Part 8
Er ließ dem Emir den Kopf abschlagen. Er sandte ihn Miser Ulek. Sie ließ ihn am Eingang des Paradieses auf eine Säule hängen.
Timur ließ, zurückgekehrt, die Chinesin in sein Zelt tragen: »Was sagtest du Schlechtes? Es gelang.«
Sie lächelte: »Das Blut steht dir überm Mund. Du darfst nicht weiter.«
Aber sein Kopf barst vor Plänen:
»Gelbe Mücke, was hält mich auf?« Und er schlug mit der Hand in die Luft.
Aber unerschüttert im Lächeln sagte sie: »Ich.«
Er nahm ein Schwert, sie zu zerhauen, aber er ließ es und schickte sie weg. Er ging zur Fontäne, umkreiste sie und ließ die Chinesin wieder holen:
»Ich war stärker als deine Voraussage,« er hob die Stimme, doch sie blieb dumpf.
»Ja,« sagte sie, »du hast mein Gesicht überschritten, aber ein Pfeil steht auf deine Stirn gezückt. Hier ist das Ende.«
»Wann?« schrie Timur und lachte wie ein Pferd.
Ihr Gesicht verfiel. Dann in einem Stoß sich aufwerfend wie aus Kratern, zischte sie: »_. . . am siebenten Tag im Monat Ramadhan._« -- Dann sank sie auf den Boden, ausgelöscht von Ohnmacht.
Dies war über ein Jahr.
Beim Tisch der Feldherren legte Timur plötzlich die Regierung auf das Haupt Yakous, ihn zu vertreten. Sie schwiegen und fragten nicht.
Die Nacht sprach er mit Guines.
Sein Hirn war voll dumpfem Triumph, schon eh er aufbrach. Er lachte die ganze Nacht. Guines zitterte. In der letzten Stunde sagte Timur: »Glaubst du an mich?« Er schlug auf den Tisch, ganz sachte, aber er schlug Guines in die Knie. »Ja,« stöhnte er. Timur lächelte.
Am Morgen verließ ein riesiger Tatar Timurs Zelt. Er ritt, als säßen Geister in seinen Schenkeln. Das Pferd warf die Kruppe in die Luft, ausschlagend. Der Kopf hing zwischen den Vorderbeinen. Manchmal drehten sie sich im Kreise. Die Hufe gingen durch Tage und Nächte in gleichem Aufschlag über der Steppe, der Reiter zählte den Aufschlag, so ritten sie.
An einem See machten sie Halt. Der Reiter zog Hose und Rock aus, die steif waren vor Schweiß, warf sie in die Sonne und stürzte in das Wasser. Der Gaul soff keuchend mit den roten Nüstern. Hier blieb der Reiter Wochen, sah in den Himmel, lachte, brüllte, schwieg, übte sich im Scheibenwerfen und Jagen und zwang einen Vorüberreitenden, mit ihm Ball zu spielen bis in die Dunkelheit.
Dann besprang er das Pferd und ritt weiter. Weißer Schaum flockte aus den mahlenden Kiefern des Tieres.
Langsam teilte sich die Gegend vor ihm auf. Er kam in Wälder von Aprikosen und Pistazien. Ein Hase kreuzte seinen Pfad, er schoß ihn. Speisend traf er Menschen, die keine Waffen trugen. Ihre Jurte war von Feigen gegen die Sonne beschattet. Sie arbeiteten mit Geräten in Gärten und Hainen. Ihre Frauen waren spitzbrüstig und weich. Es gab keinen Speer, keinen Bogen.
Er lebte unter ihnen, den Frieden aufnehmend, der alle trug. In einer Nacht kroch die Frau eines Führers in seine Matte und warf sich auf ihn. Die Nacht noch löste sich der Vorhang. Die blonden Augen eines Mannes stierten glänzend in die Dunkelheit. Seine Hand, vorschnellend, griff in des Tataren Gurgel. Der riß einen Ziegel vom Herd und schlug ihn ihm in den Rücken, daß er die Hände in die Luft krallte und verzuckte.
Der Tatar ließ die Gegend, besprang sein Pferd und trabte weiter, auf seinem Sattel lebte acht Sonnenaufgänge und Mondsicheln lang die spitzbrüstige Frau, bis er sie einer anderen Jurte ließ.
In der Nähe der Stadt Tahauzeguh stieg er ab, zog aus der Tasche des zerrissenen Kleides Pelzwerk und goldene Münzen und ritt geschmückt in die Stadt. Auf den Straßen erhob sich Aufsehen über ihn, die Chinesen lachten, lachten über die Hosen, aus denen Schweiß rann und die Kette an seinen Ohren aus Smaragden.
Waffenlos zog er in eine Karawanserei, zog sich aus und legte sich schlafen. In der Nacht entriß ihm einer den Schmuck. Er stand auf unter drohenden Gesichtern, griff den Knopf einer Tür, lief dem Dieb, im Hemd gekleidet, nach, erschlug ihn auf der Straße, kehrte zurück und legte sich nieder. Das Murren einer Menagerie empfing ihn. Er schlief ein. Aufwachend, fehlte ihm nichts, aber er war allein.
Der Tatar überkletterte ein Gebirge, trabte durch eine Steppe und kam an den Rand der Wüste Ergimul. Auf einem Felsen wohnten zitternde Mongolen, die am Tag Bilsenkraut pflückten, in Angst vor Löwen und Panthern ersterbend, deren Gebrüll nachts in tobenden Wellen über die Gegend jagte.
Sie hatten kupferne Kessel und brannten das Kraut darin, bis es sott. Den Schaum zogen sie ab und handelten ihn weiter, es war ein Opiat, das zwei Tage berauschte.
Der Tatar soff kreischend einen ganzen Abend davon, besprang das Pferd, trabte in die Wüste und legte sich in die Blumen einer Oase. Tagelang schlafend überstürzten ihn Träume von Schlachten und Weibern. Fiebernd schrie er, daß sein Gebrüll das der Tiere überschäumte. Ströme schlugen aus seinem berauschten Leib, der die Tiere verjagte. Löwen prallten zurück und Panther winselten vor Wut.
Erwacht, durcheilte er die große Ebene bis zu einem rötlichen Gebirg. In der Mitte hob sich ein Pyramidenberg mit einer Seite voll aufsteigender Treppen, wie eine Leiter steil und glänzend von Rot. Die Menschen der Dörfer wiesen ihm Pfade, die um das Gebirge führten und sagten ihm, daß bei den Stufen ein Wind herunterfalle, der ihn, aufnehmend, in einen Fluß werfe und zerschlage.
Er stieg die Treppen und fiel nicht.
Oben, wo der Wirbel weißlich tanzte, trat er bis um einen Nagel breit an den Abgrund und hob den Kopf steil. Der Wirbel teilte sich vor ihm. Immer stand er in der Mitte des Trichters, der die Luft in Strudeln um ihn herumriß, daß die Ebene vor seinen Augen hinglitt wie unter fließendem Wasser.
Zurücktretend stieg er ab und ritt nach Persien zu. Im Durchreiten einer kleinen Stadt sah er eine Chinesin auf einem Kamel den Platz queren. Die Blicke begegneten sich, ein Wort warf ihr Tier in das Knie, sie lief zu ihm und riß die Arme um den Hals seines trabenden Pferdes, daß es hielte, und schleifte ein Stück.
»Was willst du?«
»Dich.«
»Woher kommst du?«
»Ich suche dich.«
Sie blieben hier.
Aus den Fenstern der gartenreichen Stadt hingen Seiden. Über die Ebene wellte sich blonder Weizen. Trauben überspannten die Pavillons.
»Es ist gut, so zu leben,« sagte nach Tagen die Chinesin.
Durch den blauen Abend flogen Rufe der Minarette, die sich in den Himmel, weiße Flammen, spannten.
Der Tatar lachte: »Auf kurze Ruhe.«
Ihr Garten schwebte voll Geruch. Vögel tanzten durch die Pfützen im Kies nach blitzendem Regen.
Als er das Pferd musterte einmal im Stall, sagte sie, zwischen den Pistazien des Gartens stehend: »Du darfst nicht weiter,« und schloß zum erstenmal wieder die Augen.
Da griff er aus dem Gebüsch eine grüne Schlange, hielt sie an die Zunge, die ihr Zahn sofort durchstieß. »Wo ist das Stärkere? Ich suche es die ganze Zeit.«
Die Zunge schwoll, gebläht von rotem Schleim. Sie wurde dicker und füllte am Ende den Mund an, daß kein Ton aus der Gurgel mehr gelang. Wie sein Kopf begann, bläulich unter dem Gift anzulaufen, zuckte er die Achseln und stemmte sie zurück.
Seine Augen stiegen aus den Höhlen, es schien einen Augenblick, als sauge er die sichtbare Landschaft ein. Dann warf sich ein Schuß Blut in seinen Kopf, und abgetötet lief die Schwellung ab.
In der Nacht weinte die Chinesin und sprach lange auf ihn ein, während der Duft der Gärten sich über die blaue Dunkelheit erhob. Doch er hörte nicht auf sie und ging in den Pavillon, legte sich auf das rechte Ohr und verfiel dem Schlaf.
Auf der Veranda dann zog sich ein Geräusch durch die Klettertrauben. Der Kopf einer Frau leuchtete in das Gemach. Auf Vieren lief sie wie ein Wiesel durch den Raum, richtete sich auf dem Bett hoch, ballte sich in einer Kugel zusammen und schlug weinend ein Messer in die Brust des Tataren.
Der aber, an dessen Rippe das Eisen sich bog, ergriff sie, streifte das helle Kleid über ihre festen gelben Brüste, auf denen die lakierten schwarzen Warzen saßen, und zog sie in seine Umarmung.
»Ich liebe dich,« stammelte die Chinesin ersterbend: »Ich liebe dich zu sehr.«
Die Hufschläge des Davonreitenden rissen sie morgens wirren Auges aus dem Schlaf, sie streckte die Arme aus. Dann bestieg sie das Kamel und folgte, den Kopf wie ein Luchs zur Erde geneigt, seinen Spuren.
Der Tatar ritt durch die unendlichen Gärten der Birnen und Granatäpfel, durch die Dörfer und die Städte. Eine Dunstwolke umhüllte ihn, sein Pferd rannte, Fett der Ruhe zwischen den Rippen. Sein Anzug lag in Fetzen. Wildes Haar verfilzt hing ihm um das wüste Gesicht.
Am Abhang eines Bergstocks hing auf übergeneigtem Gestein eine Stadt. Zwei Wachen traten ihm entgegen. Als sie sein Aussehen sahen, ließen sie ihn ein. Es war eine Burg noch der Sassaniden, er erkannte es aus der Lagerung der Mauern. Die ganze Stadt stak voll Straßenräubern. Der Tatar trank mit ihnen und schlug den ersten Tag, streitend, zwei nieder. Er bekam Macht.
Ausrückend bald trafen sie eine tatarische Karawane, die nach Mekka zog. Sie plünderten sie aus. Der Tatar ließ den Führern die Augen ausstechen und sandte sie zurück zu Timur, sie sollten ihm den Weg zeigen zurück, wo sie geblendet worden seien.
Sie kamen wieder, Yakou wütend bei ihnen mit einem Heer. Die Räuber warfen sich in die Stadt, gegen die die Tataren anliefen. Der große Tatar unter ihnen nahm die Verteidigung in die Hand.
In manchem Ausfall machten sie Gefangene. Sie schlachteten sie auf den Mauern, bauten große Bogen, pfählten die Köpfe und pfeilten sie den Tataren hinunter in ihr Lager.
Yakou stellte Schleudern auf. Aber der Tatar errichtete die gleichen und schoß im selben Abzug wie Yakou, daß die Granitblöcke sich knirschend in der Luft trafen und zermalmten.
Yakou ließ säumige Soldaten hinrichten und trieb Maschinen in die Felswand, die Stadt zu unterhöhlen. Bei einer Besichtigung, die Yakou machte, warfen die Verteidiger in der Stadt ein Hebelwerk auf. Ein Strom schoß rauschend aus dem Felsen und spülte Yakou und seine Leute in ein Bassin, aus dem sie mitten in der Stadt gefischt wurden mit Netzen.
Ein Geschwaderführer wurde vor Yakou hinaufgebracht in einen Raum, in dem aus einem zugehängten Kabinett eine Stimme ihn anrief. Der Offizier warf sich nieder und erflehte sein Leben. Ein Wink kam aus dem Teppich, er wurde hinausgeschafft an den Beinen wie ein Schwein.
Yakou trat vor. Er schnitt eine Fratze und sah sich um.
Die Stimme hinter dem Vorhang rief:
»Hat je ein Hund sich erfrecht, ohne Gruß . . .«
»Bin ich ein Hund, bin ich nicht deiner.«
»Ein Gefangener.«
»Sei nicht stolz auf den Sieg. Timur hat dreihunderttausend solcher. Ich bin nur einer.«
»Prahle nicht.«
»Du bist ein Tatar. Verräterei machte dich groß. Ich war treu.«
»Ich hau dich entzwei.«
»Mach es kurz,« sagte Yakou stolz und riß die Brust auf.
Der Vorhang schwankte unter einer dürren Hand, die hakend zog sekundenlang. Dann fiel er.
Wie ein Wolf fletschte Timur lachend Yakou in das Gesicht.
Yakou fiel in die Knie: »Du hast Axalla gedemütigt. Nun demütigst du mich.«
Timur führte ihn hinaus. Sie öffneten die Tore, damit die Tataren eindrängen und das persische Gesindel erschlügen, denn was lag ihm nun daran. Timur saß zu Pferd. Als die ersten Scharen eintrabten, sagte er, umschwenkend, zu Yakou: »Hättet ihr die Stadt genommen, glaubst du, ihr hättet mich erreicht?«
Aber noch ehe Yakous Antwort erscholl, warf er, das Pferd steil aufschießen lassend, es über die Mauer in den Fluß, durchschwamm ihn und kam an das Ufer. Yakou eilte ihm nach über die obere Brücke und schrie nach den Seiten das Geschrei, das sei der Chan.
Timur eilte durch Sumpf und Bäume, trabte, ereilte Geschwader, die erstarrten, ritt durch sie, stinkend von Fett und Schweiß und zerrissen die Kleider.
Vor den Zelten stand Miser Ulek aufgerichtet. Die Tataren warfen die runden Säbel blitzend in die Luft. Mit einem Kamel trabte vom Fluß herauf eine Frau, sie kam näher, es war die Chinesin, während Timur durch die Wellen jubelnden Geheuls wogte.
Timur hielt sein Pferd.
Da sah er auf der Mauer der Stadt jemand einen Bogen spannen und richtete sich groß auf.
Er stand hoch. Wie gegossen. Kein Haar bewegte sich.
Lang sah er im Schweigen auf den Zielenden, dessen Hand die Sehne immer gewaltiger anzog.
_Es war der siebente Tag des Monats Ramadhan._
Die Zeit war um.
Der Pfeil kam, riß einen zischenden Ton durch die Luft und flog in Timurs Stirn und fiel von ihr nieder.
Timur saß starr. Dann wölbten sich seine Augen zurück in die Höhlen.
Miser Ulek stürzte vor und warf sich gegen ihn, schreiend und seine Schenkel umklammernd. Timur stand ruhig, schob mit einer träumerischen Bewegung die Haare aus der Stirn, es war kein Mal darin, sein Gesicht wuchs wie ein Fels.
Als das Kamel der Chinesin langsam an ihn herantrat, sagte er, auf den Pfeil deutend, leis:
»Gebt ihn ihr.«
Sie hielt ihn wenige Sekunden in erstarrten Händen, warf plötzlich die Hände, ihn anstierend, abschattend vor die Augen, öffnete den Mund und fiel bleich um, ohne Ton.
. . . Timur trabte auf Samarkand.
Den feigen Offizier führte er in einer Kiste mit sich, zu gering, ihn zu töten, ließ er ihm den Bart scheren, ihn mit Bleiweiß und Mennig überstreichen und barfuß, eine Weiberhaube am Kopf, durch die Stadt gehen. Am gleichen Tage, wo er die Chinesin zu seiner sechsten großen Frau mit der bepfauten Tiara erhob, gab er Yakou eine Tochter und endete Zeinabdeddins verbannende Mission.
Kein Maß hielt mehr, keine Prüfung, den schleudernden Herausbruch seiner Pläne.
Filzzelte rauchten über den Ebenen. Tataren kämmten vom halbmondig geschorenen Kopf die Haare lang nach dem Nacken und ölten die Brust Der Himmel glühte in riesigen Bogen vor ihnen her. Der Donner der geschlagenen Steppe rollte vor den Hufen der Geschwader. Dann jagten sie an.
Sie schossen Flitschpfeile, und die Dörfer qualmten auf. Sie rollten durch die Reisfelder. Auf Nachbarbergen standen Lärchenbäume. In dunkle Ballen geduckt, zogen sie in schwindelnden Höhen durch den blauen Himmel über eine Brücke nach Almaligh. In der Stadt fließender Brunnen, um die Türken und Chinesen wohnten, hielten sie Feste, fraßen rohes Pferdefleisch mit blänkernden Zähnen, tranken mit Gekrisch Kumis die runden Nächte. Sie raubten die türkischen Harems aus und beförderten einen Abkömmling des Propheten durch Keulenschläge zum Martyrium.
Die Steppe flimmerte unter dem Reiten. Sie bekam metallene Ränder, die sich erhitzten. Der Boden glühte gläsern. Ihnen schmerzten die Augen, doch sie ritten.
Von einem Baum fiel nachmittags ein Affe und biß Timur in die Achsel. Er gab nicht Acht auf das Geschwür, das eiternd anwuchs. Die Chinesin gab ihm Salben darauf, aber es riß neues Fleisch in sich hinein. Timur ließ zwei Menschen täglich schlachten, deren Hirn die Wunde fraß und, satt, nach Monaten sich schloß.
Stumm, ohne Rede, sah ihn die Chinesin an, die sein Pfühl öfter bewohnte als die anderen Frauen. Seine Stirn war blank.
Eine Gesandtschaft des Sultans Bajazeth brachte zwei weiße Papageien. Miser Ulek teilte sein Zelt, als sie eintraten. Sie richtete sich auf, groß, geschmückt und gemalt um die Augen, nahm den Kniefall der Gesandten und bat Timur um die Tiere. Er sagte ihr, daß er sich freue, ihr zu Willen zu sein. Sie wandte sich an die Turbanträger und sagte ihnen: daß, wenn sie sich auch tagelang an den Tieren ergötze, sie diese dennoch nur lehren werde zu sagen, daß das Staubkorn solchen Geschenks Timur keinen Augenaufschlag durch aufhalten werde, ihren Sultan niederzuschlagen.
»Du bist stolz,« sagte einer der Turkmanen.
Timur sagte: »Es ist nicht nötig, stolz zu sein, um so kleine Dinge zu sagen.«
Die Gesandten gingen, geschüttelt vor Zorn und Feigheit.
Die Tataren warfen Katapulte in ein Schloß, das das Meer umspülte, erritten die Mauer, von den Sätteln aus hochspringend, und wurden heruntergestürzt. Schielend vor Wut setzten sie sich in Klumpen um die Stadt. Ein Unterhändler ritt aus den Mauern, aber beim Verhandeln mit vorgegangenen Feldherren machten die Belagerten einen Ausfall und hieben ein Geschwader Tataren zusammen. Die Tataren brausten in Bogen um die Stadt, fingen den Einwohnern selbst die letzten Mäuse und Ratten, bis diese begannen, ihre Toten zu speisen,
Ihr Feldherr kam morgens, abgezehrt, allein heraus, sich zu unterwerfen, deutlich den Degen und das Schweißtuch in der Hand. Er stand vor Timur:
»Du hast gesiegt. Ich muß fliehen. Wohin? Zu dir.«
»Ich weiß es zu belohnen,« sagte Timur und überantwortete ihn dem Wind des Untergangs. Gierig die Hände, zu rächen, lauerten die Tataren seines Winks, dann schossen sie in die Stadt. Timurs Sohn Keser ergriff Hauptleute und brach ihnen die Rücken wie Pfeile durch. Zeinabdeddin erhielt eine Lanze in den Mund. Einen Pfeil noch in der Hüfte kam er zu Timur, deutete mit der Hand, daß er nicht reden könne, legte den Kopf auf seine Füße und eilte lächelnd aus seiner Jugend hinaus in die Gruft.
Die Tataren rissen die Türen aus, zwischen den Fenstern blitzten ihre gesalbten Brüste. Spielend flogen die blanken Messer. Timur befahl siebzigtausend Köpfe. Ihre Arme erlahmten, die Zungen fuhren erregt durch den Mund. Sie kauften gierig, hundemüde, Köpfe voneinander.
Timur ließ sie vorbeitraben, sie hielten Köpfe in der Hand. Die Chinesin stand neben ihm unter goldenem Zeltdach. Sie stieß die Hände in die Brust.
Keser führte des toten Zeinabdeddins Geschwader. Seine Brust war gewölbt und sein Bauch eingezogen, daß, lag er, Hunde mit gerecktem Schweif durch die Höhlung laufen konnten. Zwei geraubte Frauen lagen auf seinem Sattel.
Reitend kamen sie zum Paß Conghez, den drei Reiter verteidigten, einen Wall Tataren vor sich niederlegend. Als Timur selbst vorsprengte, kam der größte der drei auf ihn zu und schlug ihm zweimal feurig über den Helm, daß er erstaunt stand wie eine Säule. Über die Felsen herunterkletternd schlug ihm Keser den abgehauenen Kopf des Riesen vor die Füße.
Unter ihnen dehnte sich eine Landschaft, glatt und ohne Welle, mit Fruchtbäumen, Quellen und vielen Lusthäusern geschmückt.
In diesen Gegenden rastend und den Genuß der strahlenden Sonne nehmend, noch den Frost wirbelnden Schneesturms der Gebirge in den Knochen, kam eines Mittags, wo Timur ein Lustzelt aufbauen ließ zwischen Tulpen in einer Wiese, aus einem Hain eine Ziege, größer wie ein Pferd, ein Horn auf der Stirn und voll langer grüner Haare, die die Erde überstreiften. Die Chinesin, die neben ihm stand, duckte sich schreiend nieder.
Das Tier kam einen langsamen Gang auf sie zu, die Augen und das Horn gegen Timurs Brust gewendet, aber gerade vor ihm verlor es die Richtung seines Ganges. Es bewegte die Nase gegen die Höhe und zog einen Bogen weiter. Je mehr es sich entfernte, um so stärker glänzte sein Fell, bis es, eine weiße Wolke, in den Hain zurückschlug.
Die Chinesin hieb mit allen Gliedern um sich und klopfte die Stirn auf den Boden vor Verzweiflung, die sich endlich sprengte. Sie schrie: ». . . genug, genug . . .« und faßte sich nicht. Er fragte sie, warum sie es wolle und sie sagte, weil sie ihn liebe, er aber lächelte mit einer Falte über sie hin. Hinter ihnen standen Negerinnen und Miser Ulek. Steif das Gesicht wie ein Segel flüsterte sie: »Preis für feige Offiziere, heulende Maus«. Aber Timur schüttelte die filzigen Haare um den Kopf, daß sie schwieg.
Er ließ Guines holen in das Zelt und eine Windrose asiatischer Erde malen. Zu zwei Dritteln füllte er sie mit roter Farbe. Auf den Rest deutete er, seine Augen beherrschten opalig breit das Zelt, er sagte:
»Dies ist in meine Hand gegeben, soll ich das andere lassen?«
Ihre Lippen formten »zu viel«, aber ihr Atem gab dem kein Leben, denn seine ungeheure Stirn erblickend, stürzte vor ihren Augen auch das letzte Zeichen, und, erblassend, fiel sie vor ihn und versprach, ihre Liebe zurückzuwerfen über ihre Angst und die Stimme zu töten, die aus ihr sprach.
Sie schwieg.
Schwieg Monate. Ihre feuchten porzellanenen Blicke leuchteten blau wie der Mond.
In einer Nacht wieherten Pferde hell und wild. Es war eine weiße Nacht.
Ein Bote wurde in das Zelt geführt.
Der Feldherr des Sultans Bajazeth beugte sich ein wenig vor Timur und kündete ihm die Schlacht. Seine Stimme war hart und edel. Timur schenkte ihm ein Pferd.
Er bat, es am nächsten Tage gegen ihn reiten zu dürfen. Timur nickte.
»Ich werde das Geschenk in Ehren halten,« sagte der Feldherr.
Timur hielt eine Pause den Atem. Dann sagte er barsch:
»Ich lösche es morgen wieder aus.«
Am anderen Abend bestieg Timur sein Lager über den gebückten Rücken des Sultan. Aus den erschlagenen Köpfen baute er Türme. Sie stiegen gieriger als die Minarette Samarkands in den Himmel. Tataren wälzten sich fliegend über Konstantinopel. Sie ließen die Glocken spielen und lagerten über den Gärten am Meer.
Die Tataren waren behängt wie Weiber mit Turbanen voll Steinen. Ihre Ausdünstungen überroch Ambra. Aus Moscheedecken schnitten sie Satteldecken. Goldne Ketten flochten sie um ihr Haar und die Gebisse der Gäule.
Timur befahl den Zug nach Ägypten. Dem Heer voranreitend traf er auf dem Marsch nachts in Tauriz ein, das ein Sohn von ihm residierte. Sie trabten vor das Haus, das er bewohnte. Die Gärten waren erleuchtet, Gesindel und Musikanten trieben sich in den Scheinen der Laternen durch die Gebüsche.
Sie ließen die Pferde fressen im Hof und stiegen hinauf. In dem großen Saal lag er auf einem Haufen Teppiche. Die Fenster standen geöffnet gegen die hinteren Gärten, die veilchenblau in der hellen Dämmerung sich hoben.
Zerbrochen waren die Weinkrüge, der Wein ausgegossen, die Schöne in seinem Arm zerwühlt, die Halsschleife zerknüllt. Aus der Ecke tönte schwach die Halbtrommel. Aus dem Mund der Flöte einen Augenblick aufgähnend, die Haare verwirrt wie die Frauen, die das Gesicht nachts schmollend gegen die Wand kehren, sah er auf nach der Seite, ohne Timur zu sehen. Auf den Teppichen lagen Schlafende überall, auf einem Ast, sichtbar, vor dem Fenster, sang eine Nachtigall ein Gasel, trotzdem erwachten sie nicht.
Timur ließ seinem Sohn, hinaustretend, Zeit bis zur Nüchternheit. In den sternüberflogenen Garten schlug er ein Zelt. Er hatte keine Zeit zum Verweilen, am Morgen, eh er ritt, ließ er ihn vor sich kommen.
»Ich habe eine halbe Stunde für dich,« sagte er. »Was hast du getan in der Zeit, die ich dir die Provinz gab, welche Sherife hast du geschlagen, welche Provinzen erobert? Hast du Vesten unter dich gelegt, Städte gesprengt . . . Hast du Künstler gefangen und Bauten gemacht . . . Welche Heere hast du geordnet, Aufstände gedämpft? Eile dich im Reden, meine Zeit für dich ist knapp, sie soll gerecht sein.«
Der Sohn schlug die Augen nieder.
»Nichts,« sagte Timur. »Du hast geschwelgt, getrunken. Du bist weich gelegen. Hast keine Feldherren. Die Provinz ist nicht bewacht, keine Grenze erweitert. Du hast keine Jagden abgehalten. Kränze auf deinen Kopf gesetzt wie ein Grieche.«
Der Jüngling hob den weichen Kopf und sagte trotzig:
»Hast du nicht Feste gefeiert wie keiner der Chane? Lag die Steppe nicht tagelang voll wälzender Soldaten? Ist dein Frauenhaus nicht das größte?«
»Du wirfst mir vor. Gut. Rechnen wir ab.« Timur trat herabgebückt vor zu dem in den Hüften Schaukelnden: »Gut. Aber . . .« er zog den Mund zusammen, daß es eine Falte gab und durch den gedämpften Ton ein gepreßtes Keuchen aus dem Innern stieg:
». . . ich habe sie verdient. Erworben. Glaubst du, sie haben mich nichts gekostet wie dich? Glaubst du an die Abenteuer des Geistes, Kampf der Seele? Weißt du um Prüfung? Und Überwindungen . . . Weißt du, über welche Zacken der Qual erst eine Tat entsteht? Ich kann kein Blut sehen, aber ich muß es vergießen, um daran zu steigen wie keiner.«
Erschrocken vor dieser heiseren und verächtlich geballten Stimme warf sich der Jüngling hin und flehte, aufgelöst, daß er nicht verbannt werde in die Wüste Cipribet, wo Timur die gefallenen Emire sammelte. Sein ängstliches Kinderauge lauerte.
Timur kniff die Augen zusammen und sah Augenblicke lang auf den Sohn.
Dann öffnete er das Zelttuch und sagte: