Tokio - Berlin: Von der japanischen zur deutschen Kaiserstadt

Part 4

Chapter 43,410 wordsPublic domain

Wir ließen den Zug vorüber und machten uns wieder auf den Weg. Wir waren ungefähr eine Stunde fortgeschritten und vor Mattigkeit und Abspannung mehr tot als lebendig, als uns eine leere Droschke entgegenkam. Das belebte unsere Sinne. Wir stürzten uns auf den Rosselenker und wurden auch nach vieler Mühe mit ihm handelseinig. Endlich stiegen wir ein und fuhren nun noch anderthalb Stunden in der brennenden Sonne dahin, bis wir ans Ziel gelangten und mit unseren Freunden, die Dank der Umsicht des Herrn N. alle Beschwerlichkeiten der Straßenabsperrung geschickt umgangen hatten, wieder zusammentrafen.

Von dem seinen großen Ruf durchaus rechtfertigenden Botanischen Garten, der viele tropische Pflanzen enthält, kann ich nichts Besonderes mitteilen. Ich bin ja kein Fachmann, und das geringe, was ich zu sagen hätte, dürfte zur Genüge bekannt sein. Man weiß hinlänglich, daß sich die Flora in den tropischen Ländern durch Schönheit, üppige Fülle und Artenreichtum auszeichnet. Das eine nur möchte ich erwähnen, daß hier neben den Pflanzen des indischen Kontinents auch die des indischen Archipels zahlreich vertreten sind; namentlich fielen mir die vielen Arten von Palmen und tropischen Fruchtbäumen auf. Einer von den Aufsehern, ein sehr liebenswürdiger Mann, führte uns herum; für ein Trinkgeld nicht unempfänglich, ließ er es bei der bloßen Führung nicht bewenden, sondern gab uns auch dankenswerte Erläuterungen an der Hand von Experimenten. So pflückte er eine Mangofrucht ab, hackte sie mit seinem Knüttel in Stücke und erklärte uns die Frucht näher. Sie war noch nicht reif, sah noch ganz grün aus und enthielt einen starken ätzenden Saft, dessen bloße Berührung gefährlich war. Der Aufseher überreichte mir auch einen kleinen Zweig von schönen tropischen Blumen, die ich mit aufs Schiff nahm und später in gepreßtem Zustande nach Hause an meine Kinder schickte. -- Im Garten sahen wir auch Zwinger, worin sich wilde Tiere, z. B. Tiger, Riesenschlangen, Orang Utang u. a. m., befanden.

Der Stolz des Botanischen Gartens ist aber die einzig in ihrer Art dastehende Sammlung von Orchideen. Hunderte von seltenen Exemplaren sind in ihr vereinigt, und der Gesamteindruck, den diese wunderbare Farbenpracht auf das Auge macht, ist überwältigend schön. Unser Reisegefährte, Herr Professor Takahashi, der sich hier als Botaniker von Fach ganz in seinem Element befand, klärte uns über den hohen Wert dieser Sammlung auf; in Japan, meinte er, wäre derartiges nicht heranzuziehen und zu erhalten, weil unser Klima diesen Pflanzen unzuträglich ist. Damit stand denn auch das in Einklang, was Herr N. erzählte. »Aus Japan,« so berichtete er, »kommen oft Bestellungen auf Orchideen. Namentlich hat es sich der bekannte Politiker und Parteiführer Graf Okuma, der auch als Gartenfreund und Pflanzenzüchter einen großen Namen hat, angelegen sein lassen, diese Pflanzen in unserer Heimat einzubürgern, bisher aber leider mit nur geringem Erfolg. In den weitaus meisten Fällen überdauern sie trotz sorgfältigster Pflege nicht einmal den Transport und kommen welk am Bestimmungsort an.«

Etwa zwei Stunden brachten wir im Botanischen Garten zu, ruhten unter dem schattigen Dach der Palmen, der Mangos, der Bananen und Ananas eine Weile aus und fuhren gegen Abend wieder in die Stadt zurück, wo wir samt und sonders im größten Hôtel »Raffles« einkehrten. Die Nacht war schon längst hereingebrochen, als wir unsern »König Albert« wieder erreichten. Am nächsten Morgen fuhren wir dann ab.

Einer von unserer japanischen Kolonie, Herr Professor Tanaka, blieb in Singapore zurück. Als Berufsbotaniker wollte er auf kurze Zeit nach Batavia fahren, um den dortigen Botanischen Garten, der jenen Singapores noch übertreffen soll, zu besichtigen.

VII.

Penang.

Über die Fahrt von Singapore nach Penang, die anderthalb Tage dauerte, wüßte ich nichts Besonderes zu erwähnen, es sei denn, daß ich die Qualen, die uns die furchtbare Hitze bereitete, näher ausmalte. Doch will ich dies lieber unterlassen: soviel sei nur gesagt, daß der Aufenthalt in der Kajüte eine Folter war. Viele entschlossen sich daher, die Nacht auf Deck zuzubringen. Wir folgten indessen diesem Beispiel nicht, weil der Temperaturunterschied während der Nacht so groß war, daß die, die sich der kühlen Seeluft ausgesetzt hatten, empfindlich an ihrer Gesundheit gestraft wurden.

Anfänglich sollte der Aufenthalt in Penang nur sechs Stunden dauern; da indessen unvorhergesehene große Ladung zu nehmen war, dehnte er sich länger aus. Sobald wir in den Hafen einliefen, nahten sich schon von allen Seiten die verschiedensten Frachtschiffe, um so schnell als möglich ihre Ladung an Bord zu bringen. Hauptsächlich bestand diese aus Tabakblättern. Wohl Hunderttausende von zusammengeschnürten Bündeln wurden verladen. Mitten in der Ladung mußte aber eine Pause eintreten, denn ein heftiges Gewitter entlud sich über uns. Unaufhörlich zuckte der Blitz, rollte der Donner, und in Strömen goß der Regen nieder. Nachdem sich das Gewitter verzogen hatte, wurde die Arbeit wieder aufgenommen und fast die ganze Nacht hindurch fortgesetzt. Unglücklicherweise befanden sich unsere Kajüten in unmittelbarer Nähe des Ladekrahns. Man kann sich kaum eine Vorstellung von diesem Lärm machen. In einem fort rollten die Fässer dahin, die Ketten rasselten mit lautem Getöse auf und nieder, dazwischen das Hin- und Hergelaufe der Arbeiter, das Fluchen und Kommandieren der Aufseher -- kurzum, ein ohrenbetäubender Lärm, der an ein Schlafen, wenn auch nur auf ein Stündchen, nicht denken ließ.

Am nächsten Tag, dem 24., war die Ladung beendigt und zur Mittagsstunde konnten die Anker wieder gelichtet werden. Aller Gesichter heiterten sich auf -- doch leider, leider nur auf kurze Zeit. Denn bald begann für uns eine neue Qual. Es machte sich nämlich in allen Schiffsräumen ein ganz eigentümlicher Geruch bemerkbar, der vermutlich von den zum Teil durchnäßt verstauten Tabaksballen herrührte. Überall schlug einem süßliche, widerliche Stockluft entgegen. Am Ärgsten war es im Eßsalon; die Speisen wurden denn auch in vielen Fällen in Stich gelassen. Alles flüchtete sich an Deck, aber auch nach dort verfolgte uns der Geruch. Einigermaßen erträglich war der Aufenthalt nur auf dem Promenadendeck. So verbrachten wir denn dort, auf Rohrstühlen lagernd, diesen und die folgenden Tage.

Der verlängerte Aufenthalt in Penang bot die Möglichkeit, an Land zu gehen und die Stadt in Augenschein zu nehmen. Viele nahmen auch diese Gelegenheit wahr. Wir Japaner aber zogen es nach der großen Abspannung, die uns die schlaflos verbrachte Nacht bereitet hatte, vor, an Bord zu bleiben. Und wir taten recht daran. Denn als unsere Mitreisenden von ihrem Abstecher heimkehrten, bedauerten sie lebhaft, daß sie nicht unserem Beispiel gefolgt wären. So hatten sie beispielsweise den großen Wasserfall, der eine Sehenswürdigkeit Penangs bildet, nicht in Tätigkeit sehen können, weil ihn die anhaltende Dürre der letzten Zeit fast ganz ausgetrocknet hatte; was über die Katarakte hinunter rieselte, war nicht der Rede wert gewesen.

Soweit wäre der Aufenthalt in Penang nichts als eine Kette von Unerquicklichkeiten gewesen -- doch halt! Nein, es war nicht ganz so schlimm. Es gab auch lichte Seiten. Und dazu rechne ich das Fest, das der Kapitän des »König Albert« zu Ehren des Königs gab, dessen Namen unser Schiff trug. König Albert von Sachsen hatte am 23. seinen Geburtstag, der festlich begangen werden sollte. Schon am frühen Morgen wurde die sächsische Fahne gehißt. Am Abend sollte dann ein großes Festmahl sein, darauf Illumination und Tanz auf dem Promenadendeck. Das heraufziehende Gewitter machte indessen einen Strich durch dies Programm; die Illumination sowie der Tanz mußten ganz ausfallen. Das Festmahl fand aber statt und verlief in würdiger Weise. Küche und Keller gaben ihr Bestes her, und in fröhlicher Stimmung sprachen alle den Kunststücken unseres Hans Küchenmeisters zu.

VIII.

Colombo.

Die Fahrt von Penang bis Colombo war die bisher zweitlängste. Vom 24. mittags bis zum 28., also dreieinhalb Tage, waren wir auf offener See. Die Hitze hatte eher zu- als abgenommen, wozu dann noch die sich von Tag zu Tag steigernde Unruhe des Meeres kam. Auch konnten wir nicht sofort in den Hafen einlaufen, sei es, daß der Lotse nicht zeitig genug für uns frei wurde, sei es, daß irgend ein anderer Grund vorlag -- genug, wir mußten vor der Einfahrt vor Anker gehen und dort zwei Stunden liegen bleiben. Wir ließen uns diese Verzögerung nicht verdrießen, sondern betrachteten aufmerksamen Auges unsere Umgebung. Von allen Häfen des chinesischen und indischen Meeres, die ich bisher gesehen habe, ist der von Colombo unstreitig der schönste. Von Natur ist er nicht allzu gut gelegen, deshalb hat Menschenhand nachhelfen müssen; und so sind denn großartige Schutzanlagen geschaffen worden. Gewaltige Molen -- große steinerne Dämme bekanntlich -- laufen eine weite Strecke ins Meer hinein, und es ist ein herrlicher Anblick, wenn man sieht, wie Welle auf Welle gegen den Damm hochaufspritzend anprallt oder mitunter auch wohl über die blitzblanken Steine gischend dahinfegt.

Der Blick auf Hafen und Stadt bietet ein wunderbares Panorama. Wie mit Schiffen vollgepfropft breitet der Hafen sich aus. Kriegsschiffe, Passagierdampfer, Kauffahrteischiffe aller Art und aller Nationen ankern in buntem Durcheinander. Dazwischen schießen, den Hafenverkehr vermittelnd, die einheimischen Dschunken. Und dahinter liegt dann die Stadt! So malerisch gelegen ist wohl keine im indischen Archipel. Terrassenartig steigt sie auf und wird von prächtigen Wäldern eingesäumt. Es war wohl nicht zuviel gesagt, wenn man von Ceylon als dem Paradies der Welt gesprochen hatte.

Als nun unser Schiff endlich in den Hafen einlief, wiederholte sich das nämliche Schauspiel wie bisher: von allen Seiten stießen unaufhörlich kleinere Küstenschiffe auf uns zu, die eine schreiende Schar von Händlern an Bord brachten. Jeder wollte den andern im Geschäftemachen überbieten, und man braucht nicht erst auszumalen, welch' Konzert daraus entstand. Auch an uns Japaner machten sich die Leute heran; wir ließen uns aber nicht viel auf ihre Unterhandlungen ein. »Wir hätten keine Zeit« sagten wir, »wir haben heute noch viel vor und wollen an Land!« »An Land?« rief es da aus der Menge -- und siehe, ein Inder trat hervor und bot sich uns als Führer an. Er radebrechte besser englisch als die andern und betonte, daß er für uns wie geschaffen sei, da er selber längere Zeit in Japan gewesen und schon des öfteren die Ehre gehabt hätte, japanische Herren führen zu dürfen. »So?« fragten wir. »Gewiß!« erwiderte er, »bitte, meine Herren, sehen Sie sich meine Papiere an,« und damit überreichte er uns einen Stoß von losen Blättern. Neugierig blickten wir hinein, fanden auch manch von japanischer Hand geschriebenes Wort der Anerkennung darin, doch fehlten auch Warnungen vor ihm nicht. Da uns aber der Mann keinen unüblen Eindruck machte, so verpflichteten wir ihn nach einer Weile Feilschens für den ganzen Tag und zwar für einen ziemlich hohen Preis.

Wir fuhren also mit unserem Führer dem Lande zu, das wir in ungefähr zehn Minuten erreichten. Sofort mieteten wir uns zwei elegante Wagen und begaben uns zuerst in die innerhalb der Festungswerke gelegene »Europäische Stadt«, die, wie der Name sagt, von Europäern und zwar besonders von holländischen Abkömmlingen bewohnt wird. Die Häuser sind in europäischem Stil erbaut, jedoch mit den Abänderungen, die das Klima bedingt. Hier befinden sich die Regierungsgebäude, eine protestantische und eine katholische Kirche, ein Militärhospital u. s. w. Dieser europäische neue Stadtteil sowie die Festungswerke sollen von den Holländern errichtet worden sein, welche sich seit der Mitte des 17. Jahrhunderts hier niederließen, nachdem sie die Portugiesen vertrieben hatten. Nach ca. anderthalbhundert Jahren mußten aber die Holländer den Engländern weichen. Jetzt wird die Insel Ceylon von einem englischen Gouverneur verwaltet.

Wir fuhren aus den Festungswerken heraus und kamen damit in die Altstadt, wo sich die portugiesischen und holländischen Mischlinge -- die sogenannten Eurasier -- Singhalesen, Tamilen, Mohren, Malayen, Neger u. a., niedergelassen haben. Die Straße, die wir hinabfuhren, war zu beiden Seiten mit den hier wild wachsenden Brot-, Mango- und Zimmetbäumen besetzt, auch an zu imposanter Höhe aufsteigenden Palmen fehlte es nicht. Ebenso verschieden wie die Flora war aber auch das, was der Mensch hier hingebaut hatte: die Häuser. Da gab es eine ganze Reihe von Gebäuden, auf die der Name >Haus< wohl kaum paßte, Hütten waren's und zwar oft der ärmlichsten Art. Daneben erhoben sich aber ansehnliche, ja bisweilen prächtige Gebäude in europäischer Stilart. Die Besitzer können sich den Luxus recht gut leisten. In der Mehrzahl sind es reiche Engländer, die sich vom Geschäft zurückgezogen haben und nun ganz ihrer Ruhe und Bequemlichkeit leben. Und sie haben entschieden einen guten Geschmack. Ringsum nichts als Wiese, wogende Felder und Wald. Weiter und weiter fuhren wir ins Land hinein, überall neue Pracht und neue Wunder. Wie betäubt von all dem Herrlichen waren wir und wir glaubten, daß dieses köstliche Fleckchen Erde frei von menschlicher Armut, von menschlichem Elend sein müßte. Doch dem war nicht so. Die Eingeborenen, die in dem schlechten Ruf stehen, Müßiggänger zu sein, schienen uns davon einen Beweis geben zu wollen. Allenthalben kamen halbnackte Kinder uns in den Weg gelaufen, hielten die Hand auf und schrieen ununterbrochen: »Japan! Japan!« Einige von ihnen hielten auch Blumen feil, aber selbst diesen kleinen Schelmen gegenüber war Vorsicht nötig. Kaum hatten sie nämlich das Geld in Empfang genommen, als sie sich auch aus dem Staube machten und zwar ohne uns die Blumen zurückzulassen.

Die Eingeborenen sollen auch, wie dies ja von den Bewohnern der heißen Zone bekannt ist, leidenschaftlich und genußsüchtig bis zur Ausschweifung sein. Unsere Fahrt führte uns dann zum Buddhatempel, den wir unter Führung eines Priesters besichtigen durften. Unsere ziemlich hochgespannten Erwartungen wurden indessen wenig befriedigt. Der Tempel bietet trotz seiner oft gerühmten Schönheit nichts Besonderes. Er soll der Hauptsitz des Buddhismus sein; wir hatten uns daher auf ein Bauwerk von hohem kulturhistorischen Interesse gefaßt gemacht, hatten gehofft, einen von Kunstschätzen nur so strotzenden Tempelbau zu Gesicht zu bekommen -- und statt dessen, was sahen wir? Ein Bauwerk in neuem und nicht gerade schönem Stil. Die Wände im Innern waren mit grellbunten Farben angestrichen und mit allerhand komischwirkenden Figuren bemalt. Die Beleuchtung war schlecht; übelriechende und viel Rauch entwickelnde Kerzen hellten bloß schwach das Dunkel auf. In der Hauptpagode befindet sich das in Holz geschnitzte Bildnis des Buddha in liegender Stellung, in den Seitenräumen sind allerlei Götzenbilder aufgestellt. Die Gemälde an den Wänden stellen das Leben nach dem Tode vor, die Seelenwanderung, wie die Buddhisten sie nach ihrer Lehre annehmen. Da sahen wir auf der einen Seite die Hölle mit ihren teuflischen Gestalten, auf der andern das Paradies mit den guten, frommen Menschen, die hier nach dem Tode ein herrliches neues Leben führen dürfen. Hinter der Pagode, außerhalb des Gebäudes, befindet sich ein Grabmal -- eine Dagoba -- worin Buddhas Zähne oder sonstige Andenken an ihn begraben liegen sollen. Es ist recht stimmungsvoll angelegt. Von einem wundervollen Blumenflor ist es umgeben, und große Vasen, denen Weihrauch entströmt, stehen davor; besonders fiel mir ein Tisch ins Auge, auf dem sich kleine, weiße und äußerst wohlriechende Blüten in künstlerischer Anordnung befanden. Mein Führer bedeutete mir, daß dies Blüten eines dem Buddha geweihten Baumes seien, und glaubte seiner Hochachtung vor mir keinen besseren Ausdruck geben zu können, als daß er mir eine dieser Blüten als Geschenk überreichte. Mit Dank nahm ich dies Andenken an und habe es zusammen mit anderen dieser Art meinen Lieben zugesandt.

Rechts am Eingang zum Tempel stehen kleinere Gebäude, in welchen die Bonzen wohnen; in ihrer Tracht gleichen sie ihren Brüdern in Japan, nur tragen sie mit Vorliebe Gelb. Wo man sie sieht, halten sie einen Rosenkranz in der Hand, auch sonst scheinen sie es mit ihrer Aufgabe recht ernst zu nehmen; Beten und Fasten ist augenscheinlich ihre Hauptbeschäftigung. Einen wohlgenährten Bonzen habe ich nicht bemerkt, hingegen viele bleiche, hagere und hohläugige Gestalten.

Daß aber dieser Ort nicht durchaus ernsten und weltabgewandten Dingen geweiht ist, beweist das Vorhandensein einer ganz modernen Einrichtung: es liegt nämlich ein Fremdenbuch aus. Selbstverständlich verewigten auch wir uns darin und befolgten damit nur das, was vor uns viele Landsleute getan hatten. Ein flüchtiges Durchblättern zeigte mir manchen Namen aus meinem heimatlichen Freundeskreise. Das Fremdenbuch war denn auch für mich das Interessanteste, alles übrige blieb weit hinter den Erwartungen zurück. Ich hatte mir den Ort, der für die Lehre des Buddha soviel bedeutet, denn doch etwas imposanter ausgemalt. In den Ländern, die Buddhas Lehre weiter entwickelt und vervollkommnet haben, wie beispielsweise bei uns in Japan, sind zweifelsohne großartigere Anlagen dieser Art, als hier in Colombo. Allerdings muß ich hinzufügen, daß das eigentliche buddistische Heiligtum Ceylons sich in Candy, der alten Hauptstadt, befindet. Die Möglichkeit, dorthin zu gelangen, war uns gegeben worden; unter den Reisenden hatte man nämlich eine Umfrage gehalten, wer Candy besichtigen wolle. Da die Beteiligung groß war, so ließ die Eisenbahnverwaltung einen Sonderzug abgehen; wir Japaner hatten aber unsere Zeit bereits eingeteilt und standen deshalb zu gunsten anderer Besichtigungen davon ab. Nachher hat uns aber diese Nichtbeteiligung gereut. Denn das Heiligtum in Candy soll wirklich von großer Bedeutung sein. Einer meiner Reisegefährten entwarf eine begeisterte Schilderung davon. Auch befände sich dort die Ruine eines alten, zerfallenen Buddhatempels und Palastes. Die Fahrt zu diesen Heiligtümern soll unbeschreiblich schön sein, Mutter Natur soll hier ihr Meisterwerk getan haben. Mein Berichterstatter, der sonst ziemlich nüchtern war, war in Erinnerung an diese landschaftlichen Schönheiten wie umgewandelt und Ausrufe wie »Wunderbar!« »Hochromantisch!« unterbrachen in einem fort seine lebhafte Erzählung.

Die Besichtigung des Tempels hatte uns recht müde gemacht; wir hielten es aber nicht mit den Bonzen: Fasten war für uns nichts! Wir begaben uns vielmehr in ein Hôtel, das am Strand gelegen und europäisch eingerichtet war. Wir hatten die salzigen Gerichte an Bord herzlich satt bekommen und freuten uns, nun wieder etwas Frisches zu erhalten, sodaß wir uns daher das Vorgesetzte doppelt gut schmecken ließen und tüchtig zulangten. Hummern, Fische und Muscheln wurden mit vielem Appetit verzehrt; am meisten sprachen wir aber den Früchten zu. Was für Früchte waren das aber auch! In so üppiger Fülle und Form dürften sie wohl nur hier an der Quelle gedeihen. Da wir diese Früchte zum ersten Male genossen, so legten wir uns anfangs eine wohl begreifliche Vorsicht auf, doch mundete uns diese Götterspeise so ausgezeichnet, daß wir bald unsere Vorsicht sein ließen -- und es ist uns auch alles gut bekommen. Besonders angenehm schmeckte eine Melonenart. Sie war groß wie ein ausgewachsener Menschenkopf und ihr frisches, saftiges, gelbes Fleisch war wirklich etwas für Feinschmecker. Es war daher kein Wunder, daß wie aus einem Munde das Gelöbnis kam: »Wenn wir auf der Rückreise nirgends einkehren sollten, hier, wo so edle Gewächse reifen, tun wir es gewiß!« Auch die Bedienung war gut. Braune eingeborene Kellner verrichteten sie zur vollsten Zufriedenheit; sie sahen in ihrem sauberen weißen Linnen appetitlich aus, waren die Aufmerksamkeit selber und servierten flink und geschickt. Aber es mußte dafür auch ein hohes Trinkgeld gegeben werden, dessen Höhe auf der Speisekarte pro Person genau festgesetzt war. Wir zahlten denn auch willig und begaben uns auf die Veranda, die einen herrlichen Ausblick auf die See gewährte. Auf bequemen Lehnstühlen pflegten wir dort der Ruhe. Was das Auge sah, war von Anfang bis zu Ende eine entzückende Pracht. Bis an die See dehnte sich ein üppiger Blumengarten aus, der hier und da von prächtigen Rasenflächen unterbrochen wurde. Die Strandlandschaft gemahnte uns mit ihren mächtigen Felsen, grünen Wäldern und all dem andern Schönen an die japanische Küste, und so schweifte denn der freudetrunkene Blick des Europafahrers weit hinüber über die Fluten, die soeben durchfurcht worden waren, und sah die Heimat in sonnenhellem Glanze schimmern, sah die Lieben daheim, und sacht schloß sich das Auge in seligem Traum. Doch währte derselbe leider nicht lange, die Zeit mahnte zum Aufbruch.

Als wir aus dem Hôtel traten, kam uns ein Inder mit einem großen Korbe voller Schlangen entgegen; er ließ seine Reptile zischen und nach der Musik einer Flöte sich aus ihrem Korbe erheben, indem er sich erbot uns für Geld weitere Kunststücke vorzuführen. Uns war aber der Anblick dieser Tiere widerlich, wir wehrten deshalb entschieden ab, bestiegen unsere Wagen und wandten uns der zweiten Nummer unseres Pensums zu: Besichtigung des Hindutempels. Das Schönste an ihm ist sein Eingang, der reich mit Holzschnitzerei verziert und in allen möglichen Farben angestrichen ist. Leider entspricht das Innere nicht den Erwartungen. Besonders Sehenswürdiges wüßte ich darin nicht anzuführen. Auch soll dieser Bau mehr ein bloßer Versammlungsort als eigentlicher Tempel sein. An den Besuch des Hindutempels schloß sich derjenige der Moschee, in der die dem Mohamedanismus anhängenden Eingeborenen ihre Andacht abhalten. Es ist ein erst in neuerer Zeit aufgeführtes Gebäude; das Äußere war so einfach und schlicht wie nur möglich gehalten, und wir hatten wohl nicht viel verloren, wenn uns, den Bekennern eines anderen Glaubens, die Besichtigung des Innern vorenthalten wurde.

Wir fuhren daher weiter und kamen an dem sehr schönen sogenannten »goldenen Garten« vorbei und sahen auf der rechten Seite einen reizenden kleinen See liegen, welcher uns lebhaft an den Shinobazu no Ike in Tokio erinnerte. Unterwegs fielen uns ganz sonderbare Gestalten auf. Eingeborene, die auf das bunteste aufgeputzt waren und auf dem Kopf gewaltige Hörner trugen. Wahre Teufelsfratzen! Sie stellten in der Tat auch etwas Ähnliches dar. Nach Angabe unseres Führers waren es Leute, die sich so für ein Fest, bei dem sie als »Teufelstänzer« mitwirken sollten, zugerichtet hatten.