Tirol

Part 2

Chapter 23,199 wordsPublic domain

Nördlich von der Centralkette erstreckt sich durch ganz Tirol die Kette der Kalkalpen. Sie hat ein ganz anderes landschaftliches Gesicht, als die Centralalpen. Wie die Centralalpen steigen auch die Kalkalpen von Norden her allmählich an, um nach Süden zu jäh abzubrechen. Aber das Kalkgestein ist bei der Entstehung der Gebirge in ganz anderer Weise geknickt und gebogen worden, als die Gesteine der Centralalpen. In den Kalkalpen finden wir steile weißgraue Mauern und Türme, die aus grünen Wald- und Wiesenthälern jäh und unvermittelt hervorbrechen. Wir finden da nicht selten mehrfache, parallel laufende Ketten nebeneinander; und die einzelnen Ketten sind nicht bloß durch Einsattelungen, sondern durch tiefe Thäler voneinander geschieden.

Den Anfang der nördlichen Kalkalpen Tirols macht im Westen der Rhätikon mit der 2967 ~m~ ansteigenden Scesaplana. Dann sehen wir die Kette durch den tiefen Einschnitt des Illthals unterbrochen, jenseits desselben aber wieder emporsteigen zu den sanfteren Gehängen des Bregenzer Waldes und den höheren, schroffen und zerzackten Formen der Lechthaler Alpen. In diesen erreicht die Parseierspitze die stolze Höhe von 3038 ~m~, als bedeutendste Erhebung der Nordkalkalpen. Diese werden dann von der Spalte des Fernpasses durchbrochen und setzen sich hierauf in mehreren Ketten fort, indem die bayerisch-tirolische Grenze durch die Wettersteinkette mit der 2964 ~m~ hohen Zugspitze gebildet wird, während südlicher die Mieminger Gruppe sich entlang zieht mit der hohen Griesspitze (2759 ~m~). Es folgt nun wieder eine Unterbrechung durch die kleine Hochfläche von Seefeld und den Paß der Scharnitz; dann setzen sich die Hochkalkalpen in vier zerrissenen Parallelketten fort als Karwendelgebirge, mit der Birkkarspitze (2756 ~m~) als höchster Erhebung. Das Karwendelgebirge verliert nach Osten zu bedeutend an Höhe und sinkt zur tiefen Furche des Achensees herab. Östlich von diesem baut sich die Rofangruppe noch stattlich empor (2299 ~m~); dann aber sinken Gipfel und Kammhöhen mehr und mehr in die Tiefe; und erst jenseits des Inndurchbruchs bei Kufstein entwickelt der Kalk wieder seine künstlerische Plastik im Kaisergebirge, dessen furchtbar wilde Formen bis ins Flachland hinaus imponieren, obgleich es in seinem Kulminationspunkt, der Elmauer Haltspitze, nur 2344 ~m~ erreicht. Den östlichen Eckpfeiler der Nordkalkalpen in Tirol bilden die Loferer Steinberge (2634 ~m~), als Grenze Tirols gegen Salzburg.

Ewigen Schnee tragen die Nordtiroler Kalkalpen genug in ihren höheren Runsen und Schluchten; kleine Gletscher nur im Rhätikon, in den Lechthaler Bergen und im Wettersteingebirge, wo aber der Plattachferner und Höllenthalferner auf bayerischem Gebiete liegen.

Im Nordosten von Tirol stoßen die Kalkgebirge nicht unmittelbar an die Centralalpen. Hier hat sich zwischen beide Hauptgebirgsglieder ein drittes eingeschoben: das aus Thonschiefer und älteren Kalkformationen bestehende Übergangsgebirge. Dieses Gebirge legt sich, sanft zum Innthal abgedacht, nördlich vor die Zillerthaler Alpen und vor die Tauernkette, von letzterer durch die Salzach getrennt. Einzelne seiner Gipfel steigen bis über 2500 ~m~ an. Das ganze Gebirge macht, zwischen den Eiskämmen der Centralalpen und den grotesken Zinnen der Hochkalkalpen, einen unscheinbaren Eindruck. Alle auffallenden Formen fehlen; langgestreckt ziehen sich die Bergprofile mit geringer Neigung empor, bis zu den Gipfeln hinauf mit Gras bewachsen. Nur in Höhen über 2000 ~m~ färbt das Grün sich bräunlich; der nackte Fels kommt mehr und mehr zum Vorschein. Die wertvollen Mineralschätze, die dieses Übergangsgebirge vor Zeiten in seinem Schoße barg, sind großenteils versiegt, aber seine ergiebigen Matten hat es behalten; seine Thäler und Almen sind Hauptsitze der Tiroler Viehzucht.

[Sidenote: Die südlichen Alpen.]

Die südlich von der Centralkette gelegenen, von ihr durch das obere Etschthal und das Pusterthal geschiedenen Alpen werden durch das untere Etschthal deutlich in eine westliche und eine östliche Hälfte geschieden. Die südwestlichen Alpen Tirols aber bestehen wieder aus drei Gruppen: der Ortlergruppe, der Adamellogruppe und der Brentagruppe.

Die erstere, aus Glimmerschiefer, Granit und Kalk aufgerichtet, bildet den gigantischen Grenzbau zwischen Tirol, der Schweiz und Italien. Im Ortler (Abb. 4) selbst erreicht sie die höchste Erhebung der österreichischen Alpen mit 3902 ~m~, in der Königsspitze (Abb. 5) eine solche von 3857 ~m~. Bei großer Massenerhebung zeigt die Gruppe imponierende Gletschermassen und tief eingeschnittene Thäler, während die von ihr nach Osten zu ausstrahlenden Nonsberger Alpen, aus Kalk und Porphyr bestehend, keine Vergletscherung mehr haben und zu den zugänglichsten, kulturfreundlichsten Strecken Tirols gehören.

Die einsame und entlegene Adamellogruppe (Abb. 6) stößt an die (italienischen) Bergamasker und Brescianer Alpen. Sie legt sich als mächtiges Hufeisen um den obersten Lauf der Sarca, nach Osten zu offen. Den nördlichen Arm dieses Hufeisens bildet die wilde Presanellagruppe, den südlichen, größeren, der Adamello (3548 ~m~) mit seinen Trabanten: eine große Eisfläche, auf schönem, weißem Hornblendegranit aufliegend, von Glimmerschiefer umlagert, mit wilden und kühnen Formen.

Die Brentagruppe ist eine schöne, charakteristische Erhebung zwischen der Adamellogruppe und der Etsch, im Norden vom Thal des Nonsberges (~Val di Non~), im Süden vom Sarcathale begrenzt. Aus Dolomit bestehend, zeigt sie dessen mächtig zerrissene, kühn gestaltete Felsformen in auffallender Weise, trägt aber dabei auch noch einen gewaltigen Gletschermantel zwischen ihren Zinnen und Türmen (Abb. 7). Sie zerfällt in eine nördliche und südliche Hälfte und steigt in ihrem Hauptgipfel, der Cima Tosa, bis zu 3176 ~m~ an.

Noch ist das letzte Gebiet der Tiroler Alpen zu betrachten: jene ausgedehnten, mannigfachen und merkwürdigen Bergmassen, welche sich im Südosten des Landes, vom Pusterthal im Norden, vom Etschthal im Westen begrenzt, erheben und nach Ost und Süd über die Landesgrenze nach Kärnten und Italien hinüberziehen. Im Munde der Reisenden heißt diese Gebirgsmasse schlechtweg die Dolomiten. Sie verdient diesen Namen aber nur deshalb, weil ihre merkwürdigsten, auffallendsten Berggestalten aus Dolomit bestehen. Thatsächlich finden wir die mannigfaltigsten Gesteinsarten in dieser Gebirgsmasse vertreten: schwarzen und roten Porphyr, Dolomit und Glimmerschiefer, Sandstein und Granit. Die stolzesten Erhebungen aber gehören dem Dolomit an.

[Sidenote: Südliche Landschaftsbilder.]

Da findet man höchst eigenartige Landschaftsbilder: in der Tiefe der Thäler ein reich mit Grün überkleidetes, oft wohlangebautes, wellenförmiges Gehügel, aus Porphyr oder, im Norden, aus Glimmerschiefer bestehend, und darüber, in den verwegensten Formen aufragend, scharfkantig und der Verwitterung trotzend, Türme, Zacken und Zinnenmauern, die wie aus der Erde hervorgestoßen erscheinen, wie lauter Reste von zertrümmerten Riesenburgen. Und diese seltsamen Gebilde erscheinen, je nachdem sie von Regen benetzt, von der Sonne beglänzt oder von Wolken überschattet sind, bald rosenrot oder silberweiß, bald braun wie Asphalt, rot wie glühendes Eisen, aschgrau, tief indigoblau oder goldgelb.

Den reichsten Wechsel bieten die Landschaften der westlichen Dolomiten, schon wegen des merkwürdigen Übergangs aus der Tiefe des üppig-schönen Etschthals zu den unwirtbaren Felswüsten. Hier erheben sich die wundersamen Berggestalten des Schlern (2565 ~m~, Abb. 8), des sagenreichen Rosengarten (3002 ~m~, Abb. 9), der mächtigen plateauartigen Sellagruppe (3152 ~m~, Abb. 10), der grimmig aufgetürmten Langkofelgruppe (3178 ~m~, Abb. 11) und der die ganzen südöstlichen Alpen Tirols beherrschenden Marmolata (3360 ~m~, Abb. 12). Zahlreiche, großenteils gut gangbare Joche führen zwischen diesen merkwürdigen Felsgestalten hindurch, die Thäler Gröden, Gaderthal und Fassa verbindend.

Südöstlich dieser Gruppe erheben sich die Trientiner Alpen in der Pala- oder Primörgruppe zu höchst abenteuerlichen Gipfelzacken, Felshörnern und klippigen Hochebenen (Abb. 13). In diesem Grenzwall gegen Italien steigt der furchtbare Cimon della Pala bis zu 3186 ~m~, während eine zweite Hochburg, die Pala di San Martino, 2996 ~m~ und die Cima di Vezzana 3194 ~m~ erreicht.

Gleich großartig, vielleicht wegen des auffallenderen Gegensatzes zu fruchtbaren Thaltiefen noch malerischer, wirken die Dolomiten von Ampezzo und Cadore, zwischen dem Pusterthale, dem Gader- und Abteithale, dem Thale von Cordevole, dem Rienz- und Piavethal. Auch hier finden sich eine Reihe von einzelnen charakteristischen Gebirgsmassen, die durch gangbare Joche untereinander zusammenhängen. Die namhaftesten darunter sind der Monte Cristallo (3199 ~m~, Abb. 14), Piz Popena (3143 ~m~), Croda Rossa (3148 ~m~), Tofana (3241 ~m~), Sorapiß (3229 ~m~).

Östlicher schließen sich an diese die Dolomiten von Sexten und Lienz; ebenfalls im Norden durch das Pusterthal begrenzt, bilden sie das letzte Gebiet der Südtiroler Alpen gegen Kärnten, nach Osten an Höhe bedeutend abnehmend. Ihre berühmtesten Gipfel sind die drei Zinnen (höchste 3003 ~m~, Abb. 15) und die Dreischusterspitze (3162 ~m~); nach Osten zu gehen sie in das Gebiet der Karnischen Alpen über.

Kleinere abgeschlossene Gruppen endlich legen sich noch im äußersten Süden Tirols an die vorgenannten an. So die im Westen des Gardasees gelegene Gruppe, die, vom Val Bona, vom mittleren und unteren Sarcathal umgrenzt, nach der lombardischen Ebene sich senkt. Ferner die Gruppen zwischen dem Sarcathale, dem Gardasee und dem Etschthale, wo der lang von Nord nach Süd gestreckte Monte Baldo den Grenzpfeiler gegen Italien bildet; endlich die durch das Etschthal und das Val Sugana vom übrigen Tirol abgeschnittenen Teile der Venetianischen Alpen.

Diese kleineren Gruppen sind wie Gartenterrassen oder Veranden, die aus der eisüberdachten Zauberburg der Alpen nach den Gartengefilden Italiens vorgeschoben sind.

Zwischen den einzelnen Gruppen der Tiroler Alpen findet sich kein Platz für eigentliche Ebenen. Da und dort erweitert sich wohl einmal ein Thalboden, wie das Rheinthal bei Bregenz und Feldkirch, das Innthal an einzelnen Stellen, das Etschthal bei Bozen. Aber das sind keine Ebenen; nur Weitungen, die dem Auge gestatten, nach einem Horizont zu suchen; aber sofort stößt der Blick wieder an die Mauern, die diese kleinen Höfchen der Zauberburg allerwärts umstarren.

[Sidenote: Gewässer Tirols.]

Wasserreich, wie die Alpen überhaupt, sind auch die Tiroler Berge und Thäler. Regen, Schnee und Nebel werden von der Pflanzendecke der Thalwandungen aufgesogen und ergießen sich als Quellen und Bäche thalabwärts; die ewige Schnee- und Eisbedeckung der höheren Lagen, im Winter wachsend und im Frühjahr und Sommer unter dem Einfluß der Sonne und warmer Luftströmungen wieder abschmelzend, versieht die Bäche und Flüsse mit Nahrung. Als riesiges Dach sendet das Land seine Abflüsse durch den Rhein nach der Nordsee, durch die Donau nach dem Schwarzen Meere, durch die nach Venetien geneigten Thäler in das Adriatische Meer.

Die Quellenbildung ist in den Tiroler Bergen sehr verschieden nach der Natur des Gesteins. In den hoch hinauf mit Moos bewachsenen, aus Granit, Gneis und Glimmerschiefer bestehenden Urgebirgen rieseln überall Quellen; das Gestein nimmt die Wasser nicht in seine Tiefen auf, sondern leitet sie auf seinem Rücken fort. In den Kalkalpen dagegen, deren Gestein mannigfache Hohlräume hat, sickern die an der Oberfläche aufgenommen Wasser größtenteils in diese Hohlräume ein, um erst weiter unten gegen die Thaltiefe zu aus ihrer Felsennacht hervorzubrechen.

In den Centralalpen hat jedes Thal, von dem ein Ast bis in die Gletscherregion hinausreicht, seinen Gletscherbach. Diese Gletscherbäche sind weißgraue, undurchsichtige, wildschäumende Gewässer, an deren Ufern man oft genug das Poltern unsichtbarer Felstrümmer vernimmt, die von dem tobenden Wasser fortgewälzt werden. Jedes Thal läßt die unablässig nagende Wirkung des rinnenden Wassers erkennen. Bald haben die Thalbäche sich tiefe schluchtartige Rinnen in den Fels gefressen, bald werfen sie sich, mehrfach zerteilt über Trümmerfelder herab; bald schlängeln sie sich in Windungen durch grüne Wiesengründe, die aber nichts anderes sind, als grasbewachsene Schuttflächen, die auch vor undenklichen Zeiten vom Wasser hier abgelagert wurden. Ehe die Seitenthäler in ein Hauptthal einmünden, haben sehr häufig ihre Bäche flachere Niederungen gebildet.

Die Wasser Nordtirols finden ihren Abfluß größtenteils zum Inn. Er betritt, schon als ansehnlicher Bergstrom, aus Graubünden kommend, den Boden Tirols bei Finstermünz und verläßt ihn, in nordöstlicher Richtung fließend, bei Kufstein. Seine stärksten Zuflüsse erhält er in Tirol durch die Gletscherströme, die ihm aus dem Paznaunthale, aus dem Ötzthale, dem Stubai und dem Zillerthale zugehen. Außerhalb Tirols, schon in Bayern, empfängt der Inn aber noch die Wasser der Kitzbühler Ache, die ebenfalls den Tiroler Bergen ihren Ursprung verdankt.

Neben dem Inn sind es noch, aus westlicher gelegenen Thoren, die Isar mit der Loisach, die auch einen Teil der Wasser Nordtirols nach der Donau führen, sowie der Lech; während die östlichste Abdachung, die der südlichen Tauernthäler, ihren Abfluß durch die Drau nach der Donau zu findet.

Das Vorarlberger Land sendet seine Gewässer durch die Ill und die Bregenzer Ache zum Rhein. Während jedoch die erstere die Gletscherbäche des Montafonerthales aufnimmt und sich in den Rhein wirft, ehe derselbe den Bodensee erreicht, sucht sich die mildere Bregenzer Ache ihren Weg direkt zum Bodensee.

Die Südabdachung Tirols schickt mit Ausnahme jener Gewässer, die sie durch die Drau zur Donau sendet, all’ ihre Abflüsse zum Adriatischen Meere. Und zwar teils durch den Po, der durch Chiese und Mincio die von den Adamelloalpen, von der Brentagruppe und vom Gardasee herstammenden Wasser empfängt, teils unmittelbar durch die Alpenströme Etsch, Brenta und Piave. Unter ihnen ist die Etsch entschieden am bedeutendsten. Von ihrem Ursprung aus der Malser Heide an nimmt sie die gewaltigen Gletscherbäche auf, die der West- und Südseite der Ötzthaler Alpen und dem Nordostgehäng der Ortlergruppe entstammen; durch die Passer empfängt sie abermals Zuflüsse aus den Ötzthaler und Stubaier Alpen; dann wieder aus diesen und aus der Zillerthaler Gruppe durch den wilden Eisack, der ihr auch die Wasser des Ahrnthals, des Pusterthals und die vom Nordabfall der Dolomitalpen zuführt. In ihrem Weiterlaufe nimmt sie noch den Nosbach auf mit Abflüssen der Ortler-, Presanella- und Brentagruppe; und endlich den langen Avisio, dessen oberste Quellbäche von den Eisfeldern der Marmolada sich nähren.

[Sidenote: Die Seen. Erdgeschichte Tirols.]

Im Vergleich mit den Schweizer Alpen ist Tirol arm an Seebecken. Immerhin hat das Vorarlberger Land seinen Anteil am Bodensee, Südtirol den seinen am Gardasee. Nur ein einziger größerer Hochgebirgssee, der Achensee, hat sich zwischen die Steilwände der nördlichen Kalkalpen eingebettet; kleiner, aber mit den reichsten landschaftlichen Reizen ausgestattet sind der Molvener See und die Seen von Levico in Südtirol. Dagegen enthält Tirol eine stattliche Anzahl ganz kleiner, nicht selten unmittelbar von den Eiswänden seiner Gletscher überragter Seebecken, die ihren Hochthälern eigentümlichen Zauber verleihen. So der Lüner See unter den Wänden der Scesaplana, der prächtige Plansee an der Nordgrenze, die hochromantischen Seespiegel in der Nachbarschaft des Fernpasses und auf der Malser Heide, der Gurgler Eissee, der Antholzer See, der einsame Antermojasee oder der berühmte Dürrensee, in dem der Monte Cristallo sich spiegelt (Abb. 14), wie der Fedajasee unter den Eismauern der Marmolata, der stille grüne Brennersee, und noch mancher andere.

[Sidenote: Entstehung der Alpen.]

Unausdenkbar lange Zeiträume haben ihre Schleier über die Geschichte der großartigen Erdfaltungen gebreitet, die heute in den Alpen vor unseren Augen stehen. Aber man darf vermuten, daß da, wo jetzt die stolzen Gipfel aufsteigen, einst ein niedriges, aus Granit und Gneis bestehendes Hügelland sich ausdehnte. Dieses Hügelland war wohl unermeßlich lange Zeit von einem Meere bedeckt, auf dessen Boden sich durch Ablagerung mächtige Schieferschichten bildeten. Einzelne, aus Granit und Gneis bestehende Inselgruppen mochten über dieses Meer emporragen, das in der frühesten Zeit der Erdbildung noch keine organischen Wesen enthielt. Abermals nach unbestimmbar langen Zeiten mögen durch unterirdischen oder seitlichen Druck Hebungen einzelner Teile der Landmasse hervorgegangen sein; die Wasserbedeckung veränderte sich, und es entstand wohl ein lang gestrecktes Festland, etwa der heutigen Centralkette entsprechend. Während dieser Zeiträume bedeckte sich unter dem Einflusse eines heißfeuchten Klimas der über das Meer hervorragende Teil des Alpenlands mit der üppigen Pflanzenwelt der Steinkohlenformation. Hebungen und Senkungen des Landes setzten sich fort; ebenso die Ablagerungen auf dem Meeresgrunde. Wälder wurden überflutet und sanken in die Tiefe; über sie legten sich wieder dicke Schichten kalkigen Schlammes, der in dem Meere zu Boden sank und zur Felsdecke erstarrte. Zwischendurch brachen aus entfernteren Tiefen der Erde mit ungeheurem Drucke gewaltige Porphyrgesteine empor, zertrümmerten und zerrissen die Steinkohlenschichten und bildeten mit mächtigen Trümmermassen zusammen das große Porphyrplateau nördlich von Bozen. Die Alpen waren nun durch fortwährende Hebung trockenes Land geworden, von ungeheuren Waldungen bedeckt. Aber wieder senkte sich der Boden; aufs neue brandete das Meer an die noch niedrige Centralkette. Sand- und Thonlager, Schichten von muschelhaltigem Kalke legten sich neuerdings auf den Grund dieses Meeres hin; Korallen bildeten mächtige Bänke in demselben; immer reicher erscheint die Tierwelt, deren Reste in diesen Sand- und Schlammschichten versinken mußten. Und die unterirdischen Mächte hörten noch immer nicht auf, neue Massen fremdartigen Gesteins aus den Erdtiefen in die Höhe zu drängen. Und dann mochte wohl wieder eine Zeit kommen, in der fast die ganzen Tiroler Alpen unter den Spiegel des Meeres versanken. Aber es war ein neues Meer und eine neue Tierwelt, die in ihm lebte. Und neues Land wuchs wieder am Grunde dieses Meeres und an seinen Ufern. Noch immer mag dieses Land ein niedriges Plateau mit regelmäßig aufeinander gelagerten Schichten gewesen sein, ohne tief eingeschnittene Thäler. Dann aber erfolgten mehrere stärkere Erschütterungen des Alpenlandes und Hebung desselben, in seiner ganzen Breite, über das Meer. Die im Laufe von vielen Zeiträumen, von denen einzelne wohl Millionen von Jahren gewährt haben müssen, übereinander gelegten Schichten wurden gehoben, gespalten und durch den furchtbaren Druck der aufgestiegenen Centralmassen seitlich abgedrängt. Mächtige Schichten wurden dabei gebogen, verschoben, verworfen, ja geradezu umgestülpt; was früher horizontal lag, steil aufgerichtet. Es entstanden Gewölbe, die schließlich zerbarsten und deren Schalen dann als grausige Klippen den Kern, der sie emporgedrückt hatte, umstarrten. Mannigfache Spalten, die sich gebildet hatten, wurden zu Thälern, die dann vom fließenden Wasser weiter ausgewaschen wurden.

Endlich hörten die großen Erschütterungen des Alpenbodens auf. Aber das Wasser, das Eis und die Verwitterung der hoch getürmten Felsmassen begannen nun an der Landschaft zu arbeiten. Nach der letzten Hebung des Bodens, nach der Bildung der Thäler sank die Temperatur des Alpenlandes tief; die Eiszeit brach herein. Ganz Tirol bedeckte ein ungeheures Gletschermeer, aus dem die einzelnen Gebirgszüge als nackte Felsenrisse hervorbrachen. Auf dem Rücken der meilenbreiten Gletscher wurden unermeßliche Schuttmassen thalab getragen, die Erzeugnisse der zusammenstürzenden Steilwände, welche unter dem Einflusse von Wasser und Eis barsten und brachen und den Halt verloren.

[Sidenote: Veränderung der Alpen. Klima.]

Und dann, nachdem auch dies Jahrtausende gewährt hatte, kam endlich wieder ein Zeitalter tauender Lenze; die Gletscher zogen sich langsam zurück in die höheren und höchsten Gebirgswildnisse; die von ihnen befreiten Thäler, die Schutthalden und die glatt geschliffenen Wände bedeckten sich allmählich mit einer Schicht von Erde und Pflanzengrün, und schließlich wurden die Alpen so weit wohnlich, daß aus dem lombardischen Tieflande und von der Donauhochebene her der Mensch einwandern konnte in die Thäler von Tirol.

Die Naturvorgänge aber, die während der Eiszeit begannen, setzen sich unablässig fort. Immer wieder sprengt der Frost die Felsen auseinander; ihre Trümmer stürzen zerkrachend in die Tiefe und auf die Gletscher, wo sie als lange bewegliche Steinwälle weiter abwärts getragen werden. Immer wieder spülen die Regengüsse losen Schutt nach den Thälern; immerfort wälzen die Gletscherbäche polternde Blöcke mit sich. So wird das Land Tirol unmerklich, langsam hinausgespült aus sich selber, in die Adria und in das Schwarze Meer.

~III.~

Klima, Pflanzen- und Tierwelt.

[Sidenote: Klimatische Verschiedenheiten in Tirol.]

Tirol hat eine große lachende Sonnenseite: die Abdachung der Centralkette nach Süden. Und dieser entgegengesetzt das schattigere winterliche Nordgehäng gegen das Innthal und weiterhin gegen die bayerische Hochebene. Wie eine Riesenmauer trennen die Alpen das rauhere Klima Deutschlands von dem milderen Himmel Italiens. Schneestürme sausen um die Scharnitz, während man im Bozener Thalkessel unter blauem Sommerhimmel die Traube einheimst.

Und wie das ganze Land an seiner nördlichen und südlichen Abdachung die größten Gegensätze aufweist, so auch die einzelnen Thäler. Jedes in ostwestlicher Richtung verlaufende Thal hat seine nach Süden gekehrte sonnseitige Thalwand und seine Schattenseite. Den Bewohnern der Sonnenseite kommt der Frühling um Wochen früher, ihr Jahr ist wärmer und ihr Herbst weicht später dem Winter, als denen, die an der Schattenwand hausen. Und auch die von Süd nach Nord verlaufenden Thäler haben doch wieder ihre Biegungen, ihre Seitenschluchten und Mulden, wo nach Süden gewandte Gehänge kleine sonnseitige Winkel bilden. Man begreift, daß sich die menschliche Ansiedelung mit aller Macht nach der Sonnenseite gezogen hat. Wo freilich, wie im unteren Innthale, die nach Süden gewandten Thalwände ganz steile Felsenmauern sind, während die entgegengesetzten Gehänge sanft ansteigen: da mußte man eine Ausnahme von dieser Regel machen.