Tokio - Berlin: Von der japanischen zur deutschen Kaiserstadt
Part 5
Bevor wir uns wieder zum Hafen zurückbegaben, berührten wir noch einmal die Stadt und machten dort Einkäufe. Diese Gelegenheit gab uns einen ungefähren Begriff von der großen wirtschaftlichen Produktivität Ceylons. Was war da nicht alles zu sehen! Von den Edelsteinen werden Rubine, Saphire, Topase etc. hier gewonnen; auch Bergkrystalle, wasserhelle und rosenrote, Granaten, rote und braune, finden sich hier. Dazu gesellen sich verschiedene Metalle wie Eisen, Zinn, Nickel, Arsenik, Gold (zwar in geringer Menge) u. s. w. Ferner ist Colombo ein Hauptstapelplatz für Hölzer, die nicht nur für den Bau von Häusern und Schiffen, sondern auch, namentlich in ihren zarteren Arten, für feinere Tischler- und Schnitzerarbeit sehr gesucht sind. Der Reichtum der Insel an Gewürz, namentlich an Pfeffer und Zimmt, ist von altersher bekannt. Sodann gehören der berühmte Ceylontee, Kaffeebohnen, Kokosöl und aus den Fasern von Palmen gewonnenes Tauwerk zu den wichtigsten Ausfuhrartikeln; auch kunstvolle Schnitzereien aus Elfenbein und Ebenholz, von denen wir einige Stücke einkauften, findet man. Alle diese Waren sahen wir in Hülle und Fülle in den vielen Läden aufgespeichert. Da sich indessen unter den wertvollen Sachen, insbesondere unter den Edelsteinen, viele Fälschungen befinden, so muß der Käufer sehr auf der Hut sein; auch tut er gut, von vornherein mit einem hohen Aufschlag zu rechnen und die unangenehme Kunst des Handelns tüchtig in Anwendung zu bringen.
Das Straßenbild in Colombo ist äußerst bunt; da sieht man die Bonzen in ihrem gelben Gewande, die Araber und Türken mit roter Kopfbedeckung, die Eingeborenen, halbnackt, ein rotes, weißes oder anderes farbiges Tuch um ihre Lenden gewickelt; dazu kommen noch die elegant angekleideten Engländer, die Nachkommen der Holländer, der Portugiesen u. s. w. -- Von den verschiedenen Klassen der Bevölkerung sind die Singhalesen hauptsächlich Handwerker und Bediente, die Parsen fast ohne Ausnahme Kaufleute, die Mohren Kleinhändler, die Malayen Soldaten, die Tamulen Feld- und Gartenarbeiter. -- Ebenso mannigfaltig wie die Bevölkerung ist auch die Verschiedenartigkeit der Mundarten; doch sind Singhalesisch und Tamulisch die beiden herrschenden Sprachen. Holländisch ist schon ganz ausgestorben, Englisch aber nimmt immer mehr zu und wird als Umgangssprache von den meisten gebraucht und verstanden.
So waren wir nun mit der Besichtigung der Stadt fertig. Am Abend ruhten wir im »Indischen Hôtel« dicht am Hafen aus und konnten von hier aus das ganze weite Becken übersehen. Die soeben untergehende goldene Sonne färbte mit ihrem Purpur die eine Hälfte des tiefblauen Himmels und des weitausgestreckten Meeres. Wir erfrischten uns an einem Glase Exportbier und kehrten erst spät in der Nacht zum »König Albert« zurück.
Was uns in Colombo noch besonders interessierte, waren die von den Engländern gefangenen Buren, welche in armseligen Hütten untergebracht waren. Beim Vorüberfahren bemerkten wir, daß viele von diesen Schwergeprüften in dürftiger Kleidung umhergingen. Ein wahres Bild des Elends! Ein wehes, ach so unendlich wehes Gefühl beschlich uns. Diese Helden, die an Tapferkeit, Vaterlandsliebe und Entsagung das Menschenmöglichste geleistet hatten, nun hier, fern von der über alles geliebten Heimat, in der Verbannung, in der Fremde, im Elend! In regem Mitgefühl grüßten wir hinüber und unser stiller Wunsch war, daß ihrer Sache doch noch der Sieg beschieden sein möge, ein Wunsch, der, wie die weiteren Ereignisse gelehrt haben, leider ein frommer geblieben ist.
Doch waren die Buren nicht allein. Sie hatten noch einen Schicksalsgefährten: den Egypter Arabi Pascha, den bekannten Führer des von den Engländern unterdrückten Aufstandes von 1881. Wir hörten jedoch, daß man die Absicht habe, ihn in kurzer Zeit freizulassen, da er bei den inzwischen veränderten Verhältnissen der Regierung nicht mehr gefährlich sein würde.
Leider war unsere Zeit für die weitere Besichtigung von Ceylon zu kurz bemessen, doch hatten wir von diesem einen Tag genug, denn die erstickend heiße Luft wirkte so erschlaffend auf uns, daß wir froh waren, diesen Tag endlich glücklich überstanden zu haben. Auch die elend aussehenden Eingeborenen, die Art und Weise ihres Lebens u. s. w. wollten uns nicht besonders imponieren. Zwar hatten wir hier manche Naturschönheiten gesehen, aber die Ansicht derjenigen, welche uns gesagt hatten, daß diese Insel als Paradies der Welt zu betrachten sei, konnte ich leider nicht teilen, zur Bewahrheitung eines solchen Ausspruches gehört doch noch etwas mehr!
IX.
Aden.
Nachdem wir noch eine Nacht vor Colombo gelegen hatten, verließ unser »König Albert« den Hafen und setzte die Reise fort. Jetzt kam die längste Tour. Unsere Freude war daher groß, als am sechsten Tage der Ruf erscholl: »Land in Sicht!« Schon beim Verlassen des Hafens am 29. April vormittags 9 Uhr war das Meer unruhig und zeigte einen ziemlich hohen Wellengang; bei wolkenlosem Himmel blies der Wind so stark, daß das Schiff bald auf die rechte, bald auf die linke Seite geschleudert wurde. Am folgenden Tage war es noch schlimmer; der Dampfer ging abwechselnd vorn und hinten hoch wie ein Schaukelbrett, ab und zu schlug eine Welle über das Vorderdeck hinweg. Der Gischt sprang weit über unsere Köpfe und das unheimliche dumpfe Dröhnen und Klirren der Schiffsschrauben mischte sich in das Tosen der Elemente. Mit bedenklichen Gesichtern standen die Offiziere auf dem Deck. Eine Zeit schwerer Arbeiten begann für die Mannschaften. Wir nahmen Zuflucht in unsere Kajüte. Manche Reisegefährten zeigten recht blasse Gesichter, und die Unterhaltung wollte nicht recht in Fluß geraten. Die Mittagstafel im Speisesaal wies bedenkliche Lücken auf; von unserer Kolonie waren nur zwei vertreten. Wie uns der Offizier mitteilte, war das Unwetter auf einen heftigen Sturm zurückzuführen, der einige Tage vorher hier gewütet hatte. Doch unser seetüchtiger »König Albert« arbeitete rastlos weiter, durchschnitt stampfend mit unwiderstehlicher Kraft die drohenden Wogen, bis wir endlich am 3. Mai die Insel Sokotra erreichten, an der wir nördlich vorüberfuhren. Noch immer stürzten die Wogen mit hohen Kämmen über die Wasserfläche dahin, aber die eigentliche Kraft des Sturmes war gebrochen. Die Hitze hatte bedeutend nachgelassen, ja, es herrschte eine ganz angenehme Temperatur. Fliegende Fische schnellten aus dem Wasser empor und durchschnitten in schönem Bogen die Luft; einige von ihnen fielen auf das Verdeck nieder, und der dicke Hans Küchenmeister fing sie als willkommene Beute schmunzelnd auf.
Im Laufe des Tages beruhigte sich die See vollständig und nur kleine Wellen kräuselten ihre Oberfläche. Es wurde Abend. Die Sonne neigte sich zum Untergang und warf ihre Strahlen glühend ins Meer. Weit und breit herrschte die tiefste Stille; nur das leise Geräusch der Wogen, die vom Winde spielend hin und her bewegt wurden, war hörbar. Da -- welch ein großartiges Schauspiel! -- steigt aus den feuchten Dünsten, gerade der Sonne gegenüber, leise der liebliche Vollmond herauf. Anfangs erblickt man nur den oberen Rand der Mondscheibe, dann wächst sie langsam, fortwährend ihre Gestalt verändernd und immer neue Schönheiten entfaltend, zu einem ungeheuer groß erscheinenden Halbkreis an. Jetzt wird sie in ihrer ganzen Größe, in ihrem vollen Glanze sichtbar und sendet ihre Strahlen auf die krystallenen Wellen, sodaß diese von einer Seite wie mit Silber überschüttet schienen, während sie auf der andern Seite von den purpurnen Strahlen der untergehenden Sonne wie fließendes Gold glitzerten. Die ungeheure Wasserfläche, in deren Mitte wir uns befanden, erscheint, so weit das Auge reicht, in einer Breite von tausend und abertausend Meilen mit Millionen und Millionen funkelnder Brillanten und Perlen übersäet. Und auf beiden Seiten des so wunderbar beleuchteten, unendlich breiten Meeres die beiden herrlichen, teils auf-, teils niedersteigenden Kugeln -- was hätte uns ergreifender sein können als diese Offenbarung der wunderwirkenden Kraft der Natur! Bald senkt sich die Sonne auf das Meer herab, um schließlich ganz unterzutauchen. Nur einzelne ihrer Strahlen und die herrliche Beleuchtung des Himmels zeigen an, wo sie sich befindet. Eine Zeitlang liegt der Wasserspiegel noch in stillem Dämmerlicht, bis auch dieses verschwindet und die Nacht ihre dunklen Schatten ausbreitet.
Es ist unmöglich, dieses erhabene Schauspiel der Natur in Worten erschöpfend auszudrücken und ich hätte in diesem Augenblick gewünscht, Dichter und Maler zugleich zu sein. In seliger Wonne ließ ich meine Blicke bald auf das unendliche Meer, bald auf das weite Firmament schweifen und konnte mich nicht satt sehen an diesem Bilde herrlicher Gottesnatur -- lange, lange stand ich träumend noch an Bord. -- Damals hatte ich auch das Glück, das Südliche Kreuz bewundern zu können, welches an dem nächtlichen Himmel der Tropen allgemein als eins der schönsten Sternenbilder bekannt ist. Wegen der hohen Durchsichtigkeit der Tropenluft erscheint es viel größer und heller mit ruhigem planetarischem Licht.
Unser Schiff arbeitete sich weiter und weiter und brachte uns am 5. Mai nach Aden. Wir sahen schon von weitem den gigantischen Leuchtturm, der, mitten im Meere stehend, den brandenden Fluten und den Angriffen von Wind und Wetter Trotz bietet -- ein Triumph der Baukunst! Nichts ist erquickender, als der Anblick eines solchen Turmes, wenn man nach mehrtägiger Fahrt über eine salzige Meereswüste, wo man nichts weiter sieht als Wasser, endlich den Hafen erblickt und des freundlichen weit hinaus strahlenden Lichtes gewahr wird. Der Hafen liegt am Südostende der Halbinsel und ist geräumig genug, um ganze Flotten zu bergen. Unser »König Albert« lief geradenwegs in ihn ein, und so konnten wir nun von Bord aus die englische Seestadt und Festung in Augenschein nehmen. Sie liegt auf einem ziemlich hohen, kahlen und wild zerklüfteten Felsblock, dessen obere Kante wie ein Zickzack ausgeschnitten erscheint. In seiner rötlich braunen Farbe bietet er aber dem Auge nichts Erquickendes dar; kein Baum, kein Strauch ist zu sehen, welcher diesem öden Felsen Schatten geben könnte. Nur in einzelnen Felsspalten ein spärlicher, halbdürrer Graswuchs -- sonst keine Spur einer Pflanzen-, noch weniger einer Tierwelt. Um so reicher ist das Meer damit ausgestattet. Die ganze Küste ist dicht bewachsen mit langen Schlingalgen, die von der Oberfläche des Wassers bis in eine enorme Tiefe hinabreichen. Diese Pflanze, die für die herannahenden Fahrzeuge natürlich eine große Gefahr bildet, ist für das arme Land eine Wohltat infolge der zahllosen Tiere, besonders Fischarten, die zwischen den Blättern dieser Schlinggewächse leben. Auf diese Weise hat die Natur in reichlichem Maße das ersetzt, was dem Lande gänzlich abgeht. Sonst wäre es kaum begreiflich, wie dieses Fleckchen Erde seit altersher in sich hat menschliches Leben bergen können.
Von den Passagieren begaben sich nur wenige an Land; auch wir zogen es vor, an Bord zu bleiben. Von einigen der ersteren hörten wir später, daß wirklich nichts Sehenswürdiges auf dem Felsblock zu finden sei, es gäbe dort nur einige Kohlenmagazine, Werften und Faktoreien. Das einzige, das ihr Interesse erregt hätte, seien die Wasserbehälter. Man hat nämlich, da es sehr schwer ist, auf dem Felsen Brunnenbauten vorzunehmen -- es soll allerdings ca. fünfzig Brunnen geben, die sehr tief in den Fels eingehauen sind -- mehrere große Wasserreservoirs angelegt, um das vom Gebirge herabströmende Regenwasser aufzufangen. Dies wird dann durch Röhrenleitungen an die Verbrauchsstelle befördert und somit ist dem großen Übelstand, dem Mangel an Trinkwasser, hinreichend Abhilfe getan. Der Regen tritt hier zwar nicht sehr oft auf, jedoch wenn er kommt, fällt er in ungeheuren Mengen und großen Tropfen nieder.
Wenngleich hier keine Landesprodukte gewonnen werden und demgemäß von Handel überhaupt kaum gesprochen werden kann, so ist diese Stadt doch wegen ihrer günstigen Lage von altersher kein unwichtiger Punkt gewesen. Aber erst in neuerer Zeit, seitdem die Engländer sie durch Gewalt in ihre Hände gebracht und den ohnehin von der Natur zu einer uneinnehmbaren Feste geschaffenen Fels noch stärker befestigt und die Stadt zum Freihafen erklärt haben, ist sie sowohl in kommerzieller als auch in politischer Hinsicht von großer Bedeutung geworden. Sie bildet jetzt für England ein Bindeglied mit Ostasien und Ostafrika. Seit der Eröffnung des Suezkanals hat sie noch mehr an Bedeutung gewonnen. Der ungeheure Bedarf an Steinkohlen für die hier passierenden Schiffe wird allein von dieser Stadt gedeckt. So beherrscht jetzt England durch Aden die Einfahrt vom Indischen Ozean in das Rote und hiermit in das Mittelländische Meer, wie es durch Gibraltar die Einfahrt vom Atlantischen Ozean in das Mittelländische Meer beherrscht. Mit Recht nennt man daher Aden das Gibraltar des Orients.
Unter den Bewohnern -- überwiegend mohamedanische Hindus -- herrschen sehr viele ansteckende Krankheiten, weshalb man uns vorher schon davor gewarnt hatte, von den an Bord kommenden Kaufleuten Zigarren, Kuchen u. dergl. zu kaufen. Selbst durch diese sollen, wie ich hörte, Krankheitskeime verbreitet werden; inwieweit hier eine Ansteckungsgefahr vorliegt, kann ich aber nicht beurteilen. Jedenfalls hatten die in Aden ansässigen Hindus und Araber, die an Bord kamen, zum Teil ein schrecklich elendes Aussehen; nicht wenige waren mit Narben, Beulen und Geschwüren behaftet, so daß wir den größten Ekel vor ihnen empfanden und schon aus diesem Grunde auf die von ihnen angebotenen Waren verzichteten. Drollig war es, die dunkelhäutigen Knaben zu beobachten, die in winzigen Kähnen unser Schiff umkreisten und nach Silbermünzen im Wasser tauchten. An diesem nicht gerade sehr genußreichen Ort hielt sich unser Schiff Gott sei Dank nur etwa fünf bis sechs Stunden auf; die Abfahrt in das Rote Meer erfolgte den 5. Mai mittags.
Ich muß hier bemerken, daß ich in Aden einen Brief von meinem lieben Freunde, Herrn Professor Jamaguchi, aus Leipzig erhielt. Er war ein halbes Jahr vor mir nach Deutschland abgereist und hatte öfters über seine Reise Interessantes nach Japan berichtet, auch hatte er mir für meine Reiseausrüstung verschiedene Winke gegeben, aus denen ich viel praktischen Nutzen gezogen habe. Ebenso hatte er mir in betreff der Reise und der während der Fahrt zu besichtigenden Städte und Sehenswürdigkeiten vieles geschrieben, was mir sehr nützlich geworden ist, wofür ich ihm sehr dankbar bin. Der Brief war vom 17. April datiert und der erste, den ich während meiner Fahrt erhielt. Wie groß meine Freude über denselben war, kann man sich leicht denken. Als mein Stubensteward ihn mir auf einem Tablett in die Kajüte brachte, streckte ich schnell meine Hand nach ihm aus, erbrach ihn in Hast und verschlang förmlich seinen Inhalt, welcher im wesentlichen folgender war:
»Deinen letzten Brief vom 10. März habe ich richtig erhalten. Ich ersehe daraus, daß Du am 6. April von Japan abgefahren bist und freue mich ungemein, daß uns endlich ein fröhliches Wiedersehen in nicht allzulanger Zeit vergönnt ist. Diesen Brief schicke ich Dir durch den deutschen Postdampfer »Sachsen« nach Aden, adressiert an Dich an Bord des »König Albert«. Du wirst wohl Langeweile auf dem Indischen Ozean gehabt haben, ebenso wie ich. Hoffentlich ist die Fahrt eine ruhige gewesen und Dir nichts passiert. Wir hatten eine schwere Überfahrt, denn schon in der Nähe von Hongkong war das Meer sehr bewegt. Ein Gewitter mit Sturm und Regen hatte sich erhoben, sodaß der Tisch beim Essen einen Holzrahmen erhalten mußte, um durch diesen das Herunterfallen der Teller zu verhüten. Sonst ging mir's auf dem Meere gut. In Aden wirst Du wohl nicht lange bleiben; auch ich hatte dort keine Zeit, an Land zu gehen. Von Aden wirst Du am Babelmandeb vorbei ins Rote Meer hineinfahren; da werden die Wogen höher gehen und das Schiff stark hin und her werfen, doch was können sie einem Schiffe wie »König Albert« anhaben? Im Roten Meere wirst Du Schwärme von Delphinen und Springfischen bewundern können. Jene wälzen sich wie dicke Fleischklumpen auf dem Wasser, während diese wie weiße Pfeile darüber hinschnellen. Am 8. Mai etwa wirst Du in Suez ankommen. Dieser Hafen ist, wie Du wohl weißt, der Eingang nach Europa. Als ich in Suez anlangte, kamen zwei Ärzte an Bord, darunter eine Dame, die von den Passagieren mit unverhohlenem Interesse betrachtet wurde. Sämtliche Passagiere ohne Ausnahme mußten sich einer Untersuchung unterziehen.
»Nun will ich Dir mitteilen, wie ich und meine Landsleute uns hier eingerichtet haben. Ich hatte mich, wie ich Dir schon schrieb, seit November vorigen Jahres in Berlin niedergelassen. Da ich aber dem Leben in einer Großstadt die Stille und Ruhe vorziehe, war ich bald nach Eberswalde übergesiedelt, einem von schönen Wäldern umrahmten Ort, der von Berlin per Bahn in 45 Minuten zu erreichen ist. Jede Woche fuhr ich viermal nach Berlin, um Colleg zu hören. Im Februar dieses Jahres jedoch erhielt ich das Verzeichnis aller deutschen Universitäten und ersah daraus, daß die Universität Leipzig Berlin an Lehrkräften -- besonders was meine Fächer anbetrifft -- überflügelt, und so habe ich mich nach vorangegangener Einholung der Erlaubnis unseres Kultusministeriums in Leipzig niedergelassen. Wie ich aus Deinem Briefe ersehen habe, willst Du vorläufig in Berlin bleiben und dort die Lehranstalten besichtigen. Ich möchte Dir aber hiermit gleich im voraus mitteilen, daß diese Besichtigung mit manchen Schwierigkeiten verknüpft ist. Du mußt nämlich bei dem Kaiserlich Japanischen Gesandten in Berlin ein Schreiben einreichen, mit Angabe der zu besichtigenden Schulen und der Bitte um einen Erlaubnisschein. Dieses Schreiben wird von unserm Gesandten an den preußischen Minister des Äußern gesandt und von diesem zum Kultusminister. Die Genehmigung wird von diesem durch ein Dokument erteilt, welches wieder denselben Weg rückwärts macht, um in Deine Hände zu gelangen. Dieses umständliche Verfahren nimmt mehrere Wochen in Anspruch; bei mir hat es sogar acht Wochen gedauert. Ich konnte diese allzulange Zeit nicht abwarten und bat daher direkt den Kultusminister um Erlaubnis, erhielt jedoch die Antwort, daß ich den vorgeschriebenen Weg durch die Gesandtschaft innehalten müsse. Wenn Du also die Schulen in Preußen besichtigen willst, so schlage diesen vorgezeichneten Weg gleich nach Deiner Ankunft in Berlin ein. Die Zwischenzeit kannst Du der Besichtigung der Sehenswürdigkeiten Berlins widmen oder bei mir in Sachsen zubringen. In Sachsen ist der Besuch der Schulen ebenso wie in Bayern und Österreich ohne weitere Umstände gestattet.
»Was die Universitäten anbetrifft, so ist meiner Ansicht nach die hiesige auch für Dich viel geeigneter. Die uns interessierenden Fächer sind hier besser vertreten und die Einrichtung des hiesigen Seminars scheint mir den Vorzug zu verdienen. Auch hat Leipzig eine Handelsakademie und spielt überhaupt als Industriestadt und als Zentrale des Buchhandels eine große Rolle. Das Studium der fremden Sprachen wird hier sehr eifrig betrieben und Du kannst hier auch auf diesem Gebiet Deinen Erfahrungskreis vergrößern. Komm also doch zu mir herüber nach Leipzig!
»Herrn Legationskanzler Ro, Deinen alten Bekannten aus Deiner Schule, habe ich gebeten, daß er sich für Dich, sobald Du in Berlin angekommen bist, um Wohnung u. s. w. bemühen und Dir mit Rat und Tat zur Seite stehen möchte. Von Genua, wo Du Dein Schiff verlassen wirst, depeschiere doch gleich an ihn; er wird Dich dann in Berlin auf dem Anhalter Bahnhof erwarten und abholen. Alles andere findet sich dann von selbst und Du kannst Dich getrost seiner Führung überlassen.
»Nun zum Schluß habe ich Dir noch etwas recht Trauriges mitzuteilen, nämlich, daß unser verehrungswürdiger Freund, Herr Professor Tachibana, am 23. März von Berlin nach Japan abgereist ist, leider aber wegen Krankheit. Er hat sich nämlich im Dezember vorigen Jahres eine Erkältung zugezogen und seitdem fieberte er sehr stark. Es stellte sich heraus, daß er an Lungenschwindsucht leidet, und da gerade zwei Landsleute, beide Ärzte, nach Japan zurückkehrten, so schloß er sich diesen an und schiffte sich mit ihnen in Antwerpen auf einem japanischen Dampfer ein. Diesem Dampfer »Hitachimaru« wirst Du wohl in Colombo oder in der Nähe davon auf dem Meere begegnet sein. Was Professor Tachibana in England, Frankreich, Deutschland und Österreich besichtigt hat, habe ich in seinem Auftrage für Dich notiert und werde es Dir später mitteilen.
»Herr Professor Haga hat sich seit Anfang April ebenfalls eine starke Erkältung zugezogen; wir wollen wünschen, daß es nur etwas Vorübergehendes ist. Herrn Professor Fujishiro geht es sehr gut.
»In Leipzig sind augenblicklich viele Deiner Freunde zu Studienzwecken anwesend; das Leben ist hier wirklich sehr interessant. Den nächsten Brief von mir wirst Du wohl in Suez oder Port Said erhalten.«
Die Freude über diesen Brief war groß, nur barg er einen Wermutstropfen in sich: die Nachricht von der schlimmen Erkrankung meines teuren Freundes und Kollegen Tachibana. Es war zwischen uns ausgemacht worden, daß er mich in Deutschland erwarten sollte, um von mir gewissermaßen abgelöst zu werden. Diese Nachricht war daher eine große Enttäuschung und ein harter Schlag für mich. Eine dunkle Ahnung stieg in mir auf, daß wir uns vielleicht nicht mehr wiedersehen würden. Hätte ich doch in Colombo oder auf dem Meere auf einen japanischen Dampfer geachtet, ich hätte ihn dann vielleicht noch sehen oder sprechen können! Ich hegte damals den innigen Wunsch, daß Gott ihm seine Gesundheit wiedergeben möchte, auf daß er, von der Fahrt gekräftigt, seine Lieben in der Heimat umarmen könnte, ein Wunsch, der, wie ich später erfuhr, leider nicht in Erfüllung gehen sollte.
X.
Suez und der Suez-Kanal.
Das Rote Meer! Der Name schon hatte uns ein Grauen eingeflößt, und mit seltsamen Erwartungen waren wir dieser unheimlichen Fahrt entgegengegangen. Man hatte uns nämlich gesagt, daß die Hitze hier außerordentlich groß sei, daß das Wasser dieses Meeres in den Wintermonaten über 26° C. habe und daß in der heißesten Periode die Temperatur des Meeres und der Luft die Blutwärme übersteige, sodaß die Postdampfer zur Umkehr genötigt seien u. s. w. u. s. w., alles Nachrichten, die unserm Ohr nicht gerade angenehm klangen. Ich hatte anfangs geglaubt, daß die Hitze hier nicht größer als in Penang und Singapore sein könnte, zumal das Meer viel weiter vom Äquator entfernt ist. Da es aber in der Mitte der beiden Feuerbecken, der arabischen und der afrikanischen Wüste liegt, so scheint die Entfernung vom Äquator keine besondere Rolle zu spielen. Wir waren also auf einen harten Kampf mit nassen wie mit sengenden Elementen gefaßt und fuhren beklommenen Mutes durch die breite Meerenge des Babelmandeb oder des Tores der Tränen -- »O, sie führt ihren Namen mit Recht,« dachten wir bei unserer jetzigen Stimmung -- in das Rote Meer hinein.