Tokio - Berlin: Von der japanischen zur deutschen Kaiserstadt
Part 7
Ein anderes Spiel ist dasjenige, bei dem man runde Holzplatten mit einem Holzschieber -- das ist ein an einem Stabe in T-form befestigtes Brett -- etwa 15 Meter weit nach einem mit Kreide gezeichneten Platz stößt. Bei diesem Spiel werden die Mitspieler in zwei Parteien geteilt und dann wird gewettet. Diejenige Partei hat gewonnen, welche die meisten Platten in den abgegrenzten Raum gebracht hat.
Im Rauchsalon wurden Karten- und Würfelspiele, Schach und anderes gespielt. Was uns jedoch besonders auffiel, das waren die Glücksspiele mit Karten und Würfeln, bei denen sich besonders Engländer hervortaten. Die Spieler setzten sich um den Tisch und dann wurde leidenschaftlich und erregt das Spiel verfolgt. Da wir von Hause aus mit dieser Art von Spielen nicht vertraut waren (bei uns sind dieselben gesetzlich verboten) und uns dieselben recht unangenehm berührten, so lehnten wir stets die Aufforderung zur Beteiligung ab. Wir bemerkten, daß nicht selten diese Spiele einen ernsten Ausgang nahmen; denn manche verloren dabei nicht wenig Geld, und in solchem Falle ging es nicht immer ohne Schimpfen und grobe Bemerkungen ab. -- Am Dominospiel dagegen, welches wir von einem an Bord befindlichen Deutschen erlernten, beteiligten wir uns gern und zwar spielten wir dieses der Belebung halber um ein Glas Bier. Bei dieser Gelegenheit fragte ich einige deutsche Passagiere, was sie von dem Spielen um Geld hielten und wie es in Deutschland und in andern Ländern Europas gehandhabt würde, und da hörte ich denn so mancherlei. In Deutschland sowie fast in ganz Europa sind Spiele um Geld gesetzlich erlaubt. Glücksspiele jedoch, wie das Hazard, wobei es dem Zufall überlassen bleibt, ob der Spieler gewinnt oder verliert, sind streng verboten -- speziell in den öffentlichen Lokalen -- und werden bestraft, besonders scharf die Spieler, bei denen es sich um gewerbsmäßiges Spielen handelt. So vernahm ich von einem großen Spielerprozeß in Deutschland, in den hochadlige junge Leute und Offiziere verwickelt gewesen. Dieselben hatten einen Klub gegründet mit dem Namen »Klub der Harmlosen«, in welchem man fast nur Glücksspielen gefröhnt. Ferner wurde mir erzählt, daß in einem der feinsten Klubs in Wien hoch gespielt worden wäre und daß bei einem Spiel zwischen einem ungarischen Baron und einem polnischen Grafen letzterer ungefähr zwei Millionen Mark verloren habe. Aber auch öffentlich darf an einigen Punkten Europas gespielt werden, und der bedeutendste Zufluchtsort der Spieler soll Monte Carlo in dem kleinen Fürstentum Monaco, unweit der wegen ihrer Schönheit bekannten Stadt Nizza, sein. Hier wird in einem nur für diesen Zweck gebauten Kasino gespielt, das märchenhaft schön eingerichtet sein soll. Das Kasino gehört einer Aktiengesellschaft, durch deren Abgaben sogar das kleine Fürstentum unterhalten wird und der Fürst des Landes große Einnahmen bezieht.
Ferner werden in Europa bei Pferderennen große Wetten abgeschlossen und an eigens hierfür errichteten Wettmaschinen, Totalisator genannt, Einsätze in Geld für den Sieger oder den Platz gemacht. Von diesen Geldern, die dort angelegt werden, nimmt jeder Staat eine Steuer für sich in Anspruch. -- Aber auch selbst harmlose Spiele können zum verwerflichen Glücksspiel werden, wenn die Betreffenden um Einsätze spielen, welche ihrem Vermögen oder Einkommen nicht entsprechen.
Echt deutsches Bier.
Aus lauter Langeweile und vor Durst wird an Bord ziemlich viel getrunken und oft genug hörte man den Ruf: »Spatz!« -- so hieß nämlich der kleine Servierkellner im Rauchsalon. Wein, Schnaps, Brunnenwasser, Citronenwasser, mitunter auch Champagner, wurden getrunken, am meisten jedoch Bier. Von letzterem wurde jeden Tag eine Zahl Fässer geleert. Bier trinken am meisten die Deutschen, die Franzosen lieben den Wein und die Engländer ziehen allem andern den Schnaps oder Likör vor. Das deutsche Bier wurde von sämtlichen Passagieren hochgepriesen. Ich habe mir zu Haus erzählen lassen, daß das Bier als Nationalgetränk der Deutschen in ihrem eigenen Lande vorzüglich gebraut werde, und glaubte auch in diesem Bier an Bord eine ausgezeichnete Braukunst zu erkennen. Nun befand sich auf dem Schiff ein deutscher Braumeister, der seit Jahren an einer japanischen Brauerei angestellt war und jetzt auf Urlaub nach Deutschland fuhr. Auf meine Frage, ob er ein eben so gutes Bier in Japan brauen könnte, sah er mich mit großen Augen an und sagte: »Glauben Sie, daß dieses Bier, welches Sie hier jeden Tag trinken, ein echt deutsches Bier ist?« Auf meine bejahende Antwort erklärte er mir aber zu meiner großen Verwunderung, daß das Bier echt japanisch sei, worauf mir der Ausruf entschlüpfte: »Sehr komisch!« So erfuhr ich, daß bei der Fahrt von Deutschland nach Japan selbstverständlich deutsches Bier, aber bei der von Japan nach Deutschland japanisches Bier in deutschen Fässern von den Schiffen mitgeführt wird. Ich glaubte auf einem deutschen Schiffe ein echt deutsches Bier, von dem man so viel Rühmens macht, zu trinken und mußte nun von einem Deutschen erfahren, daß ich Bier getrunken habe, welches in meinem eignen Heimatlande gebraut war. Die Unwissenheit, welche ich hierbei an den Tag gelegt habe, bitte ich mir zu gute zu halten, aber man ersieht daraus wieder, daß das Fremde von den Menschen, die nicht genau Bescheid wissen, blindlings höher geschätzt wird, als das Heimatliche. »Kein Prophet wird in seinem Vaterlande geehrt.« Seit dieser Geschichte bestellte ich nur noch: »Spatz, bringen Sie mir ein Glas »sogenanntes« deutsches Bier!« worauf er mir mit verständnisvollem, verschmitzten Lächeln ein Glas echt japanischen, goldklaren, schäumenden Gerstensaftes reichte.
Ein unfreiwilliges Bad.
Die Badeeinrichtung auf dem Schiffe ist ganz anders, als man sie zu Hause hat. Durch ein Rohr wird das Meerwasser in die Wanne geleitet und je nachdem man heiß oder kalt wünscht, hat man den einen oder den andern Verschluß aufzudrehen. Für Süßwasser befindet sich ein Behälter, woraus für jeden Badnehmer ein kleines Becken voll geführt wird. Da das salzige Meerwasser sich unangenehm an dem Körper bemerkbar macht, so benutzt man dieses Süßwasser zum Nachspülen und Nachwaschen. Übrigens ist letzteres sehr kostbar auf den Schiffen und wird mit demselben äußerst sparsam umgegangen. Ich kannte die Einrichtung mit dem Auf- und Zudrehen der Hähne nicht recht, und als das Schiff in der Mündung jenes trüben Flusses, des Jangtsekiang, vor Anker lag, ging ich zum ersten Male aus Langeweile in die Badestube und drehte ahnungslos an dem einen Hahn. Da erhielt ich auf einmal von der Decke einen Sprühregen des trüben Wassers über meinen Kopf und die ganze Kleidung. Ich hatte unglücklicherweise den Hahn der Brause gefaßt. Bevor ich noch recht zur Besinnung kam, hörte ich mit Donnerstimme den Ruf: »Was machen Sie da!« und der Badesteward trat herein. Er sah mich mit böser Miene an, sagte, daß das Rohr von dem trüben Wasser des gelben Flusses verstopft werde, wenn man ihn jetzt öffnete, daß überhaupt das Baden nur während der Fahrt auf offenem Meere erlaubt sei, aber nicht, wenn das Schiff stille läge wie jetzt. Durchnäßt wie ein Pudel, von dem trüben gelben Wasser des Jangtsekiang von oben bis unten beschmutzt, von dem Donnerwetter des Badestewards noch ganz niedergeschmettert, schlich ich davon in meine Kajüte, um wieder einen ordentlichen Menschen aus mir zu machen. Diese Begebenheit ist unter meinen Landsleuten als mein »unfreiwilliges Bad« bekannt geworden.
Beim Barbier.
Auf dem »König Albert« gab es auch einen Barbier und von diesem wollte ich meine Haare schneiden lassen. Ich begab mich eines Tags zu ihm; er war ein netter kleiner Kerl, und es entspann sich zwischen uns folgendes Gespräch. Ich werde mich mit A. und den Barbier mit B. bezeichnen.
B. »Mein Herr, sind Sie nicht krank gewesen?«
A. »Wieso denn?«
B. »Sie lassen ja Ihren Bart so wild wachsen. Wenn ich Sie so in den Saal treten sah, habe ich immer geglaubt, Sie wollen Ihren Bart wegen Krankheit nicht schneiden lassen.«
A. »Bewahre! Bin im Gegenteil so gesund und munter wie ein Fisch im Wasser und auch immer gewesen. Aber wenn Sie meinen, daß mein Bart mir nicht gut steht, schneiden Sie ihn nach deutscher Mode, so gut Sie können, damit ich recht ordentlich und chik aussehe.«
B. »Gut! Ich werde meine Kunst versuchen, aber es ist nicht so leicht, aus einem wild gewachsenen Bart eine gute Form zu schneiden.«
Nun begann der Barbier mir meinen Bart zu verschneiden, sprach dabei über dieses und jenes, fragte mich, wie es in Japan in einer Barbierstube aussehe, was ein Barbier dort verdiene, wie groß der Lohn eines Gehilfen sei u. s. w. u. s. w. Zuletzt zeigte er mir seine Haarschneidemaschine und fragte mich:
B. »Können Sie mir vielleicht angeben, wo diese Maschine gemacht worden ist?«
A. »Keine Ahnung! Wie sollte ich so etwas wissen, ich verstehe ja von Ihrem Fache nichts.«
B. »Das glaube ich gern, aber da diese gerade in Ihrer Heimat gemacht ist, möchte ich Sie darauf aufmerksam machen. Die Maschine, die ich von Hause mitgebracht hatte, ging entzwei und so mußte ich diese in Yokohama kaufen. Offen gestanden hatte ich anfangs zu ihr kein großes Vertrauen, aber nun sehe ich zu meinem Erstaunen, daß sie vorzüglich ist. Schade, daß ich nicht noch mehr davon gekauft habe! Sie ist weit billiger als die unsrige, aber trotzdem ist sie besser und bequemer zur Handhabung. In der Tat sind die Herren Japaner ein wunderbares Volk! Alles können sie leisten, nichts ist ihnen unmöglich!«
Dabei arbeitete er unentwegt weiter; der Bart ward kürzer und kürzer, er besah ihn mit verständnisvollem Gesicht von der Seite und von vorn, von fern und nah, schnitt weiter, besah ihn wieder und so ging es eine Weile fort, bis ich fast keinen Bart mehr mein eigen nennen konnte. Jetzt rühmte er mir die Schnurrbarttracht: »Es ist erreicht!«
B. »Nun müssen Sie aber Ihren Schnurrbart in die Höhe gewöhnen.«
A. »Da ich mich einmal Ihren Meisterhänden anvertraut habe, so machen Sie nur, wie es Ihnen gefällt! Die Verantwortlichkeit liegt ganz bei Ihnen.«
B. »Sehr gut, mein Herr! Sie brauchen nicht im geringsten besorgt zu sein! Mit diesem Brenneisen werde ich nun Ihren Schnurrbart ausziehen. So...., ach wie schneidig Sie nun aussehen! Sie sehen wie ein echter Deutscher aus! Aber zu einem eleganten Herrn ist ein Parfüm wohl unentbehrlich. Kaufen Sie doch ein Fläschchen, ich habe alle Sorten in meinem Schrank vorrätig -- hier, das ist Veilchen... o, wie schön das riecht!... dies hier ist Heliotrop, auch was Feines... Das Kostbarste ist aber dieses Fläschchen, Herr! Das ist Rosenöl... der edelste Tropfen überhaupt, den es gibt!«
A. »Sie verstehen Ihre Sachen gut anzupreisen, Herr Barbier! Sie sind ein tüchtiger Geschäftsmann, vor dem man auf seiner Hut sein muß. Doch werde ich Ihnen zu Liebe ein Fläschchen abkaufen, es sei denn, daß Sie Ihre Sachen nicht so teuer losschlagen.«
B. »I, Gott bewahre! Daß ich der reellste Mensch bin, das wissen ja alle Mannschaften und Passagiere des »König Albert.« Außerdem sind alle meine Sachen zollfrei und Sie werden sie ebenso billig kriegen wie in Deutschland... Ist Ihnen denn sonst nichts gefällig? Hier, diese Schnurrbartbinde? Kämme? Pomade?«
Da aber seine Aufmunterungen zu weiteren Ankäufen bei mir nicht verfangen wollten, so schlug er ein anderes Thema an, indem er sagte:
B. »Hören Sie, mein Herr! Die Haare der Herren Japaner sind doppelt so stark wie die der Europäer. Meine Werkzeuge werden demnach doppelt so schnell stumpf. Außerdem fliegen die struppigen Haare im Zimmer umher und ich muß meine Augen wohl in Acht nehmen.«
Ich merkte aus seinen Reden heraus, daß er auf ein tüchtiges Trinkgeld reflektierte und sagte ganz verschmitzt:
A. »Ganz recht! Die Arbeit eines Barbiers mag wohl eine recht schwere sein, besonders wenn er einen unserer Landsleute unter seiner Schere hat. Aber ein geschickter Meister wie Sie weiß in allem Bescheid. Ihnen macht wohl ein so eigenartiges Haar wie das unsrige viel Spaß beim Schneiden, nicht wahr?«
In der Tat hatte aber der Barbier recht. Denn durch den Luftzug des Ventilators, der sehr gut funktionierte und die drückend heiße Luft der Barbierstube bedeutend herabsetzte, flogen unsere struppigen Haare in dem Raum umher, daß die Insassen nicht wenig davon belästigt wurden. Im großen und ganzen habe ich gesehen, daß der deutsche Barbier bei weitem ungeschickter ist als der unsrige. Außerdem ist letzterer viel peinlicher und vorsichtiger. -- In Schweiß gebadet, mit Haaren bedeckt, kam ich, eine kleine Flasche Parfüm in der Hand und unter dem Kinn den winzigen Schnurrbart, den letzten Rest meines ehemaligen Vollbartes, zurück. Einmal und nicht wieder! -- Später erfuhr ich, daß es allen meinen Landsleuten ebenso ergangen war und daß jeder eine Flasche Parfüm erstanden hatte.
Der japanisch-russische Krieg.
Unter den Passagieren befanden sich Engländer, Franzosen und Deutsche in ziemlich gleicher Zahl und so oft diese auf dem Verdeck zusammenkamen, wurden Gespräche über allerhand politische Gegenstände geführt. Wovon man uns besonders oft erzählte, das war der japanisch-chinesische Krieg und die große Tapferkeit der japanischen Soldaten, welche, wie man meinte, in jeder Beziehung die chinesischen bedeutend übertreffen, speziell im Punkte der Mannszucht und Disziplin. Es wurde auch viel von der großen Beute erzählt, welche die verbündeten Soldaten bei den letzten Unruhen in Nordchina gemacht hätten. Einige französische Kaufleute, welche sich auf der Rückreise von China befanden, berichteten uns genaue Einzelheiten und behaupteten, daß bei diesen Wirren ein ungeheurer Reichtum von China nach Europa transportiert worden sei: so zeigte einer von ihnen eine sehr schöne Uhr, eine goldene mit mehreren Kapseln versehene Taschenuhr, verschwenderisch mit Edelsteinen und Brillanten übersäet, und erzählte hierbei, daß dieselbe aus dem kaiserlichen Palast in Peking stammen solle. -- Ein anderer, erst in Singapore an Bord gekommener Passagier bemerkte mit ernster Miene, daß er bei seiner Abfahrt ein Gerücht vernommen hätte, daß zwischen Japan und Rußland ein Krieg ausgebrochen sei. Wir glaubten dies zwar nicht, immerhin aber war ein neues Thema angeregt und von allen Seiten wurde über dasselbe lebhaft debattiert. Der Brennpunkt war die Frage: welche der beiden Nationen Sieger bleiben werde? Wir hörten ruhig mit zu und nach längerem Hin- und Herraten stellte sich als Resultat heraus, daß Japan bei einem kürzeren Kriege die meisten Chancen hätte! Jedoch würden, falls der Krieg sich längere Zeit hinziehen würde, die Russen wohl imstande sein, die Oberhand zu gewinnen, da sie bei der Größe ihres Reiches im Verhältnis zu dem kleinen Japan dieses an Menschenzahl übertreffen. Wir enthielten uns jeder Äußerung, da trat ein hochgewachsener Mann mit großem Vollbart ungeduldig in den Kreis und sagte mit ernster, dröhnender Stimme: »Was kann denn Rußland gegen Japan ausrichten? Japan besitzt ja bei strengster Disziplin eine ausgezeichnete Kriegsmacht und eine wohlgerüstete Flotte von 25 000 Tonnen. Die russischen Barbaren, die nur zum Sengen und Brennen, Rauben und Morden geeignet sind, können gegen ein so vorzüglich organisiertes Heer nichts tun. Wenn einige behaupten, daß die Japaner im Körperbau kleiner sind als die Russen, und infolgedessen im Kampfe Mann gegen Mann nicht standhalten könnten, so muß ich dies entschieden bestreiten, denn im Kriege ist der Körperbau der einzelnen Soldaten nicht maßgebend, sondern der in ihnen wohnende Geist, die Opferfreudigkeit, die Ausdauer, der unerschütterliche Mut, der den Tod nicht scheut, das Nationalbewußtsein, welches sie, treu ergeben bis zum letzten Atemzuge, ihr Leben hingeben läßt. Alle diese Tugenden sind den japanischen Soldaten eigen. Daß übrigens der moderne Krieg kein Kampf der einzelnen Menschen gegeneinander, sondern ein Wettstreit der materiellen wie der geistigen Kräfte ist, ist jedem wohl bekannt. Der Umstand, daß Rußland infolge der Größe seines Landes viel mehr Menschen ins Feld stellen könnte, hat auch nicht viel zu sagen; denn bei einem Kriege ist die Beweglichkeit der Truppen ausschlaggebend und nicht ihre Zahl. Daß die Japaner die flinksten Soldaten waren, das haben sie bei den letzten Unruhen in Nordchina vor den Augen der verbündeten Soldaten Europas und Amerikas vortrefflich bewiesen. Bei einer noch so langen Lanze kann nur die Spitze töten und die Ochsen können nicht mit Hasen um die Wette laufen. Die Russen haben auch unser Land vernichtet, unser Volk ermordet; ich habe mit meinen eigenen Augen gesehen, wie sie meine Eltern und Geschwister getötet haben. Wir haben Rache geschworen gegen diese Unmenschen. Wir haben noch zwei Millionen kriegstüchtige Männer, die stets bereit sind, die Waffen gegen Rußland zu kehren. Wenn also Japan mit Rußland in Krieg gerät, so würden wir die Russen von hinten anfallen, auch wenn wir dieses Unterfangen mit dem Leben bezahlen müßten. Wir würden alles opfern und Japan zur Seite stehen!«
Wer ist denn der? fragten wir uns verwundert, worauf der Unbekannte unter lautem Seufzer erwiderte, daß er einer der unglücklichen, mißhandelten, heimatlosen Polen sei. Ob seine Reden Beifall fanden oder nicht, wissen wir nicht; aber wir bemerkten, daß, als er die Grausamkeit der Russen erwähnte, seine Augen funkelten, seine Glieder zitterten, und in dem Augenblick, als er seine geballte Faust erhob, konnte man wohl ermessen, welch glühender Haß ihn gegen die Russen beseelte. Durch das Feuer seiner Rede hingerissen, dachten wir unwillkürlich an das traurige Ende seines Reiches und fühlten mit ihm. Wir konnten nicht umhin, uns im Stillen zu sagen, daß manches von dem Vorgebrachten wahr sei, wenn wir auch nicht alles glaubten, was uns dieser Pole mit Feuereifer vortrug.
Die Mahlzeiten auf dem Schiffe.
Hans Küchenmeister, dem wir unsern leiblichen Teil anvertraut hatten, verstand seine Sache vortrefflich, sodaß wir unter seiner Obhut gut aufgehoben waren. Zudem war er sehr freigebig. Denn jeden Mittag und Abend bestand die Speisenfolge aus vielen Gängen, sodaß man trotz des gutes Appetites, den die frische Seeluft bei sämtlichen Passagieren erregte, nicht alles verzehren konnte. Morgens früh um 6 Uhr gab es das erste Frühstück mit Kaffee oder Tee, Brödchen, Früchten u. s. w., um 8 Uhr das zweite, dazu eine warme Fleischspeise, um 11 Uhr Kaffee mit einem kleinen Imbiß, mittags gegen 1 Uhr das große Mittagessen mit vielen Gängen, dann nachmittags um 4 Uhr wieder Kaffee und um 7 Uhr das Abendessen, dem um 9 Uhr noch einmal Kaffee, Tee, Zitronenwasser oder sonstige erfrischende Getränke folgten. Ich muß wirklich gestehen, daß die Verpflegung auf dem Schiffe gut, sehr gut war, und doch hatte ich eins zu tadeln und das waren die salzigen Speisen. Als ich am ersten Tage meines Aufenthaltes an Bord den ersten Löffel Suppe zu Munde führte, glaubte ich reines Salzwasser getrunken zu haben, sodaß ich den Löffel sofort fortlegte, und so wie mir erging es meinen sämtlichen Landsleuten. Einige Tage konnten wir nichts essen, bis uns der Hunger quälte und wir uns nach und nach an die salzige Kost gewöhnen lernten. Daß der Hunger der beste Koch sei, gilt also erst recht auf dem Schiffe! Zwar hatte ich schon in der Heimat gehört, daß die Gerichte der Deutschen viel schärfer als die unsrigen wären, aber wir hatten nicht geahnt, daß die Speisen bei ihnen so salzig genossen würden. Daß wir nach dem Essen immer ungeheuren Durst empfanden, ist selbstverständlich und wir konnten uns nun erklären, weshalb täglich soviel Bier verzapft wurde und weshalb die Deutschen so große Mengen dieses Gebräues vertilgen.
Charakterskizzen einzelner Nationen.
Unter den vielen Nationalitäten, die sich an Bord befanden, traten die verschiedensten Gebräuche und Gewohnheiten hervor. So fiel es mir auf, daß die Engländer -- Damen wie Herren -- besonderes Gewicht auf die Toilette legten. Beim Abendessen z. B. erschienen die Engländer stets in schwarzer Kleidung, während die andern Passagiere sich so zeigten, wie sie gerade angezogen waren, und sich nicht erst besonders umkleideten. Ebenso erschienen die englischen Damen dekolletiert in Gesellschaftstoilette. Am Sonntag zum Gottesdienst waren fast immer nur Engländer zugegen, die der Predigt ihres landsmännischen Predigers, der lange als Missionar in China tätig gewesen sein sollte, andächtig zuhörten. Andere Nationen erschienen zu dieser Feier höchst selten. Auch waren es ausnahmsweise Engländer, die sich mit großer Beweglichkeit an den Spielen beteiligten und sich dabei selbst alte Leute mit den Kindern vergnügten. Daß die Engländer auch im Kartenspiel groß sind, habe ich bereits oben erwähnt. -- In Colombo war eine englische Schauspielertruppe an Bord gekommen. Das Benehmen derselben aber war nicht gerade lobenswert zu nennen. Sie waren zwar lebhaft, hatten aber wenig feine Manieren, wie sie bei andern ihrer Landsleute oft zu finden sind; besonders war das Singen, Schreien, Trinken u. s. w. der Damen recht unschön, sodaß wir ordentlich aufatmeten, als diese Gesellschaft das Schiff verließ.
Die Deutschen sind stillerer Natur; sie sitzen gewöhnlich bei einem Glase Bier, rauchen Zigarren oder lesen irgend etwas, was sie auf dem Schiff bekommen, wie Novellen, Reisebeschreibungen u. s. w., die Bibliothek des Schiffes steht zwar jedem jederzeit zur Verfügung, wird aber am meisten von Deutschen in Anspruch genommen. Die interessantesten Bücher gehen stets von einem Deutschen zum andern, sodaß wir diese kaum zum Lesen erhielten. Einige von ihnen sitzen im Winkel des Rauchsalons und sind so in ihre Lektüre vertieft, daß sie kaum merken, was um sie vorgeht. Um ihr Äußeres bekümmern sich die Deutschen bedeutend weniger als die Engländer, sie geben sich ganz ungezwungen. Von ihnen kann man sagen: wahrlich ein leselustiges Volk.
Die Franzosen sind immer aufgeweckt, fröhlich und gesprächig, sie gehen meistens in laut geführter Unterhaltung auf dem Promenadendeck spazieren, mischen sich in jedes Gespräch, spielen Karten, trinken, rauchen Cigaretten und sind immer vergnügt und guter Dinge. Ich sprach mit einem Franzosen und sagte, daß seine Landsleute zwar sehr leutselig, gewandt im Verkehr und witzig seien, aber daß sie in mancher Beziehung zu leichtlebig und ihrer Regierung allzuoft Sorgen bereiten, sodaß diese stets darauf bedacht sein müsse, neue Ablenkungen für das Volk zu finden, wenn es sich nicht allzuviel mit den politischen Angelegenheiten beschäftigen sollte. Da sagte mir der Franzose, daß diese Ansichten fast von allen Menschen geteilt, aber in Wirklichkeit nicht zutreffend seien. Er meinte, man könne wohl die Pariser so beurteilen, aber wenn man von dem ganzen französischen Volke spräche, so sei dies etwas übertrieben. Paris ist eine Weltstadt, in der alle Nationen in großer Anzahl vertreten sind; will man daher echte Franzosen kennen lernen, so darf man diese nicht in Paris suchen. Wenn man einmal ins Innere des Landes kommt, wird man ein Volk mit stillerem, ruhigerem Charakter antreffen, das von den sogenannten Parisern sehr absticht. Schlicht, einfach und gehorsam, sanft wie ein Lämmchen, kümmern sich diese Leute wenig oder garnicht um Politik. Als ein Beispiel dafür könnte man jene merkwürdige Begebenheit mit Dreyfus anführen, über den in Paris so viel geschrieben und gesprochen wurde. Man nahm an, daß dies die Stimme ganz Frankreichs wäre, in Wirklichkeit aber wußte man außerhalb von Paris nur wenig von ihm. Während die ganze Stadt in großer Aufregung war, als der Verurteilte nach seinem Verbannungsorte geschickt werden sollte, stand man dieser Sache im Lande ziemlich kühl gegenüber. Um den echten Franzosen kennen zu lernen, sollte man also ins Innere gehen, nur dort kann man Land und Leute richtig beurteilen. Ich gab seinen Ausführungen Recht und versicherte ihm, daß dieselben viel Überzeugendes hätten.