Tokio - Berlin: Von der japanischen zur deutschen Kaiserstadt

Part 6

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Wir konnten daher von Glück sagen, daß wir während der ganzen Fahrt, die volle vier Tage in Anspruch nahm, immer schönes Wetter hatten, daß das Meer infolgedessen so ruhig und spiegelglatt war, wie es nur selten der Fall sein soll. Die so sehr gefürchtete Hitze war auch erträglicher als sonst und lange nicht so schlimm, wie man vermutet hatte. Zuerst passierten wir einige Felseninseln, welche einen schönen Anblick darboten und eine angenehme Abwechselung auf der eintönigen Wasserfahrt bildeten. Sonst gab es nichts besonders Erwähnenswertes; es war immer die alte Langeweile und die gewohnte Tagesordnung: essen, trinken, Mittagsschläfchen halten, auf dem Deck auf- und niedergehen, der Wellenbewegung zusehen und ins Meer hinausschauen, plaudern, gähnen u. s. w. Eine von den Unterhaltungen möchte ich hier anführen, die sich von den mancherlei unsinnigen und albernen vorteilhaft unterschied, nämlich die Frage, woher der Name des »roten« Meeres stamme. Einige meinten in dem Worte »rot« die Bedeutung des Unheimlichen, drückend Heißen zu finden; andere suchten den Namen historisch zu erklären, indem sie sagten, die mit Blut getränkten Krieger der Pharaonen hätten sich hier gebadet, sodaß das ganze Meer davon rot geworden sei; wieder andere meinten, daß das Wasser des Meeres von dem rötlichen heißen Sande der Ufer eine rötliche Färbung erhalte und daß der Name daher stamme. Wie uns aber von den vielgereisten Schiffsoffizieren mitgeteilt wurde, hat das Meer selbst eine sehr reine blaue Farbe, die aber des salzreichen Küstenwassers wegen bei tiefem Stand der Sonne gelbrot erschiene. Überdies sollen hier auch die aus rötlichen Fäden bestehenden Algen so massenhaft auftreten, daß sie oft die oberen Schichten des Wassers bedecken und zur Ebbezeit als schleimige blutrote Masse am Ufer einen breiten roten Saum bilden. Wir alle stimmten dieser Auslegung als der wahrscheinlichsten bei -- vielleicht könnte in der Tat das Meer davon seinen Namen erhalten haben.

Um die Langeweile zu vertreiben, wurde während der Fahrt ein großes Tanzvergnügen veranstaltet. Zu diesem Zweck wurde das Promenadendeck mit Fahnen aller Nationen ausgeschmückt und mit bunten elektrischen Lampen schön erleuchtet. Nach dem Abendessen fanden sich alle Herren und Damen in Balltoilette in diesem improvisierten Tanzsaale ein und nach den Klängen der Schiffskapelle wurde bis spät in die Nacht hinein getanzt.

Am 7. Mai, also kurz nach diesem Fest, fand ein anderes statt und zwar ein Wohltätigkeitsfest, dessen Reinertrag für verunglückte Seeleute des >Norddeutschen Lloyd< oder deren Hinterbliebene bestimmt war. Auf jeder Fahrt wird ein solches Fest veranstaltet, und die Einnahmen sollen nicht unbedeutend sein. An diesem Abend wurden von verschiedenen Passagieren, Damen und Herren, Vorträge aller Art gehalten, womit sie die Anwesenden prächtig unterhielten, sodaß beim Einsammeln die freiwilligen Gaben reichlich flossen. Auch dieses Fest währte bis spät in die Nacht hinein und es war schon früher Morgen, als sich die Teilnehmer ermüdet in ihre Kajüten zurückzogen.

Mit der Fahrt auf dem Roten Meer war Gott sei Dank das schlimmste überstanden und wir kamen am 9. Mai vormittags um 3 Uhr wohlbehalten in Suez an, wo gleich mit Anbruch des Tages Ärzte an Bord stiegen, um die Passagiere zu untersuchen; es sollten nämlich während unserer Fahrt in Ostasien Seuchen ausgebrochen sein. Die Untersuchung geschah auf folgende Weise: wir Passagiere mußten uns alle zunächst im Eßsalon versammeln; dann mußten wir, nachdem die Namen einzeln aufgerufen worden waren, an den Ärzten, die sich an einer Seite aufgestellt hatten, vorbeigehen. Soviel ich davon verstehe, hatte diese ganze Besichtigung wenig Wert; denn wie kann ein Arzt durch einen Blick beurteilen, ob jemand ansteckende Krankheitskeime in sich trägt oder nicht. Nur ein Passagier, der ein bißchen blaß aussah und seit einigen Tagen an Dysenterie litt, wurde gefragt, was ihm fehle, sonst niemand. In wenigen Minuten war die ganze Angelegenheit erledigt. Da uns das Landen wegen des kurzen Aufenthaltes nicht gestattet wurde, so konnten wir eine Besichtigung des Ortes nicht vornehmen und mußten uns damit begnügen, von Bord aus Umschau zu halten. Wir blieben bis 11 Uhr hier liegen und setzten um ¼12 Uhr unsere Fahrt durch den Suezkanal fort.

Die Hafenstadt Suez liegt bekanntlich am Ausgang des berühmten Kanals, den der große Franzose Lesseps mit unendlichen Mühen zustande gebracht hat. Der Blick auf diesen Kanal gehört mit zu dem Interessantesten, was wir auf der ganzen Fahrt erlebt haben. Der Kanal ist 160 km lang und durchschneidet den Isthmus von Suez, welcher Afrika mit Asien verbindet, und bringt so die beiden Meere, das Mittelländische und das Rote, in Verbindung. Er ist nach zehnjähriger mühevoller Arbeit im Jahre 1869 eröffnet worden. Seine Breite ist verschieden, an manchen Stellen ist er so schmal, daß unser »König Albert« fast die ganze Breite einnahm; an einigen Stellen jedoch ist er ziemlich breit, besonders an den Ausweichestellen für die sich begegnenden Dampfer. Die Natur, die der Kanal und seine Umgebung bietet, ist wenig rühmenswert, denn an beiden Seiten sieht man nichts als öde Sandwüsten, nur hie und da unterbrochen von Oasen mit ihrem frischen Grün. Einige der Seen, welche durch den Kanal mit einander in Verbindung gesetzt werden und zugleich als Ausweichestellen dienen, gewähren jedoch einen imposanten Anblick, so z. B. der Bittersee, der größte von allen. Ein schlanker Leuchtturm, der sich an dem Ein- und Ausgang dieses Sees befindet, trägt viel zu seiner Verschönerung bei. Im allgemeinen kamen mir die Ansichten des linken Ufers interessanter vor als die des rechten, obgleich man auch nichts weiter als halbverdorrtes Gras und unförmliche Sandhügel zu Gesicht bekam. Doch der menschliche Verstand hat diese heiße Sandwüste zu nützlichen Zwecken zu verwerten gewußt: man hat hier -- wie mir erzählt wurde -- natürliche Salzsiedereien angelegt. Man gießt nämlich das hier bedeutend salzhaltige Küstenwasser auf den glühend heißen Sand, läßt es verdunsten und gewinnt so auf einfache Weise das Salz. Diese Veranstaltungen konnten wir von Bord aus nicht sehen, aber einige schwerbeladene Kamele mit ihren arabischen Treibern, die wohl zu den Salinen wandern mochten, zeigten uns den Ort und die Stelle an, wo sie lagen. Was der Mensch nicht alles auszunutzen versteht!

Die beiden Ufer des Kanals sind aus künstlich aufgeworfenen Sanddämmen hergestellt, und man konnte beim Passieren unseres Schiffes deutlich das Auf- und Absteigen des Wassers erkennen und auch wie der Sand von den Dämmen dabei abgespült ward. Es versteht sich daher von selbst, daß Dampfbagger ständig in Tätigkeit bleiben müssen, damit der Kanal nicht versandet.

Unser Dampfer bewegte sich nur ganz langsam vorwärts, als wir plötzlich verspürten, wie derselbe mit einem Krach auf Sand geriet. Das Wasser wurde trübe, und das Schiff schien sich ein klein wenig auf die eine Seite zu legen. Mit einem Male geriet alles an Bord in Bewegung; es war jedoch nichts zu befürchten, denn ein Blick auf die beiden Ufer, auf die man im Notfalle ganz bequem hinüberspringen konnte, gab jedem sofort das Gefühl der Sicherheit zurück. Endlich erlangte das Schiff seine richtige Lage wieder und wir vermochten mit ein paar Stunden Zeitverlust unsere Reise langsam fortzusetzen. Wie wir später von unserem Schiffskapitän hörten, hat »König Albert« solchen Tiefgang, daß der Boden des Schiffes kaum einen Fuß von der Kanalsohle entfernt bleibt, und der Lotse, der für die Fahrt durch den Kanal an Bord gekommen war, hatte aus Versehen ein wenig zur Seite gelenkt und so etwas Boden mitgenommen. Eigentlich ist der Suezkanal für Schiffe von so großem Tiefgang, wie das unsrige, viel zu klein angelegt. Wie langsam sich der Dampfer in diesem Kanal bewegte, kann man schon daraus ersehen, daß kleine Knaben, welche, bald »Money, Money« rufend, bald die ihnen zugeworfenen Münzen aufhebend, halb nackt und barfuß auf dem Sande des Ufers mitliefen, lange Strecken mit dem Schiffe gleichen Schritt halten konnten, ferner erblickten wir einige Beduinen auf schönverzierten Kamelen. Am Ufer sahen wir auch hier und da bescheidene Häuser, in welchen die Kanalwächter wohnen und von denen aus Signale gegeben werden, da streng darauf geachtet werden muß, daß jedes Schiff seine Zeit innehält, die zu jeder Durchfahrt genau berechnet und angegeben werden muß. Nach den Signalen ziehen an den breiten Ausweichestellen die entgegenkommenden Schiffe vorüber; aber da wir, wie vorher berichtet, etwa zwei bis drei Stunden Verspätung hatten, sammelten sich vor und hinter uns vier bis fünf Postdampfer an, sodaß wir an einer dieser Ausweichestellen einige Zeit lang bleiben mußten, um dieselben vorbeipassieren zu lassen. Bei dieser Gelegenheit wurden wir unseres japanischen Postdampfers mit der bekannten lieben Flagge gewahr. Die Hitze, die so wie so schon groß genug war, wirkte durch dieses mehrstündige Halten und die langsame Fahrt geradezu furchtbar, und einige meiner Landsleute behaupteten, hier die größte Hitze während der ganzen Fahrt verspürt zu haben. Spät, sehr spät, erst gegen Mitternacht, konnte die Abfahrt vor sich gehen, aber recht langsam, sodaß eine Schnecke unser Vorreiter hätte sein können. -- Die Nacht war glücklicherweise sehr kühl, was um so angenehmer empfunden wurde, je größer die Hitze des vorangegangenen Tages gewesen. An dem Leuchtturm, welcher mit wechselndem Licht versehen war, fuhren wir vorbei und setzten unsern Weg fort.

XI.

Port Said.

Am 10. Mai vormittags um 9 Uhr kamen wir in Port Said an. In dieser Hafenstadt, die ca. 50 000 Einwohner hat, ging es sehr lebhaft zu. Handel und Verkehr schienen hier ziemlich bedeutend zu sein. Als unser Schiff in den Hafen einlief, drängte sich sogleich eine Menge Handelsleute an Bord, um mit den Fahrgästen Geschäfte zu machen, auch viele Führer kamen herauf, um uns ihre Begleitung durch die Stadt anzubieten. Diese umringten uns von allen Seiten und lugten mit ihren hinterlistigen, habgierigen Augen umher, Geiern ähnlich, die auf ihr Opfer losstürzen wollen. Sie machten, wie die meisten Einwohner dieses Ortes, einen recht unangenehmen Eindruck auf uns. Da die Stadt nur klein ist, verzichteten wir gern auf so wenig vertrauenerweckende Begleiter und hatten es auch nicht zu bereuen, denn in zwei Stunden waren wir mit der ganzen Besichtigung zu Ende. Sehenswertes war gar nicht vorhanden. Die Straßen sind ziemlich unsauber, ebenso die Häuser. Den Stadtteil, in dem die Araber wohnen, konnten wir leider nicht in Augenschein nehmen, denn bevor wir an Land gingen, war von unserm Kapitän bekannt gemacht worden, daß in Port Said und zwar im Araberviertel die schwarzen Pocken wüten sollten und daß man sich vor diesen sehr in acht nehmen müsse. In einer der Hauptstraßen sahen wir außer einigen japanischen Läden, in denen von unseren Landsleuten echte japanische Waren feilgehalten wurden, eine Menge Tabaksläden. Der Tabak bildet hier das Hauptprodukt, ist sehr billig und gut. Wegen des italienischen hohen Zolles -- denn wir mußten ja später über Italien reisen -- durften wir jedoch allzugroße Einkäufe nicht machen. Besonders empfehlenswert sind hier einige Cafés, in deren einem wir auch einen Mocca tranken und uns etwas ausruhten. Nur muß man sich hier in acht nehmen, daß man nicht überteuert wird, wie es einem unserer Passagiere erging, der für ein Glas Bier, das er in einer Bierhalle nahm, den unerhörten Preis von einem Schilling bezahlen mußte. -- Die Straßenjungen, die auf Schritt und Tritt hinterher gelaufen kamen und »gib Money, gib Money« schrien oder uns ihre Esel zum Reiten anpriesen, waren so dreist und unverschämt, daß wir mitunter unsern Stock zu Hilfe nehmen mußten. Wir waren froh, als wir mit heiler Haut aus diesem Sumpfnest wieder an Bord unseres guten Schiffes gelangten.

Bei der Besichtigung von Port Said darf man aber nicht unterlassen, das Denkmal Ferdinand von Lesseps', des Erbauers des Suezkanals, zu erwähnen. Das stattliche Monument ist aus Bronze gegossen und stellt die ganze Figur dieses großen Mannes dar, der in zehn Jahren mit eiserner Energie und unsäglicher Mühe unter angestrengter Tätigkeit die Durchstechung und Kanalisierung des Isthmus von Suez zustande gebracht hat. Auf einem Granitsockel erhebt sich eine hohe Säule und auf dieser steht das Standbild. Den Blick auf den Kanal gerichtet, hält er in der einen Hand, halb aufgerollt, die Karte desselben. Das Denkmal selbst ist auf einem Ende eines aus Quadersteinen hergestellten Dammes errichtet, welcher ziemlich weit ins Meer hineinläuft, so daß es von weitem den Anschein hat, als erhebe sich das Denkmal direkt aus dem Wasser heraus. Ein herrlicher Anblick! Der Gesichtsausdruck dieses Mannes zeigt einen unbeugsamen Mut, verbunden mit Energie und Arbeitsamkeit. Ich schrieb am Fuße dieses Denkmals Ansichtspostkarten und zwar eine an meinen Freund in der Heimat, die folgendermaßen lautete: »Vom Suezkanal und von Lesseps hört man oft, aber wenn man selber den Kanal passiert und vor dem Denkmal dieses großen Mannes steht, kann man nicht umhin, mit Hochachtung an ihn zu denken und seine großartige Willenskraft zu bewundern. Bedenken und Hindernisse verschiedener Art: politischen Widerstand, diplomatische Schwierigkeiten, heftige Beschuldigungen seiner Gegner, argwöhnische Vermutungen der Pforte, Eifersucht der englischen Regierung und Gott weiß was nicht noch alles hat der Mann zu bekämpfen gehabt! Und der Segen erst, den die den Kanal passierenden Reisenden und Schiffe heutzutage genießen! Mit Recht gilt der Mann als ein Held des Friedens!«

Eine zweite Karte sandte ich an meinen Jungen:

»Von Lesseps kannst Du was lernen! In ihm findest Du wieder, was Dir Zeit Deines Lebens nottut und vielen Menschen so sehr mangelt: Beharrlichkeit und Unbeugsamkeit. Willst Du Sieger bleiben im harten Wettstreit Deines Lebens, sieh Dir dieses Bild an und behalte fest im Kopfe das eine Wort: Willensstärke!«

Noch nach tausenden von Jahren wird dieses Denkmal hier stehen, werden die Taten dieses Mannes der ganzen Menschheit zum Segen gereichen, man wird ihn ewig preisen und nie vergessen. --

Nachdem wir uns wieder an Bord begeben hatten, kam ein Trupp italienischer Musikanten, ein paar Männer und Frauen, auf das Schiff, welche die Passagiere teils mit Mandolinenspiel, teils mit Gesang belustigten. Auch wir hörten einige Zeit zu und fanden, daß sie ihre Sache gut machten, wie auch, daß die italienischen Mädchen hübsche Gestalten hatten.

Nicht lange danach begrüßte unser »König Albert« das Mittelländische Meer, das uns nunmehr unserem weiteren Ziele zuführen sollte.

XII.

Neapel.

Bei der Abfahrt von Port Said wurden wir von einer höchst erfreulichen Nachricht überrascht, die uns alle unangenehmen Eindrücke schnell vergessen ließ. Von neu hinzukommenden Passagieren erfuhren wir nämlich, daß unserem japanischen Kronprinzen ein Erbe geboren worden sei. Auch in den Zeitungen, die wir in Port Said erhalten hatten, war zu lesen, daß das japanische Kaiserhaus am 5. Mai durch die Geburt eines Enkels und Sohnes erfreut worden war, daß also unserm Reiche ein weiterer Thronerbe erstanden sei. Infolgedessen versammelte sich am Abend die ganze japanische Kolonie zu einem Fest, bei dem wir auf das Wohl unseres Kaiserhauses tranken und bei welcher Gelegenheit ich meiner Freude mit folgenden Worten Ausdruck gab:

»Meine Reisegefährten und Freunde! Heute ist uns unerwartet die erfreuliche Nachricht zugegangen von dem Glück, welches unserm Kaiserlichen Hause zu teil geworden ist, nämlich daß unserm Kaiser ein Enkel, unserem Kronprinzen ein Sohn geboren sei. Diese Nachricht gereicht uns umsomehr zur Freude, als sie uns noch während der Fahrt erreicht hat, so daß es uns noch an Bord, wo wir uns alle zusammenbefinden, vergönnt ist, das Glas zu Ehren unseres Kaiserlichen Hauses zu erheben. Wir können uns alle wohl vorstellen, wie groß die Freude unseres Volkes in diesen Tagen gewesen sein mag. Unserem Kaiserhause, das seit 2½ Jahrtausenden glücklich und weise das Land regiert, möge mit diesem Prinzen ein weiteres bedeutsames Glied in der langen Kette der Regenten hinzugefügt sein, auf daß auch ihm, wenn er dereinst dazu berufen wird, eine lange und segensreiche Regierung beschieden sein möge!«

Ich bat meine Reisegefährten, sich mit mir zu erheben und einzustimmen in den Ruf: »Unsere Kaiserliche Familie lebe hoch! hoch! hoch!« welcher Aufforderung alle Anwesenden freudig nachkamen. So wurde unter allgemeiner Freude fern der Heimat auf dem Mittelländischen Meere an Bord eines deutschen Dampfers die Geburt unseres Kaiserlichen Enkels gefeiert. Der Tag wird uns stets in lieber Erinnerung bleiben.

Am 10. Mai nachmittags zwei Uhr hatten wir Port Said verlassen und passierten am folgenden Tage die Insel Kreta. Die Hitze, welche wir lange Zeit zu erdulden gehabt, war nicht mehr zu spüren. Wir mußten unsere leichten Kleider einpacken und wärmere hervorholen, so daß der Gepäckraum viel in Anspruch genommen ward. Außerdem waren nicht wenige mit Vorbereitungen für die nahe bevorstehende Landung beschäftigt, da sie schon in Neapel das Schiff verlassen wollten. Auch wir freuten uns, daß wir nicht lange mehr an Bord zu bleiben brauchten, denn auch unsere Reise zur See sollte in einigen Tagen ihr Ende erreichen.

Am 13. Mai mittags um ¼1 Uhr kamen wir in Neapel an. Das Wetter war recht kühl, fast kalt zu nennen -- wir fühlten uns jedoch sehr wohl dabei. Es kam uns nur so komisch vor, innerhalb sechs Wochen Sommer und Winter durchmachen zu müssen.

Unser Schiff hielt sich hier nur einen halben Tag auf, so daß uns keine Zeit verblieb, Neapel eingehend zu besichtigen. Jedoch hatten wir gehört, daß es dort viele Sehenswürdigkeiten gäbe, insbesondere das weltberühmte Aquarium -- von deutschen Gelehrten ins Leben gerufen und von ihnen musterhaft verwaltet -- die Königlichen Paläste, Gallerien, Museen, Kirchen, Konservatorien, Oper, Theater u. a. m. Es ist natürlich rein unmöglich, dieses alles in einem halben Tage in Augenschein zu nehmen. Außerdem verloren wir durch ein gerade zu dieser Zeit heraufziehendes Gewitter eine gute Stunde Zeit, so daß wir es vorzogen, auf dem Schiff zu bleiben und von Bord aus die schöne Stadt zu betrachten.

Von den Passagieren unseres »König Albert« waren viele in die Stadt gegangen, vor allem diejenigen, welche unser Schiff für immer verließen, um von hier aus ihre Reise zu Land durch Italien fortzusetzen. Aber auch an Bord wurde uns die Zeit nicht lang, denn wir hatten Muße, uns gehörig umzusehen. Vor uns lag ein wunderbares Panorama: die majestätische Bai von Neapel, in deren Hintergrund sich terrassenförmig die Stadt mit ihren weißen, leuchtenden Gebäuden erhebt; dazwischen herrliche Partien mit immergrünen Bäumen und dunklen Cypressen, welche dem Bilde eine schöne Harmonie verleihen, dann weiter hinten der feuerspeiende Berg, der Vesuv, in seiner prächtigen, malerischen, einfachen Form, seine schwarzen Rauchwolken gen Himmel sendend. Daß Neapel, das alte Napolis, die Hauptstadt des ehemaligen Königreichs beider Sicilien, sich durch seine reizvolle Lage vor allen andern Seestädten Italiens auszeichnet, konnten wir also gleich beim ersten Anblick erkennen. Was uns an Bord zuerst in die Augen fiel, war die ungeheuer große Zollmauer und die fünf- bis sechsstöckigen Häuser mit Balkonen und platten Dächern. Die Häuser am Strande sind, mit Ausnahme einzelner neuer Gebäude, älteren Datums und erinnern uns an die italienische Bauart, wie wir sie zu Hause durch Bilder kennen gelernt haben. Die Stadt selbst sieht wie ein gleichmäßiges Häusermeer aus, nur unterbrochen durch die grünen Bäume oder andere Naturschönheiten. An Kirchen besitzt Neapel mehr als genug, aber ihre Türme ragen nirgends hervor, auch die Paläste verlieren sich in dem unendlichen Häusermeer. Am meisten machten sich die reizenden Villen und Kasinos auf den Hügeln, die Arsenale und Hafenbauten, das königliche Schloß und vor allem die drei großen Kastelle bemerkbar. Wir hatten geglaubt, unser Schiff würde sich hier wenigstens 10-12 Stunden aufhalten und hatten uns vorgenommen, in diesem Falle die seiner Zeit durch den Ausbruch des Vesuv verschüttete und vernichtete, jetzt aber zum Teil wieder freigelegte Stadt Pompeji anzusehen, mußten den Plan jedoch zu unserm Leidwesen aufgeben, da wir, wie schon gesagt, nur einen halben Tag Zeit hatten.

Wie die Menschen hier aussehen, wie sie leben, was sie treiben u. s. w., konnten wir natürlich von Bord aus nicht gewahr werden; aber erzählt wurde uns, daß das Volk hier im allgemeinen ernsten Beschäftigungen nicht gerne nachgeht, dafür aber umso lieber Belustigungen Auge und Ohr leiht, daß es auch allzuviel Zeit in den unzähligen Kaffeehäusern zubringt -- mit einem Wort, daß es seiner Neigung und Laune mit südlicher Leidenschaftlichkeit gehorcht und daß, als traurige Folge davon, die Bevölkerung, zumal die niederen Klassen, sich in ziemlich großer Armut und Unwissenheit befindet.

Auch viele Händler kamen an Bord, um die verschiedensten italienischen Gegenstände anzubieten, wobei uns insbesondere die aus Lava gefertigten Kunstwaren, ferner geschnittene Gemmen, marmorne Frauenköpfe u. a. m. auffielen -- alles sehr kunstvoll gearbeitete, zierliche Gegenstände. Empfehlenswert sind besonders die aus Marmor gefertigten Sachen; dieselben sind jedoch sehr teuer und man wird auf jeden Fall besser daran tun, sie an Land und nicht auf dem Schiffe zu kaufen, da man dort reeller bedient wird. Besonders vorsichtig muß man bei Gegenständen aus Lava sein, weil diese meistens verfälscht sind.

So wurde unsere Zeit an Bord gut ausgefüllt, bis wir abends acht Uhr -- wir schrieben den 13. Mai -- diese herrliche Bucht von Neapel verließen und nach Genua fuhren.

XIII.

Allerlei Heiteres und Ernstes aus dem Leben auf dem Schiffe.

In einem deutschen Liede heißt es: »Wenn jemand eine Reise tut, dann kann er was erzählen.« So geht es auch mir. Ehe ich Abschied nehme vom »König Albert«, der uns so lange eine treue Unterkunft geboten, will ich in Folgendem versuchen, meine Erlebnisse und Beobachtungen während meines Aufenthaltes auf dem Schiffe niederzuschreiben; aber nur als treuer Berichterstatter, ohne jede weitere Ausschmückung.

Spiele auf dem Promenadendeck und im Rauchsalon.

Da wir auf dem Schiffe nichts zu tun hatten und die Langeweile uns plagte, wurde alles hervorgesucht, was irgend einen Zeitvertreib oder eine kleine Zerstreuung bot: Gesellschaftsspiele, wie z. B. Schach, Domino, Dame, Kartenspiel, Würfelspiel etc., möglichst harmlose Sachen, nur um uns die Zeit zu vertreiben.

Bei gutem Wetter zog man selbstverständlich Spiele im Freien vor, von denen ich besonders das Reifenspiel und das Beutelchenwerfen erwähnen möchte. Bei dem ersteren wird nach einem senkrecht aufgestellten Stab mit Reifen aus strammem Seil geworfen und zwar so, daß diese beim Niederfallen den Stab einschließen; bei den letzteren wird eine in mehrere numerierte Felder geteilte Holztafel auf den Boden gelegt, nach der man mit kleinen, gewöhnlich mit Sand gefüllten Beutelchen wirft -- derjenige, der am meisten Zahlen trifft, ist Sieger.