Tokio - Berlin: Von der japanischen zur deutschen Kaiserstadt

Part 12

Chapter 121,313 wordsPublic domain

Was dann meine Augen besonders in den Hauptstraßen Berlins entzückte, das sind die großartigen Schaufenster der Geschäfte. Die Dekoration, die Zusammenstellung und der Aufbau der Waren verraten wirklich eine große Kunst. Die Schaufenster gewähren einen äußerst einladenden Anblick, wie sie überhaupt ein großartiges Aushängeschild für das Kaufhaus selbst bedeuten. Wenn ich vor einem solchen schöndekorierten Schaufenster stand, wandelte mich stets die Versuchung an, in das Geschäft zu gehen und mir irgendwelche schöne Sachen zu kaufen. Sämtliche Gegenstände sind so bequem und gut zurechtgelegt, daß man mit einem Blick sofort übersehen kann, was in dem betreffenden Laden zu haben ist. Bei uns liegen die Verhältnisse ganz anders. Da werden die Waren der größeren Geschäfte gewöhnlich im Magazin aufbewahrt und werden erst mühsam einzeln auf Verlangen des Käufers hervorgeholt. Entschieden ist die hiesige Art und Weise unseren Geschäftsleuten sehr zu empfehlen; ich bin fest überzeugt, daß sowohl das Publikum, wie die Geschäftsinhaber bei der neuen, auf Berliner Art eingeführten Ordnung ihre Rechnung finden werden.

Der größte Teil der hiesigen offenen Läden besteht aus Restaurants, Gastwirtschaften und Destillationen, in denen kolossale Mengen geistiger Getränke, am meisten Bier, vertilgt werden. In zweiter Linie folgen die Cigarrenhandlungen, die fast jede Ecke besetzt halten. Aus dem Übergewicht dieser beiden Geschäftsbranchen läßt sich leicht der Schluß ziehen, daß der Genuß von Bier und Tabak den Deutschen dringendes Bedürfnis ist.

Angenehme Empfindungen erweckten in mir dann die vielen Blumengeschäfte: vor diesen blieb ich mit besonderer Freude regelmäßig stehen, weil sie mich so lebhaft an meine Heimat mit ihrer wunderbaren Natur erinnerten und mich ihr gleichsam näherten.

Was ich dann in jeder Straße zu Dutzenden antraf, sind die Verkaufsläden für Ansichtspostkarten. Ihr Verbrauch soll sich hier auf Millionen beziffern, sodaß sich infolgedessen ein besonderer Industriezweig ausgebildet haben soll, der sich lediglich mit der Anfertigung von Ansichtspostkarten befaßt. Anstatt einen Brief zu schreiben, kauft man hier eine solche Karte, schreibt die Adresse und sendet sie als Lebenszeichen in die Welt. Eine vortreffliche Einrichtung, von welcher ich auch manchen Gebrauch zu machen gedenke, aber nicht aus -- Schreibfaulheitsgründen!

Noch eins! Was mir in Berlin in den ersten Tagen recht imponierte, sind die vielen kunstvollen Denkmäler, Statuen, Büsten u. s. w., meist aus Marmor oder Bronze. Überall, wohin man kommt, auf den sogen. Plätzen, in den Parkanlagen, auf den Brücken u. s. w. wird man dieser schönen Verzierungen gewahr, dieser edlen, feinen Kunstprodukte, die wir zu Hause leider noch so sehr vermissen!

Soviel in Kürze! Die ersten Eindrücke, die ich oben im Vorbeigehen geschildert habe, waren für mich als Ausländer aus einer fremden Kulturwelt so überwältigend, daß ich tatsächlich in den ersten Tagen meines Hierseins nicht im stande war, alles richtig zu erfassen; erst später vermochte ich mich mit den verschiedenen Gegenständen eingehend zu beschäftigen. In meinem nur Berlin gewidmeten Buche werde ich auf die zahlreichen Einzelheiten näher eingehen und versuchen, sie der Wahrheit gemäß zu schildern.

XVIII.

Aufruf an unsere Jugend.

Indem ich nunmehr zum Schluß meiner Reisebeschreibung schreite, möchte ich als Resultat meiner Erfahrungen unserer Jugend die Mahnung dringend ans Herz legen: Möge jeder, der es mit seinen Verhältnissen irgend vereinbaren kann, Reisen ins Ausland unternehmen! Ich meine damit natürlich nicht, daß die jungen Japaner ihre Studien aufgeben und ihren Vergnügungen nachgehen sollen -- durchaus nicht! Allein unserer Jugend, der männlichen nämlich, mangelt bis jetzt noch immer der Unternehmungsgeist und frische Wagemut, hinauszugehen und fremde Länder und Leute mit ihren Sitten und Gebräuchen aus eigener Anschauung kennen zu lernen. Immer war unser Land seit alter Zeit ein abgeschlossenes Inselreich und erst seit drei Jahrzehnten hat es den Verkehr mit fremden Völkern angebahnt, aber der Riesenfortschritt, den wir in dieser kurzen Zeit gemacht haben, und die dadurch geschaffenen Verhältnisse erlauben nicht mehr, länger zu Hause zu sitzen und angenehm der Ruhe zu pflegen.

Von allem Nutzen abgesehen, den eine Studienreise auf wissenschaftlichen Gebieten gewährt, ist es für junge Geschlechter von großem Wert, wenn sich ihr Blick für alles erweitert und sie sich daran gewöhnen, Gefahren und Zufälligkeiten aller Art zu begegnen. Kommt einem nicht schon durch das Lesen einer Beschreibung aus dem Innern Afrikas oder einer Nordpolfahrt der Gedanke, den kühnen Forschern nachzuahmen und nicht tatenlos zuzuschauen? Ich will selbstverständlich damit unserer Jugend nicht das Wort zu Abenteuern reden, ihr auch nicht dazu raten, blindlings in die Ferne zu ziehen; ich möchte sie nur dringend mahnen, nicht zu Hause müßig sitzen zu bleiben, sondern auf dem großen Schauplatz der Welt ihre Kraft auf die Probe zu stellen.

In Europa ist es etwas ganz Gewöhnliches, daß selbst königliche Prinzen weite Reisen unternehmen, um einerseits den Wissenschaften zu dienen, andererseits aber ihre Erfahrungen und Kenntnisse zu bereichern. Die Europäer sind überhaupt zu Unternehmungen viel leichter geneigt als wir. Auf meiner Reise durch Europa habe ich nicht selten gefunden, daß sogar junge Damen, ihre geschnürten Bündel und Ränzel selbst tragend, allein in die weite Welt hinausreisten. Oben auf der Höhe der Jungfrau, die ich erstieg, im Reiche des ewigen Eises und Schnees versetzte mich eins noch mehr in Bewunderung als die kolossale Alpenlandschaft, nämlich, daß ich unter den Bergsteigern nicht wenig Vertreterinnen des zarten Geschlechtes erblickte. In dieser schwindelnden Höhe, wohin man nur mit Hilfe von Bergstöcken, Haken und Seilen, sowie an der Hand sicherer Führer gelangen kann, waren Frauen zugegen! Bei uns zu Hause würde dem schönen Geschlecht nie in den Sinn kommen, sich den Strapazen einer derartigen Bergtour auszusetzen. Ob Damen überhaupt derartige Anstrengungen zu empfehlen und zuträglich sind, will ich dahingestellt sein lassen. Aber jedenfalls sprechen solche Vorkommnisse für meine Behauptung, daß Europas Bewohner mehr von einem großen, vor keiner Gefahr zurückschreckenden Unternehmungsgeist beseelt sind als wir.

Darum, japanische Jugend, erwache und gehe kraftvoll und hoffnungsfreudig an die Arbeit! Die Konkurrenz im großen Völkerwettstreit leidet keine Ruhe -- und nur dem Mutigen gehört die Welt!

Druck von G. Bernstein in Berlin.

Fußnote

[1]: Gu = dumm, En = Garten.

[Hinweise zur Transkription

Offensichtliche Satzfehler wurden korrigiert, sonst der Originaltext beibehalten. Änderungen sind in der nachstehenden Liste ausgewiesen.

Änderungen

Seitenangabe originaler Text geänderter Text

Seite 4 Alles war nun erledigt, und gestrosten Mutes Alles war nun erledigt, und getrosten Mutes

Seite 12 Bänke, physikalische und chemische Apparate, Wandkarten u. s w. Bänke, physikalische und chemische Apparate, Wandkarten u. s. w.

Seite 24 mehrere Konsulate, Banken usw. mehrere Konsulate, Banken u. s. w.

Seite 42 Straßenleben hat mit seiner buntdurcheindergewürfelten Bevölkerung Straßenleben hat mit seiner buntdurcheinandergewürfelten Bevölkerung

Seite 47 gewinnbringendsten Artikels der englichen Einfuhr gewinnbringendsten Artikels der englischen Einfuhr

Seite 79 wie beipielsweise bei uns in Japan wie beispielsweise bei uns in Japan

Seite 110 Färbung erhalte nnd daß der Name daherstamme Färbung erhalte und daß der Name daher stamme

Seite 127 die Hauptstadt des ehemaligen Königsreichs beider Sicilien die Hauptstadt des ehemaligen Königreichs beider Sicilien

und die fünf bis sechsstöckigen Häuser und die fünf- bis sechsstöckigen Häuser

Seite 133 mit kleinen, gewöhnlich mit Sand gefüllen Beutelchen wirft mit kleinen, gewöhnlich mit Sand gefüllten Beutelchen wirft

Seite 137 und mußte nun von einem Deutchen erfahren und mußte nun von einem Deutschen erfahren

Seite 138 so benutzt man man dieses Süßwasser zum Nachspülen so benutzt man dieses Süßwasser zum Nachspülen

Seite 144 daß die Japaner im Körperbau kleiner sind, als die Russen daß die Japaner im Körperbau kleiner sind als die Russen,

Seite 152 und sie auch auf der ganzen Fahrt bewährt und sie auch auf der ganzen Fahrt bewahrt

Seite 157 man möchte wohl anch solch ein Vogel sein man möchte wohl auch solch ein Vogel sein

Seite 166 Rubinen, Saphieren, Topasen Rubinen, Saphiren, Topasen

Seite 179 an Kajütenpassagieren erster nnd zweiter Klasse an Kajütenpassagieren erster und zweiter Klasse

Seite 182 mein Freund und früherer Schüler Dr. Okoski mein Freund und früherer Schüler Dr. Okoshi

Seite 190 ein x scher Professor, ebenfalls ein Reisegefährte ein x'scher Professor, ebenfalls ein Reisegefährte

Seite 196 brachen wir von Genua auf und und kamen brachen wir von Genua auf und kamen

Seite 216 In gegewissem Sinne berühmt wegen ihrer In gewissem Sinne berühmt wegen ihrer]