergönnt ist, von einer solchen Reiseerinnerung verschont zu bleiben!
Der Nebel.
Eine der gefährlichsten Erscheinungen während der Fahrt ist der Nebel, und zwar am gefährlichsten, wenn das Schiff sich in der Nähe eines Strandes oder gar einer Klippe oder Sandbank befindet. Ein Sturm ist zwar für Schiffe ebenfalls gefährlich, jedoch kann man bei der festen, soliden Bauart der heutigen großen Dampfer und der theoretisch wie praktisch hochstehenden Ausbildung der Führer einem Sturm mit Ruhe entgegensehen, zumal wenn sich das Schiff auf hoher See befindet. Etwas anderes ist es aber mit dem Nebel, da nützt sowohl die Festigkeit des Schiffes als auch die kunstgerechte Führung fast garnichts, denn bei dichtem Nebel kann man ja kaum zwei Schritte weit sehen. Zwar werden allerlei Mittel angewendet, um die Gefahr zu verringern; man hat auch die verschiedensten Apparate erfunden, um die augenblickliche Lage des Schiffes möglichst genau zu bestimmen, aber trotz alledem ist bei einem Nebel die Gefahr für Schiff und Besatzung bei weitem größer als bei einem Sturm. Als wir von Hongkong nach Singapore fuhren und uns nicht weit von der Insel Formosa befanden, wurden wir eines Morgens von einem dichten Nebel überrascht. Dieser Teil des Meeres ist wegen der zahlreichen Klippen, welche jene Insel umgeben, den Schiffern als einer der gefährlichsten bekannt. Es verursacht ein unheimliches und angstvolles Gefühl, wenn auf dem Schiffe allerlei Anstalten getroffen werden, die auf eine ernste Gefahr hindeuten. Die Fahrgeschwindigkeit wird auf ein Minimum herabgesetzt, nur langsam bewegt sich das Schiff vorwärts; von Zeit zu Zeit liegt es ganz still. Die Glocken werden in einem fort geläutet; die Dampfpfeife und das Nebelhorn ertönen, um bei etwaiger Annäherung eines anderen Schiffes einen Zusammenstoß zu vermeiden, dazwischen hört man das Kommando der Offiziere. Zwar sind die stärksten elektrischen Lichter angezündet; da man sich jedoch gegenseitig auf ein paar Schritte kaum erkennen kann, so ist klar, daß auch dies wenig hilft. In solch einer ernsten Stunde hört alles lebhafte Treiben an Bord auf; es wird totenstill und jeder hat mit sich selbst zu tun. Er denkt an das, was ihm im Leben am nächsten steht, läßt so manches an sich im Geiste vorüberziehen, sein fernes Heim, seine lieben Angehörigen, die von dem furchtbaren Ernst der Stunde keine Ahnung haben. Dieser angstvolle Zustand währte etwa drei Stunden, und als dann der dichte Nebelschleier zerriß, sahen wir auf der einen Seite, nicht allzuweit von uns, einen Postdampfer vorüberfahren. Bei diesem Anblick befiel uns unwillkürlich ein Grausen. Was hätte uns zustoßen können, wenn sich der Nebel nicht aufgeklärt hätte! Durch Gottes Hilfe war diesmal ein Unglück vermieden, sonst hätten wir vielleicht hier ein nasses Grab in dem unendlichen Meere gefunden. Das schöne Lied von Goethe möchte ich hier anführen, worin er »die glückliche Fahrt« -- freilich weniger nach gefährlichem Nebel als nach lang anhaltender Windstille -- besingt:
»Die Nebel zerreißen, Der Himmel ist helle Und Äolus löset Das ängstliche Band. Es säuseln die Winde, Es rührt sich der Schiffer. Geschwinde! Geschwinde! Es teilt sich die Welle, Es naht sich die Ferne; Schon seh' ich das Land!«
Die Schiffsbegleiter.
Wirklich interessante Erscheinungen sind die verschiedenen Tierarten, welche dem Schiffe unterwegs begegnen oder dasselbe ein Stück begleiten. Zunächst sind es die Möven, jene schöne Art von Seevögeln, welche in großer Anzahl das Schiff umkreisen. Wenn sich letzteres dem Strande oder dem Hafen nähert, sieht man viele hunderte von diesen Vögeln, die auf den Augenblick warten, wo alle Überbleibsel der Speisen, wie Brot, Fleisch u. dergl., über Bord geworfen werden. Es ist ein sehr anziehendes Schauspiel, wenn diese Seevögel, nachdem sie eine Zeitlang durch die Luft geschwebt sind, mit einem Male zum Wasser hinabschießen, um kleine Fische zu fangen. Einige tauchen unter, andere bleiben so recht vergnügt auf der Oberfläche der Wellen. Wenn man von Bord aus dieses lustige, harmlose Treiben zwischen dem blauen Himmel und dem grünen Meere betrachtet, so könnte man diese zierlichen Tiere beinahe beneiden und meinen, man möchte wohl auch solch ein Vogel sein, um so recht vergnügt und froher Dinge in der freien Luft zu schweben und sich ohne Sorgen in Gesellschaft der Kameraden zu tummeln. Aber auch diese Vögel haben ein Leben voller Gefahren. So sahen wir eines Abends einige Möven, welche unserem Schiffe folgten und vor Mattigkeit kaum noch zu fliegen vermochten. Diese hatten sich wahrscheinlich von ihrem heimatlichen Strande zu weit entfernt und konnten ihn nicht mehr erreichen. Sie waren so matt, daß sie sich, ohne vor uns zurückzuschrecken, am Schiffsgeländer niederließen und sich mit bloßen Händen fangen ließen. Am nächsten Morgen gaben wir unsere kleinen Gefangenen, nachdem wir sie tüchtig gefüttert hatten, wieder frei, in der Hoffnung, daß sie den Weg zum heimatlichen Strande zurückfinden würden.
Die eintönige Fahrt wird ferner durch die fliegenden Fische unterbrochen. Diese sind jedoch nicht überall anzutreffen; sie scheinen bestimmte Strecken im Meere zu verschiedenen Zeiten aufzusuchen. So sahen wir sie tagelang garnicht, an anderen Tagen dagegen konnten wir sie in bedeutender Zahl beobachten. Sie schnellen mittels ihrer großen langen Flossen über die Oberfläche des Wassers wie ein abgeschossener Pfeil dahin. Von weitem hat ihre Fortbewegung viel Ähnlichkeit mit dem Fluge einer Schwalbe.
Das Interessanteste von allem aber war unsere Begegnung mit einem Walfisch. Ca. 400-500 m vom Schiffe entfernt, entdeckten wir eines Tages ein schwarzes Etwas. Wir glaubten ein Wrack oder eine Klippe vor uns zu haben, aber als wir einige Zeit aufmerksam hingesehen hatten, bemerkten wir, daß diese schwarze Masse sich immer mehr hob und dann plötzlich verschwand. Dieses wiederholte sich mehrmals. Da auf einmal ragte ein Riesenkörper empor, und nun erkannten wir einen mächtigen Walfisch. Weil er sich von dem Meere fast senkrecht abhob, konnten wir die ganze Gestalt sehr gut erkennen. Wenn wir auch bei der Entfernung die Länge des Tieres nicht genau nach Metern zu bemessen vermochten, so war uns doch das eine klar, daß wir einen mächtigen Riesen des Meeres vor uns hatten. Es war ein imposanter Anblick, dieses Auf- und Untertauchen des gewaltigen Tieres, und wir verfolgten dasselbe mit unseren Augen, so lange es irgend möglich war. Ich hätte gewünscht, die Fahrt des Schiffes auf einige Augenblicke hemmen zu können, damit auch alle andern Passagiere an diesem Schauspiel sich hätten weiden können, aber leider war es unmöglich, und so mußten die, die es nicht gesehen, mit unserer Erzählung fürlieb nehmen.
Nicht so imposant wie diese Riesen sind die Delphine, aber auch sie tragen zur Unterhaltung viel bei und bringen einige Abwechslung in das Leben an Bord. Wir haben viele Delphine in einzelnen Gruppen beobachten können, einmal sogar zu mehreren Hunderten. Sie scheinen ein bis zwei Meter groß zu sein, tauchen mit ihrem plumpen Körper kopfüber unter oder schnellen aus dem Wasser heraus, um über dem Meeresspiegel ihre Kunststücke zu üben. -- So hat auch das Meer durch seine Bewohner seinen Tribut zur Unterhaltung der Passagiere dargebracht.
Das Leben an Bord.
Demjenigen, der zum ersten Male zu Schiff reist und nun mehrere Wochen an Bord zubringen muß, wird eigentümlich zu Mute, wenn er sich sein neues Heim näher ansieht. So will ich denn hier versuchen, meinen Lesern und besonders meinen jungen Freunden in der Heimat einen flüchtigen Einblick in dieses neue Leben zu verschaffen, damit sie bei einer späteren Reise besser Bescheid wissen. Zunächst die Kajüte. Man denke sich einen Raum von 2½ bis 3 m im Quadrat, auf der einen Seite zwei Bettstellen übereinander und neben diesen einen Kleiderschrank von etwa ½ m Breite und ½ m Tiefe, auf der andern ein Sofa. Zwischen Sofa und Betten befinden sich zwei große Spiegel mit Waschtoilette schräg gegenüberliegend, sodaß zwischen diesen noch ein freier, allerdings nicht großer Raum übrig bleibt. Hier stehen die kleineren Koffer, das sogenannte Handgepäck, während die großen Koffer in dem Magazin für Passagiergepäck aufbewahrt werden, das täglich zu einer bestimmten Zeit den Reisenden zugänglich ist. Eine Leiter für den Inhaber des oberen Bettes ist selbstverständlich auch vorhanden, damit sich derselbe in seine in der ersten Etage liegenden Gemächer zurückziehen kann. Die Waschtoilette besteht aus Waschschüssel, Wasserkaraffe, Gläsern, Nachtgeschirr, Seife und Handtüchern und ist äußerst praktisch eingerichtet; man braucht sie nur herunterzuklappen, dann hat man eine hübsche große Fläche mit dem Nötigen vor sich. Nach Benutzung klappt man alles wieder hoch und spart auf diese Weise viel Raum. Auf dem Schiffe muß man sich überhaupt daran gewöhnen, mit wenig Raum auszukommen, da dieser das Kostbarste in der schwimmenden Wohnung ist. Zum Zudecken des Körpers während des Schlafes benutzt man wollene Decken, welche vom Schiffe geliefert werden. Das ist die ganze »komfortable« Einrichtung einer Kajüte. Anfangs schien es mir, als ob ich mich in dieser engen Behausung nicht frei bewegen könnte, ohne irgendwo anzustoßen, vermochte ich doch mit ausgestreckten Armen die Decke zu berühren! Obwohl wir Japaner so zierlich gebaut sind, kam mir meine neue Welt doch so winzig vor, daß ich glaubte, ich hätte selbst für meine kleine Person keinen Platz darin. Aber wie der Mensch sich an alles gewöhnt, so gewöhnten auch wir uns bald an unsere Kajüte und meinten später ein großes Reich zu besitzen. Man bedenke, ein Handausstrecken genügt, und alles was man haben will, kann man erreichen und fassen: kann es etwas bequemeres geben? So fühlten wir uns in diesem engen Raum am Ende ganz wohl, vor allen Dingen fanden wir ihn sehr praktisch. Wenn man an die vielen Zimmer denkt, die man sonst zu Hause zu bewohnen pflegt, dann muß man sich unwillkürlich sagen: Welch' eine Verschwendung, welch ein großer Luxus ist eine so große Wohnung! Kann man doch mit bedeutend weniger auskommen! So dachten wir oft verständnisvoll an den Griechen Diogenes, der in einer Tonne gelebt haben soll, an Sokrates, der gesagt hat, daß Nichts bedürfen göttlich sei, daß demnach derjenige, welcher am wenigsten bedürfe, der Gottheit am nächsten sei.
Die Einrichtung der Kajüten der ersten und zweiten Klasse ist so ziemlich gleich, nur sind sie in der ersten Klasse etwas geräumiger und haben eine bessere Ausstattung. Meine Kajüte hatte einen Vorzug, das waren zwei Luken, durch die sie frische Luft und Licht erhielt; bei schönem Wetter blickte auch wohl die Sonne herein und verlieh dem Raum ein freundliches Aussehen. Die Kajüten aber, die in der Mitte des Schiffes liegen, sind dunkel und ohne Luken, sodaß man stets elektrisches Licht anzünden muß, um einigermaßen sehen zu können; außerdem sind sie mit einem Ventilator versehen, welcher elektrisch betrieben wird und für frische Luft sorgt. Aber leider ist seine Tätigkeit nur in einer bestimmten Höhe fühlbar, denn ober- und unterhalb derselben entsteht kein Luftzug, sodaß im ganzen in einer solchen Kabine keine angenehme Luft herrscht. Noch einen andern Übelstand bringt der Ventilator mit sich, das ist sein Geräusch, welches recht unangenehm auf die Nerven wirkt.
Nachdem man des Nachts in der Kajüte der Ruhe gepflegt hat, fängt mit Anbruch des Tages das Leben auf dem Verdeck an. Sobald die Glocke läutet, steht man auf, geht eine Zeitlang auf dem Verdeck spazieren und nimmt dann, wenn die Glocke zum zweiten Male ertönt, das erste Frühstück ein. Einige jedoch standen schon vor dem ersten Glockenschlag auf und wanderten auf dem Verdeck umher, denn es ist unstreitig von allem Schönen das Schönste, wenn man sich früh morgens erhebt und die weite unendliche See mit dem wunderbaren Aufgang der Sonne betrachtet. Die erhabene Unendlichkeit des Meeres, von dem in mattem Rot gefärbten Dunstschleier am Horizont begrenzt -- welche Herrlichkeit! Ich mußte dabei öfters an ein Gespräch unseres verstorbenen Kultusministers Vicomte Mori mit dem chinesischen Staatsmann Li-Hung-Tschang denken, als jener noch als Gesandter von Japan am Pekinger Hofe weilte. Li fragte ihn nämlich einmal, was er in der Welt für das Schönste und Erhabenste halte, worauf jener zur Antwort gab, daß es für ihn nichts Schöneres und Erhabeneres gäbe, als wenn er sich mitten auf dem endlosen Meere befinde und das Auge über die weite, weite Fläche schweifen ließe. Nur in diesem Augenblick fühle man, entrückt von allem irdischen Staube, das wahrhaft Schönste und Erhabenste! Li-Hung-Tschang, der auf seine scheinbar einfache Frage vielleicht eine politische Antwort zu erhalten geglaubt hatte, war ob dieser unerwarteten gefühlvollen Entgegnung nicht wenig erstaunt und konnte nicht umhin, sein Gegenüber als einen ebenso empfindungsreichen wie geschickten Diplomaten anzuerkennen.
Auf das erste Frühstück folgt, wie schon oben erwähnt, in langem Abstand das zweite. Nach diesem wird durch Lesen oder Unterhaltung die Zeit auf dem Promenadendeck vertrieben, bis die Glocke zum Mittagessen ruft und auch diese Beschäftigung unterbricht. Nach dem Essen folgt die Siesta bis zur Vesperzeit. Da sieht man fast alle Passagiere langgestreckt auf den Rohrstühlen liegen und schlafen. Erst am Abend, wenn es kühler wird, beginnt ein regeres Leben. Da wird der Rauchsalon stark besetzt, auf dem Promenadendeck spaziert man paarweise plaudernd umher oder bildet hier und da Gruppen, von denen Witzworte hin- und herfliegen. So geht es bis spät in die Nacht hinein, um endlich ermüdet seine enge Behausung wieder aufzusuchen und, des glücklich überstandenen Tages froh, durch erquickenden Schlaf sich zum nächsten Tage zu stärken. Ein Tag gleicht dem andern, nur das Ziel rückt immer näher und neugierigen Auges betrachtet man den Ort, wo sich das Schiff befindet, auf der an Bord befindlichen Landkarte. Jeden Tag einmal wird nämlich auf dieser Karte angezeigt, wieviel Meilen das Schiff in den letzten 24 Stunden zurückgelegt hat und welche Stelle es augenblicklich einnimmt.
Im allgemeinen kann man sagen, daß nächst dem Essen und Trinken das Schlafen die Hauptbeschäftigung der Passagiere ausmacht und daß Morpheus vor allen andern Göttern hier sein Szepter schwingt:
»Hoch vor allen Gaben des Himmlischen Sei mir gepriesen Du, der Seele Lebendes Wasser, Gliederlösender Heiliger Schlaf. -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- Ein heilig Bad Bist Du, o Schlummer, Würziger Kraft voll. Mut und Erneuung Atmet die Psyche, Wenn Deine Woge Sanft die bewußtlos Schwimmende trägt Von Leben zu Leben, Von Strand zu Strand.«
So priesen wir mit Geibel den süßen erquickenden Schlaf. Er hauptsächlich verscheucht die furchtbare Langeweile während der öden, eintönigen Wasserfahrt, sei es, daß er den Schläfer in die Heimat zu seinen Lieben entführt, sei es, daß er vor ihm in den prächtigsten Farben Zukunftsbilder von dem Lande entrollt, wohin er fährt, die aber leider von ebenso kurzer Dauer sind, wie sie der rauhen Wirklichkeit wenig entsprechen. Aber auch andere Bilder ziehen vor dem Geiste des Träumers vorbei, und nur das Rasseln der Schrauben und das Plätschern der Wellen erinnern ihn von Zeit zu Zeit an die Wirklichkeit, an das rastlose Vorwärtsstreben des Dampfers.
Handel an Bord.
Jedesmal, wenn das Schiff in einen Hafen einläuft, wird es von den Landbewohnern besucht, die, mit den verschiedensten Produkten ihres Landes reichlich beladen, auf das Deck kommen, um mit den Insassen Handel zu treiben. Manchmal ist die Zahl dieser Geschäftsleute so ungeheuer und das Gedränge an Bord so groß, daß man sich kaum frei bewegen kann. Sie verursachen auch gelegentlich so großen Lärm, daß man nicht imstande ist, sein eigenes Wort zu verstehen. Hierbei kann man jedoch die verschiedensten Charaktere der Völker sehr gut kennen lernen und auch die Art und Weise studieren, wie sie ihre Waren feilbieten.