Part 7
Er trug den Kopf barhaupt, lange Haare.
Nach der Jagd, in dem Haus gelagert, sagte Yakou einmal an den Fingern die Gebiete her, die sie in den Jahren unterwarfen, es machte ihm Mühe, die Hände reichten nicht aus.
Timur sagte: »Was ist es . . .« und zog mit Stutenmilch einen kleinen Kreis auf den Tisch.
Dann nahm er Yakou mit in das Nebengemach. Sie blieben den Abend bis zur Nacht. Später rief Yakou heraus, daß sie Guines hereinführten; er erschien, aus dem Schlaf gerissen, mit verklebten Augen und halb angekleidet und warf sich auf die Knie, aber Timur winkte nur nach oben und grüßte ihn. Guines schrieb die ganze Nacht. Yakou bewunderte es kauernd daneben und fraß die Nägel seiner Hand.
Timur änderte das Heer, vertauschte, warf weg und ernannte. In der Nacht noch schlugen sie Pflöcke ein. Tausend Unterführer wurden in die Sonne hinein gepflockt. Der Fürst von Tanais erhielt eigene Korps, einfache Tataren rückten an den ersten Platz. Die Reiter erhielten Kumis und waren berauscht am Abend vom Anfang der Stadtgärten bis wo das Auge das Ende der Ebene faßte.
Feuer umbrannten den ganzen Nachthimmel.
Timur hielt Abrechnung über zehn Jahre. Schuldige wie von Blitzen gefaßt entleibten sich selbst. Ihm war nichts unbekannt, der ihre Lager geteilt hatte. Kam er nahe an unbesichtigte Geschwader, wälzten sich einzelne heraus, auf dem Bauch Verzeihung erbittend, den Mund voll Anklagen. Er hatte nur _einen_ Wink.
Monate hindurch ordneten die Führer. Timur schickte einen Vortrupp gegen die Grenzen. Er blieb einen Monat länger als ein halbes Jahr, das er ihm gesetzt. Der Führer sagte: »Wir konnten nicht rascher als der Wind.« Timur griff in den Bauch ihrer Pferde, fühlte Fett zwischen zwei Fingern und ließ sie enthaupten.
Dann zog er gegen Moscow.
Tatarenheere tauchten wieder in die Steppen, der Chan unter ihnen, sie wußten es und sagten es den Pferden in die Ohren. Das Heer der Moscower war dreimal größer wie das der Tataren, sie schrien schon aus der Entfernung. Der Fürst von Tanais zog einen Bogen nach rückwärts ab, als es noch dunkelte. Am Morgen stand die Sonne an einem geschweiften Hügel, an den die Feinde sich lehnten.
Brüllend rückten sie vor. Yakou warf ihnen zwei Flügel entgegen und trennte ein Teil. Dazwischen brauste Timur, eine silberhelle Wolke lag zwischen den Massen, sie erkannten ihre Flügel nicht mehr. Ungarische Reiter der Moscower durchbrachen die Mitte und gingen in eine Falle Axallas.
Da brach ein weißer Glanz auf dem Hügel auf. Der Fürst von Tanais bohrte in die Seite sich mit zwanzigtausend Rossen. Die Moscower bliesen stählerne Drommeten. Die Flitschpfeile der Tataren sausten in die Leiber ihrer Pferde wie in Faschinenkörbe. Klatschend spickten sie die hellen Bäuche.
Die weiße Flut vom Hügel schoß tiefer in die Masse. Durch die Wolke brach Timur zurück, die nackten Säbel zerhieben die Flanke der Brüllenden. Die Ebene dampfte in dickem Rot. Tataren nahmen die Säbel in die linke Hand und schlugen. Ein junger Sohn Yakous rief vorbeifliegend, tagelang müßten sie Scharten aus den Säbeln schleifen. Timur sah zu.
Axalla wälzte einen Haufen Gefangener heran.
Er zog einen Bogen mit der Hand: »Sklaven«.
Timur schüttelte den Kopf:
»Du hast zuviel jüdisches Blut, Axalla.«
Axalla warf sich nieder, eine Falte des Zorns in der Stirn. Timur gab das Zeichen, sie zu schlachten, zwanzigtausend. Er nahm Axallas Bogen und schoß nach einem Moscowerfürsten. Der Pfeil flog in seine Hüfte, sein Pferd machte einen Satz, er sprang fallend vor und zusammenbrechend, eine Hand auf dem Boden, die andere drohend mit dem Kopf gehoben, krisch er:
»Blutiger Hund« . . .
Timur bewegte sich nicht, zielte in seinen Hals und warf ihn mit dem Schuß um sich selbst.
Dann zog er die linke Braue ein wenig hoch wie im Lächeln.
Sie schlachteten stundenlang des Abends.
In der Frühe ging Yakous Sohn leuchtend aus Timurs Zelt, sprang auf sein Roß und jagte los. Hinter ihm, daß sie die Spitze seiner Mütze über den Staub noch sahen, ritten zweihundert Tataren. Sie ritten über den flachen Hügel, der sich aus dem Kampfplatz in den Horizont stieß, und über ihn hinaus in Tag und Nacht. Fünf Monate trabend kamen sie an die Vorhuten Chinas. Beobachtet stündlich erreichten sie wenige Wochen darauf Juen-min-Juen.
Sie nächteten drei Tage, bis ein geschminkter schwarzer Eunuch sie in den Palast führte, ein Zelt mit unendlichen Gemächern, größer als Samarkand.
Yakous Sohn, Zeinabdeddin, trat, geleitet von zwanzig Führern, in einen Saal. Durch ein Spalier fettschenkliger Eunuchen glitten sie in den Garten. Der Hof stand um einen Pavillon aus Gold. Gedämpfte Musik, feierlich, und entfernte Glocken schwollen an. Diener sprangen erregt umher. Der König stand hinter einem Schirm.
Plötzlich stoben alle Musikanten in die höchste Harmonie ihrer Instrumente, der Hof lag gefällt auf dem Bauch, über erstarrte Leiber stieg Yakous Sohn, stieg, beugte ein Knie am Thron und empfing das Friedenszeichen, ein Ju-schi in weißlichem Serpentinstein mit geritzten Emblemen.
Da schlug sich Yakous Sohn auf die Schenkel und drehte sich um sich selbst vor Lachen. Die Tassen mit Milch und Eiswasser klirrten in den Händen der Chinesen. Ihre Augen klotzten dick und rund.
»Timur Chan fordert von dir die Provinzen Pazanfu und Paquinfu. Aber außerdem Pässe am Fluß Tachij.« Zeinabdeddin grinste und wiegte, auf einem Fuß hüpfend, das Ju-schi auf der Hand.
Der König verlor keinen Strahl Würde aus seinem Gesicht. Er ließ die vor Schreck eingehakte Musik ausklingen und ließ dem Sohn Yakous, indem ein Diener ihm Tee einschenkte, sagen, nur Güte sei es gewesen, daß er seither das kleine Reisgericht des tatarischen Reiches nicht zu seiner Tafel gezogen.
Zeinabdeddin begann zu schreien und ungeberdig wie ein Ochs die eroberten Gebiete auszurufen, aber der Schirm schob sich zwischen ihn und den König.
Sie trabten zurück, verließen verbundenen Auges die Grenze. Ein Jahr und drei Monate nach dem Ausritt erreichten sie Timur. Die Rippen blähten sich aus den Pferdeweichen.
»Sind es die gleichen Pferde?« fragte Timur.
»Die gleichen,« sagte Zeinabdeddin.
Timur ließ sich eine Fontäne bauen von gefangenen persischen Künstlern. Die Abende wanderte er in großen Kreisen um den Auf- und Niederfall des Wassers. Er ging darauf zu, streckte die Hand aus und zog den Kopf rasch zurück zwischen die Schultern.
Im Frühjahr schwanden dann alle Zelte. Der Horizont besternte sich mit fliegenden Punkten. Sie schwollen zu Lawinen, stürzten zusammen, sie trabten, die Ebene hallte unter ihnen. Sie stiegen hoch und sammelten sich aus Westen in der Wüste Ergimul. Im Osten wirbelte das zweite Geschwader, breite Schenkel bogen sich um klopfende Bäuche. Pferdehälse strotzten von jagendem Blut. Sie hatten den Wind im Rücken und schwiegen. Sie stauten sich in den Hordas von Baschir.
Zwei ungeheure Halbkreise brausten, Pferde mit kleinen Tataren, bartlos, Bogen über den Rücken, über das asiatische Tiefland nach China. Ihre runden Schwerter blitzten in der Sonne. Sie wälzten die Steppen blank. Die Weiber auf den Sätteln, schienen sie, zweiköpfig in der Dämmerung reitend, gegliedert bis ins Unsichtbare. Ihre Gäule wuchsen mit wiehernden Hälsen in den Himmel hinein.
Über gelben glühenden Sand trabten sie und warfen sich gegen die chinesische Mauer, die nackt und weiß vor dem Horizont hinstrich. Vierzigtausend schlugen einen Haken, nahmen verborgene Pässe und stürmten in chinesische Rücken. Vor den Angreifern glühte die Mauer vor Sonne, die Hufe der kleinbeinigen Pferde schmolzen. Die Mauer fiel gespickt von Pfeilen. Ein Mandarin, auf die Mauerreste tretend, flog, zerfetzt von Flitschpfeilen, so zerrissen in die Luft, daß kein Rest des Körpers übrigblieb. Über die Mauer rennend, durchschwammen sie einen Strom und rieben die anziehenden Heere auf in einem heißen Tag.
Die Nacht ritt Timur von seinem Zelt los. Ein Reiter Axallas fragte, ob er den gefangenen König haben wolle, »es hat Zeit,« sagte Timur und ritt. Es war eine Nacht voll Hitze, und die Körper faulten schon auf der Sandsteppe. Der Mond fehlte.
Über den weithin getürmten Leichen in farbenen Seiden wogte eine Helligkeit wie Gas, ein grünliches Weben, das sich zäh an den Boden klammerte, als ob es nicht sich heben könne. »Ihre unreinen Seelen stinken in den Himmel,« sagte Zeinabdeddin, aber Timur entgegnete nicht.
Sein Auge trat groß und opalig, stumpf wie eines Schauspielers, aus der Wölbung, und es schien, als tanze ihm gehorchend die Landschaft auf diesem halben Bogen und der mit Gestirn dünn übergossene Horizont.
Die Klammer der linken Hand, mit der er die Bogensehnen spannte, hing verdorrt um einen Zügel gehakt.
Sie ritten über einen Bach, da bildeten sich Umrisse aus dem Dunkel heraus, ein Flimmern traf ihr Auge von eingelegten Muscheln und Metallen. Wagen stieß an Wagen, die ganze Nacht stand voll zusammengefahrener Wagen. Tatarische Wachen, die die Karrenburg umkreisten, brachen jeden Augenblick vorüber. Sie ritten näher an den Platz und trabten hinein.
Drinnen hingen Papierlaternen an vielen Schnüren, in bronzenen Krügen standen Flammen, die steil brannten und Duft ausstreuten.
In grellen Farben mit Skorpionen gezeichneter Seide standen, in fünf Kreise geteilt, auf dem Rasen die fünf Frauenlager des Königs, in der Mitte jedes Trupps eine Königin. An einen Ast gelehnt stand Axalla träumerisch mit halb geschlossenen Augen und wachte, daß kein Mann Timurs beste Beute packte.
Timur ließ sich die Lieblingsfrau zeigen.
Er schleifte ein Bein nach, die Hüften wiegend in torklem Reitergang, schritt er dicht vor sie, »du heißt?« fauchte er.
»Miser Ulek,« sagte sie und fiel nicht nieder.
Er ließ seinen Kopf bis auf die Berührung der Haut vor den ihrigen schweben. Sein Geruch strömte über sie. Ihre Augenlider bebten ein wenig, aber die grauen Augen hielten sich steif und furchtlos in den seinen.
»Du hast den König getrieben zu dem Zug gegen mich.«
Sie fletschte die Zähne.
Laut stieß ihr Timur ins Gesicht »warum . . .«, aber, nicht zitternd vor dem Rollen, gab sie zurück: »Er sollte herrschen über dich«.
Sie hielt mit taumelndem Hirn in seinem Gestank. Auf ihren roten Lippen tanzten kleine weiße Blasen, sie legte den Kopf schräg.
Er sah auf sie. Ihre Augen stachen hell vor Haß.
Er ließ ihren Blick steigen. Eine Weile wartete er. Dann sagte er: »Dein Lager kann in mein Frauenhaus geführt werden. Ich nehme dich als fünfte große Frau. Du sollst später die Residenz dieser neuen Provinz haben.«
Er winkte nach der Seite, wo eine Kolonne sich schon formte. Sie stand ruhig, während ihr Blick in dunklem Schatten einfror. Dann warf sie die Hände hoch, stieß die Arme in den Himmel und sank mit einem Schrei, das Haupt zurück, auf seine Füße und biß sie vor Lust.
Weggehend ritt sie mit schmalen weichen Hüften davon, sie war eine Kurdistane von kleinem Fuß.
Timurs Auge wölbte sich in die Braue zurück. Sie ritten über das Schlachtfeld, Tataren huschten durch die gasige Luft, nahmen das Gold und rissen die Ringe aus den Ohren.
Gegen Morgen kamen sie an das Zelt.
Timur schlief jedoch nicht.
Nach einer Stunde öffneten Hände außen den inneren Vorhang, der chinesische König trat langsam zwei Schritte in den Raum. Timur stand, aufgestanden, ihm gegenüber. Sie schwiegen eine Zeit. Dann senkte der Gefangene das Gesicht, schaute zu Boden und erhob es wieder.
Timurs Gesicht ballte sich nach innen zusammen, als der andere begann:
»Im Umschwung der sieben Planeten habe ich siebenmal den Zyklus von zwölf Jahren durchlaufen . . .«
Timur deutete auf den Pfühl.
Der König schüttelte den Kopf:
». . . ich war der glücklichste König. Ich hatte jeden Erfolg. Ich hatte Ruhe. Du scheinst glücklicher als ich.«
Einen Augenblick zuckte Timurs graues Gesicht. Zwischen dem Zuschlag der Lider verschwand der schmale Schlitz des betroffenen Auges. Dann quollen die Äpfel breit aus den Höhlen und stierten in Nichtbegrenztes:
»Ich habe keine Ruhe. Du irrst. Es hängen so viele Dinge an mir, die ich zusammenraffte, daß sie schon in meinem Schlaf sich lösen. Sie fallen auseinander, wenn ich nur erkranke. Nur ich bin das Gegengewicht. Es ist mehr Qual als du ahnst, kleiner König.«
Timur beugte sich ein wenig nieder und sah auf den Mann, der ihm gegenüberstand. Er hatte eine Habichtsnase und einen dunklen Blick, verwöhnt von Frauen und trotzig auf seine Jahre.
Der König trat mit dem Fuß zurück, hob den Kopf und sagte wie in die Stille redend:
»Ich ließ in zweihundert Städten Priester um die Feuer der Sonne gehen und kupferne Pauken schlagen, daß ich siege. Ich tat es nicht.«
Er trat nun, das Gesicht umändernd, wieder vor und sah lächelnd zu Timur: »Was beweist es?«
Und: »Was beweist es . . .?« warf dieser ihm in den Mund zurück.
»Nichts für dich,« sagte der König, auf jedem Wort ruhend, »aber zwei Dinge: Daß dein Sieg ein Irrtum ist und falsch -- oder daß die Bestimmung des Gottes in mir ist, daß ich mich neige zur Prüfung.«
Da hub Timur den Arm zum erstenmal und brüllte: »Nein. Schwächling.« Seine Stimme rollte durch das Zelt, daß die Vorhänge flogen.
Der König aber hob stumm fragend sein ruhiges Gesicht.
Dann sagte er: »Du leidest unter deinem Tun. Warum?«
Timur antwortete kalt, die größte Dienstbarkeit, die so hohe Häupter wie er mit Gott hätten, sei, daß kein Ende ihrer Ehre sei. Was er tue und handle, borge er von Gott. Gott sei in seinem Anfang und Ende, denn es sei seine Bestimmung, in so großen Kriegen zu sein.
»Woher weißt du das?«
Da aber lachte Timur rauh wie ein Wolf, und das Blut stürzte in sein Gesicht, daß es strahlte durch die Dämmerung des Zeltes:
»Wo ist der, der den Gegenbeweis aushielte.«
Nun senkte der König den Kopf. Er stand zitternd. Bleich.
Dann fragte er: »Wer bist du, der du so hoch dich türmst?«
»Mehr als du, der du so vieles für mich angehäuft hast.«
Auch sein Körper leuchtete nun. Er trug den einfachen Reiteranzug seiner Krieger, aber ein Glänzen brach von den Rändern aus, breit und scharf.
Ein Beben überlief den König kurz.
Dann neigte er das Knie. Und indem ein langsames Besinnen in Pausen auf die Oberfläche seiner Augen zurückkam, bat er, daß er in seinem Muschelwagen die weite Reise fahren dürfe, denn die Last der durchlebten Jahre drücke auf seine Brust.
Timur nickte kurz.
Es war der mächtigste König an Gewalt hier vor ihm, fleischigen Körpers noch in diesem Alter, der die Jugendstärke des berühmten Bogenspanners zeigte, er lächelte und hob ihn auf.
Da trat der König an ihn heran, stieg auf die Spitzen der Schuhe und küßte ihn auf den Mund.
Umwendend stand sein Rücken der Tür zugewendet. Seine linke Hand faßte die Portiere, sie zu öffnen.
»Vergiß nicht, was es heißt, daß ich mehr zu dir sprach als je einem Menschen,« sagte Timur verhalten.
Über die Schulter lächelnd antwortete der König: »Fürchte nicht, daß der Gott, der in mir so lange lebte, seine Bestimmung im Stich läßt.«
Da hob sich der Vorhang, und die im Morgen aufgekommene Sichel des halben Mondes hing vor ihnen.
Während er unter ihr dem Wagen zuschritt, kam ein Zug Frauen aus Osten an. Timur sah nicht nach ihnen, wandte den Kopf nach der Seite, und wie seine Blicke zwei Tataren trafen, sprangen sie hinter den schreitenden König und zerhieben ihn.
Der Zug der Frauen aber stieß an die Ecke des Zeltes, ein Kamel kniete nieder. Reiter sprengten danach durch die Fülle der Frauen hindurch. Aus den zweihundert aber lief eine heraus. Sie stellte die Arme zur Seite, bog die Hände aufrecht, trat weiter heraus, die Augen geschlossen, und hatte die trübe Sonne über dem Gesicht. So schritt sie führerlos über den Leichnam, ohne zu fallen. Ihr Fuß netzte kein Blut. Sie ging bis zu Timur, hielt eine Weile, öffnete den Mund mit einem leisen Ton und rief dann:
»Ich hindere dich weiterzugehen. Es ist genug.« So blieb sie stehen, zunen Gesichts. Sie war eine Chinesin. Timur befahl, sie nicht niederzuschlagen.
Von dem Kamel glitt Miser Ulek. Sie deutete auf den Zerhackten: »Die Krone des Glücks fiel von seinem Haupt.« Sie legte die Hände rund aneinander und preßte ihre linke Brust. Den Kopf frei zurückwerfend sah sie auf die Chinesin, deren gebrochener Blick sie nicht empfand.
Timur sah den Blick, der zerstörte, auf was er traf.
Er maß die beiden einige Zeit.
Dann schob ein Wink sie weiter, der Zug rollte davon.
Am Abend ließ er seine Lieblingstochter, mit der er schlief, zu dem Haus seiner weiblichen Kinder zurückkehren und überließ ihren Pfühl Miser Ulek.
Eine grüne Wolke hüllte das Heer ein zehn Tage, bis sie geteilt hatten. Rudel wilder Tiere durchmaßen die Ebenen von dem Gebirge her und fraßen in Orgien. Pferde starben an der Pest hin, und Tataren fielen in Haufen vor Hitze und Geruch der Fäulnis. Timur gab ihnen aus der Beute Gäule zum Schlachten, und sie fraßen rohes Pferdefleisch schmatzend vor Seligkeit, bis ihnen die Mägen platzten und sie würgend über die Toten fielen. Axalla und Yakou erhielten chinesische Prinzessinnen. Die Frauenhäuser wogten überschwemmt von Stoff, Seiden, Rubin und Zelten mit goldenen Stangen.
Den Tag, ehe sie ritten, hielten sie ein Gelage. Timur gab den Befehl eines Emirschulbaus in Petsche-li, daß in ihr Hirn anderes als Gaulgeruch steige. Guines stellte die Konstellation der Sterne. Einmal erhob sich der Fürst von Tanais, deutete auf den Tonkünstler Ssasijeddin Abdulmumenin und sagte: »Nimm die Leitung, Ssasijeddin.« Da erhob sich Timur und verwies es ihm, auch wenn er den Namen des großen Kalifen trage, zu dem außerordentlichen Mann nur mit dem Vornamen zu reden. Und schenkte dem Künstler einen Ring.
An der Quelle Baldschuma betrat Timur das Zelt der Chinesin. Ihr klarer Blick fiel auf ihn. Er wies auf eine fränkische Dogge und gab ihr sie zum Geschenk. Er fragte nach ihrem Stamm. Jedoch sie vermochte nicht zu antworten.
Sie sah ihn mit feuchten porzellanenen Augen an. Da verließ er sie. Sie ritten weiter.
In einer Gewitternacht ließ Miser Ulek der Chinesin Tee reichen, aber dieser entfiel die Tasse. Sie sah lächelnd zu Miser Ulek: »Gift.« Da weinte Miser Ulek, umarmte sie und stach ihr ein Messer in die Seite. Doch es blieb in der Haut. Timur befahl, die Chinesin aus dem Haus Miser Uleks zu nehmen und in das seiner Töchter zu führen.
Sie ritten durch Monate. Sengende Sonne wirbelte ihnen Staub in die Gesichter, sie stachen durch Schnee, bis sie das achte Paradies erreichten: Samarkand leuchtete aus den Gärten. In der Ebene von Kjanegül erbaute Timur einen Palast in der Mitte des Fundorts der Rosen. Künstler aus Bagdad übermalten die Wände. Der Hof stieg in Marmor und Talkstein, Schwibbogen leuchteten Sprüche des Korans, die Türen brüllten vor Erz. Glockentürme wuchsen aus den Ecken. Er baute einen Windfang und einen unterirdischen Saal.
Er gab ihn der fünften seiner großen Frauen Miser Ulek und den zweihundert Beischläferinnen hinter ihr.
In der Nacht schreckte ein Traum ihm die Chinesin ab, und er schenkte sie an das Frauenhaus Zeinabdeddins.
Er selbst wohnte in dem dunklen festen Haus mit dem fußtiefen Graben. Abends wie ein Panther zog er in großen Kreisen um den Auf- und Niederfall seiner Fontäne. Er ging darauf zu, streckte die Hand aus und zog den Kopf zurück zwischen die Schultern . . .
Gekitzelt vom Lachkrampf schlug eines Tags ein zirkassischer Fürst zwei Leuten Timurs, die raubten, die Köpfe ab. Timur ließ ein Heer aufstehen.
Vor dem Aufbruch gab er eine Jagd.
Jagdleoparden in Satin und Coliers glitten in die Ebene bis hinter den See. Dort witterten sie, stießen die Nasen zum Boden und stoben in den Wald. In der Einbruchecke sah er ein Weib vorbeistreichen. Timur hetzte den Leoparden, doch der legte sich nieder, daß Timur wütend ihm einen Pfeil ins Kreuz schoß, er wendete und schnitt sie ab. Er stellte sie mit dem Pferd, das bäumte. Sie hob sich gleitend, warf die Arme auf und erstarrte. Die Pupillen erloschen. Geschlossenen Auges, grau im Gesicht, sagte sie: »Betritt den Boden der Ruhe. Es ist genug.«
Timur spannte den Bogen auf sie.
Sie sah ihn an: »Ich warne zweimal.« Er schüttelte sich in kaltem Gelächter.
Es war die Chinesin. Sie schwang sich auf einen Zweig; wie ein Silberaffe sitzend, sagte sie in halbem Ton: »Du fällst noch heut in Unglück an einer weißen Stute.« Timur hielt einen Herzschlag lang ein im Besinnen. Dann sagte er:
»Geh zurück in das Haus meiner Töchter.«
Auf der Spur ritt er durch einen Tümpel, von einem Ast zischte ein brauner Klumpen, ein gelber Rachen biß sich in die Kehle des Gauls, der schrie.
Timur konnte den Bogen in der Nähe nicht spannen. Da erschien Yakous Sohn. Timur sah ihn lange an, während er deutlich zielend die Sehne anzog, der Pfeil riß dem Tiger das Auge heraus, glitt ab und fuhr streifend durch Timurs Schläfe. Brüllend sprang der Chan ab, daß der Wald erzitterte, griff in den fetten Pelz der Katze über den Hinterbeinen, wirbelte und schlug sie auf die Erde mit einem Aufschwung, daß ihr zuckend der Kopf sprang. Dann sah er sich nach Zeinabdeddin um. Er ritt ein weißes Pferd, sprang ab. »Es ist nicht deine Schuld,« sagte er zu dem auf dem Boden sich Windenden: »Du bist bewährt.«
Aber er gab ihm am Abend dennoch in seinem Zelt eine Mission nach China, die ihn Jahre entfernte.
Dann holte er die Chinesin. Er ließ ihr Stutenmilch reichen und hockte sich zu ihr, ein Brettspiel auf den Knien. Als sie gut anzog, sagte er von dem geviereckten Holz kurz aufblickend: »Komme wieder.« Sie kam mit jungen Hunden, die die Dogge geworfen. Sie klammten auf dem Körper des liegenden Chans und leckten ihm den Bart. Er lachte und, mit ihnen spielend, zerdrückte er eines aus Ungeschick, da hob sich die alte Dogge gegen ihn. Er achtete sie nicht, sondern wandte den Kopf gegen die Chinesin:
»Wie lange hast du das zweite Gesicht?«
»Immer.«
»Du sagtest dem chinesischen König das nun Eingetretene?«
Sie nickte.
»Miser Ulek sprach dagegen?«
»Sprach dagegen.«
Timur sah leuchtend auf sie. Sie wirbelte wie ein Staub in seinem Blick. Dann röteten sich ihm die Augäpfel und wölbten sich. Er stand auf, seine Stimme dröhnte, daß die Hunde winselten, doch sprach er nicht laut: »Warum warnst du mich?«
»Ich muß.«
Er schüttelte den Kopf, aber er schlug sie nicht damit nieder.
Sie erhob sich. Fest, leise sagte sie stärker wie sein Dröhnen: »Ich muß. Es ist genug. Nimm Ruhe. Ziehe nicht,« und langsam weinten ihre Augen über die Wangen.
»Nein,« sagte Timur und sandte sie hinaus. Sofort ließ er Guines holen. Der nahm die Konstellation des Gestirns, zitterte und warnte vor neuem Zug.
Timur saß drei Wochen in seinem Zelt, kalkigen Auges, ohne Ton. Sein Kopf glühte stärker als eine Fackel aus den Spalten in der Dunkelheit. Sein Hirn wütete wie ein Stier. Dann machte er einen Ruck und brach auf.
Am Tage, wo er den Befehl gab, stürzte Miser Ulek erglühend auf seinen Pfühl, und er nahm sie mit.
Die Vorhut wurde in einem Tal, durch falsche Führer im Kreis geleitet, zusammengehauen. Timur, getrennt, erschossen sie zwei Pferde; mit der Frau auf dem Sattel erstürmte er einen Paß. Den Lederwams gespickt mit Eisenspitzen, entkam er wie eine wilde Sau stiebend.
Er sagte, als Miser Ulek vom Pferd sprang: »Du siegtest wieder nicht.« Sie sah ihn kurz an, bekam Spott um den Mund und hängte sich mittags mit einer Schnur an das Fenster. Doch er schnitt sie ab. Unbewegt, fast lachend, so ruhig. »Es ist noch nicht das Ende,« sagte er.
Hinaustretend ließ er Führer köpfen, einen Schwarm Unterführer zerreißen, er schaute zu. Zurücktretend aus dem Dampf des Blutes, Kraft und Trotz aus der Grausamkeit in die zusammengezogene Brust gesogen, sah er auf die Frauenlager, demütigte kalt den Blick der Chinesin und unternahm zum zweitenmal den Zug.
Er gelang. Mit klarer Stirn, die Augen unmäßig herausgeschwollen, leitete Timur den Kampftag. In seiner Nähe hielt keiner. Es ging ein unsichtbarer Sturm um ihn. Die Achseln zusammengedrückt, den Körper vergrimmt, stieß er Willen aus sich, als kämpfe er mit einem unsichtbaren Feind.