Tokio - Berlin: Von der japanischen zur deutschen Kaiserstadt

Part 3

Chapter 33,547 wordsPublic domain

Der reiche Mitsui, der auch hier seine Firma besitzt, holte uns mit seinem Dampfboot ab, und unter der sicheren Führung eines seiner Beamten betraten wir nun die Stadt. Wir besuchten zuerst Queen's Road, die schönste und belebteste Straße. An beiden Seiten reihen sich chinesische und europäische Verkaufsläden in buntem Gemisch aneinander; das Stadthaus, das Theater, mehrere Banken, Konsulatsgebäude u. s. w. befinden sich hier. Die nicht eben hohen, aber doch stattlich aussehenden Gebäude sind meist in europäischem Stil aufgeführt. Die Straßen sind ziemlich sauber, aber leider ein bißchen eng, was jedoch die Lebendigkeit des Straßenlebens bedeutend erhöht. Zum Fahren dienen zierliche Rollstühle, auch den Chinesen eigentümliche Tragsessel werden viel gebraucht; Equipagen und Droschken sieht man verhältnismäßig wenig, da die bergige Lage und die enge unregelmäßige Straße es nicht erlauben. Das Straßenleben hat mit seiner buntdurcheinandergewürfelten Bevölkerung große Ähnlichkeit mit jenem Shanghais.

Nachdem wir die Straßen durchwandert, die Sehenswürdigkeiten in Augenschein genommen und auch einige Einkäufe, wie z. B. Tropenhüte u. dgl., gemacht hatten, wollten wir zum Viktoria-Park, von dem die Reisenden nicht genug zu erzählen wissen, hinansteigen. Die große Hitze jedoch und die spärlich bemessene Zeit nötigten uns von dem Vorhaben abzustehen und wir benutzten die Drahtseilbahn, die uns schnell auf den Gipfel führte. In ungefähr einer Viertelstunde waren wir am Ziel. Aber in diesem Augenblick kam leider der Nebel, eine sehr häufige und unangenehme Erscheinung dieser Gegend, heraufgezogen, und ehe wir uns versahen, bedeckte er mit seinem Schleier den ganzen Berg. Nicht zehn Schritte konnte man vor sich schauen, man hätte ihn mit einem Messer durchschneiden können -- so dick war er! Von der großartigen Aussicht nach dem Hafen war nun keine Rede mehr und es blieb uns nichts weiter übrig, als geduldig die Zeit abzuwarten, bis der Nebel sich gesenkt hatte. Wir kehrten deshalb im Wirtshaus Peak-Hotel ein, ließen uns die englische Küche gut schmecken und sahen zu, ob nicht durch die flatternden Nebelgespinste sich irgend etwas unsern Blicken darböte. Und sieh! Nach ungefähr einer Stunde teilte sich der Nebel und auf einmal lagen zu unseren Füßen Stadt, Hafen und weiter hinten die Halbinsel Kowloon. Wir standen in stiller Bewunderung da, die Operngläser vor den Augen haltend. Da unser Standpunkt nicht allzu hoch war, so konnte man die Form und Farbe eines jeden Gegenstandes noch deutlich unterscheiden. Ein entzückendes Panorama! An den Abhängen sieht man übereinander aufsteigende Höfe von tropischen grünen Baumgruppen umgeben und prächtige Villen mit herrlichen Gartenanlagen; aus den Straßen der Stadt erheben sich große, stattliche, wie Paläste und Schlösser aussehende Gebäude, darunter mischen sich die schwarzen Kuppeln und die rötlichen Türme der Kirchen und Kapellen. Hinter dem Halbkreis des Hafens dehnt sich der unendliche Ocean aus, auf dessen blauem Spiegel hunderte von Schiffen wie weiße Schwäne umherschwimmen. Auf der anderen Seite des Berges sieht man in einer talförmigen Vertiefung ein großes Wasserbecken, das im hellen Sonnenschein wie ein smaragdner See leuchtet; hier wird das Regenwasser sorgfältig gesammelt und mittelst Röhren in die Stadt geleitet, wo man es zum Trinkwasser verwendet.

Aus dem einförmigen Leben auf dem Schiff in die Mitte dieses schönen, erhebenden Anblickes versetzt, fühlten wir uns so erquickt und blickten wie gebannt immer und immer wieder in die weite Natur hinaus, als wollten wir alle diese Schönheiten in unsere Brust einsaugen. Da fällt aber mit einem Male der Vorhang vor unseren Augen: mit dem wiederkehrenden Nebel ändert sich die Szene, und in einem Augenblick ist von all dem Gebotenen nichts mehr zu sehen. Mit der Drahtbahn rollten wir nun wieder mit haarsträubender Schnelligkeit den steilen Abhang hinab bis zu der Station, die am Fuße des Berges liegt, dann folgten wir der freundlichen Einladung der Firma Mitsui, stiegen einen gewundenen Weg hinauf und gelangten bald in eine schöne Villa, die der Firma gehört. Von dem Umherlaufen des langen Tages und von der Hitze im unheimlichen Nebelkreise müde, lehnte ich mich an das Geländer der Veranda und schaute in den Garten hinab, der mit den prächtigen bunten Blumen, wie sie der tropischen Zone eigen sind, geschmückt war; ein wenig unterhalb befand sich ein geräumiger Tennisplatz. Hier sah ich ein paar kleine japanische Mädchen von sechs bis sieben Jahren, die sich mit Spiel und Blumenpflücken vergnügten -- liebliche Erscheinungen sondergleichen, die ich schon jahrelang vermißt zu haben glaubte. Unverwandt ruhten meine Augen auf ihnen... was für eine Gestalt schwebt dir vor und woran denkst Du?...

Bei der Tafel wurden uns einige Herren und Damen von der Firma vorgestellt und nun langten wir tüchtig zu; zu unserer großen Überraschung und Freude bekamen wir hier japanische Kost vorgesetzt. Kein Wunder, daß deshalb bei Tisch die heiterste Laune herrschte; ja, man konnte bei der gemütlichen Unterhaltung fast wähnen, daß man sich daheim im trauten Kreise der Freunde befände. Nach dem Essen spielte Herr Musiklehrer Taki Klavier; er gab manch japanisches Stück zum besten und trug dadurch wesentlich zur Erhöhung der Stimmung bei. Vom Fenster aus sahen wir tausende von Lichtern, die wie gesäete Sternlein auf dem Meere funkelten und feenhaft das Wasser beleuchteten.

Am 17. mittags wurden die Anker gelichtet. Ich stand auf dem Verdeck, sah vor mir die schöne Insel und konnte nicht umhin, an die geschichtlichen Tatsachen zurückzudenken, wie und warum die Chinesen genötigt wurden, den Engländern dieses Eiland abzutreten. Daß der chinesische Kaiser Süan die Auslieferung alles in den englischen Schiffen und Magazinen befindlichen Opiums, dieses wichtigsten und gewinnbringendsten Artikels der englischen Einfuhr, forderte, um dem Opiumhandel mit einem Mal ein Ende zu machen und daß er die ausgelieferten 20 000 Kisten im Wert von 4 Mill. Pfd. Sterling verbrannte, daß Streitigkeiten darauf erfolgten, daß England am Ende den Krieg erklärte u. s. w., ist einem jeden zu bekannt, um hier wiederholt zu werden. Zwar ist die Insel im Vergleich zu dem ungeheuer großen Reich der Mitte ein kleines Stückchen Land, aber ein harter Verlust ist und bleibt es doch für die Chinesen, zumal wenn man bedenkt, daß ihnen seit der Zeit ein Stückchen Land nach dem andern verloren ging. Wehe ihnen, wenn sie am Ende gar noch die Mandschurei einbüßen sollten! Im großen und ganzen ist aber die Abtretung Hongkongs für den Weltverkehr ein wahrer Segen gewesen, denn in den Händen der Chinesen wäre die Insel bei weitem nicht zu ihrer jetzigen Blüte gelangt. Die Menge an Kapital, Arbeit und Fleiß, die die Engländer aufgewendet haben, um die Insel zu dem zu machen, was sie heute ist, ist der höchsten Anerkennung wert. Die großartigen Quai- und Dockanlagen sind ihr Werk, ebenso die mühevolle Bepflanzung des Peak, den der Viktoria-Park schmückt.

Auch Gewerbe und Industrie verdanken ihren Aufschwung wesentlich den Engländern. Fabriken und Werkstätten der verschiedensten Art, wie z. B. Zuckerfabriken, Sägewerke, Seilereien, Ziegeleien, Zündholzfabriken, Fabriken für Maschinen- und Bootsbau, Glasereien, Färbereien u. a. m., sind meist von den Engländern angelegt oder angeregt worden. Kurz, ihnen gebührt mit Recht das Verdienst, Hongkong den Namen eines ausgezeichneten Stapelplatzes und eines vorzüglichen Freihafens gegeben zu haben.

Nach allem, was ich in Shanghai und Hongkong gesehen habe, kann ich meinen jungen Landsleuten nur den Rat erteilen: macht euch auf und besucht diese Städte! Dort erblickt ihr eine ganze fremde Welt, andere Einrichtungen, Sitten und Gebräuche! Wer die beschwerliche und kostspielige Reise nach Europa sparen will, findet in diesen beiden Städten, die nur zwei Tage Dampferfahrt von Nagasaki entfernt liegen, hinreichend Gelegenheit, um seine Kenntnisse zu erweitern. Insbesondere seien diese wichtigen Handelsplätze den jungen Japanern empfohlen, die kaufmännisch sich vervollkommnen wollen. Es ist entschieden gescheiter, die Sommerferien auf diese Weise zu einer Studienreise auszunützen, als sie im Gebirge oder in den Seebädern zu verbummeln!

Leider war mein Aufenthalt in Hongkong nicht ungetrübt. Denn als ich mich nach einem meiner ehemaligen Schüler und Freunde, Herrn Dr. Okoshi, erkundigte, erfuhr ich zu meinem großen Schmerz, daß jener kurz vor meiner Ankunft am Typhus gestorben war. Mit wehen Gefühlen betrachtete ich das Bild des teuren Toten, der vielen noch als treues und tätiges Mitglied des bekannten Vereins an der Adelsakademie, Hojinkai, in Erinnerung sein dürfte. Fern von den Seinen und der geliebten Heimat ist er in einem Alter dahingeschieden, wo er erst anfangen sollte, seine Kenntnisse und Erfahrungen recht ordentlich anzuwenden. Ich bat mir die Photographie seines Leichenzuges aus und schickte sie nach Japan an unsere Schule; dort soll sie zum bleibenden Andenken an diesen Braven aufbewahrt werden.

Noch ein anderes trauriges Ereignis war der Tod eines Passagiers auf unserm »König Albert«. Ein Engländer war mit Weib und Kind von Yokohama an unser Reisegefährte gewesen. Wie ich hörte, soll er an Lungenschwindsucht gelitten und in der guten Hoffnung, die frische Seeluft möge heilsam auf ihn wirken, seine Reise angetreten haben. Der herzzerreißende Jammer der unglücklichen Hinterbliebenen ist gar nicht zu beschreiben; alle Passagiere trauerten mit ihnen, die Schiffskapelle stellte die Musik ein. Doch war es ein Trost für die Trostlosen, daß die sterblichen Überreste des Dahingeschiedenen in Hongkong beigesetzt wurden, sonst hätte er ein nasses Grab gefunden in dem unendlichen Meer, wo weder Hügel noch Stein die Ruhestätte anzeigen.

VI.

Singapore.

Unser »König Albert« eilte nun rastlos nach Süden, so daß wir schon nach vier Tagen, den 21. April mittags 1 Uhr, die Insel Singapore erreichten. Die Einfahrt in den Hafen ist, wie bekannt, sehr reizend. Schon von weitem erblickten wir die von Palmen bedeckte Küste der Halbinsel Malaka und je weiter wir kamen, desto reicher entfaltete sich die Natur; hier und da tauchten kleine malerische Inseln auf, die Wasserstraße verengte sich immer mehr und das Schiff dampfte in den bogenförmigen Hafen ein. So schön nun dieser Hafen auch ist, er ist mit jenem von Nagasaki nicht zu vergleichen, denn dort hat die Natur mit gütigeren Händen ihre prächtigen Gaben ausgestreut. Der romantische Anblick des Strandes, die verschiedensten Arten und Gestalten der Vegetation, jene wunderbaren Figuren der Felsblöcke des Ufers und dergleichen fehlen hier gänzlich. Was uns hier auffiel, ist nur das überaus üppige Wachstum der Palmen; wohin das Auge auch schweift, sehen wir nur Palmen, nichts als Palmen, diese hochstämmigen Vertreterinnen der echttropischen Natur.

Die Insel Singapore, welche an der Südspitze der Halbinsel Malaka liegt, steht wie Hongkong unter britischer Oberhoheit. Als die Engländer sie vor etwa 80 Jahren ihrem ehemaligen Besitzer, dem malayischen Sultan, abkauften, war sie noch unkultiviert. Dichter Urwald bedeckte sie und die Bewohner waren in der Hauptsache Fischer und Seeräuber. Jetzt aber bildet ihr Hafen den Hauptstapelplatz für Borneo, Sumatra, Malaka und andere Inseln; seit der Eröffnung der japanischen und chinesischen Häfen hat er erneute, von Jahr zu Jahr steigende Bedeutung als Zwischenplatz gewonnen. Die Bevölkerung, deren Zahl sich auf 250 000 belaufen mag, ist in stetem Zuwachs begriffen; sie besteht aus Chinesen, Malayen, Javanern, Eurasiern, Tamulen und anderen Mischlingen. Die Chinesen sind schon jetzt der Kopfzahl nach am stärksten vertreten und werden es auch wohl bleiben, da immerwährend frischer Nachschub vom Mutterlande kommt.

Doch genug von diesen trockenen statistischen Angaben. Nachdem unser Dampfer am Quai festgelegt, ging ich mit meinen Freunden an Land und zwar voll der größten Erwartung, denn wir hatten erfahren, daß der Kronprinz von England auf seiner Rundreise durch die englischen Kolonieen in Singapore eingetroffen sei; ihm zu Ehren sollte eine große Illumination stattfinden, ein großer pomphafter Aufzug sollte Tags darauf folgen und Gott weiß was nicht noch alles. Jetzt wurde es mir klar, warum unser »König Albert« beim Einlaufen in den Hafen eine englische Fahne gehißt hatte, warum auf allen Masten der vor Anker liegenden Schiffe Großbritanniens Wimpel flatterten. Man kann sich denken, wie erwünscht mir dieser Zwischenfall war, gab er mir doch Gelegenheit, dies bunte Volk in seiner Begeisterung und Freude zu beobachten. Also vom Dampfer herunter und in die Stadt hinein. In die Stadt? O nein! Von der eigentlichen Stadt war noch nichts zu erblicken, die lag noch eine ziemliche Strecke landeinwärts, nur ein malayisches Dorf mit ärmlichen, im Wasser erbauten Hütten war zu sehen. Wir mußten also einen Wagen nehmen. Und nun begann die Qual für uns. Sogleich umringten uns halbnackte malayische und indische Kutscher und kreischten uns in ihrer Muttersprache an, die uns nur wie eine Sammlung von Keif- und Zischlauten klang. In ihren Bemühungen, uns ihr Gefährt aufzunötigen, wurden sie sogar aufdringlich und frech. Was sollten wir machen? Unser Bestreben war, so schnell als möglich fortzukommen. Nach langer Unterhandlung mieteten wir endlich eine Droschke, bestiegen sie und kamen bei Einbruch der Abenddämmerung in die Stadt. Wir stiegen ab, gaben dem Kutscher den verabredeten Lohn und wollten schon weiter, als dieser unverschämte Bursche lautschreiend das Vierfache des Ausbedungenen verlangte. Wieso denn? fragten wir entrüstet, und der alte Gauner, der mit einem Mal ganz gut Englisch sprechen konnte, erklärte verschmitzt, daß sich der ausgemachte Preis für eine Person, nicht aber für vier verstände. Wir wollten uns durchaus nicht schröpfen lassen und machten energisch Anstalt, uns fortzubegeben, doch da hub er ein so wüstes Geschrei an, daß im Umsehen unsere kleine Gesellschaft von drohendem Gesindel umgeben war. Da eine Hilfe nirgends zu erblicken war, so blieb uns nichts weiter übrig, als gute Miene zum bösen Spiel zu machen und zu zahlen.

Nachdem das Volk sich verlaufen hatte, verließen wir den Platz und gingen eine ins Zentrum der Stadt führende Straße hinab. Eben bogen wir um die Ecke -- und wie geblendet standen wir da! Soweit das Auge reichte -- ein Lichtmeer die ganze Stadt. Von Balkonen und Fenstern, von eigens für dieses Fest hergerichteten Schaugerüsten, von Mauern und Masten, von den Dächern sogar, kurz von überall her, wo sich nur irgendwie Lampen, Laternen und Ballons hatten anbringen lassen, glühte es uns in allen Farben entgegen. Auch die Bäume hatte man mit ganzen Sträußen farbiger Laternen geschmückt, welche wie funkelnde Sternchen im Grünen auf uns herableuchteten. Alles schwamm in Licht und es war uns zu Mute, als ob wir durch einen Zauber plötzlich in ein lichtes Feenreich, wie wir es aus den Märchen kennen, versetzt worden wären. Wirklich eine wahrhaft himmlische Illumination!

Und nun die Straße selbst, welch ein Blick nach oben und überallhin! Über sie hinweg hatte man in ihrer ganzen Länge und Breite aus roten und weißen Tüchern eine sie überwölbende Decke ausgespannt, sodaß gleichsam eine ungeheure lange farbige Festhalle gebildet war, die im Widerschein von tausenden bunter Lichter erglänzte und prangte. Zu beiden Seiten zog sich eine Menge von Schaugerüsten hin, deren Wände und Geländer man mit prächtigen Teppichen ausgelegt hatte. Lustige Stücke wurden auf den einen aufgeführt, auf anderen sahen feiertäglich geputzte Leute dem vorbeiflutenden Menschenstrome zu und dort waren allerlei Gegenstände zur Schau und zum Verkauf gestellt. Die Menschenmenge, die hier zusammenfloß, war in der Tat bunt genug. Alle Völker Asiens schienen sich hier ein Stelldichein gegeben zu haben: Chinesen, Javaner, Eurasier u. a. m. Besonders fielen mir die Tamulen und Malayen wegen ihrer farbigen Tracht in die Augen. Grelle Tücher hatten sie um ihren Leib geschlungen, trugen aber sonst kein Kleidungsstück, sodaß sie halbnackt in dem Menschengewirr dahinschritten.

Bald waren wir mitten im Gewühl, aus allen Nebenstraßen und Gäßchen strömte neuer Zufluß in die Hauptader, sodaß binnen kurzer Zeit das Gedränge geradezu lebensgefährlich wurde. Ein Zurück gab es nicht mehr; wohl oder übel mußten wir uns dem Strome überlassen. Wir kamen aber doch dabei auf unsere Kosten, da wir reichliche Gelegenheit fanden, das Volk in seinem Vergnügen und in seiner Festtagsstimmung zu beobachten. Arg genug ging es allerdings dabei her. Hüben und drüben ein ohrenzerreißender Lärm! Hier staute sich die Menge vor einer Bude, in der komische Tänze aufgeführt wurden, dort umgab sie in dichtem Knäuel ein Brettergerüst, auf dem eine bunt ausgeputzte Musikbande ihre betäubenden Klänge ertönen ließ, und an anderen Stellen geberdete sie sich derart toll, daß es uns schließlich nicht übelzunehmen war, wenn wir so schnell als möglich aus diesem Treiben herauszukommen suchten. Das gelang uns denn auch, wenn auch erst nach vieler Mühe. Aber wohin gerieten wir?! Fast möchte ich sagen: vom Regen in die Traufe. Wir bogen in eine Gasse ein und wurden nur zu bald inne, daß wir uns in anrüchiger Gegend befanden. Sperrangelweit standen Tür und Fenster der Häuser offen, und in allen Sprachen der Welt riefen aufgedonnerte und geschminkte Mädchen die Vorbeigehenden an und suchten sie zum Nähertreten zu bewegen. Leider, leider sah ich auch unter diesen elenden Geschöpfen Kinder unseres Volkes, und so angenehm uns sonst der Anblick einer Landsmännin ist, hier ward er zur wehen Qual. Ich erkundigte mich nach vielen Einzelheiten dieser häßlichen Einrichtung und stellte vor allem die Frage, woher es käme, daß Zugehörige unseres Reiches in diesen von der Heimat so fernen Stätten des Lasters zu finden seien, und erhielt darauf die bittere Antwort, daß diese Geschöpfe zum großen Teil auf dem Wege des abscheulichen Mädchenhandels in diesen Sumpf gelangten. Oft zögen sie aus dem Vaterland in gutem Glauben fort, in der Fremde bessere und zwar durchaus anständige Stellen zu erhalten. Werden sie dann eines Tages gewahr, wo sie sich befinden, so ist es gewöhnlich schon zu spät, um dem sicheren Verderben zu entgehen. Was die Nationalität anlangt, sollen hier leider unsere Landeskinder am meisten vertreten sein, wieweit das zutrifft, weiß ich nicht; ich habe aber bei oberflächlicher Betrachtung gesehen, daß so ziemlich alle mir bekannten Völker Prostitutionsmaterial stellen. Auch waren alle Altersstufen vertreten -- von 13jährigen Mädchen bis hinauf zu 50jährigen Alten.

So hatte denn leider unsere so heitere Festesstimmung einen häßlichen Nachgeschmack bekommen; wir hatten zu nichts mehr rechte Lust und strebten dem Hafen zu.

Auf dem Rückweg entdeckten wir ein japanisches Restaurant, wie man uns sagte, das einzige in Singapore. Es gehört einem Japaner, der es in Gemeinschaft mit seiner, gleichfalls aus Japan gebürtigen Frau leitet, und gut leitet, wie uns die kurze Einkehr, die wir dort hielten, aufs beste bewies. Wir tranken ein paar Flaschen Bier, unterhielten uns mit den erfreuten Wirtsleuten in unserer Muttersprache und brachen dann zu unserm Schiffe auf. An Bord angelangt, bemerkte einer von uns, daß ihm sein Portemonnaie abhanden gekommen war, unwillkürlich faßten wir alle in unsere Taschen -- und siehe da, auch ein zweiter unserer Kameraden hatte einen Verlust zu beklagen, er vermißte seine wertvolle Zigarrentasche. Offenbar waren beide Freunde im Gedränge das Opfer geschickter Taschendiebe geworden.

Am nächsten Morgen gingen wir wieder an Land, um den berühmten »Botanischen Garten« von Singapore zu besichtigen. Er liegt jenseits der Stadt und zwar in ziemlicher Entfernung von ihr. Auf dem Wege dorthin sprachen wir in der Niederlage des reichen japanischen Kaufmannes Mitsui vor, den ich bereits in meinen Reiseschilderungen über Hongkong erwähnte. Sein Vertreter, Herr N., der uns von früher her befreundet war, bot sich uns als Führer an und stellte uns seine Geschäftskutsche zur Verfügung; leider aber war sie nicht groß genug, um uns alle aufzunehmen. Wir sahen uns daher nach Mietsdroschken um, wohin wir aber auch blickten, nirgends war eine aufzutreiben, sie waren längst bei dem gesteigerten Verkehr dieser Festtage mit Beschlag belegt. Wir mußten also etwas anderes ausfindig machen und mieteten mit Mühe und Not endlich ein paar Rollstühle, setzten uns hinein, und heidi, ging es dem Botanischen Garten zu. Schon waren wir eine Strecke gefahren, da stellte sich ein neues Hindernis uns entgegen, diesmal in Gestalt von Schutzleuten, die uns verboten, weiterzufahren, denn in kürzester Zeit sollte Seine Hoheit vorbeikommen. Wir mußten uns also in das Unvermeidliche fügen, stiegen aus, und nun verlangten die Kulis, obwohl wir nur einen kleinen Teil der Strecke zurückgelegt hatten, den Betrag für die ganze Fahrt. Aus Furcht vor einer Szene, wie wir sie bereits früher erlebt, wollten wir schon zahlen, als unser mit den dortigen Verhältnissen genau vertrauter Herr N. uns zu Hilfe kam. Seinen Geldbeutel ziehend und eine Hand voll Münzen unter die Kulis werfend, war eins. Gierig stürzten die Leute darüber her, wir aber wollten uns dabei aus dem Staube machen, was uns jedoch nicht gelang, denn die Kerle kamen uns nach und erhoben von neuem ihr Geschrei. Da aber machte Herr N. kurzen Prozeß, nahm seinen Stock und teilte einige so tüchtige Hiebe aus, daß das Gesindel endlich zurückblieb. Eine Weile gingen wir nun zu Fuß und sahen uns das Treiben näher an. Auf beiden Seiten der Straße bildete das Volk dicht gedrängt Spalier, lange Schutzmannsketten standen davor, und den Damm hinunter fuhr in stetem Hin und Her die offizielle Welt: Equipagen mit Beamten in großer Uniform, Offiziere mit Orden und Bändern, festlich gekleidete Damen u. s. w. Die drückende Hitze machte das Gehen bald unerträglich, wir nahmen daher von neuem ein paar Rollstühle, erlebten aber damit nur eine zweite Auflage unseres Reinfalls. Denn bald riefen die Schutzleute wieder: >Halt! Aussteigen!< -- und das Feilschen um das Fahrgeld mit den Kulis begann wieder. So erging es uns noch ein paar Mal, bis wir uns trotz der großen Hitze entschlossen, den Botanischen Garten zu Fuß zu erreichen. Und das Ziel war noch stundenlang entfernt! Die Sonne brannte senkrecht auf unsere Scheitel, der alle Glut förmlich aufsaugende Boden blendete den Blick, der bei jedem Schritt hochaufwirbelnde aschenartige Staub vollendete die Höllenqual. Zwar standen auf beiden Seiten der Straße Palmen und andere tropische Gewächse, sie halfen aber gegen diese Backofenhitze so gut wie garnichts. In Schweiß gebadet, die Kleidung von demselben durchtränkt bei 45 Grad Celsius, kann man sich vorstellen, in welcher Verfassung wir uns befanden. Uns wollten fast die Sinne schwinden, so standen wir eine Weile still. Da mit einem Male hieß es: >Der Prinz von Wales kommt!< Und wirklich, er kam in prächtigem Aufzuge angefahren, in schöner Kutsche und umgeben von glänzendem Gefolge. Und dies Gefolge trug zumeist große Uniform. In dieser Hitze schwere, goldgestickte Uniformen! Was mögen die Armen gelitten haben, wo uns, die wir doch leicht gekleidet waren, der Schweiß wie Wasser vom Körper rann!