Tokio - Berlin: Von der japanischen zur deutschen Kaiserstadt
Part 10
In Aden mußte ich erfahren, daß mein Kollege, Prof. Tachibana, welcher mich in Deutschland erwarten sollte, von einer schweren Krankheit befallen, seine Rückreise nach Japan angetreten habe. Ich wollte diesen Herrn auf seinem Posten in Deutschland ablösen und hatte geglaubt, ihn in voller Gesundheit anzutreffen. In meiner auf dem Schiffe verfaßten Reisebeschreibung hatte ich der Hoffnung Ausdruck gegeben, daß mein Kollege, wenn auch nicht ganz gesund, so doch gestärkt und gekräftigt sein Heimatland wieder erreichen und seine Lieben umarmen möge. Aber als ich in Berlin ankam, erhielt ich die tief erschütternde Nachricht, daß er unterwegs auf dem Schiffe dahingeschieden sei -- eine Kunde, die mich in große Trauer versetzte. Aus den Briefen meiner Freunde, die ich zu gleicher Zeit aus meiner Heimat erhielt, ersah ich, daß mein Kollege noch das japanische Meer erreicht und noch vor seinem letzten Atemzuge am Horizont die blauen Gipfel seines teuren Vaterlandes emportauchen gesehen hat. In stiller Wehmut soll er die Heimat mit seinen Blicken verschlungen haben, als wollte er sie tief in sein Herz versenken. Mit den Worten, daß es ihm doch noch vergönnt gewesen, die heimatlichen Berge zu schauen, soll er verschieden sein. Würde er nur noch wenige Stunden gelebt haben, so hätte er noch den Heimatboden betreten und seine Familie begrüßen können. Allein, wie der deutsche Dichter sagt: »Mit des Geschickes Mächten ist kein ew'ger Bund zu flechten,« das Unglück kommt unerwartet und »rasch tritt der Tod den Menschen an.«
Die Frau und Kinder des Heimgegangenen, die ihn an der Landungsbrücke mit Sehnsucht erwarteten, um ihn nach langer Abwesenheit in ihrer Mitte zu bewillkommnen, konnten nur noch seine leblose Hülle umarmen. Diese herzzerreißende, qualvolle Szene, welche sich entwickelte, soll unbeschreiblich gewesen sein. Mein Freund, der mich hiervon benachrichtigte, schrieb mir, daß ihn selbst der Anblick dieser Trauer so ergriffen habe, daß er mir, statt einer eingehenden Beschreibung, nur noch Tränen hätte senden können. Dieses läßt sich aber auch leicht denken! Ein trostloseres und erschütternderes Bild kann man sich schwer vorstellen. Auch ich kann nicht schildern, wie sehr mein Gemüt bei der Nachricht vom Tode meines Kollegen in Mitleidenschaft gezogen wurde. Als ich meine diesbezüglichen Aufzeichnungen in meinem Tagebuch niederschrieb, war jede Silbe eine Träne!
So hat das unerbittliche Schicksal dafür gesorgt, daß mir auf meiner Reise auch das Traurige nicht erspart geblieben ist.
Die englischen Kolonien.
Daß England die größte Seemacht ist und große Kolonien besitzt, ist allgemein bekannt. Wenn man aber eine Weltreise macht, so kann man sich davon überzeugen, daß die englischen Besitzungen tatsächlich über die ganze Erde zerstreut liegen.
Der größte Teil meiner langen Fahrt ging auch an der Küste der englischen Kolonien entlang. Die ganze Strecke, von Hongkong aus längs der indischen Küste, also Singapore, Penang, Colombo, Aden bis in das Mittelländische Meer, gehört den Engländern und so beherrschen sie den ganzen Ozean. Wie die Engländer zu allen diesen Besitzungen gekommen sind, ist zu bekannt, als daß es hier wiederholt zu werden brauchte. Ebenso braucht nicht erzählt zu werden, welch' große Reichtümer England aus all seinen Kolonien zieht.
Sehe ich aber mit meinen eigenen Augen die Völkerschaften längs der ganzen Küste, so kann ich nicht umhin, an ihren früheren Zustand zurückzudenken, an die Zeiten, in welchen diese Nationen noch ihre Freiheit und Selbständigkeit besaßen. Jetzt liegen sie da, von der gewaltigen Macht niedergedrückt und zerquetscht, so daß sie nur noch als Tributpflichtige dem Gewaltherrscher zu Füßen liegen. Nicht selten findet man jedoch unter diesen Völkern Männer, welche ihr Los beklagen und ihre Freiheit mit Wehmut zurücksehnen. Allein damit ist es wohl für immer vorbei, denn die Ketten, welche der Starke um sie geschlungen hält, sind felsenfest und können nicht mehr abgeschüttelt werden. Wenn es in der Welt so bleibt, wenn der Stärkere immer den Schwächeren niederzwingt, wenn stets nur Macht und Recht des Stärkeren Geltung finden: dann wird der Friede der Welt wohl immer gestört werden, und dem Schwachen wird nichts weiter übrig bleiben, als sein Unglück in Demut zu ertragen und dem Starken Handlangerdienste zu leisten. Wenn der Stärkere nur aus Egoismus handelt, wenn dieser der ausgesprochenste maß- und rücksichtsloseste ist, verbunden mit Brutalität und Barbarei, dann werden alle Grundsätze der Humanität mit Füßen getreten. Wie die entsetzlichen Barbareien des jüngsten südafrikanischen Krieges, der sich aus dem räuberischen Einfall des Jameson entwickelt hat, die Empörung aller Parteien der zivilisierten Länder wachgerufen haben, und bei allen, die ein Herz in der Brust fühlen und denen die Grundsätze der Gerechtigkeit und der Menschlichkeit teuer sind, gerechten Zorn entflammten, so wird auch jeder andere Übergriff immer beurteilt werden, und dem Schwächeren wird Beistand nicht fehlen.
XIV.
Genua.
Die Fahrt zwischen Neapel und Genua war sehr schön, das Meer wie gewöhnlich sehr ruhig. Auf dieser Fahrt habe ich auch die Schönheit des italienischen Himmels bewundern können mit seinem wunderbaren Blau, wie man es nur hier sieht. Am 14. Mai abends ½6 Uhr kamen wir endlich in dem von uns langersehnten Hafen von Genua an. Hier verließen die meisten Passagiere das Schiff, so daß ein beträchtliches Gedränge entstand. Noch größer ward es dadurch, daß jeder Reisende seine Koffer mit sich ans Land nehmen mußte; nachdem auch wir beinahe zwei Stunden gewartet hatten, konnten wir endlich eine Gondel bekommen, in der die ganze japanische Kolonie »König Alberts« Platz nahm, um zum europäischen Festland zu fahren und zum ersten Male den Boden Europas zu betreten. Von unseren Landsleuten blieb Herr Kato an Bord, da er die Absicht hatte, bis nach England weiter zu fahren, wo er mehrere Jahre Studien halber zu verweilen gedenkt. Uns allen ward es schwer, diesen netten Reisegefährten mutterseelenallein an Bord zu lassen; doch wir konnten nicht anders und so reichten wir uns, auf ein fröhliches Wiedersehen hoffend, die Hand zum Abschiede.
Wir wurden nun sogleich zum Zollamt geführt, wo man uns nach den zu verzollenden Sachen fragte. Wir hatten nur unser Handgepäck bei uns, denn die größeren Gepäckstücke waren an Bord geblieben, um die Reise bis Hamburg per Schiff zu machen und von dort nach Berlin weiter befördert zu werden. So wurden wir sehr schnell abgefertigt, denn auf unsere Erklärung hin, daß alles nur Reiseeffekten seien, wurde bloß ein Blick in unsere Koffer getan, und die Zollangelegenheit war somit bald erledigt. Aber nicht bei allen ging es so glatt ab. So wurden bei einem unserer Reisegefährten, der ebenfalls auf die Frage, ob er verzollbare Gegenstände bei sich führe, mit »Nein« geantwortet hatte, Zigarren entdeckt, und die Strafe folgte hier sofort -- er mußte als Zoll das Mehrfache dessen erlegen, was die Zigarren gekostet hatten. Wie groß das Gedränge und Gewühl war, das bei der Landung und bei dem Zollamte herrschte, kann man aus nachstehendem Erlebnis ersehen: ein x'scher Professor, ebenfalls ein Reisegefährte von uns, hatte mehrere Monate in Ceylon als Naturforscher geweilt. Die Resultate seines langen Aufenthaltes: photographische Aufnahmen, Sammlungen u. s. w., befanden sich in einem Koffer, den er als ein unschätzbares Gut mit sich führte. Aber in dem großen Gedränge war mit einem Male der große Koffer verschwunden. Der sonst so gemütliche Herr war wie rasend, er bot eine hohe Summe für die Wiedererlangung des verschwundenen Gepäckstücks, doch umsonst. Der Koffer ist, soviel ich weiß, auch während unseres dreitägigen Aufenthaltes in Genua nicht wieder aufgefunden worden. Den Schmerz und Jammer des Gelehrten über diesen unersetzbaren Verlust kann man sich wohl vorstellen.
Wir kehrten im Hôtel de la Ville, einem der größten Hôtels in Genua, ein. Dieses Hôtel soll früher ein Palast gewesen sein, in dem auch Vasco de Gama logiert haben soll. Die Zimmer waren alle sehr groß, sie erschienen uns sogar unheimlich groß, da wir direkt vom Schiff, aus unserer früheren engen Kajütenwohnung, in diese Räume versetzt wurden. Die Decke und Wände waren mit prächtigen Malereien geschmückt, die Säulen von Marmor, über den Betten waren Baldachine angebracht, die größer waren als die Kajüte unseres Schiffes. Der vierzigtägige Aufenthalt in der kleinen Kabine, wo man so eng wohnen mußte, wo man mit den Händen die Decke berühren konnte, war nun vorüber, und uns kam es vor wie ein gepreßter Gummiball, der sich mit einem Male ausdehnen kann, so weit er will. Beim Abendessen ließen wir uns den italienischen Chianti gut schmecken, um mit dem Gedanken, in ein paar Tagen unser Ziel, Berlin, erreichen zu können, in fröhlicher Stimmung zu Bett zu gehen. Im Schlaf wähnten wir noch immer an Bord zu sein, fortwährend glaubte das Ohr das Stampfen der Maschinen und das Plätschern der Wellen zu vernehmen.
Die Stadt Genua besitzt viele Sehenswürdigkeiten, wie das berühmte Campo Santo, den königlichen Palast, den Rigiberg, die Gallerien, Parkanlagen u. s. w., deren Besichtigung aber ziemlich viel Zeit in Anspruch nimmt. Glücklicherweise erwartete uns in Genua ein deutscher Herr, Namens Erdmannsdörffer, der Bruder unseres bereits einmal erwähnten deutschen Reisegefährten. Unter der sicheren Führung dieses Herrn, der sich schon mehrere Jahre in Italien aufhielt und mit den dortigen Verhältnissen vollkommen vertraut war, konnten wir einige der genannten Sehenswürdigkeiten mit Ruhe in Augenschein nehmen. Zuerst besuchten wir das Campo Santo. Es ist wohl der schönste Kirchhof in Europa, sowohl was seine paradiesische Anlage wie die herrlichen Grabdenkmäler betrifft. Diese reihen sich zu mehreren Hunderten in einem viereckig laufenden marmornen Säulengang aneinander und sind fast alle in graziösen Formen aus Marmor gemeißelt. Einige von ihnen gewährten zwar einen grausenerweckenden Anblick, aber im allgemeinen kann man sagen, daß sie auf uns einen ungemein beruhigenden Eindruck machten und in uns ein versöhnendes Gefühl gegenüber dem furchtbaren Tode, dem alle Menschen einmal anheim fallen müssen, wachriefen. Eine dieser Figuren hat mich bis in das innerste Mark erfaßt: am Sarge des geliebten Mannes ein junges Weib und neben ihr ein zartes Knäblein mit langem Lockenhaar. Wie sie den schönen Kopf so wehmütig hängen läßt! Wie sie mit ihrem sanften Auge so tieftraurig auf den Leichnam des Geliebten blickt! Nichts Grelles, nichts Übertriebenes ist in ihren Zügen und doch so grenzenlos der Schmerz, so sprachlos die innere Bewegung!.... Wie man in stiller Andacht zum Grabe eines Freundes tritt, so trat ich vor all diese Grabdenkmäler und mit ähnlichen Gefühlen verließ ich sie. Im Hintergrund des Kirchhofs erhebt sich ein Hügel mit der Aussicht auf das herrliche Panorama der Stadt und auf den Golf von Genua.
Vom Campo Santo fuhren wir mit der Drahtseilbahn den Rigi hinauf, um von oben die großartigste Aussicht über die Stadt Genua mit dem Hafen zu genießen. Die Fahrt bis zur Höhe des Berges dauerte ungefähr 20 Minuten. Die Lage von Genua ist nach der von Neapel, mit der sie eine auffallende Ähnlichkeit hat, gewiß eine der schönsten in Italien. Neapel hat freilich die Inseln und den Vesuv voraus, sonst dürfte Genua ihm wohl den Rang streitig machen. Ein herrliches Amphitheater von übereinanderliegenden Straßen und Berghöhen, liegt die Stadt Genua mit ihren prächtigen Gebäuden vor uns. Dazu die beiden großartigen Hafendämme, welche wie zwei riesige Arme ins Meer hinausgreifen, mit dem berühmten malerischen Leuchtturm an ihren Enden, der frei und stolz wie eine Säule emporragt. Den Hafen füllen alle nur möglichen Arten von Fahrzeugen, die ziemlich regelmäßig nebeneinander gereiht daliegen, in der Mitte eine breite Wasserstraße übrig lassend. Auch die den Hafen umschließende Verteidigungsmauer bemerkt man. Diese hängt mit der von der Landseite die Stadt umgebenden Mauer zusammen, zieht sich bis hinauf zu den Höhen, auf denen wir standen, und bildet ein mächtiges Befestigungswerk, das aber jetzt bloß als Zeuge vergangener Schanzkunst dient. Über die Stadt und den Hafen hinweg schweift das Auge auf das weite blaue Meer, auf dem hie und da weiße Segel oder schwarze Rauchwölkchen bemerkbar sind. Eine herrliche Aussicht, die in der Tat über jede Beschreibung erhaben ist!
Nach kurzem hatten wir die halbe Stadt durchwandert und bald dieses, bald jenes -- Paläste, Denkmäler, Parkanlagen, Kirchen u. s. w. -- gesehen. An Palästen ist Genua wirklich reich; sie gleichen marmornen Schmuckkästchen mit ihren prunkhaften Vorhallen und Säulenhöfen, die reich mit Bildhauerarbeit verziert sind; die Straßen oder vielmehr Gassen sind meist eng und unscheinbar. An ihren beiden Seiten reihen sich hohe Häuser von 6 bis 8 Stockwerken aneinander, welche zum Teil alt sind und keinen schönen Anblick gewähren. Infolge ihrer ungeheuren Höhe machen die Häuser die Straße dunkler, was auch nicht wenig dazu beiträgt, dem ganzen Straßenbild ein düsteres, unsauberes, unfreundliches Aussehen zu verleihen. Viele Straßen sind treppenartig gebaut und führen zu den höher liegenden Stadtteilen hinauf -- natürlich sind sie unfahrbar. Überall aber herrscht ein ungeheures Leben, ein buntes Durcheinander von Menschen, ein Gedränge, ein Wirrwarr, daß es schon eine gewisse Geschicklichkeit und Kunst erfordert, durch dasselbe seinen Weg zu finden. Die Lastträger mit einem kurzen Beinkleid von gestreiftem Segeltuch, die Matrosen mit blauen Hemden und breiten Kragen, die Verkäufer mit allerhand Waren, die sie laut ausrufen, die Frauen mit schwarzem üppigem Haar und dunklen leuchtenden Augen, ihre Schönheit durch weiße wallende Schleier noch mehr erhöhend, nebenher die schneidigen, diensteifrigen Kavaliere und hie und da die recht unschneidigen, unbeholfenen Reisenden in ihren grauen Jacken, die dieses Straßenbild ansehen und zu denen wir vielleicht auch gehörten... alle diese Gestalten bilden zusammen ein großes Menschengewühl, welches gegen Abend sogar noch größer wird.
Es hatte bereits Mitternacht geschlagen, als wir wieder nach unserm Hôtel zurückkehrten, aber die Straßen waren noch immer mit Menschen gefüllt.
XV.
Mailand.
Am 16. Mai früh 8 Uhr brachen wir von Genua auf und kamen nach einer prächtigen Fahrt von vier Stunden, auf der wir mehrere große und kleine Tunnel passierten, in Mailand an. In unserer Gesellschaft befand sich der oben erwähnte deutsche Herr, sodaß wir auch hier die Stadt unter sachkundiger Führung besichtigen konnten. Wir waren im Hôtel du Nord abgestiegen und gingen dann sogleich in die Stadt hinein. Vor allem andern sahen wir uns den berühmten Dom an, ein Meisterwerk der Baukunst, ja, das wunderbarste, das ich je gesehen habe. Die schönen Glasmalereien an den Fenstern, die Marmorschnitzereien in und außerhalb des Gebäudes, ein ganzes Heer von Bildsäulen, der prächtige Marmorboden der weiten Hallen, hunderte von schlanken Türmchen auf dem Dache u. s. w., dies Werk von Menschenhand übertrifft an Pracht, Großartigkeit und Kunst wirklich alles bisher Gesehene. Wir stiegen bis auf die höchste Spitze des Turmes und sahen zu unseren Füßen die ganze Stadt und die blühende lombardische Ebene liegen. Gar manches ist bereits über diesen Dom geschrieben worden, aber nachdem ich ihn mit meinen eigenen Augen gesehen, muß ich doch sagen, daß es keinem gelungen ist, die wahre Pracht und majestätische Größe dieses Wunderwerkes treffend zu schildern. Lassen wir hier einige kurze Skizzen namhafter Autoren folgen, die zeigen werden, was für Mühe sich mancher gegeben hat, um dieses Wunder aus Marmor zu beschreiben:
»Über den Domplatz kamen wir zum Dom; langsam stiegen wir die schmalen Stufen des Domes hinauf, um zur Höhe des Schiffes zu gelangen. Dann hatten wir noch 900 Stufen, von denen allein 150 Stufen für die Türme sind. Die Treppen winden sich in den einzelnen Seitentürmen hinauf, während die Türme durch offene Galerien miteinander verbunden sind. Auch die Türme sind nach allen Seiten durchbrochen, von jeder Treppenstufe hat man die freie Aussicht über die lombardische Ebene, welche sich, je höher man hinaufsteigt, in einem immer unvergleichlicheren Bilde aufrollt. Die großartigen Einzelheiten des Baues selbst, den die Mailänder mit Recht »das achte Wunder« der Welt nennen, kann man nur im Hinaufsteigen betrachten und bewundern. Nächst der Peterskirche in Rom und dem Dom zu Sevilla ist der Mailänder Dom die größte Kirche in Europa; an Pracht und Reichtum, in ihren äußeren Verzierungen und Statuenschmuck keine von beiden mit ihr zu vergleichen. Der Dom zu Mailand ist mit nicht weniger als 4500 Statuen an seiner Außenseite geschmückt, über dem Dach erheben sich, alle durch in den zierlichsten Arabesken gewundene Galerien mit einander verbunden, 98 gotische Spitzsäulen, jede Säule ist auf ihren einzelnen Pfeilern und auf der Spitze mit einer Statue geschmückt. Ganz oben auf der Spitze des Turmes, der eine Höhe von 335 Fuß hat, thront die kollossale vergoldete Statue der heiligen Jungfrau, der die Kirche geweiht ist. Der ganze Bau in allen seinen Einzelheiten ist von weißem Marmor und unbedingt der großartigste neugotischen Stils, welchen Italien besitzt. Endlich standen wir oben, auf der obersten Galerie, über der durchsichtigen Guglia. Gerade über uns thronte die goldene Statue, deren Fußgestalt wir mit der Hand berühren konnten. Ich blickte zuerst hinab. Ich habe schon manchen hohen Berggipfel erstiegen, denn ich kenne die Alpen in ihrer ganzen Ausdehnung durch Mitteleuropa. Auf wie viele Wälder habe ich von all diesen Höhen herabgeschaut, auf dunkle schwarze Tannenwälder, auf breite rauschende Tannenkronen, auf grüne Buchengipfel, auf breitblättrige Platanen und auf Lorbeer- und Cypressenwälder; von dieser Höhe blicke ich zum ersten Male in meinem Leben auf einen weißen Marmorwald. Hunderte von gotischen Türmen und Spitzsäulen und Tausende von Statuen erhoben rings um mich ihre schneeweißen Häupter...« (Gustav Rasch »Frei bis zur Adria.«)
»Wenn man auf dem Marmordache des Doms von Mailand, etwa 300 Fuß über der lombardischen Ebene, bei heiterem Himmel sich umschaut, welch' ein unvergeßliches Panorama öffnet sich den Blicken! Im gewaltigen Halbbogen umsäumen von Westen nach Norden und Osten die langgestreckten Ketten bedeutsamer Alpenglieder einen Garten, einem Walde gleich, aus dessen Lichtungen tausende und abertausende von Ansiedlungen herabschimmern, die dem Ganzen das Gepräge eines Parkes verleihen... Welch' ein Blick auf die Alpen, welche umfassende Alpenansicht! Schwerlich dürfte ein Punkt der Erde, selbst nicht der indischen Ebene auf die Riesenzinnen des Himalaya, einen ähnlichen umfassenden Überblick, ähnliche Schönheit der Begrenzungslinien darbieten, als dieser ungeheure Halbbogen der südlichen Alpen von diesem eigentümlich schönen Standpunkte. Trunken hängt der Blick an den Linien der Ferne, von welcher sich eine Menge lebensspendender Wasseradern gleich silbernen Fäden durch den grünen Teppich der gesegneten Aue, der Po an ihrer Spitze, hindurchschlängelt. Rings um uns aber ein Wald von Marmortürmchen mit den Tausenden ihrer Bildsäulen, und unter uns das Gewirr der von 180 000 Menschen bewohnten 4000 Häuser, über deren flache Ziegeldächer eine Menge vielgestaltiger Türme emporsteigt, mitten im Brennpunkte eines unvergleichlichen Landschaftsbildes und Völkerlebens.« (K. Müller, »Am Südabhang der rhätischen Alpen.«)
»Der ganze zauberische Bau ist wie ein Gebet, wie ein Opfer, das alle Zungen und alle Herzen der ganzen Stadt dem Allerhöchsten hier dargebracht haben: ein solch Werk der Begeisterung und der Schönheit tut wohl in der jetzt so vernüchterten Welt. Wie verklärt und veredelt es alles rund um: wie die Flammen der Abendröte auch die geringste Hütte ebenso wie die riesigen Gletscher mit ihrem Purpur bekleiden, so adelt er mit seinem Schwung und seiner Schönheit die ganze Stadt, hält sie zusammen, ist ihr König, auf den sich alles bezieht, auf den man immer wieder die Blicke zu richten sich gezwungen sieht (Fried. Pecht u. Andere)...«
Nachdem wir den Dom eingehend besichtigt hatten, sahen wir uns die Stadt mit ihrem bunten Straßenleben an. Es fand gerade eine Korsofahrt statt und so hatten wir Gelegenheit, die schönen Mailänderinnen in ihren eleganten Equipagen, gezogen von stattlichen, wohlgenährten Pferden, bewundern zu können. Alles in allem erschien uns Mailand weit gemütlicher als Genua, und man wird sich daher nicht wundern, daß wir bis spät in die Nacht hinein durch die Stadt und den Park, in welchem eine Militärkapelle durch ihre außerordentlich lebhafte Weise unsere Ohren entzückte, spazieren gingen. Daß die Italienerinnen sehr schön und graziös seien, hatten wir schon vorher gehört, hier aber konnten wir uns davon mit unseren eigenen Augen überzeugen. Besonders gefielen sie durch ihren ungezwungenen leichten Gang und ihr liebliches anmutiges Wesen, noch mehr aber durch ihre feurigen, funkelnden schwarzen Augen, die zusammen mit den schwarzen wallenden Haaren und der milchweißen Haut einen reizenden Anblick darboten. Wenn auch Salomo gesagt hat: »Lieblich und schön ist Nichts« und Claudius: »Ein Ding, das in sich keinen Wert hat, das nur kurz währet, das im Hause nicht sonderlich nützt und nicht eigentlich Liebe macht, so ein Ding ist die Schönheit, mehr ist sie nicht, und Ihr müßt mir nicht böse sein, Ihr schönen Mädchen, daß sie nicht mehr ist« -- so stimmte ich doch beim Anblick dieser schönen Gestalten mehr den Worten Schillers bei, der da sang:
»Zürne der Schönheit nicht, daß sie schön ist, daß sie verdienstlos Wie der Lilie Kelch prangt durch der Venus Geschenk; Laß sie die Göttliche sein, du schaust sie, du bist der Beglückte, Wie sie ohne Verdienst glänzt, so entzücket sie dich.«